Die Primadonna

Part 16

Chapter 163,700 wordsPublic domain

Altmann atmete schwer. Er zernagte seine Unterlippe. Er stand plötzlich vor Entscheidungen und Verhältnissen, denen er sich kaum noch gewachsen fühlte. Über seinen Kopf hinweg hatte ein Dritter über sein und Karlas Leben verfügt. Wo blieb er? ... Würde es ihm möglich sein, in Berlin auch für sich eine Stellung zu finden? Hier -- hatte er sie, wähnte, sie sich erkämpft zu haben durch Fleiß und peinliche Erfüllung freiwillig übernommener Pflichten. Er war stolz darauf. Soviel hatte er in Europa nie verdient, wie Russel ihm hier anbot. Zehntausend Dollar jährlich und -- kleine Beteiligung! Dazu Direktortitel! So etwas schlug man doch nicht in den Wind ... Freilich ... Berlin! Seine Leute ... Luise ... Luise vor allen. Wohin mit ihr? Die Stowns kehrten im Herbst nach England zurück, hatten Luise freundschaftlich nahegelegt, sich nach einer anderen Stellung umzusehen! Darüber schrieb Adele eben einen acht Seiten langen Brief. Luise war zermürbt. Sollte sie wirklich in ihrem Alter noch bei fremden Menschen ihr Brot suchen? Wäre es nicht das Beste, Richtigste, sie würde Schmerzchen erziehen und Karlas Haushalt führen? Denn es war doch anzunehmen, daß sie beide nach Ablauf ihres Vertrages nach Deutschland zurückkehrten. Luisens Platz war in ihrem Hause. Karla konnte Gott danken, daß das Schicksal es so gefügt hatte.

Er war aufs tiefste bewegt gewesen von diesem Anruf seiner brüderlichen Pflicht. Flüchtig hatte er bereits daran gedacht, eine Wohnung für Luise und das Kind zu mieten, ihnen eine kleine Wirtschaft einzurichten ...

Nun kam Karla mit dem Berliner Antrag ... Glückselig wäre er gewesen -- noch gestern! Aber heute? ...

„Und wie kommt Kapelle dazu, den Vorschuß zu bezahlen“, stieß er heftig hervor. „Wie soll ich das auffassen ...?“

„So einfach -- wie er es angeboten hat. Statt dem Russel sind wir ihm das Geld schuldig -- weiter nichts.“

Altmann preßte die Lippen aneinander. Es wurde ihm schwer, immer unter einer Schuldenlast einherzugehen -- noch schwerer aber war es ihm, mühsam Erspartes auf einen Ruck herzugeben! Es stand ja noch die Einrichtung bevor ... Wenn Karla an der Oper war, konnten sie nicht in möblierten Zimmern hausen! Außerdem Luise ... das Kind ... ein Mädchen ...

Ihm wurden die Schläfen feucht.

„Wo hast du den Scheck?“ fragte er kurz.

Sie lief ins Nebenzimmer, holte ihr Täschchen, gab ihm das gefaltete Blatt. Er versuchte, die Unterschrift zu entziffern -- es gelang ihm nicht.

„Den Scheck nehme ich an mich. Du verlierst ihn noch.“

Sie sah, wie seine schlanken, jetzt ein wenig hageren Hände langsam und bedächtig den falschen Kniff glätteten und den Scheck pedantisch falteten. Sie mußte an die kurze, breite Hand denken, die ihn ihr so achtlos zugesteckt hatte.

„Ich soll ihm schreiben: ja oder nein“, sagte sie leise und blickte von unten herauf zu ihrem Manne herüber.

Er wich ihrem Blick aus, kam aber langsam auf sie zu, legte den Arm um sie.

„Denk an diese Stunde, Karla ... vergiß sie nicht. Ich bringe dir ein Opfer ... ein großes Opfer. Ich schlage eine Stellung aus ... wie sie mir vielleicht nicht zum zweitenmal geboten wird ... Ich tue es um deinetwillen, ordne meine Laufbahn der deinigen unter ... mehr kann ein Mann für seine Frau nicht tun; und es mag sein, daß mich andere Männer darum weniger schätzen werden. Aber ich will jetzt nicht daran denken. Will nur an dich denken! Glaube mir ... so gut wie ein anderer, und sei es auch Kapelle, so gut meine ich es mindestens mit dir!“

Seine Stimme hatte den gedämpften, überzeugenden Klang, den Karla einst so geliebt hatte an ihm. Es war die Stimme aus der Zeit, da sie widerspruchslos zu ihm aufgeblickt hatte wie ein scheues, kleines Mädchen, da sie von ihm allein Glück und alles Heil der Welt erwartet hatte.

Sie zog seine Hand über ihre Schulter und lehnte ihre Wange an.

„Lieber Ernst ... lieber, lieber Ernst ...“

„Schreibe also deinem Freunde Kapelle -- ja.“

„Lieber ... Guter ...“

Er fuhr ihr streichelnd über das braune Haar und drückte gleich darauf beschwichtigend seine Hand auf ihren Kopf.

„Ja ...“, wiederholte er. „Aber ich knüpfe eine Bedingung daran --“

„Eine Bedingung ... Welche?“

Ihre Augen blickten ihn schreckhaft an. Würde er verlangen, daß Schmerzchen, ihr süßes Schmerzchen bei Adele blieb? ... So hart konnte er nicht sein ... das war doch unmöglich!

„Sage .. welche? ...“, drängte sie, während alles Blut ihr zum Herzen lief.

Er sagte es ihr in wenigen Worten: Luise sollte ihrem Haushalt vorstehen, sollte Schmerzchens Erziehung leiten ...

Da sprang Karla König mit beiden Füßen auf das Sofa, wie ein Gummiball, packte den Kopf ihres Mannes zwischen beide Hände und rief jubelnd, lachend, kreischend fast, wie ein Kind:

„Aber ja ... ja ... ja ... tausendmal ja!“

* * * * *

Im September verließ ein Schiff des Norddeutschen Lloyd, mit Karla König und Altmann an Bord, den Hafen von New York.

Einzelne Mitglieder waren zum Abschiednehmen erschienen, Russel und Kapelle.

„~Well~, Karla König, Sie haben einen klugen Mann. Aber seien Sie noch klüger! Wir sehen uns wieder. Und hier ... ein kleines Andenken ...“

Er händigte ihr eine Schmuckschachtel ein. Sie trug den Namen des ersten New Yorker Juweliers und enthielt ein Anhängsel aus großen, lupenreinen Brillanten. Es war seine fünftausend Dollar wert.

Kapelle drückte ihr nur die Hand.

„Machen Sie’s gut, Karla König!“

Sie betrat, die Augen von Tränen verdunkelt, die Schiffsbrücke, als Altmann auf Kapelle zuging, ihn beiseite zog und ihm seinen Scheck zurückgab.

„Danke, Kapelle ... es war nicht nötig. Ich konnte es schaffen und habe noch was übrig fürs erste dort drüben.“

Kapelle nickte.

„Na ja ... dann ist’s gut. Wenn’s nur mehr ist, als was Sie mitbrachten!“

Karla stand lange, lange an der Reling -- und das letzte, was sie aus Amerika mitnahm, waren die Umrisse einer ungewöhnlich großen Gestalt mit einem winkenden Panama und eines großen Schädels auf gedrungenen Schultern, mit struppigem, im Winde flatterndem Haar.

Auch nach vielen, vielen Jahren vergaß Karla König nicht, wie der Zug in die Halle des Lehrter Bahnhofs in Berlin einfuhr, und noch immer bebte ihr das Herz, wenn sie an den Augenblick zurückdachte, da sie Schmerzchen als weißen Punkt zwischen Adele und Alwin Maurer zuerst erblickte.

Sie wußte auch damals nicht, wie sie aus dem Abteil gesprungen war, wie sie das kleine Mädchen in dem weißen Jäckchen und dem weißen Seidenhütchen in die Luft gehoben und es an sich gedrückt hatte.

Schmerzchen fing an vor Schreck zu weinen. Aber Karla weinte selbst, schaukelte das Kind in ihren Armen hin und her, unbekümmert um die Reisenden, die Träger, die Taschen, Handkoffer und Schirmspitzen, die sie anstießen, quetschten und sich in ihren Rücken einbohrten.

Altmann begrüßte die Geschwister mit verhaltener Bewegung, ging dann auf Karla zu:

„Willst du mir gar nichts lassen ...?“

Und er nahm ihr das jetzt schluchzende Kind aus den Armen.

„Wie wild sie noch immer ist“, flüsterte Adele ihrem Manne zu. Aber dann umarmte sie Karla, nicht ohne Wärme, und schob ihren Mann vor.

„Willkommen, Karla ... willkommen!“

Karla tupfte noch die Augen ab. Schüttelte Alwin Maurer lachend und weinend die Hand.

Eine große, stille Freude leuchtete aus Alwin Maurers Augen. „Jetzt glaube ich’s, daß du da bist, Karla ...“

Endlich saßen sie im Wagen. Wieder riß Karla das Kind an sich.

Aber Schmerzchen strebte auf Altmanns Schoß hinüber. Die Mama war schrecklich wild. Die Mama hatte ihr das neue Hütchen zerdrückt und das Haar zerrauft. Schmerzchen fühlte sich als großes Fräulein, ging und setzte sich selbständig, kroch auch mal dem oder jenem auf den Schoß -- aber nur, wenn’s ihr paßte. Mama glaubte wohl, sie wäre ein Ball und könnte in die Luft geworfen werden? Das war sehr unangenehm ...

Papa war viel ruhiger. Papa hatte sie auf beide Backen geküßt, wie alle Onkels es taten! Und er hatte sie auf seinem Arm sitzen lassen, wie auf einem Stuhl! Das war ganz etwas anderes ... Und als sie „runtergehen“ gesagt hatte, da hatte er sie gleich auf die Erde gestellt und hatte mit ihr spazierengehen wollen! Mama aber hatte sie gleich wieder am Arm gepackt und hatte zu laufen angefangen. „Karla ... Karla! ... So paß doch auf!“, hatte der Papa gerufen.

Also Karla hieß die Mama ... Aber sie war gar nicht, wie Mamas sind ... gar nicht ein bißchen ...

Schmerzchen kroch also zu Papa auf den Schoß und beguckte sich die Mama mit großen, ein wenig feindlichen Augen.

Mama hatte ein schrecklich braunes Gesicht und sehr große Augen und weiße Zähne. Mama hatte einen großen Pelzkragen um, obwohl es doch heiß war. Und schöne glitzernde Ringe hatte Mama an den Händen. Und eine sehr starke, laute Stimme hatte sie und sprach so viel ... und die Hände waren immer in Bewegung ... als wollten sie immer nach ihr greifen.

Schmerzchen schmiegte sich an den Papa. Papa streichelte ganz sanft ihr Haar und ließ sie ruhig an seiner Uhrkette spielen.

Karla streifte Schmerzchens Röckchen hoch und drückte ihre Lippen auf die weiße kleine Wade.

„Hast du Mama lieb, Schmerzchen ... sag, hast du Mama lieb?“

„Mama auch lieb“, antwortete Schmerzchen, ohne sich stören zu lassen.

Schmerzchen sah ihre Freiheit zunächst wesentlich unterbunden und war von der neuen Ordnung der Dinge noch nicht sehr erbaut. Jedenfalls wollte sie sich hauptsächlich an den Papa halten.

„Wie ernsthaft Schmerzchen ist“, meinte Karla, und im plötzlich gedämpften Ton ihrer Stimme lag etwas wie Bangigkeit.

Vor der Haustür in der Motzstraße standen Vicki und Fritz als Kadett. Fritz benahm sich als vollendeter Kavalier, half ihr aussteigen, küßte ihr die Hand, begrüßte Altmann mit einem respektvoll dankbaren Händedruck. Vicki flog Karla um den Hals. Karla zupfte sie am Ohr. Vicki legte die Finger an die Lippen.

Oben wartete Luise. Sie war noch hagerer geworden, und ihr Gesicht, mit den grauen Augen unter den dichten, geraden Brauen, hob sich noch strenger als früher von dem schmalen, weißen Umlegekragen ab, der die klösterliche Einfachheit ihres schwarzen Kleides spärlich aufhellte.

Sie drückte Karlas Wangen mit der mageren Hand näher an ihre schmalen Lippen. „Alles Glück in der Heimat!“

Dann umarmte sie den Bruder. „Hab Dank, du Guter, du ... hab Dank.“

Zwei kleine, kalte Tränen sickerten ihr aus den Augenwinkeln längs der feingeschnittenen, jetzt so spitzen Nase herab. Altmann war sehr bewegt und drückte immer wieder ihre Hand.

„Aber Luise, ich bitte dich ... +wir+ haben zu danken ... daß du das übernehmen willst ... Du tust uns ja den größten Gefallen ... den größten Gefallen -- du -- uns.“

Karla war abgespannt. Im Grunde hatte sie nur einen Gedanken: Schmerzchen. Aber es war gar nicht so einfach, das Kind festzuhalten. Fünf Menschen standen vorläufig zwischen ihr und dem Kinde -- fünf Menschen, mit denen es vertraut, an die es gewöhnt war. Schmerzchen hatte seine Gewohnheiten und Pflichten, von denen Karla keine Ahnung hatte. Umziehen, Händewaschen, Kämmen ... Mundtuch umbinden lassen, Händchen auf den Tischrand legen ... Schweigen ... anständig essen ... nicht den Kopf hin und her drehen ... Suppe auslöffeln „bis aufs letzte Tröpfchen“, nicht mit der Gabel spielen, ordentlich kauen, Gemüse nicht auf den Tellerrand schieben, Tischtuch nicht schmutzig machen, nicht mit dem Finger nachhelfen.

Die Mama wußte gar nicht, wie schwer das alles war! Schmerzchen hatte nicht ein bißchen Zeit übrig, an etwas anderes zu denken, als an das Mittagessen mit all seinem erschwerenden Zeremoniell. Und dazu sollte sie noch ganz besonders „artig bei Tisch“ sein, sich ganz besonders auszeichnen ... Das hatten Tante Adel und Tante Lis mit schrecklich rollenden Augen tagelang vorher von ihr verlangt.

„Wie ernst das Kind ist!“ wiederholte Karla.

Der Bissen blieb ihr manchmal im Halse stecken, wenn sie zu ihrem Kinde hinübersah, das mit einem so merkwürdig gesammelten Ausdruck ihr schräg gegenüber am Tisch saß.

Altmann war gerade dabei, zu erzählen, welches Angebot John Russel ihm gemacht hatte.

„... Leicht ist es mir nicht gefallen, nein zu sagen, das könnt ihr euch denken! Aber sagt ... hätte ich Karla allein nach Europa zurückschicken können? Wäre das gegangen?“

„Ausgeschlossen“, kam es wie aus einem Munde von den Lippen der Schwestern. „Ausgeschlossen!“

~Dr.~ Alwin Maurer sagte gar nichts.

Er schenkte den Willkommensekt ein, wie er vor drei Jahren den Abschiedssekt eingeschenkt hatte: mit einem wehen Gefühl.

„Auf deine Heimkehr, liebe Karla ... und daß dir die Heimat nicht zu eng werden möchte!“

Adele schüttelte unzufrieden den Kopf.

„Wie kannst du nur so reden, Alwin -- was soll das heißen?“

Aber Karla nickte dem Schwager zu.

Der Erfolg ihrer Gastspielabende war so groß, daß Karla keinen Augenblick das Gefühl haben konnte, nur durch eine wenn auch unsichtbare so doch gewichtige Gönnerschaft dem Verband der Königlichen Oper einverleibt worden zu sein. Immerhin vermochte sie sich nicht gleich an die wesentlich kühlere und objektivere Art der Beurteilung und Beifallsäußerung zu gewöhnen.

Nach ihrem ersten Gastspiel heulte sie die ganze Nacht in ihrem Bett. Selbst Altmann wurde unsicher. Gegen sieben Uhr früh ging er in ein Café der Potsdamer Straße, wo sie in einer Pension abgestiegen waren, um die Blätter zu lesen. Gleich die ersten Zeitungen entspannten seine Erregung. Er drückte dem Pikkolo einen Groschen in die Hand. Was er nur da hatte an Morgenblättern, sollte er ihm anschleppen. In einer entgegengesetzten dunklen Ecke des Cafés saß noch ein Herr, mit dem Rücken gegen ihn. Auch er hatte einen Stapel Zeitungen vor sich auf einem Stuhle liegen. Der Pikkolo lief von einem zum anderen, um die Blätter auszutauschen. Um dreiviertel acht hatte Altmann die hauptsächlichsten Zeitungen gelesen; er war ganz beruhigt. Die Urteile waren durchweg sehr anerkennend. Karla war berechtigt, eine allererste Stelle am königlichen Institut einzunehmen und „es war anzunehmen, daß sie dereinst eine Zierde der Königlichen Oper sein würde, wenn sie sich erst die auf längeren Gastspielreisen angeeigneten virtuosenhaften Mätzchen abgewöhnte“.

Ohne Hieb und Stich ging es nicht ab -- das wußte Altmann. Es kam nur auf die Grundstimmung an, und die konnte nicht besser sein. Er lehnte sich zurück an den roten Samt des Sofas und atmete erleichtert auf. Mehr durften weder Karla noch er verlangen. Sie brauchten ihre Heimkehr nicht zu bereuen -- nein, gewiß nicht. In diesem Augenblick erhob sich der Herr in der Ecke, ließ sich in den Mantel helfen und griff nach seinem Hut. Jetzt erst stand er im Licht.

„Du, Alwin? ... Was machst du?“

~Dr.~ Alwin Maurer blinzelte den Schwager mit seinen tiefliegenden, fettumpolsterten Augen ein bißchen verlegen an.

„Ich habe wissen wollen, was die Zeitungen sagen ... Unsereins ... nicht wahr ... ob’s uns gefällt oder nicht ... darauf kommt es nicht an .... Und Karla schien mir verstimmt ... Adele konnte es gar nicht verstehen ... Die meint ja natürlich, daß es schon eine große Ehre ist, daß Karla überhaupt da oben auf der königlichen Bühne stehen und den Mund auftun durfte. Nun, ihr könnt zufrieden sein ... sehr zufrieden ...“

„Selbstredend ... ist es ein großer Erfolg. Das sind so Primadonnenlaunen, die Karla sich da unten angewöhnt hat. Ganz verrückt kann sie einen machen. Ich werde ihr mal gleich den Kopf zurechtsetzen ... Es ist ja lächerlich.“

Altmann sprach wieder bedeutsam und selbstbewußt. ~Dr.~ Alwin Maurer drückte den Hut in die Stirn. Er hatte Eile. In zehn Minuten mußte er in der Klasse sein. Adele hatte ohnehin ein komisches Gesicht gemacht, weil er, ohne gefrühstückt zu haben, davongelaufen war.

„Grüße sie ...“

Alle Herzlichkeit legte er in das Wort, mit Blick und Händedruck. Dann ging er. -- -- --

Zwei Wochen später trat Karlas Vertrag in kraft. Sie kabelte an John Russel für Kapelle: „Alles in Ordnung. Bin glücklich. Ewig dankbar. Karla König.“

Als das Telegramm hinter dem Postschalter verschwand, stand Karla noch eine Weile im Gedränge des überfüllten Postraumes herum, als hätte sie etwas verloren oder vergessen und könne sich nicht besinnen, was es sei.

Draußen nieselte es, und der kalte Oktoberwind riß die letzten Blätter von den Bäumen. Die Wolken jagten in kaltem Grau über den Himmel, Karla schauerte zusammen und zog den Pelzkragen fester über die Schulter.

Rasch schritt sie aus, um die Motzstraße zu erreichen. Sie wollte Schmerzchen mit sich herüber nehmen in die Pension. Einmal allein mit dem Kind sein! All die Tage war es ihr nicht möglich gewesen -- auch hatte ihre Aufregung sie ganz beherrscht. Sie mochte nicht daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn ihr Gastspiel zu einem anderen Ergebnis geführt hätte! ... Am meisten beruhigt hatte sie der Papa, obwohl -- --

„Charmant, Kleine ... charmant! Du bist ein Temperament! Du lebst! Du bist was Neues. Vielleicht eine Spielerei, vielleicht eine ersehnte Notwendigkeit -- so genau läßt sich das jetzt noch nicht sagen. Laß die Leute nur nicht einschlafen -- verstanden? Es brauchen keine Indianerüberfälle zu sein ... aber so was ähnliches -- John Russel ist mein Mann! Der hat mir gefehlt, Kleine! Der hätte mich zum ersten Tänzer von Europa gemacht! Aber Deine liebe Mutter -- die bürgerlichen Instinkte -- verstehst Du -- Du hast auch bürgerliche Instinkte -- leider! Hast dir einen Mann zugelegt, ein Kind ... jetzt kommt die Wohnung dran -- nicht wahr? Regelmäßige Tischzeit, Marktpreise, Einladungen zu Kaffee und Kuchen ... tja ... sehr nett, sehr nett ... Nur nicht zu viel davon. Bleibe ‚Göttin‘ ... tja ... Primadonna ... muß das sein. Na und dein Mann? Immer der alte, ja? ... Ach was? So so ... eine Stellung hat ihm Russel angeboten? ... Sieh mal an! Potz tausend! ... Hättest ihn dortlassen sollen, liebes Kind! Sehr dumm, Kleine, sehr dumm! ... Na -- vorläufig sonnt er sich in deinem Erfolg ... ganz schön. Am Schauspielhaus ist wohl nichts frei für ihn, wie? ... Wird schwer halten, Kleine ... sehr schwer. Man spielt nicht ungestraft zwanzig Jahre an kleinen Provinzbühnen ... Das haftet an. Wie ein Geruch, weißt du. Habe ich kennen gelernt -- die Herren Intendanten mit der Hauptmannsuniform! Famose Kerle auf dem Kasernenhof, bei der Parade -- von Kunst keinen Dunst! ‚Strammstehen‘ -- das ist alles, was sie verlangen, und sparen ... ja ... sparen -- alles, was sie können. Hier blüht der Weizen deines Mannes nicht. Macht nichts. Du verdienst für zwei ... bist überhaupt eine Nummer für Berlin ... mal was anderes ... Ruf’ mich, wenn du eingerichtet bist. Will mal sehen, wie meine berühmte Tochter wohnt ...“

Gerade heute schloß Altmann den Mietvertrag ab in der Landgrafenstraße. Adele und Luise hatten sich der Wohnungsfrage mit all der ihnen eigenen Energie angenommen. Karla wurde kaum gefragt.

Luise und Adele teilten die Zimmer ein. Schmerzchen sollte mit Luise in einem Zimmer des hinteren Ganges schlafen, mit Aussicht auf die rückwärts liegenden Gärten. Die Schlafstube der Eltern war vorn bei der Eingangstür, durch eine Tapetentür mit dem Speisezimmer verbunden. Vorne heraus anschließend an den Speisesaal lagen das große Musikzimmer, ein schmales, einfensteriges Empfangsstübchen und Altmanns „Studierzimmer“.

Es war der schönste Raum der Wohnung -- neben der Eingangstür gelegen und daher selbstverständlich nur so zu verwenden. Luise sagte:

„Das werden wir dir schon gemütlich einrichten, Ernst.“

Karla sah mit großen Augen zu, wie die Schwägerinnen alles untereinander besprachen und, ohne sie eigentlich zu fragen, die Wohnung instand setzten.

„Du brauchst dich gottlob um gar nichts zu kümmern, Karla,“ sagte Luise, „dafür bin ich da!“

„Ich weiß gar nicht, wie wir Luise das je danken können“, meinte Altmann.

Karla dankte ihr, indem sie sich wirklich um nichts kümmerte. All ihre freie Zeit wollte sie Schmerzchen widmen. Aber Schmerzchen machte sich gar nichts daraus, mit der Mama in den Straßen herumzustapfen. Schmerzchen verlangte nach ihrem Sandhaufen im Tiergarten, und Vicki mußte sie beide hinführen. Karla setzte sich auf den Holzrand der Sandgrube und ließ sich von Schmerzchen belehren, wie Kuchen geformt und ausgelegt wurden, wie das Eimerchen mit Sand zu füllen und wo es auszuleeren sei.

Karla war nahe daran, Schmerzchens Gunst zu erobern, als Vicki sie am Ärmel zupfte.

„Tante -- Herr Baumeister Bodo Völkel möchte dir vorgestellt werden.“

Bodo Völkel war sauber und sparsam angezogen. Er hatte ein schmales, blasses Gesicht und eine niedrige, eigensinnige Stirn. Seine Augen blickten ein wenig unstet. Er schien sehr nervös und ein bißchen gallig.

„Sie haben sich meines kleinen Mädchens so sehr lieb angenommen, schrieb mir Vicki ...“

„Aber bitte, gnädige Frau, es war mir ein Vergnügen.“

„Wie siehst du aus, Tante ...“

Vicki hatte besondere Ehre mit Karla einlegen, dem Bodo imponieren wollen, und nun stand die Tante da, über und über mit Sand bestreut, den Hut zur Seite geschoben, ohne Handschuhe, ohne einen einzigen Ring ...

Schmerzchen war es gewöhnt, daß man sie allein ließ beim Spielen. Sie guckte gar nicht auf, als die Mama aufstand und ein bißchen zur Seite trat .... Aus dem fremden Onkel machte sie sich erst recht nichts.

Karla mußte mit Vicki und ihrem heimlich Verlobten auf- und abgehen, mußte Rede und Antwort stehen. Sie hatte gleich herausgebracht, daß Bodo Völkel sie noch gar nicht gehört hatte; aber er sagte ihr Schmeicheleien, sprach die Hoffnung aus, daß sie es ihm ermöglichen würde, in verwandtschaftliche Beziehungen zu ihr zu treten.

Karla fand das sonderbar. Warum wendete er sich nicht erst an Vickis Eltern? Die waren doch die Nächsten. Er sprach etwas von dem großen Einfluß, den Karla hatte, und dessen er sich erst hatte zu seinen Gunsten versichern wollen. Karla wurde einsilbig, schließlich meinte sie:

„Es wird kühl. Schmerzchen muß nach Hause.“

Herr Bodo Völkel empfahl sich. Vicki begleitete ihn bis zur nächsten Biegung. Karla sah, wie sie lebhaft auf ihn einsprach, ihre Hand auf seinen Arm legte, ihn zur Umkehr zu bewegen suchte -- wie er den Kopf schüttelte und sich ohne viele Umstände losriß.

„Wie gefällt er dir?“ fragte Vicki, als sie zurückkam.

„Gar nicht“, antwortete Karla trocken.

Vicki schoß das Blut zu Kopf.

„Das verstehe ich nicht ... er ist ganz entzückt von dir, Tante ... du hättest so etwas wundervoll Offenes und Gerades ...“

„So ... da kann er sich wohl denken, daß mir eure heimlichen Stelldicheine nicht gefallen ... nein, gar nicht!“

Karla und Vicki führten die Kleine an der Hand und schlugen, leicht gegeneinander verstimmt, den Heimweg ein. Als sie die Reitallee überqueren wollten, kam ihnen ein Reiter entgegen, Schmerzchen stolperte, ließ ihr Eimerchen fallen, der mitgenommene Ball rollte dem Pferde vor die Hufe; es scheute, bäumte sich auf. Karla riß das Kind zurück.

„So halten Sie doch gefälligst Ihren Gaul“, fuhr sie zornig den Herrn im Sattel an.

Abermals flammte Vicki auf. Wie grob die Tante war ...

„Du, das ist doch Graf Gaudlitz!“

„Na -- und? ... Er soll auf sein Pferd aufpassen.“

Graf Gaudlitz faßte mit der einen Hand die Zügel kurz an, zog mit der anderen den Hut.

„Verzeihung, Frau Karla König ... hoffentlich hat der Schreck der Kleinen nicht geschadet -- und Ihrer wunderschönen Stimme auch nicht ...“

Karla sah auf. Ein breites, blondes, lachendes Gesicht blickte auf sie herunter. Sie wurde jetzt rot, wie Vicki vorhin.

„Woher kennen Sie mich?“

„Haben Sie mich denn nie gesehen, gnädige Frau? Erster Eckplatz links. War jedesmal da, wenn Sie gesungen haben. Habe pöbelhaft geklatscht! Hatte mal so einen Renner wie Ihre Stimme ... ein Sturmwind und so folgsam dabei ... Schön singen Sie! ...“

Karla wollte lachen. Sie lachte leicht, wenn man ihr etwas Schmeichelhaftes sagte; nur so dumm mußte es nicht sein, wie vorhin von Bodo Völkel -- aber sie spürte plötzlich eine Verlegenheit über sich kommen, als wäre sie ein kleines Mädchen.

„Ich singe so gern.“