Part 20
Das hatte gewirkt. Dafür konnte er sich schon das Vergnügen leisten, Vicki, sooft es anging, zu tätscheln und unters Kinn zu fassen. Das kostete auch nichts.
Vicki hatte Karlas prachtvolle weiße Konzerttoilette als Brautkleid bekommen. Der Goldbesatz war entfernt, und es schmiegte sich in keuschen Falten an Vickis füllige Formen.
Karla mochte es nicht mehr tragen. Zu lieblos waren die Blicke der Schwägerinnen darauf gefallen an jenem Abend, zu entsetzt war sie über die Ferne gewesen, die sie an jenem Abend zwischen sich und ihrem Manne gefühlt hatte, zu heiß hatte auch ihr Herz geschlagen, als Gaudlitz in flüchtig zarter Liebkosung mit den Fingern über den gleißenden Stoff gestrichen.
Vickis Augen leuchteten wie blaue Feldblumen nach einem Gußregen. Bodo Völkel sah gut aus in Frack und weißer Binde. Er sprach wenig und trank fast gar nicht. Aber wenn er lächelte, dann galt es Vicki.
Und das war doch etwas.
Karlas Bitten, ihr doch Schmerzchen an die See mitzugeben, hatten nichts gefruchtet.
„Du sollst dich erholen,“ sagte Altmann, „und es darf auch nicht viel kosten. Wenn ich dir das Kind mitgebe, erholst du dich nicht, und wenn Luise mitfährt, wird es zu teuer.“
Karla schlich bald um Schmerzchen herum wie eine Missetäterin, bald wich sie ihm aus, weil ihr das Herz zu wehe tat, wenn sie an die Trennung dachte und daran, daß sie dem Kinde nicht einmal ein bißchen Seeluft geben konnte. Nun, nächstes Jahr verdiente sie mehr ... Vicki brauchte sie dann vielleicht auch nicht ... Gastspiele waren in Aussicht ... vielleicht -- Wien ...
Sie hob das Kind zu sich herauf:
„Mein Herzschmerz, du ...“
Luise liebte Karlas leidenschaftliche Ausbrüche nicht. Ein Kind mußte mit ruhiger Strenge und gleichbleibender Freundlichkeit behandelt werden -- zumal ein so nervöses Kind wie Isolde.
Eines Morgens, zwei Tage vor ihrer Abreise, wurde für Frau Karla König ein großer, kunstlos gebundener Blumenstrauß abgegeben, mit einem Briefe. Der Brief war unterzeichnet: „Ihre Sie hochschätzende Alice Fürstin Reichenberg“. Karla wurden die Wangen rot und heiß. Es war doch schrecklich, daß sie sich nicht mal für die Dauer weniger Minuten abschließen konnte. In fliegender Eile las sie:
„Verehrteste Frau! Verzeihen Sie meine unbescheidene, nicht ganz übliche Bitte -- aber eine kleine Verstauchung, die ich mir beim Aussteigen aus dem Zuge geholt habe, fesselt mich an das Haus. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, und Ihnen meinen Besuch zugedacht. Würden Sie nun über äußere Förmlichkeit hinweg einer armen Kranken ein halbes Stündchen Gesellschaft leisten? Ich habe so viel Schönes von Ihrer lieben, herrlichen Stimme gehört und glaube, daß Sie auch ein lieber, einfacher Mensch sind, der eine erzwungene Formlosigkeit nicht übelnimmt. Wenn Sie kommen, dann nennen Sie dem Überbringer die Stunde, damit ich Ihnen den Wagen schicke, der Sie zu mir nach Wannsee herausbringt, wo ich abgestiegen bin. Darf ich mich bestimmt auf Sie freuen?
Ihre Sie hochschätzende
........“
Draußen wartete ein Diener.
„Sagen Sie ... Sagen Sie ... eine Empfehlung .. Wenn der Wagen heute nachmittag um vier Uhr hier sein kann, dann wird es mir ein Vergnügen sein ...“
Sie sprach abgerissen, wie nach eiligem Lauf.
Luise strich im Gang umher.
„Wer ist denn das?“
„Die Fürstin Reichenberg ... aus Wien ... mein Gott ... die Schwester vom Grafen Gaudlitz ...“
Sie hatte es eigentlich nicht sagen wollen, aber nun war es ihr herausgerutscht. Auch kein Unglück.
Luise ging zum Bruder ins Zimmer:
„Findest du das richtig, Ernst, eine Schwester vom Grafen Gaudlitz schickt nach Karla ... kennt sie gar nicht und schickt ihren Wagen, sie zu holen?“ ...
Altmann bemühte sich, ruhig zu scheinen.
„Ich werde nachher fragen, was das für eine Bewandtnis damit hat ... Laß nur -- ich werde nachher fragen. Kannst du mir die Kleine ein bißchen mitgeben, ich will eine halbe Stunde an die Luft ...?“
„Ja ... gleich.“
Luise war nicht ruhig. Schmerzchen fühlte es, wie kurz und hart Tante Lis’ Bewegungen waren. Tante Lis war böse ... es war gut, daß sie mit dem Papa ausging!
Altmann war dieser Ausgang nur ein Vorwand; er mußte die üble Laune niederdrücken, die Luisens Worte in ihm erweckt. Luise war zu schroff in ihren Ansichten. Er sah Karla gewiß nichts durch die Finger, aber eine gewisse Bewegungsfreiheit mußte er ihr lassen. Das verlangte ihr Beruf. Ihm lag auch nichts daran, überallhin mitzulaufen und im Schatten ihrer Erfolge zu stehen. Es kam vor, daß man „Herr König“ zu ihm sagte -- das paßte ihm nicht. Und er konnte auch nicht jeden anpöbeln, der in der Eile seinen Namen überhört oder vergessen hatte!
Die Schwestern hatten darum schon mehrfach darauf gedrungen, daß sie sich Karla Altmann nannte und auch so auf dem Zettel stand. Er wollte die Angelegenheit endlich mal ordnen. Erst schriftlich mit Karla und dann im Theater ... Schon des Kindes wegen.
Aber was den Besuch betraf ... so war es besser, er sagte vorläufig nichts. Es war noch immer Zeit, einzuschreiten, wenn sich die Dinge nicht nach seinem Wunsche entwickelten.
Altmann wurde vorsichtig. Das Behagen des eigenen Heims hielt ihn umsponnen. Er setzte eine gewisse Fülle an, war noch gemessener in seinen Bewegungen geworden, breiter in den Schultern. Wer ihn mit Schmerzchen an der Hand traf, mochte denken -- ein älterer Onkel. Auch seine Art war so. Er verargte es Luise eigentlich, daß sie den Finger auf wunde Stellen drückte. Er wollte gern in Frieden mit Karla leben, wollte das späte Glück, das das Schicksal ihm geschenkt hatte, nicht leichtsinnig untergraben.
Er kam nach Hause, als es höchste Zeit zum Essen war. Er sagte leichthin: „Ich hörte, du bist eingeladen .. bei einer Fürstin Reichenberg aus Wien? Sehr schön -- komm nur zum Abendbrot nach Hause ... nicht wahr ...“
„Aber selbstverständlich -- es ist ja nur ein kurzer Besuch. Die Fürstin wird mir vielleicht ein Gastspiel in Wien verschaffen ... das wäre doch was!“
Pünktlich um vier Uhr meldete die Hupe das Eintreffen des Wagens. Schmerzchen war mit Luise im Tiergarten. Karla ging zu ihrem Manne hinüber.
„Potztausend, hast du dich schön gemacht ...“
Es klang ein wenig ironisch. Sie wurde rot.
„Die Wiener Damen sollen ja so schrecklich elegant sein ...“
„Schon gut, liebes Kind, es war kein Vorwurf. Unterhalt’ dich gut. Um acht bist du dann wieder da.“
Anders wäre ein kleines Mädchen, das zu einer Freundin ginge, auch nicht entlassen worden. Aber Karla überhörte alles und verglich nichts. Sie hielt ihrem Manne die Wange hin, küßte ihn flüchtig auf die Stirn und lief beinahe hinaus. Ihr malvenfarbenes leichtes Seidenkleid bauschte sich im Zugwind, ließ das weiche Gefältel eines weißseidenen Unterrocks und den hohen Rüst ihrer hellbeschuhten Füße sehen. Eine Handvoll Nelken, die an ihrem Gürtel befestigt waren, strömten ihren starken, herben Duft aus.
Und der Duft blieb noch lange in dem Zimmer zurück -- so lange, daß Altmann sich umsah und es nicht begreifen konnte. Da erblickte er eine der dunkleren Nelken, ohne Stiel -- flach ausgebreitet mitten auf dem Teppich. Wie Blut sah es aus, das geronnen wäre.
Er hob die Blume auf, damit kein Fleck entstehe, wenn jemand darauf träte, und weil er nichts so haßte wie Unordnung. Er wollte sie in den Papierkorb werfen. Aber im letzten Augenblick besann er sich, zog das Schreibtischfach heraus und warf sie hinein -- hastig und verlegen.
Die Fürstin Reichenberg kam Karla im Garten entgegen, leicht gestützt auf einen weißen Stock mit kleinem Goldknauf. Sie trug ein ganz einfaches weißes Leinwandkleid mit einem großen, handgestickten Umlegekragen aus blauem Batist, der den Ansatz eines schlanken, sehr weißen Halses sehen ließ.
Sie hatte wundervolles mattblondes Haar, das in großen natürlichen Wellen tief über ihre hohe Stirn und die Ohren fiel. Ihr Gesicht war nicht eigentlich hübsch, aber aus den blauen Augen sprachen Güte und Klugheit. Sie streckte Karla von weitem eine sehr weiße, nervige Hand entgegen, deren vierten Finger nur ein einziger großer Perlenring zierte.
„Das ist aber lieb!“
Ihre Sprache hatte einen ganz leichten österreichischen Tonfall. Ihre Bewegungen waren rasch, zwanglos und von vollendeter Anmut.
Karla wollte sich über ihre Hand beugen. Die Fürstin entzog sie ihr lachend.
„Seh’ ich schon so alt aus? Nein, nein -- das wollen wir nicht einführen. Erlauben Sie, daß ich mich ein wenig auf Sie stütze -- mein Fuß will noch nicht recht ...“
„Stützen Sie sich, gnä .. Durchlaucht ... stimmt’s, Frau Fürstin?“
„Lassen wir’s bei ‚Fürstin‘ -- der Kürze wegen. Vielleicht kürzen wir das Verfahren noch mehr ab mit der Zeit ... wenn wir Sie erst in Wien haben, wie?“
Karlas Herz flog dieser blonden Frau im Sturm zu.
„Sie sind ein lieber Mensch, Frau Fürstin!“
Alice Reichenberg lachte leise.
„Das sagte mein Bruder auch oft. Brüder brauchen manchmal einen lieben Menschen als Schwester. Aber er ist selbst ein lieber Kerl. Hat er Ihnen nicht erzählt, daß ich durchaus zum Theater wollte? Sie können sich denken, was das für eine Empörung hier unter meinen Verwandten auslöste -- dabei ist ein Vetter von uns Intendant. Aber das ist etwas ganz anderes.“
Es klang noch eine leise, nachzitternde Erregung aus ihrer Stimme. Aber dann warf sie den Kopf zurück, und wieder trat das gewinnende, offene Lächeln auf ihre schmalen und doch kühn geschwungenen Lippen.
„Das liegt nun alles bald zehn Jahre zurück. Ich hab’ es wirklich verwunden und bin sehr glücklich mit meinem lieben Mann. Er ist zum Glück gerade so ein Kunstnarr wie ich, und wenn was Besonderes am Kunsthimmel auftaucht, dann kann man sicher sein, daß die Reichenbergs alles daransetzen, es nach Wien zu kriegen.“
Karla fühlte sich jetzt ganz wohl und frei mit der Durchlaucht. Nur das Herz schlug ihr immer noch ein bißchen unruhig, wenn sie plötzlich eine Ähnlichkeit in ihren Zügen, ihrem Lächeln, ihren Bewegungen mit Gaudlitz erkannte. Als erriete sie, was in Karla vorging, fragte sie gleich darauf, ganz unvermittelt: „Ja, finden Sie, daß wir uns ähnlich sehen, mein Bruder und ich? Dieselben Passionen haben wir jedenfalls. Art läßt nicht von Art ...
Bin ich Ihnen auch nicht zu schwer, nein? Ich dachte nur, daß es Ihnen lieb sein würde, den hübschen Garten zu sehen. Mein Bruder, zu dem ich mich auf acht Tage eingeladen habe, liebt diese Besitzung sehr, die sich seit nahezu hundert Jahren immer auf die mütterliche Linie vererbt hat. Wir erinnern uns noch, daß unsere Großmutter, wie eine Bäuerin gekleidet, jedes Jahr ein paar Wochen hier zubrachte. Unter diesen Bäumen habe ich meine ersten Kinderlieder gesungen ... Aber das langweilt Sie, liebe Frau König ...“
Das langweilte Karla garnicht. So vertraut wurde ihr auf einmal die große blonde Frau, und durch sie der Bruder.
Schön mußte es sein, den Fuß auf einen Boden zu setzen, der schon durch die Erinnerung geheiligt war, an teuere Verstorbene! Wenn der Papa ... es war schrecklich, auch nur daran zu denken ... aber wenn er starb -- was behielt sie von ihm? Ein paar welke Kränze und einen -- Schachtisch!
Unter einer blühenden Linde war der Tee gerichtet. Schwere weiße Spitzen fielen von dem runden Tisch herab. Altes, wundervoll gearbeitetes Silber glitzerte zwischen den Altberliner Tassen. Es waren nur zwei. Karla wurde rot über die Enttäuschung, die sie empfand, dann aber richteten ihre Augen sich wieder um so klarer und vertrauender auf die junge Frau. Alice verzichtete auf ihren Bruder nur, damit es nicht einmal den Anschein hätte, als wollte sie ihm Gelegenheit geben, Karla zu treffen ... Unbefangen und lebhaft plauderten die jungen Frauen.
Alice Reichenberg tippte da und dort vorsichtig an, bangend, Karla könnte sich eine Blöße geben. Wohl spürte sie das junge, unsichere Wissen, aber nirgends fand sie eine Geschmacklosigkeit oder oberflächliche Anmaßung. Die Fürstin nannte ein paar gute Bücher von jungen Dichtern, die einer neuen Richtung ihren Stempel aufdrückten. Karla hatte sie gelesen.
„Daß Sie dazu Zeit finden --!“
„Mein Schwager nimmt sich meiner an, und Zeit -- ach, Zeit habe ich mehr, als ich verwenden kann. Proben -- zwei- bis dreimal die Woche, Vorstellung, ein paar Wohltätigkeitskonzerte ...“
„Und gesellschaftlich?“
Karla lachte.
„Das ist nicht der Rede wert. Man muß wohl eingeführt sein, um sich gesellschaftlich zur Geltung zu bringen. Wer sollte das wohl tun, Frau Fürstin, in einer Stadt, wo man ... zu Hause ist!?“
Alice Reichenberg dachte sich, daß die Sängerin Karla König in Berlin eigentlich das Leben einer kleinen Beamtin führte. Probe -- Amt. Vorstellung -- Amt. Schluß. Pension. Wenn sich die Intendanz nicht durch vorzeitige Kündigung darum drückte! ...
Ob Karla sich das Haus ansehen wollte? Ihr Bruder hatte es im vorigen Jahr umbauen lassen.
Alice Reichenberg stützte sich kaum noch auf ihren Stock und gar nicht auf Karlas Arm. Die kleine Komödie war überflüssig. Karla war jetzt schon genug gezogen, um zu tun, als merke sie es nicht. Aber es fiel ihr schwer, ihr Entzücken über die Einrichtung in schicklichen Grenzen zu halten.
Im Musikzimmer standen zwei große Bechsteinflügel einander gegenüber. Statt der Stühle waren hier zwanglos bequeme Korbsessel aufgestellt, mit kleinen roten Rückenkissen. In den Ecken des großen Saales standen prachtvolle Marmorbüsten von Beethoven, Weber, Wagner und Brahms.
„Wenn ich im Winter herkomme, gibt’s hier immer ein paar nette Musikabende.“
Karlas Atem ging schwer.
„Schön muß es sich hier singen“, murmelte sie.
Alice Reichenberg lächelte.
„Wollen Sie versuchen? Ich begleite Sie ... was soll es sein?“
Alice Reichenberg begleitete sonst besser. Aber Karlas Stimme bewegte sie so tief, wühlte so sehr alles auf, was sie an Jugendträumen und Sehnsucht längst erstickt wähnte, daß sie Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie hätte mit geschlossenen Augen in einem der Korbstühle sitzen und sich von den machtvollen und doch so innigen Tönen in das ferne Traumland tragen lassen mögen, das Geburt und Stellung mit eisernen Toren vor ihr abgeschlossen hatten ...
Es lag eine süße, geheimnisvolle Urgewalt in dieser Stimme, die wie der kunstlos hinfließende Sang einer klaren Seele war. Hier in Berlin mochten sie Karla König anerkennen, ja sogar bewundern -- in Wien würden sie sie lieben! Nicht, weil sie dort mehr von Kunst verstanden -- dafür hatte auch Alice Reichenberg nur ein leises, ironisches Lächeln -- aber weil sie dort naiver waren, große Kinder, bereit, sich jedem Aufruhr ihrer leicht bewegten Sinne restlos hinzugeben. In Wien würden sie Karla König anbeten.
Der Türflügel zum Nebenraum hatte sich leise geöffnet und wieder geschlossen. Weder Karla noch Alice Reichenberg hatten es gemerkt.
Sehr ergriffen sahen sie einander in die Augen.
„Ich danke Ihnen“, sagte die junge Fürstin einfach.
„Wenn’s gut klingt, dann möchte ich immer die Luft küssen, die meine Stimme weiterträgt“, meinte Karla.
Und darauf lachten sie beide, und der Bann war gebrochen. In der offenen Halle standen einige Erfrischungen auf der Ecke eines sehr langen Bauerntisches. Karla schlug die Hände zusammen.
„Von dem Tisch werde ich träumen“, sagte sie und blinzelte mit den Augen.
„Warum?“ fragte Alice Reichenberg belustigt und mischte ihren Himbeersaft mit Soda.
Karla nickte sehr ernsthaft.
„Ja ... wenn ich einen langen Tisch sehe, dann stelle ich mir immer vor, wie schön das wäre, wenn ich da oben an der Schmalseite säße und an beiden langen Enden meine Kinder ... In Südamerika habe ich manchmal so geträumt, und heute nacht ... ja, ganz sicher, träume ich erst recht so ... aber ich glaube doch, das wäre bei diesem Tisch des Guten etwas zu viel“, schloß sie mit verlegenem Lachen.
„Sie haben nur ein kleines Mädchen?“
„Ja ... und Sie, Frau Fürstin?“
„Ich habe einen Sohn -- ein Angstkind!“
Ihre Hand, mit der sie Karla das Glas reichte, zitterte leise ...
Erst als Karla im Wagen saß, kam von irgendwoher Graf Gaudlitz an.
„Ich habe aber doch gehört, wie Sie gesungen haben“, und seine Augen lachten spitzbübisch.
„Wenn Ihre Frau Schwester keine gar so große Dame wäre -- wir könnten, glaube ich, Freundinnen werden“ -- sagte Karla.
„Die ‚große Dame‘ ist kein Hindernis, Karla König“, meinte Alice Reichenberg lächelnd.
„Nein? Wirklich nicht?“
Und ohne sich zu besinnen, beugte sie sich aus dem Wagen und küßte die Fürstin herzhaft auf beide Wangen.
„So. Das hat gut getan. Einmal einer lieben Frau einen Kuß geben!“
Alice Reichenberg winkte ihr nach.
„Auf Wiedersehen in Wien ...“
Gaudlitz sagte gar nichts. Nur den Strohhut hielt er weit ab von sich in der Hand -- solange er noch einen Zipfel ihres wehenden weißen Autoschleiers erblicken konnte. --
Der Himmel spannte sein flammendes Gold um sie herum, und goldener Schein brach zwischen den dunklen Föhren hindurch, die ihren Weg säumten wie eine stolze Ehrenwache ...
War das eine Heimfahrt! ...
Es gab ein Wiedersehen noch früher.
Eines Tages stand Gaudlitz vor ihr, während sie am Strande des kleinen Badeortes in ihrer selbstgeschaufelten Burg lag und die Lider ihr schläfrig über die Augen sanken.
Er beugte sich über sie, hob das Buch auf, das ihr aus der Hand geglitten war, flüsterte leise: „Karla König!“
Sie blinzelte ihn erst an, als könnte sie nicht glauben, daß er es sei, aber dann streckte sie ihm beide braungebrannten Hände entgegen.
„Wie kommen Sie hierher ... nein, wie kommen Sie her?“
Das war ganz einfach: er hatte ganz nahe von hier mit seiner Jacht gekreuzt, wollte rüber nach Kopenhagen und von da weiter hinauf bis nach Norwegen. Vorher hatte er sie noch einmal sehen, ein bißchen was von ihr und ihrer Stimme mitnehmen wollen.
Sie schüttelte den feinen Dünensand aus dem Haar, aus den Kleidern, ihre weißen Zähne blitzten aus dem frischen, wie mit einer braunen Patina bezogenen Gesicht hervor. Ihre Augen leuchteten. Ein tiefes, glückliches Lachen warf ihre Worte auseinander.
„Ist Ihre Frau Schwester mit? Nein ... das ist schade! So eine wunderliebe Frau ... Ich habe so viel an sie gedacht ... nein -- ich meine an Ihre Frau Schwester ... An Sie auch .. ja -- freilich -- ach Gott, nein, ist das herrlich, daß Sie da sind!“
Sie stapfte in ihrem kurzen Leinenrock an seiner Seite einher, zupfte die kleinen Mädchen, die ihr in den Weg liefen, an den Zöpfen, packte die Jungens am Schopf, lachte übermütig.
„Eben habe ich noch Trübsal geblasen, weil mein Schmerzchen nicht da ist, und jetzt ... Wissen Sie, Graf, wenn Sie da sind ... dann fällt plötzlich alles Schwere und Drückende von mir ab. Als brauchten Sie nur mit Ihrem Spazierstock so eins--zwei--drei durch die Luft zu streichen, und es käme mir alles angeflogen, was ich wünschte ...“
„Ich wollte, ich könnte Ihnen Ihr kleines Mädelchen herzaubern, liebe gnädige Frau ... aber leider konnte ich nichts anderes, als mich selbst plump vor Ihnen aufstellen und Sie vielleicht aus einem freundlichen Traum wecken ...“
Sie winkte ab.
„Nein, nein ... die Wirklichkeit ist schon ganz schön ... ganz ...“
Sie brach plötzlich ab, blieb stehen, sah sich schuldbewußt um.
„Nein, wie dumm ... jetzt sind wir ganz verkehrt gegangen ... ich wollte Sie doch zu mir führen. Sie sind mein Tischgast ... ja .. ja ... das verlange ich. Ich habe nie einen Tischgast gehabt -- so für mich, mein’ ich ... das lass’ ich mir nicht entgehen! Haben Sie keine Angst ... ich koche nicht selbst. Einfach ist es bei meiner Wirtin ... ganz lächerlich einfach, aber wir speisen in einer Laube, rund herum stehen Sonnenblumen, und statt eines Kellners bedient uns ein süßes Mädelchen, das Töchterchen meiner Wirtin.“
Gaudlitz hatte es wohl selten irgendwo so gut gemundet. Ein leichter Weißwein gab der Stimmung eine festliche Freudigkeit.
„Den Kaffee trinken wir bei mir an Bord. Wollen Sie? Ich rudere Sie hinüber. Oder fürchten Sie sich?“
„Ob ich mich fürchte? Mit Ihnen? Ich denke nicht daran! Ich fürchte nur die Einsamkeit oder Menschen, unter denen ich mich einsam fühle -- --“
Ein Schatten flog über ihr Gesicht. Sie mußte an Brasilien denken, an die Nordeni, mit ihrer fliegenden Angst ... mit ihrem grauenvollen Tod.
„Was ist Ihnen, Frau Karla?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Zu dumm ... mitten aus allem Schönen, allem Hellen und Freudigen heraus muß man manchmal an das Trübste und Schaurigste des Lebens denken ...“
Er nahm ihre Hand, in fast brüderlicher Anteilnahme.
„Was ist Ihnen das Trübste, darf ich es wissen?“
„Mir? ... Mir ist’s die Einsamkeit, das Alleinsein. Das Trübste und Schaurigste.“
Er zog ihre Hand an seine Lippen mit kurzem, festem Druck.
„Sie sind nicht allein und werden nie allein sein, liebste Frau Karla, nie -- solange ich ...“
Ihre Augen trafen sich, und der Satz blieb unvollendet. Karla stieg das Blut heiß in die Schläfen, und hastig entzog sie ihm ihre Hand.
Er sah auf die Uhr.
„In einer Stunde hole ich Sie ab, liebe gnädige Frau, darf ich?“
Sie nickte. Der Hals war ihr wie zugeschnürt. Wie gut war es von ihm, jetzt fortzugehen ... Sie hätte nicht gewußt, was sie ihm weiter hätte sagen sollen. Unheimlich war das, wie da plötzlich ein wildfremder Mensch einem innerlich so nahe rückte, daß man es kaum noch merkte, wenn die Hände einander berührten -- --!
Aber eine Stunde später hatte alle Spannung nachgelassen. Sie hatte ein Jackenkleid aus weißem Tuch an und eine rote Strohkappe, die ihr Haar fest umschloß.
Und sie sprachen auch nur noch von heiteren, harmlosen Dingen, von freundlichen Zukunftsplänen.
Es machte ihr Spaß, ihm zuzusehen, wie kräftig er mit den Rudern auslegte. Im grellen Sonnenlicht sah er nicht so jung aus wie damals bei der ersten Begegnung im Dämmer des Tiergartens oder im Abendlicht des Konzertsaales. Sie sagte es ihm. Da lachte er, und wieder blitzte es wie erste Jugend über sein jetzt gebräuntes Gesicht.
„Jugend ist Ausdruck“, sagt meine kluge Schwester Alice. „Sie, zum Beispiel, liebe Frau Karla, sehen manchmal aus, als wären Sie zwanzig Jahre alt, und das kaum!“
„Dabei bin ich bald dreißig ...“
„Das sagt man doch nicht! Hat ein Mensch je einen solchen Unverstand erlebt: eine Primadonna, die ihr Alter sagt?! Lassen Sie das nur in Wien nicht hören, Sie schrecklich aufrichtige Frau!“
Sie lachten nun beide, und er meinte:
„Ich freue mich, daß wir wenigstens in Einem recht nahe nebeneinanderstehen: ich bin dreiunddreißig.“
Ihr fiel ein, daß Altmann im Juni seinen fünfundvierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Sie lebte überhaupt unter viel älteren Menschen -- Luise war an die fünfzig, Adele siebenundvierzig ... der gute liebe Alwin schien noch weit älter, als er war ... Es tat gut, einmal mit jemand Gleichalterigem zusammenzusein!
Die Jacht erfüllte Karla mit staunendem Entzücken. Gaudlitz führte sie überall umher, von der Küche bis zu seiner Schlafkabine, die mit der ziemlich großen Salonkabine verbunden war. Fünf hübsche Gastkabinen, von denen zwei für Damen eingerichtet waren, lagen dicht nebeneinander. Die größte war in hellem Holz gehalten, mit Feldern aus altrosa Brokat. In gleicher Farbe und mit gleichem Stoff waren die Sessel und das Bett überzogen.
„Hier wohnt meine Schwester, wenn sie mitfährt. Ich hole sie übrigens mit Mann und Kind in Kopenhagen ab. Mein Schwager und der Junge erfreuen sich nicht der besten Gesundheit. Der Arzt besteht auf Höhen- und Seeluft in lieblicher Abwechslung. Der Junge ist immer todkrank auf dem Wasser, mein Schwager kann Feuchtigkeit nicht vertragen und leidet an der Bergkrankheit. Aber sonst ist alles in Ordnung. Meine arme Schwester hat’s auch nicht immer leicht ...“
Es sollte wie ein Trost klingen. Aber Karla merkte, daß ihm selbst die Jachtreisen auch nicht immer die reinste Freude bedeuteten.
Auf Deck stand der Kaffeetisch bereit.
„Ich habe den Kapitän dazu gebeten -- Sie haben doch nichts dagegen? .. Ein prachtvoller Kerl, der vielfach Schiffbruch gelitten hat und sich jetzt mir zur Verfügung stellt -- solange es ihm paßt.“
Karla mußte an Kapelle denken. Das war auch so einer gewesen.
„Das sind die Besten“, sagte sie mit tiefer Überzeugung.
Er blickte sie überrascht an.