Part 18
Danach war es lange Zeit still im Zimmer. Bojesen hatte nicht vom Boden aufgeblickt. Gedalja begann wieder. „Ich waaß nit, was de hast gethan un was de hast vor im Leben, Jeanette. Aber ich seh d’rs an an deine Stirn und deine Augen, daß de willst hoch naus, daß de hast überspannte Gedanken vom Leben un von die Menschen. Es giebt im Jüdischen e Sprichwort un haaßt: wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt, kriegt die Schmue e Ponim. So is es mit deine Pläne. Schabbes-Nachme fallt alleweil afn Schabbes, natürlicherweis. Sei vernünftig! Sei immer bei dir un hab gut acht auf deine Handlungen. Schlaf nit ein in der Nacht, wenn de nit hast ausgelöscht ’s Licht; nor die Thoren scheuen den Schlaf beim Finstern. Bleib’ e gute Jüdin, wenn de aach nit glaubst, denn wir sin e großes Volk mit bedeutende Gelehrte. Merk d’r was ich hab’ gesagt. Haste vielleicht was z’essen? Hunger hab’ ich aach. Bin in ganzen Tag rumgeloffen, bis nach Burgfarrnbach nüber.“
Bojesen, dem es schwer ums Herz war, schickte sich zum Aufbruch an. Jeanette begleitete ihn liebenswürdig hinaus, sagte aber nichts. Er haßte diese Liebenswürdigkeit an ihr, die undurchdringlich war wie ein Panzer.
Er irrte lange Zeit durch die Straßen, aß gegen sieben Uhr irgendwo zu Nacht, setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor Jeanettens Wohnung an, wo immer noch die Fenster erleuchtet waren. Am gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen. Er glaubte, diese blassen, unbestimmten Züge zu erkennen, ging hinüber und stand vor Nieberding, der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern wandte. Bojesen lächelte ironisch. Der andere gewahrte ihn, und eine Zeitlang standen sie Auge in Auge, ohne eine Bewegung. „Wie lange stehen Sie schon?“ fragte endlich Bojesen mit schlecht verhehltem Spott. Aber Nieberding überraschte ihn, indem er ihm die Hand bot und sagte: „Thun Sie das nicht. Weshalb wollen Sie mich verhöhnen? Was würden Sie sagen, wenn ich bissige Reden führte, weil ich Sie etwa am Grab Ihrer Mutter sähe? Ich stehe am Grab meiner Liebe. Es ist mehr als eine pathetische Phrase.“ Er schob seinen Arm unter den Bojesens und zog ihn mit sich fort.
„Aber sind Sie jetzt nicht glücklich?“ fragte Bojesen, noch immer sarkastisch.
„Glücklich? weil ich leide? Allerdings in gewissem Grad.“
„Sie sind Arzt?“
„Verzeihen Sie, – ein Wort: kommen Sie eben von ihr?“
„Nein.“
„Ob ich Arzt bin? Nein. Ich war es.“
„Ein schöner Beruf.“
„J–Ja!“
„Aber er macht hart, grausam.“
„Im Gegenteil. Aber Sie spotten immer noch.“
„Im Gegenteil –?“
„Er hebt uns. Macht weich, bereichert die Gefühlsnüancen.“
„Das sind Worte. Es giebt solche und solche Ärzte.“
„Allerdings.“
Darauf schwiegen sie. „Verzeihen Sie,“ sagte Nieberding, „darf ich Sie zu einem Abendessen einladen?“
„Danke, ich habe schon gegessen.“
„Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir.“
„Wenn es Ihnen nicht unbequem ist –.“ Nieberdings offene Herzlichkeit und seine kindlich-schüchterne Art, zu fragen, beschämten Bojesen ein wenig. Bald saßen sie in Nieberdings kleinem Salon, wo ein behagliches Feuer brannte. Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand eine nagende Unruhe. Cornely kam mit ihrem rätselhaften Lächeln und für Bojesen war es seltsam zu sehen, wie sie den Bruder küßte, mit einer verhaltenen und stolzen Leidenschaft, und wieder ging.
Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig: „Was halten Sie von Jeanette Löwengard?“
Bojesen schwieg und zuckte die Achseln. „Sie ist ein feines Tier,“ sagte er endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel.
Nieberding blickte verletzt auf. Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen wieder.
„Und Sie,“ fuhr Bojesen fort, „welche Art von Frauen lieben Sie? Sagen Sie nicht, daß es diese Luisina sei, denn das steht Ihnen fern. Sie lieben die schlanken, überzarten Formen, Sie lieben Frauen, die größer sind als Sie, die präraphaelitischen Gestalten, hab’ ich nicht recht?“
Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an. Er wagte nicht zu widersprechen und in seinen Sinnen wurde es ganz dunkel. Bojesens weit aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen, als was er jetzt sprach. Sein Mund war ein wenig geöffnet, und seine Haltung glich der einer Katze. Er war wie verwandelt.
Nach einer Weile begann Edward Nieberding: „Etwas muß ich Ihnen noch sagen. Sie haben beliebt, mich als den Typus des modernen decadenten Juden hinzustellen. So war es doch, nicht? Ich habe viel darüber nachgedacht. Wenn etwas daran wahr ist, ist es dies: wir wirklich modernen Juden haben aufgehört, Juden zu sein. Wir sind in unserer Seele Christen geworden. Nicht Christen nach der Form, sondern nach dem Geist.“
Bojesen sprang mit leidenschaftlich-erregtem Gesicht auf und schlug mit der platten Hand auf den Tisch. „Zum Teufel, Herr, wiederholen Sie dies! Wiederholen Sie dies! Das ist es, was _ich_ sagen wollte. Das ist es, was uns ins Unglück stürzen wird. Ja, Sie werden das Christentum aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die Fenster zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben. Es ist gut, daß Sie das sagen, der Sie an Leib und Seele schon zu den Toten gehören. Sind wir nicht ein krankes Geschlecht bis ins Mark? Sehen Sie her (Bojesen machte eine erschreckende Gebärde), sehen Sie her, was ich bin! Heute bin ich neunundzwanzig! Was werde ich mit vierzig sein! Geben Sie uns nur dies geistige Christentum wieder, endlich, das unsere starke, säftereiche Rasse aufgelöst und vernichtet hat binnen sechzehnhundert oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den natürlichsten und erhabensten Vorgang unseres Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen? Wenn wir in den Schulen Maschinen züchten, statt Menschen? Wenn Tausende von wahrhaft großen Weibern auf der Gasse und in Spezialitätentheatern lungern und eine anämische Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht hinauskommen über die niedrigen Begriffe von Ehre und Nächstenliebe, wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik nehmen? Sie, moderner Jude, sind daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem asketischen Verlangen, der Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch begehren, der Sie das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen werden. Ja, ja! richten Sie nur das neue Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die Renaissance, von der große Menschen geträumt haben, in Stücke, bevor sie geboren ist! Nur zu!“
„Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues,“ erwiderte Nieberding traurig und mit gesenkter Stimme. „Aber das ist ja gleich, wenn Sie es fühlen. Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklärung hat uns nur allein die katholische Kirche gegeben.“
„Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie beiseite, samt der Verklärung, ich bitte Sie. Das sind traurige Dinge, zu deren Verteidigung die Poesie nötig ist. Und reden Sie niemals per ‚uns‘, wenn Sie so etwas sagen, denn das ist direkt komisch. Sie sind ein Emigrant, und es giebt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns. Beachten Sie die Zeichen der Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht blind. Hören Sie auf, an das geistige Christentum zu denken. Wir haben genug an dem greisenhaften Gewimmer dieses Tolstoi da drüben. Sie können ja schlimmstenfalls in die Gesellschaft für ethische Kultur eintreten, oder in den christlichen Verein junger Männer. Es ist ein eigenes Schicksal, daß gerade das Judentum ein Christentum gebären mußte, und daß die Mutter jetzt absolut zum Kind werden will. Alle Religionen von dort drüben entbehren der Freude. Wie traurig, daß der menschliche Geist durch Jahrtausende sein seelisches Heil von Epileptikern empfangen mußte. Wir wären schon längst zu Grund gerichtet, wenn nicht die großen Fontänen Shakespeare und Goethe und anderen den trockenen Boden ernährt hätten. Aber sie waren so hoch, daß ihre Spitzen noch von der untergegangenen Sonne des Griechentums vergoldet wurden. Und jetzt? Jetzt sind wir im Begriff, eine Nation von Säufern und Phlegmatikern zu werden. Ich kann jetzt ganz ruhig darüber reden, ich ärgere mich, daß ich mich erregt habe. Sie sehen, daß ich nicht etwa so borniert bin, ein Judenfeind zu sein. Im Gegenteil. Der wirkliche Antisemit müßte ein noch feurigerer Antichrist sein.“
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht,“ sagte Nieberding fast verzweifelt, „das ist alles nicht klar. Es ist so schematisch. Und das Leben ist doch so vielgestaltig. Sie preisen die Juden, um damit einen Schlag gegen die Juden führen zu können. Das leuchtet mir sehr ein. Aber haben Sie nicht einmal gesagt, die Juden trinken nicht? Das ist nicht wahr. Der russische Jude ist ein großer Trunkenbold und meist ein übler, verwerflicher Charakter. Die Galizier sind scheußliche Mädchenhändler, und was sie sonst noch treiben, weiß Gott. Also sittlich und geistig haben wir nichts voraus. Aber der Jude hat stets am meisten gelitten, wenn er Stärke und Energie genug besaß, sich aus der Dumpfheit seiner religiösen Schranken zu heben, wenn er, der ewig Wandernde, Heimatlose, endlich Dach und Heimat fand. Aber was soll ich da sagen. Man wird so leicht sentimental. Das alles läuft darauf hinaus, – ach, ich weiß nicht.“
„Ich weiß schon. Daß wir am Ende einer Kulturepoche stehen und niemand weiß, was werden soll. Unsere ganze Gesellschaft verstopft sich Geist und Ohren mit Musik. Niemals war ein blödsinniger Musikkultus zu solchen Ehren gelangt. Die Sonne läuft von Osten nach Westen und die Kultur hat es stets gethan. Amerika ist das Land der Zukunft. Eine alte Geschichte, das. Es mutet mich so kindisch an, wenn in Paris die Gräfin Rothschild ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords öffentlich und feierlich verlobt und unter großem Gepränge Hochzeit halten läßt. In Rom war das alles seinerzeit viel großartiger. Wir können nicht einmal eine anständige Decadence inscenieren. Unsere gute Gesellschaft ist ausschließlich auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und diese sogenannten heiligsten Güter der Nation u. s. w., dann Socialdemokratie, Frauenemanzipation, Militarismus, der Kultus mit den Erfindungen, das alles kommt mir vor wie ein Kindertrompetenkonzert. Letzte Zuckungen. In ein paar Jahrzehnten fallen die morschen Dielen unseres Kinderspielzimmers auseinander, und es wird uns grausen. Haben Sie noch ein Glas Wein? – Danke.
„Es kann gar nicht geleugnet werden, daß wir viel schneller dem Abgrund zurutschen, seit die Juden emanzipiert sind, wie das schöne Wort nun einmal heißt. Ach bitte, lassen Sie mich reden, ich bin einmal so schön drin. Nehmen Sie an, daß ich mich betäuben will. Die Juden sind bis zu dem Punkt ungefährlich, als sie nicht an der Kultur eines Volkes teilnehmen. Sobald das kommt, sind alle prägnanten Linien verwischt, das Bild wird unruhig, die Gärung beginnt. Es ist, als ob diese Nation eine Art giftiger Sauerteig wäre. Nun, ich kenne so viele gebildete Juden, wahrhaft gebildete Menschen, Künstler oder Männer der Wissenschaft oder auch Kaufleute, aber ich muß sagen, so sympathisch und lieb mir die meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt. Worin das besteht, ist mir wahrhaftig ein Rätsel. Aber da sind die Wohlthätigen. Sie sind mir in tiefster Seele verhaßt. Es ist, als hätten sie eine Firmentafel auf der Stirn: Salomon Bär, Wohlthäter. Da sind die Künstler: bedeutende Menschen oft, aber seelisch gänzlich verwachsen, Krüppel. Oder ihre Künstlerschaft ist so aufdringlich, verbreitet förmlich einen penetranten Geruch. Da haben Sie die Frauen, guter Gott, welch ein Thema! Ein Buch! Das ist auserwählter Morast.“
Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in ihre Gläser. Dann begann Bojesen von neuem:
„Und doch! und doch! Ich weiß nicht, welcher Dämon mir diesen Gedanken eingegeben hat: es ist mir, als müsse gerade aus den Juden noch einmal ein großer Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist selten, aber bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste Menschenexemplar ist, das man finden kann, um und um. Alle reinen Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben, ihn hervorzubringen, ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die die Nation je besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit, kurz, alles und alles, ausgenommen den Humor. In seinem Kopf sitzen ein paar Augen voll Mildheit und Güte, man möchte sagen Frommheit in einem neuen Sinn, feurig und doch wieder schüchtern, phantasievoll und nach keiner Seite hin borniert, – kurz, wundervoll.“
Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an einem Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gefäß um die eigene Achse, wobei die Kettchen klapperten. „Es ist sonderbar,“ sagte er, „wie alles, auch das Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es mit dem eigentlichen Sinn des Lebens vergleicht.“
„Ja, aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht, wie der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er für einen Zweck habe, da er die Welt schrecklich vernünftig fand. Ich bin eine Verdichtungsmaschine, sagte er pathetisch.“
„Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche betrachtet. Das ist ja trivial. Aber daß wir hier sitzen und uns über Christentum und Judentum echauffieren, ist auch trivial. Symbol, Symbol, alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie niemand überschreiten darf. Dann schauen sie, es ist helllichter Tag, fest auf eine Kerze und plötzlich, der Fakir selbst steht am andern Ende des Zimmers, plötzlich brennt die Kerze, ohne daß jemand daran gerührt. Nun ist aber das Seltsame, sowie einer die vorgeschriebene Kreislinie überschreitet, ist das Licht für ihn verschwunden. Das enthält für mich ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels.“
„Hm,“ machte Bojesen. „Hm. – Wer singt denn da?“
„Meine Schwester.“
„Sie singt sehr schön.“
„Ja, dabei wird sie lebendig. Sie sollten sie sehen dabei.“
„Ich muß gehn,“ sagte Bojesen, „es ist spät.“
„Wieviel –?“
„Zwölf.“
„Schon! Darf ich Sie begleiten?“
Bojesen sah rasch auf, lächelte flüchtig ironisch, da aber Nieberding ernst und unbefangen blieb, sagte er: „Gewiß, wenn es Ihnen Spaß macht.“
Sie gingen. Kalt und klar war die Nacht, bis an die fernsten Grenzen lichtlos und still. Nieberding murmelte:
„Mühsam ist der Pfad und lang, Und kein fetter Pfaffe schreit Ein versöhnliches Gebenedeit, Wenn dein Fuß im Dunkel vorwärts drang.“
„Von wem ist das?“ fragte Bojesen.
„Von Gudstikker. Es sind wunderschöne Verse, die ich gelesen habe. Ich muß ihn aufsuchen, muß ihn sehen, mit ihm sprechen.“
„Was sehen Sie denn da?“
„O, ein großes Talent.“
„Kein Charakter, doch ein Genie,“ sagte Bojesen bitter.
„Was meinen Sie damit?“
„Nun, dieses große Talent, – ich kenne es genau und schon lange. Er ist ein kleiner, niedriger Schleicher, eine Intrigantenseele, ein verwickelter Lügenkomplex. Was soll man dazu sagen. Die Kunst eines solchen Menschen ist vergänglich, selbst wenn sie für den Augenblick noch so sehr blendet.“
Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt hinein. Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen, sondern ein beunruhigtes und mißtrauisches. Selten waren noch Fenster erleuchtet, selten begegnete ihnen ein Mensch. In den Wirtschaften war es still. Die Polizisten an den Straßenecken regten sich nicht. Der Turm einer Kirche erhob sich plötzlich auf einem Platz und dann gab dies der ganzen Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät, daß Bojesen glaubte, mit verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören. Aber es ist bisweilen nicht unser leibliches Ohr, das hört, sondern ein innerliches, der Vergangenheit zulauschendes. Zwischen zwei Häusern der breiten Königsstraße ist ein Ausblick hügelabwärts auf den Weg und die Wiesen, und daneben steht ein Gasthaus. Es heißt vielleicht: zur Krone. Durch die grünverhängten Fenster drang nun trotz der späten Stunde die Fistelstimme einer Soubrette, die irgend ein lascives Lied mit entschiedener Betonung einzelner Wichtigkeiten zum Besten gab. Die Stimme war so, daß man die Haltung des Körpers danach beurteilen konnte; ja, man glaubte die stereotyp lächelnden Lippen und die gezierten Gesten zu sehen. Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung, und der Klavierspieler gab einen Tusch. Da sah Bojesen, wie sich Nieberding an den Kopf schlug, auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte. Bojesen sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort.
Bald zeigte sich der viereckige und so charakteristische Rathausturm. Ein Symbol des Spießbürgertums, dachte Bojesen. Er betrat die Rosengasse, und sah das jüdische Waisenhaus vor sich liegen. Auf einmal sah er eine Schar von Knaben, zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben auf der Straße stehen, sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen, sich lautlos ordnen und dann ebenso geheimnißvoll die Straße hinaufmarschieren. Sie trugen die schwarze Mütze mit dem Lederschirm, bis auf zwei, die an der Spitze gingen. In dem einen erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer. Hintennach trippelte ein komisches kleines Kerlchen, das bisweilen weinerlich seufzte, wenn es ihm zu schnell ging.
Bojesen, zu erstaunt, um nach Gründen zu raten, beschloß, dem Zug zu folgen. Er empfand eine unerklärliche Scheu, die ihn hinderte, Agathon kurzweg anzureden. Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen Gassen des Altstadtviertels, durch den Schießanger und Bojesen wurde so begierig, zu erfahren, was all dies bedeute, daß er seine Vorsicht vergaß und sich den Knaben zu sehr näherte. Einige standen still und wandten sich ihm zu. Agathon kam, stutzte, erkannte ihn, ließ den Kopf sinken und schwieg. Da außen war es heller. Der Himmel schien von einem gutverborgenen und weit entfernten Licht innerlich erleuchtet, und Bojesen konnte jeden Zug in Agathons Gesicht erkennen.
„Thun Sie es nicht! Folgen Sie uns nicht!“ sagte Agathon endlich flehend.
„Was geschieht hier, Agathon?“ fragte Bojesen, und er war seltsam bewegt, aus einem Grund, der ihm noch viel zu denken gab. Er war matt und feig geworden diesem jungen Menschen gegenüber.
„Nichts Unrechtes, Herr Bojesen,“ entgegnete Agathon und heftete den Blick fest in den des Lehrers. „Diese alle sind sehr unglückliche, verlassene Knaben. Sie gehen mit mir und ehe es Tag wird, kehren sie zurück.“
„Und wenn es entdeckt wird –?“
Agathon lächelte so, daß Bojesen ihm die Hand hinstreckte. Er nickte ihm flüchtig zu und machte sich auf den Rückweg, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. „Wie romantisch,“ murmelte er und suchte sich über das alles zu stellen; aber sein Herz war beklommen und in einer feierlichen Stimmung, die seiner Natur sonst fremd war, kam er nach Hause.
Am andern Tag, als er über die Wiesen spazieren ging, sah er Agathon von ferne. Er hatte nicht das Verlangen, ihn anzureden; er empfand ein Vertrauen zu ihm, das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen ließ. Agathon ging langsam, mit insichgekehrtem Blick; seine Kleider waren etwas beschmutzt. Noch nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch gespannten Erwartung, eines fast atemlosen Lauschens in einem Gesicht erblickt. Am Eingang des Nadelwäldchens entschwand er seinen Blicken.
Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurück. Er begegnete Frau Olifat, die aus ihrem Haus kam. Sie bemerkte seinen Gruß nicht. Auf ihrem Gesicht lag etwas so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit, ja Verzweiflung, daß Agathon ihr erschreckt nachsah, dann eilends ins Haus ging und am Wohnzimmer pochte. Das kleine Mädchen öffnete, legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete dann wortlos auf den Diwan, wo Monika lag. Agathon ging auf den Fußspitzen hin und sah sie. Sie schien zu schlafen. Ihre Wangen glühten. Durch die geschlossenen Lider und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten Thränen. Der Körper war in einer gequälten Lage, der Kopf und die Beine weit nach rückwärts gebogen. Die Finger waren in den Stoff des Polsters eingekrampft, die Lippen waren in leiser Bewegung. Agathon ging es wie ein Stich von der Stirn bis zum Knie. Nicht nur Angst und Schrecken waren es, sondern er hatte plötzlich die unwiderstehliche Begierde, diese offenbar so sehr heißen Lippen zu küssen. Und dann im Nu verlangte seine Phantasie mehr, etwas, das wie ein schwüles Rätsel vor ihm aufstieg. Die wogende Brust des jungen Mädchen, die offene und leidenschaftliche Glut, in der sie lag, hilflos einer Wucht von Träumen überliefert, der schwach geöffnete Mund mit den begehrlich blitzenden Zähnen, – das ließ Agathon schaudern, und er verdeckte die Augen mit der Hand. Aber noch deutlicher sah er so das Bild, und er seufzte schwer, streichelte flüchtig, wie huschend, das glatte Haar der kleinen Esther und ging. Alles Klare, Gute, Getröstete seines Innern war wie verblasen. Er ging heim, und da dunkelte es schon, und er war so erregt, daß er wie blind umhertappte. Das Haus war wie ausgestorben; doch als er in den Corridor kam, um in seine Kammer zu gehen, stand wieder wie damals die Magd unter ihrer Thüre. Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam wartend vor dem düstern Kerzenschein. Ein trotziges und sinnliches Lächeln umspielte ihre dicken, feuchten Lippen und Agathon starrte sie furchtsam an, wie ein Schicksal, dem er niemals entrinnen konnte. Sie sprach ihn an, aber er hörte es nicht; sie tätschelte seine Hand, und er fühlte es nicht. Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte; er war wie versteinert. Begierde, Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen. Endlich machte er sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche Treppe hinab.
Die Finsternis des Hofes empfing ihn, – es wurde ihm zu eng da. Er ging hinaus, bis in die Felder und über den Kirchhof heimwärts und wußte nicht, wieviel Zeit verronnen war, als er wieder vor Olifats Haus stand und hinaufschaute. Da öffnete sich jedoch die Gartenthür; Monikas Gesicht schaute heraus. Sie blickte hinauf und hinunter, und als sie keine Menschenseele gewahrte, kam sie schnell auf Agathon zu, stockte, machte wieder ein paar Schritte, stockte wieder und fiel endlich nieder, umklammerte fest Agathons Kniee und begann in einer klagenden und kummervollen Weise zu schluchzen.
Agathon wurde bis in die Lippen bleich. „Was ist denn nur!“ stammelte er. Aber nichts antwortete ihm, und er sah Monikas Schultern beständig zucken, und ihr Weinen wurde immer verstörter, fassungsloser. Es schien aus einer Tiefe zu kommen, wohin sonst nicht leicht ein menschlicher Schmerz gelangt. Es klang dumpf und erstickt. Agathon wollte sie emporziehen, doch sie wehrte ihm heftig, fast zornig. Endlich und ganz unerwartet war sie still geworden, hielt die Schläfe mit beiden Händen und sah zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick, in dem etwas Böses und Schuldiges war und der von einer andern zu kommen schien, als jener Monika, die Agathon bisher gekannt. Er wagte nichts zu sagen.
„Ach, Agathon,“ flüsterte endlich Monika mit einer gleichsam weitentfernten Stimme, „dich hab’ ich erwartet, so lange, so lange. Denke nicht schlecht von mir, bitte dich, thu’s nicht. Höre mich immer an, wenn du kannst und verstoße mich nicht. Es hat Gott gewollt, daß ich hier so werden sollte, wie ich bin. O Agathon! Agathon!“ Und sie blickte mit dem Ausdruck einer vollkommen tierischen Verzweiflung in sein Gesicht. Da stieg in Agathon eine Angst vor ihr auf, wie sie oft in einer finstern Landschaft kommt, wenn uns vor einem unsichtbaren Begleiter graut. Er machte sich los von ihr; aus irgend einem Grunde erschien sie ihm niedrig, und wenn er später über diese Stunde nachdachte, verlor er sich in Staunen über jenes zweite Selbst, das mit uns herumzugehen scheint und einen prophetischen Geist und eine viel tiefere, wenn auch flüchtige Einsicht in die Dinge zu haben scheint, als unser unmittelbares Ich.