Part 15
Er haßte sie jetzt nicht so sehr, weil sie ihn zur Untreue gegen Karla, sondern zur Untreue gegen sich selbst verleitet hatte. Die Unfehlbarkeit, auf die er zeitlebens so stolz gewesen, war hinfällig. Um seinen Mund zuckte es bitter.
Kapelle tat einen kräftigen Zug aus seinem Strohhalm.
„Geschehnisse, welcher Art sie immer sein mögen, sind hier mit einem besonderen Maße zu messen. Wie man europäischen Ballast nicht mit herübernehmen darf, so von hier aus nichts nach Hause. Überhaupt ... das mit dem einen einzigen Leben, das wir haben, ist ja Unsinn. Hundert Leben hätten wir, wenn wir nur wollten! Aber wir kleben fest -- äußerlich oder innerlich, gleich Schnecken, die überall ihr Gehäuse mit sich schleppen. Wir haben uns nicht zum Vergessen erzogen, zum willkürlichen bewußten Vergessen, obwohl es das größte Gnadengeschenk des Himmels ist!“
„Lieber Freund ... wenn wir als Kinder etwas vergaßen, dann setzte es Prügel: Du hast nichts zu vergessen!“
„Das beweist, daß die Kinder für die Eltern und die Lehrer erzogen werden, aber nicht für das Leben. Sie haben ein Kind, Altmann, denken Sie manchmal dran!“
„Ein Mädchen ... ich bitte Sie --“
„Eben. Gerade. Frauen haben ein mordendes Gedächtnis. Ihr Gedächtnis ist ihre Moral. Und nur im Vergessen liegt Güte ... Ein gütiger Mensch hat viele Leben! Denn immer wieder muß er von vorn anfangen ... das erhält ihn jung. Optimisten sind immer vergeßlich. Frauen sind selten optimistisch ... weil sie aus ihrem Erinnern schöpfen.“
Kapelle sprach hastig, wie aufgepeitscht von einer Welle eigenen Erinnerns.
„Ich möchte noch an die Luft -- vor vier regnet es ja doch nicht ... halten Sie mit, Kapelle?“
Schweigend gingen die Männer durch die Nacht.
Endlich sagte Kapelle: „Ich weiß hier in der Nähe eine kleine Kneipe ... die ist die ganze Nacht offen ...“
Sie nahmen Platz an einem der wenigen Bambustischchen, die auf der offenen Veranda unter bunten Papierlampions verteilt waren.
Kaum hundert Schritte vor der Rampe lag die breite Straße, die die innere Stadt mit dem Villenviertel verband.
Es mochte gegen halb zwei sein, als das Aufschlagen von Pferdehufen sich vernehmen ließ. Zwei große Acetylenlaternen starrten wie kalte, weiße Augen aus der Finsternis heraus -- wurden größer, immer größer, bis der Wagen selbst, vor dem sie hingen, erkennbar wurde in ihrem Licht.
„Das sind die Gäule von de Santos ... die haben alle denselben Hufschlag. Schädlowski sollte vom Stallmeister de Santos’ -- Gefühl für Rhythmus lernen ...“
„Wer mag denn schon so festmüde sein?“
Kapelle stocherte mit seinem Löffelstiel in der Räucherschale herum und zuckte die Achseln.
„Die Nordeni vielleicht ... Die sah mir ganz danach aus ... Die hat’s satt, sage ich Ihnen ... bis zum Halse ...“
Er schlug mit dem Löffel auf den Tisch.
„Lassen Sie’s nicht so weit kommen mit Ihrer Frau ... Ruck, ein ander Bild, ein neues Leben ... taugt hier nichts ... wär’ schade ... schade ...“
Kapelle hatte recht gehabt. Es war die Nordeni.
Ganz heimlich hatte sie sich fortgeschlichen, als die ersten Paare sich zur Polonaise anstellten, die den Ball eröffnen sollte.
De Santos fing sie noch ab, als sie sich gerade den Hermelinkragen umgeben ließ. Er befahl dem Diener, daß sein Wagen vorfahre und ein Diener sie bis zum Hotel brächte. Er küßte ihr die Hände und dankte ihr. Er brachte sie die Marmorstufen hinunter bis zum Wagen. Barhäuptig, sehr respektvoll, aber doch froh, daß sie nun nicht immer als dritte da sein würde, zwischen ihm und Mariette.
„Ich werde alles tun, um sie glücklich zu machen.“
Die Nordeni nickte müde. Wie naiv diese Männer doch waren ... Die +Besten waren naiv+ ... die anderen ...
Elegant und sicher trugen sie die schönen, schwarzen Pferde ihrem Hotel zu. Sie fror in ihrem prächtigen Hermelinkragen. In diesem Wagen würde Mariette fortan fahren ... Oder nicht? ... Mariette hatte schon von einem Auto gesprochen. Sie wollte die erste sein, die es hier einführte ...
Ein feuchter, kalter Schweiß trat der Nordeni auf die Schläfen, als sie daran dachte, daß sie in drei Tagen würde packen müssen ... allein ... und dann wieder auspacken ... und abermals packen ... ihre Kleider, ihre Wäsche, ihre Schuhe, ihre Haare, ihr Geschmeide ... Reisen ... Singen ... Singen ... und die Grobheiten von Kapelle ...! Immer schwerer wurde es ihr, das hochnäsige Lächeln festzuhalten ... immer schwerer, die Höhe zu erklimmen ... So viel Staub lag in ihrer Kehle, so viel Müdigkeit in ihren Gliedern ...
Der Wagen hielt. Der Diener sprang vom Bock, öffnete den Schlag, die Finger an der Hutkokarde. Sie nickte herablassend -- ihr Diadem funkelte auf in dem behende angedrehten Licht der Hotelhalle. Aalgleich wand sich ein Neger an ihr vorbei, drehte überall das Licht an. Auch in ihrem Zimmer.
Es war nur flüchtig geordnet -- von fremden, lieblosen, ungeschickten Händen. Jetzt war sie wenigstens allein ... Um keinen Preis rief sie das schwarze Mädchen ... Und wenn sie die ganze Nacht angekleidet bleiben sollte! ... Eine der Kolleginnen würde ihr schon helfen, wenn sie von der Hochzeitsfeier zurückkämen ...
Die Tür zum kleinen Zimmer nebenan stand noch auf. Wenn sie Licht darin machte, dann konnte sie sich allenfalls einbilden, Mariette wäre noch da, bürste ihr rotes Haar und ordne es unter dem hübschen Netz, mit den blauen Schleifen, das sie über Nacht immer trug ...
Langsam ging sie auf das Zimmer zu. Ihre Schleppe rauschte hinter ihr drein, ihre Steine funkelten auf, wie Strahlen einer scheidenden Sonne. Aber kaum hatte sie den Fuß über die Schwelle gesetzt, als das Licht in ihrer eigenen großen Stube erlosch. Etwas Weiches, Glattes, gleich zwei nackten Frauenarmen, umklammerte ihren Hals -- gleichzeitig fühlte sie einen Schlag gegen die Stirn und schrie auf -- kurz und hoch und klar. Stieß in ihrem Todesschrei noch zum letztenmal den Ton aus, auf dem ihr ganzes Leben aufgebaut gewesen war -- das hohe ~C~ ...
-- -- -- Die Vorstellung am nächsten Abend fiel aus.
Den ganzen Tag standen Schutzleute vor dem Hotel, um die andrängende Menge zurückzuhalten. Schließlich mußte die Straße abgesperrt werden, da es allen Anschein nahm, als ob sich eine Korsofahrt vor dem Hause entwickeln sollte ...
Eine Kommission hatte den ganzen Morgen über den Tatbestand des Mordes aufgenommen. Von der schwarzen Dienerschaft waren ein Neger und seine Liebste, die Stubenmädchen war, verschwunden. Sie hatten reiche Beute gemacht und mußten Helfershelfer gefunden haben außerhalb des Hotels ... Als alles vorüber war, ließ Russel die Nordeni feierlich aufbahren. Die Stirn mit der klaffenden Wunde war mit einem Spitzenschleier umwunden.
Bis in die Lippen bleich, mit verstörten großen Augen schlich sich Karla zu ihr herein. Sie faltete die Hände, als wollte sie beten, aber ihre Lippen vermochten keine Silbe zu formen.
„Primadonnentod“, murmelte jemand neben ihr.
Es war Kapelle.
Sie schrak zusammen, als hätte sie jemand am Genick gepackt, und da Altmann, der gerade einen riesengroßen Kranz zu Füßen der Toten niedergelegt hatte, sich aufrichtete -- warf Karla aufschluchzend ihre beiden Arme um seinen Hals ...
„Mein Mann ... mein lieber Mann! ...“
Karla König konnte sich lange nicht von ihrer Erschütterung erholen. Sie litt an Weinkrämpfen, war krankhaft ängstlich geworden, und nicht selten mußte ein im Theater anwesender Arzt, mit Beruhigungsmitteln aller Art ausgerüstet, die Zwischenakte in ihrer Garderobe verbringen.
Nachts konnte sie oft stundenlang nicht schlafen, sah immer Mariette vor sich, wie sie in einem langschleppenden schwarzen Kleide vor der Bahre der Nordeni niedergekniet war und sich die Tränen mit einem kostbaren Spitzentüchlein getrocknet hatte.
De Santos hatte hinter ihr gestanden, wieder sehr bewegt und sehr feierlich. Ein Diener brachte einen Kranz, groß wie ein Wagenrad.
Mariette und die Nordeni mit ihrem tragischen Ende schienen Karla unlöslich mit ihrem Manne verknüpft. An dieser Vorstellung litt sie mit tausend Schmerzen. Ihre Erfolge freuten sie nicht mehr. Wenn Altmann im Theater zurückgehalten war und sie längere Zeit allein blieb, dann ging sie auf die Suche nach Kapelle.
Das erstemal hatte sie an seiner Zimmertür angeklopft.
„Sie? Was ist? Was wollen Sie?“
Es war kein sehr freundlicher Empfang gewesen.
„Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben?“
Er stieß die Balkontür auf, klappte die Notenblätter zusammen, die auf seinem Tisch ausgestreut lagen.
„Was schreiben Sie, Kapelle?“
„Schreiben? Ich? ... Ich schreibe überhaupt nichts. Stimmen ziehe ich ein. Wann zum Deubel ist denn endlich Ihr Vertrag mit Russel zu Ende?“
„Weiß nicht. Ich bin im Vorschuß ... gehen läßt er mich nicht so bald ...“
„Läßt er nicht ... ja ... glaub’s gern ... Wär ja auch eine Eselei von seinem Standpunkt ... Aber Ihr Mann ... ich meine: +Haben+ Sie denn nichts? ... Gar nichts? ...“
„Geld meinen Sie? Nein, Kapelle ... Geld haben wir nicht ... so viel nicht. Auf der Reise geht doch eine Menge drauf ... Russel sagte letzthin ... so eine erste Rundreise wäre nie lohnend. Erst die zweite brächte auch wirklich was ein.“
„Ja, das sagt er immer“, schnitt Kapelle trocken ab.
„Aber ich möchte nicht, Kapelle ... Noch einmal da herunter ... noch einmal dieselben Hotels, dasselbe Publikum ... Unterdes wächst mein Kind heran. Weiß nicht mal, wie ich aussehe ...“
„Und Ihre Stimme geht flöten ... ja ... oder Sie verschlampen ... Gestern ... glauben Sie, es war schön, wie Sie gesungen haben? Für die Idioten hier noch zehnmal zu gut -- aber für uns zwei ... war es schön?“
Karla schoß das Wasser in die Augen.
„Ich weiß nicht ... ich hör’ mich nicht mehr ... ich hab’ keine Freude an mir.“
Sie hatte keine Freude an sich mehr. Das war es. Es konnte ihr auf die Dauer nicht gleichgültig sein, vor wem sie sang und was. Immer dieselben fünf, sechs Partien. Das machte sie krank.
„Glaubst du, es macht mir Vergnügen, den Inspizienten zu spielen?“, meinte dann Altmann, „immer dasselbe zu sagen und zu tun? ... Das Leben ist eben keine Freuden-, sondern eine Pflichtenkette.“
Seit Karla ihm an der Bahre der Nordeni so triebhaft um den Hals gefallen war, hatte er seine Autorität ihr gegenüber langsam wieder zurückzuerobern versucht. Es fiel ihm nicht schwer. Karla war weicher, fügsamer denn je in dieser ersten schweren Zeit ihrer Niedergeschlagenheit. Sie klammerte sich an ihn mit aller Kraft ihrer verängstigten Seele, ordnete sich ihm unter, mit aller Dankbarkeit für das Schicksal, das ihr in ihm einen Beschützer und Beschirmer gegeben. Er aber erstarkte an ihrer Schwäche und fand, daß die einzige Möglichkeit für ihn, über die demütigende Erinnerung an sein Verfehlen hinwegzukommen, in einem fortab noch lebhafteren Betonen ehrbar bürgerlicher Grundsätze lag.
Einmal brach sie in Tränen aus.
„Sag’ Ernst ... kannst du ihn denn nicht bewegen, mich frei zu lassen? Ist es denn gar nicht möglich?“
Altmann zerbiß sich die Lippe, wußte nicht recht, was er ihr antworten sollte. Schließlich gestand er ihr, daß er den Vorschuß wohl allenfalls zurückzahlen könnte von dem, was er bei Seite gelegt hätte, aber Russel spräche bereits von einer Verlängerung des Vertrages auf ein Jahr ...! Karla sollte das Doppelte der Gage haben und nicht über das nördliche Amerika hinauskommen. Russel ließ sogar durchblicken, daß er allenfalls auch den Vorschuß streichen wollte. Hielt nur mit einem bestimmten Versprechen zurück, um nicht einen letzten guten Schachzug frühzeitig aus der Hand zu geben. Er, Altmann, war sehr geneigt, mit Russel einig zu werden, denn ob Karla nun das Kind wiedersah, wenn es drei oder vier Jahre alt war, das konnte doch wirklich in einer so ernsten Frage nicht mitspielen. Aber es war wirklich nicht gleichgültig, ob sie zwanzigtausend mehr oder weniger heimbrächten.
„Das ist +mir+ aber völlig gleichgültig“, meinte Karla mit zuckenden Lippen.
Altmann wurde ungeduldig.
„Ja, liebes Kind, du sorgst dich ja auch nicht um das Weitere, überläßt alles hübsch mir.“
„Wir werden nicht verhungern ... Schließlich nimmt mich jetzt jede Bühne ...“
Es war ihr erster ernster Widerstand.
Er traf ihn doppelt fühlbar nach den langen Wochen bedingungsloser Unterwürfigkeit. Kalter Zorn erfüllte ihn, versteinerte seine Züge. Das Geld, das er Monat auf Monat zurückgelegt hatte, das gab er keinesfalls heraus -- nur um eine Laune, eine kindische Sehnsucht zu befriedigen!
„Glaubst du, ich möchte nicht auch mein Kind sehen? Meine Geschwister? Ich beherrsche mich eben.“
Sie schüttelte den Kopf, müde, erschöpft von all den Gegenreden, die sie wortlos innerlich gehalten hatte.
„Nicht bloß des Kindes wegen ... aber auch meine Stimme ... Ich müßte wieder ein paar Stunden nehmen, neue Partien studieren ... Ich verkomme ja hier ... fühlst du denn das nicht -- ich verkomme ...“
„Unsinn, Karla. Das redest du dir nur ein. Du verkommst gar nicht, wenn du ein Jahr länger bleibst.“
Sie sprang vom Sessel auf.
„Ein Jahr ... und wieder ein Jahr ... und noch ein Jahr ... wie er es mit der Nordeni gemacht hat ... ich weiß schon!“
Altmann fing nicht mehr davon an.
Russel hatte gesagt: „Ihre Frau will jetzt nicht? ~Well~, warten wir bis New York. Ich lasse sie dreimal in der Metropolitan singen ... Das wird sie mit Amerika wieder aussöhnen ...“
Es begab sich eines Abends, in einer der letzten Gastspielstädte, daß Kapelle dreimal laut hörbar mit dem Taktstock aufschlagen mußte, um Karla von irgendwoher, wo ihre Gedanken gerade weilten, zurückzuholen.
„Schweinerei, verdammte!“
Sie hörte es von der Bühne herab und wurde blaß unter der Schminke.
Im Zwischenakt versuchte sie überall, seiner habhaft zu werden; schickte Ankleidefrau, Theaterarbeiter und einen Statisten, ihn zu suchen. Er ließ sich jedoch nicht finden.
Nun war er gewiß wütend auf sie. Sie hatte ihren besten Freund verloren. Sie fühlte sich schwer unglücklich. Auch während der folgenden Wochen war es ihr nicht möglich, mehr als einen flüchtigen Gruß mit ihm zu wechseln. Er sah es nie, daß sie auf ihn zueilen wollte, rückte nur kaum merklich an seinem Hut und ging, ohne sie weiter anzusehen, vorüber. Seine Mahlzeiten nahm er nicht mehr gemeinsam mit der Gesellschaft, wohnte auch nicht mehr in demselben Hotel.
-- -- Die letzten Stunden vor der Ankunft in New York verbrachte der größte Teil der Gesellschaft, mit Russel an der Spitze, im Speisewagen. Es wurde nach alter Gewohnheit viel Sekt getrunken, Russel sprach einige Worte, dankte den Mitgliedern für „ihre Arbeit“ und gedachte eines seiner treuesten, erfolgreichsten Mitglieder, der „unvergeßlichen“ Nordeni. Alle standen auf und blieben einige Augenblicke stumm.
Nachdem alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, erhob sich der Bariton mit einigen Dankesworten im Namen der Mitglieder. Aufs neue klangen die Gläser zusammen als bekräftigender, heiterer Abschluß. Aber zum Staunen aller sprach Russel noch einmal: Er hätte immer mit viel Vergnügen die Kunstfahrten seiner Mitglieder geleitet und hätte manch neuen Stern dabei entdeckt, den er weiter auf seiner glänzenden Bahn verfolgte. Diesmal hätte er außer Freuden, Mühen und unvermuteter Trauer noch etwas gefunden: Beistand. Dieser Beistand wäre ihm von Mister Altmann gekommen, den er schätzen gelernt hätte. Und darum hoffte er, sein ~dear friend~ Altmann würde ihn auch weiter auf eine Reihe von Jahren entlasten wollen. Keinem übergebe er lieber einen Teil der Leitung als ihm, der sich in allen schwierigen Lagen so trefflich bewährt hatte.
Er schüttelte Altmann die Hand, andauernd und fast übertrieben herzlich.
Karlas Augen starrten die beiden groß an. Vor einem Jahr, vor zwei, wäre sie stolz gewesen über diese Worte, hätte gejubelt und wäre ihrem Manne an den Hals geflogen .... Aber jetzt ... heute ... heute, wo alles vorbei sein mußte? ...
Sie glaubte nicht an Russels Bewunderung für ihren Mann. Es lag Russel auch gar nichts an ihrem Manne. Was der geleistet hatte, konnte jeder bessere Inspizient, Regisseur oder Inspektor leisten. Darum brauchte Russel ihm nicht einen Teil der „Leitung“ zu übergeben, ihn zu seinem Stellvertreter zu machen ... Das galt nicht ihrem Mann ... das galt +ihr+. Um +sie+ zu halten, war das alles! ... Um sie zu knebeln, ihr die Hände zu fesseln ...
Altmann suchte sie mit den Blicken, aber sie war verschwunden. Sie war in ihr Abteil geflüchtet.
Sie schrak zusammen, als die Tür des Abteils zurückgeschoben wurde. Sie wollte ihren Mann jetzt nicht sehen ... jetzt nicht ...
„’Tag“, sagte Kapelle und rückte an seinem Hut.
Sie sprang auf, streckte ihm beide Hände entgegen.
„Endlich! ... Sind Sie mir nicht mehr böse?“
„Böse? Wieso? Hab’ nie daran gedacht ... Setzen Sie sich nur. Wir haben nicht viel Zeit.“
Er schob die Tür wieder energisch hinter sich zu und ließ sich am Fensterplatz, Karla gegenüber, nieder.
Sie wollte was sagen von schlechtem Singen, von verspäteten Einsätzen -- er schnitt ihr mit einer kurzen, hastigen Bewegung das Wort ab.
„Jetzt handelt es sich um etwas anderes. Ich wollte es mir bis New York aufsparen ... Aber jetzt ist jedenfalls Gefahr im Verzuge ... Also kurz und gut: ich hab’ was für Sie.“
„Für mich? ... Was haben Sie für mich?“
„Eine Depesche, weiter nichts. Halt ... nicht aus der Hand reißen -- zuhören! Es ist nichts Böses. Also: Berlin, wohlverstanden -- Berlin kabelt, ob Karla König für drei Jahre mit steigender Gage von fünfzehn-, achtzehn- und zwanzigtausend Mark und freiem Gastspielmonat einverstanden .... Unterschrift geht Sie nichts an. So.“
Karlas Kopf war gegen das Kissen zurückgefallen. Sie murmelte erst etwas kaum Verständliches -- ihre Hand schlug in der Luft hin und her.
„Kapelle ... lieber Kapelle ...“
Er faltete das Telegramm zusammen und steckte es in die Seitentasche seines stets verknitterten Anzuges.
„Na ja ... na ja ... Das Ei des Kolumbus ... War ganz einfach. Ich hab’ noch ein paar Beziehungen ... das ist alles. Hab’ sie nie gebraucht für mich ... Aber diesmal .... Also geht Sie alles nichts an. Ich frage nur: Ja oder nein?“
Karla suchte ihr Taschentuch; sie preßte es gegen die Augen, schneuzte sich, lachte, brachte ein paar ganz sinnlose, unzusammenhängende Worte vor und stockte plötzlich.
„Na, was ist denn nun wieder?“
„Nicht böse sein, Kapelle ... liebster, bester Kapelle ... nicht böse sein ... Aber wenn Russel ... wenn der Mensch mich nicht losläßt, und wenn mein Mann ...“
„Ach was, Russel ... Ihr Mann ... Vielleicht der Herr Präsident der Vereinigten Staaten und der Schutzmann von der nächsten Ecke! ... Kommt man über den Kopf, so kommt man über den Schwanz ... Ich hab’ was auf der Bank ... brauche ja nichts, nicht wahr? Und den Russel ... dem hab’ ich immer fest Daumenschrauben angelegt ... Hat immer alles gezahlt und wird weiter zahlen! ... Also wenn’s das ist ... Das Geld für Sie, um von ihm loszukommen, liegt bereit.“ ...
Er kramte in der Seitentasche, holte ein schmales Büchlein heraus, kritzelte seinen Namen unter eine Seite, riß sie heraus und steckte sie Karla in die Hand.
„Ein Scheck. In blanco.“
Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf, weil Karla ihn mit ihren großen, braunen Augen ganz verständnislos ansah.
„Herrgott, wissen Sie denn nicht, was ein Scheck in blanco ist? Also Sie brauchen hier bloß auszufüllen ... die Höhe des Betrages ... dreitausend Dollar ... oder viertausend ... oder fünftausend ... wie viel es gerade macht. Zehne sind’s doch nicht?“, schrie er sie an, weil sie noch immer so regungslos dastand. „Na also, bis zehn langt es ... verstanden? ... Damit gehen Sie zur Bank und holen sich das Geld und legen es Russel in seiner Office auf den Schreibtisch. Quittung nicht vergessen! Sie sind imstande! ... Obwohl Russel ... Handschlag genügt bei ihm. Ein +kleiner+ Schuft ist er nicht. Damit käme er hier nicht weiter. Haben Sie nun verstanden, ja? Zeit war’s. Und morgen in Ihrem Boardinghouse hinterlassen Sie mir ein Wort, bevor Sie ausgehen. Ja oder nein. Damit ich nach Berlin kabeln kann. Verlieren Sie den Scheck nicht ... sonst holt sich irgendein Nigger das Geld ab ... Wär’ schade ... Wiedersehen, Karla König ... Ich sehe Sie noch, bei Ihrer Abreise. Und in Berlin gleich zum Halsarzt! Und Stunden nehmen! Von vorne anfangen ... verstanden? Und das Geld ... wenn Sie mal sehr viel verdienen ... dann schicken Sie mir’s zurück. Brauchen kann man’s immer.“ ...
Er drückte ihr die Hand, kurz und hart, rückte an seinem Hut, schob die Tür auf und wieder hinter sich zu.
Er sah sich nicht mehr um, sah nicht, wie Karla in die Knie sank, mitten auf den staubigen, schmalen Boden ihres Pullman Cars, wie sie die Hände über dem Blatt Papier aneinanderfaltete und mit lauter, zitternder Stimme zu den Gepäcknetzen hinaufschrie:
„Solch einen Menschen hast du geschaffen, lieber Gott ... solch einen Menschen ...!“
Im Boardinghouse fanden sie Post vor.
In dem großen Brief an Altmann war ein kleines Briefchen von Vicki beigelegt. Sie schrieb über Schmerzchen hauptsächlich. Schmerzchen sei „süß“ und frage jeden Tag nach der Mama. Die Nachschrift war bedeutend länger und handelte von einem jungen Manne, den sie auf dem Architektenball kennen gelernt hätte. Er hieße Bodo Völkel und arbeite bei einem großen Baumeister. Er tanze „wundervoll“ und sei sehr klug. Sie habe sich „himmlisch“ mit ihm auf dem Ball unterhalten und ihn einige Male heimlich getroffen. Karla dürfe es nur beileibe nicht der Mama sagen. Denn von ihrer heimlichen Verlobung sollte noch keiner etwas wissen. Bodo sei übrigens auch ganz entzückt von Schmerzchen, das sie immer mit auf ihren Spaziergang nehme. Sie gingen nämlich meist im Tiergarten spazieren, weil dort die beste Luft für Schmerzchen sei. Und wenn Karla erst in Berlin wäre, dann würde Bodo ihr sofort seinen Besuch machen ... „denn Du kannst Dir denken, Mama würde große Augen machen, wenn er so plötzlich käme ...“
Karla lächelte und steckte den Brief in die Tasche. Kindereien! Sie hatte jetzt Wichtigeres vor.
Altmann las noch immer. Es waren acht engbeschriebene Seiten. Sein Gesicht war ernst, ja sorgenvoll. Karla beobachtete das Zucken seiner Brauen, die nervöse Bewegung, mit der er sich um das bartlose Kinn fuhr.
„Was schreibt Adele?“
Altmann überhörte scheinbar die Frage, faltete den Brief zusammen und steckte ihn ein. Dann ging er im Zimmer auf und ab. Ein grübelnder Ausdruck lag auf seinen Zügen.
Karla setzte sich auf das Sofa und umschlang die Knie mit den Armen.
„Ich hätte wichtig mit dir zu sprechen, Ernst ...“
„Ja ... was ist ... was soll’s?“
Ein leiser Ärger stieg in ihr hoch. Was sie ihm zu sagen hatte, war doch mindestens so wichtig wie alles, was man ihm von dort schreiben konnte! Oder ...
Sie solle ihn jetzt nicht mit Fragen quälen. Er müsse Ruhe haben, überlegen können. Das Anerbieten, das ihm Russel gemacht habe, sei so verlockend, daß ...
Karla unterbrach. Es handelte sich nicht um Russel ... Was immer er anbieten mochte -- sie blieb nicht.
Und weil sie das kalte, ironische Staunen in ihres Mannes Augen reizte, bullerte sie heraus, was sie langsam, bedeutsam hatte vorbringen wollen. Berlin bot ihr einen dreijährigen Vertrag, und Kapelle streckte ihr das Geld vor, um den Vorschuß an Russel zurückzuzahlen.
Altmann verfärbte sich. Alles in ihm empörte sich dagegen, daß ein Fremder, ein Dritter sich in Karlas Schicksal mengte, das er allein bisher geleitet hatte. Wie kam er dazu?
„Kapelle hat Beziehungen in Berlin ... welche, hat er mir nicht gesagt. Aber er hat diese Beziehungen angerufen, weil er sich für meine Stimme interessiert ... als Musiker interessiert ... Du bist kein Musiker .. Du weißt nicht, was das für mich heißt, noch ein Jahr unter diesen Verhältnissen zu singen ... keine Ahnung hast du! ...“
Karla fing an zu schluchzen. „Ich will so nicht weiter leben ... will nicht künstlerisch verkommen ... Durch Kapelle bietet sich mir das große Los ...“