Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 9
Ein brauner Pfad liegt zwischen wirren Sträuchern, die wie erstarrte Krallen in die nasse Luft greifen. — — Er sieht sich auf diesem Wege gehen. — Vor ihm humpelt ein altes Weib in Lumpen — tief gebückt — mit einem Hexengesicht. — Er hört ihren Krückstock auf die Erde stampfen. — Jetzt bleibt sie stehen.
Ein Sumpf liegt vor ihnen im Dunkel der Ulmen, und grüne Schwaden decken die tückische Fläche. —
Die Hexe reckt ihren Krückstock aus — die Decke zerreißt.
Jorre blickt in die unergründliche Tiefe. —
Die Wasser werden klar, — klar wie Kristall, — und da unten erscheint eine seltsame Welt. Immer höher hinauf taucht es: — Nackte Frauen wie Schlangen verschlungen bewegen sich dort; leuchtende Leiber schwimmen in wirbelndem Reigen. — Und eine mit grünen großen Augen, eine Krone im Haar, sieht herauf zu ihm und schwingt ein Zepter über die anderen. — Sein Herz schreit auf vor Weh unter diesem Blick; er fühlt, wie sein Blut diese Augen aufnimmt und wie ihr grüner Schein in seinen Augen zu kreisen beginnt. —
Da läßt die Hexe den Krückstock sinken und sagt:
„Die einst deines Herzens Königin war, ist Königin jetzt hier unter den Bregen!“
Und wie die Worte verklingen, schießen die dichten Schwaden über dem Sumpf zusammen.
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Die einst deines Herzens Königin war ...
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Dr. Jorre sitzt an seinem Schreibtisch, den Kopf auf die Arme gelegt, und weint.
Es schlägt acht Uhr; er hört es und weiß, daß er fortgehen soll. — Und er geht nicht. Was soll ihm auch das Geld! — Der Wille hat ihn verlassen. —
„Die einst deines Herzens Königin war, ist Königin jetzt hier unter den Bregen.“
Er denkt es immerfort. — Das herbstlich spukhafte Bild steht unbeweglich vor seiner Seele — und die grünen Augen kreisen in seinem Blute. —
Was das Wort Bregen nur bedeuten mag? Er hat es nie im Leben vernommen und kennt seinen Sinn nicht. — Es heißt etwas Grauenhaftes, namenlos Trauriges, etwas Elendes — fühlt er —, und das freudlose Klappern der Lastwagen von der Straße her dringt wie beißendes Salz in sein krankes Herz.
Bocksäure
Malaga ist wunderschön.
Aber heiß.
Die Sonne prasselt den ganzen Tag auf die steilen Hügel und reift den Wein, der auf natürlichen Terrassen wächst. —
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In der Ferne auf blauem, stillem Meer die weißen Segel, sie ziehen wie Möwen. — — —
Die dicken Mönche dort oben im Kloster Alkazaba sind stolz geworden und reich — vom Guindre, den nur Herzöge trinken.
Wer kennt nicht den Guindre vom Kloster Alkazaba?! — — So feurig, so süß, so schwer; — — man spricht von ihm in ganz Spanien. —
Doch nur die Erlesenen des Landes gießen ihn in die schimmernden Gläser; ist er doch kostbar gleich trinkbarem Gold.
Weiß steht das Kloster in den nachtblauen Schatten, hoch über der Stadt von blendenden Strahlen beschienen. — —
Vor Jahren waren die Brüder so arm, daß sie betteln gingen und die Malagueños segneten, die ihnen spärliche Almosen gaben: Milch, Gemüse, Eier.
Dann kam der neue Abt Padre Cesáreo Ocáriz, der milde, und brachte das irdische Glück.
Zufrieden und rund wie eine Kugel, verbreitete er frohen Sinn, wohin er ging.
Die schlanken Mädchen aus den Dörfern strömten zu ihm, wenn er die Beichte abnahm. — Wie sie ihn liebten! — Hatte er doch für die heißesten Küsse so milde Buße. — — — — — — — — — — — — Balsa war gestorben, der Weinbauer, und hatte sein kleines Gut, das an den Klostergarten stieß, den Fratres verschrieben, weil ihm der Trost des guten Abtes die letzten Stunden gar so leicht gemacht. — —
Padre Ocáriz segnete des Toten Vermächtnis. — Er schlug die Heilige Schrift auf und wies den Mönchen das Gleichnis vom Weinberg. — Und die Brüder gruben und gruben, daß die Schollen schwarz glänzten in dem glühenden Sonnenlicht und die Eseltreiber auf den staubigen Wegen verwundert stehen blieben. —
— — — Ja, damals ging es noch, da waren die Fratres noch mager und jung, und ihre emsigen Hände achteten nicht der schmerzenden Schwielen.
Im Schatten saß der Abt in seinem alten Lehnstuhl und warf Brotkrumen den hellen Tauben zu, die in den Klosterhof geflogen kamen.
Sein rundes, rotes Gesicht glänzte zufrieden und nickte ermunternd, wenn einer der Fleißigen innehielt und sich den Schweiß von der Stirne wischte. — Zuweilen klatschte er auch drohend in die fleischigen Hände, hatte sich irgendein spanischer Lausbub zu nahe an die Gartenhecke gewagt.
— — — Und war die Vesperglocke verklungen, und wehte die Abendbrise ihren kühlen, milden Segen her vom Meere, saß er oft noch lange unter dem Maulbeerbaum und sah hinaus auf die spielenden Wellen da unten in der Bucht. —
Wie die sinkenden Strahlen der Sonne an die flimmernden Kämme sich schmiegen, sich ihnen vermischen zu leuchtendem Schaum, — da wird es so friedvoll, und die dunkelnden Täler warten und schweigen. — —
Dann ließ er sich wohl auch den alten Manuel kommen, den Gärtner des Kaufherrn Otero, der die Geheimnisse des Weinbaues kannte wie kein zweiter im Lande, und hörte ihm zu. — Und die Blätter des Maulbeerbaumes rauschten besorgt, als wollten sie die leisen Worte verwehen, daß sie kein Unberufener hörte. —
Kopfschüttelnd vernahm da der gute Abt, daß man verwitterte Lederstücke, je schmutziger desto besser, in den gärenden Most tun müsse, um das Aroma zu erhöhen, und sah dem Alten forschend in das gefurchte Gesicht, ob er auch die Wahrheit spräche. —
Wurde es dunkel, und war die Sonne hinter den grünen Hügeln versunken, so sagte er einfach: „Gehe nun heim, mein Sohn, ich danke dir. Siehe, da fliegen schon die Schwalben des Teufels.“ Damit meinte er die Fledermäuse, die er nicht leiden konnte. „Und der Segen der Jungfrau sei auf deinen Wegen.“ —
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Dann kam die blaue, schweigende Nacht mit ihren tausend freundlichen Augen, und Funken glommen im schlummernden Hafen.
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Schwer hingen die Trauben an den Stöcken, jahraus, jahrein. —
Wie der junge, stürmische Wein im Keller tobte, als müsse er fort aus dem Dunkel, hinaus ins Freie, wo er geboren! — — — — —
— — — Es waren bloß wenige Fässer, und die Mönche murrten, daß die Früchte der harten Arbeit so spärlich seien. — — —
— — — Padre Cesáreo Ocáriz sagte kein Wort, schmunzelte nur listig, wenn das Botenweib kam und die Briefe der Kaufherren brachte, — blaue, rote, grüne, — mit Wappen und krauser Schrift aus allen Gegenden Spaniens. —
Als aber ein Sendschreiben eintraf vom Hofe, mit dem Siegel des Königs, da blieb es kein Geheimnis mehr:
Der Klosterwein von Alkazaba war die Perle von Malaga geworden. — Wie den Purpur des Altertums — kostbar — wog man ihn mit Gold auf, und sein Duft wurde gepriesen in Lied und Sang.
Herrscher tranken ihn und hohe Frauen, — und küßten die Tropfen vom Rande des Bechers.
Der Reichtum zog ins Kloster, und wie der Keller sich leerte vom Wein, füllten sich die Schreine mit prunkenden Schätzen.
Die herrliche Kapelle erstand an Stelle der alten, und eine mächtige silberne Glocke „del Espiritu Santo“ sang das Lob des Herrn, daß es in heiliger Weihe über den Tälern klang. —
— — — Die Fratres sahen freundlich, wurden dick und rund und saßen gemächlich auf den steinernen Bänken. —
Mit dem Graben war es schon lange nichts mehr.
Doch die Trauben wuchsen nach wie vor, — ganz wie von selbst. Und das war den Mönchen recht.
Die aßen und tranken; nur einmal im Jahre zogen sie — wie zum Feste — mit ihrem Abt in den Keller, wenn der Most gärte, und sahen blinzelnd zu, wie er in jedes Faß einen halben alten Stiefel warf. — Das war das ganze Geheimnis, wie sie meinten, und sie freuten sich mit dem frommen Alten, der für diesen feierlichen Moment immer seine eigenen Schuhe sorgfältig aufhob und sie selber zerschnitt. —
— — — Der greise Manuel hatte ihnen wohl oft erklärt, daß es eigentlich ein Wunder sei, daß das Leder allein die Ursache der so besonderen Güte des Weins nicht sein könne. Leder lege doch jeder dritte Weinbauer in Malaga in seinen Most, während er gäre. — Es müsse also wohl nur der segensreiche Boden des Erbstückes sein. — —
Aber was kümmerte all das die Brüder: — die Sonne schien, die Trauben wuchsen, und der Hoflieferant aus Madrid kam pünktlich Jahr für Jahr, holte die Fässer und brachte das Geld.
— — — An einem klaren Herbsttage war Padre Ocáriz in seinem Sessel unter dem Maulbeerbaum eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. —
Im Tale unten läuteten die Glocken. —
Jetzt ruht er draußen im Acker Gottes. —
Ein grünes, schlichtes, kühles Erdenbett! —
Neben den toten Äbten schläft er nun. — — Und die maurische Ruine auf dem Gipfel des Hügels wirft ihren stillen, ehrwürdigen Schatten auf sein Grab. — Viele kleine dunkelblaue Blumen und eine schmale Steintafel: „~Requiescat in pace.~“
Der Kardinal von Saragossa hat einen jungen Abt geschickt. —
Padre Ribas Sobri.
Ein sehr gelehrter Mann von tiefem Wissen, — erzogen in den Schulen der Fratres vom Herzen Jesu.
Mit festem, stechendem Blick, — hager und willensstark. — —
Vorbei sind die Zeiten süßen Nichtstuns, — die Knechte entlassen, — und ächzend bücken sich wieder die feisten Mönche bei der Weinlese. — Tief in die Nacht müssen sie auf den Knien liegen und beten, beten.
Im Kloster herrscht die strenge Observanz: — bleiernes Schweigen. — Gesenkten Hauptes, aufrecht stehend, mit gefalteten Händen üben murmelnd die Fratres die „Anmutungen“:
~Non est sanitas in carne mea a facie irae tuae: non est pax ossibus meis a facie peccatorum meorum.~ — —
Auf dem Hofe wächst das Gras zwischen den Steinen, und die weißen Tauben sind fortgeflogen. Aus kahlen Zellen dringt die gramvolle „Betrachtung der Strafen“:
~Unusquisque carnem brachii sui vorabit.~ —
Wenn der kalte Morgen schimmert, siehst du die dunkeln Gestalten zur Kapelle ziehen, und summende Stimmen beten bei flackerndem Kerzenschein das Salve Regina.
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Die Weinlese ist vorüber. — Streng befolgt Don Pedro Ribas Sobri die Rezepte seines toten Vorgängers: seine eigenen Schuhe wirft er in die offenen Fässer, genau wie jener. — — Es hallt in dem gewölbten Keller, wie der süße Wein gärt und kämpft. —
Der König wird zufrieden sein mit dem Guindre. —
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Die schönen Mädchen kommen nicht mehr und beichten nicht mehr. — Sie fürchten sich. —
Schwer lastet die Scheu, — wortlos wie der mürrische Winter, der seine harten Hände auf die toten Fluren legt. — — — — Und der Frühling zieht vorüber und der tanzende junge Sommer — — und locken umsonst.
Verdrossen laden die Maultiertreiber um halben Lohn die schweren Fässer in die Leiterkarren.
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Don Pedro Ribas liest und zieht finster die Stirn: „— der ehrwürdige Vater muß sich wohl geirrt und anderen Wein geschickt haben. — Das sei doch nicht der alte Guindre, — gewöhnlicher ‚~Dulce del Color~‘, wie jede andere Sorte aus Malaga“, schreibt man aus der Hauptstadt.
Täglich kommen die Sendungen zurück. Volle Fässer. Aus Lissabon, aus Madrid, aus Saragossa. — — —
Der Abt kostet, — kostet — und vergleicht. Kein Zweifel, — es fehlt der fremdartige würzige Duft.
Man holt den greisen Manuel, — der prüft und zuckt traurig die Achseln.
Ja, ja, der gute, alte Don Cesáreo, der hatte eine glückliche Hand; mehr Segen als der junge Padre. — Doch das darf man nicht laut sagen; — die Mönche raunen es einander zu. —
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Don Pedro sitzt Nacht um Nacht in seiner Zelle bei seltsamen Retorten, und der Kerzenschein wirft den Schatten seines scharf geschnittenen Profils an die kalkweiße Wand. — Seine langen, mageren Finger hantieren an funkelnden Gläsern mit häßlichen, dünnen Hälsen. — Abenteuerliche Werkzeuge und Kolben stehen umher. — Ein spanischer Alchimist! —
Vergessen die Observanz, — — — die ermatteten armen Mönche schlafen tief und fest. — — — —
Das tut nicht gut! — Mit weißen Pulvern und den gelben, beißenden Wässern Lucifers findest du nicht, was die schweigsame Natur in verschlossene Bücher schrieb mit heimlichem Finger. — — —
Die Herzöge werden ihn wohl nie mehr trinken, den herrlichen, duftenden Guindre! — — —
Wieder stehen die Fässer in Reih und Glied mit gärendem Moste gefüllt. In jedem Gebinde ein anderer zerschnittener Stiefel, — der von dem dicken Bruder Theodosio, — dort einer selbst vom alten Manuel. —
Vom toten Abt noch einer dort im Fasse links in der Ecke. — — — — — — — — —
Und wieder kommt das andere Jahr, man kostet und prüft: gut ist der Wein, aber Guindre ist es nicht; — +ein+ Faß nur birgt solchen.
Das in der Ecke mit dem Schuh des alten Abtes.
Das schicket dem König! — — — — —
Pedro Ribas Sobri ist ein willensstarker Mann, der nicht aufhört zu suchen, zu prüfen, zu vergleichen. — Er sagt, jetzt endlich kenne er das Geheimnis. — Die Mönche schweigen und zweifeln. — Sie fragen nicht und tun blind, was ihr Abt befiehlt, — sie kennen seine eiserne Strenge.
Manuel schüttelt den Kopf.
Die Knechte sind wieder in Diensten des Klosters, graben und wenden die schwarzen Schollen und schneiden den Weinstock, daß die Fratres keinen Finger rühren sollen, wieder feist und rund werden, wie ehedem. —
So will es der Abt.
— — — Wenn die glühenden Strahlen der Sonne unbarmherzig den Klosterhof von Alkazaba sengen, daß der Maulbeerbaum lechzend die Zweige hängt, stehen die braunen Mädchen in den farbigen Mantillas an der Hecke und recken den Hals und kichern.
— — — +In langer Reihe müssen die armen Mönche auf hölzernen Bänken liegen — schwitzend — mit schweren wollenen Kutten in der quälenden Glut, — die dicken Füße in hohe Stiefel gesteckt und mit breitem Band aus Gummistoff umflochten.+ — —
Denn Pedro Ribas Sobri hat sich gelobt, den Guindre wiederzufinden; er ist ein willensstarker Mann, der nicht aufhört zu suchen, zu prüfen, zu vergleichen. —
Ich aber sage, es ist alles umsonst, wenn der Wein auch besser wird: dem alten Abt tut es doch keiner mehr gleich. —
Der Schrecken
Die Schlüssel klirren, und ein Trupp Sträflinge betritt den Gefängnishof. — Es ist zwölf Uhr, und sie müssen im Kreise herumgehen, um Luft zu schöpfen, paarweise — einer hinter dem andern. —
Der Hof ist gepflastert. Nur in der Mitte ein paar Flecken dunkles Gras wie Grabhügel. — Vier dünne Bäume und eine Hecke aus traurigem Liguster.
Ringsum alte gelbe Mauern mit kleinen, vergitterten Kerkerfenstern.
Die Sträflinge in ihren grauen Zuchthauskleidern, sie reden kaum und gehen immer im Kreise herum — einer hinter dem andern. — Fast alle sind krank: Skorbut, geschwollene Gelenke. — Die Gesichter grau wie Fensterkitt, die Augen erloschen. Mit freudlosem Herzen halten sie gleichen Schritt.
Der Aufseher mit Säbel und Mütze steht an der Hoftür und starrt vor sich hin. —
Längs der Mauern ist nackte Erde. — Dort wächst nichts: das Leid sickert durch die gelben Wände.
„+Lukawsky+ war eben beim Präsidenten!“ ruft ein Gefangener den Sträflingen durch sein Kerkerfenster halblaut zu. — Der Trupp marschiert weiter. — „Was ist’s mit ihm?“ fragt ein Neuling seinen Nebenmann.
„Lukawsky, der Mörder, ist zum Tode verurteilt durch den Strang, und heute, glaub’ ich, soll sich’s entscheiden, ob das Urteil bestätigt wird oder nicht. Der Präsident hat ihm die Bestätigung des Urteils auf dem Amtszimmer verlesen. — Der Lukawsky hat kein Wort gesagt, nur getaumelt hat er. — Aber draußen hat er mit den Zähnen geknirscht und einen Wutanfall bekommen. — Die Aufseher haben ihm die Zwangsjacke angelegt und ihn mit Gurten auf die Bank geschnallt, daß er kein Glied rühren kann bis morgen früh. — Und ein Kruzifix haben sie ihm hingestellt.“ — Bruchstückweise hatte der Gefangene den Vorbeimarschierenden dies zugerufen. —
„Auf Zelle Nr. 25 liegt er, der Lukawsky“, sagt einer der ältesten Sträflinge. — Alle blicken zum Gitterfenster Nr. 25 hinauf. —
Der Aufseher lehnt gedankenlos am Tor und stößt mit dem Fuß ein Stück altes Brot beiseite, das im Wege liegt. —
In den schmalen Gängen des alten Landgerichts liegen die Kerkertüren dicht nebeneinander. — Niedrige Eichentüren, in das Mauerwerk eingelassen, mit Eisenbändern und mächtigen Riegeln und Schlössern. — Jede Tür hat einen vergitterten Ausschnitt, kaum eine Spanne im Geviert. Durch diese ist die Neuigkeit gedrungen und läuft längs der Fenstergitter von Mund zu Mund: „Morgen wird er gehenkt!“ —
Es ist still auf den Gängen und im ganzen Hause, und doch herrscht ein feines Geräusch. Leise, unhörbar. Nur zu fühlen. — Durch die Mauern dringt es und spielt in der Luft wie Mückenschwärme. — Das ist das Leben, das gebundene, gefangene Leben!
Mitten im Haupteingang, dort, wo er weiter wird, steht eine alte leere Truhe ganz im Dunkeln.
Lautlos, langsam hebt sich der Deckel. — Da fährt es wie Todesfurcht durchs ganze Haus. — Den Gefangenen bleibt das Wort im Munde stecken. — Auf den Gängen kein Laut mehr, — daß man das Schlagen des Herzens hört und das Klingen im Ohr. —
Die Bäume und Sträucher auf dem Hofe rühren kein Blatt und greifen mit herbstlichen Ästen in die trübe Luft. — Es ist, wie wenn sie noch dunkler geworden wären. —
Der Trupp Sträflinge ist stehen geblieben wie auf einen Wink: Hat nicht jemand geschrien? —
Aus der alten Truhe kriecht langsam ein scheußlicher Wurm. — Ein Blutegel von gigantischer Form. — Dunkelgelb mit schwarzen Flecken, saugt er sich die Zellen entlang am Boden hin. — Bald dick werdend, dann wieder dünn, bewegt er sich vorwärts und tastet und sucht. — Am Kopfe seitlich in jeder Höhle starren fünf aneinandergequetschte Augäpfel, — ohne Lider und unbeweglich. — Es ist der Schrecken. —
Er schleicht sich zu den Gerichteten und saugt ihnen das warme Blut aus — unterhalb der Kehle, dort wo die große Ader das Leben vom Herzen zum Kopfe trägt. — Und umschlingt mit seinen schlüpfrigen Ringen den warmen Menschenleib. — — —
Jetzt ist er zur Zelle des Mörders gekommen. —
Ein langes grauenhaftes Schreien, ohne Unterbrechung, wie ein einziger nicht endender Ton, dringt auf den Hof. —
Der Aufseher am Türpfosten fährt zusammen und reißt den Torflügel auf. — „Alle, marsch hinauf, auf die Zellen!“ schreit er, und die Gefangenen laufen an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen, die steinernen Treppen hinauf. — Trapp, trapp, trapp — mit plumpen, genagelten Schuhen.
Dann ist es wieder still geworden. — Der Wind fährt in den öden Hofraum hinunter und reißt eine alte Dachluke ab, die klirrend und splitternd auf die schmutzige Erde fällt. — — —
Der Verurteilte kann nur den Kopf bewegen. — Er sieht die weiß getünchten Kerkerwände vor sich. — Undurchdringlich. — Morgen früh um sieben Uhr werden sie ihn holen. — Noch achtzehn Stunden bis dahin. — Und sieben Stunden, dann kommt die Nacht. — — — Bald wird Winter sein, und das Frühjahr kommt und der heiße Sommer. — Dann wird er aufstehen — früh — schon in der Dämmerung —, und auf die Straße gehen, den alten Milchkarren ansehen und den Hund davor ... Die Freiheit —! Er kann ja tun, was er will. —
Da schnürt es ihm wieder die Kehle: — wenn er sich nur bewegen könnte, — verflucht, verflucht, verflucht — und mit den Fäusten an die Mauern schlagen. — Hinaus! — — — Alles zerbrechen und in die Riemen beißen. — Er will jetzt nicht sterben — will nicht — will nicht! — +Damals+ hätten sie ihn hängen dürfen, als er ihn ermordet hat, — den alten Mann, — der schon mit einem Fuß im Grabe stand. — — — Jetzt hätte er es doch nicht mehr getan! — — — Der Verteidiger hat das nicht erwähnt. — Warum hat er es den Geschworenen nicht selbst zugerufen?! — Sie hätten dann anders geurteilt. — Er muß es jetzt noch dem Präsidenten sagen. — Der Aufseher soll ihn vorführen. — Jetzt gleich. — — — — Morgen früh ist’s zu spät, da hat der Präsident die Uniform an, und er kann nicht so dicht an ihn heran. — Und der Präsident würde ihn nicht anhören. — Dann ist’s zu spät, man kann die vielen Polizeileute nicht mehr wegschicken. — Das tut der Präsident nicht. — — —
Der Henker legt ihm die Schlinge über den Kopf, — er hat braune Augen und sieht ihm immer scharf auf den Mund. — Sie reißen an, alles dreht sich — halt, halt — er will noch etwas sagen, etwas Wichtiges. — — —
Ob der Aufseher kommen und ihn heute noch losbinden wird von der Bank? — Er kann doch nicht so liegen bleiben die ganzen achtzehn Stunden. — Natürlich nicht, der Beichtvater muß doch noch kommen, so hat er es immer gelesen. Das ist Gesetz. — Er glaubt an nichts, aber nach ihm verlangen wird er, es ist sein Recht. — Und den Schädel wird er ihm einschlagen, dem frechen Pfaffen, mit dem steinernen Krug dort. — — — — Die Zunge ist ihm wie gedörrt. — Trinken will er — er ist durstig. — Himmel, Herrgott! — Warum geben sie ihm nichts zu trinken! — Er wird sich beschweren. — Er wird vortreten und sich beschweren, wenn die Inspektion nächste Woche kommt. — Er wird es ihm schon eintränken, — dem Aufseher, — dem verfluchten Hund! — Er wird so lange schreien, bis sie kommen und ihn losbinden, immer lauter und lauter, daß die Wände einstürzen. — Und dann liegt er unter freiem Himmel, ganz hoch oben, daß sie ihn nicht finden können, wenn sie um ihn herumgehen und ihn suchen. — — — — — — — — Er muß irgendwo herabgefallen sein, deucht ihm, — es hat ihm einen solchen Ruck gegeben durch den Körper. —
Sollte er geschlafen haben? — Es ist dämmerig. —
Er will sich an den Kopf greifen: seine Hände sind festgebunden. — — Vom alten Turme dröhnt die Zeit — eins, zwei — wie spät mag’s sein? — Sechs Uhr. Herrgott im Himmel, nur noch dreizehn Stunden, und sie reißen ihm den Atem aus der Brust. — Hingerichtet soll er werden, erbarmungslos — gehenkt. — Die Zähne klappern ihm vor Kälte. — Etwas saugt ihm am Herzen, er kann es nicht sehen. — Dann steigt es ihm schwarz ins Gehirn. — Er schreit und hört sich nicht schreien, — alles schreit in ihm, die Arme, die Brust, die Beine, — der ganze Körper, — ohne Aufhören, ohne Atemholen. — — —
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An das offene Fenster des Amtszimmers, das einzige, das nicht vergittert ist, tritt ein alter Mann mit weißem Bart und einem harten, finstern Gesicht und sieht in den Hofraum hinab. Das Schreien stört ihn, er runzelt die Stirn, — murmelt etwas und schlägt das Fenster zu. — —
Am Himmel jagen die Wolken und bilden hakenförmige Streifen. — — Zerfetzte Hieroglyphen, wie eine alte, verloschene Schrift: „+Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!+“
Der Fluch der Kröte — Fluch der Kröte
Breit, mäßig bewegt und gewichtig.
„Meistersinger“.
Auf der Straße zur blauen Pagode scheint heiß die indische Sonne herab — heiß die indische Sonne herab.
Die Menschen singen im Tempel und streuen dem Buddha weiße Blüten, und die Priester beten feierlich: ~Om mani padme hum; Om mani padme hum.~
Die Straße menschenleer und verlassen: heute ist Feiertag.
Die langen Kushagräser hatten Spalier gebildet in den Wiesen an der Straße zur blauen Pagode — an der Straße zur blauen Pagode. Die Blumen alle warteten auf den Tausendfüßler, der da drüben wohnte in der Rinde des verehrungswürdigen Feigenbaumes.
Der Feigenbaum war das vornehmste Viertel.
„Ich bin der Verehrungswürdige,“ hatte er von sich selbst gesagt, „und aus meinen Blättern kann man Schwimmhosen machen — kann man Schwimmhosen machen.“
Die große Kröte aber, die immer auf dem Steine saß, verachtete ihn, weil er angewachsen war, und hielt auch nichts von Schwimmhosen. — Und den Tausendfüßler haßte sie. Fressen konnte sie ihn nicht, denn er war sehr hart und hatte einen giftigen Saft, — giftigen Saft.
Darum haßte sie ihn — haßte sie ihn.
Sie wollte ihn verderben und unglücklich machen und hatte sich mit den Geistern der toten Kröten die ganze Nacht beraten.
Seit Sonnenaufgang saß sie auf dem Stein und wartete und bebte zuweilen mit dem Hinterfuß — bebte zuweilen mit dem Hinterfuß.
Dann und wann spuckte sie auf das Kushagras.
Alles schwieg: Blüten, Käfer, Blumen und Gräser. — Und der weite, weite Himmel. Denn es war Feiertag.
Nur die Unken im Tümpel — die unheiligen — sangen gottlose Lieder:
„I pfeif’ auf die Lotosblum’, I pfeif’ auf mein Leb’n, — I pfeif’ auf mein Leb’n, — I pfeif’ auf mein Leb’n ...“