Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 5
Wenn die Wachsfigur die bleifarbenen Augenlider aufschlug, drang das Knistern der Uhrfeder leise durch den Kasten, und manche legten das Ohr an die Glaswände, um es besser hören zu können.
Der Motor am Eingang schlapfte sein Tempo und trieb ein orgelähnliches Instrument.
Eine stolpernde, atemlose Musik spielte, — mit Klängen, die, laut und dumpf zugleich, etwas Sonderbares, Aufgeweichtes hatten, als tönten sie unter Wasser.
Geruch von Wachs und schwelenden Öllampen lag im Zelt.
„Nr. 311 Obeah Wanga-Zauberschädel der Voudous“, las Sinclair erklärend aus seinem Zettel und betrachtete mit Sebaldus in einer Ecke drei abgeschnittene Menschenköpfe, die unendlich wahrheitsgetreu — Mund und Augen weit aufgerissen — mit gräßlichem Ausdruck aus einem Wandkästchen starrten.
„Weißt du, daß sie gar nicht aus Wachs, sondern echt sind?“ sagte Obereit erstaunt und zog eine Lupe hervor, — „ich begreife nur nicht, wie sie präpariert sein mögen. — Merkwürdig, die ganze Schnittfläche der Hälse ist mit Haut bedeckt oder überwachsen. — Und ich kann keine Naht entdecken! — Es sieht förmlich so aus, als wären sie wie Kürbisse frei gewachsen und hätten niemals auf menschlichen Schultern gesessen. — — Wenn man nur die Glasdeckel ein wenig aufheben könnte!“
„Alles Wachs ja, lebendig Wachs ja, Leichenkopf zu teuer und riechen — — phi —“, sagte plötzlich hinter ihnen der Ägypter. Er hatte sich in ihre Mähe geschlichen, ohne daß sie ihn bemerkt hatten; und sein Gesicht zuckte, als unterdrücke er ein tolles Lachen.
Die beiden sahen sich erschreckt an.
„Wenn der Nigger nur nichts gehört hat; vor einer Sekunde noch sprachen wir von Daraschekoh“, sagte Sinclair nach einer Weile. —
„Ob es Dr. Kreuzer wohl gelingen wird, Fatme auszufragen?! — Schlimmstenfalls müßten wir sie abends zu einer Flasche Wein einladen. Er steht immer noch draußen und spricht mit ihr.“
Einen Augenblick hörte die Musik auf zu spielen, jemand schlug auf ein Gong, und hinter einem Vorhang rief eine gellende Frauenstimme:
„Vayu und Dhanándschaya, magnetische Zwillinge, 8 Jahre alt, — das größte Weltwunder. — Ssie ssingen!“
Die Menge drängte sich an das Podium, das im Hintergrunde des Zeltes stand.
Dr. Kreuzer war wieder hereingekommen und faßte Sinclairs Arm. „Ich habe die Adresse schon,“ flüsterte er, „der Perser lebt in Paris unter fremdem Namen, — hier ist sie.“
Und er zeigte den beiden Freunden verstohlen einen kleinen Papierstreifen. „Wir müssen mit dem nächsten Zug nach Paris!“
„Vayu und Dhanándschaya — — ssie ssingen“ — kreischte die Stimme wieder.
Der Vorhang schob sich zur Seite und, als Page gekleidet, ein Bündel im Arm, trat auf das Podium mit wankenden Schritten ein Geschöpf von grauenhaftem Aussehen.
Die lebendig gewordene Leiche eines Ertrunkenen in bunten Samtlappen und goldenen Tressen.
Eine Welle des Abscheus ging durch die Menge.
Das Wesen war von der Größe eines Erwachsenen, hatte aber die Züge eines Kindes. Gesicht, Arme, Beine, — der ganze Körper — selbst die Finger waren in unerklärlicher Weise aufgedunsen.
Aufgeblasen, wie dünner Kautschuk, schien das ganze Geschöpf.
Die Haut der Lippen und Hände farblos, fast durchscheinend, als wären sie mit Luft oder Wasser gefüllt, und die Augen erloschen und ohne Zeichen von Verständnis.
Ratlos starrte es umher.
„Vayu, där gressere Brudär“, sagte erklärend die Frauenstimme in einem fremdartigen Dialekt; und hinter dem Vorhang, eine Geige in der Hand, trat ein Weibsbild hervor im Kostüm einer Tierbändigerin mit pelzverbrämten, roten, polnischen Stiefeln.
„Vayu“, sagte die Person nochmals und deutete mit dem Geigenbogen auf das Kind. Dann klappte sie ein Heft auf und las laut vor:
„Diese beiden männlichen Kindär ssind nunmehr 8 Jahre alt und das greßte Weltwunder. Sie ssind nur durch eine Nabelschnur verbunden, die 3 Ellen lang und ganz durchsichtig ist, und wenn man den einen abschneidet, mißte auch der andere sterben. Es ist das Erstaunen aller Gelehrten. Vayu, er ist weit über sein Alter. Entwickelt. Aber geistig zurückgeblieben, während Dhanándschaya von durchdringende Verstandesschärfe ist, aber so klein. Wie ein Säugling. Denn er ist ohne Haut geboren und kann nichts wachsen. Er muß aufgehoben werden in einer Tierblase mit warmem Schwammwasser. Ihre Eltern sind immer unbekannt gewesen. Es ist das greßte Naturspiel.“
Sie gab Vayu ein Zeichen, worauf dieser zögernd das Bündel in seinem Arm öffnete.
Ein faustgroßer Kopf mit stechenden Augen kam zum Vorschein.
Ein Gesicht, von einem bläulichen Adernnetz überzogen, ein Säuglingsgesicht, doch greisenhaft in den Mienen und mit einem Ausdruck, so tückisch, haßverzerrt und boshaft und voll so unbeschreiblicher Lasterhaftigkeit, daß die Zuschauer unwillkürlich zurückfuhren.
„Me — me — mein Brudel D — — D — Dhanándschaya“, stammelte das aufgedunsene Geschöpf und sah wieder ratlos ins Publikum — — — — — —
„Führen Sie mich hinaus, ich glaube, ich werde — ohnmächtig — Gott im Himmel“, flüsterte Melchior Kreuzer.
Sie geleiteten den Halbbewußtlosen langsam durch das Zelt an den lauernden Blicken des Ägypters vorbei.
Das Weibsbild hatte die Geige angesetzt, und sie hörten noch, wie sie ein Lied fiedelte und der Gedunsene mit halb erloschener Stimme dazu sang:
„Ich att einen Ka — me — la — den ei — nen — bee — seln finx du nit.“
— — — — — — — — —
Und der Säugling — unfähig, die Worte zu artikulieren — gellte mit schneidenden Tönen bloß die Vokale dazwischen:
„Jiii ha — ejheeh — hahehaa — he eiije — hee — e jiii hu ji.“
— — — — — — — — —
Dr. Kreuzer stützte sich auf Sinclairs Arm und atmete heftig die frische Luft ein.
Aus dem Zelte hörte man das Klatschen der Zuschauer.
„Es ist Charnoques Gesicht!! — Diese grauenhafte Ähnlichkeit,“ stöhnte Melchior Kreuzer, — „wie ist es nur — — ich kann es nicht fassen. Mir drehte sich alles vor den Augen, ich fühlte, ich müsse ohnmächtig werden. — Sebaldus, bitte — holen Sie mir einen Wagen. — Ich will zur Behörde. — Es muß irgend etwas geschehen, und fahren Sie beide sogleich nach Paris! — Mohammed Daraschekoh — — Ihr müßt ihn auf dem Fuße verhaften lassen.“
*
Wiederum saßen die beiden Freunde beisammen und sahen durch die Fenster der einsamen Weinstube Melchior Kreuzer eiligen Schrittes die Straße heraufkommen.
„Es ist genau wie damals,“ sagte Sinclair, — — „wie das Schicksal manchmal mit seinen Bildern geizt!“
Man hörte das Schloß zufallen, Dr. Kreuzer trat ins Zimmer, und sie schüttelten einander die Hände.
„Sie sind uns eigentlich einen langen Bericht schuldig,“ sagte endlich Sebaldus Obereit, nachdem Sinclair ausführlich geschildert, wie sie zwei volle Monate in Paris vergeblich nach dem Perser gefahndet hatten, — „Sie sandten uns immer nur so wenige Zeilen!“
„Mir ist das Schreiben bald vergangen, — beinahe auch das Reden“, entschuldigte sich Melchior Kreuzer.
„Ich fühle mich so alt geworden seit damals. — Sich von immer neuen Rätseln umgeben zu sehen, es zermürbt einen mehr, als man denkt. — Die große Menge kann gar nicht erfassen, was es für manchen Menschen bedeutet, ein ewig unlösbares Rätsel in seiner Erinnerung mitschleppen zu müssen! — Und dann, täglich die Schmerzensausbrüche der armen Lukretia mit ansehen zu müssen.
Vor kurzem starb sie, — das schrieb ich euch —, aus Gram und Leid.
Congo-Brown entsprang aus dem Untersuchungsgefängnis, und die letzten Quellen, aus denen man hätte Wahrheit schöpfen können, sind versiegt.
Ich will euch später einmal ausführlich alles erzählen, bis die Zeit die Eindrücke gemildert hat, — es griffe mich jetzt noch zu sehr an.“
„Ja, aber hat man denn gar keinen Anhaltspunkt gefunden?“ fragte Sinclair.
„Es war ein wüstes Bild, das sich da entrollte, — Dinge, die unsere Gerichtsärzte nicht glauben konnten oder durften. — Finsterer Aberglauben, Lügengewebe, hysterischer Selbstbetrug, hieß es immer, und doch lagen manche Dinge so erschreckend klar da.
Ich ließ damals alle kurzerhand verhaften. Congo-Brown gestand zu, die Zwillinge, — überhaupt das ganze Panoptikum von Mohammed Daraschekoh als Lohn für frühere Dienste geschenkt bekommen zu haben. — Vayu und Dhanándschaya seien ein künstlich erzeugtes Doppelgeschöpf, das der Perser vor acht Jahren aus einem einzigen Kinde (dem Kinde Thomas Charnoques) präpariert habe, ohne die Lebenstätigkeit zu vernichten. — Er habe nur verschiedene magnetische Strömungen, die jedes menschliche Wesen besitze, und die man durch gewisse geheime Methoden voneinander trennen könne, — zerlegt und es dann durch Zuhilfenahme tierischer Ersatzstoffe schließlich zuwege gebracht, daß aus einem Körper — zwei mit ganz verschiedenen Bewußtseinsoberflächen und Eigenschaften geworden wären.
Überhaupt habe sich Daraschekoh auf die sonderbarsten Künste verstanden. — Auch die gewissen drei Obeah Wanga-Schädel seien nichts anderes als Überbleibsel von Experimenten, und — sie wären früher lange Zeit lebendig gewesen. — Das bestätigten auch Fatme, Congo-Browns Geliebte, und alle andern, die übrigens harmloser Natur waren.
Ferner gab Fatme an, Congo-Brown wäre epileptisch, und zur Zeit gewisser Mondphasen käme eine sonderbare Aufregung über ihn, in der er sich einbilde, selber Mohammed Daraschekoh zu sein. — In diesem Zustand stünden ihm Herz und Atem still, und seine Züge veränderten sich angeblich derart, daß man glaube, Daraschekoh (den sie früher öfter in Paris gesehen) vor sich zu haben. — Aber mehr noch, er strahle dann eine solch unüberwindliche magnetische Kraft aus, daß er, ohne irgendein befehlendes Wort auszusprechen, jeden Menschen zwingen könne, ihm sofort alle die Bewegungen oder Verdrehungen nachzuahmen, die er vormache.
Es wirke wie Veitstanz ansteckend auf einen — unwiderstehlich. Er besäße eine Gelenkigkeit sondersgleichen und beherrsche zum Beispiel alle die sonderbaren Derwischverrenkungen vollkommen, vermittelst derer man die rätselhaftesten Erscheinungen und Bewußtseinsverschiebungen hervorbringen könne — der Perser habe sie ihn selbst gelehrt —, und die so schwierig seien, daß sie kein Schlangenmensch der Welt nachzuahmen imstande sei.
Auf ihrer gemeinsamen Reise mit dem Wachsfigurenkabinett von Stadt zu Stadt sei es auch zuweilen vorgekommen, daß Congo-Brown versucht habe, diese magnetische Kraft zu verwenden, um Kinder auf solche Art zu Schlangenmenschen abzurichten. Den meisten wäre aber dabei das Rückgrat abgebrochen, bei den andern habe es wieder zu stark auf das Gehirn gewirkt, und sie seien blödsinnig geworden.
Unsere Ärzte schüttelten zu Fatmes Angaben natürlich den Kopf, was aber später vorfiel, muß ihnen wohl sehr zu denken gegeben haben. — Congo-Brown entwich nämlich aus dem Verhörszimmer durch einen Nebenraum, und der Untersuchungsrichter erzählt, gerade als er mit dem Nigger ein Protokoll aufnehmen wollte, habe ihn dieser plötzlich angestarrt und befremdliche Bewegungen mit den Armen gemacht. Von einem Verdacht ergriffen, hätte der Untersuchungsrichter um Hilfe läuten wollen, aber schon sei er in Starrkrampf verfallen, seine Zunge habe sich automatisch in einer Weise verdreht, an die er sich nicht mehr erinnern könne (— überhaupt müsse der Zustand von der Mundhöhle aus seinen Anfang genommen haben —), und dann sei er bewußtlos geworden.“
„Konnte man denn gar nichts über die Art und Weise erfahren, wie Mohammed Daraschekoh das Doppelgeschöpf zustande brachte, ohne das Kind zu töten?“ unterbrach Sebaldus.
Dr. Kreuzer schüttelte den Kopf. „Nein. Mir ging aber vieles durch den Kopf, was mir früher Thomas Charnoque erzählt hat.
Das Leben des Menschen ist etwas anderes, als wir denken, sagte er immer, es setzt sich aus mehreren magnetischen Strömungen zusammen, die teils innerhalb, teils außerhalb des Körpers kreisen; und unsere Gelehrten irren, wenn sie sagen, ein Mensch, dem die Haut abgezogen ist, müsse aus Mangel an Sauerstoff sterben. Das Element, das die Haut aus der Atmosphäre auszieht, sei etwas ganz anderes als Sauerstoff. — Auch saugt die Haut dieses Fluidum gar nicht an, — sie ist nur eine Art Gitter, das dazu dient, jener Strömung die Oberflächenspannung zu ermöglichen. Ungefähr so wie ein Drahtnetz — taucht man es in Seifenwasser — sich von Zwischenraum zu Zwischenraum mit Seifenblasen überzieht.
Auch die seelischen Eigenschaften des Menschen erhielten ihr Gepräge je nach dem Vorherrschen der einen oder andern Strömung, sagte er. — So wäre durch das Übergewicht besonders der einen Kraft das Entstehen eines Charakters von solcher Verworfenheit denkbar, — daß es unser Fassungsvermögen übersteige.“
Melchior schwieg einen Augenblick und hing seinen Gedanken nach.
„Und wenn ich mich daran erinnere, welch fürchterliche Eigenschaften der Zwerg Dhanándschaya besaß, wodurch sich überhaupt die Quelle seines Lebens verjüngte, so finde ich in all dem nur eine entsetzliche Bestätigung dieser Theorie.“
„Sie sprechen, als ob die Zwillinge tot wären, sind sie denn gestorben?“ fragte Sinclair erstaunt.
„Vor einigen Tagen! — Und es ist das beste so, — die Flüssigkeit, in der der eine den größten Teil des Tages schwamm, trocknete aus, und niemand kannte ihre Zusammensetzung.“
Melchior Kreuzer starrte vor sich hin und schauderte. „Da waren noch Dinge, — so grauenvoll, so namenlos entsetzlich, — ein Segen des Himmels, daß Lukretia sie nie erfuhr, daß ihr das wenigstens erspart geblieben ist! — Der bloße Anblick des fürchterlichen Doppelgeschöpfes schon warf sie zu Boden! Es war, als sei das Muttergefühl in zwei Hälften zerrissen worden.
Lassen Sie mich für heute von all dem schweigen! Das Bild von Vayu und Dhanándschaya — — es macht mich noch wahnsinnig — — —.“ Er brütete vor sich hin, dann sprang er plötzlich auf und schrie: „Schenkt mir Wein ein — — ich will nicht mehr daran denken. Schnell irgend etwas anderes. — Musik — irgend was — nur andere Gedanken! Musik — —!“
Und er taumelte zu einem polierten Musikautomaten, der an der Wand stand, und warf eine Münze hinein.
Tsin. Man hörte das Geldstück innen niederfallen.
Es surrte der Apparat.
Dann stiegen drei verlorene Töne auf. Einen Augenblick später klimperte laut durchs Zimmer das Lied:
„Ich hatt’ einen Kameraden, Einen bessern findst du nit.“
Bologneser Tränen
Sehen Sie den Hausierer dort mit dem wirren Bart? Tonio nennt man ihn. Gleich wird er zu unserem Tische kommen. Kaufen Sie ihm eine kleine Gemme ab oder ein paar Bologneser Tränen; — Sie wissen doch: diese Glastropfen, die in der Hand in winzige Splitter — wie Salz — zerspringen, wenn man das fadenförmige Ende abbricht. — Ein Spielzeug, weiter nichts. Und betrachten Sie dabei sein Gesicht, — den Ausdruck!
— — — — — — — — —
Nicht wahr, der Blick des Mannes hat etwas Tiefergreifendes? — Und was in der klanglosen Stimme liegt, wenn er seine Waren nennt: Bologneser Tränen, gesponnenes Frauenhaar. Nie sagt er gesponnenes Glas, immer nur Frauenhaar. — — — — — — Wenn wir dann nach Hause gehen, will ich Ihnen seine Lebensgeschichte erzählen, nicht in diesem öden Wirtshaus — — — draußen am See — im Park.
Eine Geschichte, die ich niemals vergessen könnte, auch wenn er nicht mein Freund gewesen wäre, den Sie hier jetzt als Hausierer sehen und der mich nicht mehr erkennt —
Ja, ja, — glauben Sie es nur, er war mir ein guter Freund, — früher, als er noch lebte, — seine Seele noch hatte, — noch nicht wahnsinnig war. — — — Warum ich ihm nicht helfe? — Da läßt sich nicht helfen. Fühlen Sie nicht, daß man einer Seele nicht helfen soll, — die blind geworden — sich auf ihre eigene, geheimnisvolle Weise wieder zum Lichte tastet, — vielleicht zu einem neuen, hellern Licht? —
Und es ist nichts mehr als ein Tasten der Seele nach Erinnerung, wenn Tonio hier Bologneser Tränen feilbietet! — Sie werden dann hören. — Gehen wir jetzt fort von hier. —
*
— — — Wie zauberhaft der See im Mondlicht schimmert!
— — — Das Schilf, da drüben am Ufer! — So nächtig — dunkel! — Und wie die Schatten der Ulmen auf der Wasserfläche schlummern — — — dort in der Bucht! — —
— — — In mancher Sommernacht saß ich auf dieser Bank, wenn der Wind flüsternd, suchend durch die Binsen strich und die plätschernden Wellen schlaftrunken an die Wurzeln der Uferbäume schlugen, — und dachte mich hinab in die zarten, heimlichen Wunder des Sees, sah in der Tiefe leuchtende, glitzernde Fische, wie sie leise im Traume die rötlichen Flossen bewegten, — alte, moosgrüne Steine, ertrunkene Äste und totes Holz und schimmernde Muscheln auf weißem Kies.
Wäre es nicht besser, man läge — ein Toter — da unten auf weichen Matten von schaukelndem Tang — und hätte das Wünschen vergessen und das Träumen?! —
Doch ich wollte Ihnen von Tonio erzählen.
Wir wohnten damals alle drüben in der Stadt; — wir nannten ihn Tonio, obwohl er eigentlich anders heißt.
Von der schönen Mercedes haben Sie wohl auch nie gehört? Eine Kreolin mit rotem Haar und so hellen, seltsamen Augen.
Wie sie in die Stadt kam, weiß ich nicht mehr, — jetzt ist sie seit langem verschollen. — —
Als Tonio und ich sie kennenlernten — auf einem Feste des Orchideenklubs —, war sie die Geliebte eines jungen Russen.
Wir saßen in einer Veranda, und aus dem Saale wehten die fernen, süßen Töne eines spanischen Liedes heraus zu uns. —
— — Girlanden tropischer Orchideen von unsagbarer Pracht hingen von der Decke herab: — ~Cattlëya aurea~, die Kaiserin dieser Blumen, die niemals sterben, — Odontoglossen und Dendrobien auf morschen Holzstücken, weiße, leuchtende Lobelien, wie Schmetterlinge des Paradieses. — Kaskaden tiefblauer Lykasten, — und von dem Dickicht dieser wie im Tanze verschlungenen Blüten loderte ein betäubender Duft, der mich immer wieder durchströmt, wenn ich des Bildes jener Nacht gedenke, das scharf und deutlich wie in einem magischen Spiegel vor meiner Seele steht: Mercedes auf einer Bank aus Rindenholz, die Gestalt halb verdeckt hinter einem lebenden Vorhang violetter Vandeen. — Das schmale, leidenschaftliche Gesicht ganz im Schatten.
Keiner von uns sprach ein Wort. —
Wie eine Vision aus Tausendundeiner Nacht; mir fiel das Märchen ein von der Sultanin, die eine Ghule war und bei Vollmond zum Friedhof schlich, um auf den Gräbern vom Fleische der Toten zu essen. Und Mercedes Augen ruhten — wie forschend auf mir.
Dumpfes Erinnern wachte in mir auf, als ob mich einstmals in weiter Vergangenheit — in einem fernen Leben kalte, starre Schlangenaugen so angeblickt hätten, daß ich es nie mehr vergessen konnte.
Den Kopf hatte sie vorgebeugt und die phantastischen schwarz und purpur gesprenkelten Blütenzungen eines birmesischen Bulbophyllums waren in ihrem Haar verfangen, wie um neue, unerhörte Sünden ihr ins Ohr zu raunen. Damals begriff ich, wie man um solch ein Weib seine Seele geben könne. — — — — —
— — — Der Russe lag zu ihren Füßen. — Auch er sprach kein Wort. — —
Das Fest war fremdartig — wie die Orchideen selbst — und seltsamer Überraschungen voll. Ein Neger trat durch die Portieren und bot glitzernde Bologneser Tränen in einer Jaspisschale an. — Ich sah, wie Mercedes lächelnd dem Russen etwas sagte, — sah, wie er eine Bologneser Träne zwischen die Lippen nahm, lange so hielt und sie dann seiner Geliebten gab.
In diesem Augenblick schnellte, losgerankt aus dem Dunkel des Blättergewirres, eine riesige Orchidee, — das Gesicht eines Dämons, mit begehrlichen, durstigen Lefzen, — ohne Kinn, nur schillernde Augen und ein klaffender, bläulicher Gaumen. Und dieses furchtbare Pflanzengesicht zitterte auf seinem Stengel; wiegte sich wie in bösem Lachen, — auf Mercedes’ Hände starrend. Mir stand das Herz still, als hätte meine Seele in einen Abgrund geblickt.
Glauben Sie, daß Orchideen denken können? Ich habe in jenem Augenblick gefühlt, daß sie es können, — gefühlt, wie ein Hellsehender fühlt, daß diese phantastischen Blüten über ihre Herrin frohlockten. — Und sie war eine Orchideenkönigin, diese Kreolin mit ihren sinnlichen, roten Lippen, dem leise grünlichen Hautschimmer und dem Haar von der Farbe toten Kupfers. — — — Nein, nein — Orchideen sind keine Blumen, — sind satanische Geschöpfe. — Wesen, die nur die Fühlhörner ihrer Gestalt uns zeigen, uns Augen, Lippen, Zungen in sinnbetörenden Farbenwirbeln vortäuschen, daß wir den scheußlichen Vipernleib nicht ahnen sollen, der sich — unsichtbar — todbringend verbirgt im Reiche der Schatten.
Trunken von dem betäubenden Duft traten wir endlich in den Saal zurück.
Der Russe rief uns ein Wort des Abschieds nach. — In Wahrheit ein Abschied, denn der Tod stand hinter ihm. — Eine Kesselexplosion — am nächsten Morgen — zerriß ihn in Atome. — — — — — — — —
Monate waren um, da war sein Bruder Ivan Mercedes’ Geliebter, ein unzugänglicher, hochmütiger Mensch, der jeden Verkehr mied. — Beide bewohnten die Villa beim Stadttor, — abgeschieden von allen Bekannten, — und lebten nur einer wilden, wahnsinnigen Liebe.
Wer sie so gesehen, wie ich, abends in der Dämmerung durch den Park gehen, aneinandergeschmiegt, sich fast im Flüstertone unterhaltend, weltverloren — keinen Blick für die Umgebung —, der begriff, daß eine übermächtige, unserem Blute fremde Leidenschaft diese beiden Wesen zusammengeschmiedet hielt. — — — — —
Da — plötzlich — kam die Nachricht, daß auch Ivan verunglückt —, bei einer Ballonfahrt, die er scheinbar planlos unternommen, auf rätselhafte Weise aus der Gondel gestürzt sei.
Wir alle dachten, Mercedes werde den Schlag nicht verwinden.
— — Wenige Wochen später — im Frühjahr — fuhr sie in ihrem offenen Wagen an mir vorüber. Kein Zug in dem regungslosen Gesicht sprach von ausgestandenem Schmerze. Mir war, als ob eine ägyptische Bronzestatue, die Hände auf den Knien ruhend, den Blick in eine andere Welt gerichtet, und nicht ein lebendes Weib an mir vorbeigefahren sei. — — — Noch im Traume verfolgte mich der Eindruck: Das Steinbild des Memnon mit seiner übermenschlichen Ruhe und den leeren Augen in einer modernen Equipage in das Morgenrot fahrend, — immer weiter und weiter durch purpurleuchtende Nebel und wallenden Dunst der Sonne zu. — Die Schatten der Räder und Pferde unendlich lang — seltsam zerzogen — grauviolett, wie sie im Lichte des Frühmorgens gespenstergleich über die tauignassen Wege zucken.
— — — — — — — — —
Lange Zeit war ich dann auf Reisen und sah die Welt und manches wunderbare Bild, doch haben wenige so auf mich gewirkt. — Es gibt Farben und Formen, aus denen unsere Seele wache, lebendige Träume spinnt. — Das Tönen eines Straßengitters in der Nachtstunde unter unserm Fuß, ein Ruderschlag, eine Duftwelle, die scharfen Profile eines roten Häuserdaches, Regentropfen, die auf unsere Hände fallen, — sie sind oft die Zauberworte, die solche Bilder in unser Empfinden zurückwinken. Es liegt ein tief melancholisches Klingen wie Harfentöne in solchem Erinnerungsfühlen.
Ich kehrte heim und fand Tonio als des Russen Nachfolger bei Mercedes. — Betäubt vor Liebe, gefesselt an Herz — an Sinnen, — gefesselt an Händen, gefesselt an Füßen, — wie jener. — Ich sah und sprach Mercedes oft: dieselbe zügellose Liebe auch in ihr. — Zuweilen fühlte ich wieder ihren Blick forschend auf mir ruhen.
Wie damals in der Orchideen-Nacht.
In der Wohnung Manuels — unseres gemeinsamen Freundes — kamen wir manchmal zusammen, — Tonio und ich. Und eines Tages saß er dort am Fenster — gebrochen. Die Züge verzerrt, wie die eines Gefolterten.
Manuel zog mich schweigend beiseite.
Es war eine merkwürdige Geschichte, die er mir hastig flüsternd erzählte: Mercedes, Satanistin, — eine Hexe —! Tonio hatte es aus Briefen und Schriften, die er bei ihr gefunden, entdeckt. Und die beiden Russen waren von ihr durch die magische Kraft der Imagination, — mit Hilfe von Bologneser Tränen, — +ermordet+ worden. —
Ich habe das Manuskript später gelesen: Das Opfer, heißt es darin, wird zur selben Stunde in Stücke zerschmettert, wenn man die Bologneser Träne, die von ihm im Munde getragen und dann in heißer Liebe verschenkt wurde, in der Kirche beim Hochamt zerbricht.
Und Ivan und sein Bruder hatten ein so plötzliches schauerliches Ende gefunden! —