Part 21
„Und Sohnesgefühle!“ fügte Bojesen verächtlich hinzu, indem er an Gedaljas Schicksal dachte. „In Ihrem Haus scheint das erblich zu sein. Wo ist da der berühmte jüdische Familiensinn? Wenn Ihre Tochter ein Schuldschein wäre, hätte die Firma freilich mehr Grund, sich zu erhitzen.“
„Mein Herr!“ rief der Bankier, feig werdend. Seine tückischen Augen blickten unsicher nach der Thüre.
Als Bojesen ging, war die Sonne im Sinken begriffen. Sie ergoß Ströme purpurroten Lichts auf die tauenden Schneeflächen. Der Himmel, wie ein Teppich, war mit seltsam regulären Wolkenmustern besät, und in der Tiefe des westlichen Horizonts stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment und war bald verschwunden, eine breite, gleichmäßige, brennende Röte hinter sich lassend. Bojesen schritt vorbei an den Bureaux der „Firma“, wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet wurde, und sah durch die mit grünen Gittern versehenen Fenster. Pult an Pult; Commis neben Commis: bleiche, langnasige Menschen mit trüben Augen, mit Augengläsern, mit beschäftigten, sorgenvollen Mienen, – freudlose Rechenmaschinen. Staub!
Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus, nicht anziehender geworden durch die blendenden Abendgluten. Eisenbahnremisen, ein abgebrochener Zaun, durcheinanderlaufende Schienen, rötlich schimmernd im Widerschein des westlichen Feuers, einzelne Güterwagen, eine Lokomotive, stumm und kalt, ein Lastwagen, Bahnwärter- und Signalhäuschen, Telegraphenstangen, Güterhallen und weit drüben ein schüchternes Etwas von Wald, mit letztem Schnee behangen, und das erste oder vielleicht vorjährige blasse Grün eines Wiesenfragments. Und vieles von diesem weckte auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit in ihm, ließ Bilder der Heimat in ihm wachsen, und er hatte fast Heimweh. Er begegnete Leuten, meist Arbeitern, auch Spaziergängern, die die kohlendampferfüllte Gegend als „frische Luft“ betrachteten, und Bojesen fragte sich wie ein Kind, dem alles neu und absurd ist: was wollen sie? woher kommen und wohin gehen sie?
Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft, und da er nicht sehr weit von Nieberdings Villa entfernt war, wandte er sich dorthin. Er schritt oben an den Hängen hin, zwischen den Gesträuchen, zur Rechten die Mauer des Kirchhofs, tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben lag das ebene Thal, das vom Horizont verschlungen wurde.
Er fand die Thüre der Villa offen, und während er die Stufen hinaufging, fand er, daß es komisch genug sei, zu einem Mann zu gehen, den man im eigentlichen Sinn brutalisiert hat, und ihn um seine Gesellschaft zu betteln.
Da er niemand sah, klopfte er an die nächste Thür und als niemand antwortete, ging er hinein. Das Zimmer war leer; er schlug an der Seitenwand eine Portiere zurück und stand betroffen still.
An einem Diwan kniete, ganz in sich zusammengeschrumpft und -gekauert, Cornely Nieberding und richtete sich erst auf, als sich Bojesen verlegen räusperte. Sie warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und rief angstvoll: „Was ist? Ist er tot?“
Als Bojesen sie erschreckt anstarrte, trat sie auf ihn zu, bot ihm schüchtern die Hand und flehte: „Bringen Sie ihn zurück! Sagen Sie mir, wo er ist! Ich weiß nicht, was ich thun soll, guter Gott, schon seit zwei Tagen! Wo mag er sein?“
Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht, das unaufhörlichen Zuckungen unterworfen war und von Schlaflosigkeit und Sorgen seltsam alt war. Als sie sich so schweigend betrachtet sah, ließ sie den Kopf sinken und ihre Ohren wurden glühend rot, während Stirn und Wangen nichts von ihrer leblosen Farbe verloren. Sie setzte sich auf einen kleinen Sessel, ließ die Arme schlaff hängen und sagte: „Ich kenne Sie ja gar nicht und Sie kennen mich auch nicht und wissen nicht, was mit mir ist.“
Bojesen wußte es in der That nicht. Er setzte sich ihr gegenüber, spielte mit dem Hut in seiner Hand und suchte nach Worten.
„Er ist ja mein Bruder,“ fuhr Cornely mit einer krankhaften Versunkenheit fort und lächelte, daß es Bojesen wie ein Stich traf.
„Aber zwei Tage, Fräulein! Wie oft bleiben junge Männer zwei Tage aus!“
„Haben Sie einmal Manfred gelesen?“ fragte Cornely, als hätte sie seine Worte nicht gehört. Doch sie selbst schien über das, was sie sagte, so entsetzt, daß ihr Gesicht eine aschengraue Färbung erhielt.
Auch Bojesen war erschrocken und schaute sie mit großen Augen an. Er fühlte, wie sein Herz langsamer schlug, als müsse es erst neue Kraft sammeln. Er nagte heftig mit den Zähnen an der Unterlippe.
„Es ist seltsam mit uns jungen Mädchen,“ sagte sie wieder mit ihrer singenden und gleichsam entfernten Stimme, und sah hinaus an den kahlen Himmel, gegen den sich die kahlen Äste naher Bäume wie feine Filigran-Arbeit abzeichneten. „Seltsam. Immer bleiben wir die ahnungsvollen Engel. Und was erleiden wir alles, wenn ihr glaubt, wir schlafen. Die Männer mögen nur das Süße an uns. Aber all das ist ja sinnlos. Finden Sie nicht, daß ich wie im Fieber rede?“ Sie lachte und Bojesen fühlte wiederum jenen Stich. Er war noch niemals so befangen gewesen, seine Unterlippe wurde ganz wund.
„Warum kommt er denn nicht!“ rief sie plötzlich, rang die Hände und legte sie dann, wie vor Schmerz, an die Schläfen. Ihr ganzer Schmerz hatte etwas so Unterdrücktes und Gepreßtes, daß Bojesen ganz ungeduldig wurde, ihr zu helfen. „Ach bitte, Herr – ich weiß Ihren Namen nicht mehr – gehen Sie ins Café National nach Nürnberg; heute ist doch Mittwoch? er soll dort einen Freund treffen, Estrich heißt er, glaub’ ich, Theobald oder Balduin, ich weiß nicht. Sagen Sie ihm, wie Sie mich gesehen haben. Seien Sie mir nicht böse, ich weiß nicht, was ich sonst thun soll. O, ich ahne, ich ahne wieder, was gekommen ist.“
Bojesen ging, schaudernd und fröstelnd. Er sprang, als er die Hauptstraße erreicht hatte, auf die Plattform der Pferdebahn und sah im trüben Licht, das die Gegenstände mehr zu verfinstern, als zu verdeutlichen schien, einige bärtige und monotone Gesichter. Es ereignete sich eine Episode während der Fahrt, die die heiße Bitterkeit in seinem Innern bis ins Unerträgliche aufwühlte. Der Wagen fuhr ziemlich rasch auf der Straße dahin, die nun schon Landstraße geworden war. Rechts und links standen vereinzelte Häuser, arme Mietskasernen, traurige Gärten, sandige Bauplätze, Hecken, leere Wirtschaftsgärten. Am „oberen Kreuzweg“ kam ein Dienstmann aus einem Thor gelaufen und rannte in einer Entfernung von über hundert Metern dem Wagen nach. Der Schaffner befand sich im Innern des Wagens und die Leute neben Bojesen lachten und schienen sehr gespannt, ob der Dienstmann den Wagen erreichen werde, aber ihre Freude über das atemlose Humpeln des Menschen war noch größer als ihre Spannung. Bojesen zitterte vor Scham und Zorn und griff an die Schnur, um dem Kutscher das Haltesignal zu geben. Als der Müdgelaufene kam, wurden die Mienen der so froh Gelaunten plötzlich ernst und sinnend und sie hörten den neuen Passagier so heftig atmen, daß es klang wie bei einem Kind, das sich verschnauft, wenn es geweint hat. Dabei rann ihm der Schweiß aus allen Poren, und er begann nun noch zu reden, suchte seine Eile gleichsam zu entschuldigen. Bojesen erschien das Ganze wie ein böser Traum und er dachte haßerfüllt an die prahlerische Verkündigung christlicher Tugenden.
Im Café war seine Frage nach Nieberding umsonst. Er fragte nach diesem unbestimmten Herrn Estrich; der Kellner schien selbst erstaunt, ihn zu vermissen. Er komme seit Jahr und Tag täglich um sieben Uhr. Es müsse sich etwas mit ihm begeben haben.
Als Bojesen durch die schiefen, bergigen Gassen zum Bahnhof schritt, geriet er durch den Hauch des Mittelalters, der ihn aus den stillen Bauten anwehte, in einige Verwirrung. Harlekine eilten an ihm vorbei, Damen im Domino, die schäkernd und kichernd zum Maskenball trippelten; überall machte sich der Karneval breit. Plötzlich stand Bojesen, totenbleich werdend, still. Er lehnte sich an einen Laternenpfahl, packte ihn mit den Händen und starrte mit bebenden Lippen einer Frau nach, in deren Gesicht er nur einen einzigen flüchtigen Blick geworfen und das ihm, wie in einer Hallucination, Jeanettens Züge gezeigt hatte.
Am nächsten Tag fand er Nieberding zu Hause. Cornely war wie sonst, still und verschlossen, mit dem wunderlichen, scheuen Lächeln um die Lippen. Ein Blick, der ihn traf, schien um Verzeihung zu bitten und Bojesen nickte ihr kaum merklich zu. In Nieberdings Wesen lag eine leidenschaftliche Abgekehrtheit; sein Gesicht war farbloser und seine Augen mehr gerötet als sonst.
Bojesen schloß sich wieder in sein Studierzimmer ein, für Tage. Er that oft nichts anderes, als stundenlang vor sich hinbrüten. Draußen war Sturm. Die Straße war mit Schiefer- und Ziegelsteinen besät, die Pappelbäume der Allee bogen sich wie Reiser. Die Hüte armer Unvorsichtiger flogen auf Dächer und in abgelegene Remisen. Beständig pfiff und jauchzte und heulte und wühlte es um die Mauern wie bei einem Wrack, das hülflos auf Felsenboden sitzt. Es sang und brummte und brodelte in den Lüften, und der ganze Himmel mit Wolken glich einer hurtig fahrenden Maschinerie, indes der Mond in der Nacht schreckhaft und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte.
An einem solchen Abend ging Bojesen aus. Er fühlte sich erschüttert im Sturm und sein Herz wurde weit. Er sah Blitze leuchten im Osten und hörte den entfernten Donner eines Februargewitters. Als er in die Gegend des Marktes kam, hörte er eine Stimme hinter sich, die den Wind laut übertönte. Er glaubte die Stimme zu kennen, verzögerte seinen Schritt und lauschte.
„No sag’ selber, hab’ ich geschlafen sitter ach Täg? Haste geschlossen gesehn meine Augen? Bin ich gewesen in schlechter Chafruse, daß se mer gemacht hat e schlechtes Gewissen? Haste schon emol son Sturmwind derlebt? Hu–uch! wirbel wirbel bl bll bll–!“
Bojesen war so entsetzt, daß er keinen Schritt mehr machen konnte.
„Holla! aach e Mann, den ich kenn!“ rief Gedalja und lachte unbändig. „Komm mit, Mann, komm mitle! Ich, – ich kenn’ die Welt, ich kenn’ se, ich bin der Chuchem von der Mannischtanna. Ich bin e Gelehrter vom Himmel, hä!“
Bojesen wich instinktiv zurück und packte Frau Hellmut, die den Greis begleitete, fest beim Arm. „Ist er betrunken?“ flüsterte er ihr zu.
Sie schüttelte den Kopf. „Mein Sema hat ihn gebracht, so wie er ist.“
„Und was führen Sie ihn denn herum?“
„Er ist uns fortgerannt. He, halt! halt!“ Und sie rannte ihm, in die Hände schlagend, nach, während er in der Mitte der Straße umhertanzte. Der Mond beschien ihn kalt und unheimlich. Bojesen empfand einen kühlen Schauder. Es war ihm, als sähe er hier den Zusammenbruch eines Volkes.
Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind. Bojesen ging an Frau Hellmuts Seite, die sich in seiner Gesellschaft unbehaglich fühlte und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf.
„Ich kenne ihn,“ sagte Bojesen. „Es erschreckt mich sehr, das alles.“
„Wer sind Sie denn?“
„Bojesen.“
„So? Der Lehrer?“
„Gewesen, ja.“
„Sema spricht oft von Ihnen. Er geht seit vier Wochen in die Schule dort, wo Sie waren. Vorher war er krank. Da ließ ich ihn daheim. Er spricht fast so oft von Ihnen, als von Agathon Geyer.“
„So? Wo ist Agathon?“
„Das weiß kein Mensch. Sein Vater ist tot. Die Mutter bekommt von der Gemeinde Almosen. Der alte Karkau wird nächste Woch verhandelt. Es is traurig mit der Familie.“
„Kann ich einmal mit Ihrem Sohn reden? Er ist ein Freund von Agathon?“
„Ja. Er ist ja viel jünger. Ja, Sie können schon reden mit ihm. Marsch, hopp, Gedalja!“
Bojesen wußte nicht, weshalb er mit Sema reden wollte und was er sagen wollte. Aber alles was mit Agathon zusammenhing, erschien ihm rein und der Mühe des Forschens wert.
Der Mond verschwand wieder. Die Straße war leer. Hohl brauste der Sturm, wie wenn er aus den fernsten Winkeln des Weltalls käme und den Erdball vor sich hertriebe wie die Hüte der Knaben.
Sie kamen in den Schindelhof, einen engen, finstern Durchgang. Am Abhang, gegen den Fluß zu, lag Frau Hellmuts Wohnung in einem kleinen, einstöckigen, alten, verfallenen Hause. Gedalja kauerte sich nieder und weigerte sich, hinaufzugehen. Er stierte vor sich hin und lachte boshaft und trotzig.
„Wissen Sie, sein eigener Sohn hat ihn aus dem Haus gejagt,“ sagte Frau Hellmut. „Mein Sema hat ihn gefunden. Er ist auf der Brücke gestanden und hat unaufhörlich ins Wasser gestarrt.“
Sema kam herunter; ihm gelang es, den Greis hinaufzubringen. Droben kroch er auf allen Vieren, lachte, äffte den Wind, hockte sich auf einen Schemel, lachte.
„Jeanetterl, kumm her! kumm her, Jeanetterl! Ich muß d’r was sagn!“ flüsterte er kaum hörbar. „Ich hab’ d’rs ja gleich g’sagt. Geld will ich kaans. Ich pfeif d’r af dei Geld.“ Plötzlich fuhr er wie toll auf und stieß Sema mit voller Kraft weit von sich, daß er gegen den Ofen taumelte. „Dei Geld? Naa! Dei Geld? Da klebt Schweiß draa un Blut, Samuel! Es rollt – tief! Komm herla, Eisenhäärla! Chomezfresserla! Chuzpeponim! Ach, was haste gemacht mit en alten Mann!“
„Warum thun Sie ihn nicht fort?“ fragte Bojesen erschüttert.
„Morgen, Herr Bojesen.“ Bei dem Namen blickte Sema hastig auf und blickte Bojesen an. Dann stand er auf, trat zu Bojesen und fragte flehend: „Wo ist Agathon?“
Bojesen war erstaunt. Er schüttelte den Kopf, nahm Semas Hand und streichelte sie. Dann erschrak er, weil er etwas von dem Ausdruck von Jeanettens Augen in den seinen gewahrte. Eine Zeitlang war es still. Bojesen war versunken in den Anblick des langsam einschlummernden Greises, dessen Rücken steif an die Wand gepreßt war. Sema saß vor Gedalja auf der Erde.
Als Bojesen die finstern Treppen hinabsteigen wollte, eilte ihm Sema nach. „Herr Bojesen,“ rief er leise, „die Schüler!“ In abgerissenen Worten, atemlos, ganz von dem Bestreben beseelt, ein Unglück abzuwenden, erzählte er, daß viele Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den Rektor überfallen wollten, wenn er vom Wirtshaus heimgehen würde; sie wollten sich in Clowns-Kostüme kleiden; sie thäten es aus lauter Begeisterung für Bojesen, aber es würde ihnen doch schlecht gehen, wenn es herauskäme, meinte Sema. Auch würden sie vielleicht den Rektor schlagen, denn sie seien ganz außer Rand und Band, darum habe er, Sema, Angst. Und am andern Morgen wollten sie dann alle zu Bojesen kommen und ihm ein Geschenk bringen.
Bojesen sah nachdenklich ins Finstere. Er legte seine Hand beschwichtigend auf Semas Haupt, drückte ihm dann schweigend die Hand und ging, während ihm der Knabe lange Zeit hülflos und verlassen die schmale, dunkle Gasse nachschaute. Nebenan wohnte ein Firmenmaler, der in nächtlichen Mußestunden klassische Monologe einübte und Sema hörte ihn brüllen, während er bang in die Nacht sah.
Indes wurde Bojesen nicht müde, gegen den Sturm anzukämpfen. Er ging über die Felder; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See, der Fluß stürzte rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen. Bojesen empfand ein Grauen davor, heimzukehren und sann darüber nach, wie er die Nacht zubringen könne. Darum verfiel er darauf, den „siebenten Himmel“ aufzusuchen.
Der Innenraum war raucherfüllt. Neben dem Glühenden bemerkte der erstaunte Bojesen Herrn Salomon Hecht, der sich sogleich ängstlich erhob. „Äch kann doch nächt in solche Lokale verhandeln,“ sagte er. „Kommens in mei Wohnung. Äch hab a prachtvolles Haus da draußen un a große Bibliothek hab ich aach. Komme’s amal in Fraidenkerverain, da bän äch Vorstand. Ham Se atheistische Gedichte aach gemacht? Die missen Se machen. Gestern hab äch gschprochen übern moderne Materialismus. Der Doktor Gudstikker war aach dabai. Kenne Se ’n Doktor Gudstikker? Also wenn Se was wolln, komme Se zo mir. Äch gäb Ihne Empfehlunge, so viel Se wolln.“
Der Glühende sah aus, als ob ihm mit Empfehlungen nicht ganz gedient sei und blickte neidisch auf den Pelzmantel des reichen Gelehrten, dessen Benehmen Bojesen sehr erheiterte, besonders als er die lüsternen Blicke sah, die Jener hinter den Vorhang des Podiums warf.
„Ach, da is ja der Herr Doktor Bojesen,“ sagte Herr Hecht plötzlich, als ob er ihn jetzt erst bemerkte. „Apropos, ham Se gehärt von den Goldmacher in Närnberg? Se ham en jetzt verhaft’, glaab ich. Un von den Agathon Geyer, wo se hier verjagt ham? Ham Se nix ghärt? Heit Abend war’s. Es soll e gräßliches Gewitter gewesen sei un gebrannt hat’s aach, mer waaß aber noch nix bestimmtes. Ham S’n das nit ghärt? No gut Nacht!“ Schnell schritt er davon. Bojesen, tief erschreckt, eilte ihm nach, rief ihm nach, aber Herr Hecht sah und hörte nichts mehr. Auch der Glühende, sein Schützling, eilte ihm nach, um ihm seine Gedichte zu geben, doch der Mäcen war verschwunden. Bojesen war unruhig, mochte aber nicht weiter nach Agathons Schicksal fragen, nicht aus Furcht, Schlechtes zu hören, sondern vielleicht eher aus dem gegenteiligen Grund; gerade das drückte ihn nieder und machte ihn völlig mutlos. Er verwickelte sich in eine ziemlich blödsinnige Unterhaltung mit dem Glühenden, während der Anblick des Ortes, seiner gleichsam gestorbenen Buntheit, seines völlig erfrorenen Frohsinns, seiner Fülle an umgestürzten Stühlen, Käserinden, Wursthäuten, Bierresten und geflickten Vorhängen ihn düster und verschlossen machte. Später taute die vermoderte Fröhlichkeit wieder auf. Junge Damen von unbekannter Herkunft wurden sichtbar; sie hatten Larven vor den Gesichtern, was sie wahrlich nicht häßlicher machte; dann junge Männer mit gespreizter, wollüstiger, berauschter Ausgelassenheit; Rauch, Weingerüche, das Geräusch von Küssen, zuletzt Barbin mit einer Menge seiner verschnörkelten Weisheit und dem letzten Aufgebot seiner kindlichen Eleganz. Und hier hatte Bojesen vordem eine frische, glanzvolle, jubelnde Welt erblickt.
Zwei bewußtlose Damen schliefen schon auf dem Billard, zwei wenig schamhafte Paare hielten sich unter den Coulissen umschlungen. Die Büffetdame ließ sich in einer großmütigen Apathie vom Glühenden küssen; eine Art von Kellner stieg auf den Tisch und hielt eine Rede für sich allein und für seine Brüder im Himmel; ein pockennarbiges Fräulein kletterte in einem Anfall von Weltschmerz auf den Schenktisch und langte nach der Rumflasche. Ein offenbar schwachherziges und geistesarmes Individuum vergab aller Welt alle möglichen Unthaten und schluchzte in einem anarchischen Gefühl von Solidarität vor sich hin und Barbin, dessen edlere Abstammung durch jede Linie seines Körpers dokumentiert war, vermachte dem Glühenden einen mündlichen Traktat zur Erlangung der Klassikerwürde und ließ sich bald darauf herab, die pockennarbige Dame um die Taille zu fassen und zärtlich nach ihrem Wohlsein zu forschen.
So verging die Nacht und verbrauste mit ihrem Sturm: – eine Nacht für alle und dann den Tod in den Wellen sterben, ein Wort des Glühenden, hier zu versuchsweiser Illustration gelangt. Bojesen verließ erst das Haus, als der milde Februartag schon lange angebrochen war. Er hatte geschlummert dort oder nicht geschlummert, es war ihm unklar. Er hatte auch nicht Lust, darüber klar zu werden. Oder war es kein Traum, daß ein weißer, schmeichelnder Arm seinen Hals umschlungen hatte? Ein Arm, der kalt war wie Schlangenhaut? Oder war es vor langer Zeit gewesen, in einer weit früheren Epoche? Im Café sprachen Leute von Agathon Geyer. Was kümmerte ihn, Bojesen, Agathon Geyer? Von vielen anderen aufregenden Dingen sprachen sie. Wie, der König selbst habe ein Machtwort gesprochen? Na, gleichviel. Bojesens Augenlider sind schwer. War es dann weiter ein Traum, daß er wieder im Schindelhof war bei Frau Hellmut? Daß sie allein war und daß sie lange zu ihm redete, daß sie einen alten, vergilbten Brief brachte und daraus vorlas? Ich bin kein König wie eure Könige sonst sind. Aber ich konnte kein königliches Wort aufbieten, so stark, daß es mich befreite von der Knechtschaft der müßigen Gesetze. Die Mißkönige haben es vermocht, daß die Völker Sklaven aus ihren Herren gemacht haben. Was könnte ich dir sein, mein Volk, wenn du mich nicht nur König nennen wolltest, sondern auch sein ließest.
Es war offenbar ein Traum und Bojesens Hände waren müd.
Die Straßen reingefegt, reingeleckt vom Sturm. Die Sonne dumpf, dunstig, bei verhängtem Himmel. Einem Entschluß folgend, den er schon gestern bis in die Einzelheiten gefaßt und erwogen und der ihn jetzt mechanisch vorwärts trieb, ging er ins Schulhaus, um dort die sechste Klasse zur Vernunft zu bringen und von knabenhaften Streichen abzuhalten, die ihm selbst nur schaden konnten. Er that es widerwillig, denn er hatte sich gesagt, laß diese Jugend revoltieren.
Noch immer war es düster und kalt in den steinernen Räumen. Herr Dunkelschott fühlte sich sehr bedeutend, als er sich bei Bojesens Anblick ostentativ abwandte. Die Uhr schlug acht, – so schrill, wie wenn die Glocke genau wüßte, welche Sklaverei sie vorbereite für viele jugendliche Seelen, – als Bojesen die Klasse betrat. Es brannte kein Licht, deshalb sah alles grau aus, auch die Gesichter der Knaben, auch die Straße. Sobald die Knaben ihn gewahrten, entstand ein feierliches Schweigen, sie rührten sich nicht. Dann kam einer, wohl der Mutigste, ein junger Mensch mit offenem, liebenswürdigem Gesicht, das ein wenig an die Züge Agathon Geyers erinnerte, und reichte Bojesen die Hand. Bojesen drückte sie. Dann erhoben sich auf einmal alle in blinder, sorgloser Erregung, mit einem mühsam verhaltenem Jubel, mit erstickten Ausrufen, stürmten auf den verstoßenen Lehrer ein, drückten und schüttelten seine Hände, sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften, die Dummen und Launischen verloren alles, was sie abstoßend machte. Bojesen, in seiner Ergriffenheit, vermochte anfangs nicht zu reden; doch bald bemerkten sie seine Absicht und schwiegen bereitwillig still. Er sagte ihnen, was er sagen wollte: ernst, verständlich und verständig, und alle schienen beschämt. In ihren Blicken war das offene Versprechen des Gehorsams zu lesen.
In diesem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen und der Rektor trat ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, ging eine förmliche Versteinerung mit ihm vor. Er lallte, und seine Brille fiel von der Stirn auf die Nase. Er ließ einen eisigen Blick auf Bojesen fallen und einen finsterdrohenden auf die Schüler, die trotzig stehen blieben. Bojesen wollte nicht die Scene zu einer theatralischen Auseinandersetzung führen. Er fühlte sich zu froh und zu bewegt. Er entfernte sich mit einer sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor, der, Gott weiß es, noch lange brauchte, um wieder in die natürliche Herrschaft seiner Muskeln zu gelangen.
Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe luftiger und beglückender Visionen: von einer neuen Zeit; von dem Wachsen verborgener Keime, von denen die Welt ein großes, paradieshaftes Blühen erwarten konnte. Doch als der Abend kam, wurde es wieder dunkel in ihm. Er ging über den Kohlmarkt nach der Wohnung, die Jeanette innegehabt und die noch leer stand. Die alte Dame, die hier wohnte, ließ Bojesen ungehindert eintreten. Durch ihr Lächeln leuchtete auf eigene Art ein menschliches Verstehen, als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer.
So blieb er, legte sich auf die Ottomane und ließ den gefürchteten Schatten kommen. Er dachte, daß er sie küssen könne, dann ging sie hastig, ohne zu sehen oder zu hören, an ihm vorbei. Dann kamen andere, – geschwätzige Gestalten. Alle hatten etwas zu erzählen, wobei sie auf den Zehen leicht dahinhuschten, sich ein Tuch umnahmen, es wieder liegen ließen und sie sahen aus, als hätten sie dreißig Tage lang unter der Erde gelegen.