Die Primadonna

Part 17

Chapter 173,646 wordsPublic domain

„Habe ich gemerkt, gnädige Frau. Das war keine Dressur ... Verzeihung -- dressieren sagt man wohl nicht ... ich meine, das war ... Wie ein Sturmvogel singen Sie.“

Er hatte es mit dem „Sturm“. Vicki kicherte in ihr Taschentuch hinein; Karlas Mundwinkel zuckten mutwillig. Sie brach ab.

„Komm, Schmerzchen ...“

„Verzeihung, gnädigste Frau ... Graf Gaudlitz ist mein Name ... Noch einmal mein ehrlichstes Bedauern, daß ich Ihr ... wie sagten doch gnädige Frau? ... daß ich Ihr ‚Schmerzchen‘ erschreckt habe ...“

„Mein Ball“, unterbrach Schmerzchen und blickte finster auf das Stück rotgrünen Gummi, das in den Sand eingestampft war.

„Richtig ... und Schmerzchens Ball ist auch durch meine Schuld --“

„Das macht nichts ... Guten Abend.“

Sie nickte kurz, lächelte flüchtig und zog das Kind mit sich fort.

Er sah ihr nach, wie sie mit sicheren Schritten geradeaus ging. Sah ihre mittelgroße, mollig schlanke Gestalt, den hübschen Umriß ihres runden Kopfes unter dem einfachen Hut, den hohen Rüst ihres derb und doch nicht unelegant bekleideten Fußes -- --

„Nette Frau“, murmelte er und drückte den Hut auf seinen blonden schrägen Scheitel. Dann ritt er weiter.

Karla ging eine Weile schweigend; dann fragte sie Vicki: „Woher kennst du den Herrn?“

„Ich traf ihn schon vor einer halben Stunde, als ich mit Bodo auf- und abging. Bodo kennt ihn, weil sein Baumeister eine Villa für ihn am Wannsee gebaut hat. Klotziges Geld soll der Mensch haben -- eine Segeljacht und einen Rennstall und Automobile und weiß Gott was!“

Karla ging rascher. Der frische Wind färbte ihre Wangen rosig -- --

Als Altmann drei Tage später in Karlas Garderobe kam, erblickte er ein großes Blumenkissen, in dessen Vertiefung ein bunter Kinderball lag.

„Nanu? ... Von wem ist denn das?“

Karla zeichnete sehr angelegentlich ihre zu hoch geratenen Brauen nach.

„Von einem Grafen Gaudlitz.“

Sie erzählte sehr schnell die kleine Begegnung im Tiergarten, und daß Gaudlitz seinen Stammplatz in der Oper hätte -- erster Rang, Eckplatz links. Auf dem Schminktisch lag seine Visitenkarte.

„Für Schmerzchen“, stand unter seinem Namen.

Altmann steckte die Karte ein.

„Dabei bleibt’s hoffentlich“, sagte er trocken.

Dann ging er in den Zuschauerraum und richtete sein Opernglas auf den ersten Rang.

Gaudlitz saß im Rauchjackett, mit schwarzem, breitem Schlips, auf seinem Platz. Als Karla die Bühne betrat, beugte er sich nicht vor. Nur ein breites Lächeln erhellte sein junges, blondes Gesicht.

Der letzte Nagel war in Karlas Wohnung eingeschlagen. Es sah alles ordentlich, entsetzlich neu und fertig aus.

Luise erklärte, man müßte die Geschwister mit Vicki zum Abendbrot laden, ebenso den Papa. Der Papa hatte mit an Ansehen gewonnen, seitdem Karla an der „Königlichen“ war. Und dann -- er hatte den Bechstein geschickt für das Musikzimmer!

Pauline hatte Spitzen für die Schlaf- und Kinderzimmer gehäkelt, soo -- -- breit! Sie meinte, „sie hätte ja Zeit gehabt in den drei Jahren!“

So brannten denn eines Abends überall die schwerfälligen Gaskronen. Das grelle Licht tat eigentlich den Augen weh, aber Adele war der Meinung, an diesem ersten Empfangsabend sollte nicht gespart werden. Der Papa konnte sich auf die Art auch besser von der Gediegenheit der Einrichtung überzeugen. Das war was anderes als sein Sammelsurium in der Schillstraße, mit den Staubfängern, in Form von Kränzen, Schleifen und Kinkerlitzchen. Das waren Möbel, von denen noch Isoldchens Kinder ihren Nutzen haben konnten! Die waren eben nicht in irgend einer der neumodischen Einrichtungsausstellungen gekauft, sondern in einem soliden, bewährten Geschäft in der alten Jakobstraße, wo man sicher war, daß die Holzarten echt waren und die Stoffe Ewigkeitsdauer hatten.

Mit Rücksicht auf Fritz hatte man den Sonnabend zu der Einweihungsfeier gewählt. Er und Vicki brachten Blumen. Adele schleppte eine Palme an, die neben dem Bechstein ihren Platz finden sollte, Alwin Maurer brachte eine Radierung von einem Beethovenkopf, die er nach vieler Mühe irgendwo aufgestöbert hatte. Adele lächelte nachsichtig.

„Der Bechstein und die Radierung sind mir das Liebste in der Wohnung“, sagte Karla und drückte dem Schwager warm die Hand.

Luise und Adele fingen gerade an, ungeduldig zu werden, als der Papa erschien -- in Frack und weißer Binde -- sehr feierlich, aber zierlich und behende selbst in diesem Aufzug. Er hielt eine einzige langstielige Rose in der Hand. Seine Nüstern schnupperten in der Luft herum, die nach frischer Politur und neuen Stoffen roch.

Aber er sagte gar nichts. Nur seine lebhaften blauen Augen umschatteten sich melancholisch. Er war froh, den Frack angelegt zu haben -- so würde Karla es ihm glauben, daß er noch etwas vorhatte, wenn er früher aufbrach.

Immerhin -- das Essen war vorzüglich. Darauf verstanden sich die Altmannschen Damen! Altmann selbst war ein würdevoller, liebenswürdiger Wirt. Man sah ihm die Freude an, die es ihm machte, Gäste an seinem Tische zu haben. Das versöhnte den Papa fast. Karla saß zwischen dem Papa und Alwin Maurer wie an einem Hoteltisch -- ohne jedes Verantwortungsgefühl. Aber sie freute sich, den Papa so elegant und jugendlich an ihrer Seite zu haben, und freute sich auch über den warmen Glanz in Alwin Maurers Augen.

Ein seit einiger Zeit recht quälendes Magenleiden zwang ihn, mäßig und mit Auswahl zu essen -- der Papa wiederum durfte nur nippen an dem Wein.

„Ihr Zwei zusammen macht nur einen Tischgast aus“, sagte Karla.

Sie sah wunderhübsch aus in einem ihrer hellen amerikanischen Kleider. Fritz verschlang sie mit den Augen. Vicki stieß ihn einmal an.

„Stier nicht so dämlich ...“

Fritz hätte ihr gern eine ’runtergehauen. Ekelhaft, diese Mädels! Nächstes Jahr war er Fähnrich -- in zwei Jahren Leutnant. Dann zählte er mit! Überhaupt kamen nur verheiratete Frauen für ihn in Betracht! In die verheiratete Schwester eines seiner Kameraden war er gerade „zum Totschießen“ verliebt! Aber Karla gefiel ihm noch besser ... vor allem, weil sie Künstlerin war ...

Man war noch bei Tisch, als es draußen klingelte und das Mädchen eine reichlich mit rotem Seidenpapier verzierte Azalee hereinbrachte. „Bodo Völkel, Architekt“, stand auf der Visitenkarte.

„Wer ist denn das schon wieder?“ fragte Altmann.

Karla wurde fast ebenso rot wie Vicki. Aber Vicki fand sich gleich zurecht. Als sie mit der Tante und Schmerzchen im Tiergarten gewesen, hätten sie den Herrn Völkel getroffen.

„Du weißt doch, Mama -- vom Architektenball .... Ich habe ihn der Tante vorgestellt ... Er hat Tante sehr gefallen ... nicht wahr?“

„Ja, ja“, schnitt Karla ab. „... Ich erinnere mich -- Bodo Völkel -- sehr netter Mensch -- ja ...“

Nach Tisch stöberte der Papa in der Visitenkartenschale herum. Sie war noch fast leer. Obenauf lag die Karte vom Grafen Gaudlitz.

„Wie kommt ihr zu dem?“ fragte er und klopfte mit dem Kärtchen auf den Daumennagel. „Wohl Schmerzchens Spezialfreund, wie ich sehe? ... Sie soll ihn sich warm halten, das kleine Fräulein .... Kein schlechter Geschmack! Ein scharmanter Kerl ... scharmant. Einer unserer ersten Sportsleute ... hat Preise über Preise, als Segler, Herrenreiter. Zudem Stammgast in der Oper ... die letzte Hoffnung unserer sich nicht verjüngenden ~Prima ballerina~! Kommt manchmal zu uns in den Schachklub ... spielt ... nicht gerade berühmt. Aber selbst Lasker hat sich mal mit ihm hingesetzt ... was tut man nicht für seinen Klub? ...“

Es klang alles ein bißchen ironisch, wie der Papa das so vorbrachte, mit seiner harten, tenoralen Stimme. Aber dabei hüpften seine stahlblauen Augen mit innigem Vergnügen über Altmanns große, sehr aufrechte Gestalt und streichelten Karla, mit einem stummen „ta ta ta, Kleine ... laß ihn nur ein bißchen zerspringen, deinen Mann ... schadet ihm garnichts ...!“

Luise hielt die Zuckerdose. Ihre Augen brannten unter den geraden Brauen. Der Bruder hätte die Karte des Grafen nicht aufzulegen brauchen -- das war ungeschickt. Aber daß Karla gar so stumm blieb, das erfüllte sie mit Unruhe. Schrecklich war doch das Theater! Wie auf dem Präsentierbrett stand Karla immerzu! Jeder, der nur wollte, durfte an sie heran und sein Heil versuchen, wenn’s ihn danach gelüstete ...

Adele griff mit spitzen Fingern in die Papierschleifen des Azaleentopfes. Aber es blieb immer nur die Karte „Bodo Völkel“, um ihre mütterliche Neugierde zu befriedigen. Architekt ... das klang nicht übel. Aber von einem Titel konnte man nicht leben. Sie winkte Vicki heran.

„Was ist das mit diesem Herrn? ...“

Vicki legte ihre Wange an den Arm der Mutter.

„Bodo will um mich anhalten, Mama ... und bat Tante, seine Fürsprecherin zu sein ... Tante wird uns helfen ... Tante ...“

„Dummes Zeug ... laß das Papa nicht hören!“

„Ich werde mit der Tante sprechen“, fügte sie hinzu und legte mit einem Blick auf ihren Mann den Finger an den Mund.

Adele war erregt, zu sehr mit sich und der nicht unmöglichen Veränderung ihrer Verhältnisse beschäftigt, um noch viel Anteil an dem allgemeinen Gespräch zu nehmen. Luise war ihrerseits in nicht sehr heitere Betrachtungen versunken, der Papa suchte nur nach einer schicklichen Minute, um das Weite zu suchen. Alwin Maurer paffte gedankenvoll an seiner Zigarre ... Der Arzt hatte ihm von der Möglichkeit einer kleinen Operation gesprochen ... immerhin Narkose. ~Dr.~ Maurers Herz war nicht sehr widerstandsfähig ... eine Gefahr war immer vorhanden. Es war schon besser, er schleppte sich mit seinem Leiden weiter, solange es ging, als daß er Frau und Kinder unversorgt zurückließ. Um Fritz brauchte er sich zwar keine Gedanken zu machen, aber Vicki -- -- Adele -- --! Sollten sie, wenn es schief ging, auch wieder Karla zur Last fallen? ...

Er hatte Karla beobachtet in diesen letzten Wochen ... So unbekümmert war sie nicht wie früher, so urgesund. Um ihre Lippen zuckte es manchmal ganz eigen -- sie fuhr zusammen, wenn man unvermutet das Wort an sie richtete, und in ihren Augen blitzte es manchmal schreckhaft auf, wenn von Brasilien die Rede war ... Er hatte auch ihr Gesicht gesehen, während der Papa vom Grafen Gaudlitz erzählte ... ein ganz anderes Gesicht war es gewesen, als er es sonst an ihr kannte ... Und es hatte ihn wehmütig gestimmt. Mochten die Altmannschen Damen auch das Bollwerk von Familienleben, Dauermöbeln und bürgerlicher Gemeinsamkeit um sie herum aufrichten -- ihr Leben stand ihr noch bevor, jenseits dieses Bollwerks, und dieses Leben durfte nicht noch mehr beschwert werden, als es schon war ...

Sanft plätschernd ebbte das allgemeine Gespräch ab. Mit dem Papa gingen auch alle anderen -- er brauchte keinen Vorwand zu erfinden.

Schon auf der Treppe sagte Alwin Maurer, indem er Karlas Hand festhielt:

„Weißt du, daß du heute, am Einweihungstage deiner Wohnung, -- nicht gesungen hast?“

„Ja ... richtig ...“

Sie blickte ein bißchen wehmütig vor sich hin.

„Schmerzchen habe ich heute auch kaum gesehen ...“

Der Papa krähte von unten herauf:

„Soll ich Gaudlitz grüßen? Ich sehe ihn vielleicht noch im Schachklub!“

Er dachte gar nicht daran, zu grüßen. Hatte es nur gerufen, um Altmann zu ärgern. Das war ihm „Hochgenuß“ ... auch so eine Art von „Indianerüberfall“.

„Dein Papa ist manchmal reichlich geschmacklos“, sagte Altmann und warf die Tür ins Schloß.

Luise räumte mit Hilfe des Mädchens die Tassen und die Likörgläser ab.

Karla wäre gern an Schmerzchens Bett gegangen. Aber Luise hatte sie ein für allemal gebeten, das zu lassen. Isoldchen wäre ein schrecklich nervöses Kind -- beim leisesten Geräusch erwache sie und wäre dann nicht zur Ruhe zu bringen! An Tante Lis’ hatte sie sich endlich gewöhnt, aber wenn jetzt Karla ...

Karla wußte nicht, was sie machen sollte. Singen konnte sie um elf Uhr abends, wenn alles schlief, doch auch nicht ...!

„Bleibst du hier? Sonst lösche ich aus --“

„Laß nur, Luise ... ich tue es selbst ... Gute Nacht, und ... vielen Dank ...“

Im Hotel hatte sie wenigstens nicht danken brauchen.

„Vergiß nicht, das Fenster zu schließen, und erkälte dich nicht! Gute Nacht ...“

Als Karla allein war, nahm sie die Visitenkarte des Grafen Gaudlitz, riß sie in kleine Stücke und streute sie auf die Straße hinaus.

Wie weiße Schneeflocken wirbelte der Wind sie durcheinander, bis sie auf die nassen Steine herabfielen und ein Auto über sie hinwegfuhr, sie mit dem trüben Wasser der Lachen überspritzte.

Nun sah Karla nichts mehr von ihnen und atmete erleichtert auf.

Der Papa sollte recht behalten -- Altmanns Weizen blühte nicht in Berlin. Selbst Kommissionsrat Fuchs vermochte es nicht, Berliner Theaterleiter für Altmann zu gewinnen. Um seinen guten Willen zu zeigen, und sich „der König“, durch die er noch viel zu verdienen hoffte, angenehm zu machen, verschaffte Fuchs ihm ein paar Gastspiele an kleinen Provinzbühnen. Altmann sah bald, daß das alles keinen Zweck hatte und fühlte sich merkwürdigerweise der Bühne als Schauspieler entwachsen. Wie ein Kleinkinderspiel kam ihm das Theater vor, die Anweisungen des Spielleiters reizten ihn zu Widersprüchen, den Bitten seiner Mitspieler begegnete er mit einem Aufgebot von Gegengründen, die das Belangloseste zu einer Bedeutsamkeit stempelten, die die Bitten gar nicht gehabt hatten. Die jüngeren Leute verbesserte er gern, hielt ihnen Vorträge über die Sprechkunst, die seit den letzten Jahren so „schmählich“ vernachlässigt wurde -- den älteren Kollegen trat er mit dem Besserwissertum seiner „langjährigen leitenden Stellung“ entgegen.

Die Gastspielmöglichkeiten wurden immer seltener -- hörten schließlich ganz auf.

Luise schmerzte das sehr.

Bei Tisch kam der Groll manchmal zur Entladung, wenn Karla sich erkundigte, ob Fuchs „etwas gefunden“ hätte.

„Ich bin gar nicht so versessen darauf“, sagte Altmann. „Es ist ja doch nichts los ... wer schreibt denn heute noch eine anständige Rolle?“

„Liebe Karla -- wenn Ernst Stimme hätte, dann brauchte er nicht auf eine Stellung zu warten. Dann brauchte er weder Talent zu haben noch die Erscheinung -- dann würden ihm alle das Haus einrennen! Es ist wirklich nicht schwer, mit einer Stimme, wie du sie hast und wofür du doch gar nicht kannst, an einer Königlichen Bühne zu sein ...“

„Das sage ich ja gar nicht -- aber ... vielleicht dürfte Ernst keine so hohen Ansprüche machen.“

Luise lachte kurz und bitter auf.

„Keine Ansprüche ...! Sehr feinfühlend!“

Karla zerknitterte ihre Serviette.

„Ihr müßt mir meine Worte nicht absichtlich anders auslegen. Im Schauspiel gibt’s eben keine so großen Gagen wie in der Oper ... das ist doch nun mal so.“

„Ja, ja, Karla ... das wissen wir, daß du mehr verdienst, wenn es auch nicht gerade nötig ist, daß du vor dem Kind ...“

Karla sprang vom Stuhl auf.

„Was hab’ ich vor dem Kinde ... -- was? ... So sag doch gefälligst ... unerträglich ist das! Verrückt könnt ihr einen machen, verrückt.“

Sie schob den Stuhl zurück und lief ins Schlafzimmer.

Schmerzchen machte große Augen.

Die Mama war doch sehr wild! Warum lief sie davon und ließ das gute Essen stehen? Es hatte sie doch keiner fortgeschickt ... Tante Lis’ hatte so leise gesprochen ... die Mama aber, die schrie gleich los. Der Papa sah ganz traurig aus ...

Nun stand auch Altmann auf. Tief herabgezogen waren seine Mundwinkel. „Tja ... so geht es, Lis’! Wenn ich denke, daß ich Karla beigebracht habe, ‚Habt Dank‘ zu sagen ... das Elementarste! Sie stolperte über die Worte wie ein junges Füllen ... Stimme ... ja, gewiß, Stimme hatte sie immer ... köstlich jung, frischer als heute ... aber wer krähte nach ihr? ... Wer? ... Bitte, sage es mir ...“

„Das wissen wir ja, mein guter Ernst ... weiß sie auch, sie ist nur so unbeherrscht. Das mußt du ihr nicht übelnehmen. Es ist deiner ja auch gar nicht mehr würdig, dem Publikum was vorzumachen. Du kannst mehr, weit mehr! Du kannst Talente bilden. Karla ist der lebendige Beweis. Wir haben wohl das Lehrtalent gemeinsam, -- nur, daß meine Begabung stets im Verborgenen geblüht hat, während du ... Wer wird nicht glücklich sein, beim Lehrer von Karla König Unterricht zu haben? ...“

Altmann blieb stehen und sah die Schwester betroffen an. Es war ganz still zwischen ihnen geworden -- nur das Gaslicht surrte leise, und Schmerzchen kratzte mit dem Löffel das letzte Überbleibsel des Puddings auf.

„Unterricht? Hm ... ja ... du meinst? Das wäre allerdings eine Idee ... darüber müssen wir noch sprechen ... das ließe sich machen ... Was wohl Karla dazu sagt?“

Luise lächelte nachsichtig.

„Ja ... ja, natürlich ... Jedenfalls danke ich dir, Lis’, für die Anregung. Es geht nichts über eine kluge Frau ... wirklich ... nichts.“

Er hob Schmerzchen sacht an seine glattrasierte, bläulich schimmernde Wange und faßte Luise mit dankbarem Druck um die Schulter.

„Jetzt geht unsere kleine Isolde wohl schlafen, he?“

Er wußte nie recht was anzufangen mit dem Kinde -- fast ebenso wenig wie der Großpapa, aber er verlangte nichts und hatte eine behutsame Art, es aufzuheben, auf den Schoß und auf die Erde zu setzen.

Schmerzchen liebte den Papa sehr. -- --

Am Abend entwickelte Altmann seinen neuen Plan vor Karla. Sie saß in seinem Zimmer, in einem der bequemen, weichen Sessel, häkelte mühsam an einer roten Bettdecke für Schmerzchen und zählte nun schon zum fünften Male die Maschen. Sie mußte ihrem Kinde etwas arbeiten. Luise und Adele taten sich gar zu viel darauf zugute, daß Schmerzchen Höschen und Röckchen und Jäckchen von ihrer Hände Arbeit trug. Da hatte ihr Pauline eines Tages ein ganz einfaches Muster angefangen.

„Immer lang, junge Frau, einmal hin und einmal zurück. Daran können Sie ein Jahr häkeln. Je größer die Decke wird, um so besser. Und immer an was Freundliches denken dabei, damit’s dem Mädelchen Glück und Wärme bringt.“

Karla arbeitete sehr eifrig in den freien Abendstunden. Und immer dachte sie an etwas „Freundliches“: an ihr erstes Auftreten als Elsa, an wundersüße Teerosen, die sie in einer Vase aus Kopenhagener Porzellan bekommen hatte -- ohne Karte, so daß sie gar nicht zu wissen brauchte, von wem sie kamen; an einen himmelblauen Sonntagmorgen, da sie mit Schmerzchen und Alwin Maurer nach Wannsee hinausgefahren war, um sich Bewegung in frischer Luft zu machen; an einen lebhaften Gruß aus einem vorbeisausenden Auto ... An eine Begegnung dachte sie im Tiergarten und an eine zweite bei Schulte, wohin Alwin Maurer sie geführt hatte; wie die Vorstellung gewesen war: Graf Gaudlitz -- ~Dr.~ Alwin Maurer, und wie Alwin sie fast angstvoll unter den Arm genommen und sie dann weitergegangen waren zu dreien ... an den besten Bildern vorbei ... in hastigem, immerzu stockendem, immer wieder aufflackerndem Geplauder, bis Alwin sagte: „Du wirst wohl nach Hause müssen, Karla“, und Gaudlitz ihre Hand an die Lippen zog -- ihren dummen weißen Handschuh küßte ...

Karlas Häkelnadel blieb in der Luft hängen ... nein, daran durfte sie wohl nicht denken, daran nicht ...

„Hörst du zu, Karla?“ fragte Altmann ein bißchen ungeduldig, weil sie so stumm blieb. „Dramatischen Unterricht will ich geben ... hier, bei mir ...“

„Ja ...,“ fiel Karla verwirrt ein, „... ja ... das ist sehr schön, Ernst ... ich freue mich sehr ...“

Altmann zuckte die Achseln und wendete sich ernüchtert ab. Mit Karla war nicht ernsthaft zu reden. Es war nur gut, daß er Luise hatte! Adele würde sicher auch einverstanden sein!

Altmann setzte Ankündigungen in der Zeitung auf. Ein Konservatoriumsleiter, der wußte, daß Karla König Altmanns Frau war, und der sich für seine Gesangschülerinnen einen Vorteil von der Verbindung versprach, meldete sich als erster und verpflichtete ihn für seine Lehranstalt. Allmählich kamen auch Privatschüler. Die Honorarsätze reichten bei weitem nicht an das heran, was Altmann erwartet hatte -- immerhin, er verdiente. Und um Karla nicht bei ihrem Partienstudium und ihren Übungen zu stören sowie selbst nicht gestört zu werden, ließ er an alle Türen dicke Vorhänge anbringen, die jeden Schall dämpften.

Leise, fast unhörbar glitt Luise in der Wohnung umher. Ihr Klopfen wurde durch die Vorhänge wirkungslos, und sie stand oftmals wie ein Gespenst, ganz unvermutet, im Musikzimmer.

Karla fuhr zusammen.

„Ja ... was ist ... was wünschest du?“

Es war immer ganz Nebensächliches, Unwichtiges -- Karla aber klopfte das Herz bis in den Hals, und sie dachte manchmal daran, sich einzuschließen. Aber das wagte sie doch nicht.

Ihr Verkehr brauchte wahrlich nicht unter Aufsicht zu stehen. Wer kam denn zu ihr? Der kleine Goldbeck allenfalls -- ihr Korrepetitor, der von irgendwo an der russischen Grenze eingewandert war, sich durchgehungert, durchgebettelt hatte, voll Musik in Kopf und Fingern steckte, sich scheu an der Hochschule hatte vorbeidrücken müssen, weil er weder Geld noch Zeit noch Freunde gehabt hatte; der, was er konnte, gleichsam mit der Luft eingesogen hatte, die ihm aus den Toren zuströmte, hinter denen Musik gemacht wurde.

Kam noch Vicki, mit ihrem Bodo Völkel in jedem ihrer Seufzer, jedem Augenaufschlag, oder Fritz mit seinem Kadettenüberschwang oder Alwin Maurer ...

Der kam freilich öfter, als sie je geglaubt hätte, der liebe, gute Alwin, nahm sich ihrer „gottssträflichen Unbildung“ an, wie Luise sagte. Was ihr nicht angeflogen war, das wußte sie nicht, und von dem bißchen Schulbildung hatte sie auch mehr vergessen, als behalten.

Es war Alwin Maurer eine innige Freude, sie mit Büchern zu versorgen, deren bedachtsam und liebevoll gewählte Reihenfolge Karlas Wissen erweiterten.

Noch dämmerhaft zwar, aber doch mit starkem Instinkt begann sie den Zusammenhang zu fühlen, der alle Künste als die Ausstrahlung eines einzigen großen, schöpferischen Gedankens vereinigte, und ein ihr noch ganz neues Gefühl für das Schöne in jeder Art und äußeren Gestalt regte sich lichtstrebend aus dem Dunkel ihres unentwickelten Geistes.

~Dr.~ Alwin Maurer aber vermeinte, so einen Teil der Dankesschuld abzutragen, die das rücksichtslose Fordern seiner Frau auf ihn gehäuft hatte. -- -- --

Karla feierte Weihnachten mit ihrem Kinde.

Hatte es feiern wollen -- aber so ein kleines Wurm verschwand ja unter den vielen Großen. So sah sie nur einen kerzenstrahlenden Baum, eine lange, weiß gedeckte Tafel, auf der mit Tannenzweigen die Geschenkplätze abgegrenzt waren, sah Haufen zerdrückten Seidenpapiers, die erhitzten hageren Wangen von Luise, das gemessene Hin- und Herschreiten Altmanns, Adelens neugieriges Herumschnüffeln, hörte Lärmen und Lachen, das Hackenzusammenschlagen von Fritz und fühlte das unablässige Umarmen von Vicki.

Irgendwo auf dem Teppich aber krabbelte Schmerzchen -- ernsthaft, gesammelt, sehr bedacht, daß niemand ihr etwas von ihrem Spielzeug nahm oder sie mit lästigen Fragen störte. Lautes Lachen, Kreischen und Jubeln, wie Karla es erhofft hatte, hörte sie auch jetzt nicht.

„War das Christkindel nicht gut, Schmerzchen .... sag’, war es nicht ein liebes Christkindel?“

Schmerzchen nickte. Schmerzchen hatte in ihrem kurzen, aber mit tiefgründigen Betrachtungen erfülltem Leben bemerkt, daß die Großen immer nur fragten, wenn sie eine Zustimmung erwarteten. Von Zeit zu Zeit blickte Schmerzchen auf die Mama. Die Mama hatte ein weißes Kleid an, mit vielen großen, schönen Löchern, unter denen es blau und grün und rosa schillerte. Schmerzchen hätte gar zu gern ihre Finger in die Löcher gesteckt -- immer so drei auf einmal ... Aber sie wußte, daß es dafür Klapse gab. So beschloß sie, lieber der Mama den Rücken zu kehren, um der Versuchung auszuweichen -- -- --

„Das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Bölsche ... von wem hast du denn das, Karla?“ fragte Adele und hob drei grau gebundene Bücher mit leisem Ekel um die Mundwinkel in die Luft.

„Von Alwin ... warum?“

„Nichts ... ich meinte nur ...“

Und Karla hatte dem Schwager eine „großartige“ Büste von Nietzsche geschenkt, als „dankbare Schülerin“ ...! Ein bißchen faxig war es zum mindesten ...

Jedesmal, wenn Alwin an der Büste, die auf einem schwarzen Sockel stand, vorbeikam, glitten seine Finger wie streichelnd über den weißen Gips.

Der Papa war nicht zu bewegen gewesen, das Fest mitzufeiern.