Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten

Part 4

Chapter 43,662 wordsPublic domain

Sie rückte dicht neben mich, und ich erinnerte mich dunkel, daß sie mir einmal ein Glas Champagner über die Manschette gegossen hatte. — — Ihre Kleider strömten einen beißenden Geruch aus, man mußte fast niesen, wenn sie sich bewegte.

„Sie heißt natürlich Germer, — Fräulein Germer, wissen Sie“, sagte der Doktor Zitterbein laut.

Da lachte der Akrobat kurz auf und sah sie an und zuckte mit den Achseln, als ob er etwas Entschuldigendes sagen wolle.

Ich ekelte mich vor ihm, er hatte handbreite Hautentartungen am Halse — wie ein Truthahn, aber krausenartig — ringsherum und von blasser Farbe.

Und sein mattfleischfarbenes Trikot schlotterte an ihm von oben bis unten, weil er engbrüstig und mager war. Auf dem Kopfe trug er einen flachen, grünlichen Deckel mit weißen Tupfen und Knöpfen. Er war aufgestanden und tanzte mit einer, die hatte eine Kette gesprenkelter Beeren um den Hals.

Sind neue Frauenzimmer hereingekommen? fragte ich Lord Hopeleß mit den Augen.

„Es ist die Ignatia — meine Schwester“, sagte Albine Veratrine, und wie sie das Wort „Schwester“ sagte, blinzelte sie mich aus den Augenwinkeln an und lachte hysterisch.

Dann streckte sie mir plötzlich die Zunge heraus, und ich sah, daß sie einen trockenen, langen, roten Streifen mitten darauf hatte, und entsetzte mich.

Es ist wie eine Vergiftungserscheinung, dachte ich mir, warum hat sie einen roten Streifen? — — Es ist wie eine Vergiftungserscheinung.

Und wieder hörte ich wie von weitem die Musik:

„Ja, ja die Kla—re Ist mir die wah—re“,

und ich wußte bei geschlossenen Augen, wie alle im Takt dazu mit den Köpfen nickten. — — — —

Es ist wie eine Vergiftungserscheinung, träumte ich und wachte in einem Kälteschauer auf:

Der Bucklige in dem grünen, fleckigen Wams hatte eine Dirne auf dem Schoße und zupfte ihr mit eckig zuckenden Händen, wie im Veitstanz und als wolle er den Rhythmus einer unhörbaren Musik angeben, die Kleider ab.

Dann stand Doktor Zitterbein mühsam auf und knöpfte ihr die Achselbänder los.

— — — — — — — — —

„Zwischen Sekunde und Sekunde liegt immer eine Grenze, die ist nicht +in+ der Zeit, die ist nur gedacht. Das sind so Maschen, wie bei einem Netz“ — hörte ich den Buckligen reden, — „und diese Grenzen zusammengezählt sind noch immer keine Zeit, aber wir denken sie doch, — einmal, noch einmal, noch eine, eine vierte — —

Und wenn wir nur in diesen +Grenzen+ leben und die Minuten und Sekunden vergessen und nicht mehr wissen, — dann sind wir gestorben, dann leben wir den Tod.

Ihr lebet fünfzig Jahre lang, davon stiehlt euch die Schule zehn: sind vierzig.

Und zwanzig frißt der Schlaf: sind zwanzig.

Und zehn sind Sorgen, macht zehn.

Und fünf Jahre regnet es: bleiben fünf.

Von diesen fürchtet ihr euch vier hindurch vor morgen, so lebet ihr ein Jahr — — +vielleicht+!

Warum wollt ihr nicht sterben?!

Der Tod ist schön.

Da ist Ruhe, immer Ruhe.

Und kein Sorgen um morgen.

Da ist die schweigende Gegenwart, die ihr nicht kennt, da ist kein Früher und kein Später.

Da liegt die schweigende Gegenwart, die ihr nicht kennt! — Das sind die verborgenen Maschen zwischen Sekunde und Sekunde im Netz der Zeit.“

— — — — — — — — —

Die Worte des Buckligen sangen in meinem Herzen, und ich blickte auf und sah, wie dem Mädchen das Hemd heruntergefallen war und sie nackt auf seinem Schoße saß. Sie hatte keine Brüste und keinen Leib — nur einen phosphoreszierenden Nebel vom Schlüsselbein zur Hüfte.

Und er griff mit den Fingern in den Nebel hinein, da schnarrte es wie Baßsaiten, und rasselnd fielen Stücke Kesselstein heraus. — So ist der Tod, fühlte ich — wie Kesselstein.

Da hob sich langsam die Mitte des weißen Tischtuches wie eine große Blase, — ein eisiger Luftzug wehte und verwehte den Nebel. Glitzernde Saiten kamen ans Licht, die zogen sich vom Schlüsselbein der Dirne bis zur Hüfte. Ein Wesen, halb Harfe, halb Weib!

Der Bucklige spielte darauf, träumte mir, ein Lied von Tod und Lustseuche, das klang in einen fremdartigen Hymnus aus:

„In Leiden kehrt sich um die Lust, In Wohl gewiß nicht, — sicherlich! Wer Lust ersehnt, wer Lust erkürt, Erkürt sich Leid, ersehnt sich Leid: Wer nimmer Lust ersehnt, erkürt, Erkürt, ersehnt sich nimmer Leid.“

Und mir kam ein Heimweh nach dem Tode bei diesen Strophen, und ich sehnte mich nach dem Sterben.

Doch im Herzen bäumte sich das Leben auf — ein dunkler Trieb. Und Tod und Leben standen drohend einander gegenüber; das ist der Starrkrampf.

Mein Auge war unbeweglich, und der Akrobat beugte sich über mich, und ich sah sein schlotteriges Trikot, den grünlichen Deckel auf seinem Kopf und die Halskrause.

„Starrkrampf“, wollte ich lallen und konnte nicht.

Wie er von einem zum andern ging und ihnen lauernd ins Gesicht blickte, wußte ich, wir sind gelähmt: er ist wie ein +Giftschwamm+.

Wir haben giftige Schwämme gegessen und ~Veratrum album~ dabei, das Kraut des weißen Germers.

Das alles sind Nachtgesichte!

Ich wollte es laut rufen und konnte nicht.

Ich wollte zur Seite sehen und konnte nicht.

Der Bucklige mit der weißlackierten Maske stand leise auf, und die anderen folgten ihm und ordneten sich schweigend in Paare.

Der Akrobat mit der Französin, der Bucklige mit der menschlichen Harfe, Ignatia mit Albine Veratrine. — So zogen sie im fersenzuckenden Cake-Walk-Schritt zu zwei und zwei in die Wand hinein.

Einmal noch drehte sich Albine Veratrine nach mir um und machte eine obszöne Bewegung.

Ich wollte meine Augen zur Seite drehen oder die Lider schließen und konnte nicht, — ich mußte immer die Uhr sehen, die an der Wand hing, und wie ihre Zeiger wie diebische Finger um das Zifferblatt schlichen.

Dabei tönte mir in den Ohren das freche Couplet:

„Ja, ja die Kla—re Ist mir die wah—re. Trala, trala, trala, Tra—lalala—la“,

und wie ein ~Basso ostinato~ predigte es in der Tiefe:

„In Leiden kehrt sich um die Lust: Wer nimmer Lust ersehnt, erkürt, Erkürt, ersehnt sich nimmer Leid.“

Ich genas von dieser Vergiftung nach langer, langer Zeit, die andern aber sind alle begraben.

Sie waren nicht mehr zu retten, — hat man mir gesagt, — als Hilfe kam.

Ich aber ahne, man hat sie scheintot bestattet, wenn auch der Arzt sagt, Starrkrampf komme nicht von giftigen Schwämmen, Muskarinvergiftung sei anders; — ich ahne, man hat sie alle scheintot begraben und muß schaudernd an den Klub Amanita denken und den gespenstischen buckligen Diener, den gefleckten Aron mit der weißen Maske.

Der Buddha ist meine Zuflucht

Das hab’ ich gehört:

Zu einer Zeit lebte ein alter Musiker in dieser Stadt; arm und verlassen. Das Zimmer, in dem er wohnte, in dem er einen Teil der Nacht zubrachte und einen Teil des Tages, war eng, düster, armselig, und in dem armseligsten, engsten, düstersten Viertel gelegen.

Nicht von je war der Alte so verlassen gewesen. An Jahre konnte er zurückdenken, an Jahre voll Pracht und Prunk — und was an Glanz die Erde dem Reichsten bietet, das hatte sie einst ihm geboten.

Was an Freude die Erde dem Freudvollen bietet, das hatte sie einst ihm geboten.

Was an Wonnen und Schönheit die Erde dem Glücklichen bietet und dem Schönen bietet, das hatte sie auch ihm geboten.

An einem Tage aber war die Wende in seinem Glücke gekommen. So wie an einem hellen Morgen die Sonne aufsteigt in wolkenlosem Himmel, ihren Höhepunkt erreicht an Klarheit, um dann niederzugehen und in trübes Dunkel zu tauchen, in dichtes Dunkel zu tauchen, in undurchdringliches Dunkel zu tauchen, dann unsichtbar wird, in Nacht versinkt.

Und als die Wende in seinem Glücke gekommen war und jeder neue Tag neues Unheil brachte, hatte er Hilfe im Gebet gesucht; — auf daß sein Untergang aufgehalten werde, auf den Knien gelegen lange und viele Nächte.

Aber Pracht und Prunk verblaßten, Freude und Glanz schwanden dahin, sein Reichtum zerbrach. Sein Weib verließ ihn, sein Kind starb, als er in seiner Armut nichts mehr besaß, es zu pflegen.

Da hatte er um nichts mehr gebetet.

— So trat seine Seele in die Dunkelheit. —

Wie in tiefer Nacht, wenn Finsternis die Formen und Kanten und Farben der Dinge und Wesen verschlungen hat, und eines vom andern nicht mehr kann unterschieden werden, — wie in tiefer Nacht der Himmel sich leise, unmerklich hellt vom Schimmer des kommenden Mondes und flüsternd die verschwundenen Formen und Kanten der Dinge und Wesen zu einem andern Leben weckt, so tauchten leise, unmerklich, flüsternd aus dem Dunkel seines Herzens die Worte auf, die er einstmal vernommen, gelesen irgendwo, irgendwann in der Zeit seines Reichtums, — die Worte des Buddha:

„Daher schließ dich an Liebes nicht, Geliebtes lassen ist so schlimm! Kein Daseinsband verstricket den, Dem nichts mehr lieb noch unlieb ist. Aus Liebem sprießet Gram hervor, Aus Liebem sprießet Furcht hervor, Wer sich von Liebem losgesagt, Hat keinen Gram und keine Furcht. Dem Lebenstrieb entsprießt der Gram, Dem Lebenstrieb entsprießt die Furcht: Wer losgelöst vom Lebenstrieb, Hat keinen Gram und keine Furcht.“

Da trat seine Seele in die Dämmerung.

Alles Wünschen und alles Hoffen war von ihm abgefallen, aller Gram, alle Gier, alles Leid, alle Freude.

Morgens, wenn er erwachte, sandte er seine Liebe und sein Mitleid nach Osten, nach Westen, nach Süden, nach Norden, nach oben, nach unten, und wenn er seine Arbeit begann, murmelte er: „Der Buddha ist meine Zuflucht“, und wenn er sich schlafen legte, murmelte er: „Der Buddha ist meine Zuflucht.“

Wenn er sein karges Mahl einnahm, wenn er trank, wenn er aufstand oder sich niedersetzte, wenn er fortging oder wiederkam, murmelte er: „Der Buddha ist meine Zuflucht.“

Verschlossen wurden da die Tore seiner Sinne, daß Wünschen und Hassen, — Gier, Leid und Freude keinen Einlaß mehr fanden.

An Feiertagen, wenn die Glocken läuteten, — zuweilen —, holte er eine Glasplatte hervor und befestigte sie an seinem Tisch, schüttete feine Sandkörner darauf, und wenn er mit dem Bogen seines Cello an dem Rande des Glases niederstrich, daß es sang, schwingend und klingend, tanzte der Sand und bildete kleine, feine, regelmäßige Sterne. — Klangfiguren.

Und wie die Sterne und Formen entstanden, wuchsen und vergingen und wieder entstanden, gedachte er dumpf der Lehre des Buddha Gautama vom Leiden, von der Leidensentstehung, von der Leidensvernichtung, von dem zur Leidensvernichtung führenden Pfad. —

„Der Buddha ist meine Zuflucht.“

In das Land zu ziehen, wo die Heiligen leben, die um nichts mehr zu beten haben —, wo einst der Erhabene, Vollendete geweilt — der Aszet Gotamo — und den Weg zur Freiheit gewiesen, — war seine glühende Sehnsucht.

Dort zu suchen, zu finden den Kreis der wenigen Erkorenen, die den lebendigen Sinn der Lehre behüten, den von Herz zu Herzen vererbten, unverdeuteten, unverwirrten, zur atmenden Kraft gewordenen, — war seine glühende Sehnsucht.

Und das Geld zu erwerben, nach Indien pilgern zu können, in das Land seiner glühenden Sehnsucht, spielte er mit verschlossenen Sinnen sein Cello in Schenken seit Tagen und Wochen und Monaten und vielen, vielen Jahren.

Wenn seine Gefährten ihm seinen schmalen Teil reichten, von dem, was sie ersammelt, dachte er an den Erhabenen, Vollendeten, — daß er Ihm wieder näher sei um einen Schritt: „Der Buddha ist meine Zuflucht.“

Weiß und gebrechlich war er so geworden, da kam der Tag, der ihm die letzten noch fehlenden Kreuzer brachte.

— — — — — — — — —

In seinem armseligen düstern Zimmer stand er und starrte auf den Tisch.

Was sollte das Geld dort auf dem Tisch!? — Warum hatte er es gesammelt?

Sein Gedächtnis war erloschen.

Er sann und sann, was sollte das Geld dort auf dem Tisch!

Sein Gedächtnis war erloschen.

Er wußte nichts mehr und konnte nicht mehr denken. Nur immer wieder und wieder, wie eine Welle aus den Wassern springt und zurückfällt, tauchte der Satz auf in seinem Hirn: „Der Buddha ist meine Zuflucht. Der Buddha ist meine Zuflucht.“

Da öffnete sich die Tür, und sein Gefährte, der Geiger, ein mildtätiger, mitleidsvoller Mensch, trat herein.

Der Alte hörte ihn nicht und starrte auf das Geld.

„Wir sammeln heute für die Kinder der Armen“, sagte endlich leise der Geiger.

Der Alte hörte ihn nicht.

„Wir sammeln heute für die Kinder derer, die vom Wege stehen.

Wir alle, arm und reich. — Daß sie nicht frieren und nicht verderben, nicht hungern. Daß sie gepflegt werden, wenn sie krank sind. — — —

Willst du nichts geben. Alter? — — — Und bist doch so reich!“

Der Alte begriff den Sinn der Worte kaum; das dumpfe Gefühl, er dürfe nichts wegnehmen, nichts hergeben von dem Gelde dort auf dem Tisch, hielt sein Herz fest wie ein Bann.

Er konnte nicht sprechen, ihm war, als hätte er diese Welt vergessen.

Ein Traumgesicht zog an ihm vorüber. — Er sah die glühende Sonne Indiens über regungslosen Palmen und schimmernden Pagoden und in der Ferne die weißen Berge blinken.

Die unbewegliche Gestalt Gautama Buddhas kam wie von weitem heran, und wie ein Echo hörte er im Herzen die kristallene Stimme des Vollendeten erklingen, wie sie einst im Walde bei Sumsŭmaragĭram die seltsamen Worte gesprochen:

„+So seh’ ich dich denn hier, Böser! — Laß die Hoffnung fahren: ‚Er sieht mich nicht!‘+

+Wohl kenn’ ich dich, Böser, laß die Hoffnung fahren: ‚Er kennt mich nicht!‘ — Mārō bist du, der Böse.+

+Nicht den Vollendeten plage, nicht des Vollendeten Jünger.+ — —

+Weiche von hinnen aus dem Herzen, Mārō, weiche von hinnen aus dem Herzen, Mārō.+“

Da fühlte der Alte, als lasse eine Hand von ihm. Er gedachte seines eigenen Kindes, — das gestorben, weil er in seiner Armut nicht hatte, es zu pflegen. — Dann nahm er all das Geld, das auf dem Tische lag, und gab es dem Geiger. — — — — — —

„Der Buddha ist meine Zuflucht. Der Buddha ist meine Zuflucht.“

— — — — — — — — —

Der Geiger war fort, und der Alte hatte, wie an Feiertagen, — zuweilen —, wenn die Glocken läuteten, die Glasplatte hervorgeholt und am Tische befestigt.

Und feine Sandkörner darauf geschüttet.

Als er mit dem Bogen seines Cello an dem Rande des Glases niederstrich, daß es sang, schwingend und klingend, tanzte der Sand und bildete kleine, feine, regelmäßige Sterne.

Und wie die Sterne und Formen entstanden, wuchsen und vergingen und wieder entstanden, gedachte er dumpf der Lehre des Buddha Gautama vom Leiden, von der Leidensentstehung, von der Leidensvernichtung, von dem zur Leidensvernichtung führenden Pfad. Da begab es sich, daß durch das löchrige Dach des Zimmers eine Schneeflocke herab auf den Tisch fiel, einen Augenblick verweilte und zerging. — Ein kleiner, feiner, regelmäßiger Stern.

Wie ein Blitz die Finsternis zerreißt, plötzlich — so war da das Licht der Erkenntnis in das Herz des Alten gefallen:

+Töne+, unerkannte, unhörbare, jenseitsliegende, sind der Ursprung dieser Flocken, dieser Sterne, sind der Ursprung der Natur, der Ursprung aller Formen, der Wesen und Dinge, sind der Ursprung +dieser+ Welt.

Nicht ist +diese+ Welt die wirkliche Welt: klar ward er sich dessen bewußt.

Nicht ist +diese+ Welt die wirkliche, nicht entstehende, nichtvergehende, nichtwiederumentstehende Welt: — klar ward er sich dessen bewußt.

Und klaren bewußten Sinnes erkannte er des Weltalls verborgenen Pulsschlag und das Innere seines Herzens, des Abgeklärten, Trieberstorbenen, Wahnversiegten, darinnen die Stille des Meeres herrschte und eine letzte Welle schlafengehend sprang und fiel:

„Der Buddha ist meine Zuflucht ... Der Buddha ist meine Zuflucht.“

Das Wachsfigurenkabinett

„Es war ein guter Gedanke von dir, Melchior Kreuzer zu telegraphieren! — Glaubst du, daß er unserer Bitte Folge leisten wird, Sinclair? Wenn er den ersten Zug benutzt hat“ — Sebaldus sah auf seine Uhr — „muß er jeden Augenblick hier sein.“

Sinclair war aufgestanden und deutete statt jeder Antwort durch die Fensterscheibe.

Und da sah man einen langen schmächtigen Menschen eilig die Straße heraufkommen.

„Manches Mal gleiten Sekunden an unserm Bewußtsein vorbei, die uns die alltäglichsten Vorgänge so schreckhaft neu erscheinen lassen, — hast du es auch zuweilen, Sinclair? — Es ist, als sei man plötzlich aufgewacht und sofort wieder eingeschlafen und habe währenddessen einen Herzschlag lang in bedeutsame rätselvolle Begebnisse hineingeblickt.“

Sinclair sah seinen Freund aufmerksam an. „Was willst du damit sagen?“

„Es wird wohl der verstimmende Einfluß sein, der mich in dem Wachsfigurenkabinett befiel,“ fuhr Sebaldus fort, „ich bin unsäglich empfindlich heute, — — — als soeben Melchior von weitem herankam und ich seine Gestalt immer mehr und mehr wachsen sah, je näher sie kam, — da lag etwas, was mich quälte, etwas — wie soll ich nur sagen — Nicht-Heimliches für mich darin, daß die Entfernung alle Dinge zu verschlingen vermag, ob es jetzt Körper sind oder Töne, Gedanken, Phantasien oder Ereignisse. Oder umgekehrt, wir sehen sie zuerst winzig von weitem, und langsam werden sie größer, — alle, alle, — auch die, die unstofflich sind und keine räumliche Strecke zurücklegen müssen. — Aber ich finde nicht die rechten Worte, fühlst du nicht, wie ich es meine? — Sie scheinen alle unter demselben Gesetze zu stehen!“

Der andere nickte nachdenklich mit dem Kopfe.

„Ja, und manche Ereignisse und Gedanken, die schleichen verstohlen heran, — als ob es ‚dort‘ — etwas wie Bodenerhebungen oder dergleichen gäbe, hinter denen sie sich verborgen halten könnten. — Plötzlich springen sie dann hinter einem Versteck hervor und stehen unerwartet, riesengroß vor uns da.“

Man hörte die Tür gehen, und gleich darauf trat Dr. Kreuzer zu ihnen in die Weinschenke.

„Melchior Kreuzer — Christian Sebaldus Obereit, Chemiker“, stellte Sinclair die beiden einander vor.

„Ich kann mir schon denken, weshalb Sie mir telegraphiert haben“, sagte der Angekommene. — „Frau Lukretias alter Gram!? Auch mir fuhr es in die Glieder, als ich den Namen Mohammed Daraschekoh gestern in der Zeitung las. Haben Sie schon etwas herausgebracht? Ist es derselbe?“

— — — — — — — — —

Auf dem ungepflasterten Marktplatz stand der Zeltbau des Wachsfigurenkabinetts, und aus den hundert kleinen zackigen Spiegeln, die auf dem Leinwandgiebel in Rosettenschrift die Worte formten:

Mohammed Daraschekohs orientalisches Panoptikum, vorgeführt von Mr. Congo-Brown

glitzerte rosa der letzte Widerschein des Abendhimmels.

Die Segeltuchwände des Zeltes, mit wilden, aufregenden Szenen grell bemalt, schwankten leise und bauchten sich zuweilen wie hautüberspannte Wangen aus, wenn im Innern jemand umherhantierte und sich an sie lehnte.

Zwei Holzstufen führten zum Eingang empor, und oben stand unter einem Glassturz die lebensgroße Wachsfigur eines Weibes in Flittertrikot.

Das fahle Gesicht mit den Glasaugen drehte sich langsam und sah in die Menge hinab, die sich um das Zelt drängte, — von einem zum andern; blickte dann zur Seite, als erwarte es einen heimlichen Befehl von dem dunkelhäutigen Ägypter, der an der Kasse saß, und schnellte dann mit drei zitternden Rucken in den Nacken, daß das lange schwarze Haar flog, um nach einer Weile wieder zögernd zurückzukehren, trostlos vor sich hinzustarren und die Bewegungen von neuem zu beginnen.

Von Zeit zu Zeit verdrehte die Figur plötzlich Arme und Beine wie unter einem heftigen Krampfe, warf hastig den Kopf zurück und beugte sich nach hinten, bis die Stirn die Fersen berührte.

„Der Motor dort hält das Uhrwerk in Gang, das diese scheußlichen Verrenkungen bewirkt,“ sagte Sinclair halblaut und wies auf die blanke Maschine an der andern Seite des Eingangs, die, in Viertakt arbeitend, ein schlapfendes Geräusch erzeugte.

„~Electrissiti~, Leben ja, lebendig alles ja“, leierte der Ägypter oben und reichte einen bedruckten Zettel herunter. „In halb’ Stunde Anfang ja.“

„Halten Sie es für möglich, daß dieser Farbige etwas über den Aufenthalt des Mohammed Daraschekoh weiß?“ fragte Obereit.

Melchior Kreuzer aber hörte nicht. Er war ganz in das Studium des Zettels vertieft und murmelte die Stellen, die besonders hervorstachen, herunter.

„Die magnetischen Zwillinge Vayu und Dhanándschaya (mit Gesang), was ist das? Haben Sie das gestern auch gesehen?“ fragte er plötzlich.

Sinclair verneinte. „Die lebendigen Darsteller sollen erst heute auftreten und — —“

„Nicht wahr, Sie kannten doch Thomas Charnoque, Lukretias Gatten, persönlich, Dr. Kreuzer?“ unterbrach Sebaldus Obereit.

„Gewiß, wir waren jahrelang Freunde.“

„Und fühlten Sie nicht, daß er etwas Böses mit dem Kinde vorhaben könne?“

Dr. Kreuzer schüttelte den Kopf. — „Ich sah wohl eine Geisteskrankheit in seinem Wesen langsam herankommen, aber niemand konnte ahnen, daß sie so plötzlich ausbrechen würde. — Er quälte die arme Lukretia mit schrecklichen Eifersuchtsszenen, und wenn wir Freunde ihm das Grundlose seines Verdachtes vorhielten, so hörte er kaum zu. — Es war eine fixe Idee in ihm! — Dann, als das Kind kam, dachten wir, es werde besser mit ihm werden. — Es hatte auch den Anschein, als wäre dem so. — Sein Mißtrauen war aber nur noch tiefer geworden, und eines Tages erhielten wir die Schreckensbotschaft, es sei plötzlich der Wahnsinn über ihn gekommen, er habe getobt und geschrien, habe den Säugling aus der Wiege gerissen und sei auf und davon.

Und jede Nachforschung blieb vergeblich. — Irgend jemand wollte ihn noch mit Mohammed Daraschekoh zusammen auf einem Stationsbahnhof gesehen haben. — Einige Jahre später kam wohl aus Italien die Nachricht, ein Fremder namens Thomas Charnoque, den man oft in Begleitung eines kleinen Kindes und eines Orientalen gesehen, sei erhenkt gefunden worden. — Von Daraschekoh jedoch und dem Kinde keine Spur.

Und seitdem haben wir umsonst gesucht! — Deshalb kann ich auch nicht glauben, daß die Aufschrift auf diesem Jahrmarktszelt mit dem Asiaten zusammenhängt. — Andererseits wieder der merkwürdige Name Congo-Brown!? — Ich kann den Gedanken nicht los werden, Thomas Charnoque müsse ihn früher hie und da haben fallen lassen. — Mohammed Daraschekoh aber war ein Perser von vornehmer Abkunft und verfügte über ein geradezu beispielloses Wissen, wie käme der zu einem Wachsfigurenkabinett?!“

„Vielleicht war Congo-Brown sein Diener, und jetzt mißbraucht er den Namen seines Herrn?“ — riet Sinclair.

„Kann sein! Wir müssen der Fährte nachgehen. — Ich lasse es mir auch nicht nehmen, daß der Asiat in Thomas Charnoque die Idee, das Kind zu rauben, geschürt, sie vielleicht sogar angeregt hat. —

Lukretia haßte er grenzenlos. Aus Worten zu schließen, die sie fallen ließ, scheint es mir, als habe er sie unaufhörlich mit Anträgen verfolgt, trotzdem sie ihn verabscheute. — Es muß aber noch ein anderes, viel tieferes Geheimnis dahinter stecken, das Daraschekohs Rachsucht erklären könnte! — Doch aus Lukretia ist nichts weiter herauszubekommen, und sie wird vor Aufregung fast ohnmächtig, wenn man das Gebiet auch nur flüchtig berührt.

Überhaupt war Daraschekoh der böse Dämon dieser Familie. Thomas Charnoque hatte vollständig in seinem Bann gestanden und uns oft anvertraut, er halte den Perser für den einzigen Lebenden, der in die grauenvollen Mysterien einer Art präadamitischer geheimer Kunstfertigkeit, wonach man den Menschen zu irgendwelchen unbegreiflichen Zwecken in mehrere lebende Bestandteile zerlegen könne, eingeweiht sei. Natürlich hielten wir Thomas für einen Phantasten und Daraschekoh für einen bösartigen Betrüger, aber es wollte nicht glücken, Beweise und Handhaben zu finden — —

Doch ich glaube, die Produktion beginnt. — Zündet nicht schon der Ägypter die Flammen rings um das Zelt an?“

— — — — — — — — —

Die Programmnummer „Fatme, die Perle des Orients“ war vorüber, und die Zuschauer strömten hin und her oder sahen durch die Gucklöcher an den mit rotem Tuch bespannten Wänden in ein roh bemaltes Panorama hinein, das die Erstürmung von Delhi darstellte.

Stumm standen andere vor einem Glassarg, in dem ein sterbender Turko lag, schweratmend, die entblößte Brust von einer Kanonenkugel durchschossen, — die Wundränder brandig und bläulich.