Die Juden von Zirndorf

Part 17

Chapter 173,608 wordsPublic domain

In diesem Augenblick ging viel vor in Agathons Seele. Er sah dieses zarte Geschöpf vor sich, wie sie in jeder Stunde mehr hinwelkte. Er sah die kleinen, mondlichtübergossenen Häuser, die dunkle Unendlichkeit des Nachthimmels, zage Sterne, glänzende Fensterscheiben, – dies alles im Gegensatz zu der komischen Unruhe der Menschen, ihrer Lust an der Lüge, ihrer Furcht vor dem Kampf, und zum erstenmal sprach heute die Natur ein lautes Wort zu ihm, und er konnte die gärende Inbrunst seiner Seele nicht mehr mißverstehen. Da stand nun dies stille, wortkarge Geschöpf vor ihm mit dem treuherzigen Blick, dem hilflosen Zucken um die Lippen und sie sah ihn ratlos an, als Agathon wie erleuchtet lächelte.

„Sie sind immer so traurig, Fräulein Käthe,“ sagte er.

Sie nickte.

„Sie müssen sich einmal recht von Herzen freuen.“

„Aber wie kann ich das,“ erwiderte sie seufzend.

„Ich kann es, ich will Sie froh machen,“ sagte Agathon.

Sie blickte ihn ungläubig an, als sie auf dem knarrenden Schnee weitergingen. Agathon mußte jetzt wunderlicherweise an Gudstikkers ewig-schmutzige Fingernägel denken, und er raisonnierte, daß ein Mensch mit schmutzigen Nägeln niemals ein solches Mädchen küssen dürfte, selbst wenn er ein Dichter ist, den es nach Reinheit und Verehrung dürstet. Er dachte an Monika und eine Glut stieg in ihm auf, daß sein Blick förmlich verhängt wurde. Dann liefen seine Gedanken weit fort zu Sabbatai Zewi und seinen Freudenfesten, und er zweifelte nicht an der Ehrlichkeit des Propheten, der das Leben in so großen Linien gelebt und alle Mitlebenden beglückt hatte.

„Ein Wort, Fräulein Käthe, – vertrauen Sie mir?“

„Sie sind so merkwürdig, Agathon. Man muß Ihnen vertrauen, auch wenn man nicht will.“

„Und Sie wollen alles thun, – von jetzt bis Mitternacht, alles was ich will. Es ist nichts Böses.“

„Aber es ist spät.“

„Eben hat es acht Uhr geschlagen.“

„Was soll ich denn thun?“

„Nichts als das: in unserem Hof steht ein Schlitten. Da sollen Sie sich hineinsetzen. Ich fahre Sie.“

„Jetzt? Um Gotteswillen, jetzt! Ich kann nicht. Meine Mutter läßt mich nicht fort.“

„Ach, wie das Aschenbrödel sind Sie! Aber heute dürfen Sie den Prinzen sehn.“

„Den Prinzen?“

„Gewiß. Ich ziehe meine Schlittschuhe an und wir fahren bis zum See bei Weinzierlein.“

„Bis –? Nein Agathon, das ist zu weit.“

„Jetzt dürfen Sie nicht kleinlich und nicht furchtsam sein. Ich hab’ auch noch ein dickeres Tuch für Sie und einen Mantel meiner Mutter.“

„Sie sind so jung, Agathon, und das vergißt man ganz, wenn man Sie hört.“

Eine Viertelstunde später flog der Schlitten die Landstraße hinaus und Agathon auf Stahlschuhen hinterher. Rechts lag der Wald, dann lag er links; das Mondlicht wohnte in ihm, die braunen Blätter glänzten silbern, die Birkenrinde strahlte wie Gold, der Schnee lag wie ein faltenloses, frischgewaschenes Tuch da, der Himmel wölbte sich in stillem, matten, kalten Licht und der Frieden, der mit den beiden gleichsam Seite an Seite zog, breitete sich aus, herrlich und rein. „Sehen Sie nur die Elfen,“ sagte Agathon, „sie freuen sich, daß wir kommen. Wenn wir auf dem See sind, werden sie Leuchtfeuer anzünden, Bewillkommnungsfeuer. Die Irrlichter zeigen uns den Weg. Sehen Sie dort! Ein Irrlicht, blau und grün –! Ist Ihnen warm? Das ist gut. Mir ist auch warm. Das nächste Mal müssen wir Mirjam mitnehmen. Sie kann lachen, daß es meilenweit hinausjubelt, besonders wenn es so kalt ist, wie heute.“

„Wer ist Mirjam?“

„Meine kleine Schwester.“

„Ein schöner Name.“

„Er ist hebräisch und heißt: die Widerspenstige.“

„So?“

„Ja. Auch Maria heißt die Widerspenstige. Aber Mirjam ist gut und lustig, und sie stellt Fragen wie eine alte Frau.“

Dies alles wurde im vollen Lauf hin- und hergesprochen, auf der klirrenden Schneebahn. Und endlich kam der See. Zauberhaft! Glattgefroren war die weite, breite Fläche, Schimmer auf Schimmer, golden und silbern, schwebte daher, tausend hellblitzende Funken besäten den Schlittenpfad und Agathon flog hin wie der Wind, wie ein Pfeil! „Jetzt beginnt das Märchen,“ rief er aus. „Jetzt kommen Feen und Geister.“

„Und der Prinz?“

„Der kommt zuletzt.“

„Nein, zuerst, – wie’s versprochen war!“

„Haia! juchhaia! Mein Waidruf schallt. Auf! Mir zur Frohnde, Wiesen und Wald!

Haia, juchhaia! Elfisches Reich, Wo ist die Königin, Blitzend und bleich.“

Vom Ufer erhob sich die Gnomenschar, lachend, echoend, tanzte mit weiten Sprüngen um das Gefährt. „Mir ist heiß!“ rief Käthe lachend und schlug voll Entzücken die Hände zusammen, denn die Landschaft war zum Zauberreich geworden. Man sah Lichter blitzen wie in einem Saal; bisweilen tönte es aus der Ferne wie Gesang von hellen Mädchenstimmen, bisweilen wie Glockenklang; Ritter und Knappen und edle Damen stiegen aus der Tiefe zum Tanz gekleidet; denn hier war einst eine mächtige Burg versunken. Käthes Blut floß rasch und stürmisch. Sie jubelte und klatschte in die Hände wie ein Kind. Sie erinnerte sich nicht, je so glücklich gewesen zu sein, sie war wie berauscht und Agathon lächelte sie an, seltsam, träumerisch. Wie ein Sturm fuhr die Sehnsucht in seine Brust, ein ganzes Land, ein ganzes Volk so glücklich zu machen. Es ist eine dunkle Zeit, dachte Agathon, und wer ihr die Freude bringt, kommt mit einer flammenden Fackel zu ihr.

Heimwärts flog der Schlitten, dem sinkenden Mond entgegen.

Elftes Kapitel

In heiterer Stimmung verließ Bojesen seine Wohnung an der Luisenstraße, und der kalte, neblige Dezembermorgen trübte nicht die Klarheit seines Innern. Da begegnete ihm ein Bote und händigte ihm ein Schreiben ein. Er riß den Brief auf und las:

Kommen Sie nicht wieder. Lassen Sie mir die Freiheit ganz, die ich einmal erwählt habe. Ich könnte ja fordern, aber ich bitte nur. Fragen Sie nicht, warum. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn zwei Schicksale sich verketten, der Weg zum Glück doppelt so schmal wird? Das Leben ist so klein und kann nicht durch einen großen Sinn regiert werden. Können Sie sich denken, daß man nicht mehr an all die schönen Worte glaubt, von Freiheit u. s. w. Sondern nur an das taube, blinde Ungefähr –? Der eine sucht sein Schicksal, den andern findet es. Was rede ich da! Gestern traf ich meinen Großvater, und ich will nicht sagen, in welcher Verfassung. Kommen Sie nicht wieder!

Bojesen war nicht genug Frauenkenner, um die matte Energie dieses gequälten Schreibens zu durchschauen. Er nahm sich den Brief zu Herzen, sah auf seine Uhr, kehrte hastig in seine Wohnung zurück, setzte sich an den Schreibtisch, kaute einige Zeit beklommen am Federhalter und begann:

Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache. Oder wie ist es? Was soll ich davon denken? Bedeutet _das_ die Schrankenlosigkeit der Leidenschaft, von der du geträumt hast? Ist es die gewöhnliche, banale Roman-Reue? Muß ich das glauben? Nie. Das Schicksal ist ungewöhnlich mit uns verfahren, und wir müssen uns ungewöhnlich an ihm revanchieren. Ich sehe dich noch in deiner Glut, in deinem Lächeln, in deiner Hinreißendheit. Und nun?

So weit war er gekommen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Zurückschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen. „Erich, du schreibst an eine Frau,“ sagte sie langsam und betont.

„Fanny, du phantasierst.“

„Erich, du schreibst an eine Frau.“ Sie war leichenblaß und hatte mit der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefaßt.

In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zärtliche Lüge, oder er wird brutal. Bojesen lachte, schlug das angefangene Schreiben zusammen und zerfetzte es. Dann setzte er seinen Hut auf, um zu gehen.

„Schön,“ sagte Fanny Bojesen, „damit bekennst du dich ja schuldig. Ich verbittere dir das Leben. Ich bin nüchtern und kalt. Ich bin verständnislos, ich bin dumm. Ich bin ungeduldig und nervös. Das hast du doch alles geschrieben dieser, – dieser Dame?“

„Du hast sonderbare Vorstellungen von einem Liebesbrief, mein Schatz.“

„Nun ja, freilich, Erich, ich kenne sie nicht, diese Frau, aber sie wird dich zu Grund richten. Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit Verzweiflungsausbrüchen. Ich bin mir zu gut dazu, mit einem Wort, obwohl ich zu vielen Dingen nicht zu gut bin, wie das einmal geht. Aber ich will nur auf das Ende warten.“

„Aber du phantasierst ja, du träumst,“ rief Bojesen, erschrocken und gespannt.

„Wir schlafen immer noch Bett an Bett und auch du träumst.“

„Was soll das heißen?“

„Ich kann nachts nicht schlafen, und ich höre dich, wenn du überhaupt zu Hause schläfst. Die Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht bist du dann bei ihr, verstehst du?“

Bojesen nagte an seinen Lippen. Er ging und war beschämt. Er kaufte Cigarren und begann zu rauchen, was er sonst des Vormittags nie zu thun pflegte. In den düsteren Korridoren des Schulgebäudes traf er die Herren, die, das akademische Viertel benutzend, gravitätisch oder tiefsinnig umherstolzierten, die Hand auf dem Rücken oder zwischen dem zweiten und dritten Knopf der Rockbrust. Es ist nicht leicht zu sagen, worüber sie nachdachten, und es ist unwahrscheinlich anzunehmen, daß sie über des Lebens Alltäglichkeiten nachdachten. Denn so wichtige Herren, wie sie waren, mußten sie auch über Gegenstände versonnen sein, die dem Gepräge ihrer Persönlichkeit entsprechen konnten. Doktor Rosenblatt (es ist die Eigentümlichkeit und das Martyrium dieses Standes, daß er sich stets mit einem imaginären Doktor- oder Professortitel schmücken muß, damit die Würde des Standes in den Augen der profanen Welt gewinne), Doktor Rosenblatt also hatte, um seinerseits eine Ausnahme zu dokumentiren, beide Hände auf dem Rücken. Er pflegte jedes Klassenzimmer mit der Konstatierung der Thatsache zu betreten, daß es stinke. Er pflegte dies in einem heftigen Schrei zu behaupten und pflegte dann die Fenster aufzureißen. Zugegeben, daß dies eine Unklugheit von ihm war, ein Pfeil, der auf ihn selbst zurückgehen konnte, so ist doch andererseits anzuerkennen, daß diese kategorische Erklärung von seiten des Trefflichen wiederum als ein Beweis seines fortgeschrittenen Reinlichkeitssinnes gelten konnte. Dieses Zeugnis war zum Exempel Herrn Professor Schachno mit nichten zu erteilen. Denn auf den glänzenden Flächen seines Rockes wäre es der Analyse Bojesens leicht gewesen, den Speisezettel des Ehrenwerten für die Frist des abgelaufenen Semesters zu geben. Aber Professor Schachno war ein Stoiker; dies erklärt alles; ein liebenswürdiger, standesbewußter Mann, der sein Erziehungsideal, die Strafarbeit, stets in Gedanken zu vervollkommnen bestrebt war.

Bojesen sah die finstern Mienen seiner Kollegen nicht, oder gab vor, sie nicht zu sehen. Doch fühlte er wohl, daß etwas in der Luft lag. Als er später eine der unteren Klassen in den Anfangsgründen der anorganischen Chemie unterrichtete, bemerkte er, daß er innerlich mit ganz anderen Dingen so intensiv beschäftigt war, daß Scenen und Bilder in seinem Geist entstanden, und sein Bewußtsein bei dem, was er lehrte, ganz verdunkelt war.

Nach Ablauf der Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor. Bojesen lächelte, entließ seine Schüler, schritt bedächtig die Stufen hinan und stand alsbald vor dem Herrscher des Schulreichs. Und nicht nur vor ihm allein. Fünf der ältesten Herren bildeten gleichsam seine Garde, – eine Hochburg unbestechlicher Rechtlichkeit, unwandelbarer Sittlichkeit, unerschütterlichen Ernstes.

„Herr Bojesen,“ begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude, „Sie sind uns als Kollege lieb gewesen und als Lehrer wertvoll. Wir konnten uns täglich von der strengen Thatkraft überzeugen, mit der Sie Ihr Pensum durchführten, – glaubten wir. Wir glaubten, in Ihnen dereinst eine stolze Säule unserer Anstalt zu besitzen, einen verehrten und geachteten Mitbürger, einen tadellosen Erzieher. Vaterlandsliebe, einwandsfreier, sittlicher Wandel, Religiosität, das sind Orden, die die Brust eines Beraters der Jugend mehr schmücken, als königliche Orden. Wir müssen bekennen, daß wir uns in Ihnen getäuscht haben.“

Ein undefinierbares Murmeln der Garde begleitete diese Worte, die an Hoheit, Einsicht und Milde als gleich vollendet bezeichnet werden müssen.

„Was wollen Sie damit sagen, Herr Rektor?“ entgegnete Bojesen ruhig.

„Damit soll gesagt sein, daß Sie, wie unsere gewissenhaften Nachforschungen zweifellos ergeben haben, in Bezug auf Ihre moralische Führung nicht geeignet sind, einen günstigen Einfluß auf die Schüler zu üben, Herr Bojesen, – kurz, daß Sie sich auf Abwegen befinden. Als Mensch kommt es mir lediglich zu, Sie zu warnen, Sie kraft meines Alters aus tiefstem Herzen zu warnen. Als Vorstand dieses Instituts dagegen ist es meine Pflicht, Sie zu bitten, von Ihrer Lehrtätigkeit Abstand nehmen zu wollen, bis wir die Sachlage an das Ministerium berichtet und weiteren Bescheid empfangen haben.“

Bojesens Wangen und Stirn röteten sich und seine Hand zitterte. Doch der Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort:

„Verteidigen Sie sich nicht. Suchen Sie uns nicht zu überzeugen, wovon es auch sei. Wir waren vorsichtig in Bezug auf unsere Schritte. Sie verkehren in einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und verrufenen Frauenzimmern. Es ist schändlich und für mich als Haupt einer Anstalt, an deren Ruf kein Flecken haftet, deren pädagogischer Ruhm weit über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes gedrungen ist, ich sage, es ist beschämend für mich, einen solchen Vorfall so deutlich konstatieren zu müssen. Aber Sie zwingen mich dazu, Herr. Ihr unverzeihlicher Fehltritt fällt um so schwerer ins Gewicht, als Sie verehelicht sind und trotzdem nicht Ehrgefühl genug besaßen, sich als Pädagog zu zügeln. Aber nicht einmal das allein war maßgebend für mich. Nur aus wenigen Andeutungen, die sich scharf in den Geist jugendlicher Zuhörer graben können, das werden Sie selbst gut genug wissen, ist erwiesen, daß Sie es im Unterricht, – meine Herren geben Sie wohl acht, aber mäßigen Sie Ihre edle Entrüstung, daß Sie es sogar nicht verschmähten, skeptische Worte fallen zu lassen, die die Religiosität der Schüler gefährden konnten, und daß Sie so auf dem verbrecherischen Wege sind, die scheußliche Zeitkrankheit des Atheismus und der Pietätlosigkeit mitverbreiten zu helfen. Wir wissen, daß Sie sich mit dem dimittirten Schüler Agathon Geyer auch nach seinem Vergehen noch liebevoll befaßt haben, und jetzt wird mir auch vieles von der unerhörten That dieses unglückseligen und irregeleiteten Jünglings klar. Und nun noch zur schwersten Anklage, der gegenüber nichts, aber auch n–nichts Sie rechtfertigen kann. Sie haben in einem öffentlichen Lokal, in der Unterredung mit einem Ihrer auserwählten Freunde, Reden von einer wahrhaft, – kurz, von einer wahrhaft socialdemokratischen Tendenz geführt, so daß Ihre Worte an Nebentischen gehört wurden. Ich hoffe, Sie bereuen dies alles und werden ein besserer Mensch. Für die unschuldigen Blüten, die man Ihnen anvertraut hat, ist ein anderer Gärtner von nöten. Und jetzt bitte ich Sie, uns zu verlassen. Oder haben Sie noch etwas einzuwenden? Aber ich mache Sie aufmerksam, daß unsere Zeit kurz bemessen ist.“

Bojesen rührte sich nicht. Seine Hand zitterte immer noch leise. Seine Augen schauten unverwandt ins Weite, als suchten sie sich mit den kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit schon jetzt vertraut zu machen. Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges, halb trauriges Lächeln. Der Rektor blickte ratlos die fünf Gardeherren der Reihe nach an, die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Köpfe schüttelten. Endlich sagte Bojesen: „Meine Verbrechen sind Verbrechen. Für Sie müssen es solche sein, natürlich. Ich kann also nichts dagegen einwenden. Aber was die ‚unschuldigen Blüten‘ betrifft, darüber möchte ich noch ein paar Worte sagen. Das was ich immer wollte, was aber ein Unding ist, ein Windmühlenkampf, ist, daß ich die Schüler veranlassen wollte, selber zu denken, aus Andeutungen, aus Anschauungen ein Gesetz zu konstruieren. Ich habe ihnen aus der Wissenschaft immer ein schmackhaftes Stück Brot gemacht, nicht ein Pensum für das Gedächtnis. Aber Sie, meine Herren, arbeiten nur für ein totgeborenes Kind. Was Sie thun, ist immer aussichtslos. Als unverdauliche Speise bleibt es im Magen Ihrer Pfleglinge liegen. Sie geben sich nie die Mühe, herunterzusteigen, sondern bleiben hochmütig auf dem Katheder und auf dem Lehrbuch sitzen. So wie Sie es treiben, ist die Schule eine Verdummungsanstalt, und kein munter fließendes Wasser wird aus diesem Sumpf herauskommen. Alle bleiben unglückselige Marionetten, oder wie Sie es nennen, faule Schüler. Aber faul sind nur Ihre Institutionen, das mögen Sie wissen. Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will, muß es mit dem Herzen thun, nicht mit dem Vocabulaire. Ich möchte sagen, er muß ein wenig spielen dabei, Sie müßten beinahe ein wenig Künstler sein. Aber wie soll der Staat das aufbringen. Sie, Herr Horamus, der Sie dastehen als Lehrer der Geschichte, seien Sie aufrichtig, haben Sie jemals daran gedacht, den Schüler mit den großen, menschlichen Dingen der Geschichte vertraut zu machen? Haben Sie jemals den Geist des grandiosen Zusammenhangs zu erklären versucht? Haben Sie jemals ein farbenreiches Bild daraus gemacht, und das wäre von mehr sittlichem Wert, als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastien-Namen, glauben Sie mir. Aber davon haben Sie ja selbst keine Ahnung, wie sollten Sie mir Antwort geben können. Ein _null-ouvert_ im Skat ist Ihnen weit interessanter. Und was Religiosität und Vaterlandsliebe betrifft, Herr Rektor, so haben Sie keine Angst. Beide zeigen sich nicht im Götzendienst. Was Sie mit diesen schönen Worten meinen, ist Duckmäuserei und Frömmelei. Beruhigen Sie sich nur, ich gehe schon. Vielleicht kommt die Zeit selbst für Sie noch, der Sie graue Haare haben, wo Sie mit Angst an das denken werden, was ich Ihnen eben gesagt habe. Ich empfehle mich den Herren.“

Er eilte hinaus und ließ die sechs würdigen Schulmänner in unbeschreiblicher Verblüffung zurück. „Gehen Sie hinunter, Schachno, und verhindern Sie, daß er mit den Schülern spricht,“ sagte der Rektor erregt.

Daran dachte Bojesen nicht. Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und ging die Mathildenstraße entlang, bis die Häuser zu Ende waren, bis die Ebene vor ihm lag, – anscheinend grenzenlos. Und wie er weiter und immer weiter ging, vergaß er auch mehr und mehr seinen persönlichen Schmerz, und all das Drückende und Gedrücktsein, das in ihm war, löste sich auf in eine große allgemeine Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes, in eine wie hingehauchte Traurigkeit um vergebliches Ringen. Er empfand jene Müdigkeit zu denken, die uns mit einem unsicheren und seltsamen Stolz erfüllt, uns zu vagen, aber tröstlichen Bildern führt, bis an die Thüre jener Schwermut, die sich mit liebevoller Innigkeit an alle Gegenstände der Natur hängt und auch dem zufälligen Flug eines Vogels eine tiefe, vorbedeutungsvolle Wichtigkeit verleiht.

Still und neblig, wie erfroren lag da oder dort ein Dorf. Gleich einer Wand von Schleiern erhob sich bisweilen in der Ferne ein Gehölz. Der Himmel war unbeweglich; keine einzelne Wolke war zu sehen: nur eine schwerhingezogene Decke. Dornenhecken standen am Weg und vermehrten das Grüblerische, Insichgekehrte dieser Landschaft. Raben flogen lautlos über die Äcker, setzten sich majestätisch auf schwarze Erdschollen, die aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit den schlauen und boshaften Augen auf den Wanderer.

Bojesen nahm in einem Dorfwirtshaus ein kärgliches Mittagsmahl ein, unterhielt sich mit den Bauern und machte zum erstenmal die Beobachtung, daß der fränkische Bauer ein intelligenter, ernster und gutherziger Menschenschlag ist, der nichts von der tückischen Pfiffigkeit und von dem versteckten Städterhaß vieler andern Bauern besitzt.

Als es schon dunkelte, kam er zurück in die Stadt, und es war ihm, als ob er ein Jahr lang fortgewesen wäre. Fast mechanisch, als wäre es die Folge eines weit zurückliegenden Entschlusses, wandte er sich nach der Richtung von Jeanettens Wohnung, und er fand sie allein.

Sie war nicht erstaunt, ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand.

„Du bist so froh,“ sagte sie und blickte bang nach der Thür. Doch gleich darauf sprang sie empor und tanzte trällernd im Zimmer umher. Nichts lächelte in ihrem Gesicht. Der Mund war geöffnet und ließ die kleinen Zähne sehen. Die Augenlider waren gesenkt, mühevoll sinnend. So tanzte sie.

„Man weiß natürlich schon in der ganzen Stadt, wo ich bin,“ sagte sie verächtlich. „Die Herren der Gesellschaft werden zum ‚siebenten Himmel‘ kommen, und ich werde die Sensation sein, der Stadtklatsch. Das ist mir zu widerlich. In acht Tagen gehe ich fort, oder in vierzehn Tagen, wenn ich mit meinen Vorübungen fertig bin. Ich gehe nach Paris. Ich brauche anderes Leben. Es wird auch ein anderer Tod sein, wenn es so kommt.“ Sie lachte mit ihrem harten, stoßweisen Lachen.

„Fort gehst du? Und was für Vorbereitungen meinst du?“

„Tanz! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz. Der Tanz soll wieder Kunst werden. Sieh her, den Tanz der Liebe. Alles ist Feuer, hinneigende und doch verborgene Glut. Jede Linie andächtig und verzückt und schließlich die unterdrückte Erregtheit. Dann der Haß. Offene Glut, wildes Gebärdenspiel, wildes Spiel aller Linien. Dann viele andere. Ich denk’ es mir wundervoll. Eure andern Künste haben alle abgewirtschaftet. Sie beruhen auf der Eitelkeit. Es giebt nur noch Wissenschaft und Tanz in der Zukunft.“

Bojesen sah hilflos vor sich hin.

„Was machst du denn für ein Gesicht? Wie ein melancholischer Briefträger,“ sagte sie.

Bojesen hatte so vieles sagen wollen. Jetzt erinnerte er sich an nichts, oder es erschien ihm zu düster. „Jedesmal, wenn ich komme, bist du anders,“ bemerkte er mit etwas jugendlicher Verzweiflung.

Jeanette lachte spöttisch und begann wieder zu tanzen: auf den Zehen, den Körper in vornehmen, wellenhaften Bewegungen vor- und zurückbiegend und mit schwärmerischem Gesicht und weitgeöffneten Augen in den Spiegel schauend. Dann holte sie Wein, dessen Purpur in den dunklen Gläsern und in der beginnenden Dämmerung ganz schwarz erschien.

Währenddem öffnete sich die Thür und Bojesen sah einen alten, sehr gebückten Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen. Es war Gedalja. Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete sich die Stirn mit dem Rockärmel. Bojesen schaute Jeanette an, begriff und wollte gehen. Aber sie befahl ihm durch einen Blick, zu bleiben und zündete die Lampe an. „Hast du was verkauft, Großvaterle?“ fragte sie, die Hand in die des Alten legend.

Gedalja verneinte. „Se welln nix haben. Se sin alle versehen. Se welln bloß ihrn Spaß haben mit em alten Jüden. Ich will nit klagen, Enkelin, nit klagen. Aber was for Gesichter wer ich sehn, wenn ich sterb’? Wer wird reden zu mir in die lange Nächte? Hast de schon gesehn en alten Mann über neunzig, wo hat kein Haus un kein Hof un kein Bett? Bin ich nit gewesen e Beheema, e Vieh, daß ich nit gewesen bin e Wucherer un e Betrüger? Wo soll ich haben en neuen Rock, wenn der wird sein zu Fetzen? Wo sin meine Kinder, daß se sitzen zu meine Füße und lauschen meine Worte? O Enkelin, es is gut, e Chalef zu nehmen, e Schwert und zu zerreißen sein eignes Herz.“