Part 7
»Er ist ein Narr, dieser Mirowitsch«, sagte Erwin trocken; »wie fängt er denn das an, – ganz allein?«
»Ja, ganz allein«, fuhr Ulrich Zimmermann fort, der unter der Gewalt seiner Eingebung erglühte. »Er verfaßt Ukase und Manifeste im Namen des künftigen Zaren. Unter seinem Kopfkissen liegen schon alle Papiere, die Kundgebung an das Volk, die Form der Eidesleistung, der Befehl an die Regimenter. Er hat keine Teilnehmer, keine Mitwisser, keine Genossen, als er eines Nachts mit seiner Kompagnie die Wache in der Festung bezieht. Alles ist in mitternächtlicher Ruhe, da greift Mirowitsch zu Schärpe, Degen und Hut, rennt in die Wachtstube und schreit: ›Zu den Waffen!‹ Seine Soldaten gehorchen. Der Kommandant stürzt im Schlafrock auf die Treppe und fragt: weshalb stellen sich die Leute ohne Befehl in die Front und laden die Gewehre? Mirowitsch schlägt ihn nieder. Er begibt sich an die Spitze seiner Truppe, und auf den Ruf der Schildwache antwortet er: ›Ich gehe zum Kaiser‹. Die Schildwache schießt, Mirowitsch läßt gleichfalls feuern, aber kaum ist die erste Salve abgegeben worden, so sind die beiden Offiziere, die Iwans Leibwache bilden, bei dem Gefangenen eingedrungen und haben ihm den Degen ins Herz gestoßen, denn dazu sind sie ermächtigt. Der eine dieser Mörder begegnet Mirowitsch und seinen Leuten auf der Galerie. Mirowitsch zwingt den Mann, ihn zum Kaiser zu führen. Die Tür der Kasematte wird geöffnet: es ist finster drinnen. Man holt Fackeln. Auf der Diele liegt ein toter Körper, schwimmt Iwan Antonowitsch in seinem Blut. ›Ihr Elenden,‹ ruft Mirowitsch, ›weshalb habt ihr das Blut des Kaisers vergossen?‹ ›Was das für ein Mann war, wissen wir nicht,‹ ist die Antwort, ›wir wissen nur, daß er ein Gefangener war.‹ Selbst die Soldaten erbeben bei dem schrecklichen Anblick. Mirowitsch tritt an die Leiche heran, kniet nieder, küßt die Hand und den Fuß Iwans, denn jetzt, erst jetzt ist er zum Vasallen dieses Menschen geworden, der bis zu dieser Frist nur das Merkziel seines Ehrgeizes war. Er läßt den Leichnam in feierlicher Prozession durch die Festung tragen, und der volle Generalmarsch ertönt. Nochmals küßt Mirowitsch die erkaltete Hand und spricht: ›Seht, Brüder, das ist unser Kaiser Iwan. Wir sind aber nicht glücklich, sondern unglücklich zu heißen. Und schuldig bin nur ich, ich trage die Verantwortung für euch alle.‹ Damit war der Aufstand zu Ende, die Truppen der Kaiserin überwältigten Mirowitsch’ Schar, und Mirowitsch wurde hingerichtet. Er starb mit Heldenmut und Größe. Als das Volk den Kopf in der Hand des Scharfrichters sah, ertönte ein lautes Ach, und die Menge erzitterte so, daß die Newabrücke schwankte und das Geländer abfiel.«
Ulrich Zimmermann schwieg; er erhob sich und wanderte umher.
»Ich verstehe ungefähr,« sagte Erwin nach einer langen Pause, »ich verstehe den Impuls ...«
»Sie müssen es empfinden, Erwin! empfinden müssen Sie’s!« versetzte Ulrich schon in der Angst vor der Verstimmung, welche bei Künstlern den Stunden des Enthusiasmus und des Vertrauens folgt. »Ganz allein begibt sich Mirowitsch an ein Unternehmen, das aussichtslos, das vollkommen bodenlos ist. Ganz allein steht er da gegen einen Staat, gegen eine Welt. Und nicht darum handelt er, weil er überzeugt ist von der Größe seiner Tat, nicht weil er den Menschen dienen will, nicht weil sein Inneres ergriffen ist von Mitleid, Ehrfurcht oder Liebe, sondern weil er sich nach Ämtern sehnt, weil er rauchen, trinken und Karten spielen will. Er ist eitel, genußsüchtig und streberisch. Aus Eitelkeit, Genußsucht und Streberei ersinnt er den vermessensten aller Pläne. Eitelkeit, Genußsucht und Streberei begeistern ihn zu einer Tat, die innerlich hohl ist, aber alle Züge der Genialität aufweist: Kühnheit, Selbstverleugnung, Opfersinn und Leidenschaft. Und zuletzt, als ob die Tat sein Schicksal geadelt hätte, wird aus dem gesetzlosen Schwärmer und selbstsüchtigen Besessenen etwas wie ein Held. Denn zuletzt muß er lieben. Das ist’s; unterliegend muß er lieben. Indem er zusammenbricht, trifft ihn eine Ahnung des Wirklichen, weil sein Herz erwacht, weil er liebt. Darin liegt der Kern: daß er liebt, wenn es zu spät ist. Denn die Liebe hätte ihn vielleicht gelehrt, zu entsagen. Aber Mirowitsch kann nicht entsagen. Er will rauchen, trinken und Karten spielen; er will Ehren und Auszeichnungen. Niemals wird Mirowitsch entsagen.«
Erwin sah den jungen Schriftsteller aufmerksam an. »Und das ist die Frucht, die Amerika in Ihnen gereift hat?« fragte er.
Ulrich Zimmermann zuckte zusammen. »Amerika? Nein. Das Leben. An jeder Straßenecke seh ich einen Mirowitsch, auf jeder Tribüne, in jedem Konventikel, in jedem Kaffeehaus, alte und junge, heimliche und bekennende, freche und heuchlerische, führende und verführte.«
»Also doch eine Allegorie; und wieder eine Allegorie«, entgegnete Erwin kopfschüttelnd. »Was ist mir Hekuba? Was ist mir eine Schlüsselburger Kasematte von siebzehnhundertsiebzig? Was ist es gegen unsre Not, unsern Hunger, unsern Wahn, unsere Leiden? Wieder ein Schwächling, wieder ein Schatten! Und der Befreier sein soll und Prophet, schließt sich in ein Antiquitätenkabinett ein. Ach, Ulrich, Ulrich! Ich habe Sie nach Amerika geschickt, in das Land des Lebens und der Zukunft, damit Sie Botschaft des Lebens und der Zukunft bringen, und nun studieren Sie Leichen und wühlen in der Vergangenheit. Aber tun Sie, was Sie müssen, vielleicht bin ich im Unrecht, denn ich liebe und bewundre zu sehr unsere Gegenwart, diese Zeit, deren Geschöpf ich bin!«
Ulrich Zimmermann war bleich geworden und starrte unbeweglich auf den Teppich. Seine Not? Seine Leiden? wo sind sie? dachte er. Nicht zum erstenmal legte sich diese gebieterische Hand über die Schwingen seines Geistes. Er sah sich unbegriffen aus Herrschsucht, das spürte er und wagte es doch nicht zu glauben. Er war ohnmächtig zum Widerpart, weil er in Abhängigkeit war. Dafür gab es kein Gericht; es lag in Abgründen, in die niemals die Leuchte gegenseitiger Verständigung dringt. Sein Werk büßte den Hauch der Wahrheit ein, es wurde feindselig und gewöhnlich. Was kann ich schließlich verlieren? dachte er in seiner Melancholie, mich selbst kann ich nicht verlieren.
Aber indem er so dunkel bewegt in das Antlitz des Freundes blickte, schauten ihn zwei Augen an, zwei Augen wie offenbarte Rätsel. Und wie es eine Minute gibt, wo die Mutter zum erstenmal das Kind in ihrem Schoß sich regen fühlt, so erblühte jetzt in seiner Phantasie, aus Hemmung und Zweifel heraus, das neue, beredte, beängstigend nahe Bild seiner Schöpfung und seiner Gestalt. Doch Lust und Qual ward hier zu einem; denn er liebte Erwin, er war ihm tief verpflichtet und mußte zum Verräter werden durch den Zwang eines zweiten Gesichts. So wie er mit schlechtem Gewissen hinwegging, ließ er den anderen unzufrieden und verstimmt zurück.
Es lagen zwei leere Stunden vor Erwin, das Unerträglichste von allem: leere Stunden. Da sein Körper von gefesselter Kraft ungeduldig war, begab er sich zu Salviati und focht mit dem Säbel, bis ihn der Schweiß überströmte und er erschöpft in einen Sessel fiel. Dann ging er in die Universität und arbeitete bis acht Uhr über einer altenglischen Handschrift. Für acht Uhr hatte er den Wagen bestellt, er fuhr zum Souper in den Klub und dann nach Hause. Das Fahrzeug schnarrte mit vierzig Kilometer Geschwindigkeit durch die schon verödeten Gassen, als ob es groß was gälte.
Wichtel meldete, der Herr Graf Palester warte in der Bibliothek. Erwin trat ein; Palester lag lang ausgestreckt, blaß und regungslos auf einem Diwan und schlief.
Widerlich, einen Mann schlafen zu sehen, dachte Erwin, indem er auf das edle Gesicht und die schlanke Gestalt des Grafen niederschaute wie auf einen Leichnam, den er sezieren sollte; schlafen, starr daliegen, dachte er, nichts von sich wissen, träumen, was man nicht träumen mag, und noch dazu gesehen werden, ist das menschenwürdig?
Er zündete eine kurze Pfeife an und paffte mit düsterem Gesicht. Er wähnte sich unbeobachtet, und sein Gesicht verdüsterte sich immer mehr. Plötzlich gewahrte er, daß die kobaltblauen Augen des Grafen still und ernst auf ihn gerichtet waren. Er erwiderte den Blick und lächelte freundlich. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte Palester und erhob sich, »ich war ein wenig müde.«
»Ganz nach Bequemlichkeit, Graf. Wollen Sie etwas zu sich nehmen?«
»Eine Tasse Tee, wenn ich bitten darf.«
Der Tee stand längst auf dem Tisch, und die beiden jungen Leute hatten außer den förmlichen Redensarten noch kein Wort gewechselt.
»Schöne Person, außerordentlich schöne Person«, unterbrach auf einmal Palester das Schweigen mit seiner melodischen Stimme.
Erwin drehte langsam den Kopf herüber. »Wen meinen Sie?« fragte er abweisend.
»Nun, dieselbe, die Sie meinen«, antwortete der Graf ruhig.
Erwin entgegnete lange nichts. Dann sagte er spöttisch: »War das eins von Ihren okkultistischen Kunststücken?«
»Nein.« Palesters Augen schimmerten plötzlich grün. Augen, wie er sie besaß, können weder lachen noch weinen. Es sind Deuteraugen, Adeptenaugen, die Augen des Letztgeborenen eines ermüdeten Geschlechts.
»Klären Sie mich auf, Erwin,« begann er nach einer Weile; »ein Mann wie Dalcroze, der doch sicherlich seine fünf Sinne beisammen hat, entschließt sich freiwillig zu einer so langen Trennung von einer Frau, wie es diese Virginia ist. Zwei Jahre! Der zwanzigste Teil von dem, was ihm das Leben im besten Fall noch bewilligen wird! Warum hat er sie nicht mitgenommen? Ist das Stumpfsinn oder Ahnungslosigkeit? Daß er den ungeheuern Glücksfall, Welt, wirkliche Welt, fremde Länder, erhabene Natur zu schauen, nicht würdigen kann, weil ihn die Sehnsucht blind machen wird, ist für mich ohnehin zweifellos.«
»Manfred ist vorläufig noch nicht reich genug, um einer Frau das bieten zu können, was er ihr bieten möchte«, erwiderte Erwin sachlich. »Er wollte zunächst seine Examina hinter sich haben, wollte Lebensgewißheiten erringen, dann kam das mit seiner Lunge; die Krankheit auszuheilen, erschien ihm gegen Virginia als Pflicht, und da er als Mitglied einer wissenschaftlichen Vereinigung reist, mußte er allein bleiben. Was ist da zu verwundern?«
»Es ist, als ob einer den kostbarsten Diamanten auf einem Wirtshaustisch liegen ließe«, murmelte Palester.
»Die kostbarsten Diamanten sind wertlos für die Diebe,« versetzte Erwin, und da Graf Ottokar lächelte, fügte er hinzu: »Es müßte denn ein Dieb sein, der nicht aus Habsucht stiehlt, sondern aus Kennerschaft und Liebhaberei. Da aber die menschlichen Diamanten ihren Besitzer nicht willenlos zu wechseln pflegen, wäre für solch einen Dieb ein Handgriff nicht genug, er müßte streitbar auftreten und aus einem Eskamoteur zum Eroberer werden. Wir befinden uns hier auf der Grenzscheide der Begriffe Raub und Krieg.«
Palester schwieg. Er lehnte den schmalen Kopf hintüber und blickte zur Büste Athenes empor, deren fleischgelber Marmor auf einem Büchergestell leuchtete.
»Sie haben recht«, begann Erwin wieder, der aufgestanden war und vor dem Kamin hin- und herging wie ein Leopard. »Das ist einmal ein Gesicht und nicht bloß eine lebendige Attrappe. Wie herrlich, in ein Gesicht zu schauen, in ein Menschenantlitz! Die Natur verleugnet plötzlich ihre sonstige Flickschneiderei und Falschmünzerei, ewiges Eis schmilzt von unseren Herzen, die Blutadern sind symphonisch gestimmt. Haben Sie das Mädchen beobachtet, Graf? Die Bewegung? Wie wenn ein Mittagshauch übers reife Korn läuft. Der Schritt! Als ob die Erde sich gefällig böge. Wie sie tanzte, großer Gott, wie sie tanzte! So ein Leib wird zum Mysterium, seine Haut ist die schimmernde Wand vor dem Unerforschlichen.«
Palester rührte sich nicht. Er schloß die Augen bis auf einen engen Spalt. Der rötlich gelbe und gegen die glattrasierten Wangen scharf abgeschnittene Kinnbart sah auf dem zarten Gesicht wie aufgeklebt aus.
»Und zu denken,« fuhr Erwin fort, erregt, leise und oftmals stockend wie in einem Selbstgespräch, »zu denken, daß dieser sanfte und standhafte Blick aufgewühlt werden kann zum Verlangen; daß das gemessene Spiel dieser Gebärden dem Rhythmus der Leidenschaft folgt; zu wissen, daß diese vollendeten Linien durch eine Begierde zu großartiger Entfaltung gebracht werden können, daß eine Flamme diese kühlste Stirn übermalen wird, daß diese Schultern zittern, diese Lippen herrlich geöffnet sein, diese blauen Adern stürmischer pulsen, diese tugendhaften Haare ungekettet fließen werden, daß es eine Macht gibt, um diese beschlossene Ruhe in alle Grade der Unruhe zu verwandeln: von der Erwartung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Beklommenheit, von der Beklommenheit zur Qual, von der Qual zur Entselbstung und nun hinab- und hinaufgeschleppt in die Abgründe der Schwermut und auf den Gipfel des Glücks! Das zu denken! Das zu denken!«
»Genug, Erwin, genug!« flüsterte der Graf kaum hörbar.
»Genug? Warum genug? Niemals genug! Niemals!«
»Und Manfred?«
Erwin runzelte finster die Brauen. »Manfred! Manfred besitzt nicht die Macht, von der ich rede. Manfred hat sich mit dem ersten Anfang des Phänomens begnügt. Er hat Virginia bis an den Rand des Feuers geführt, um ihr zu sagen: verbrenne dich nicht. Er hat furchtsam den Kopf abgewendet und ihre Hände gefaßt und nicht gespürt, daß sie das Feuer wollte und daß sie von ihm erwartete, er möge ihr Sträuben besiegen. So sind sie stehen geblieben, in Angst voreinander, und haben nicht gewagt, Menschen zu sein, und haben das Paradies nicht betreten, aus Besorgnis, daraus vertrieben zu werden. Das sind Philisterdinge, Graf, Philistergeschicke. Die Fügung hat diesem feinnervigsten aller Philister ein Himmelswunder von Weib beschert, die heiter spielende Kreatur, ein Wesen, geschaffen zur Hingabe und sinnlichen Verwandlung, und er? Er führt sie bis dorthin, wo Ahnung noch nicht Gewißheit ist, wo der gestörte Schläfer nicht mehr schlafen und auch nicht mehr träumen kann. Ich sehe, ich fühle ja das alles, und es läßt mich nicht. Es geht über meine Kraft, den Diamanten auf dem Wirtshaustisch liegen zu lassen. Welch eine Glorie, diese aufgesparte Fülle, denn die Schönheit ist wie das Genie eine Krönung, ein Friedensschluß im Zwiespalt der Generationen, diese Fülle aus ihren Hülsen und Bollwerken zu treiben! Man müßte so wenig Phantasie haben wie ein Frosch, um Einwänden Gehör zu schenken, die nur für Schwachköpfe und Feiglinge eine Schranke sind. Da haben Sie mich, Graf, da haben Sie mich mit Haut und Haar.«
Palester öffnete die Lider und schaute Erwin mit einem tiefen und sonderbar gütigen Blick an. »Sie irren«, erwiderte er. »Ich habe Sie nicht. Weder die Haut noch das Herz. Sie sind nicht zu haben, Erwin, das wissen Sie vielleicht selber kaum. Man besitzt Sie nicht, und Sie besitzen nichts; niemand und nichts.«
Erwin lächelte. Der Graf fuhr fort: »Aber das ist hier kein Argument. Mein Argument besteht aus drei Worten: Virginia liebt Manfred. Gegen Liebe kämpft auch ein Gott vergebens.«
»Virginia liebt Manfred«, wiederholte Erwin. »Liebt! Ja, es ist unleugbar. Aber diese Liebe ist unvollendet und kein besiegeltes Schicksal. Zwischen Manfred und Virginia ist viel unerforschtes Terrain, das meine Neugier reizt. Nichts weiter. Es gibt kein Gefühl in der Welt, das für einen darauf gerichteten Willen nicht hervorzubringen wäre. Ja, das Gefühl wird mit dem Willen schon geboren, und nicht nur in der Bruder- und Schwesterseele, sondern in jeder Seele, sogar in jedem Element. Wo zwei Menschen beisammen sind, ist das Gefühl in der Brust des einen schon Zwillingskind. Jede Leidenschaft kann erzeugt, kann zerstört, kann übertragen werden. Es ist eine Frage der geistigen Energie und der Fähigkeit, Illusionen hervorzubringen oder vorbestimmte Illusionen zu ersetzen.«
Palester mußte lachen über den ernsthaft dozierenden Ton, der eine Schelmerei zu enthalten schien. Erwin stimmte in die Heiterkeit mit ein. »Sie beruhigen mich vollkommen«, sagte Graf Ottokar herzlich. »Sie sind ein famoser Logiker und, was mehr bedeutet, Sie haben Humor. Das beruhigt mich wieder. Dieser Homunkulus in der Retorte ist eine possierliche Sache.«
Erwin lachte abermals, und hell wie ein Kind. »Was würden Sie zum Pfand setzen, Graf, gegen das Gelingen meines Experiments?« fragte er übermütig.
»Alles was Sie wollen«, antwortete Palester gelassen.
»Auch die Froweinschen Miniaturen?«
Palester stutzte. »Auch die Miniaturen«, versetzte er dann achselzuckend.
Erwin sah ihn aufmerksam an und gewahrte in den Zügen Palesters jenen Ausdruck mystischer Versunkenheit, der ihm zuweilen lächerlich, zuweilen übernatürlich erschien. Dann fragte er: »Soll das gelten? Sie verkaufen mir die Miniaturen an dem Tag, an dem ich Ihnen beweisen kann, daß mein Versuch gelungen ist?«
»An diesem Tag würden Sie die Miniaturen allerdings erhalten.« Palester erhob sich. »Was für Scherze, was für Spiele«, sagte er lächelnd und mit leichtem Mißbehagen. »Aber es ist spät, ich muß nach Hause.«
»Übernachten Sie doch bei mir«, schlug Erwin vor. Der Graf schüttelte den Kopf und verbeugte sich dankend. Erwin hatte plötzlich ein Verlangen, zu wissen, was es mit den geheimnisvollen Umständen dieses Mannes auf sich habe, und er fragte unbefangen, ob er ihn einmal besuchen könne. »Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Graf Ottokar mit kaum merklichem Widerstreben; »aber Sie müssen sich vorher anmelden, sonst bleibt das Tor versperrt.«
Als sein Gast gegangen war, wanderte Erwin in dem weiträumigen Zimmer auf und ab. Er verlöschte die elektrischen Flammen bis auf eine einzige Glühbirne neben dem Schreibtisch. Seine Mienen zeigten eine gewisse Anstrengung, doch nicht die Anstrengung des Nachdenkens, sondern die der Erwartung oder der Ungeduld vor dem Erreichen eines Ziels. Auch mit den Schultern machte er bisweilen kleine ungeduldige Bewegungen. Manchmal blieb er stehen, und seine Hände preßten sich zu Fäusten zusammen.
Da fiel sein Blick auf ein Tanagrafigürchen, das auf dem Lesetisch stand. Dieses Figürchen hatte die reizendste Gestalt, die sich denken läßt, und ein Köpfchen von entzückender Lieblichkeit. Doch fehlten ihm die Arme. Erwin nahm es in die Hand, auf seine Lippen trat ein dünnes, unschlüssiges Lächeln, und der sonderbar angestrengte Ausdruck seines Gesichtes verstärkte sich. Er warf sich in einen Sessel, stellte das Figürchen auf den Rand des Tisches vor sich hin und heftete nun den magisch gehaltenen Blick mit der äußersten Steigerung jener Anstrengung länger als eine halbe Stunde darauf. Er wurde blaß, und seine Augen nahmen eine schwarze, glanzlose Färbung an. Allmählich ermüdete sein Blick; er sprang empor, stellte das Figürchen auf den Handteller, und seine Lippen schoben sich verlangend vor. Verlangen und Hingerissenheit drückte sich auch in seiner Haltung aus, und sein Blick war immer noch befehlend, erfüllt von der magischen Faszinierung. Er wollte das Figürchen an einen entlegenen Platz bringen; während seines Schreitens entfiel es ihm und lag nun vor seinen Füßen auf einer vom Teppich nicht bedeckten Stelle; mit abgebrochenem Kopf lag es vor ihm da.
Läßt sich eine Beziehung zwischen einer solchen Handlung und einer Schläferin denken, die fern davon weilt? Ein Strom der Angst, der Bezauberung, der Ahnung, der durch Häusermauern dringt?
Zur gleichen Zeit hatte Virginia folgenden Traum. Sie stand allein auf einer Art von Terrasse über dem fünften Stockwerk eines brennenden Gebäudes. Es gibt keine Treppe mehr, die Ausgänge sind verschwunden, ringsum liegen rauchende Aschenhaufen. Sie steht am Dachfirst und schaut in die Tiefe hinunter; auf der Straße ist es, als ob nichts geschehen wäre; Wagen fahren und Leute gehen wie sonst. Sie ruft um Hilfe, doch niemand hört es. Wieder und wieder ruft sie um Hilfe, aber plötzlich merkt sie, daß sie gar nicht wirklich um Hilfe ruft, sondern daß sie nur die Absicht hat, und daß ihr das Wort nicht einfällt. Jetzt winken einige Leute herauf, so teilnahmslos, daß ihr das Herz stille steht. Da klettert an der zerbröckelnden Hauswand mit wunderbarer Geschicklichkeit Erwin Reiner herauf. Sie ist ziemlich verlegen, denn sie erinnert sich, daß sie nur notdürftig bekleidet ist und daß sie eine Schürze anhat, der die Taschen fehlen. Hinter ihr ist eine riesige Sandsteinstatue. Mit geheimnisvollem Wesen erklärt ihr Erwin, daß unter dieser Statue ein verborgener Gang auf die Straße führt; der Kopf der Statue sei drehbar, und nur er unter allen Menschen könne den Hebel finden, durch den sich der Kopf drehen läßt und der Gang sich öffnet. Sie befindet sich mit ihm in dem finstern Gang. Er schweigt. Sein Schweigen ist furchtbar. Sie ruft ihn, doch sie vergißt seinen Namen, während sie ruft. Jetzt fällt ihr das Wort Hilfe ein, und sie ruft um Hilfe. Rufend erwachte sie.
Von da ab litt sie viel von Träumen, und das Merkwürdige war, daß auch Manfred von Träumen schrieb, deren ungreifbarer Sinn ihn schmerzlich beschäftigte.
Das Perlenhalsband
Es war eine Woche verflossen, ohne daß Erwin sich in der Piaristengasse hatte sehen lassen. Als er endlich zur gewohnten Stunde kam, vermochte sich Virginia eines beengten Verpflichtungsgefühls nicht zu erwehren. Erst seine heitere Freiheit gab ihr Ruhe. Er erkundigte sich nach ihrer Arbeit, und Virginia berichtete, daß sie sich an einer Intarsia versuche, daß es viel Mühe koste, die verschiedenen Holzarten, der Färbung und Faserung entsprechend, zusammenzustellen, daß aber das Schneiden und Schnitzen sehr anregend sei.
Erwin entgegnete, er finde das Bestreben, eine kunstgewerbliche Fertigkeit auszubilden, bei einer Frau erfreulicher als den Trieb nach schöpferischer Gestaltung; »übrigens,« fuhr er fort, »besitze ich eine ausgezeichnete Intarsia eines modernen Franzosen, der das Material in einer besonders lehrreichen Manier behandelt. Wollen Sie sie nicht anschauen?«
Virginia erwiderte, das möchte sie gerne.
»Sie können daraus Nutzen ziehen«, sagte Erwin. »Kommen Sie doch gleich mit mir«, schlug er vor, indem er sich erhob.
Virginia zögerte mit der Antwort. »Das geht doch nicht«, versetzte sie ein wenig erstaunt.
»Das geht nicht?« fragte Erwin, anscheinend noch viel erstaunter, »warum geht es denn nicht? Ach so,« fügte er hinzu und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, »Sie meinen, daß wir eine Aufsichtsdame nötig hätten! Verzeihen Sie, es war ein freundschaftliches Anerbieten, und auf die Ohrfeige war ich nicht gefaßt.« Er griff nach seinem Hut.
»Finden Sie denn wirklich,« mischte sich Frau Geßner, die Zeugin dieses Wortwechsels war, zaghaft ein, »daß ein junges Mädchen so ohne weiters einen jungen Mann in seiner Wohnung besuchen darf?«
»Nein, teure Mama, absolut nicht,« antwortete Erwin mit höflichem Ernst. »Ich finde auch meine Besuche bei Ihnen durchaus ungehörig. Doktor Zimmermann hat Ihnen ja bewiesen, wie gefährlich das ist. Ein junges Mädchen darf niemals den Abgrund zwischen Mann und Weib vergessen, und wahrscheinlich gibt es kein neutrales Gebiet für ihre Gedanken und ihre Arbeit. Wahrscheinlich ist es ein Verbrechen, wenn sie die Sorge um ihre körperliche Unbescholtenheit außer acht läßt. Man kann ihr nicht so viel Stolz und Überlegenheit zumuten, daß sie sich sagt: was ich tue, hat sein Gesetz und seine Rechtfertigung in sich selbst. Das ist vollkommen in der Ordnung. Nur wäre es ehrlicher und für mich weniger erniedrigend, wenn man mir gleich sagen würde: gib deinen Handkuß und rede nicht von Philosophie.«