Die Juden von Zirndorf

Part 20

Chapter 203,799 wordsPublic domain

Als er am nächsten Morgen, dem Feiertag, der vielleicht der friedlichste Tag des Jahres ist, weil der Schnee selbst die Schritte der Kirchenbesucher leiser macht, weil er einen Ring von Glockenmelodien um die ganze Erde flicht, als er da an Estrichs Zaun vorbeikam, hörte er lautes, grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die wetternde, böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm in einer wahrhaft kindlichen Erzählerfreude alles berichtete. Der Bruder des Alten sei ein heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als ein altes, ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen dürfe. Er sei vollkommen Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet. Nun sei er zum Bruder betteln gekommen. Gudstikker machte sich noch lustig über die „echt deutsche“ Sentimentalität, daß dies gerade am Weihnachtstag hatte sein müssen und schob dann in seiner überstürzten Art davon, weil er den König sehen müsse, der heute von der Residenz in Nürnberg eintreffen solle. Trotzdem hatte er noch etwas auf dem Herzen, kehrte um und fragte Agathon, ob es nicht merkwürdig sei, daß seine Braut Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwänglicher Zärtlichkeit hinge. Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel. „Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt,“ schloß er in philosophischer Art seine Ausführungen, „daß solch ein närrischer Karpfen auch noch Baldewin heißen muß. Ausgerechnet Baldewin! Zu dumm!“ Er schüttelte sich vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann ans Ohr legte und sprang davon.

Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der für die Feiertagsarbeit von Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Karkau gebracht. Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen. Elkan Geyer würde gut Zeugnis ablegen – im Himmel. Er lag in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie könne keine Magd ernähren, sie, die jeden Pfennig bewachen müsse. Heute mußte Frau Hellmut klar gemacht werden, daß sie gehen müsse; und schon am Nachmittag kam Sema zu Agathon, um ihn auf den Abschied vorzubereiten.

„Heute schon?“ fragte Agathon.

„Ja, heute.“

„Ich werde mit dir gehen, Sema kleiner.“

Eine lähmende Freude war auf dem Antlitz des Knaben sichtbar.

„Aber ich werde weiter gehen, als du,“ fuhr Agathon fort. „Weiter als du vermagst.“

„Weiter als ich vermag, gewiß nicht. Wohin denn?“

„Wohin! Wenn ich das wüßte. Ins Ziellose. Ach, Sema, wie schön war es in jener Nacht ... Die Waisenknaben waren mehr als froh, mehr als glücklich. Sie haben all ihr Unglück vergessen in der Nacht. Es war göttlich von dir, Sema.“

„Aber du hast es doch ausgedacht, Agathon. Ich liebe dich so sehr, Agathon.“

„Ja, du kleiner Sema. Wenn ich denke, wie du dort gesessen bist auf der zerbrochenen Bank, oder was es war. Nein, es war wundervoll! Alles in mir hat gezittert. Ich dachte, die Nacht selbst müsse sich bewegen und niedersinken wie ein altes Kleid und es müßte hell werden. Erinnerst du dich an den Knaben, der zunächst bei dir kauerte? In einem fort liefen ihm Thränen herunter und doch lachten seine Augen. Woher hast du nur all die Kunst, du Zwerg, sag’ doch?“

Sema näherte seinen Mund Agathons Ohr und flüsterte geheimnisvoll: „Die Mutter sagt, ich bin ein Fürstenkind.“

„Wie?“

„Das Kind des Königs, sagt sie.“

„Des, – welches Königs –? Unseres Königs, Sema?“

Sema nickte stumm.

Eine Stunde später führte Agathon eine viel wunderlichere Unterhaltung mit Frau Hellmut. Er sagte ihr, was Sema gesagt, und sie erschrak. Nach einer Weile begann sie: „Aber bewahren Sie es als ein tiefes Geheimnis, Agathon. Jetzt reden sie hier im Dorf davon und auch in den Zeitungen steht es, daß der König in die Stadt käme. Aber das ist nicht wahr. Was soll der König in der Stadt? Soll er sich anschreien lassen mit Hoch und Hurra? Dazu ist er viel zu stolz und zu herrlich, Agathon. Früher hat er es gethan, um die Minister zufrieden zu stellen. Jetzt verachtet er die Hochs und die Hurras.“

„Und das wissen Sie alles so gut? Und sitzen da bei uns in einem Scheuerkleid?“ fragte Agathon, erstaunt über die Ausdrucksweise dieser Frau.

„Ob ich es weiß? Niemand weiß es so wie ich. Sein junger Kopf ist in meinem Schoß gelegen. Das klingt Ihnen nach Roman, aber es ist wahr, wahr. Sein Geist hat geträumt in meinem Schoß, Agathon, und sein königlicher Leib hat Frucht getragen bei einer solchen Magd wie ich bin.“

„Aber wie ist er so, als Mensch?“

„Niemand kann mehr König sein. Niemand kann mehr Mensch sein, Agathon, und doch beides wie durch Zauberei verschmelzen. So ist er beschaffen. Voll Majestät, voll Güte, aber einsam wie der Tod selbst.“

„Und er ist in der That ein solch wunderbarer Mensch?“

„Er ist es. Er steht über allen Menschen, weit, hoch! Es ist noch nicht fünfzehn Jahre her, Agathon, daß ich ein schönes Weib war, ich habe manchen Triumph gefeiert auf der Bühne. Und mein ganzes Wesen war in ihm aufgelöst. Jetzt bin ich alt, lächerlich, tief gesunken, aber das wollte ich. Ich wollte tief sinken, um ihn immer höher und ferner zu sehen. Er ist ein Gott. Vor seinem Blick demütigt sich alles mit Freuden. Aber er ist zu groß für die Zeit. Er ist nicht ein Mensch, wie wir da. Er ist zum König geboren und das sind wenige. Aber er darf nicht König sein wie er will. Sie lassen’s nicht zu.“

Frau Hellmut sprach ihre kurzen Sätze stoßweise, mit langen Pausen. Als sie geendet, erhob sie sich hastig, wie beschämt und schlappte fort, Agathon in einem Zustand erregten Nachdenkens zurücklassend. Erst ein wirres Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern störte ihn auf. Er blickte hinaus. Die beiden Rosenaus Mädchen verkündeten lebhaft, mit roten Gesichtern, irgend einen aufregenden Vorfall und sie deuteten gegen das Ende des Dorfes. Agathon hätte es kaum beachtet, da die beiden zum Zeitvertreib jede unbedeutende Sache zur Katastrophe aufbauschten, aber als Sema ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, daß sich eine von den vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne.

Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als Agathon dort war, bot sich ihm dieser Anblick. Ein Mann, oder nur noch der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen Blicke hafteten stier am Himmel. Die Frau, ein Weib von etwa dreißig Jahren, das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das Aussehn einer Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte in der Art eines geschlagenen Hundes. Ihre Finger schienen ganz erfroren. Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein Säugling lag neben ihr im Schnee gebettet, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigem Gesicht neben ihr, klammerte sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete zuweilen in den fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter.

Agathon, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gaffen der andern, schickte Sema zurück um einen Wagen, und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, leitete er selbst den Transport. Erst in der Nacht, die nun folgte (Sema und seine Mutter waren schon fort und Agathon hatte dem Freund versprochen, morgen zu kommen), kamen die Gedanken. Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit zwischen sich und seinem Volk, und doch haßte er dies Volk, – jetzt mehr als je. Und alle die haßte er, die sich des religiösen Gewands entäußert hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer auf einem fremden Stamm. Inmitten deutschen Lebens ein fremdes Volk, voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren. Witzelnde Herren, scharfsinnige Herren, wedelnd unterwürfig oder voll schnöder Anmaßung, doch stets von unbändigem Ehrgeiz. Doch Agathon haßte auch diese von tausend Kämpfen durchrüttelte Zeit, diese atemlose, sinnlose, von Lügen schwangere, von geistiger Pestilenz durchsickerte. Und doch erfüllte ihn ganz die Sehnsucht, sich in den großen Strudel des Lebens zu stürzen, auszugehen wie einst David in jenen einfacheren Zeiten, um sich ein Königreich zu suchen. Und als er in den Morgenstunden zu schlummern begann, hatte sein Entschluß Festigkeit gewonnen und in seinen Träumen erschien jener König, der seinem Volk nun schon zum Mysterium geworden ist.

Am Vormittag packte Agathon ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, daß sie sich nicht gleich fassen konnte. Sie konnte den Entschluß des Sohnes nicht mißbilligen, nur fragte sie, weshalb er gerade jetzt fort wolle, da der Vater so krank sei.

Agathon schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er ließ sich durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde. Er nahm auch die paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an, sondern versicherte lächelnd, daß er kein Geld brauche. Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und Brot, küßte die Mutter und die Geschwister und ging in den klaren, kalten Wintertag hinein.

Dreizehntes Kapitel

An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren, der sich in einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart; in jener gleichgültigen Vernachlässigung des äußeren Menschen, die sich bis zum Trotz steigert; in der Verringerung des Trinkgeldes für Kellner und Oberkellner: in der beflisseneren Art, vornehme, wenn auch sonst ganz geringfügige Menschen zu grüßen; in der erkünstelten Ruhe, womit man in den Läden nach dem Preis der Waren fragt, – kurz, in all jenen Dingen, die so tief gehen, wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden, als das offene Geständnis der Not. Die Behaglichkeit gesicherter Zustände ist dann das einzig Wünschens- und Ersehnenswerte, und wenn es zuhause kalt ist, träumt man lange und hingebend den Traum vom offenen Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen, und man giebt sich dann gern den Anschein, in alle Tiefen der Metaphysik versunken zu sein.

Er war verlassen, und er überredete sich, daß er in seiner Einsamkeit glücklich sei. Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen, die ihn von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb; aber die Rast war ohne Frieden und die Arbeit ohne Frucht. Die Häuser, die eingefrorenen Parkanlagen vor seinem Haus, die vorbeisausenden Züge der Ludwigsbahn, Menschen, Hunde und Karossen, alles hatte sich verändert, hatte in seinen Augen gleichsam etwas Ephemeres erhalten und schien schon allein durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit, die sie umfangen hielt, verächtlich. Oft wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern fuhr, daß es schien, als koche die ganze Atmosphäre, kam sich Bojesen als ein unermeßlich einsames Wesen vor im weiten Universum, das sich im Zustand des Wartens befand auf irgend einen magischen Befehl jener geschickten Dame, die unsere Lebensfäden so kühn und unberechenbar ineinanderstickt. Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor seinem Nachdenken. Selbst die Lampe auf seinem Tisch, die Stühle, die Bücher im Regal, – sie hatten etwas Komisches für ihn.

Um etwas zu verdienen, suchte er Stunden zu geben. Es gelang ihm, die zwei Söhne des Witwers Salomon Hecht zum Privatunterricht zu bekommen. Salomon Hecht setzte einen eigenen Ehrgeiz darein, mit Bojesen gelehrte Gespräche zu führen. Ja, er überfiel den Armen oft auf öffentlichen Plätzen, in der Trambahn damit, wobei er so laut schrie in seinem abscheulichen Jargon, daß es möglichst viele Passanten hören konnten. Sie sollten nämlich hören, die Passanten, und es weitersagen, daß er, Salomon Hecht, ein entschiedener Materialist sei, – zunächst. Ferner ein Freidenker, ein Freigeist, ein Atheist, der jetzt einen „Freidenkerverein“ ins Leben zu rufen beabsichtige. Denn nichts erschien Salomon Hecht als ein so erhabenes geistiges Prestige, als das, ein Atheist zu sein. Er fand es edel und vollkommen; jeder Atheist war gleichsam _a priori_ sein Freund; er suchte Korpsgeist unter die Atheisten zu bringen und sie zu organisieren.

In diesen Tagen hörte Bojesen, Gudstikker habe ein Buch veröffentlicht, und dieses Buch habe großes Aufsehen gemacht. Er unterwerfe darin das Militärwesen einer bitteren und vernichtenden Satire, und die Leiden seines Helden, eines tragisch endenden Offiziers, seien „erschütternd treu“ und „realistisch fein“ und „psychologisch tief“ geschildert. Die Zeitungen bemächtigten sich der Sache und machten sie in dieser oder jener Weise zu der ihren, d. h. sie modelten solange daran herum, bis sie mit Not ein grelles, politisches Kleid bekam. Er bat Salomon Hecht, ihm das Buch zu borgen. Herr Hecht hatte die Ränder des Buches dazu benutzt, um seinen Bleistift in kritischen und philosophischen Aphorismen schwelgen zu lassen. Daher konnte sich Bojesen lange Zeit nicht entschließen, den Roman zu lesen, denn wenn er ein solches Buch zur Hand nahm, hatte er dasselbe Gefühl, als solle er sich in ein Bett legen, das noch warm war vom Schlaf eines Fremden. Schließlich las er es doch, und er fand viel Virtuosität der Schilderung darin, viel Seiltänzerkunst, viel blendendes Detail, viel Flittertand in Attributen; denn mit den heutigen Fachlitteraten ist es so, daß ihnen ein gutes Attribut mehr gilt, als ein guter Gedanke. Und was die realistischen Feinheiten betrifft, so muß es zutreffen, daß vieles zu fein sein mag, um haltbar zu sein und vieles zu wahr, um Kunst zu sein. Bojesen sah, daß viel Wollen in diesem Buch steckte, das nicht zur Kraft entwickelt war und mehr solches, das erheuchelt war; er beobachtete darin jenes wunderbare Spielen mit der Natürlichkeit, jene leicht überspannte kokette Romantik der Gefühle, die so gefährlich ist, als sie realistisch scheint. Doch dachte er an all dies nicht mehr einen Tag später, denn viel bedeutsamere Dinge drängten sich vor ihn hin.

Eines davon allerdings, wofür er gar keine Augen hatte. Wenn er heim kam und sich in seinem Zimmer verschloß, wurde oft vor der Thüre ein schwaches Knistern hörbar. Dies Knistern stammte von einem Kleide, und die dies Kleid trug, war Fanny Bojesen. Und selbe Fanny Bojesen schlich über die sich krümmenden Dielen dahin, schreckte bei jedem Laut zusammen und legte ihr Ohr an die Thüre des Gemachs, hinter dem sich Bojesen verschanzt hatte, um gestorben zu sein für Leben und Liebe. Sie wurde nicht müde, zu lauern und zu lauschen, und nicht einmal ein Seufzen von drinnen belohnte ihre Mühe. Was sie oft nach solch fruchtlosem Spionieren that, war dies: sie setzte sich in ihrem Zimmer an den Tisch und schrieb, schrieb, schrieb ... die lange, klagende Epistel des unglücklichen Weibes, und diese Epistel erfuhr am folgenden Morgen stets das Schicksal des Verbrennens. Wenn Bojesen ausging, versteckte sie sich; wenn er kam, versteckte sie sich; aber nie war ihr Gehör feiner und wachsamer gewesen für jedes Geräusch, das auf sein Kommen oder Gehen deutete; wenn sie sich zufällig begegneten, wußte sie ihr Gesicht von Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu lassen, und war sie dann allein, so weinte sie stundenlang. Als später das Dienstmädchen abgeschafft wurde, war es an ihr, ihm die nicht allzu reichlichen Mahlzeiten zu servieren. Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu gewahren, kein Erblassen, kein Zittern ihrer Hand zu sehen. Trotzdem mag Erich Bojesen in dieser Zeit manche Thräne ahnungslos mitgegessen haben, die ohne sein Wissen die Speisen gewürzt hatte.

Er ergab sich jetzt den stillen Studien, die an der Grenze der Wissenschaft liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermeßliches Reich von Hypothesen, auf die schrankenlose Nutznießung phantastischer Probleme. Es schien ihm oft, als ob sein kühler Verstand dabei in die Brüche gehen müsse, aber all dies gefährliche Balancieren im Reich unumstößlicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen Sorgen, und wenn er spät, spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte, konnte er in eine erhitzte Wonne gerathen, wie ein Wirt über das Bier, das er selbst gebraut und konnte vergessen, wie nahe ihm die Forderung praktischer und lohnender Arbeit gerückt sei.

Eines Tages, der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen, fühlte er sich gänzlich abgespannt, fühlte er sich alt. Es ist jener wissende Zustand, in den wir geraten, wenn wir über unsere Berufssphäre hinausspähen und zugleich das Gefühl von Wichtigkeit verlieren, das die Quelle unserer Leistungen ist. Da wurde ein Brief in sein Zimmer geworfen, der den Poststempel Paris trug und so lautete:

„Eines Wortes bist Du noch wert. Ich erfülle Deine Bitte: hier hast du ein Lebenszeichen. Ich kann es Dir mit Recht senden, denn ich _lebe_ hier. Hier hört man das Herz der Menschheit schlagen. Hier bin ich, die ich stets gewesen bin, nur unentdeckt gewesen bin, hier trinkst Du Dich wahnsinnig am immergefüllten Lebensbecher. Tausende purzeln, hunderte steigen, tausende jubeln und sterben zugleich. Aber es ist vielleicht nicht das Echte; nicht Nektar, sondern Haschich. Nichts für Deinesgleichen! Nichts für gute Charaktere, für Euch Perlen am alternden Hals Europas. Ich komme vielleicht zurück, weil es mich reizt, Euch dort ein wenig toll zu machen. Ich habe hier von einem König gehört, der bei Euch leben soll, – ein Heliogabal, unerkannt, ein Sonnenfürst. Wie ist es? Für den seid ihr ja viel zu stumpfsinnig.“

Dies der Brief. Bojesen warf ihn in eine Ecke, hob ihn jedoch wieder auf, legte ihn mit etwas feierlichen Gebärden zusammen und zerriß ihn dann in lauter quadratische kleine Stückchen. In diesem Augenblick kam ihm alles, was er trieb, so erbärmlich vor, und alles, was er wußte, so oberflächlich, daß er in einer schmerzlichen Apathie die Augen schloß. Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste Stück Papier: Wissenschaft.

Es war ein Mann, ich weiß nicht wie er hieß, Den das Geschick im tiefen Schoß der Erde Vor langer Zeit zum Leben kommen ließ, Und Finsternis war Mutter, die ihn nährte.

Doch Bojesen vermochte nicht zu reimen; auch fühlte er, daß sein Gedanke dabei die Klarheit verlor. Deshalb fuhr er in Prosa fort: Schweigen erfüllte sein Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her, als ein beständiges dumpfes Summen und Dröhnen über ihm. Der Unterirdische setzte jedoch sein ganzes Sinnen und Wachen daran, den Grund dieses ewigen, drohenden, geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen. Er glaubte nicht an ein Wunder; er teilte auch den Glauben von dem göttlichen Ursprung des Dröhnens nicht, wie er in überlieferten Dokumenten las, sondern forschte, erfand Meßapparate und andere Instrumente, stellte Gesetze und Regeln auf, berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit, die verging, bis der Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr, die ihn zu stolzen, gigantischen Hypothesen führten. Und nach langer, langer Zeit begann er zu graben, emporzugraben, und je mehr er grub, je vernehmlicher wurde das Dröhnen, bis endlich die letzte Schicht Erde von selbst fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in die Höhe starrte, – ins Licht! Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen Wohnsitz und war beglückt, als er sah, daß das Licht die Ursache des Dröhnens war. Doch wie andere Dinge hätte er sehen können, wenn er noch hundert Meter emporgekrabbelt wäre! Wie hätte das Surren und Brausen von tausend irdischen Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt! Wie wäre er entsetzt gewesen von dem endlosen Krieg, der über ihm tobte, von den Schicksalen, die in das Stampfen der Motore verwoben waren! Dabei hatte er vielleicht nicht einmal das wirkliche Licht erblickt, sondern nur das künstliche einer Maschinenhalle.

„Albern,“ flüsterte Bojesen und warf das Schriftstück in ein Fach. Jetzt erst empfand er den nagenden Schmerz, den ihm jener Brief zugefügt hatte. Jeanettens Bild stieg herauf. Nun wußte er sein ruheloses Forschen zu deuten, und er blickte im Zimmer umher, als ob er sich vor den Möbeln schäme, daß er sie je getäuscht und hintergangen mit seinem nächtlichen Wachen. Er sah Jeanette unbeweglich stehen, wohin er auch blicken mochte: in einem dunkelgrünen Kleid, das rote Haar gelöst, in den Augen eine melancholische Vertieftheit, die er in Wirklichkeit nie bei ihr bemerkt. Er ging im Zimmer umher und dachte an nichts anderes, als daran, wie er sie wieder gewinnen könne, und der thörichteste Ausweg erschien ihm schließlich als der beste. Er kleidete sich an, um zu Baron Löwengard zu gehen. Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein, daß jener die Macht besitzen könne, sie zurückzurufen oder auf seine Bitte eine List zu ihrer Rückkehr gebrauchen würde. Er wußte nicht mehr, was er that.

Der Löwengardsche Palast hatte sich in nichts verändert. Noch immer trugen die Karyatiden geduldig die Last des Balkons, noch immer besann sich Merkur auf dem Dache, ob er fliegen solle oder nicht. Außerdem tropfte das Schneewasser von den Rinnen und Brüstungen, so daß die Balkonträger zu schwitzen schienen, und die Sonne vergoldete die ganze Fassade, – eine ahnungsvolle, milde, belebende Sonne. Auch im Innern des Hauses hatte sich nichts verändert. Die alte Pracht bestand noch; nicht, als ob der Besitzer dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und hunderte in Not gerissen hätte, sondern als ob irgend ein hochgeborener Gast die Ursache der vornehmen Stille des Vestibüls sei. Aber es scheint, als ob solch ein Unglück nur dazu diente, seinen Urheber zu erhöhen; wenigstens verschiebt sich nichts in seinen Lebensgewohnheiten, und wenn die Gläubiger sich über die Prozente geeinigt haben, ist das Schild seiner Ehre um nichts fleckenreicher als vorher.

Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen. Mit zusammengepreßten Lippen stand er vor dem Kaufmann, der ihn einige Zeit unbekümmert musterte und sich dann entschloß, ihm einen Sitz anzubieten. Er ließ die Berloques an seiner schweren Uhrkette klappern, beugte sich gönnerhaft vor und fragte, womit er dienen könne.

„Ich komme wegen Ihrer Tochter,“ erwiderte Bojesen kühl.

Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu. Er richtete sich straff empor, schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde förmlich steinern, als er sagte: „Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard nichts zu thun. Wenn dies also der einzige Zweck Ihrer Anwesenheit ist, muß ich bedauern. Wenn meine Tochter in Not ist, hat die Firma keinen Grund, diesem Umstand ihre Aufmerksamkeit zu schenken.“ Es war klar, daß Herr Löwengard nur redete, um die Meinung der „Firma“ zu offenbaren; alles was ihn betraf, kam auch in höherem Maß der „Firma“ zu; außerhalb der „Firma“ gab es nichts, das so wertvoll gewesen wäre, um nur fünf Worte aneinander zu heften oder fünf Sekunden zu verschwenden.

„Ihre Tochter ist nicht in Not,“ entgegnete Bojesen stirnrunzelnd. „Ich wollte nur fragen, ob Sie nicht wünschen, Sie zurückzurufen. Ich bin in diesem Fall –“

„Verehrter Herr, ich sagte Ihnen schon, daß meine Tochter mit den Angelegenheiten der Firma nichts zu thun hat. Sie ist tot für das Haus Löwengard. Ich sehe außerdem keinen Anlaß, dies Gespräch fortzusetzen. Sie sind mir unbekannt.“

Das war ein deutlicher Wink; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte mit finsterem Blick dem Auf- und Abgehen des Bankiers, der die Hände auf dem Rücken hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte, wie wenn man den Pfropfen aus einer Flasche reißt. „Vatergefühle und dergleichen kennen Sie wohl nicht?“ sagte er, empfand jedoch zugleich das Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete flüchtig.

„Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus,“ erwiderte der Bankier hochmütig und pathetisch.