Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten

Part 7

Chapter 73,527 wordsPublic domain

Schritt für Schritt tappte die kleine Gesellschaft vorwärts — Saturnilus voran, hinter ihm Beatrix, dann Corvinus und die andern jungen Herren: Ritter Cadosh, Hieronymus, Fortunat, Pherekydes, Kama und Hilarion Termaximus.

Enge, gewundene Treppen empor nach links und nach rechts, der Kreuz und der Quer.

Durch offene Wohnungstüren und leere, fensterlose Zimmer tasteten sie sich, immer der Stimme folgend, die unsichtbar und anscheinend ziemlich weit entfernt vor ihnen herging und ihnen kurz die Richtung wies.

Endlich landeten sie in einem Raum, in dem sie wohl warten sollten, denn die Stimme war verstummt, und niemand antwortete mehr auf ihre Fragen.

Nichts regte sich.

— — — — — — — — —

„Es scheint ein uraltes Gebäude zu sein, mit vielen Ausgängen, wie ein Fuchsbau, — eines jener seltsamen Labyrinthe, wie sie noch aus dem 17. Jahrhundert her in diesem Stadtviertel stehen,“ sagte endlich halblaut Fortunat, „und das Fenster dort geht wohl auf einen Hof, daß so gar kein Schein hereinfällt!? — Kaum daß sich das Fensterkreuz etwas dunkler abhebt —“

„Ich denke, eine hohe Mauer dicht vor den Scheiben nimmt alles Licht“ — antwortete Saturnilus — „finster ist es hier, — nicht die Hand sieht man vor Augen.

Nur der Fußboden ist etwas heller. Nicht?“

Beatrix klammerte sich an den Arm ihres Verlobten. „Ich fürchte mich unsagbar in dieser grauenhaften Dunkelheit hier. — Warum bringt man kein Licht —“

„Sst, sst, ruhig alle,“ flüsterte Corvinus, „sst! Hört ihr denn nichts!? — Es nähert sich leise irgend etwas. Oder ist es schon im Zimmer?“

— — — „+Dort! Dort steht jemand+,“ fuhr plötzlich Pherekydes auf, „dahier, — kaum zehn Schritte vor mir, — ich sehe es jetzt ganz genau.

+Heda, Sie!+“ — rief er überlaut, und man hörte seine Stimme beben vor verhaltener Furcht und Erregung. — — —

— „+Ich bin der Bildhauer Pasqual Iranak-Essak+“, sagte jemand mit einer Stimme, die nicht heiser klang und doch seltsam aphonisch war.

„+Sie wollen sich den Kopf abgießen lassen! — Schätze ich!+“

„Nicht ich, hier unser Freund Kassekanari, Musiker und Komponist“, machte Pherekydes den Versuch, in der Dunkelheit Corvinus vorzustellen.

Ein paar Sekunden Stille.

„Ich kann Sie nicht sehen, Herr Iranak-Essak, wo stehen Sie?“ fragte Corvinus.

„Ist’s Ihnen nicht hell genug?“ antwortete spöttisch der Albino. „Machen Sie beherzt ein paar Schritte nach links — es ist hier eine offene Tapetentür, durch die Sie müssen —, sehen Sie, ich komme Ihnen schon entgegen.“

Es schien, als schwebte bei den letzten Worten die klanglose Stimme näher heran, und plötzlich glaubten die Freunde einen weißlichgrauen verschwommenen Dunst an der Wand schimmern zu sehen, — die undeutlichen Umrisse eines Menschen.

„Geh nicht, geh nicht, um Christi willen; wenn du mich lieb hast, gehst du nicht“, — flüsterte Beatrix und wollte Corvinus zurückhalten. Dieser wand sich leise los: „Aber Trixie, ich kann mich doch nicht so blamieren, er denkt gewiß schon, wir fürchten uns alle.“

Und entschlossen ging er auf die weißliche Masse zu, um mit ihr im nächsten Augenblick hinter der Tapetentür in der Finsternis — zu verschwinden.

— Beatrix jammerte angsterfüllt vor sich hin, und die Herren versuchten alles mögliche, ihr Mut einzuflößen.

„Seien Sie doch ganz unbesorgt, liebes Fräulein,“ tröstete Saturnilus, „es geschieht ihm nichts.

Und wenn Sie das Abgießen +sehen+ könnten, würde es Sie sehr interessieren und unterhalten. Zuerst, wissen Sie, kommt gefettetes Seidenpapier auf Haare, Wimpern und Augenbrauen. — Öl aufs Gesicht, damit nichts haften bleibt, — und dann drückt man, auf dem Rücken liegend, den Hinterkopf bis an die Ohrränder in eine Schüssel mit nassem Gips. Ist die Masse hart geworden, wird auf das noch freiliegende Gesicht — etwa eine Faust stark — wiederum nasser Gips gegossen, so daß das ganze Haupt wie in einen großen Klumpen eingehüllt erscheint. Nach dem Erhärten werden die Verbindungsstellen aufgemeißelt und so ergibt sich die Hohlform für die prächtigsten Abgüsse und Konterfeis.“

„Da muß man doch unfehlbar ersticken“, jammerte das junge Mädchen.

Saturnilus lachte: „Natürlich, — wenn man nicht zum Atmen Strohhalme in Mund und Nasenlöcher gesteckt bekäme, die aus dem Gips herausragen, — so müßte man ersticken.“

Und um Beatrix zu beruhigen, rief er laut ins Nebenzimmer:

„Meister Iranak-Essak, dauert’s lange und wird es weh tun?“

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann hörte man die klanglose Stimme von ferne antworten, — wie aus einem dritten, vierten Zimmer herüber oder wie durch dicke Tücher hindurch:

„+Mir+ tut’s gewiß nicht weh! Und Herr Corvinus wird sich wohl kaum beklagen, — — he, he. Und lange dauern?! Manchmal dauert’s bis zu zwei und drei Minuten.“

Etwas so unerklärlich Erregendes, ein so unbeschreiblich boshaftes Frohlocken lag in diesen Worten und der Betonung, mit der sie der Albino sprach, daß es wie ein erstarrendes Schrecken auf die Zuhörer fiel.

Pherekydes krampfte seines Nebenmannes Arm. „Seltsam, wie der redet! Hast du es gehört? — Ich halte es nicht mehr länger aus vor wahnsinnigem Angstgefühl. Woher kennt er denn plötzlich Kassekanaris Logennamen ‚Corvinus‘? Und gleich anfangs wußte er, weshalb wir gekommen sind?!! Nein, nein; — ich muß hinein. Ich muß wissen, was da drinnen vorgeht.“

In diesem Augenblick schrie Beatrix auf. „Da, — da oben, da oben, — was sind das für weiße, scheibenförmige Flecke dort, — an der Wand! —“

„Gipsrosetten, nur weiße Gipsrosetten,“ wollte sie Saturnilus beruhigen, „ich habe sie auch schon gesehen, es ist viel heller jetzt — und unsere Augen sind besser an die Dunkelheit gewöhnt — —“

Da schnitt ihm eine heftige Erschütterung, die durch das Haus lief wie der Fall eines schweren Gewichtes, — das Wort ab.

Die Wände zitterten, und die weißen Scheiben fielen herab mit klingendem Schall wie von glasiertem Ton, rollten einen Schritt weit und lagen still.

Gipsabgüsse verzerrter menschlicher Gesichter und Totenmasken.

Lagen still und grinsten mit leeren weißen Augen zur Decke empor.

Aus dem Atelier drang ein wilder Lärm herüber. Poltern, Fallen von Tischen und Stühlen.

Dröhnen — —.

Ein Krachen, wie von splitternden Türen, als schlüge ein Rasender um sich im Todeskampf und bahne sich verzweifelt einen Weg ins Freie.

Ein stampfendes Laufen, dann ein Anprall — — und im nächsten Augenblick brach ein heller, unförmlicher Steinklumpen durch die dünne Stoffwand — Corvinus’ umgipster Kopf! — Und leuchtete — mühsam sich bewegend — weiß und gespenstisch aus dem Zwielicht. Körper und Schultern aufgehalten von den kreuzweise stehenden Latten und Sparren.

Mit einem Ruck hatten Fortunat, Saturnilus und Pherekydes die Tapetentür eingedrückt, um Corvinus beizuspringen: doch kein Verfolger war zu sehen.

Corvinus, in der Wand eingekeilt bis zur Brust, wand sich in Konvulsionen.

Im Todeskrampf bohrten sich seine Nägel in die Hände seiner Freunde, die, fast von Sinnen vor Entsetzen, ihm beistehen wollten.

„Werkzeuge! Eisen!“ heulte Fortunat, „holt Eisenstangen, schlagt den Gips entzwei, — er erstickt! +Das Scheusal hat ihm die Halme zum Atmen herausgezogen — — — und den Mund vergipst!+“

Wie rasend stürzten viele umher, Rettung zu bringen, Sesselstücke, Latten, was sich in der blinden Eile fand, zerbrach an der Steinmasse.

Umsonst!

Eher wäre ein Granitblock zersplittert.

Andere stürmten durch die finsteren Räume und schrien und suchten vergebens nach dem Albino, zertrümmerten, was in den Weg kam; verfluchten seinen Namen; fielen in der Dunkelheit zu Boden und schlugen sich wund und blutig.

— — — — — — — — —

— — — — Corvinus’ Körper regte sich nicht mehr.

Wortlos und verzweifelt umstanden ihn die „Brüder“.

Beatrix’ herzzerreißendes Schreien gellte durch das Haus und weckte ein grausiges Echo, und ihre Finger riß sie blutig an dem Stein, der das Haupt ihres Geliebten umschloß.

— — — — — — — — —

Lang, lang war Mitternacht vorüber, da erst hatten sie den Weg ins Freie gefunden aus dem finsteren, unheimlichen Labyrinth und trugen gebrochen und stumm durch die Nacht die Leiche mit dem steinernen Kopf.

Kein Stahl, kein Meißel hatte vermocht, die grausame Hülle zu sprengen, und so hat man Corvinus begraben im Ornate des Ordens:

„+unsichtbar das Antlitz und verschlossen gleich dem Kern in der Nuß+.“

Chimäre

Reifes Sonnenlicht liegt auf den grauen Steinen, — der alte Platz verträumt den stillen Sonntagnachmittag. —

Aneinandergelehnt schlummern die müden Häuser mit den verfallenen Holztreppen und heimlichen Winkeln, — mit den treuen Mahagonimöbeln in den kleinen altmodischen Stuben.

Und warme Sommerluft atmet durch wachsame offene Fensterchen.

Ein Einsamer geht langsam über den Platz zur Kirche des heiligen Thomas, die fromm herabsieht auf das ruhige Bild. Er tritt ein. — Weihrauchduft.

Seufzend fällt die schwere Tür zurück an das Lederpolster.

Verschlungen ist der laute Schein der Welt — grünrosa fließen die Sonnenstrahlen durch schmale Kirchenfenster auf die heiligen Steinquadern. — Hier unten ruhen die Frommen aus vom wechselnden Sein.

Der Einsame atmet die tote Luft. — Gestorben sind die Klänge, andächtig liegt der Dom im Schatten der Töne. — Das Herz wird ruhig und trinkt den dunklen Weihrauchduft.

Der Fremde blickt auf die Schar der Kirchenbänke, die, weihevoll zum Altar hingebeugt, wie auf ein kommendes Wunder warten.

Er ist einer jener Lebendigen, die das Leid überwunden haben und mit andern Augen tief hineinsehen in eine andere Welt. Er fühlt den geheimnisvollen Atem der Dinge: das verborgene, lautlose Leben der Dämmerung.

Die verleugneten, heimlichen Gedanken, die hier geboren wurden, ziehen unstet — suchend — durch den Raum. Wesen ohne Blut, ohne Freude und Weh — wachsbleich, wie die kranken Gewächse der Dunkelheit.

Verschwiegen schwingen die roten Ampeln — feierlich — an langen geduldigen Stricken; — der Luftzug von den Flügeln der goldenen Erzengel bewegt sie. —

— Da. Ein leises Scharren unter den Bänken. — Es huscht zum Betstuhl und versteckt sich.

Jetzt kommt es um die Säule geschlichen:

Eine bläuliche Menschenhand!

Auf flinken Fingern läuft sie am Boden hin: eine gespenstische Spinne! — Horcht. — Klettert eine Eisenstange empor und verschwindet im Opferstock.

Die silbernen Münzen darin klirren leise.

Träumend ist ihr der Einsame mit den Augen gefolgt, und seine Blicke fallen auf einen alten Mann, der im Schatten eines alten Pfeilers steht. — Die beiden sehen sich ernst an.

„Es gibt viel gierige Hände hier“, flüstert der Alte.

Der Einsame nickt.

— — — — — — — — —

Aus dem nächtigen Hintergrunde ziehen trübe Gestalten heran. Langsam — sie bewegen sich kaum.

Betschnecken!

Menschenbüsten — Frauenköpfe mit schleiernden Umrissen auf kalten, schlüpfrigen Schneckenleibern — mit Kopftüchern und schwarzen, katholischen Augen — saugen sie sich lautlos über die kalten Fliesen.

„Sie leben von den leeren Gebeten“, sagt der Alte. „Jeder sieht sie, und doch kennt sie keiner, — wenn sie tagsüber bei den Kirchentüren hocken.“

Wenn der Priester die Messe liest, schlafen sie in den Flüsterecken.

„Hat sie mein Hiersein im Beten gestört?“ fragt der Einsame. —

Der Alte tritt an seine linke Seite: „Wessen Füße im lebendigen Wasser stehen, der ist selber das Gebet! Wußte ich doch, daß heute einer kommen würde, der +sehen+ und +hören+ kann!“ —

Gelbe Lichtreflexe hüpfen über die Steine, wie Irrlichter.

„Sehen Sie die Goldadern, die sich hier unter den Quadern hinziehen?“ Das Gesicht des Alten flackert.

Der Einsame schüttelt den Kopf: „Mein Blick dringt nicht so tief. — Oder meinen Sie es anders?“

Der Alte nimmt ihn an der Hand und führt ihn zum Altar. —

Das Bild des Gekreuzigten ragt stumm.

Schatten bewegen sich leise in den dunkeln Seitenlogen hinter gebauchten, kunstvollen Gittern: — Schemen alter Stiftfräulein aus vergessenen Zeiten, die nie mehr wiederkehren, — fremdartig — entsagungsvoll wie Weihrauchduft.

Es rauschen ihre schwarzen seidenen Kleider.

Der Greis deutet zu Boden: „Hier tritt es fast zutage. Einen Fuß tief unter den Fliesen, — lauteres Gold, ein breiter, leuchtender Streifen. Die Adern ziehen sich über den alten Platz bis weit unter die Häuser. — Wunderbar, daß die Menschen nicht längst schon darauf gestoßen sind, als sie das Pflaster gelegt haben. — Ich allein weiß es seit vielen Jahren und habe es niemandem gesagt. — Bis heute. — Keiner hatte ein reines Herz —“

Ein Geräusch! —

In dem gläsernen Reliquienschrein ist das silberne Herz herabgefallen, das in der Knochenhand des heiligen Thomas lag. Der Alte hörte es nicht. Er ist entrückt. Seine Augen schauen ekstatisch ins Weite mit starrem, geradem Blick: „Die jetzt kommen, sollen nicht mehr betteln gehen. Es soll ein Tempel sein aus schimmerndem Gold. — Der Fährmann holt über — zum letztenmal.“

Der Fremde lauscht den prophetischen Worten, die flüsternd in seine Seele dringen, wie feiner, erstickender Staub aus dem heiligen Moder versunkener Jahrtausende.

Hier unter seinen Füßen! Ein blinkendes Zepter gefesselter, schlafender Macht! Es steigt ihm brennend in die Augen: +Muß+ denn auf dem Golde der Fluch sein, läßt er sich nicht bannen durch Menschenliebe und Mitleid? — Wieviel Tausende verhungern! —

Vom Glockenturm tönt die siebente Stunde. Die Luft vibriert.

Die Gedanken des Einsamen fliegen mit dem Schall hinaus in eine Welt voll üppiger Kunst, voll Pracht und Herrlichkeit.

Ihn schaudert. Er sieht den Alten an. — Wie verändert sind die Räume. — Es hallt der Schritt. Die Ecken der Betstühle sind abgestoßen, abgeschürft der Fuß der steinernen Pfeiler. Die weißgestrichenen Statuen der Päpste bedeckt mit Staub.

„Haben Sie das ... das Metall mit körperlichen Augen gesehen — in den Händen gehalten?“

Der Alte nickt. „Im Klostergarten draußen, beim Muttergottesbild unter blühenden Lilien kann man es greifen.“ — — — Er zieht eine blaue Kapsel hervor: „Hier.“ Öffnet sie und gibt dem Einsamen ein zackiges Ding.

Die beiden Männer schweigen. — —

— — — — — — — — —

Zur Kirche dringt weit her der Lärm des Lebens: das Volk kehrt heim von den lustigen Wiesen — morgen ist Arbeitstag. —

Die Frauen tragen müde Kinder auf dem Arm.

Der Einsame hat den Gegenstand genommen und schüttelt dem Alten die Hand. — Dann wirft er einen Blick zurück zum Altar. Nochmals umwogt ihn der geheimnisvolle Hauch friedvoller Erkenntnis:

„Vom Herzen gehen die Dinge aus — sind herzgeboren und herzgefügt.“

Er schlägt das Kreuz und geht.

Am offenen Türspalt lehnt der müde Tag.

Frischer Abendwind weht herein. —

Über den Markt rasselt ein Leiterwagen, mit Laub bekränzt, voll lachender, fröhlicher Menschen, und in die Bogengänge der alten Häuser fallen die roten Strahlen der sinkenden Sonne.

Der Fremde lehnt an dem steinernen Denkmal inmitten des Platzes und sinnt: Er ruft im Geiste den Vorübergehenden zu, was er soeben erfahren. Er hört, wie das Lachen verstummt. — — — Die Bauten zerstauben, die Kirche stürzt. — — — Ausgerissen, im Staube, die weinenden Lilien des Klostergartens. —

Es wankt die Erde; die Dämonen des Hasses brüllen zum Himmel!

Ein Pochwerk hämmert und dröhnt und stampft den Platz, die Stadt und blutende Menschenherzen zu goldenem Staub. — —

Der Träumer schüttelt den Kopf und sinnt und lauscht der klingenden Stimme des verborgenen Meisters im Herzen:

„Wer eine schlimme Tat nicht scheut und die nicht liebt, die Glück verleiht — Der ist entsagend, einsichtsvoll, entschlossen, voll von Wesenheit.“

— — — — — — — — —

Wie ist doch der zackige Brocken so leicht für hartes Gold? — — Der Einsame sieht ihn an:

+Ein menschlicher Wirbelknochen!+

Die Geschichte vom Löwen Alois

war so: Seine Mutter hatte ihn geboren und war sofort gestorben.

Vergebens hatte er getrachtet, mit seinen runden Pfoten, die so weich waren wie Puderquasten, sie aufzuwecken, denn er verschmachtete vor Durst in der sengenden Mittagsglut.

„Wie die Sonne frühmorgens die Tautropfen schlürft, wird sie auch sein Leben austrinken“, murmelten pathetisch die wilden Pfauen oben auf der Tempelruine, machten Prophetengesichter und schlugen rauschend stahlblau schimmernde Räder.

Und wären nicht die Schafherden des Emirs des Weges gezogen, hätte es auch so kommen müssen.

Da aber wendete sich das Schicksal.

„Hirten haben wir nicht, unberufen, die dreinreden dürften,“ meinten die Schafe — „warum sollen wir diesen jungen Löwen also nicht mitnehmen?

Übrigens die Witwe Bovis macht’s gewiß gern, erziehen ist ja ihre Leidenschaft. Seit ihr Ältester nach Afghanistan geheiratet hat — (die Tochter des fürstlichen Oberwidders) —, fühlt sie sich sowieso ein bißchen einsam.“

Und Frau Bovis sagte kein Wort, nahm das Löwenjunge zu sich, säugte und hegte es — neben Agnes, ihrem eigenen Kind.

Nur der Herr Schnucke Ceterum aus Syrien — schwarz gelockt und mit krummen Hinterbeinen — war dagegen. Er legte den Kopf schief und sagte melodisch: „Scheene Sachen werden da noch emol ’erauskommen“, aber weil er immer alles besser wußte, kümmerte sich niemand um ihn. — Der kleine Löwe wuchs erstaunlich, wurde bald getauft und erhielt den Namen „Alois“.

Frau Bovis stand dabei und fuhr sich ein ums andere Mal über die Augen; — und der Gemeindeschöps trug ins Buch ein: „Alois †††“, und statt eines Familiennamens drei Kreuze.

Damit aber jeder sehen könne, daß hier wahrscheinlich eine uneheliche Geburt vorliege, schrieb er es auf eine Extraseite.

Alois’ Kindheit floß dahin wie ein Bächlein.

Er war ein guter Knabe, und nie gab er — von gewissen Heimlichkeiten vielleicht abgesehen — Grund zur Klage. — Rührend war es anzusehen, wie er heißhungrig mit den andern weidete und die Schafgarbe, die sich ihm widerspenstig immer um die langen Eckzähne legte, in kindlicher Unbeholfenheit mühsam zerkaute.

Jeden Nachmittag ging er mit klein Agnes, seinem Schwesterchen, und ihren Freundinnen ins Bambusgehölz spielen, und da war des Scherzens und der Lustbarkeiten kein Ende.

Alois, hieß es dann immer, Alois, zeig mal deine Krallen, bitte, bitte, und wenn er sie recht lang herausstreckte, erröteten die kleinen Mädchen, steckten kichernd die Köpfe zusammen und sagten: „Ffui, wie unanßtändig“; aber sie wollten es doch immer wieder sehen.

Zur kleinen schwarzhaarigen Scholastika, Schnucke Ceterums lieblichem Töchterlein, entwickelte sich in Alois frühzeitig eine tiefe Herzensneigung.

Stundenlang konnte er an ihrer Seite sitzen, und sie bekränzte ihn mit Vergißmeinnicht.

Waren sie ganz allein, so sagte er ihr das wunderschöne Gedicht auf:

„Willst du nicht das Lämmlein hüten, Lämmlein ist so fromm und sanft, Nährt sich von des Grases Blüten Spielend an des Baches Ranft.“

Und sie vergoß dabei Tränen tiefster Rührung.

Dann tollten sie wieder durch das saftige Grün, bis sie umfielen.

Kam er abends erhitzt vom kindlichen Spiele nach Hause, sagte Frau Bovis, seine Mähne nachdenklich betrachtend, immer nur: „Jugend hat keine Tugend,“ — und — „Junge, wie du heute wieder mal unfrisiert aussiehst!“ (Sie war so gut.)

Alois reifte zum Jüngling, und das Lernen war seine Lust. In der Schule allen ein Vorbild, glänzte er stets durch Fleiß und gute Sitten, — und im Singen und in „Vaterländischer Ruhmesgeschichte“ hatte er durchwegs I~a~.

„Nicht wahr, Mama,“ sagte er immer, wenn er mit einem Lob des Herrn Lehrers heimkam, „nicht wahr, ich darf später in die Kadettenschule?“

Da mußte sich jedesmal Frau Bovis abwenden und eine Träne zerdrücken. „Er weiß ja nicht, der gute Junge,“ seufzte sie, „daß dort nur wirkliche Schafe aufgenommen werden“, — streichelte ihn, zwinkerte verheißungsvoll mit den Augen und sah ihm gerührt nach, wenn er, hochaufgeschossen, wie er war, mit dem ein wenig dünnen Hals und den weichen ~X~-Beinen der Flegeljahre wieder hinaus an seine Schulaufgaben ging.

— — — — — — — — —

„Der Herbst zog ins Land“, da hieß es eines Tages: Kinder, vorsichtig sein, ja nicht zu weit außerhalb spazieren gehen, besonders nicht in der Dämmerung, wenn die Sonne zu sinken beginnt, — wir kommen jetzt in gefährliches Gebiet. — Der persische Löwe — nämlich — mordet und würgt dort.

Und immer wilder wurde das Pundshab und immer finsterer das Gesicht, das die Landschaft schnitt.

Die steinernen Finger der Berge von Kabul krallen sich in die Niederungen, — Bambusdschungel starrt wie gesträubtes Haar, und auf den Sümpfen treiben träge die Fieberdämonen mit lidlosen Augen und atmen vergiftete Mückenschwärme in die Luft.

Die Herde zog durch einen Engpaß, ängstlich und schweigend. Hinter jedem Felsblock Todesgefahr.

Da machte ein hohler, schauerlicher Ton die Luft beben, — in wilder, besinnungsloser Furcht stürmte die Herde davon.

Hinter einem Felsen hervor schoß ein breiter Schatten gerade auf Herrn Schnucke Ceterum los, der nicht rasch genug vorwärts kam.

Ein riesiger alter Löwe!

Herr Schnucke wäre rettungslos verloren gewesen, hätte sich nicht in diesem Augenblick etwas Merkwürdiges ereignet. Mit Gänseblümchen bekränzt, ein Sträußchen Georginen hinter dem Ohre, kam Alois mit schmetterndem „Bäh, bäh!“ im Galopp vorbei.

Als hätte vor ihm der Blitz eingeschlagen, hielt der alte Löwe im Sprung inne und stierte in maßlosem Staunen dem Fliehenden nach.

Lange konnte er keinen Laut hervorbringen, und als er endlich ein wütendes Gebrüll ausstieß, antwortete ihm Alois’ „Bäh, bäh!“ schon aus weiter Ferne.

Eine ganze Stunde noch blieb der Alte in tiefem Grübeln stehen; alles, was er je über Sinnestäuschungen gelesen und gehört, ließ er an seinem Geist vorüberziehen.

Vergebens!

Die Nacht fällt rasch und kalt vom Himmel im Pundshab; fröstelnd knöpfte sich der alte Löwe zu und ging in seine Höhle.

Aber er konnte keinen Schlaf finden, und als das gigantische Katzenauge des Vollmondes grünlich durch die Wolken starrte, brach er auf und setzte der geflohenen Herde nach.

Gegen Morgengrauen erst fand er Alois — die Blumenkränze noch im Haar — süß schlummernd hinter einem Strauche.

Er legte ihm die Pranke auf die Brust, und mit entsetztem „Bäh!“ fuhr Alois aus dem Schlafe.

„Herr, so sagen Sie doch nicht immer ‚bäh!‘. Sind Sie denn wahnsinnig? Sie sind doch ein Löwe, um Gottes willen“, brüllte ihn der Alte an.

„Da irren, bitte —,“ antwortete Alois schüchtern, „ich bin ein Schaf.“

Der alte Löwe schüttelte sich vor Wut. „Sie, — wollen Sie mich vielleicht zum besten haben?! Frozzeln Sie gütigst meinetwegen die Frau Blaschke — — —.“

Alois legte die Tatze beteuernd aufs Herz, blickte ihm treuherzig ins Auge und sagte tiefbewegt:

„Mein +Ehrenwort+, — ich bin ein Schaf!“

Da entsetzte sich der Alte, wie tief sein Stamm gesunken, und ließ sich Alois’ Lebensgeschichte erzählen.

„Das alles,“ meinte er dann, „ist mir zwar gänzlich schleierhaft, aber daß Sie ein Löwe und kein Schaf sind, steht fest, und wenn Sie’s nicht glauben wollen — zum Teufel —, so vergleichen Sie unser beider Bild hier im Wasser.

Und jetzt lernen Sie zuvörderst mal anständig brüllen, schauen Sie — so:

Uuuaah, uuuuaah!“

Und er brüllte, daß die Oberfläche des Weihers ganz rieselig wurde und aussah wie Schmirgelpapier. „Also versuchen Sie’s, es ist ganz leicht.“

„Uhah!“ setzte Alois schüchtern an, verschluckte sich jedoch und mußte hüsteln.

Der alte Löwe blickte ungeduldig zum Himmel auf: „Na, meinetwegen üben Sie’s, wenn Sie allein sind, ich muß jetzt sowieso nach Hause.“

Er sah auf die Uhr: „Himmelsakra! schon wieder halb fünf! — Also Servus!“ Und er salutierte flüchtig mit der Pranke und verschwand. — — — — — —

— — — — — — — — —

Alois war wie betäubt — — — —: Also doch!!

Vor ganz kurzer Zeit erst hatte er das Gymnasium absolviert — hatte es sozusagen schwarz auf weiß bekommen, daß er ein Schaf sei — und jetzt!

Gerade jetzt, wo er in den Staatsdienst treten sollte!

Und — und — und — Scholastika!

Er mußte weinen — Scholastika!!

So schön hatten sie alles miteinander verabredet, wie er vor Papa und Mama hintreten solle usw.