Part 6
»Ich will dir behilflich sein, weiter nichts,« erwiderte Marianne, und über Erwins verständnislose Miene etwas gezwungen lachend, fuhr sie fort: »Ich habe dich unwiderstehlich gemacht. Ich habe dich in ein Duell verwickelt. Man hat in Gesellschaft abschätzig über sie gesprochen, – das fleckenlose Lamm hat gar nicht daran gezweifelt –, du bist als Ritter für ihre Ehre aufgetreten, die Folgen ergeben sich von selbst. Ich habe einfach etwas erfunden, wozu die Wirklichkeit zu stümperhaft war.«
Erwin machte große Augen. »Und du denkst im Ernst, daß ich das aufrecht erhalten werde?« fragte er.
»Du mußt. Was ficht’s dich an?«
»Köstliche Antwort: was ficht’s dich an. Ich meinerseits habe einen Ruf zu verlieren.«
»Bah. Dir glaubt man alles. Du bist in Mode.«
»Ein Duell ohne Gegner, ohne Ursache, ohne Folgen?«
»Findest du das nicht prachtvoll? Endlich einmal etwas Originelles. Du führst die ganze Gesellschaft an der Nase herum, denn alle müssen es natürlich wissen, sonst hat es keinen Zweck, sonst bleibt deine marmorne Göttin ungerührt. Ein Weiberherz, und mag es beschaffen sein wie es will, wird immer davon bestimmt, wie die Welt über einen Mann urteilt. Für die Verbreitung werde ich schon sorgen. Was riskierst du? Nichts. Du hast deinen Gegner nicht getötet, denn er hat nie gelebt. Und weil er nicht lebt, wird man ihn auch nicht finden. Wir beide, wir schweigen.«
Erwin setzte sich rittlings auf den Stuhl und packte die Lehne mit beiden Händen. So, den Kopf vorgeneigt, lachte er lautlos mit offenem Mund, in dem die starken weißen Zähne blitzten und eine Goldplombe leuchtete. »Deine Experimentalpsychologie ist unbezahlbar, liebe Marianne«, versicherte er endlich, wobei in seiner Miene das Vergnügen über den Einfall mit einer gewissen Verachtung gegen die Person kämpfte. »Das hat Geist, ja, das hat Geist, ich kann’s nicht leugnen. Aber du nimmst mir’s ja nicht weiter übel, wenn ich Virginia so bald wie möglich aufkläre. Der papierne Lorbeerkranz ist mir ein bißchen peinlich.«
»Das wäre die größte Dummheit, die du begehen könntest. Du würdest das Mädchen für immer erkälten. Sie würde dir niemals verzeihen, daß sie umsonst für dich in Sorge war.«
»In Sorge?«
»Gewiß. Sie ist besorgt für dich. Sie muß es sein, wenn sie Gemüt im Leibe hat. Sie ist gekränkt worden, und du bist der Rächer. Zerstörst du diese Einbildung, so erscheinst du ihr lächerlich, ob sie will oder nicht. Das ist Frauenart. Der gut imitierte Lorbeerkranz ist also besser als eine Narrenkappe.«
»Weshalb?« sagte Erwin leichthin, »man kann Narrenkappen so würdevoll tragen wie Kronen.« Er runzelte die Stirn und stützte das Kinn auf das Holz der Lehne.
»Außerdem – soll ich vielleicht als Lügnerin dastehen?«
»Mein Gott, ein Irrtum, ein Klatsch –«
Marianne sah ihn fest an. »Du wirst es nicht tun, Erwin. Ich kenne dich. Es wäre ja philisterhaft, den Faschingsscherz ins Tragische zu wenden. Der Kavalierstandpunkt gilt doch nicht unter uns.«
»Aber welches Interesse hast du daran, Marianne, du?«
»Ach, ich möchte, daß das kleine Abenteuer bald hinter dir liegt, es beschäftigt dich über Gebühr«, entgegnete Marianne etwas frostig.
Erwin mußte lächeln. Es war Lust und Begierde in seinem Lächeln. Indem er an Virginia dachte, sah er sie wie eine Lilie, deren weißer Glanz allein Schutz genug ist gegen häßliche Berührung, und indem er das Bild Mariannes hinzugesellte, wurde es von dem weißen Glanz verzehrt wie Fackellicht von einer Magnesiumflamme. Ihn ekelte ein wenig vor der billigen Heldenrolle, die ihm Marianne aufdrängte, doch sah er ein, daß er damit viel gewann; und weil eine ihm tief innewohnende Geringschätzung gegen Menschen und ihre Einrichtungen ihn stets reizte, die Fesseln der Konvention für nichts zu nehmen, so pedantisch er sie auch zu achten schien, überredete er sich leicht, in diesem Wagnis ein heiteres Spiel zu sehen, welches er in jedem Augenblick mühelos beenden konnte.
Ohne sich von solcher Erwägung etwas anmerken zu lassen, erhob er sich und sagte kühl: »Auf übermorgen also. Ich hole dich und Virginia ab.«
»Gibst du mir nicht die Hand?«
Er reichte ihr die Hand, wie man einem Bedienten den Hut reicht.
»Und die andre, was ist’s mit der?« fragte Marianne mit gesenkten Lidern.
»Welche andre?«
»Die Schwester von Fritz Kynast ...«
»Frau Zurmühlen meinst du? Es geht ihr vortrefflich. Gute Nacht, Marianne.«
Als Erwin das Zimmer verlassen hatte, blieb Marianne an der Tür stehen, um seinem verklingenden Schritt nachzulauschen und dann zu grübeln. Der freundliche, gesellige Ausdruck ihrer Züge hatte sich im Nu verwandelt, von Müdigkeit in Düsterkeit, von Düsterkeit in jene Verzweiflung, die ein altgewohnter Kampf hoffnungsloser Gedanken erregt. Sie fühlte sich schon an der Wende der Jugend, übersättigt und lustlos, ohne Zuversicht und ohne Liebe, ohne Kraft und ohne Ruhe. Die Spule leerer Vergnügungen war abgesponnen, und die öden Tage folgten einander scheinbar belebt, wie auf einer Bühne ein schlechtes Stück, das nur Neulinge flüchtig zerstreut, ewig wiederholt wird.
Sie bildete sich aber ein, daß sie zu den Schauspielern, zu den Hauptdarstellern dieses schlechten Stücks gehöre, und das war ein Glück für sie. Denn es verursachte immerhin Bewegung, gebot die Pflicht der Haltung, ließ Schminke und Verstellung unerläßlich erscheinen. Die amüsierten Zuschauer vernahmen nicht den blechernen Klang der Stimmen und das puppenhafte Knarren der Gebärden, und so führte man die Rolle zähneknirschend durch und konnte der Versuchung endlich kaum mehr widerstehen, einmal aufzuschreien, den Ingrimm sich einmal vom Herzen zu schreien und das blutsaugerische Lügenwesen zu enthüllen.
Hätte man nur nicht fürchten müssen, dann zur Rolle des Zuschauers verdammt zu werden.
* * * * *
Virginia konnte die Nacht hindurch kein Auge schließen. Hundertmal überlegte sie, was sie dort, wo sie gewesen, für Worte gesagt, was man ihr geantwortet, sie ließ die Gesichter vorüberziehen, die untreuen, die undurchdringlichen. Um drei Uhr machte sie wieder Licht, nahm ihren Handspiegel und prüfte mit Sorgfalt die eigenen Züge. Sie argwöhnte, zu oft gelächelt zu haben.
Am andern Vormittag krochen die Stunden träge hin. Sie konnte nichts arbeiten, und ihre Befürchtungen schlugen folgsam die Richtung ein, die Mariannes Worte ihr gewiesen. Es wurde ihr schwer, sich vor der Mutter zusammenzunehmen, obgleich diese nicht viel sah, weil sie viel spintisierte. Sie wollte eine Absage für den morgigen Ausflug schreiben, blieb jedoch unschlüssig. Unschlüssigkeit war ein Zustand, den sie sonst nicht kannte, ein verhaßter Zustand, der ihre Sinne trübte.
Da Erwin am Nachmittag nicht kam, ging sie gegen sechs Uhr zu Marianne. Marianne war nicht zu Hause. Sie bat das Dienstmädchen, telephonieren zu dürfen, und ließ sich mit Erwins Villa verbinden. Erwin war gleichfalls nicht zu Hause. Während sie abklingelte, vernahm sie aus einem der Zimmer zwei wild streitende Männerstimmen. Plötzlich stürzte ein großer, totenbleicher Mensch im Zylinderhut heraus, an ihr vorüber und durch die offene Tür die Treppe hinunter. Nun blieb es still. Virginia ging erschrocken weg.
Kaum war sie daheim, so läutete es. Es war Marianne. Sie trug einen kostbaren Chinchillamantel und einen großen Hut mit schwarzen Straußfedern. Die Winterkälte hatte ihr Gesicht gerötet, und Schneeflocken hingen in ihrem Haar. Sie weigerte sich, ins Zimmer zu treten, da sie in Eile war. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß alles glücklich vorüber ist«, flüsterte sie atemlos, schlang ihre Arme um Virginias Hals und küßte sie schnell auf die Wange.
»Alles vorüber? Erwin ist gesund?« fragte Virginia, der es zumute war, als löse sich eine klammernde Hand von ihrem Nacken. »Und der andere?«
»Unbedeutende Verletzung. Ein Denkzettel, weiter nichts. Gute Nacht, Liebe, auf Wiedersehen! Halten Sie sich bereit für morgen. Wir werden sehr, sehr lustig sein.«
Virginia blieb nachdenklich, und nicht froher wurde ihr ums Herz. Andern Tags um neun Uhr früh fuhr sie mit Marianne und Erwin zum Bahnhof, wo Ulrich Zimmermann und Graf Palester warteten. Im Kupee setzte sich Ulrich Zimmermann neben Virginia; so scheu er noch gestern gewesen, so zutraulich gab er sich jetzt. Virginia, die ein feines Gefühl für äußere Formen besaß, hatte bislang an seinen Manieren Anstoß genommen, nun versöhnte sie sich damit, denn was er sagte, hatte eine geistige Schwere, die durch Selbstironie wohltuend gemildert wurde. Er erzählte von Amerika wie jemand, der des Anblicks einer erhabenen und schrecklichen Vision teilhaftig geworden ist.
Von Payerbach aus wurde der Schlitten benutzt, und die Fahrt ging ins Höllental. Die Luft brannte vor Kälte, der Himmel vor Bläue, es wehte kein Wind, über den Bäumen lag der Schnee gleich riesigen Watteknäueln, grünblaue Eiskatarakte glitzerten an den Felswänden, die Häuser nah und fern schienen ausgestorben, leergefroren, und in der höchst feierlichen Stille tönten nur die zahlreichen Glöckchen am Geschirr der Pferde.
Auf einer einsamen Meierei wurde ein Imbiß genommen. In einem Nebengelaß spielte ein alter Bauer die Harmonika, Marianne führte ihn Arm in Arm herüber, und er sollte Walzer zum besten geben. Dies vermochte er jedoch nicht, und man holte einen, der die Kunst verstand. Erwin und Ulrich tanzten mit den Mädchen. Graf Ottokar blieb ruhig auf seinem Platz. Marianne ersetzte durch Temperament, was ihr an junger Grazie fehlte, aber Virginia, die tanzte! Die konnte tanzen, als ob die ganze Süßigkeit und Glut eines Frühlings in ihren Adern gärte, als ob die liedervolle Stadt da unten im Tal ihre Zauber, ihre Rhythmen nur ihr allein zu eigen gegeben hätte. Sie war aus allem Gleichmut gerissen, von Licht und Luft und Sonne und blühweißem Schnee berauscht und wiegte sich in Erwins Arm, Kopf hintüber, Hals gespannt, Schultern gelöst, Glieder beschwingt, mit unhörbarer Sohle wie ein Elfenwesen am Rand mondbeschienener Wässer. Die andern ließen ihr beschwerteres Treiben und schauten zu, auch die Hausbewohner drängten sich auf die Schwelle.
Auf einmal, mitten im Tanz, hielt Virginia inne, blieb ein Weilchen inmitten der verdämmernden Stube stehen, schloß die Augen und trat dann erbleichend aus dem Kreis.
Sie dachte an Manfred – und an das, was zwischen ihr und Erwin lag. Sie tanzte nicht mehr.
Auch auf der Rückfahrt schien sie verstimmt, und was ihr sonst immer ergreifend war, der Abend in der Natur, sie vermochte ihn nicht zu spüren. Marianne, der Graf und Ulrich waren auch schweigsam geworden, nur Erwin, immer befeuert, immer an ein Ungemeines gebunden, rezitierte Verse, alte deutsche Lieder und solche, deren Herkunft nicht genannt wurde; eins davon bewegte Virginia, so daß sie ihn bat, es zu wiederholen. Er wiederholte das Gedicht, mit dem Refrain hinter jeder Strophe: »Einst konnt’ ich gehen, ohne müd’ zu werden, jetzt bin ich müd’, ohne zu gehen.«
Aber als sie in der Dunkelheit Erwins dunklen Blick auf sich ruhen fühlte, wallten plötzlich Zorn und Scham in ihr empor. Denn sie mochte diesem Manne nichts verdanken, sie mochte ihm nicht das Recht einräumen, für sie aufzutreten, sie wollte keinerlei Verpflichtung tragen, sie wollte ihm nichts schuldig sein. Es mußte kommen, daß darüber geredet würde; ach! Zungen, die hinter ihr her zischten! Manfreds Stolz war in ihr beleidigt, ihr Zuihmgehören war bedroht.
Das Leben erschien ihr nicht mehr so einfach wie bisher. Insonderheit mit Manfred war es so wunderbar einfach gewesen. Jetzt wirkten einfache Ereignisse bedeutungsvoll, ohne daß sie den Grund erkannte. An einem der nächsten Vormittage ging sie durch eine enge Gasse in der Stadt. Ein daherstürmender Fiaker streifte einen Handwagen, von welchem ein länglicher Blechkasten, durch den Anprall aus dem Gleichgewicht gebracht, aufs Pflaster stürzte. Der Deckel des Kastens fiel ab, Wasser strömte heraus, und sogleich wimmelten Dutzende von Goldfischen auf dem frischgefallenen Schnee. Wimmelten und wandten sich, schnappten mit den Kiefern, schlugen mit den Schwänzchen und schnellten kraftlos in die Höhe. Es war ein liebliches und schmerzliches Schauspiel. Virginia blieb stehen und sah versunken den Händen vieler Leute zu, die geschäftig waren, die Tierchen wieder in den Trog zu werfen. Zu spät; als man Wasser herbeigeschafft hatte, waren die meisten schon tot.
Das Bild verfolgte sie. Auch in ihrem Brief an Manfred war sie versucht, es zu schildern, fand aber keine sinnvolle Anknüpfung. Es war ein stürmischer Abend, das Mondlicht glitzerte auf den Schneebändern der äußeren Fenster. Vom Turm der Piaristenkirche schlug es zwölf Uhr; sie saß, den Federkiel an der Stirn, den Blick gegen die absterbende Kohlenglut im Ofen gerichtet und dachte an die Goldfische. Die Mutter rief sie zur Ruhe, aber Virginia antwortete, sie hätte noch viel zu schreiben. Im Honigschatten ihres aufgelösten Haares lag das schmale Antlitz, wie die Putten auf alten Gemälden in rosige Wolken geschmiegt sind.
Das Tanagra-Figürchen
Man sprach in allen Salons der Stadt von dem Duell Erwin Reiners. Auch einige Zeitungen bemächtigten sich des Gerüchts; in einem Arbeiterblatt wurde die Behörde gefragt, wie lange sie noch die blutigen Spiele unter den oberen Zehntausend zu dulden gedenke, und in einem Journal, welches dem Klatsch diente, versah ein Reporter von mittlerer Begabung die Angelegenheit mit einer Reihe prickelnder Zutaten. Erwin erhielt eine polizeiliche Vorladung. Nach seinem Gegner gefragt, zuckte er die Achseln und erwiderte, keine Macht der Erde könne ihn zur Indiskretion zwingen. Er stellte sogar den Sachverhalt in Abrede, erklärte aber, sich den Beweisen beugen zu wollen, die man gegen ihn finden würde. Die Feierlichkeit der Beamten belustigte ihn ebensosehr wie die aufgeregte Neugier seiner Freunde, und er hatte Mühe, seinen Ernst zu bewahren. Da auch kein andrer Mensch den Namen des Partners in diesem Schattenkampf herausbringen konnte, erschien die ganze Geschichte um desto geheimnisvoller. Man munkelte, daß eine sehr schöne Frau, deren Beschützer er war, die Ursache des Duells sei, aber wer auch immer befragt wurde, mußte seine Unwissenheit bekennen. Einen ganzen Vormittag lang läutete das Telephon fast ununterbrochen, und Stimmen aus allen Gegenden der Stadt erkundigten sich voll Teilnahme nach Erwins Befinden. Wichtel gab jedesmal den Bescheid, daß sich sein Herr eines trefflichen Wohlseins erfreue. Unter der eingelaufenen Post befand sich auch ein Brief von Helene Zurmühlen, der einer wahrhaften und leidenschaftlichen Besorgnis Ausdruck gab. »Könnt ich nur wissen, aus welchem Grund Sie Ihr teures Leben in die Schanze geschlagen haben«, schloß das Schreiben; »ich zittere in dem Gedanken, daß Sie dem Tod gegenüberstanden sind. Für mich hat ja der Tod keine Schrecken mehr, für Sie hat er in meinem Herzen tausend. Alles ist mir fremd geworden, Vergangenheit und Gegenwart haben sich von mir abgelöst, ich bin mir selber fremd geworden und müßte mich hassen, wenn ich stark genug dazu wäre.«
Erwin antwortete: »Bauschen Sie eine Niaiserie nicht zur Katastrophe auf, Helene. Ich bin munter wie ein Fisch im Wasser. Sich selber fremd sein – ein beneidenswerter Zustand, dem die Dichter unsterbliche Eingebungen verdanken. Aber mit Haß? Nein. Fremd sein in Liebe, uns selbst, uns einander, das ist der Weg zur Erfüllung und zum Genuß der Welt.«
Während er Wichtel den Brief zur Besorgung übergab, trat sein Vater ein. »Guten Tag, Alter«, sagte Michael Reiner. »Was ist denn los? Die Leute reden ja massenhaft dummes Zeug. Bist du blessiert? Nein? Gott sei Dank.«
Er sprach ein wenig keuchend; sein Gesicht hatte die Zinnoberfarbe vollblütiger Greise, und er trug den österreichischen Bart mit ausrasiertem Kinn. Er war athletisch gebaut und sah aus wie jemand, der Widerwärtigkeit, üble Laune und Glücksfälle ohne viel Federlesens hinunterschlingt und ausgezeichnet dabei gedeiht. Aber die unendliche Liebe, die er für seinen Sohn hegte, kennzeichnete jede Gebärde. Er lag gleichsam stets auf den Knien vor ihm, lauschte atemlos auf alles, was er sagte, überlegte es später, erquickte sich erinnernd daran, wenn er nachts nicht schlafen konnte, und hatte Herzklopfen in seiner Nähe. Unglücklich Liebende haben eine Neigung zum Gesinde; er hatte draußen schon den Diener ausgeholt, ob er über das Vorgefallene Bescheid wisse, doch in solchen Dingen war Wichtel zugeknöpft wie ein Diplomat.
Die flackernden Blicke des Alten, welche die Unruhe und Unsicherheit eines Mannes nicht verleugnen konnten, der gewohnt ist, daß man Geld von ihm fordert, und nichts anderes als Geld, suchten in den Zügen des Sohnes ängstlich nach einer Kundgebung der Freundlichkeit. Erwin saß an dem großen, runden Tisch, der mit erlesenen Prachtwerken englischer und amerikanischer Buchkunst bedeckt war, und schrieb von Zeit zu Zeit kurze Notizen auf ein Blatt Papier, eine Tätigkeit, die der Alte andächtig schweigend verfolgte.
»Bleibst du zum Essen?« fragte Erwin endlich kühl. – »Wenn du gestattest, gern«, antwortete Michael Reiner und räusperte sich, was wie das dankbare Knurren eines Hundes klang.
»Ich erwarte noch einen Gast, den jungen Zimmermann,« fuhr Erwin fort, »das wird dich ja weiter nicht stören. Ich habe mit dir zu sprechen, Papa, und wir wollen es gleich erledigen. Ich brauche nämlich eine größere Summe, eine sehr bedeutende Summe. Wenn dir’s nicht paßt, sag einfach nein, ich bin dir nicht böse, obwohl die Sache von Wichtigkeit für mich ist.«
»Freut mich, daß du mir dein Vertrauen schenkst,« erwiderte Michael Reiner, »freut mich, Erwin. Stehe dir selbstverständlich zur Verfügung.« Mit seinen plumpen Schritten begab er sich zum Schreibtisch, riß ein Blatt aus dem Bankbuch, das er in der Tasche trug, und schaute Erwin fragend an. Dieser nannte die Summe, und nach wenigen Minuten war er im Besitz des Schecks, den er gelassen einsteckte. Der väterliche Reichtum beschämte ihn; er achtete nur den aristokratischen Reichtum, der von Geschlecht zu Geschlecht vererbt und mit der unnachahmlichen Noblesse gehandhabt wird, die den Emporkömmlingen versagt ist.
Michael Reiner hatte nun seinerseits ein Anliegen. Seit fünfzehn Jahren verbrachte er fast alle Abende bei Frau Engelhardt, der wohlhabenden Witwe eines Getreidemaklers. Wie schon der Doktor Zimmermann gegen Virginia und deren Mutter angedeutet, hatte er sich allmählich an den Wunsch und Gedanken gewöhnt, die ihm grenzenlos ergebene Frau zu heiraten. Er hatte niemals davon mit Erwin gesprochen, aber Erwin wußte, wie die Dinge standen, und sein Verhalten war das ablehnendste, das es gibt: er übersah die Freundin seines Vaters. Diese kränkte sich darüber schon lange, und Michael Reiner machte nun mit klopfender Brust den Versuch, Erwin zu bewegen, daß er Frau Engelhardt die Ehre einer Visite erweise. »Du könntest mir wahrhaftig den Gefallen tun«, bat er. »Wäre dir riesig erkenntlich. Ich hab’s der Malwine in die Hand versprochen, und sie wird dich empfangen wie einen Prinzen. Sag nicht nein, Erwin, dich kostet’s eine Stunde und mir macht’s eine Freude fürs Leben.«
Erwin lachte. »Du bist nicht aufrichtig, Papa«, antwortete er tadelnd und eindringlich. »Ich finde es nicht geschmackvoll, daß du mich über deine Absichten täuschen willst. Es steht mir natürlich nicht zu, dir bei der Ausführung irgendeines Vorhabens in den Weg zu treten, aber ich würde die Lächerlichkeit dieses Vorhabens den Augen der ganzen Welt enthüllen, wenn ich dir dabei behilflich wäre. Nein, Papa, nein! Trotz aller Ehrerbietung, die ich dir schulde, werde ich nie und nimmer die Schwelle des Hauses übertreten, in dem jene Frau wohnt. Du willst heiraten? Schön. Nur verlange nicht von mir, daß ich es gutheiße. Ich habe nichts damit zu schaffen. Die fremde Frau meines Vaters wird niemals meine Mutter werden. Sie wird stets die spekulative Witwe eines Kornhändlers für mich bleiben.«
Der Alte war sehr niederschlagen und schwieg. Früher haben die Väter ihre Söhne abgekanzelt, dachte er, jetzt ist es umgekehrt; so ändern sich die Läufte. Er überlegte, warum das so sei, und kiefte an dem Elfenbeingriff seines Stockes. »Wenn man mit fünfundsechzig Jahren heiratet,« fuhr Erwin lächelnd fort, »muß man schon eine Herzogin nehmen, um den Spott der Welt zu ersticken. Passionen dürfen plebejisch sein, denn sie sind vergänglich; durch eine Eheschließung ruft man die Unsterblichkeit zum Zeugen auf. Bedank’ dich, Papa, für die gute Meinung. Im übrigen,« fügte er lebhaft hinzu, »ehe ich’s vergesse, da ist noch eine kleine Geschichte. Die Rosanna Schörk hat eine junge, begabte Kollegin, der es momentan schlecht geht. Ich habe versprochen, etwas für das Mädel zu tun. Du bist doch bekannt mit den Theaterdirektoren, erlaubst du, daß ich dieses Fräulein, Martens heißt sie, Christie Martens, zu dir schicke?«
Michael Reiner nickte, ohne im entferntesten zu ahnen, in welcher Schlinge er sich da fangen sollte. Während des Mittagessens blieb er finster in sich gekehrt, und da er wußte, daß seine schmatzende Art zu kauen Erwin nervös machte, aß er fast gar nichts, stocherte, solang Ulrich Zimmermann redete, mit der Gabel lustlos auf dem Teller herum, aber wenn Erwin sprach, festigte sich sein Blick, und er merkte genau auf. Nach beendeter Mahlzeit küßte Erwin den Vater zärtlich auf die Wange und bot ihm für die Siesta sein Schlafzimmer an.
Ein prächtiges Verhältnis zwischen den beiden, dachte Ulrich Zimmermann, der sich gleichwohl durch die Gegenwart des Alten beengt fühlte; er gehörte zu den Beobachtern, die nichts sehen, aber alles gesehen haben.
Erwin und Ulrich setzten sich in der Bibliothek einander gegenüber, rauchten und tranken aus kleinen goldnen Tassen Mokka. »Was arbeiten Sie?« fragte Erwin.
»Ich versuche mich jetzt an der Geschichte des Mirowitsch«, antwortete Ulrich Zimmermann. »Wissen Sie, wer Mirowitsch war?«
»Nein.«
»Mirowitsch war ein Rebell aus der Zeit der großen Katharina.«
»So? Das ist lang her. Was hat es für eine Bewandtnis mit ihm?«
»Soll ich ausführlich erzählen? Wird es Sie nicht langweilen? Also hören Sie zu. Mirowitsch war ein kleiner Edelmann aus einer zugrunde gegangenen Familie und diente, schlecht besoldet, in einem Regiment der Kaiserin. Es lebte damals noch ein Prätendent auf den zarischen Thron, der braunschweigische Prinz Iwan Antonowitsch. Dieser war auf der Festung Schlüsselburg unter dem Titel des namenlosen Gefangenen in grauenhafter und langjähriger Einsamkeit inhaftiert. Aber das ganze Land redet heimlich von ihm, und wo man nicht die Ohren der Spione fürchtet, beklagt man sein Schicksal. Katharina muß natürlich wünschen, daß dieses unbequeme Überbleibsel einer früheren Dynastie verschwindet, und sie hat Auftrag gegeben, daß die beiden Offiziere, die ihn bewachen und die auf solche Art nicht ohne Plan selbst zu Gefangenen gemacht wurden, den Prinzen töten, wenn der geringste Verdacht entsteht, daß er fliehen will oder durch Aufruhr zur Flucht ermuntert wird. Nun, Mirowitsch kommt mit einer von den Kompagnien, die abwechselnd den Wachdienst in der Festung versehen, nach Schlüsselburg. Mirowitsch ist einundzwanzig Jahre alt. Er hat den Staatsstreich erlebt, er hat erlebt, wie kleine Leute, die der Kaiserin zum Thron verhalfen, mächtig und reich wurden, und er will ebenfalls mächtig und reich werden, denn er hat nur Schulden, drei hungernde Schwestern und einen hoffnungslosen Prozeß mit der Krone. Er kann nicht rauchen, er kann nicht trinken, er kann nicht Karten spielen, er hat für alles das kein Geld. Es gibt kein Opfer, das er nicht bringen würde, um aus seiner Armut und Dunkelheit emporzusteigen. Bald genug erfährt er, daß der streng bewachte Häftling niemand anders ist als Iwanuschka, der Kaiser, der heimliche Kaiser. Mirowitsch beschließt, den Kaiser zu befreien. Ganz allein und auf eigene Faust will er den Kaiser befreien, dann ist er reich, geehrt, kann wieder rauchen, trinken und Karten spielen. Schlägt’s fehl, so schlägt’s fehl; er ist ja auch so ein verlorener Mensch.«