Part 8
Ohne Zweifel wußte Erwin, welche Beschämung er mit diesen Worten bei Virginia hervorrief. Nie war sein Auge funkelnder, seine Beredsamkeit hinreißender, seine Gebärde zwingender als in Momenten, wo er durch Kundgebungen des Zornes und der Verachtung das Bild eines zürnenden und verachtenden Mannes bot. Sein Blick eilte erobernd durch den Raum und schien einen Widerstand zu suchen, an dem er seine Macht erproben konnte, nur Widerstand, sonst nichts. Virginia ihrerseits sah ein, daß sie einen Fehler begangen, aber auch, daß man ihn über Gebühr an ihr rächte, denn dieser kalte Hohn verletzte sie tief. Sich verletzt zu geben erschien ihr zu harmlos und zu klein; am besten war es, die Beleidigung zu überhören; ihm gehorsam zu willfahren, widerriet ihr ein ahnungsvoller Instinkt. Dennoch entschloß sie sich, ihm zu folgen, und obwohl ihr Auge abweisend glänzte, sagte sie mit dem Ton eines gemahnten Schuldners in der Stimme: »Ich gehe mit Ihnen.«
»Bravo, Virginia!« rief Erwin. »Aber womit soll ich die rasche Sinnesänderung büßen?« fügte er sanft hinzu. »Lassen wir’s doch heute. Die Vernunft hat gesiegt, mehr kann ich nicht wünschen. Schließlich, man besucht mich, wie man in ein Museum geht.«
Aber Virginia hatte den Hut aufgesetzt und sagte mit ruhigem Lächeln: »Ich bin fertig.« Frau Geßner, die nicht immer verstand, was Virginia tat, sah neugierig zu.
Schweigend gingen sie die weiße Wendelstiege hinab. Es war etwas Mutiges in Virginias Schritt, von ihrem Hut hing ein blauer Schleier herab, dessen Enden beim schnellen Gang über die Schultern flatterten. Fast war Erwin versucht, diesen Schleier zu packen, wie wenn er dadurch Virginia lenken könnte. Im Vorderhof schlich eine Katze. Virginia blieb einen Augenblick stehen und lockte sie. An Tieren und an Blumen konnte sie nicht vorübergehen ohne eine kleine Zwiesprache oder liebkosendes Betrachten.
Eine halbe Stunde später waren sie am Ziel.
Die Villa Erwins war ein Bau aus der Kongreßzeit und hatte einem mächtigen Staatsmann jener Tage als Ruheort gedient. Ihre äußeren Verhältnisse, streng und gefällig zugleich, erstrebten eine vornehme Anpassung an ländliche Umgebung. Das Innere des Hauses überraschte sowohl durch die Zahl als auch durch die Tiefe und Wucht seiner Räumlichkeiten. Von der hohen, aber etwas düsteren Eingangshalle führten fünf Türen zu den Gemächern des unteren Stockwerks und eine breite, zweimal geeckte Holztreppe mit flachen Stufen in die des oberen. Der Empfangsraum, dessen Stil und Ausstattung an Sanssouci erinnerte, hatte gegen den ausgedehnten Park eine ovale Wand; eine große, mit geschliffenen Scheiben versehene Glastür bildete den Zugang zur Freitreppe. Zur Linken befanden sich das Speisezimmer, das Musikzimmer und einige reich ausgestattete Boudoirs, zur Rechten die Bibliothek und die Räume für die Sammlungen. Erwins Privatgemächer, die Fremdenzimmer und die eigentliche Gemäldegalerie lagen im oberen Stock.
»Mein Gott, so viele Bücher!« rief Virginia aus, als sie durch die Bibliothek gingen, und ein achtungsvoller Blick streifte ihren Begleiter. Erwin lächelte; er führte sie in das nebenan gelegene Zimmer, das mit grünem, gepreßtem Leder tapeziert war. Er läutete dem Diener, raunte ihm einen Befehl zu, sodann öffnete er einen mächtigen Ahornschrank und nahm die Intarsiatafel heraus.
Virginia betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Ihre Bemerkungen verrieten neben echtem Verständnis die amüsante Trockenheit eines eifrigen Schülers. »Warum hängen Sie es nicht auf?« fragte sie. Er erwiderte, er habe keinen Platz mehr, auch gebe es gewisse Dinge, für die er sein Auge nicht abstumpfen wolle, so wie ein Feinschmecker den Genuß gewisser Köstlichkeiten für seltene Anlässe verspare. Von Erwin auf einige Einzelheiten der Ausführung hingewiesen, meinte sie seufzend: »Was werden Sie da zu meiner Stümperei sagen?« Er bestätigte ohne Tröstung: »Mit den Meistern wetteifern ist schwer.«
Nun zeigte er ihr die Bilder, die er besaß, die Plastiken, die Keramiken und schleppte Mappen mit Stichen, Radierungen und Handzeichnungen herbei. Er zeigte ihr die Vasen, die Münzen, die Schnitzereien aus Elfenbein, die Porzellanfiguren, die Fayencen, die Teppiche, die Stoffe, die alten Spitzen und Stickereien, die Gemmen und Kameen, die Ringe, Ketten, Dosen und Petschafte. Er hatte eine erlesene Sammlung von Halbedelsteinen, die sich in verschließbaren Kristallgläsern befanden, und die er mit den sorgfältigen und liebevollen Handbewegungen eines Juweliers vor ihr ausbreitete, um das Licht in ihnen spielen zu lassen, ihre Herkunft zu erklären und den Zauber, den sie auf ihn ausübten.
Da war der zeisiggrüne Pistazit, da waren veilchenblaue, pflaumenblaue, nelkenbraune Amethyste; »Amethyst bedeutet rauschverhütend,« sagte er, »und ist ein Mittel gegen alle Art von Trunkenheit.« Da war der Korund, der aus Ceylon stammt, und der Onyx, der seinen Namen von der rosigen Farbe des Fingernagels hat; da war der blutige Karneol vom alten Stein, der apfelgrüne Chrysopras, der an dunklen Orten verwahrt werden muß, das Tigerauge, das einen schönen, wogenden Lichtschein aussendet, der perlmutterglänzende Kascholong, der Serpentin, der als Mittel gegen Schlangengift gilt; da waren Smaragde, Berylle, Turmaline, der tiefschwarze Granat von Arendal und der weinrote indische Rubin.
Er zeigte ihr ein riesiges Herbarium und ein Dutzend Schachteln, voll von wunderbaren Schmetterlingen. In zehn Schubladen eines niedrigen Kastens lagen seltene Mineralien, und in einer Vitrine standen ausgestopfte Paradiesvögel und Kolibris, deren Gefieder so schön war, daß Virginia beim Beschauen vor Lust errötete. Es war ihr zumut, als ob dieser Mann mit allen Dingen der Erde auf Du und Du verkehre; die Natur schien so wenig wie die Kunst Geheimnisse vor ihm zu haben. Ihre Augen wurden immer größer, und wenn er sie bei ununterbrochener Rede anblickte, sagte sie immer nur »ja«, – »ja«, – »ja«, wie ein gehorsames Kind.
Um die Folge der Sehenswürdigkeiten durch Bildnisse der Menschen zu vervollständigen, die er schätzte oder die in seinem Dasein eine Rolle gespielt, zeigte er ihr auch viele Photographien von Männern und Frauen. Jene waren Virginia gleichgültig; die eine oder andere Berühmtheit sprach sie mit zu alltäglicher Miene an, als daß sie Teilnahme oder gar Ehrfurcht hätte empfinden können. Nur bei dem Porträt eines Schauspielers verweilte sie, eines Mannes von Gaben und menschlichem Belang, wie alle spürten, die nur einmal den Klang seiner unvergeßlichen Stimme gehört hatten. Virginia fand, daß er Manfred ähnlich sehe. »Sie kennen ihn?« fragte sie neugierig. Erwin runzelte die Stirn und entgegnete mit einem Anflug von Ungeduld: »Ja gewiß; ich kenne ihn. Ein Komödiant, nur verführerischer als die anderen.« Virginia legte das Bild hastig beiseite.
Mit wärmerem Gefühl betrachtete sie die Frauengesichter. Mit einer Scham, deren sie sich schämte, weil sie die Ursache nur dunkel empfand, mit Bedauern, mit Kränkung, mit vorwurfsvoller Verwunderung, denn sie wußte schließlich doch, was sie von ihnen zu halten hatte. Viele traurige Augen; schöne, aber traurige Augen. Sie schauten so stumm; sie hatten so mancherlei erlebt. Was mochte begehrenswert an ihnen sein, da sie jedes Begehren zu erfüllen so schnell bereit gewesen waren? Virginia war unentschieden, wie sie die Schaustellung nehmen sollte, Widerwillen erwachte in ihr, doch Erwin beraubte sie jeder Gebärde der Abwehr, da er von ihnen sprach, wie er von den Steinen, den Münzen, den ausgestopften Vögeln gesprochen.
Er schilderte ihre Hände, ihre Haare, ihren Gang und die Art ihres Temperaments. Er verwies auf einen Mißklang zwischen Stirn und Mund, was auf einen von gefangener Sinnlichkeit beunruhigten Geist deutete. Bei dem Worte Sinnlichkeit, wie er es aussprach und betonte, spürte Virginia einen Schauder über den Nacken rieseln. Vom Schicksal redete er nicht. Er wiederholte sich niemals. Hierin unterstützte das Gedächtnis den Geschmack.
Der Diener bat zum Tee. Virginia folgte der Aufforderung mit einer beinahe drolligen Artigkeit. Das reiche elektrische Licht des Bibliothekssaals blendete sie. Erwin gegenübersitzend, erschien sie sich in dem großen Raum verhängnisvoll einsam mit ihm. Er machte mit vollendeter Anmut den Wirt und bot ihr auf silberner Platte Süßigkeiten. Sie sagte, daß sie nachmittags nie etwas esse, aber vor der duftenden Verlockung kam der Grundsatz ins Wanken. Da es ein wenig kühl im Zimmer war und Virginia fröstelte, holte Erwin einen kostbaren indischen Schal und umhüllte ihre Schultern damit. Unter seltsamem Prickeln ward sie sich bewußt, daß ihr Stoff und Farbe außerordentlich gut zu Gesicht standen. Ihre Augen glühten froher. Erwin konnte es gewahren. Er konnte beobachten, daß ihr Auge, wenn es behaglich oder durch die Freude erregt war, innerhalb des Sterns eine grünliche Marmorierung erhielt. Dieser Umstand prägte sich ihm ein. Indem er darüber nachdachte, daß es möglich sein könnte, die Veränderung einst ganz, ganz nahe zu genießen, ja, ganz, ganz nahe, Wimper fast an Wimper, bemächtigte sich seiner Gedanken eine eigentümliche, heiße Erstarrung.
Erschreckt von einer unwillkommenen Redepause, die Erwin nicht ohne Berechnung auszudehnen suchte, erhob sich Virginia, dankte und reichte Erwin die Hand. Er machte sich anheischig, sie zu begleiten, doch sie schüttelte den Kopf und sagte, sie habe Kommissionen in der Stadt zu besorgen. Er begriff, daß sie allein zu sein wünschte, und fand es förderlich, wenn sie jetzt sich selbst überlassen blieb. So führte er sie in den Flur und half ihr in den Mantel. Beim Abschied sagte er zu ihr mit einem Lächeln, in dem Bitterkeit nur als Erinnerung wohnte: »Ich hoffe, Sie oft bei mir zu sehen, Virginia. Ich bin zuhause nicht gefährlicher als draußen. Sobald Sie hier eintreten, sind Sie die Herrin.«
Ein trotziger Blick wollte ihm erwidern; sie ließ den Blick besinnend fallen. Sie ahnte irgendwie einen Triumph in seinen Worten, aber ängstlich erstickte sie die Regung des Widerparts. Hätte er sich nur launisch gezeigt, Launenhaftigkeit gibt Blößen und verleiht dem Trotz als Waffe etwas Spielendes. Aber seine Ruhe, seine despotische Ruhe, seine zarte und zärtliche Ruhe, sein Insichverschlossensein und das Nieversagen, Nieverraten in Wort und Blick, das beirrte sie wie ein Schleier vor einem Spiegel.
Unzufrieden erledigte sie ihre Geschäfte und war nicht froher gestimmt, als sie nach Hause kam.
Die Wände erschienen ihr kahler als sonst, die Stuben ärmlicher. Was man Gemütlichkeit nennt, ist doch nur die Zuflucht der Armen; so ungefähr dachte sie. Eine Andeutung des geschauten Glanzes stimmte auch die Mutter wünschevoll, von der sie Stillung, ja Zurechtweisung gehofft hatte.
»Herrgott, Mädel,« sagte Frau Geßner, »wenn ich so denke! Wenn ich mir so vorstelle, wieviel Reichtum es in der Welt gibt! Sag mir nichts von der Genügsamkeit. Wer genügsam ist, bleibt ewig ein Tropf. Hat man einmal von der Fülle und von der Schönheit gekostet, dann kriegt man den Geschmack nicht mehr los.«
Virginia bereute schon. Sie schüttelte stumm den Kopf.
»Eigentlich ist’s schade um dich«, fuhr Frau Geßner seufzend fort. »So jung, so frisch, so prächtig! Kein Palast war für dich zu gut. Könntest eine große Dame sein. Lockt dich das nicht, eine große Dame zu sein?«
»Mutter!« Es war etwas Abschneidendes und ein ernster Nachdruck in diesem Ruf. Virginia erhob sich, dehnte den Arm und sagte schmerzlich bewegt: »Warum ist er denn fort und warum gar so weit!«
Frau Geßner sah beinahe überrascht aus, denn die gute Frau hatte Manfred schon vergessen. Er kam ihr je ärmer und geringer vor, je länger seine Abwesenheit dauerte. Sein schwärmerisches Gesicht war hinabgetaucht auf die andere Seite, die Nachtseite der Erdkugel. Alternde Frauen besitzen nicht mehr die Phantasie des Herzens; sie können lange trauern, doch sie vergessen schnell.
Vielleicht auch trug der Einfluß Erwins an solcher Kurzlebigkeit eines durchaus nicht schwächlichen Gefühles Schuld. Denn dieser Mann erfüllte sie mit unbegrenztem Respekt, und ohne daß sie es merkte, hatte sie den Mut verloren, ihm zu widersprechen. Sie hatte niemals einen Mann kennen gelernt, der an Glanz, an Würde, an Bestimmtheit, an Geist, an Liebenswürdigkeit mit ihm sich nur im entferntesten hätte messen können. Sie staunte ihn an, das war alles. Sie träumte von ihm. Er gab ihr einen neuen Begriff von der Welt und von einer Zeit, deren Heraufkunft sie einfach verschlafen hatte.
Bisweilen saß sie und dachte darüber nach, weshalb er sie eigentlich eines so ausführlichen Umgangs und so vertraulicher Gespräche für wert hielt. Aber wie tief sie auch grübeln mochte, sie entdeckte keine andere Ursache als seine unverkennbare Seelengüte und eine wahre, freundschaftliche Ergebenheit. Wenn die jungen Leute so viel Herz und Takt haben, sagte sie sich, dann braucht man nicht in Sorge zu sein um die Zukunft der Menschen.
Als er ihr den Plan entwickelte, die Geldspekulation in etwas größerem Maßstab zu wiederholen, falls es ohne Wagnis geschehen könne, stimmte sie ihm gläubig zu. Seine Geschicklichkeit täuschte sie vollkommen, und nicht eine Sekunde lang spürte sie die Fessel, mit der sie der Verlocker umschnürte. Es kam ihr nicht unmöglich vor, an der Hand dieses Hexenmeisters zum Wohlstand zu gelangen, und da doch alles für Virginia war, an der sie mit jeder Faser ihres Lebens hing, die sie abgöttisch bewunderte und glücklich, sorglos, beneidet und umworben zu sehen wünschte, hätte sie Argwohn als frevelhaft empfunden.
Nichtsdestoweniger wurden die angeblichen Börsengeschäfte vor Virginia vertuscht. Virginia sah nur, daß ziemlich viel Geld ins Haus kam, und daß die Mutter, die ja von Erwin systematischen Unterricht darin erhielt, sich zu ungewöhnlichen Ausgaben sowohl für die Küche wie für die Bequemlichkeit leichten Sinns entschloß. Wohl atmete sie auf, als es nicht mehr notwendig war, mit jedem Kreuzer ins Gericht zu gehen und wieder und wieder mit der Mutter erwägen zu müssen, ob man sich trauen dürfe, dies oder jenes zu kaufen. Aber ihr Gemüt war ahnungsvoll, und wenn sie ihrer zögernden Beunruhigung Worte verlieh, um dem schwer durchschaubaren Wesen Klarheit abzuringen, konnte Frau Geßner äußerst ungehalten werden. »Du bist mißtrauisch von Natur aus,« sagte sie dann erregt, »in dir sitzt das Mißtrauen wie ein böses Gift. Andre würden jubeln, und du gehst herum, als ob man dir was gestohlen hätte. Endlich einmal ein Freund, der’s ehrlich mit uns meint und der Bescheid weiß um die Brunnen, wo gar viele ihren Segen holen. Was geht’s dich an? Dir kommt’s zugute, und du solltest auch ein bißchen dankbar sein können.«
Virginia schwieg; sie schüttelte den Kopf in der langsamen und wehmütigen Art, die sie hatte, wenn ihr etwas nicht gefiel. Solche Worte hätten sie beschwichtigen können, hingegen bei den Liebkosungen und versprechenden Reden der Mutter wurde sie stets zweifelsüchtig. Die alte Ordnung war eben gebrochen, und die neue hatte etwas von schwülem Wind und Gewitternähe.
Inzwischen war es Frühjahr geworden, und wie nun die ersten lauen Tage kamen, ließ sich Virginia gern zu gemeinsamen Spaziergängen mit Marianne von Flügel bereit finden. Der lange Winter hatte sie heuer mehr als sonst bedrückt.
Sie entfernten sich selten aus dem Weichbild der Stadt; zumeist wandelten sie unter den Bäumen der Ringstraße, betrachteten von einer Brücke aus den Sonnenuntergang, verfolgten das Blätterwachsen und Knospenkeimen von Tag zu Tag, tranken die würzevolle Luft und sprachen vom Sommer.
Marianne gab sich als Freundin der Natur und als Flüchtlingin aus der ungesunden Luft ihrer Welt. Mit vieler Kunst gab sie sich so, denn sie erwarb Virginias Zuneigung damit. Was Enttäuschungen und Haß in ihr an Frivolität gesammelt hatten, verbarg sie geschickt, aber da man sich seines Charakters doch nicht entledigen kann wie eines Kleides, und da sie auch keineswegs gewillt war, eine Nonne vorzustellen, brach durch diese Verhaltenheit ein immer kühner werdendes Predigen von Lebensgenuß. Das war der Pakt mit allem Leid und Unbehagen: genießen, genießen, genießen. Nichts unter den Tisch fallen lassen, alles ins Körbchen stopfen, am Ende kommt der Tod, und ein zweites Leben gibt es nicht.
Virginia machte bei solchen Verkündigungen große Augen und wußte nicht, was sie sagen sollte. Genießen, was war damit viel bedeutet? Genoß sie denn nicht auch? Die Stunde, wenn sie gut, den Tag, wenn er schön war, das innere Glück und das äußere Gelingen? Mariannes Reden dünkten sie irgendwie unbescheiden, und sie konnte sich nicht anders helfen, als daß sie durch eine lustige Bemerkung, was sie davon begriff und was sie ahnend abwehrte, ins Hausbackene herabzog. Das fand Marianne zum Küssen, wie sie sich ausdrückte, nahm sich aber doch ein wenig besser in acht.
Es dauerte nicht lange, so hörte Erwin von diesen Frühlingsgängen und wünschte teilzunehmen. Nun wurde es ein ander Ding; man flog im Automobil hinaus ins Land, ließ das Fahrzeug auf der Straße stehen und streifte im Wald, über Hügel und durch Täler. Erwin war unerschöpflich in guter Laune, in Scherz, in Aufmunterung, im Erzählen, in Erinnerungen, in Plänen und in Belehrung.
Als Vierter im Bund gesellte sich bisweilen Ulrich Zimmermann hinzu. Wenn er stumm und gedankenvoll kam, so taute er doch inmitten des Lachens und Plauderns auf, und niemand bemerkte, daß sich ein Wurm um sein Herz ringelte. Er begegnete Virginia mit einer pagenhaften Ehrerbietung, und so oft eine Verwegenheit in Erwins unbesorgten Worten sie zum Erröten brachte, schwieg er fünf Minuten stille und stapfte mit hastigerem Schritt voraus.
An einem strahlenden Apriltag holten Erwin, Ulrich und Marianne kurz nach Tisch Virginia ab. Sie fuhren bis zum Stiftswald und wanderten zwischen Hameau und Rohrerhütte beim roten Kreuz unter Buchen und Fichten und den langnadeligen Föhren, die Lenau besungen hat. Virginia pflückte Veilchen und Leberblümchen im Vorübergehen, und Erwin erzählte von seinem Buch über das Leben der Ameisen, welches demnächst auf dem Markt erscheinen sollte. Die Vielseitigkeit seines Wissens und die unbedingte Herrschergebärde, mit der er es behandelte, erweckten in Ulrich Zimmermann nicht zum erstenmal ein eifersüchtiges Staunen, und seine etwas knifflichen und groben Fragen drückten mehr Argwohn als Erkenntnislust aus. »Wo nehmen Sie um Gottes willen bloß die Zeit zu all den Arbeiten und Studien her,« rief er schließlich beunruhigt, »die ja gar nicht zu Ihrem Fach gehören! Sie, der Sie leben wie kaum einer, und von dem man nicht sagen könnte, wann er am Schreibtisch sitzt, falls man gefragt würde!«
»Fach! Ich habe kein Fach!« erwiderte Erwin abschätzig. »Mein Fach ist die Natur, die Menschheit, die Kunst, ist alles was mich will und alles was sich mir widersetzt. Für den, der zur Leistung entschlossen ist, hat ein Tag ungefähr sechzehn Stunden, mein lieber Ulrich. Ihr Dichter freilich, ihr rechnet schon das Träumen mit zur Leistung; ihr dürft es tun, wenn euch die Träume zur Wirklichkeit werden; =meine= Wirklichkeit darf mir nie zum Traum entschwinden, sonst bin ich verloren.«
Marianne schaute messend zu dem mit stolzen Schritten Schreitenden hinüber und verfehlte nicht, Virginia durch einen Blick zu einem Zeichen des Beifalls aufzumuntern. Wie stumpfsinnig diese Person ist, dachte sie, als Virginia davon keine Notiz nahm. Diese hatte Erwins Antwort nicht ganz begriffen; halb glaubte sie ihn demütig und halb anmaßend, trotz alledem, man mußte die Menschen und ihre Geschäfte so sehen, wie sie sich in seinem Geiste formten. Ulrich Zimmermann marschierte eine Weile unzufrieden für sich allein, bis ihn Virginia mit lächelnder Ermahnung aus seinem Brüten weckte. Er dankte ihr durch ein heißes Aufblitzen seiner Augen und sagte: »Heute müßte man Gedichte lesen.«
»Oh, das wäre famos,« erwiderte Virginia; »haben Sie denn welche mit? Lesen Sie doch.«
»Ich wäre nicht abgeneigt«, versetzte Ulrich Zimmermann gnädig.
Erwin, der Ohren hatte wie ein Indianer, hatte das Gespräch belauscht: »Nicht abgeneigt ist gut!« rief er voll Spott. »Das Attentat war doch schon beschlossen, als Sie Ihre Verse in die Tasche steckten, wie?«
Ei, das ist grausam, dachte Virginia, als sie Ulrich erblassen sah, zu dessen Lastern Empfindlichkeit sonst nicht gehörte, nur heute, nur jetzt. Beinahe hätte sie ihn, wie einen Bruder, am Ohrläppchen gezupft, um ihn harmloser zu machen.
Aber während sie dann auf einer Lichtung rasteten, Marianne und Virginia gegenüber Erwin und Ulrich auf frischgefällten Stämmen saßen, jeder in seiner Stille webend, dem Flug der Schmetterlinge nachsinnend, den seidigen Glanz des Lichtes auf Moos und Laub betrachtend, unterbrach Erwin das Schweigen und glich die kleine Felonie von vorhin wieder aus, indem er Ulrich beim Wort nahm. Dieser holte ein paar beschriebene Blättchen aus der Brusttasche und las mit wenig geübter Stimme zaghaft vor. Nach einer Weile griff Erwin ungeduldig nach den Blättern. »Sie zerstören ja alles,« sagte er; »die zarten Gebilde; es ist schade drum. Geben Sie her.«
Und nun las er selbst mit prächtigem Ausdruck und seelenvoller Betonung.
Ulrich horchte erstaunt; das klang ja wie Musik. Aber er konnte Erwin nicht danken, denn aus der versonnenen Miene, mit der Virginia diesen betrachtete, schloß er, daß sie ihn, den Dichter, völlig vergessen habe. Und eine solche Wirkung hatte er eigentlich nicht beabsichtigt.
Bei der Rückkehr gerieten sie im Wald an eine morastige Stelle; während Marianne den Rock bis zu den Knien hob und verwegen hindurchging, zog Virginia den Umweg am steilen Hang vor. Einige Dornen rissen ihr die Haut am Handgelenk blutig. Es war ein Bächlein in der Nähe; Erwin wusch die Wunde rein und verband sie mit Virginias Taschentuch. Sie lachte über den doktormäßigen Ernst, mit dem er die unbedeutende Verletzung behandelte, auch Marianne ließ es an spitzem Spott, der allen beiden galt, nicht fehlen. Erwin hielt dabei noch immer Virginias Hand in der seinen und bastelte an dem weißen Tuch. Endlich entriß sie ihm die Hand und versteckte sie instinktiv in einer Kleidfalte. Ulrich stand an einen Baum gelehnt und schaute mit weiten Augen in den blauen Himmel.
»Seit meiner Kindheit ist es meine größte Angst, daß ich einmal in einem Sumpf versinken könnte«, sagte Virginia, als sie sich wieder auf den Weg gemacht hatten, zur Entschuldigung ihrer Zimperlichkeit. Sie erwartete, daß Erwin darüber lächeln würde, doch sie täuschte sich.
»Also auch Sie tragen heimliche Schatten herum«, antwortete er mit verstehendem Blick. »Man ahnt gar nicht, wie solche Schreckbilder die ganze Lebensstimmung beeinflussen. Die dunklen Gewalten sind eben doch die mächtigsten.«
»Ja, Virginia, ja!« bemerkte Marianne anscheinend fidel, »vor dem Sumpf müssen Sie sich hüten. Gerade wenn man zu weit hinaus schaut, übersieht man den Schlammtümpel vor den Füßen.«
»Keine Prophezeiungen, Marianne,« sagte Erwin hart; »das Unken trifft die Schwalbe nicht.«
Marianne schoß ihm einen bitterbösen Blick zu. Virginia fing ihn auf und erschrak vor dem Haß und der beredsamen Wildheit dieses Blicks. »Auch ich bin einst geflogen«, erwiderte Marianne düster, »aber man hat mir die Flügel abgeschnitten. Was hilfts; man liegt dann da und piepst vor sich hin, und das nennen die Leute unken.«
Erwin zuckte die Achseln. Virginia war sonderbar bewegt und schob ihren Arm fast zärtlich in den Mariannes, sie, die so selten ein werbendes Gefühl zu unmittelbarem Ausdruck brachte. Jedoch Marianne schüttelte kurz und brüsk den Kopf und schritt hastig voran. Bald ging sie an Erwins Seite; unterdrückten Tons und in raschen Sätzen sprachen sie miteinander und entfernten sich immer weiter von Ulrich und Virginia, die wortkarg und bedrückt den schmalen Pfad bis zur Landstraße verfolgten, wo das Automobil wartete.