Die Primadonna

Part 18

Chapter 183,672 wordsPublic domain

„Weihnachten ... Stollen, Kerzen ... kenn’ ich, kenn’ ich ... Bin große Familienfeste nicht mehr gewöhnt ... ta, ta, Kleine ... ein andermal ..! Pauline macht mir einen polnischen Karpfen ... delikat -- Bei Borchardt nicht besser ... dazu einen feinen Mosel ... Werde auf dein Wohl trinken, Kleine ... um zehn kommt ein Klubfreund ... da spielen wir noch eine, zwei Partien ... Pauline liest in ihrem neuen Andachtsbuch -- weiß Elfenbein, bitte -- raschelt mit ihren gestärkten Röcken ... mag ich gern hören, klingt so propper ... bringt uns was zu knabbern -- ein Gläschen Grog ... ganz leicht ... einmal ist keinmal ... Vor dem Schlafengehen eine Patience ... zanke mich noch ’n bißchen mit Pauline ’rum ... und dann in die Klappe. Tja ... und wenn ich dann träume, daß meine Tochter eine große Primadonna ist ... dann war’s das schönste Weihnachten, das ich mir wünschen kann! ...“

Und während des Lärmens um den feierlich strahlenden Baum, während der Fragen und Ausrufe der Schwägerinnen, der geschwisterlichen Anrempeleien von Fritz und Vicki, der tönenden Weisungen und Ansprachen Altmanns -- sehnte sich Karla plötzlich in das stille, helle Zimmer des Papa, an den runden Tisch unter der friedlich brennenden Lampe, um den herum das „proppre“ Röckerauschen von Pauline einen altbackenen Duft traulicher Gemütlichkeit verbreitete ...

Und doch sollte Karla an diesem ersten Weihnachtsabend in ihrem Hause eine erste große Freude erleben.

Ein Wattebäuschchen, das als Schnee auf einem Tannenzweig lag, hatte unbemerkt Feuer gefangen, während Karla „Stille Nacht, heilige Nacht“ am Klavier sang. Ein trockener Zweig flammte auf -- ein zweiter ... Fritz bemerkte es als erster und stürzte an den Fernsprecher in Altmanns Zimmer, um die Feuerwehr herbeizurufen, während alle sich, so gut es ging, mit dem Löschen befaßten.

Karla riß vor allem Schmerzchen aus ihrem neuen hübschen Rohrsessel auf, von dem sie wie aus einer Loge dem immer mehr um sich greifenden Brand mit großen, glänzenden Augen hochbeglückt zugesehen hatte, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, die Großen zu rufen, die ja doch nur Störenfriede waren.

Als die Feuerwehr kam, war es höchste Zeit. Die Herren hatten die Tafel und alle Möbel zur Seite gerückt, das weiße Laken fortgerissen, das das Tannenkreuz zudeckte. Das Mädchen hatte Wassereimer angeschleppt, und die Damen tauchten alles, was an Besen und Lappen vorhanden war, ein, um den Baum zu nässen. Als der schwelende Rauch das Löschen kaum noch möglich machte, ratterte die Feuerwehr heran.

Karla kümmerte sich um nichts. Sie hatte Schmerzchen ausgezogen und streifte ihr unter tausend kleinen Neckereien und Küssen das Nachthemdchen über den frisch abgeriebenen Körper. Schmerzchen hatte selbst die abendliche Abreibung verlangt, hatte selbst Schwamm und Seife angebracht, mit allerlei drolligen Belehrungen der Mama gezeigt, wie sie es zu machen hätte. Und dann hatte Schmerzchen gelacht, richtig gelacht wie andere Kinder, wenn das kalte Wasser ihr über das zierliche Körperchen lief. Denn es war zum ersten Male lustig, dieses „Abreiben“ -- nicht nur gesund, wie Tante Lis’ immer sagte. Und Karla lachte mit, in aller Herzensseligkeit. Was scherte sie das Poltern am Ende des Ganges, das Läuten der Feuerwehr ... das Schreien und Türzuschlagen, was scherte sie der Brandgeruch, der sich leise bis ins Hinterzimmer schlängelte -- mochte doch alles verbrennen dort drüben -- die großartigen Speisezimmermöbel und die Vorhänge und ... das ganze Zeug, an dem sie mit keiner Faser ihres Herzens hing! Sie hatte ihr Schmerzchen im Arm ... und Schmerzchen lachte ihr zu und warf die Ärmchen um sie ... und wenn die ganze Wohnung in Flammen aufging, dann packte sie ihr Kind in die Decke ein und lief mit ihm hinunter auf die Straße -- -- und zum Papa in das helle, stille Zimmer, legte es unter die Bilder und Kränze und Schleifen und hütete seinen Schlaf eine lange, wunderschöne Christnacht durch ...

So gut aber sollte es ihr nicht werden. Luise kam herein, abgehetzt, noch zitternd an allen Gliedern.

„Wie das Eßzimmer aussieht ... Ernst muß morgen gleich zur Feuerversicherung! ... Du hast das Kind zu Bett gebracht, Karla? Gut ... aber nun das Licht gelöscht ... raus, raus ...“

Und da Schmerzchen zum ersten Male ihr Recht an die Mama geltend machen wollte, fuhr Luise sie an:

„Nicht unartig sein, Isoldchen ... gleich kommt der Weihnachtsmann und holt sich alle deine Spielsachen. Na ... also ... Jetzt geh aber, Karla ... Du bist gerade so unvernünftig wie das Kind ...“

Am nächsten Morgen stand in einem viel gelesenen Blatte ein längerer Aufsatz über den Brand im Hause der gefeierten Opernsängerin Karla König, der nicht ohne Lebensgefahr gewesen wäre für die Primadonna und ihre zahlreichen Gäste, die sich übrigens lebhaft an der Löscharbeit beteiligt hätten und denen es, unterstützt von der herbeigeeilten Feuerwehr, gelungen wäre, die Kostbarkeiten und wertvollen Einrichtungsgegenstände den Flammen zu entreißen.

Am Nachmittag aber kam der Papa, sehr aufgekratzt. Karla öffnete ihm selbst.

„Na, Kleine ... ist glücklich alles verbrannt?“

„Wie meinst du ...?“

Er griff mit komischer Verzweiflung an seinen silberweißen Kopf, als er von Karlas Musikzimmer aus durch die offenen Türen die Wohnung überblickte.

„Aber es steht ja noch alles da, Kleine ... um Gottes willen!“

Er fiel auf einen Stuhl nieder und tupfte sich mit dem weißseidenen Tüchlein die Stirn ab.

„Da hatte ich alter Esel gehofft ... na ... Die Feuerwehr hätte ruhig ein bißchen später kommen können.“

„Es wäre schade gewesen um den Bechstein“, sagte Karla, mit einem Versuch zu lächeln ...

„Ja, um den allenfalls. -- -- Also ich sehe, es ist wieder alles beim alten ... da kann ich gehen. Immerhin: Brand am Weihnachtsabend bei Karla König ... machte sich ganz nett ... Das lesen mehr Leute, als wenn was über deine Sieglinde drinsteht ... Wo ist übrigens Altmann? Bei der Feuerversicherung ... ja ... natürlich. Pauline sagt, ich müßte auch ... Sie nimmt sich ein bißchen viel heraus, die gute Pauline .. Bin mein Lebtag ohne alle Versicherungen ausgekommen ... Was hätte ich auch zu versichern? ... Ein bißchen Geschmack vielleicht ... der ist nicht zu substanzieren. Also pa, Kleine ... halt’ die Fenster auf ... es riecht noch eklig säuerlich in den Zimmern. Paß’ auf, daß der Geruch nicht bleibt. Es gibt so Wohnungen ... Menschen auch ... und es ist ansteckend -- paß’ auf ...!“

Es war merkwürdig: Karlas sehr ernste künstlerische Erfolge hatten ihren Namen in Berlin weniger bekannt gemacht als die paar Löcher, die ein flammender Tannenzweig in den Teppich gebrannt hatte. Ihr Name wurde auch jenen geläufig, die das Opernhaus nur alle drei Jahre wie zu einem Weihfestspiel betraten. Damen der großen Wohltätigkeit wurden auf sie aufmerksam, baten sie um ihre Mitwirkung bei ihren Veranstaltungen.

Eines Tages brachte das Mädchen ihr eine Karte herein, bei deren Anblick Karla alles Blut zu Kopf schoß. Sie wollte sich erst verleugnen lassen, aber dann lief sie selbst auf die kurze, in einen Gang auslaufende Diele hinaus. Es war lächerlich und unpassend. Aber das fiel ihr erst viel später ein -- als sie schon mit Gaudlitz in ihrem kleinen, kahlen Empfangszimmer saß und die seidenen Fransen der ockergelben Tischdecke unruhig zusammenflocht.

Gaudlitz war gekommen, um sich ihrer Mitwirkung in einem großen Fest in der Philharmonie zu versichern.

„Ich gehöre nun einmal zum Komitee -- und da konnte ich mir die Freude nicht versagen, selbst zu Ihnen zu kommen und Sie sehr inständig zu bitten ...“

Er brach ab, sah sie lachend an und wußte, daß er gar nicht viel zu bitten brauchte.

Sie hatte keine Spur von Koketterie. Ganz offen leuchtete ihr die Freude aus den Augen, ihm „ja“ sagen zu dürfen. Und nur, als er ihre Hand dankend an die Lippen zog, da flammten ihre Wangen auf.

„Ach, lassen Sie das, Graf Gaudlitz, Sie haben gar nicht zu danken -- ich komme ja so gerne. Was wollen Sie, daß ich singe?“

„Am liebsten -- alles, was Sie können ... am liebsten hörte ich Sie ganz allein ... den ganzen Abend. Ich werde gar nicht müde, Ihnen zuzuhören. Ich habe schon meiner Schwester nach Wien von Ihnen geschrieben. Meine Schwester ist dort an einen Fürsten Reichenberg verheiratet. Er hat was zu sagen in der Wiener Hofopernintendanz. Geben Sie acht -- es dauert nicht lange, und Sie bekommen einen Gastspielantrag dorthin. Man will die Primadonna dort nämlich ein bißchen kaltstellen und wird ihre erste Absage dazu benutzen, Sie kommen zu lassen ... Also -- bereit sein, ist alles.“

„Wie ein Geschenk ist das wieder ... wie ein Geschenk“, murmelte sie ganz ergriffen.

„Ein anderes darf ich Ihnen ja leider nicht machen ...“

Ihre Augen irrten, wie Beistand suchend, im Zimmer umher. Aber nichts war ihr darin vertraut, nichts lieb -- nichts stützte oder hielt sie gefangen. Wie in der Luft schwebte sie.

„Mein Mann gibt gerade Unterricht -- sonst ...“

Es war ihr letzter Rettungsanker.

Aber er stand auf. Gar nichts lag ihm daran, den Mann kennenzulernen. Er konnte sich schon denken ... das Zimmer genügte: kahl, nüchtern, bürgerlich sauber und solide. In diese spießbürgerliche Atmosphäre wollte er sich nicht einspinnen lassen. Wollte auch sie nicht darin sehen, deren Stimme ihm die reinsten und edelsten Freuden gegeben hatte.

„Empfehlen Sie mich bitte, gnädige Frau ... meine Zeit ist leider beschränkt ...“

Sie verstand und hielt ihn nicht zurück.

Er verneigte sich kurz und tief. Sie blieb auf dem Fleck stehen, mit herabhängenden Armen, neigte nur den Kopf zum Abschied und stand noch so da, als die Eingangstür hinter ihm ins Schloß fiel.

Altmann aber war während des Unterrichts zufällig ans Fenster getreten und warf gerade einen Blick hinaus, als Gaudlitz aus der Tür trat und auf seinen Kraftwagen zuschritt. Seine Brauen zogen sich zusammen, wie unter der Einwirkung eines plötzlichen kurzen Schmerzes. Der Schüler säuselte gerade Romeos Liebeswerben ... Hundertmal hatte Altmann ihn vorhin gerade an dieser Stelle unterbrochen -- jetzt sagte er gar nichts, nickte nur, mit abwesendem Ausdruck in den Augen.

„Ja ... weiter ... weiter ...“

Als Luise wenige Minuten später mit Schmerzchen vom Spaziergang heimkehrte und das Mädchen fragte, ob „was los gewesen wäre“, hörte sie vom Besuch des Grafen Gaudlitz. Auch ihre Brauen zogen sich zusammen, ähnlich wie die ihres Bruders.

Das Mittagessen verlief noch stiller als sonst, und Schmerzchen konnte es nicht verstehen, warum die Mama manchmal so vor sich hinlächelte.

Denn Karla sagte kein Sterbenswörtchen -- weder vom Fest in der Philharmonie noch von Wien. Einmal, ein einziges Mal wollte sie etwas für sich allein haben, etwas, worauf sie sich ganz allein freuen, an das sie ganz allein denken durfte.

Adele hatte darauf bestanden, daß die Geschwister jeden zweiten Sonntag in der Motzstraße speisten. Den nächsten Sonntag waren sie selbst in der Landgrafenstraße.

„Man darf den Familienzusammenhang nicht verlieren.“

Vickis Seelenzustand jagte Adele die größten Besorgnisse ein. Vicki hatte ihre frischen Farben verloren, Vicki war still geworden und hatte oft rotgesäumte Augenlider.

Bodo Völkel hatte noch immer keinen Besuch in der Motzstraße gemacht. Adele machte Karla eigentlich dafür verantwortlich. Karla hätte den jungen Mann „ermutigen“ sollen. Es war heutzutage gar nicht leicht, ein mitgiftloses Mädchen zu verheiraten!

Adele hatte Erkundigungen eingezogen. Völkel hatte einen reichen, sehr klapprigen Onkel, einen Geizkragen, der sein Geld zusammenhielt. Aber mitnehmen konnte er es doch nicht! Wenn er starb, war Bodo Völkel sein einziger Erbe!

„Ekelhaft“, fuhr es Karla heraus.

„Was meinst du? Was findest du ekelhaft?“

„Auf den Tod eines Menschen zu spekulieren.“

„Du willst wohl sagen: damit rechnen?“ warf Luise scharf ein. „Das muß man wohl, wenn man vernünftig ist.“

„Ja ... was wollt ihr eigentlich von mir?“

„Du hättest den jungen Leuten Gelegenheit geben können, sich zu treffen, ganz unverbindlich für ihn natürlich, aber doch ... Du siehst doch, er wagt es nicht, sich an die Eltern zu wenden! Da muß man eben ein bißchen nachhelfen.“

Karla wollte sagen: Das brauche ich nicht, das besorgt Vicki schon allein -- aber es kam ihr vor wie häßliche Angeberei. Es war ihr zudem aufgefallen, daß der junge Architekt sich plötzlich zurückgezogen hatte. Ein kurzer Neujahrsbesuch war alles gewesen, was der Sendung seines Azaleentopfes gefolgt war. Vielleicht hatte er sich auch erkundigt, vielleicht hatte er in Erfahrung gebracht, daß die große Primadonna gar keine reiche Frau war, wie Vickis Wunsch es ihm dargestellt hatte? ...

Adele aber schürte den Schmerz im Herzen ihrer Tochter, wußte längst von den heimlichen Verabredungen, die sie noch vor kurzem gehabt hatte, und den tiefen Enttäuschungen, wenn er einmal nicht gekommen war.

„Nur nicht tun, als ob ich wirklich etwas wüßte, Kind ... Erst, wenn du seiner ganz sicher bist ... Es darf nicht aussehen, als ob du ihn einfangen wolltest ... ja nicht! Die jungen Leute haben heutzutage einen so entsetzlichen Freiheitsdrang! Die Verliebtesten wollen zart und unmerkbar geführt werden ... aber es muß auch der Augenblick kommen, da sie sich überzeugen, daß wir ihnen über alles gut sind. Das wirkt dann und schläfert alle Bedenken ein.“

Frau ~Dr.~ Adele Maurer wäre aufs tiefste entrüstet gewesen, wenn man sie schamloser Kuppelei bezichtigt hätte. Es war in ihren Augen nur mütterliche Politik, die aus ihr sprach, Vorsorge, Angst um die Zukunft der Tochter. Auch wie ein unbewußtes letztes Sehnen nach einer neuen würdevollen Mutterschaft, die im Gebären der Tochter ein Wiederaufleben längst vergangener Mutterfreuden feiert ...

Bodo Völkel hatte sich wirklich erkundigt, hatte wirklich die Zwecklosigkeit seiner Werbung eingesehen. Sein flüchtiges Gefallen an Vicki wäre schmerzlos verebbt, hätte sie nicht mit einer Leidenschaftlichkeit, die er dem blonden jungen Ding kaum zugetraut hätte, immer wieder den abreißenden Faden geknüpft.

Er brauchte nicht gleich anzuhalten, er brauchte die Tante nicht zu besuchen -- er sollte ihr nur gut bleiben, sollte seine kleine, dumme Vicki nicht fortschicken. Und er schickte sie nicht fort -- schon weil er niemand hatte, der ihre Stelle einnehmen konnte. Er ließ sich lieben, launisch, rücksichtslos, immer erfüllter von der Bedeutung seiner angebeteten Männlichkeit. Er brachte es, ohne es eigentlich zu wollen und mit den abgebrauchtesten Mitteln, dahin, daß Vicki wie Wachs in seiner Hand wurde, sich willenlos fügte, beglückt von einem freundlichen Wort, einer flüchtigen Liebkosung. Sie war -- das freilich hatte sie der Mutter nicht gesagt -- mehrfach auf seinem Zimmer gewesen, hatte wie eine kleine Hausfrau bei ihm Ordnung gemacht, Staub gewischt, seine Schlipse gewendet, seine Wäsche geflickt. Alles mit einem verschämt lachenden: „Aber, Bodo, das ist doch mein Amt ...“

Es kam vor, daß er ausgegangen war, gerade wenn sie ihm ihren Besuch für eine bestimmte Stunde in Aussicht gestellt hatte, und er war oft grob, wenn er zu Hause blieb und ihrem Treiben zusah. Aber dann fehlte sie ihm wieder, wenn sie aus irgendeinem rein äußerlichen Grunde hatte fernbleiben müssen, und er küßte sie fast leidenschaftlich bei der nächsten Zusammenkunft. Sie war so frisch und jung wie eine Knospe, er war von Ehrgeiz zerwühlt, vor Wut auf seinen Onkel erbittert, der ihn alle Dürftigkeiten des Lebens auskosten ließ, von Gier nach Prunk und Aufwand zerfressen.

Eines Nachmittags -- Vicki war seit Tagen blaß und stumm umhergegangen -- fand Adele einen Brief, mit „Bodo“ unterzeichnet. Sie wurde sehr bleich, als sie ihn gelesen hatte. Es war von Beziehungen die Rede, die aufhören mußten, ehe etwas geschah, was er nicht gutmachen könnte. Sie sollte tapfer und klug sein -- sie würde gewiß einen Mann finden, der sie glücklich machte. Er könnte es nur aufs tiefste beklagen, daß die äußeren Umstände usw. ...

Die Knie zitterten Adele Maurer. Dennoch fand sie die Kraft, ihrer Vicki, die eben ins Zimmer trat, zwei schallende Ohrfeigen zu geben.

„Du ehrvergessenes Ding! Schande über dich ... pfui ...“

Vicki weinte nicht einmal. Sie warf sich auf ihr Bett und vergrub ihren Kopf in den Kissen. Aber die Mutter ließ nicht locker. Wie mit eisernen Zangen entriß sie der Tochter ihr tiefstes Geheimnis. Sie schreckte vor keiner noch so brutalen Frage zurück. Sie fühlte als Mutter nur die „heilige Pflicht“, alles zu wissen -- alles -- bis aufs letzte. Und als sie es erfahren hatte, da wendete sie sich ab und atmete leise und erleichtert auf. Sie hatte eine Waffe in der Hand. Der Mann entging ihr nicht. Sie selbst hatte einst ihre Arme um den Studiosus Alwin Maurer geworfen, ihre Tochter war nur weiter gegangen. Das war gewiß empörend, aber wen ging das was an, wenn Vicki erst Frau Völkel war? Und sie mußte es werden, mußte ...

Sie wollte erst zu ihrem Manne. Dann besann sie sich. Nein -- an dem hatte sie keine Stütze in der Frage, an dem nicht. Das mußte in der Landgrafenstraße durchgefochten werden. Karla war ja mit schuld an der ganzen Sache! Hatte Blumen von dem Manne angenommen, hatte es gelitten, daß Vicki mit ihm im Tiergarten herumspazierte vor ihrer Nase ...

Es war bereits sieben Uhr, als sie an der Klingel in der Landgrafenstraße zog.

Karla saß im Schlafzimmer vor ihrem Ankleidespiegel und summte leise ein paar Töne vor sich hin. Sie war so froh, in so seeliger Stimmung. Heute war das große Fest in der Philharmonie -- Gaudlitz hatte drei wundervolle Teerosen geschickt, „zum Anstecken“, in einem schlanken, schillernden Tiffanyglas. Ihr süßer Duft erfüllte das ganze Zimmer wie mit einem Vorahnen allerhand schönen Erlebens.

Karla hatte eben ihr neues Konzertkleid bekommen -- weiß mit gold. Sie hatte kaum die Rechnung angesehen.

Für den heutigen Abend war ihr nichts zu schön, zu kostbar. Und ein jäh aufsteigendes Erschrecken über ihren Leichtsinn beschwichtigte sie mit einem: Für Wien brauche ich es ja doch ...

„Bildschön sehen gnädige Frau darin aus“, hatte ihr die große Schneiderin gesagt.

Daran mußte sie jetzt denken, und wie ein hüpfendes helles Licht, so spukte ein immer wieder auftauchendes Lächeln über ihr noch immer junges, hübsches Gesicht, vertiefte die schelmischen Grübchen in Kinn und Wangen, die ihm so leicht etwas Kindliches gaben ...

Oh, wie sie sich freute! -- -- --

Da stürzte fast ohne Anklopfen Adele in ihr Zimmer, hinter ihr Luise. Und Luise rief:

„Ernst ... so komm doch, Ernst ... es ist etwas Wichtiges ...“

Da standen nun die drei Altmannschen Geschwister -- Adele in der Mitte, trotz ihrer Rundlichkeit wie Schutz suchend zwischen dem Bruder und Luise.

„Hättest du mir doch gleich gesagt, Karla ... Es war deine Pflicht ... aber du zogst es vor, Heimlichkeiten mit Vicki zu haben ...“

So waren Adelens erste Worte. Nicht überlegt, ganz triebhaft entlastete sie sich selbst durch die unsinnigste Beschuldigung anderer.

Karla verstand nichts ... nur auf ihre Freude senkte sich plötzlich eine schwere, schwarze Wolke ...

„Beruhige dich, Adele ... beruhige dich, meine Liebe ...“, sagte Altmann und hielt schon Bodo Völkels Brief in der Hand; Luise las über seine Schulter hinweg mit. Adele schluchzte und fiel auf das Ruhebett, so nahe dem wundervollen weißen Kleid, daß ihr alter Mantel es bei jeder Bewegung streifte, seine Spitzen verknitterte. Aber wer achtete noch darauf ...

Hier wurde über zwei Menschenleben zu Gericht gesessen.

„Er ist ein Schuft, aber Vicki muß seine Frau werden ...“

Adele wiederholte es wieder und immer wieder.

Karla zog ihre feine, weiße Frisierjacke enger um die Schultern. Es war ihr, als würde sie in Eiswasser getaucht. Wie schrecklich war das alles ... Wenn er ein Schuft war, +durfte+ Vicki ihn doch nicht heiraten! ...

„Sprich keinen Unsinn“, schnitt Altmann erregt ab.

Luise sagte gar nichts. Sie biß an der Unterlippe. Ihre lange, hagere Gestalt drückte tiefsten Widerwillen aus, um ihren Mund lagen Ekel und Empörung. Ihre starre, nie bedrohte Tugend faßte es nicht, daß das Kind ihrer leiblichen Schwester sich so weit hatte vergessen können. Aber schließlich sagte auch sie, wenn auch stockend und mit tiefem Abscheu: „Er muß Vicki heiraten -- er muß!“

„Den Kerl knöpf ich mir vor“, erklärte Altmann.

Adele griff nach seiner Hand.

„Ich wußte ja ... du bist der einzige ...!“

„Aber wenn Vicki jetzt nicht mehr will ...?“ kam es scheu von Karlas Lippen.

Adele sprang mit einer Behendigkeit auf, die in grellstem Gegensatz stand zu ihrem sonst so würdevollen Wesen.

„Was heißt das: nicht will?“

„Ruhig, Adele ... ruhig. Auf Wollen oder Nichtwollen kommt es jetzt nicht an, mein liebes Kind“, wendete er sich gleich darauf an Karla. „Sie muß. Sie hat jedes Recht auf eigenes Wollen verwirkt!“

Karla nahm die Tiffanyvase vom Frisiertisch und drückte ihr Gesicht an die Blumen.

Nun sprachen alle drei auf einmal ... die Schwestern machten Vorschläge ... Altmann sollte Bodo Völkel aufsuchen ... sofort ... Er war Leutnant der Reserve ... man könnte ihn vielleicht beim Regiment ...

„Nein“, sagte Altmann. „Hat er nicht so einen Erbonkel, sagtest du nicht, Adele? Ja? Also zu dem gehe ich!“

Adele schlug in die Hände, lachte beinahe. Es war wie Schadenfreude.

„Ja ... zu dem ...“

„Selbstverständlich ... nur zu dem“, bestätigte Luise.

Und wieder sprachen sie durcheinander -- bis Altmann mit einer Bewegung Ruhe gebot.

„Seid unbesorgt ... ich bringe die Sache in Ordnung. In vier Wochen ist Vicki verheiratet. Wenn der Onkel sich sperrt -- so viel kratzen wir noch zusammen, um ihnen ein paar Zimmer einzurichten!“

„Selbstverständlich“, sagte Luise. „Wenn man sich zum Beispiel ein paar Kleider weniger machen läßt, dann bleibt genug übrig. Für einen Fetzen fünfhundert Mark auszugeben, das ist meiner Ansicht nach ein bißchen übertrieben ... Ich meine nur, Karla ... man kann sich’s auch billiger einrichten ... Daran darf doch das Lebensglück unserer Nächsten nicht scheitern.“

Das Tiffanyglas fiel hart gegen den Teppich und zersprang in Scherben, das Wasser leckte in breitem Bächlein an Karlas weißseidenen Schuhen.

„Nein -- daran scheitert es nicht ... daran nicht -- aber --“

Ein Zorn, wie er kaum je in ihr aufgelodert war, erstickte ihre Stimme. Sie streckte den Arm aus.

„Geht! ... Im Guten sag ich euch, geht! ... Ich muß singen heute abend ... Wißt ihr, was das heißt? Singen! Verdienen! ... Ja! Verdienen! ... Damit etwas abfällt für ...“

„Karla ... hast du den Verstand verloren?“

Altmann warf beide Hände auf ihre Schultern und schüttelte sie leicht, als wollte er sie zur Besinnung bringen.

Sie entwand sich ihm heftig.

„Ach laß ... laß mich ... seit du hier bist ...“

„Was, bitte? Sage gefälligst, was ... ‚seit ich hier bin?‘ Verdiene ich zu wenig, ja? ... So sag’s doch gerade heraus! Bitte! Hast eben eine schlechte Partie gemacht! Hättest dir’s überlegen sollen ... Vorläufig genügt’s, um mich zu erhalten. Meine Pension hier bezahle ich redlich! ..“

Adele überkam die Angst, daß das, was ihr am Herzen lag, in Vergessenheit geraten könnte über das Neue, Böse, das sich plötzlich zeigte. Eine Kluft hatte sich aufgetan zwischen dem Bruder und Karla ... eine Kluft ... Nicht erst von heute.

Luise wechselte die Farbe.

„Was redest du, Ernst ... Karla dachte doch nicht daran ... nicht wahr, Karla?“

Karla hatte sich abgewendet. Tränen hatte sie nicht mehr für das, was von „denen“ kam, und ihrem Manne hatte sie nicht weh tun wollen. Aber wahr blieb es ... Immer neigte er sich dahin, von wo man ihn anrief. Sie hatte ihn lange nicht angerufen ... und so war er ihr entrückt ... ganz weit weg, auf ein anderes Ufer -- --

Ganz lange ging man zusammen einher und merkte es nicht, und dann -- plötzlich -- war es da, das ferne Fremde.

Nur so war es möglich, daß er ihr vorhielt, woran sie nie gedacht hatte. Ob sie mehr verdiente als er, ob weniger -- keinen Augenblick war ihr das ins Bewußtsein getreten. Nur die anderen sprachen immer davon ... Luise ... er selber ...