Part 9
Dort verabschiedete sich Ulrich Zimmermann unter dem Vorgeben, er wolle noch den Abend außerhalb der Stadt verbringen. Stumm saßen die drei während der Fahrt, die so schnell war, daß es Virginia schwindlig wurde. Die sanfte Frühlingsluft schien zum Sturm aufgeregt. Virginia hatte Erwin bisher noch nicht so schweigsam und kalt gesehen. Manchmal heftete er den Blick prüfend auf sie, und sie glaubte den Blick ertragen zu müssen, damit er wieder versöhnt werde. Sie hatte von Minute zu Minute stärker das unerklärliche Gefühl, als wünsche er von ihr ein Wort zu hören, das die Verdunkelung seines Innern zerstreuen könne. Sie war dessen nicht fähig, und ihr war, als zürne er ihr, als leide er darunter; kurzum, ein Wirrsal von Empfindungen der Abhängigkeit und der Schuld.
Als der Wagen in der Piaristengasse hielt, begleitete sie Erwin durch die Höfe bis zur weißen Wendelstiege. In der Torbogendämmerung sagten sie sich kühl gute Nacht. Schon auf der Treppe, wandte sie sich noch einmal um und nahm mit Verdruß wahr, daß er auf der Steinschwelle stand und ihr mit den Blicken folgte. Unwillkürlich zog sie den Fuß zurück, auf den sein Auge sich zu heften schien. Das matte Flurlampenlicht beleuchtete seine Züge, und sie sah, daß er lächelte, so bestrickend, heiter und kameradschaftlich, wie nur er zu lächeln vermochte.
Gott sei Dank, dachte Virginia, es ist alles wieder gut.
In der Nacht träumte sie, daß sie sich in einem Zimmer mit sechzehn Türen befinde. Sie war ohne Aufhören damit beschäftigt, die Türen zu schließen aus Furcht vor einem übermäßig großen Hund. Aber jedes Mal, wenn sie eine Tür geschlossen hatte, stand der Hund, groß wie ein Kalb, vor einer andern, offenen. Er war nicht eben boshaft, doch war in seiner Ruhe etwas unbeschreiblich Quälendes, als wolle er sie erst vollkommen erschöpfen, bevor er sich auf sie stürzte.
Während des Waldspaziergangs war verabredet worden, daß Erwin am zweitnächsten Tag Marianne und Virginia den Wagen schicken und daß diese ihn dann abholen sollten. Als sie vor der Villa ankamen, begann es zu regnen. »Aus der Landpartie wird heute nichts«, sagte Marianne. – »Es wird ja wieder aufhören zu regnen«, meinte Virginia. – »Und wenn auch nicht«, versetzte Marianne spöttisch; »haben Sie Angst, hier zu bleiben? Wir werden in diesem gemütlichen Gasthaus Tee trinken.«
Virginia blickte Marianne forschend und bedächtig an. Sie machte plötzlich die Erfahrung, daß sich die kleinen Verkettungen der Geselligkeit oft unlöslicher erweisen als die großen Pflichten, weil die möglichen Widerstände zu belanglos sind.
Erwin war im Frack. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er, »ich hatte leider vergessen, daß ich um sieben Uhr bei der Fürstin Liebenberg sein muß. Wenn Sie wünschen, überlasse ich Ihnen natürlich den Wagen, aber es wäre hübsch, wenn Sie mir ein bißchen Gesellschaft leisten würden.«
Virginia war zu sehr Neuling, um bei dem gleichgültig ausgesprochenen Namen einer Fürstin ihren Respekt zu unterdrücken. Ein naiver kleiner Ausruf veranlaßte Marianne und Erwin, zu lächeln.
»Es ist nach Ihnen telephoniert worden,« wandte sich Erwin an Marianne, »Wichtel hat die Nummer aufgeschrieben, die Sie rufen sollen.«
Marianne ging hinaus. Als sie zurückkam, bat sie Erwin hastig, er möge ihr für eine halbe Stunde das Auto geben, sie müsse zu einer dringenden Besprechung in die Stadt. Überrascht schaute Virginia empor. Ein unbestimmter Argwohn wallte in ihr auf.
»Bis ihr zum Tee geht, bin ich wieder da«, fügte Marianne hinzu und verließ mit ihren starken und entschiedenen Schritten das Zimmer.
Erwin lachte. »Immer hat sie wichtige Geschäfte«, sagte er.
Eine Weile herrschte Schweigen. Nicht etwa das Schweigen der Vertraulichkeit, sondern das Schweigen, in dem sich bedeutungsvolle Worte vorbereiten. Virginia spürte es, und ihr war nicht geheuer dabei. Erwin, der im Staatskleid prächtig schlank und jünglingshaft aussah, wanderte rauchend auf und ab. Der Regen prasselte an die Fenster. Im Kamin schnurrte der Wind.
Wie ahnungslos sie ist, sagte sich Erwin; und um wieviel leib- und seelenhafter sie erscheint, seit die andere fort ist; man sollte junge Mädchen nicht miteinander verkehren lassen, das Geschlecht hebt sich gegenseitig auf, ihr Magnetismus wird halbiert, indem sie sich unbewußt verbünden.
»Sie haben eine wunderbare Macht über die Menschen, Virginia«, begann er endlich, und seine Stimme klang nicht metallisch wie sonst, sondern sordiniert. »Jedesmal wenn ich Sie sehe, erhebt sich ein Vorwurf in mir. Was hast du geleistet? frag’ ich mich. Es ist ein geheimnisvolles Bedürfnis, mich in irgendeiner Weise vor Ihnen zu rechtfertigen. Als die ersten Weltumsegler zu den wilden Völkern kamen, schickten diese, durch den bloßen Anblick der Fremden zur Ehrfurcht bezwungen, Abgesandte mit Gold und Edelsteinen und erklärten sich aus freien Stücken für tributpflichtig. Wenn Sie Ehrgeiz hätten, wie Sie keinen haben, wüßt ich nicht, welche Grenze ich Ihrer Laufbahn ziehen sollte. Runzeln Sie nicht die Stirn, Virginia, das steht Ihnen schlecht, auch ist kein Anlaß dazu. Ich möchte Sie zu einem höheren Grad des Selbstbewußtseins erziehen. Der Makellose soll Muster sein. Warum zum Teufel bekreuzen Sie sich andächtig, wenn von einer Fürstin die Rede ist? Sie stehen über jeder Fürstin. Wären Sie meine Schwester, ich wollte eine deutlichere Sprache führen und Sie durch zwingendere Beweise überzeugen. Ich wollte denen ein Licht aufstecken, die sich für vollkommen halten und es nicht sind, die weder stehen, noch gehen, noch sitzen können und sich zu bewegen glauben, wenn sie zappeln. Ich für meine Person, ich habe ein Interesse daran, daß das Leben schöner wird auf dieser Welt, daß es einen Aufschwung gibt, einen Aufblick, ein hinreißendes Beispiel, ein Unbezweifelbares und Unbedingtes. Deshalb rede ich mit Ihnen darüber, aus keinem andern Grund. Wer als Fackel geboren ist, muß leuchten.«
Virginia wechselte während seiner Rede beständig die Farbe, doch in so feinen Übergängen, daß es bisweilen kaum zu merken war. »Was wollen Sie von mir, Erwin?« rief sie mit gefalteten Händen. »Bitte, sprechen Sie doch nicht so, bitte!«
Der flehentliche und rührende Appell machte Erwin betroffen. Diese Stimme, der Ausdruck, der Blick, die Gebärde des Mädchens, all das traf ihn unversehens und rüttelte an ihm wie ein Zorn, wie ein Durst, wie ein Feind. Virginias Augen verfolgten ihn mit Besorgnis, während er ungeduldiger auf und ab schritt. Er fand es für angezeigt, den Ton brüderlichen Vertrauens anzuschlagen. »Als ich Ihnen damals meine geringen Schätze vorwies,« sagte er einschmeichelnd, »hatte ich das Gefühl eines Vasallen, der seinem Lehnsherrn Verantwortung schuldig ist. Mir war, als ob Ihr Blick auf all den Dingen nur zu ruhen brauchte, um sie in Besitz zu nehmen, oder als ob mein Besitztitel erst durch Sie anerkannt werden müßte.«
Virginia lächelte verwundert, doch Erwin fuhr fort: »Weil wir eben von Schätzen sprechen, Virginia, von Gütern, die keinen Besitzer haben, obgleich sie einem gehören, muß ich Ihnen doch noch etwas zeigen.«
Er eilte rasch ins Nebenzimmer und kam nach kurzer Weile mit einer mäßig großen Schachtel in der Hand zurück, aus welcher er eine herrliche Perlenkette hervorzog. »Wie gefällt Ihnen das?« fragte er mit einer Stimme wie einem Kind gegenüber.
Virginia nahm die Kette in die Hand. »Oh, wundervoll!« rief sie mit auflodernden Augen.
»Nicht wahr? Solchen Schmuck wünschen sich die Häßlichen, damit man ihre Häßlichkeit vergesse; und die Schönen, die erhalten königliche Weihe dadurch.«
Virginia ahnte kaum den hohen Wert des Juwels, aber wie ein Jagdhund rebellisch wird, wenn das Horn schallt und die Rosse schnuppern, so kann ein echtes Weib mit gesunden Sinnen unmöglich zurückhaltend bleiben oder sich unempfindlich stellen beim Anblick eines Halsbandes aus drei Schnüren erbsengroßer Perlen, enggereiht wie die Zähne im Mund eines Kindes, violett und rosig strahlend wie ein kleiner Regenbogen, durchsichtig fast wie Seifenblasen und warm anzufühlen wie blutgeäderte Haut. Edler Schmuck hat etwas Unleugbares wie die Elemente.
Von den erwarteten Merkmalen der Freude und Erregung nahm Erwin in aller Heimlichkeit Notiz. Da ihn Virginia, ohne zu bedenken, daß ihm die Antwort unter Umständen schwer fallen konnte, neugierig fragte, welcher Herkunft das Kollier sei und weshalb er es im Haus habe, erwiderte er, er habe die Kette einst, vor Jahr und Tag, für eine Frau gekauft, der er niemals nah gestanden und die er nur ganz aus der Ferne angebetet. »Ich hatte keine Hoffnung,« sagte er gedankenverloren, »denn sie war die Tugend selbst und rein wie eine Vestalin. Sie hat die Perlen, von denen mir jede einzelne heilig war wie ein Blick aus ihren Augen, niemals an ihrem Hals getragen, und ich, ich habe mich begnügt, sie damit geschmückt zu träumen, ich habe sie im Traum damit verschönt. Sie war die einzige, die mich hätte verwandeln können, so wie große Liebe verwandelt, die große Leidenschaft, die keine Dämonen kennt, sondern nur Genien und die die Seele fromm macht und den Geist gelehrig; aber sie schwebte am Horizont meines Lebens vorüber wie ein fremder Stern, ein frühzeitiger Tod hat sie hingerafft, und mir ist, als hätte sie mir die Perlen als Erbteil gelassen.«
Virginia war ergriffen von diesem Bekenntnis. Sie hatte Erwin nicht solcher Trauer, solcher Wärme, solcher Beständigkeit des Gefühls für fähig gehalten. Die intensive feuchte Bläue ihrer Augen, der milde und von jedem Argwohn gereinigte Blick verriet ihm, daß er ihr inneres Wesen anzurühren verstanden hatte. »Bis auf den heutigen Tag konnte ich mir nie vorstellen, daß dies Gehänge den Hals einer andern Frau schmücken könnte«, fuhr er fort. »Aber wie eigentümlich die Phantasie doch spielt! Als Sie vorhin ins Zimmer traten, Virginia, schoß es mir mit der Sekunde, wo ich Sie sah, durch den Kopf: nur die und keine andere dürfte meine Perlen tragen. Ach tun Sie mir doch den Gefallen«, bat er dringend und mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit, als er wahrnahm, daß Virginia ängstlich die Brauen zusammenzog. »Legen Sie die Kette um Ihren Hals! Nur zur Probe; nur damit ich es sehe!«
»Wirklich? Soll ich es wirklich?« flüsterte Virginia mit wunderlich scheuem Lächeln. Sie wußte nicht, wie sie ihm sein Verlangen hätte abschlagen sollen; und außerdem hatte sie selbst nicht wenig Lust zu wissen, wie es wäre, gleichsam nur naschend zu erfahren, wie es wäre, wenn man eine Perlenkette trug. Beinahe war sie Erwin dankbar, daß er ihr die Erfüllung dieser Begierde so leicht machte. Da sie ein halsfreies Kleid trug, waren keine Vorbereitungen nötig. Erwin trat hinter ihren Stuhl, um ihr beim Schließen der Kette behilflich zu sein.
Nichts wäre für einen Zuschauer verblüffender gewesen als der jähe Wechsel seiner Mienen in diesem Moment. Alles bog sich in den Zügen; die Stirnknochen schoben sich stärker über die Augen; die Nüstern wölbten sich auswärts; die Lippen kräuselten sich, die Finger krümmten sich, ehe sie zugriffen, und mit einem prüfenden, bohrenden, habsüchtigen und beutesicheren Blick, dem Blick eines Menschen, der gewohnt ist, zu greifen, zu nehmen, zu rauben und Wert von Scheinwert genau zu unterscheiden, starrte er auf ihren schimmernden Nacken herab, dessen weiße Glätte ihm etwas wie Furcht einflößte.
Sodann holte er einen silbergefaßten Handspiegel und ließ Virginia hineinschauen. Diese konnte ihre selige Befriedigung nicht bemeistern. Sie blickte in den Spiegel, als erkenne sie sich selbst nicht, und in ihren Augen war ein beredter Glanz. »Nein, so was«, hauchte sie mit leisem Kopfschütteln, halb lachend, halb bedauernd.
»Wie gern möchte ich Ihnen die Kette schenken,« sagte Erwin, indem er sich dicht vor ihr auf dem Stuhl niederließ; »wie glücklich würde ich sein, wenn Sie eine solche Gabe leicht und frei aufnehmen, ohne Ziererei und Künstelei empfangen wollten!«
Virginia wurde zuerst purpurrot und danach ganz blaß. Sie hob in einer energischen Art den Kopf. »Aber Erwin!« rief sie erschrocken, »was fällt Ihnen denn ein? Ich glaube, Sie halten mich zum besten.«
Mit jener Raschheit, die ihn oft so rätselhaft erscheinen ließ, veränderte sich Erwins Wesen zum Feierlichen und Gehaltenen. »Es ist mein Ernst,« sagte er; »es ist mein Wille. Es ist mein heftigster Wunsch. Für Sie allein sind diese Perlen auf die Schnur gereiht worden. Jene andere war die Berufene, Sie sind die Erwählte. An Ihrem Hals gleichen sie den gewachsenen Blüten am Zweig. Wozu sie aufbewahren, wenn man das leblose Kapital in lebendiges verwandeln kann? sehe ich Sie damit geziert, so genießen meine Augen die Zinsen. Könnten Sie doch ein Vorurteil verachten, das so albern und müßig ist, daß es mich ekelt, davon zu reden, so würden Sie mich reicher machen als ich bin und sich selbst kostbarer und beschwingter.«
»Aber Erwin! Erwin!« unterbrach ihn Virginia mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit und legte im Eifer ihre beiden Hände sacht auf seinen Arm, eine Berührung, die ihm einen traumhaften Genuß verschaffte, »das ist ja alles Unsinn. Sie wissen genau so gut wie ich, daß ich das nicht annehmen könnte. Es gibt Gesetze, die für Sie vielleicht nicht gelten, die ich aber nicht übertreten darf, ohne ins Abenteuerliche zu geraten. Und Sie wissen das, Erwin, Sie wissen es, Sie wollen mich nur auf die Probe stellen. Mein Gott, wie käm’ ich auch dazu! Schnell, schnell, herunter mit dem Ding, Sie machen einem ja ganz heiß, räumen Sie’s weg, daß ich’s nicht mehr sehe.«
Entzückend, dachte Erwin, entzückend, als er die stürmische, liebliche Beweglichkeit verfolgte, mit der sie das Kollier abnahm und ihm überreichte, wie wahr, wie einfach die Angst, wie ungeheuchelt das Begehren! »Ich werde an Manfred schreiben,« versetzte er gelassen wie ein Notar, der einen Vertrag bespricht, »ich werde bei ihm in aller Form um die Erlaubnis ansuchen, Ihnen das Halsband verehren zu dürfen, – als ein Bundeszeichen von ihm zu mir, von mir zu Ihnen. Ich bin überzeugt, daß er die Sache so betrachten wird, wie ein Mann von seinem Charakter und seinen Anschauungen sie betrachten muß. Würden Sie sich dann noch sträuben?«
»Gewiß,« antwortete Virginia mit festem Blick; »Manfred kann doch nicht Richter über uns beide sein.«
»Vortrefflich, ah, vortrefflich,« rief Erwin belustigt, »jetzt ergreifen Sie schon die Flucht, und wie schlau noch dazu.« Gar nicht schlau, dachte er triumphierend für sich, sie fängt sich ja mit diesem famosen Wort: Richter über uns beide. »In wenigen Wochen können wir Manfreds Bescheid haben,« fuhr er fort, »und dann sehe ich keinen Grund mehr für Sie, eigensinnig zu sein. Manfred kennt mich und weiß, daß er mich beleidigen würde durch jedes Wie oder Warum oder Aber. Eines Tages werde ich seine Einwilligung haben, und ich werde vor Ihnen erscheinen und die Kette um Ihren Hals hängen. Wenn Sie wollen, mit verbundenen Augen.«
Da nun Virginia inne wurde, daß ein wahrhaftiger Ernst hinter all dem steckte und nicht bloß ein versucherisches Spiel, entschwand ihre heitere Sicherheit. Sie schaute bang vor sich hin, das Herz klopfte ihr, und sie wußte nichts mehr zu sagen.
»Freilich, es gibt keinen uneigennützigen Schenker, es gibt kein Geschenk ohne Hoffnung auf Entgelt«, fuhr Erwin mit einer Kühnheit fort, die er nur wagte, weil er es für gefahrloser hielt, sie auszusprechen, als sie der stillen Überlegung Virginias zu überlassen. »Lange genug waren Sie streng und unzugänglich für mich, und alles, was ich verlange, ist Ihre freundliche Gesinnung. Ich bilde mir natürlich nicht ein, diese Gesinnung erkaufen zu können, das hieße niedrig von uns beiden denken. Kein Kauf soll es sein, ein Opfer soll es sein, eine Opfergabe, eine Entäußerung, das ist es, das ist das rechte Wort: eine Entäußerung.«
»Eine Entäußerung?« wiederholte Virginia mechanisch und in beklommener Nachdenklichkeit.
Erwin nahm ihre Hand in die seine, und sie ließ es geschehen. »Schauen Sie mich einmal ganz offen und ohne zurückweichende Befangenheit an, Virginia«, bat oder vielmehr befahl er.
Sie gehorchte. Sie lächelte. Es war etwas Seltsames um dieses zaudernde, fliehende, ungewisse und dennoch aufrichtige und gütige Lächeln.
»Können Sie Vertrauen zu mir haben?« fragte Erwin. »Ich will, daß Sie mir vertrauen. Auch Sie müssen sich entäußern. Sie müssen sich der uralten, sinnlich-übersinnlichen Feindseligkeit entäußern, die zwischen den Geschlechtern herrscht wie ein Grenzstreit. Es soll kein Grenzstreit sein zwischen uns, es soll Frieden sein, geschwisterlicher Frieden. Inmitten der Menschenwüstenei lebt sich’s schön im Zelte des Vertrauens, Virginia.«
Virginia schwieg. Sie erhob sich nach einer Weile und schüttelte ernst den Kopf. Es war ihr nicht unbefangen zumute. Erwins Worte sollten ja wohl unbefangen klingen, in einem höheren Sinn, aber ihr war nicht so zumute. Sie zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte etwas bedrückt: »Marianne bleibt lang.«
Erwin antwortete nicht. Virginia, immer noch erregt und verwirrt, trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Bitte, Erwin, lassen Sie uns nie mehr davon sprechen. Ich will ja gern Ihre Freundin sein, aber eben deshalb lassen Sie uns davon nicht mehr sprechen.«
»Gut; wir werden nicht mehr davon – sprechen«, entgegnete er mit eigentümlicher Verhaltenheit, indem er das Haupt langsam senkte und ihre Hand langsam hob, um seine Lippen darauf zu drücken.
In diesem Augenblick trat Wichtel mit dem Samowar ein, und nach kurzer Weile kam auch Marianne. Sie blieb schweigsam und rauchte eine ziemlich große Anzahl ihrer winzigen Zigaretten. Ihre forschenden Blicke wanderten von Erwin zu Virginia, von Virginia zu Erwin. Um sechs Uhr brachen die jungen Damen auf.
Ein Abend in der Villa Sansara
Virginia hatte die Gewohnheit, sich nachts, wenn sie aus dem Schlaf erwachte, ans Fenster zu begeben und dort in einem Sinnen, das die Erlebnisse des Tages spielend streifte, so lange zu verweilen, bis sie den Schlummer wieder nahen fühlte. Sie tat es auch in dieser Nacht. Einen gelben Überhang um die Schultern, der vor der Brust geschlossen war, saß sie in der Dunkelheit und schaute in den mondbeschienenen Hof. Mit wunderlichem Gruseln roch sie die eigene Leibeswärme.
In solchen Stunden denkt man nicht; man läßt sich hinziehen von Befürchtungen zu Erwartungen, geheimnisvoller Ehrgeiz treibt im Dämmern der Seele schillernde Blasen. Virginia war fast noch traumbefangen. Unter den Bildern, die sie gegenwärtig hielt, war das ihrer eigenen Erscheinung, wie sie sich im Spiegel gesehen hatte, mit der Perlenkette um den Hals, zugleich berückend und unheilvoll.
Ich hätte ablehnender sein sollen, dachte sie erregt und ballte schnell die Faust; dann: es könnte mir gehören; dann wieder: wie hat er es wagen können?
Am andern Morgen schrieb sie an Manfred. Sie bedurfte der Aussprache, um Klarheit zu gewinnen, aber sie konnte nicht schlüssig werden, wie sie die Geschichte mit dem Halsband schildern sollte. Scherzhaft? Daran hinderte sie die Erinnerung an Erwins Dringlichkeit und Wärme. Gewichtig? Dann konnte Manfred glauben, sie sei wünschevoll und unbescheiden.
Indem sie sich so mühte, die rechte Art zu finden, bezichtigte sie sich schon der Unehrlichkeit. Ihre Hand widerstrebte dem Wort, ihre Feder der Hand, Manfreds fernes Antlitz verbarg sich wie hinter Schleiern, und was sie schon niedergeschrieben hatte, glich einer Rede in die leere Luft.
Der Zufall fügte es, daß während dieses Zwiespaltes der Postbote einen Brief von Manfred brachte.
Der Brief kam von der Stadt Colombo auf Ceylon. Als er ihr schrieb, war Manfred schon über die wissenswerten Vorgänge daheim unterrichtet. Er hatte Kenntnis von dem Duell, er hatte Kenntnis davon, daß Erwin der beengten Wirtschaftslage des kleinen Geßnerschen Haushaltes durch einen entschlossenen Handstreich zu Hilfe gekommen war. Dies letztere hatte er von Erwin selbst erfahren, und der Ausdruck »entschlossener Handstreich« war Erwins eigener. Was Virginia darüber gemeldet, hätte Manfred keine Deutlichkeit geben können, in Erwins Erzählung war der Ton herzlicher Teilnahme mit jenem edlen Spott gemischt, der Anerkennung oder Dank weit zurückwies und einen ungewöhnlichen Eingriff als freie Laune betrachtet wissen wollte, unter Männern nicht der Rede wert. Es war dem Brief nicht zu entnehmen, wie Manfred darüber dachte; beruhigte ihn nicht das stolze Vertrauen zum Freund, so mußte die Kunde eines Zweikampfes unter Umständen, welche Virginia derart in Mitleidenschaft gezogen, eine Verfinsterung seines Herzens erregen. Aber dem war nicht so. Er schien sich zu sagen: meine Befürchtungen haben mir nicht umsonst schlimme Bilder vorgemalt, und ich habe einen Wächter bestellt, dessengleichen es nicht gibt. Wenn Manfred unruhig war, so war er es im Hinblick auf alle Fährnisse, die dem Auge des Wächters entgehen mochten, und er riet Virginia, er flehte sie an, in Erwin einen Bruder zu sehen, mehr als einen Bruder, einen, vor dem sie kein Geheimnis zu haben brauchte. Und das war viel gesagt.
Im übrigen war der Brief einfach gehalten. Es schien, als ob Manfred alle Gefühle gewaltsam unterdrückte, die eine heftige Bewegung in Virginia hervorrufen konnten, als wolle er den klaren Strom ihrer Neigung nicht durch das Widerspiel der quälenden Sehnsucht trüben, die er, in so großer Ferne, sicherlich über jedes Mitteilbare hinaus hegte. Bis auf eine einzige Stelle war er sachlich, fast ein wenig pedantisch in der Schilderung von Zuständen und Begebnissen, fast ein wenig zu spirituell in der Andeutung dessen, was ihn beschäftigte und wonach er strebte. Die Einsamkeit war zu spüren, in der er sich unter arbeitenden Gefährten befand. »Ich untersuche Radiolarien, Salpen, Medusen und Siphonophoren, lauter winzige Tierchen, die wir mit dem Schleppnetz aus dem Ozean fischen und von denen gewisse Arten nachts die Fläche des Meeres mit Feuer bedecken, so daß ich oft stundenlang schaue, Orion, Bär und südliches Kreuz über mir am Sternenhimmel, und der dumpfe Wellenschlag am Holz des Schiffes macht mich traurig, ich weiß nicht warum.