Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 8
Und Mama Bovis hatte noch zu ihm gesagt — neulich —: „Junge, den alten Schnucke, den halte dir warm, der hat ein Viechsgeld; — das wäre so ein Schwiegervater für dich bei deinem Riesenappetit.“ — Und immer lebendiger zogen die Ereignisse der letzten Tage vor Alois’ innerem Auge vorüber: Wie er auf einem Spaziergange Herrn Schnucke über sein blühendes Aussehen und seinen Reichtum Elogen gemacht hatte: „Herr von Schnucke haben, wie ich vernahm, in Syrien einen so schwunghaften Exporthandel in Trommelschlägeln unterhalten, und das soll, höre ich, den Grundstock zu Ihrem Reichtum gelegt haben!?“ — — „Auch hab’ ich gehandelt dermit —“, hatte Herr Ceterum etwas zögernd geantwortet, ihn aber dabei recht argwöhnisch von der Seite angesehen.
„Sollte ich da am Ende etwas Dummes gesagt haben?“ — hatte sich Alois damals gedacht — „aber man spricht doch allgemein — — — — — — —“ — — Ein Geräusch schreckte ihn jetzt aus seinen Träumereien. — Also alles, alles sollte jetzt zu Ende sein! Alois legte sein Haupt auf die Tatzen und weinte lange und bitterlich.
Tag und Nacht vergingen, — da hatte er sich durchgerungen.
Übernächtig, tiefe Schatten um die Augen, ging er zur Herde, trat mitten unter sie, richtete sich majestätisch auf und rief:
„Uh——hah!“
Ein ungeheures Gelächter brach los.
„Pardon, ich meine damit,“ stotterte Alois verlegen — „ich meine damit nur — — ich bin nämlich ein Löwe.“ Ein Augenblick der Überraschung, allgemeine Stille, und wiederum erhoben sich großer Lärm, höhnische Worte, Warnungsrufe, lautes Lachen.
Erst als Dr. Simulans, der Herr Pastor, hinzutrat und Alois in strengem Tone befahl, ihm zu folgen, legte sich der Tumult.
Es mußte ein langes, ernstes Gespräch gewesen sein, das die beiden miteinander führten, und als sie zusammen aus dem Bambusdickicht traten, da leuchteten des Predigers Augen in frommem Eifer. „Sei dössen eingedenk, mein Sohn,“ waren seine letzten Worte, — „mannigfaltig sind die Fallstricke des bösen Feindes! Tag und Nacht versuchet ör uns, auf daß wir gögen den Stachel löcken, dörweilen wir im Fleische wandeln allhier.
Siehe, das ist ös ja eben, wir allesamt sollen trachten, das Löwentum in uns niederzuwerfen und in Demut zu verharren, daß wir einen +nojen+ Bund schließen und unsere Bitten erhöret werden — hier zeitlich und dort öwiglich.
Und was du gesehen und gehört gestern morgens dort am Weiher, das vergiß; — ös war nicht Wirklichkeit, — war teuflisch Gaukelspiel dös bösen Feindes! Anathema!
Eines noch, mein Sohn! Heiraten ist gut, und ös wird dir die finstern Dünste des Fleisches vertreiben, die den Teufeln ein Wohlgefallen sind, so freie denn die Jungfrau Scholastika Cöterum und sei zahlreich wie der Sand am Meere.“
Er hob seine Augen zum Himmel, — „das wird dir helfen des Fleisches Bürde tragen und — (hier wurde seine Rede zum Gesang):
lär—nee zu lei—deen oh—näh zu klaa—geen!“
Und dann schritt er von hinnen.
— — — — — — — — —
Alois’ Augen standen voll Tränen.
Drei Tage lang sprach er kein Wort, reinigte nur rastlos sein Inneres von allen Schlacken, und als ihm eines Nachts im Traum eine Löwin erschien, die angab, der Geist seiner Mutter zu sein und verächtlich dreimal vor ihm ausspuckte, da trat er erhobenen Hauptes vor den Herrn Pastor — jauchzend, daß nunmehr die Blendwerke der Hölle von ihm abgelassen hätten und er von nun an das Denken wolle ganz und gar sein lassen, um sich um so blinder der Leitung des Herrn Pastors hinzugeben.
Der Herr Pastor aber hielt in beredten Worten Fürsprache für ihn um die Hand der Jungfrau Scholastika bei ihren Eltern.
Zwar wollte Herr Ceterum anfangs nichts hören, war sehr wild und rief immer: „Er is nix, er hat nix“, aber schließlich fand seine Ehegattin den Schlüssel zu seinem Herzen: „Schnucke“, sagte sie, „Schnucke, was willst de eigentlich, was hast de gegen Alois? Schau — — — er is doch +blond+.“ —
Und tags darauf war Hochzeit.
Bäh!
Der violette Tod
Der Tibetaner schwieg.
Die magere Gestalt stand noch eine Zeitlang aufrecht und unbeweglich, dann verschwand sie im Dschungel. —
Sir Roger Thornton starrte ins Feuer: Wenn er kein Sannyasin — kein Büßer — gewesen wäre, der Tibetaner, der überdies nach Benares wallfahrtete, so hätte er ihm natürlich kein Wort geglaubt — aber ein Sannyasin lügt weder, noch kann er belogen werden. —
Und dann dieses tückische, grausame Zucken im Gesichte des Asiaten!?
Oder hatte ihn der Feuerschein getäuscht, der sich so seltsam in den Mongolenaugen gespiegelt? —
Die Tibetaner hassen den Europäer und hüten eifersüchtig ihre magischen Geheimnisse, mit denen sie die hochmütigen Fremden einst zu vernichten hoffen, wenn der große Tag heranbricht. —
Einerlei, er, Sir Hannibal Roger Thornton, muß mit eigenen Augen sehen, ob okkulte Kräfte tatsächlich in den Händen dieses merkwürdigen Volks ruhen. — Aber er braucht Gefährten, mutige Männer, deren Wille nicht bricht, auch wenn die Schrecken einer anderen Welt hinter ihnen stehen. —
Der Engländer musterte seine Gefährten: — Dort der Afghane wäre der einzige, der in Betracht käme von den Asiaten, — furchtlos wie ein Raubtier, doch abergläubisch! —
Es bleibt also nur sein europäischer Diener. —
Sir Roger berührt ihn mit seinem Stock. — Pompejus Jaburek ist seit seinem zehnten Jahre völlig taub, aber er versteht es, jedes Wort, und sei es noch so fremdartig, von den Lippen zu lesen.
Sir Roger Thornton erzählt ihm mit deutlichen Gesten, was er von dem Tibetaner erfahren: Etwa zwanzig Tagereisen von hier, in einem genau bezeichneten Seitentale des Himavat, befinde sich ein ganz seltsames Stück Erde. — Auf drei Seiten senkrechte Felswände; — der einzige Zugang abgesperrt durch giftige Gase, die ununterbrochen aus der Erde dringen und jedes Lebewesen, das passieren will, augenblicklich töten. — In der Schlucht selbst, die etwa fünfzig englische Quadratmeilen umfaßt, solle ein kleiner Volksstamm leben — mitten unter üppigster Vegetation —, der der tibetanischen Rasse angehöre, rote spitze Mützen trage und ein bösartiges, satanisches Wesen in Gestalt eines Pfaues anbete. — Dieses teuflische Wesen habe die Bewohner im Laufe der Jahrhunderte die schwarze Magie gelehrt und ihnen Geheimnisse geoffenbart, die einst den ganzen Erdball umgestalten sollen; so habe es ihnen auch eine Art Melodie beigebracht, die den stärksten Mann augenblicklich vernichten könne. —
Pompejus lächelte spöttisch.
Sir Roger erklärt ihm, daß er gedenke, mit Hilfe von Taucherhelmen und Tauchertornistern, die komprimierte Luft enthalten sollen, die giftigen Stellen zu passieren, um ins Innere der geheimnisvollen Schlucht zu dringen. —
Pompejus Jaburek nickte zustimmend und rieb sich vergnügt die schmutzigen Hände.
— — — — — — — — —
Der Tibetaner hatte nicht gelogen: Dort unten lag im herrlichsten Grün die seltsame Schlucht; ein gelbbrauner, wüstenähnlicher Gürtel aus lockerem, verwittertem Erdreich — von der Breite einer halben Wegstunde — schloß das ganze Gebiet gegen die Außenwelt ab.
Das Gas, das aus dem Boden drang, war reine Kohlensäure.
Sir Roger Thornton, der von einem Hügel aus die Breite dieses Gürtels abgeschätzt hatte, entschloß sich, bereits am kommenden Morgen die Expedition anzutreten. — Die Taucherhelme, die er sich aus Bombay hatte schicken lassen, funktionierten tadellos. —
Pompejus trug beide Repetiergewehre und diverse Instrumente, die sein Herr für unentbehrlich hielt. —
Der Afghane hatte sich hartnäckig geweigert mitzugehen und erklärt, daß er stets bereit sei, in eine Tigerhöhle zu klettern, sich es aber sehr überlegen werde, etwas zu wagen, was seiner unsterblichen Seele Schaden bringen könne. — So waren die beiden Europäer die einzigen Wagemutigen geblieben. —
— — — — — — — — —
Die kupfernen Taucherhelme funkelten in der Sonne und warfen wunderliche Schatten auf den schwammartigen Erdboden, aus dem die giftigen Gase in zahllosen, winzigen Bläschen aufstiegen. — Sir Roger hatte einen sehr schnellen Schritt eingeschlagen, damit die komprimierte Luft ausreiche, um die gasige Zone zu passieren. — Er sah alles vor sich in schwankenden Formen wie durch eine dünne Wasserschicht. — Das Sonnenlicht schien ihm gespenstisch grün und färbte die fernen Gletscher — das „Dach der Welt“ mit seinen gigantischen Profilen — wie eine wundersame Totenlandschaft. —
Er befand sich mit Pompejus bereits auf frischem Rasen und zündete ein Streichholz an, um sich vom Vorhandensein atmosphärischer Luft in allen Schichten zu überzeugen. — Dann nahmen beide die Taucherhelme und Tornister ab. —
Hinter ihnen lag die Gasmauer wie eine bebende Wassermasse. — In der Luft ein betäubender Duft wie von Amberiablüten. Schillernde handgroße Falter, seltsam gezeichnet, saßen mit offenen Flügeln wie aufgeschlagene Zauberbücher auf stillen Blumen.
Die beiden schritten in beträchtlichem Zwischenraume voneinander der Waldinsel zu, die ihnen den freien Ausblick hinderte. —
Sir Roger gab seinem tauben Diener ein Zeichen, — er schien ein Geräusch vernommen zu haben. — Pompejus zog den Hahn seines Gewehres auf. —
Sie umschritten die Waldspitze, und vor ihnen lag eine Wiese. — Kaum eine viertel englische Meile vor ihnen hatten etwa 100 Mann, offenbar Tibetaner, mit roten spitzen Mützen einen Halbkreis gebildet: — man erwartete die Eindringlinge bereits. — Furchtlos ging Sir Thornton — einige Schritte seitlich vor ihm Pompejus — auf die Menge zu. —
Die Tibetaner waren in die gebräuchlichen Schaffelle gekleidet, sahen aber trotzdem kaum wie menschliche Wesen aus, so abschreckend häßlich und unförmlich waren ihre Gesichter, in denen ein Ausdruck furchterregender und übermenschlicher Bosheit lag. — Sie ließen die beiden nahe herankommen, dann hoben sie blitzschnell, wie ein Mann, auf das Kommando ihres Führers die Hände empor und drückten sie gewaltsam gegen ihre Ohren. — Gleichzeitig schrien sie etwas aus vollen Lungen. —
Pompejus Jaburek sah fragend nach seinem Herrn und brachte die Flinte in Anschlag, denn die seltsame Bewegung der Menge schien ihm das Zeichen zu irgendeinem Angriff zu sein. — Was er nun wahrnahm, trieb ihm alles Blut zum Herzen:
Um seinen Herrn hatte sich eine zitternde, wirbelnde Gasschicht gebildet, ähnlich der, die beide vor kurzem durchschritten hatten. — Die Gestalt Sir Rogers verlor die Konturen, als ob sie von dem Wirbel abgeschliffen würden — der Kopf wurde spitzig —, die ganze Masse sank wie zerschmelzend in sich zusammen, und an der Stelle, wo sich noch vor einem Augenblick der sehnige Engländer befunden hatte, stand jetzt ein hellvioletter Kegel von der Größe und Gestalt eines Zuckerhutes. —
Der taube Pompejus wurde von wilder Wut geschüttelt. — Die Tibetaner schrien noch immer, und er sah ihnen gespannt auf die Lippen, um zu lesen, was sie denn eigentlich sagen wollten. —
Es war immer ein und dasselbe Wort. — Plötzlich sprang der Führer vor, und alle schwiegen und senkten die Arme von den Ohren. — Gleich Panthern stürzten sie auf Pompejus zu. — Dieser feuerte wie rasend aus seinem Repetiergewehr in die Menge hinein, die einen Augenblick stutzte. —
Instinktiv rief er ihnen das Wort zu, das er vorher von ihren Lippen gelesen hatte:
„+Ämälän — Äm — mä — län+“, brüllte er, daß die Schlucht erdröhnte wie unter Naturgewalten.
Ein Schwindel ergriff ihn, er sah alles wie durch starke Brillen, und der Boden drehte sich unter ihm. — Es war nur ein Moment gewesen, jetzt sah er wieder klar. —
Die Tibetaner waren verschwunden — wie vorhin sein Herr —; nur zahllose violette Zuckerhüte standen vor ihm. —
Der Anführer lebte noch. Die Beine waren bereits in bläulichen Brei verwandelt, und auch der Oberkörper fing schon an zu schrumpfen, — es war, als ob der ganze Mensch von einem völlig durchsichtigen Wesen verdaut würde. — Er trug keine rote Mütze, sondern ein mitraähnliches Gebäude, in dem sich gelbe, lebende Augen bewegten. —
Jaburek schmetterte ihm den Flintenkolben an den Schädel, hatte aber nicht verhindern können, daß ihn der Sterbende mit einer im letzten Moment geschleuderten Sichel am Fuße verletzte.
Dann sah er um sich. — Kein lebendes Wesen weit und breit. —
Der Duft der Amberiablüten hatte sich verstärkt und war fast stechend geworden. — Er schien von den violetten Kegeln auszugehen, die Pompejus jetzt besichtigte. — Sie waren einander gleich und bestanden alle aus demselben hellvioletten gallertartigen Schleim. Die Überreste Sir Roger Thorntons aus diesen violetten Pyramiden herauszufinden, war unmöglich.
Pompejus trat zähneknirschend dem toten Tibetanerführer ins Gesicht und lief dann den Weg zurück, den er gekommen war. — Schon von weitem sah er im Gras die kupfernen Helme in der Sonne blitzen. — Er pumpte seinen Tauchertornister voll Luft und betrat die Gaszone. — Der Weg wollte kein Ende nehmen. Dem Armen liefen die Tränen über das Gesicht. — Ach Gott, ach Gott, sein Herr war tot. — Gestorben, hier, im fernen Indien! — Die Eisriesen des Himalaya gähnten gen Himmel, — was kümmerte sie das Leid eines winzigen pochenden Menschenherzens. — — — — — — — — — — —
Pompejus Jaburek hatte alles, was geschehen war, getreulich zu Papier gebracht, Wort für Wort, so wie er es erlebt und gesehen hatte — denn verstehen konnte er es noch immer nicht —, und es an den Sekretär seines Herrn nach Bombay, Adheritollahstraße 17, adressiert. — Der Afghane hatte die Besorgung übernommen. — Dann war Pompejus gestorben, denn die Sichel des Tibetaners war vergiftet gewesen. —
„Allah ist das Eins und Mohammed ist sein Prophet“, betete der Afghane und berührte mit der Stirne den Boden. — Die Hindujäger hatten die Leiche mit Blumen bestreut und unter frommen Gesängen auf einem Holzstoße verbrannt. — — — — — — —
Ali Murrad Bey, der Sekretär, war bleich geworden, als er die Schreckensbotschaft vernahm, und hatte das Schriftstück sofort in die Redaktion der „Indian Gazette“ geschickt. —
Die neue Sintflut brach herein. —
Die „Indian Gazette“, die die Veröffentlichung des „Falles Sir Roger Thornton“ brachte, erschien am nächsten Tage um volle drei Stunden später als sonst. — Ein seltsamer und schreckenerregender Zwischenfall trug die Schuld an der Verzögerung:
Mr. Birendranath Naorodjee, der Redakteur des Blattes, und zwei Unterbeamte, die mit ihm die Zeitung vor der Herausgabe noch mitternachts durchzuprüfen pflegten, waren aus dem verschlossenen Arbeitszimmer spurlos verschwunden. — Drei bläuliche gallertartige Zylinder standen statt dessen auf dem Boden, und mitten zwischen ihnen lag das frischgedruckte Zeitungsblatt. — Die Polizei hatte kaum mit bekannter Wichtigtuerei die ersten Protokolle angefertigt, als zahllose ähnliche Fälle gemeldet wurden.
Zu Dutzenden verschwanden die zeitunglesenden und gestikulierenden Menschen vor den Augen der entsetzten Menge, die aufgeregt die Straßen durchzog. — Zahllose violette kleine Pyramiden standen umher, auf den Treppen, auf den Märkten und Gassen — wohin das Auge blickte. —
Ehe der Abend kam, war Bombay halb entvölkert. Eine amtliche sanitäre Maßregel hatte die sofortige Sperrung des Hafens, wie überhaupt jeglichen Verkehrs nach außen verfügt, um eine Verbreitung der neuartigen Epidemie, denn wohl nur um eine solche konnte es sich hier handeln, möglichst einzudämmen. — Telegraph und Kabel spielten Tag und Nacht und schickten den schrecklichen Bericht sowie den ganzen Fall „Sir Thornton“ Silbe für Silbe über den Ozean in die weite Welt. —
Schon am nächsten Tag wurde die Quarantäne, als bereits verspätet, wieder aufgehoben.
Aus allen Ländern verkündeten Schreckensbotschaften, daß der „violette Tod“ überall fast gleichzeitig ausgebrochen sei und die Erde zu entvölkern drohe. Alles hatte den Kopf verloren, und die zivilisierte Welt glich einem riesigen Ameisenhaufen, in den ein Bauernjunge seine Tabakspfeife gesteckt hat. —
In Deutschland brach die Epidemie zuerst in Hamburg aus; Österreich, in dem ja nur Lokalnachrichten gelesen werden, blieb wochenlang verschont.
Der erste Fall in Hamburg war ganz besonders erschütternd. Pastor Stühlken, ein Mann, den das ehrwürdige Alter fast taub gemacht hatte, saß früh am Morgen am Kaffeetisch im Kreise seiner Lieben: Theobald, sein Ältester, mit der langen Studentenpfeife, Jette, die treue Gattin, Minchen, Tinchen, kurz alle, alle. Der greise Vater hatte eben die angelangte englische Zeitung aufgeschlagen und las den Seinen den Bericht über den „Fall Sir Roger Thornton“ vor. Er war kaum über das Wort Ämälän hinausgekommen und wollte sich eben mit einem Schluck Kaffee stärken, als er mit Entsetzen wahrnahm, daß nur noch violette Schleimkegel um ihn herumsaßen. In dem einen stak noch die lange Studentenpfeife. —
Alle vierzehn Seelen hatte der Herr zu sich genommen. —
Der fromme Greis fiel bewußtlos um. —
Eine Woche später war bereits mehr als die Hälfte der Menschheit tot.
Einem deutschen Gelehrten war es vorbehalten, wenigstens etwas Licht in diese Vorkommnisse zu bringen. — Der Umstand, daß Taube und Taubstumme von der Epidemie verschont blieben, hatte ihn auf die ganz richtige Idee gebracht, daß es sich hier um ein rein akustisches Phänomen handle. —
Er hatte in seiner einsamen Studierstube einen langen wissenschaftlichen Vortrag zu Papier gebracht und dessen öffentliche Verlesung mit einigen Schlagworten angekündigt.
Seine Auseinandersetzung bestand ungefähr darin, daß er sich auf einige fast unbekannte indische Religionsschriften berief, — die das Hervorbringen von astralen und fluidischen Wirbelstürmen durch das Aussprechen gewisser geheimer Worte und Formeln behandelten — und diese Schilderungen durch die modernsten Erfahrungen auf dem Gebiete der Vibrations- und Strahlungstheorie stützte. —
Er hielt seinen Vortrag in Berlin und mußte, während er die langen Sätze von seinem Manuskripte ablas, sich eines Sprachrohres bedienen, so enorm war der Zulauf des Publikums. —
Die denkwürdige Rede schloß mit den lapidaren Worten: „Gehet zum Ohrenarzt, er soll euch taub machen, und hütet euch vor dem Aussprechen des Wortes ‚Ämälän‘.“ —
Eine Sekunde später waren wohl der Gelehrte und seine Zuhörer nur mehr leblose Schleimkegel, aber das Manuskript blieb zurück, wurde im Laufe der Zeit bekannt und befolgt und bewahrte so die Menschheit vor dem gänzlichen Aussterben.
Einige Dezennien später, man schreibt 1950, bewohnt eine neue, taubstumme Generation den Erdball. —
Gebräuche und Sitten anders, Rang und Besitz verschoben. — Ein Ohrenarzt regiert die Welt. — Notenschriften zu den alchimistischen Rezepten des Mittelalters geworfen, — Mozart, Beethoven, Wagner der Lächerlichkeit verfallen, wie weiland Albertus Magnus und Bombastus Paracelsus. —
In den Folterkammern der Museen fletscht hie und da ein verstaubtes Klavier die alten Zähne.
+Nachschrift des Autors+: Der verehrte Leser wird gewarnt, das Wort „Ämälän“ laut auszusprechen.
Die Königin unter den Bregen
Der Herr da drüben ist der Doktor Jorre.
Er besitzt ein technisches Bureau und verkehrt mit keinem Menschen.
Regelmäßig um ein Uhr ißt er im Restaurant des Staatsbahnhofes zu Mittag, und wenn er eintritt, bringt ihm der Kellner die „Politik“. —
Dr. Jorre setzt sich immer darauf, nicht etwa aus Verachtung, sondern um sie jeden Augenblick bei der Hand zu haben, — denn er liest bruchstückweise während des Essens.
Er ist überhaupt ein eigentümlicher Mensch, — ein Automat, der niemals in Eile ist, niemanden grüßt und nur das tut, was er will.
Gemütsbewegungen hat noch keiner an ihm wahrgenommen. —
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„Ich möchte mir eine Portemonnaiefabrik — egal wo, nur in Österreich muß es sein — errichten,“ sagte eines Tages ein Herr zu ihm, — „so und so viel will ich daran wenden, — können Sie mir das besorgen, — samt Maschinen, Arbeitern, Bezugs- und Absatzquellen und so weiter und so weiter, — — kurz: ganz komplett?“ —
Vier Wochen später schrieb Dr. Jorre dem Herrn, daß die Fabrikgebäude fix und fertig seien — an der ungarischen Grenze. Der Betrieb bei der Behörde angemeldet, — 25 Arbeiter und zwei Werkmeister vom Ersten des Monats ab angestellt, ebenso das kaufmännische Personal; Leder aus Budapest, — Alligatorenhäute aus Ohio unterwegs. — Bestellungen von Wiener Abnehmern zu günstigen Preisen in den Geschäftsbüchern bereits eingetragen. Bankverbindungen in den Hauptstädten angeknüpft.
Nach Abzug seines Honorars seien 5 fl. 63 Kr. von dem ihm übergebenen Gelde übrig, die sich in Briefmarken in der linken Schublade des Schreibtisches im Chefzimmer befänden.
Solche Geschäfte machte Dr. Jorre.
Zehn Jahre hatte er auf diese Art schon gearbeitet und wahrscheinlich viel Geld verdient. Jetzt stand er wieder mit einem englischen Syndikat in Unterhandlungen, und morgen früh um acht Uhr sollten sie zum Abschlusse kommen. Eine halbe Million würde Dr. Jorre dabei verdienen, meinten seine Konkurrenten. —
Es könne gar nicht mehr gelingen, ihn noch aus dem Felde zu schlagen, glaubten sie. —
Die Engländer glaubten es auch nicht.
Dr. Jorre erst recht nicht.
„Kommen Sie morgen pünktlich ins Hotel“, sagte der eine Engländer.
Dr. Jorre gab keine Antwort und ging nach Hause. Der Kellner, der die Bemerkung gehört, lachte bloß.
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In Jorres Schlafzimmer steht nur ein Bett, ein Stuhl und ein Waschtisch. —
Totenstille im ganzen Haus.
Lang ausgestreckt liegt der Mann und schläft.
„Morgen soll er am Ziele seines Strebens sein, mehr besitzen als er verbrauchen kann. Was wird er dann wohl beginnen? Welche Wünsche bewegen dieses Herz, das so freudlos schlägt?“
Das hat er wohl keinem Menschen je gesagt. — Er steht ganz allein in der Welt.
Ob die Natur zu ihm spricht, ob Musik, ob Kunst? — Niemand weiß es. — — — Es ist, als ob der Mann tot wäre, — kein Atemzug ist hörbar.
Das kahle Zimmer schläft mit ihm, — kein Knistern — nichts. — Solch alte Räume sind nicht mehr neugierig.
So verfließt die Nacht — langsam — Stunde um Stunde. — — — — — — — — — —
— War das nicht ein Schluchzen, — wie aus dem Schlaf? — Pah, — Dr. Jorre schluchzt nicht. — Auch nicht im Schlaf.
Und jetzt ein Rascheln. — Es ist etwas herabgefallen, — ein leichter Gegenstand. — Eine dürre Rose, die an der Wand neben dem Bette hing, liegt auf dem Boden. — Der Faden, der sie gehalten, ist zerrissen; — er war schon alt — und morsch geworden. Ein Lichtschein fällt auf die Zimmerdecke — eine Wagenlaterne von der Gasse war es wohl. — — — —
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Früh stand Dr. Jorre auf, wusch sich und ging ins Nebenzimmer. Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch und starrt vor sich hin.
Wie alt und verfallen er heute aussieht. —
Draußen fahren Lastwagen; man hört sie über das Pflaster holpern. Ein nüchterner, öder Morgen, — halbdunkel noch, als ob es nie mehr freudiger Tag werden wolle. —
Daß die Menschen den Mut haben, da weiter zu leben.
Was soll das alles, — dieses mürrische Arbeiten im trüben Nebel!
Jorre spielt mit einem Bleistift. — Die Dinge stehen in wohlgeordneten Abständen auf dem Schreibtische. — Er klopft zerstreut auf den Briefbeschwerer, der vor ihm liegt. Ein Basaltstück mit zwei gelbgrünen Olivinkristallen; — wie zwei Augen sehen ihn die Steine an. — Warum quält ihn das so? — Er schiebt den Block beiseite. —
Immer wieder muß er hinschauen. — — — Wer hat ihn nur so angeblickt, so gelbgrün? Und noch vor ganz kurzer Zeit? — — — —
Bregen — — — — — — Bregen — — —
Was für ein Wort ist das nur? — Bregen? — —
Er hält die Hand an die Stirn und sinnt. —
Ein Traumgesicht dämmert in seiner Seele. —
Heute nacht hatte er von dem Worte geträumt; — jawohl, — gerade vor wenigen Stunden:
Er war in den Herbst hineingeschritten, in eine fröstelnde Landschaft. — Weidenbäume mit hängenden Zweigen. Das Laub tot auf allen Sträuchern. — Dicht bedecken die abgefallenen Blätter die Erde, mit Wasserstaub bestanden, als ob sie die sonnigen Tage beweinten, wo sie noch in der Höhe — im Winde — gejauchzt und gezittert, — die silbergrünen Weidenkinder. —
Es ist ein eigenes, trostloses Rauschen, wenn der Fuß durch die dürren Blätter streift.