Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 6
— — — Wir begriffen Tonios starre Verzweiflung. Auch wenn am Gelingen des Zaubers nur der Zufall die Schuld getragen hätte, welcher Abgrund dämonischer Liebesempfindung lag in diesem Weibe! — Ein Empfinden, so fremd und unfaßbar, daß wir normalen Menschen mit unserer Erkenntnis wie in Triebsand versinken, wenn wir den Versuch wagen, mit Begriffen in diese schrecklichen Rätsel einer krebsigen Seele hinabzuleuchten. — —
Wir saßen damals die halbe Nacht — wir drei — und horchten, wie die alte Uhr tickend die Zeit zernagte, und ich suchte und suchte vergeblich nach Worten des Trostes in meinem Hirn — im Herzen — in der Kehle; — und Tonios Augen hingen unverwandt an meinen Lippen: er wartete auf die Lüge, die ihm noch Betäubung bringen konnte. — — — — — — —
Wie Manuel — hinter mir — den Entschluß faßte, den Mund öffnete, um zureden, — ich wußte es, ohne mich umzusehen. Jetzt — jetzt würde er es sagen. — — Ein Räuspern, ein Scharren mit dem Stuhl, — — — dann wieder Stille, eine ewig lange Zeit. Wir fühlten, jetzt tastet sich die Lüge durch das Zimmer, unsicher tappend an den Wänden, wie ein seelenloser Schemen ohne Kopf.
Endlich Worte — verlogene Worte — wie verdorrt: „Vielleicht — — — — — — vielleicht — — liebt sie dich anders als — — — — als die andern.“
Totenstille. Wir saßen und hielten den Atem an: — daß nur die Lüge nicht stirbt, — — sie schwankt hin und her auf gallertenen Füßen und will fallen, — — — nur eine Sekunde noch! — —
Langsam, langsam begannen sich Tonios Züge zu verändern: Irrlicht Hoffnung!
— — — Da war die Lüge Fleisch geworden! —
— — — — — — — — —
— — Soll ich Ihnen noch das Ende erzählen? Mir graut, es in Worte zu kleiden. — Stehen wir auf, mir läuft ein Schauer über den Rücken, wir haben zu lange hier auf der Bank gesessen. Und die Nacht ist so kalt.
— — — Sehen Sie, das Fatum blickt auf den Menschen wie eine Schlange, — es gibt kein Entrinnen. — Tonio versank aufs neue in einen Wirbel rasender Leidenschaft zu Mercedes, er schritt an ihrer Seite, — ihr Schatten. — Sie hielt ihn umklammert mit ihrer teuflischen Liebe wie ein Polyp der Tiefsee sein Opfer.
— — — An einem Karfreitag packte das Schicksal zu: Tonio stand frühmorgens im Aprilsturm vor der Kirchentür, barhaupt, in zerrissenen Kleidern, die Fäuste geballt, und wollte die Menge am Gottesdienste hindern. — Mercedes hatte ihm geschrieben — und er war darüber wahnsinnig geworden; — in seiner Tasche fand man ihren Brief, in dem sie ihn +um eine Bologneser Träne+ bat. — —
Und seit jenem Karfreitag steht Tonios Geist in tiefer Nacht.
Der Albino
I
„Sechzig Minuten noch — bis Mitternacht“, sagte ‚Ariost‘ und nahm die dünne, holländische Tonpfeife aus dem Mund.
„Der dort“ — und er wies auf ein dunkles Porträt an der rauchgebräunten Wand, dessen Züge kaum mehr kenntlich waren — „der dort wurde Großmeister gerade vor hundert Jahren weniger sechzig Minuten.“
„Und wann zerfiel unser Orden? — Ich meine, wann sanken wir zu Zechbrüdern herab, wie wir’s jetzt sind, Ariost?“ fragte eine Stimme aus dem dichten Tabakqualm heraus, der den kleinen altertümlichen Saal erfüllte.
Ariost flocht die Finger durch seinen langen weißen Bart, fuhr wie zögernd über die Spitzenhalskrause an seinem samtnen Talar: — — „Es wird in den letzten Dezennien gewesen sein — — — vielleicht — kam es auch nach und nach.“
„Du hast da eine Wunde in seinem Herzen berührt, Fortunat“, flüsterte ‚Baal Schem‘, der Arche-Zensor des Ordens im Ornate der mittelalterlichen Rabbiner, und trat aus dem Dunkel einer Fensternische an den Frager heran zum Tisch. — „Sprich von etwas anderem!“
Und laut fuhr er fort: „Wie hieß denn dieser Großmeister im profanen Leben?“
„Graf Ferdinand Paradies,“ antwortete rasch jemand neben Ariost, verständnisvoll auf das Thema eingehend, „ja, illustre Namen waren das damaliger Zeit — und früher noch. Die Grafen Spork, Norbert Wrbna, Wenzel Kaiserstein, der Dichter Ferdinand van der Roxas! — Sie alle zelebrierten das ‚Ghonsla‘ — den Logenritus der ‚asiatischen Brüder‘ im alten Angelusgarten, wo jetzt die Hauptpost steht. Vom Geiste Petrarcas umweht und Cola Rienzos, die auch unsre ‚Brüder‘ waren.“
„So ist es. Im Angelusgarten! Nach Angelus de Florentia benannt, Kaiser Karls IV. Leibarzt, bei dem Rienzo Asyl fand bis zu seiner Auslieferung an den Papst“, fiel eifrig der ‚Skribe‘ Ismael Gneiting ein.
„Wißt ihr aber auch, daß von den ‚Sat-Bhais‘, den alten asiatischen Brüdern, sogar Prag und — und — und Allahabad, kurz, alle jene Städte, deren Name soviel wie ‚die Schwelle‘ bedeutet, begründet wurden?! Gott im Himmel, welche Taten, welche Taten!
Und alles, alles verraucht, verflogen.
Wie sagt doch Buddha: ‚Im Luftraum bleibet keine Spur‘. — Das waren unsere Vorfahren! Wir aber Saufbrüder!! — Saufbrüder!! hip hip hurra; — es ist zum Lachen.“
Baal Schem machte dem Sprecher Zeichen, er möge doch schweigen. — Der aber verstand ihn nicht und redete weiter, bis Ariost sein Weinglas heftig zurückstieß und das Zimmer verließ.
„Du hast ihn verletzt,“ sagte Baal Schem ernst zu Ismael Gneiting, „seine Jahre schon hätten dir Rücksicht gebieten sollen.“
„Ah bah,“ murrte dieser, „habe ich ihn denn kränken +wollen+? Und wenn auch!
Übrigens wird er ja zurückkommen.
In einer Stunde beginnt die hundertjährige Feier, der er doch beiwohnen +muß+.“
„Immer ein Mißton, wie ärgerlich,“ meinte einer der Jüngeren, „hat es sich doch so gemütlich getrunken.“
Verstimmung lag über der Tafelrunde.
Stumm saßen alle um den halbkreisförmigen Tisch und sogen an ihren weißen, holländischen Pfeifen.
In den mittelalterlichen Ordensmänteln, behangen mit kabbalistischen Zieraten, sahen sie wie eine spukhafte Versammlung seltsam und unwirklich aus in dem trüben Lichte der Öllampen, das kaum bis in die Ecken des Zimmers und hin zu den vorhanglosen gotischen Fenstern drang.
„Werde ihn besänftigen gehen, den Alten“, sagte endlich ‚Corvinus‘, ein junger Musiker — und ging hinaus.
Fortunat neigte sich zum Arche-Zensor: „Corvinus hat Einfluß auf ihn? — Corvinus?!“
Baal Schem brummte etwas in den Bart: — Corvinus sei mit Beatrix, Ariosts Nichte, verlobt.
Wieder nahm Ismael Gneiting die Rede auf und sprach von den vergessenen Glaubenssätzen des Ordens, der zurückreiche bis in die graue Vorzeit, wo die Dämonen der Sphären noch die Vorfahren des Menschen gelehrt.
Von den schweren, düsteren Prophezeiungen, die alle, alle mit der Zeit ihre Erfüllung gefunden hätten, Buchstabe um Buchstabe, Satz für Satz, daß es einen verzweifeln lasse an der Willensfreiheit der Lebenden; — und von dem „versiegelten Briefe von Prag“, der letzten echten Reliquie, die heute noch der Orden besitze. „Kurios! Wer ihn vorwitzig öffnen wolle, diesen ‚~sealed letter from Prague~‘, ehe die Zeit erfüllet sei, der — — — wie heißt es doch im Original, ‚Lord Kelwyn‘?“ wandte Ismael Gneiting fragend seinen Blick zu einem uralten Bruder, der zusammengesunken und unbeweglich gegenüber in einem geschnitzten und vergoldeten Lehnstuhl saß. „+Der verderbet, ehe er beginnt!+ Sein Angesicht wird die Finsternis verschlingen und nicht mehr herausgeben.“ — — —?
„Die Hand des Schicksals wird seine Züge verbergen im Reiche der Form bis zum Jüngsten Tag,“ ergänzte langsam der Greis, bei jedem Worte mit dem kahlen Kopfe nickend, als wolle er den Silben besondere Kraft verleihen — „und wird sein Gesicht austilgen aus der Welt der Umrisse. Unsichtbar wird sein Antlitz werden: unsichtbar für alle Zeit! +Verschlossen gleich dem Kern in der Nuß+ — — —, gleich dem Kern in der Nuß.“
— Gleich dem Kern in der Nuß! — die Brüder in der Runde sahen sich erstaunt an.
Gleich dem Kern in der Nuß! — seltsames, unverständliches Gleichnis!
— — — — — — — — —
Da ging die Tür auf, und Ariost trat ein.
Hinter ihm der junge Corvinus.
Der zwinkerte den Freunden fröhlich zu, als wolle er sagen, alles sei wieder in Ordnung mit dem Alten.
„Frische Luft! Lassen wir frische Luft ein“, sagte jemand und ging zu den Fenstern und öffnete eins.
Viele standen auf und schoben ihre Sessel zurück, hinauszusehen in die Vollmondnacht, wie die Mondesstrahlen opalgrün auf dem buckligen Pflaster des Altstätter Rings glänzten.
Fortunat wies auf den blauschwarzen Schlagschatten, der von der Teinkirche über das Haus hinweg auf den alten, menschenleeren Platz fiel und ihn in zwei Hälften zerschnitt: „Die riesige Schattenfaust da unten mit den zwei vorgestreckten Spitzen — die mit Zeige- und Merkurfinger nach Westen deutet, ist sie nicht wie das uralte Abwehrzeichen gegen den bösen Blick?“
— — — — — — — — —
In den Saal kam der Diener und brachte neue Chiantiflaschen — mit langen Hälsen — wie rote Flamingos — — — —
Um Corvinus hatten sich in einer Ecke seine jüngeren Freunde geschart und erzählten ihm halblaut und lachend von dem „versiegelten Briefe von Prag“ und der verrückten Prophezeiung, die sich an ihn knüpfe.
Aufmerksam hörte Corvinus zu, dann blitzte es übermütig in seinen Augen auf wie ein lustiger Einfall.
Und in hastigem Flüsterton machte er seinen Freunden einen Vorschlag, den sie mit Jubel begrüßten.
So ausgelassen wurden ein paar von ihnen, so ausgelassen, daß sie auf einem Bein tanzten und sich vor Tollheit kaum mehr zu halten wußten. — — — —
— — — — — — — — —
Die Alten waren allein.
Corvinus hatte sich mit seinen Kumpanen in großer Eile auf eine halbe Stunde beurlaubt; er müsse sich bei einem Bildhauer das Gesicht in Gips abgießen lassen, um ein spaßiges Vorhaben, wie er sagte, noch rasch vor Mitternacht, ehe die große Feier beginne, auszuführen. — — — — —
— — — „Närrische Jugend“, murmelte Lord Kelwyn. — — —
„Das muß wohl ein seltsamer Bildhauer sein, der so spät noch arbeitet“, sagte jemand halblaut.
Baal Schem spielte mit seinem Siegelring: „Ein Fremder, +Iranak-Essak+ heißt er, sie sprachen vorhin von ihm. Er soll nur in der Nacht arbeiten und bei Tage schlafen; — — er ist ein Albino und verträgt kein Licht.“
— — „Arbeitet nur in der Nacht?“ wiederholte zerstreut Ariost, der das Wort Albino überhört hatte.
— — Dann blieben alle stumm eine lange Zeit.
„Ich bin froh, daß sie fort sind — die Jungen“, brach endlich Ariost gequält das Schweigen.
„Wir zwölf Alten sind so wie die Trümmer aus jener vergangenen Zeit, und wir sollten zusammenhalten. — Vielleicht treibt dann unser Orden nochmals ein frisches grünes Reis. — — — — —
Ja! — Ja, ich trage die Hauptschuld am Zerfall.“
Stockend fuhr er fort: „Ich möchte euch gern eine lange Geschichte erzählen; — und mein Herz ausschütten, bevor sie zurückkommen — die andern, — und ehe das neue Jahrhundert einzieht.“
Lord Kelwyn in dem Thronsessel sah auf und machte eine Bewegung mit der Hand, und die übrigen nickten zustimmend.
Ariost sprach weiter: „Ich muß es kurz machen, sollen meine Kräfte ausreichen bis zum Ende. Hört also.
Vor dreißig Jahren, ihr wißt, war Doktor Kassekanari Großmeister und ich sein erster Arche-Zensor.
Das Steuer des Ordens lag nur in unserer Hand. — Doktor Kassekanari war Physiolog — ein großer Gelehrter. Seine Vorfahren stammten aus Trinidad — ich denke von Negern — daher wohl seine grauenhafte exotische Häßlichkeit! Doch das wißt ihr alle noch.
Wir sind Freunde gewesen; — wie aber heißes Blut auch die festesten Dämme niederreißt, so — — —. Kurz, ich betrog ihn mit seiner Frau Beatrix, die schön war wie die Sonne und die wir beide liebten über alle Maßen. — —
Ein Verbrechen unter Ordensbrüdern!!
— — — Zwei Knaben hatte Beatrix, und einer von ihnen — Pasqual — war mein Kind.
Kassekanari entdeckte die Untreue seiner Gattin, ordnete seine Angelegenheiten und verließ Prag mit den beiden kleinen Kindern, ohne daß ich es hätte verhindern können.
Zu mir hat er kein Wort mehr gesprochen, mich nicht einmal mehr angeblickt.
Wie er sich aber an uns rächte, das war entsetzlich. Daß ich heute noch nicht fasse, wie ich es überleben konnte.“
Einen Augenblick lang schwieg Ariost und starrte wie geistesabwesend an die gegenüberliegende Wand. Dann fuhr er fort:
„Nur ein Hirn, das die finstere Phantasie eines Wilden mit der durchdringenden Verstandesschärfe des Gelehrten, des tiefsinnigsten Kenners menschlicher Seelenvorgänge verband wie das seine, konnte den Plan ersinnen, der Beatrix das Herz im Leibe verbrannte, mir arglistig den freien Willen stahl und mich langsam hinein +zwang+ in die Mitschuld an einem Verbrechen, das grauenvoller kaum gedacht werden kann.
Meiner armen Beatrix erbarmte sich wohl bald der Wahnsinn, und ich segne die Stunde ihrer Erlösung.“
Des Sprechers Hände schlugen wie im Fieber und verschütteten den Wein, den er zur Stärkung zum Munde führen wollte.
„Weiter! Nicht lange war Kassekanari fort, da kam ein Brief von ihm mit einer Adresse, die alle ‚wichtigen Nachrichten‘, wie er sich ausdrückte — an ihn befördern werde — +wo immer er sich auch aufhalten möge+.
Und gleich darauf schrieb er, nach langem Grübeln sei er zur Überzeugung gekommen, der +kleine Manuel+ sei mein Kind, der jüngere Pasqual dagegen zweifellos das seinige.
Während es in Wirklichkeit sich gerade umgekehrt verhielt. —
Aus seinen Worten klang eine dunkle Rachedrohung, und ich konnte mich einer leisen Regung selbstsüchtiger Beruhigung nicht erwehren, meinen kleinen Sohn Pasqual, den ich anders ja nicht zu schützen vermochte, infolge dieser Verwechslung gegen Haß und Verfolgung gefeit zu wissen.
So schwieg ich denn und tat unbewußt den ersten Schritt jenem Abgrunde zu, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.
Viel, viel später erschien es mir wie Arglist, — — als habe Kassekanari mich an eine Verwechslung nur glauben lassen, um mir die unerhörtesten Seelenqualen aufzubürden.
Langsam zog das Ungeheuer die Schraube zu.
In regelmäßigen Intervallen, mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerks trafen mich seine Berichte über gewisse physiologische und vivisektorische Experimente, die er, — ‚um fremde Schuld zu sühnen und zum Wohle der Wissenschaft‘ — an dem kleinen Manuel — der ja nicht +sein+ Kind sei, ‚wie ich doch stillschweigend zugegeben‘ — vornehme, — wie an einem Wesen vornehme, das seinem Herzen ferner stehe als ein beliebiges Versuchstier.
Und Photographien, die beilagen, bestätigten die entsetzliche Wahrheit seiner Worte. — Wenn solch ein Brief ankam und verschlossen vor mir lag, da glaubte ich, ich müsse meine Hände in lodernde Flammen strecken, um die furchtbare Folter zu übertäuben, die mich bei dem Gedanken zerriß, wieder von neuen gesteigerten Schrecknissen erfahren zu müssen.
Nur die Hoffnung, endlich, endlich doch den wahren Aufenthalt Kassekanaris entdecken und das arme Opfer befreien zu können, hielt mich vom Selbstmord zurück.
Stundenlang lag ich auf den Knien, Gott anflehend, mich die Kraft finden zu lassen, den Brief ungelesen zu vernichten.
Aber niemals fand ich die Kraft dazu.
Immer wieder habe ich die Briefe geöffnet, und immer wieder bin ich in Ohnmacht zusammengebrochen. Kläre ich ihn auf über seinen Irrtum, sagte ich mir vor, so fällt wohl sein Haß auf meinen Sohn, der andere aber — der Unschuldige — ist erlöst!
Und ich griff zur Feder, um alles zu schreiben, zu beweisen.
Doch der Mut verließ mich — ich konnte nicht wollen und wollte nicht können und wurde so zum Missetäter an dem armen kleinen Manuel, — der doch auch Beatrix’ Kind war, — — — indem ich schwieg.
Das fürchterlichste jedoch in allen meinen Qualen war das gleichzeitige grauenvolle Emporzüngeln eines fremden, finstern Einflusses in mir, über den ich keine Gewalt hatte, der sich in mein Herz schlich, — leise und unwiderstehlich — eine Art haßerfüllter Befriedigung, daß es sein eigenes Fleisch und Blut sei — gegen das das Ungeheuer raste.“
Die Logenbrüder waren aufgesprungen und starrten Ariost an, der sich in seinem Sessel kaum aufrecht erhielt und die Sätze mehr flüsterte als sprach.
„Jahrelang hat er Manuel gefoltert —, ihm Martern zugefügt, deren Schilderung ich nicht über die Lippen bringe — hat ihn gefoltert und gefoltert, bis ihm der Tod das Messer aus der Hand schlug, — hat Bluttransfusionen von weißen entarteten Tieren und solchen, die das Tageslicht scheuen, an ihm vollzogen, ihm die Gehirnteilchen exstirpiert, die nach seinen Theorien die guten und milden Regungen im Menschen erwecken, — und ihn dadurch zu dem gemacht, was er einen ‚seelisch Gestorbenen‘ nannte. Und mit der Ertötung aller menschlichen Regungen des Herzens, aller Keime des Mitleids, der Liebe, des Erbarmens, trat bei dem armen Opfer, genau wie Kassekanari in einem Briefe vorausgesagt, auch die +körperliche+ Degeneration ein, jenes grausige Phänomen, das die afrikanischen Völker den ‚echten, weißen Neger‘ nennen. — —
Nach langen, langen Jahren verzweiflungsvollen Forschens und Suchens — die Verhältnisse des Ordens und meine eigenen ließ ich achtlos ihrer Wege treiben — gelang es mir endlich (Manuel war und blieb spurlos verschwunden) meinen Sohn — als Erwachsenen aufzufinden.
Aber ein letzter Schlag traf mich dabei: Mein Sohn nannte sich +Emanuel+ Kassekanari — — —!
Derselbe Bruder ‚Corvinus‘, den ihr ja alle in unsrem Orden kennt.
+Emanuel+ Kassekanari.
Und er behauptet unerschütterlich, niemals mit dem Vornamen Pasqual genannt worden zu sein.
+Seitdem verfolgt mich der Gedanke, daß der Alte mich belogen und Pasqual und nicht Manuel verstümmelt haben könnte, — daß also doch mein Kind zum Opfer gefallen ist.+ — Die Photographien damals zeigten die Gesichtszüge so undeutlich, und im Leben sahen die Kinder einander zum Verwechseln ähnlich. — — — —
— — — — — — — — —
+Doch das darf, das darf, das darf ja nicht sein+, — das Verbrechen, all die ewiglange Gewissenspein umsonst! — Nicht wahr?“ schrie plötzlich Ariost wie ein Wahnsinniger auf; — „nicht wahr, sagt Brüder, nicht wahr, ‚Corvinus‘ ist mein Sohn, mir wie aus den Augen geschnitten!“
Die Brüder sahen scheu zu Boden und brachten die Lüge nicht über die Lippen.
Nickten nur stumm.
Ariost sprach leise zu Ende:
„Und manchmal in schreckhaften Träumen, da fühle ich mein Kind verfolgt von einem scheußlichen weißhaarigen Krüppel mit rötlichen Augen, der — lichtscheu — im Zwielicht haßerfüllt auf ihn lauert: Manuel, der verschwundene Manuel, — der — der grauenhafte — — ‚+weiße Neger+‘.“
Keiner der Logenbrüder konnte ein Wort hervorbringen.
— — Totenstille. — —
Da, — als ob Ariost die stumme Frage gefühlt hätte — sagte er halblaut, wie erklärend vor sich hin: „Ein seelisch Gestorbener! — Der weiße Neger — — ein +echter+
+Albino+.“
— Albino? — — Baal Schem taumelte an die Wand.
„Barmherziger Gott, der Bildhauer! — Der Albino Iranak-Essak!“
— — — — — — — — —
II
„Kriegstrompeten erschallen — weit durch Morgenrot“, sang Corvinus das Turniersignal aus „Robert der Teufel“ vor dem Fenster seiner Braut Beatrix, — Ariosts blonder Nichte, — und seine Freunde pfiffen unisono die Melodie.
Gleich darauf flogen die Scheiben auf, und ein junges Mädchen im weißen Ballkleid sah in den altertümlichen, im Mondlicht flimmernden „Teinhof“ hinab und fragte lachend, ob denn die Herren das Haus zu stürmen gedächten.
„Ah, du gehst auf Bälle, Trixie, — und ohne mich?“ rief Corvinus hinauf, „und wir fürchteten, du schliefest schon längst!“
„Da siehst du, wie ich mich ohne dich langweile, daß ich schon vor Mitternacht zu Hause bin! — Was willst du denn nur mit deinen Signalen; ist etwas los?“ fragte Beatrix zurück.
„Was los ist? — Wir haben eine gro—o—oße Bitte an dich. Weißt du nicht, wo Papa den ‚versiegelten Brief von Prag‘ liegen hat?“
Beatrix legte beide Hände an die Ohren: „Den versiegelten — was?“
„Den versiegelten Brief von Prag — die olle Reliquie!“ — schrien alle durcheinander.
„Ich verstehe doch kein Wort, wenn Sie so brüllen, Messieurs“ — und Trixie zog das Fenster zu, „aber warten Sie, gleich bin ich unten, — ich suche nur den Hausschlüssel und schleiche mich an der braven Gouvernante vorbei.“
Und in wenigen Minuten war sie vor dem Tor.
„Reizend, entzückend, — so im weißen Ballkleid, im grünen Mondschein“, die jungen Herren umdrängten sie, ihr die Hand zu küssen.
„Im +grünen+ Ballkleid, — im +weißen+ Mondschein“, — Beatrix knixte kokett und verbarg abwehrend ihre winzigen Hände in einem riesigen Muff, — „und mitten unter lauter ganz +schwarzen Femrichtern+! Nein, muß so ein ehrwürdiger Orden etwas Verrücktes sein!“
Und neugierig musterte sie die langen, feierlichen Gewänder der Herren mit den unheimlichen Kapuzen und den goldgestickten kabbalistischen Zeichen.
„Wir sind so Hals über Kopf davongelaufen, daß wir uns gar nicht umkleiden konnten, Trixie“, entschuldigte sich Corvinus und ordnete zärtlich ihr seidenes Spitzentuch.
Dann erzählte er ihr in fliegenden Worten von der Reliquie, „dem versiegelten Brief von Prag“, der verrückten Prophezeiung und daß sie einen prächtigen Mitternachtsspaß ersonnen hätten.
Nämlich zu dem Bildhauer Iranak-Essak zu laufen, einem höchst kuriosen Kerl, — der in der Nacht arbeite, weil er ein Albino sei, übrigens aber eine wertvolle Erfindung gemacht habe: — eine Gipsmasse, die sofort an der Luft hart und unverwüstlich werde wie Granit. Und dieser Albino solle ihm nun rasch einen Gesichtsabguß verfertigen — —
„Dieses Konterfei nehmen wir dann mit, wissen Sie, mein Fräulein,“ fiel Fortunat ein, „nehmen ferner den ‚geheimnisvollen Brief‘, den Sie uns gütigst im Archiv aufstöbern und ebenso gütig herabwerfen wollen. Wir öffnen ihn natürlich sofort, um den Blödsinn, der darin steht, zu lesen, und begeben uns dann ‚verstört‘ in die Loge.
Natürlich wird man uns bald nach Corvinus fragen, und wo er denn stecke. Da wollen wir laut weinend die entweihte Reliquie zeigen und gestehen, er habe sie aufgemacht, und plötzlich sei unter Schwefelgestank der Teufel erschienen und habe ihn beim Kragen genommen und in die Luft entführt; Corvinus aber, der das vorausgesehen, habe sich vorher noch schnell in Iranak-Essaks unzerstörbarem Gipsstein abgießen lassen, zur Sicherheit! Um die schauerlich-schöne Prophezeiung ‚vom gänzlichen Verschwinden aus dem Reiche der Umrisse‘ ~ad absurdum~ zu führen. Und hier sei nun diese Büste, und wer sich als etwas Besonderes dünke, ob einer der alten Herren, oder alle zusammen, oder die Adepten, die den Orden gegründet, vielleicht der liebe Gott selber, — der trete vor und zerstöre das Steinbild — — wenn er könne. Übrigens lasse Bruder Corvinus alle recht herzlich grüßen, und in längstens zehn Minuten werde er aus dem Hades zurück sein.“
„Weißt du, Schatz, das hat noch das Gute,“ unterbrach Corvinus, „daß wir damit den letzten Ordensaberglauben entwurzeln, die öde Zentenarfeier abkürzen und um so schneller dann zum fröhlichen Gelage kommen.
Aber jetzt Adieu und gute Nacht, denn: eins, zwei, drei, im Sauseschritt — läuft die Zeit — — —“
„Wir laufen mit,“ ergänzte jauchzend Beatrix und hängte sich in ihres Bräutigams Arm, — „ist’s weit von hier zu Iranak-Essak — — — heißt er nicht so? Und wird ihn auch ganz gewiß nicht der Schlag treffen, wenn wir in solchem Aufzug bei ihm einbrechen?!“
„Wahre Künstler trifft nie der Schlag“, — schwur Saturnilus, einer der Herren. — „Brüder! Ein Hurra, Hurra, für das mutige Fräulein!“
Und vorwärts ging’s im Galopp.
Über den Teinhof, durch mittelalterliche Torbogen, krumme Gassen, um geschweifte Ecken herum und an barocken, verwitterten Palästen vorbei.
Dann machte man halt.
„Hier wohnt er, Nummer 33,“ sagte Saturnilus atemlos — „Nummer 33, nicht wahr, ‚Ritter Kadosh‘? Schau du hinauf, du hast bessere Augen.“
Und schon wollte er läuten, da öffnete sich plötzlich das Haustor nach innen, und gleich darauf hörte man eine scharfe Stimme Worte in Niggerenglisch die Treppen hinaufkreischen. Corvinus schüttelte erstaunt den Kopf: „~The gentlemen already here?!~ — Die Gentlemen +bereits+ hier, — das ist ja, als hätte man schon auf uns gewartet!!
Vorwärts also, aber Vorsicht, es ist stockdunkel hier; Licht haben wir nicht, in unseren Kostümen fehlen schlauerweise die Taschen und mit diesen daher auch die so beliebten Schwefelhölzer.“