Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 3
Ja, staune du nur, schöne Leserin! +Frau+ Veronika +Schoißengeyers Villa+. Denn kaum ein paar Jährlein, oder so, waren ins Land gegangen, seit wir Zeugen von Veronikas Triumphen gewesen, als die Künstlerin dem wackern Charcutier errötend zum Altare folgte.
Ja, ja, und du, lieber Leser, hättest es wohl auch nicht vermutet! Ja, ja, demselbigen Charcutier Schoißengeyer, der damals die unbedachte Äußerung tat.
Und was ihn betrifft, selbst heute noch, wenn der Wackere, — beut das Kirchweihfest frischfröhliche Lustbarkeit, — ein wenig zu tief in das Krüglein geguckt, kannst du ihn plötzlich ein gar ernsthaft Gesicht machen sehen, und hast du ein scharfes Ohr, werden dir auch gewiß seine gemurmelten Worte nicht entgehen: Ich woaß nöt, i glaub halt allaweil, ’s is a Sau!
Doch du und ich, wir beide, wissen nur zu gut, was er damit meint. Daß es nur Reminiszenzen sein können an jenen Abend, da sich Veronika in aller Herzen sang und tanzte. Ein erkleckliches Sümmchen war es, das das heute so rundliche, aber immer noch so resolute Frauchen so ganz still und ohne viel Aufhebens durch ihre Kunst erworben hatte, ehe es den Brettern, die die Welt und — leider muß es gesagt sein — nicht immer die des Herzensreinen bedeuten, für immer Valet sagte, und von dessen Zinsen, nicht zu vergessen dessen, was der zielbewußte Gatte vordem durch nimmerrastender Hände Arbeit geschaffen, das Paar nun einträglich schaltete und waltete.
Und willst du jetzt, geneigte Leserin, Zeugin sein eines stillzufriedenen Glückes, — komm, folge mir in das behagliche Stübchen, wo Vater Schoißengeyer von des Tages Unrast und Mühsal verschnaufend, an dem grünen Kachelofen sitzend, der derben Stiefel entledigt, in den stets weißen blitzsaubern Socken die fleißigen Füße — die von treubesorgt emsigem Auf- und Niedergang in dem schmucken Anwesen so ermüdeten — Erquickung atmen läßt.
Frau Veronika, wie immer in der geliebten Tracht ihrer Heimat, wehrt den übermütigen Rangen, die, zwölf an der Zahl, bei der stämmigen Gestalt ihres Erzeugers doch alle der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, sie jauchzend umdrängen. Gestehet, ist das nicht ein entzückendes Bild?! Ein erhebendes Symbol wahren dauernden Glückes zweier, die mit klarer Besonnenheit ihren gegenseitigen schlichten Wert erkannten und jedem Tande abhold, stets ihrem Stande, ihrem Stamme treu geblieben waren. Die nie zu hoch hinaus gewollt ins Unreale und flugs zugegriffen, wenn es galt, ehrlichen irdischen Vorteil beim Schopfe zu fassen. Oh, könnte sich unser Auge, wohin es in der Welt auch blicke, doch stets an solch inniger Vollkommenheit erlaben!
Doch jetzt geht das Öl der Lampe zur Neige, und alles sucht die schwellende Lagerstätte auf.
Nur Frau Veronika bleibt noch ein Weilchen und gedenkt im stillen der bewegten Vergangenheit, der nahen und doch, ach, so fernen.
Wie ihr guter Mann verlegen die Ballonmütze in den Händen gedreht, damals, und sie ihm ohne viel Federlesens um den Hals gefallen war. Und der Ärger des verschmähten Freiers, jenes windigen Gecken, dem es ja doch nur um ihr Geld zu tun gewesen.
Und dann die Hochzeit! Die Hochzeit in Linz, der Vaterstadt ihres Schoißengeyer — —!!
„Brock’ mer uns a Sträuß-la, Steck’ mer’s uns aufs Hüat-la. So san mir Landsleut’, Linzerische Bua’m — —“
Frau Veronika wiegte summend das Köpfchen, und ihre Augen wurden feucht.
Wiederum, als sei es eben erst gewesen, sah sie im Geiste die Deputation des oberösterreichischen Dichterbundes feierlich auf sich zuschreiten und ihr die Ehrengabe überreichen, einen breiten, wunderschönen roten „Andreas-Hofer“-Gürtel und dazu, wie der Sprecher schelmisch hervorhob, für ihren künftigen Erstgeborenen einen prachtvollen künstlichen Kropf aus fleischfarbenem Leder zum Umschnallen, falls ihn dereinst die Zünfte zum Abgeordneten für die Alpenländer wählen sollten. Rasch sich in die Lage findend, hatte Veronika damals in schmuckloser Einfachheit das „Zu Mantua in Banden“ vorgetragen, und als sie mit dem herzzerreißenden Wehruf:
„Franzosen, ach, wie schießt ihr schlecht“
schloß, da wischten sich die bärtigen Männer mit den rauhen Handrücken über die Augen.
Es ging ein Schluchz durch Österreichs Gaue!
— — — — — — — — —
Selig lächelte Frau Veronika vor sich hin. Dann sehnte auch sie sich nach der labenden Ruhe des Schlummers an der Seite des geliebten Gatten —
„Sie nimmt das Licht und geht zu Bett Und spricht: der Abend war so nett.“
— — — — — — — — —
Schlußgesang
Und wir? Lasset uns kommen zu Hauf allesamt und dem Wildschwein Veronika ein treulich Andenken bewahren auch fürder. Und drohe auch welsche Art wie nächtlich grimmer Wolf unsere Hürde zu beschleichen, die tückischen Krallen zu wetzen nach dem Hort teutscher Kunst, — nein, Herz, sei unverzagt, nimmermehr sollen sie es uns entfremden — die Pierre Lotis, die Oskar Wildes und Maeterlincke, die Strindberge, Wedekinde und der grämliche Ibsen und wie sie alle heißen mögen, diese ausgestoßenen Stiefkinder bodenständiger unverfälschter Fabulierkunst, — nimmermehr entfremden das holde, innigschlichte Bild
+unserer, unserer, unserer Veronika+.
Das walte Gott!
Izzi Pizzi
Die letzte Sehenswürdigkeit, die ich auf einer Gesellschaftsreise zu mir nahm, war das „goldene Dachl“ in Innsbruck gewesen.
Seitdem habe ich bei Wischnu geschworen, nichts dergleichen mehr zu besichtigen.
Ich gebe lieber ganz offen zu, daß ich ein verkommener Mensch bin, der kein Interesse an den Dingen hat, die die Nation mit Stolz erfüllen — den selbst die erbeutetsten Kanonen langweilen und dessen Herz auch beim Anblick der Spitzenbinden Klothilde der Keuschen nicht höher schlägt.
So ein Kerl wie ich weiß nichts Besseres zu tun, als auf einer Reise in den Straßen herumzubummeln, Leute zu betrachten, stundenlang auf dem Tandelmarkt zu stehen oder in Schaufenster zu gucken. —
So hatte auch ich es wieder einmal den ganzen Tag getrieben, und als der Abend kam, zog ich meinen Kompaß aus der Tasche und schlug jene Richtung ein, die am schnellsten und sichersten weg von dem Theater der Stadt führt. —
Ein zweites Theater gab es bestimmt nicht, das hatte mir ein Polizeimann auf Ehrenwort versichert, und so war ich denn ganz beruhigt. —
Nicht lange, und ich studierte das auffallende Plakat der „Wiener Orpheum-Gesellschaft“ beim Schein der darüberhängenden roten Laterne:
„Izzi Pizzi, die reizende jugendliche Chansonette, genannt der ‚Stolz von Hernals‘, debütiert heute abermals,“ so las ich, schlug an meine Brust, ob ich meine Brieftasche auch ganz sicher bei mir habe, und betrat mit dem entschlossenen Schritte des Wüstlings das „Schwarze Roß“. So wurde das Lokal genannt — offenbar nach dem bärtigen Besitzer, der mir eine Glastür wies. —
Ein langes, schmales Zimmer, gesteckt voll. — Ich setze mich an jenen Tisch, der mit „reserviert“ bezeichnet ist und daher dem Kenner sagt, daß hier nur Wüstlinge sitzen dürfen. —
Soeben betritt Izzi Pizzi das Podium und singt das herrliche Lied: „Ja, mir von Lerchenfeld, mir san hussarisch g’stellt.“ — Bei dem Worte Lerchenfeld produziert sie jedesmal eine Armbewegung von unnachahmlicher Grazie, tritt mit dem linken Fuß zurück und stellt ihn auf die Spitze.
Die oder keine, flüstert mein pochendes Herz.
Ich rufe den Zahlkellner, zücke einen Silbergulden und lade die Schöne zum Souper.
— Halb zwölf Uhr, und die Vorstellung wird gleich zu Ende sein. —
Etelka Horváth, ein schwarzes Ungarmädel, schlank wie eine Gerte, strampft noch die Schlußtakte eines wunderschönen ixbeinigen Csardás und heult ä und ö dabei. —
„Die Dame wird sofort erscheinen“, meldet der Kellner.
Ich setze den Hut auf, lasse meinen Überzieher im Stich und gehe über den Hof ins „~Chambre séparée~“. —
Es ist bereits gedeckt.
Für +drei+ Personen? — Aha, der blödsinnige Trick mit der Gardedame! —
Und dann viererlei Gläser?! Pfui Teufel! — Was kann man dagegen tun? — Ich versinke in dumpfes Brüten. —
Ein rettender Gedanke: „Sie, Oberkellner, schicken Sie sofort zu Franz Maader, Weinhandlung in der Eisengasse, um eine große Steinflasche Otschischciena, verstehen Sie? Otschischciena — O—tschisch—ciena!“
Ein Geräusch an der Tür!
Ein fraisfarbener Mantel mit wabernden blonden Federn und einem blauen Mühlstein tritt ein. — Ich mache drei Schritte auf das Phantom zu und verbeuge mich ernst und feierlich.
„Izzi Pizzi“, stellt sich der Mantel zuerst vor.
„Baron Semper Saltomortale vom Vorgebirge Athos“, erwidere ich ruhig und würdevoll.
Zwei blaue, große Augen schauen mich mißtrauisch an. — Ich reiche der Dame den Arm und führe sie zu Tisch.
Was ist denn das?! Ein schwarzer Seidenklumpen mit Schmelztropfen sitzt bereits dort? — Ich reiße die Augen auf: Teufel! bin ich verrückt geworden? Oder war die Alte am Ende im Klavier versteckt gewesen?
Ich schiebe der Schönen den Sessel unter.
Er ist wirklich ein Ausländer, denkt sie.
„Meine Erzieherin,“ stellt sie die Alte vor, „Sie gestatten doch.“
Der Kellner kommt herein, ich stürze ihm entgegen und stelle ihn noch an der Tür: „Sie, ich zahle weder Schusterrechnungen, noch etwaige gestrige Zechen — und dann: die Krachmandeln ohne Schale, verstanden — daß mir keine Vielliebchen drunter sind, überhaupt ...“
Der Kellner zwinkert verständnisvoll mit dem rechten Auge; — ich drücke ihm ein Trinkgeld in die Hand, wie es sonst nur regierende Herzöge bekommen.
„Und den Stock hängen Sie mir auch her,“ setze ich +laut+ hinzu, damit die Damen keinen Verdacht schöpfen.
Izzi Pizzi bestellt selbst: „Zuerst bringen S’ Kaviar — bringen S’ gleich die ganze Blechbüchs’n, damit man nöt immer klingeln muß ...“
„Kaviar ist sehr gesund“, wendet sie sich zu +mir+ und wirft mir einen Glutblick zu. —
„In meiner Heimat trägt sogar jeder Gentleman eine Zitrone bei sich“, füge ich verständnisinnig hinzu.
— — — — — — — — —
„Der Kaviar ist leider ausgegangen, vielleicht Ölsardinen gefällig?“ sagt der Kellner.
Izzi Pizzi fährt auf: „Aber draußen steht doch noch eine ganze Büchse voll!“
„Da ist Schrot drin, Fräulein“, erwidert der Wackere, eingedenk des erhaltenen Trinkgeldes. —
„Also Krebse — zwölf Stück!“
„Izzi ist ein seltener Vorname“, sage ich zu ihr, als sie mit dem Bestellen endlich fertig ist.
„Izzi ist nur mein Bühnenname, eigentlich heiße ich Ida. — So eine, wie d’ Ida war noch nie da.“
„Geistreich, wie alle Wienerinnen, mein Fräulein.“
„Das sagt der Graf auch immer, nöt wahr, Izzi?“ wirft die Alte mit süßlicher Miene dazwischen.
„Der Graf, der immer so eifersüchtig ist?“ frage ich.
„Sie wissen ...?“ —
„Grafen sind immer eifersüchtig“, ist meine Antwort.
Ich behandle die Chansonette wie eine ~grande dame~ und lege noch nie gesehene exotische Manieren an den Tag.
Der Alten tritt bereits der Schweiß auf die Stirn — von dem ewigen, verbindlichen Lächeln.
Izzi heuchelt verhaltene Glut und hängt rachsüchtig im Geist an die Zahl, die sie in Verbindung mit meinem Portemonnaie in Gedanken trägt, eine Null an.
„Multiplizieren Sie sie mit fünf“, fahre ich unvermittelt heraus. —
Entsetzt zuckt die Kleine zusammen: „Wie kommen Sie darauf? Was sagen Sie da?“
Kann er Gedanken lesen? denkt sie.
Die Gardedame glotzt mich stier an und scheint zu glauben, ich sei verrückt geworden.
Ich sinne nach irgend einer unklaren Antwort, da bringt der Kellner die Krebse.
Die beiden „Damen“ warten verlegen auf mich, was ich wohl Seltsames mit den Krebsen beginnen werde.
Ich lasse sie warten und putze sorgsam mein Monokel.
Die Alte hüstelt und rückt an ihrem Schmelzskalp. Die Junge nestelt an ihrer Bluse.
Endlich erbarme ich mich, blicke schmerzlich auf meine Fingernägel, nehme einen Krebs und wickle ihn in meine Serviette, die ich sodann vor mich auf den Tisch lege. —
Izzi hat es mir bereits nachgemacht, nur die Alte traut sich noch nicht recht.
Dann schlage ich mit der Faust darauf und wickle den zertrümmerten Krebs wieder aus.
Die Alte ist starr vor Staunen. „Krebsflecken gehen nicht aus der Wäsche“, fährt es ihr heraus.
„Kusch“, murmelt halblaut die Junge und gibt ihr einen Fußtritt unter dem Tisch.
In meinem Herzen jubelt die Hölle.
— — — — — — — — —
„Der Rheinwein war sauer, und der Burgunder hat an Stich g’habt“, hat die kleine Ida gesagt, ganz glücklich, daß das dumme Essen vorbei und mit ihm die Gelegenheit, sich arg zu blamieren.
Die Alte hat nur geknabbert.
Siehst du, alte Bestie, denke ich mir, hättest du Mythologie studiert, so wüßtest du jetzt, was der gottselige Tantalus damals gelitten hat!
Aber jetzt kommt der Sekt, du dummer Fex, und +trinken+ kann jeder, wie er will, da gibt’s keine Arabesken, denkt sich die Alte und wirft mir einen grünen Blick zu.
„Kühlen Sie vorläufig nur eine Flasche Pommery, ~goût américain~, Kellner; wir werden dann zu einer andern Marke schreiten, und jetzt entkorken Sie mal den Steinkrug da und bringen Sie zwei mittelgroße Wassergläser dazu — eines für die gnädige Frau! — Ihnen, mein Fräulein, wage ich nicht anzubieten,“ wende ich mich zu Izzi, „es erhitzt das Blut ein wenig.“
„Was ist denn drin?“ fragt die Kleine neugierig.
„Otschischciena — Tischwein auf Deutsch, ein russischer Labetrunk, den wir immer vor dem Champagner nehmen — Damen und Herren —, sieht genau aus wie gewöhnliches Wasser, — Sie sehen“, sage ich und schenke das Glas der Alten voll.
Das meinige fülle ich unbemerkt mit wirklichem Trinkwasser.
„Man muß das ganze Glas auf einen Ruck hinunterstürzen, sonst leidet der Geschmack darunter; ich werde mir erlauben, es Ihnen vorzumachen, gnädige Frau — sehen Sie, so ...“
Ich weiß nicht, woraus Otschischciena gemacht wird, ich weiß auch nicht, ob der Erfinder dieses Getränkes überhaupt ein lebender Mensch war, ich weiß nur eines, rauchende Salpetersäure ist lauwarmes Weihwasser dagegen.
Ein Gefühl des Mitleides beschlich mich, wie ich sah, daß die alte Frau das volle Glas wirklich so hinunterstürzte.
Selbst Chingagook, der große Häuptling der Mohikaner, wäre tot zusammengebrochen.
Die Gardedame aber verzog keine Miene, sie hatte die Augen niedergeschlagen und griff nach ihrer Frisur.
Sie wird jetzt eine lange Hutnadel hervorziehen und sie mir ins Herz bohren, denke ich mir. Doch nichts Ähnliches geschieht. Die Alte schaut mir voll ins Gesicht mit dankbarem Blick: „Wirklich ausgezeichnet, Herr Baron.“
„Ich möchte auch einmal kosten“, lispelt Izzi und macht einen kleinen Schluck.
Dann fischt sie ein hineingefallenes Insekt aus dem Glas und trällert so gewiß: „Die +Flieg’n+ kommt mir +spanisch+ vor, +spanisch+ vor, +spanisch+ vor.“
Ich lasse mich aber nicht aus der Rolle bringen und bleibe so konventionell wie zuvor.
Als Izzis Knie das meine drückt, sage ich Pardon und werfe einen scheuen Blick auf die „Erzieherin“.
Das wird der Kleinen zu dumm, und sie schickt die Alte endlich ärgerlich schlafen.
Ich lege der Gnädigen den Steinkrug an die Brust und wünsche ihr eine recht geruhsame Nacht. —
— — — — — — — — —
Also jetzt werden sie der Reihe nach kommen, die alten bekannten Geschichten: daß es Ida auch nicht an der Wiege gesungen worden war, und so; daß sie sich einem Kavalier hingab, nur um ihres Bruders Spielschulden zu decken. Die Alte, die eben ging, stamme noch aus der Zeit, als sie selbst, noch ein Wildfang, sich auf den herrschaftlichen Gütern ihres Vaters herumgetummelt; eine alte treue Dienerin! — Und wie sie den Grafen hasse, der sie so eifersüchtig bewacht, — nur ein paar Gulden in der Hand, um einige kleine Schulden: Schusterrechnung und dergleichen, zu bezahlen, die sie zu stolz ist, ihm einzugestehen — und sie würde ihm auf der Stelle den Laufpaß geben. — Und dann die Kolleginnen! — Ach Gott, schamlose Dinger — besser, gar nicht davon zu reden! —
Ich sehe Izzi forschend an. — Richtig, sie hat ein ernstes Gesicht aufgesetzt und macht bereits Märchenaugen.
„Etelka Horváth ist heute abend das letztemal aufgetreten, das Publikum hat schon gezischt“, beginnt sie.
Aha, denke ich mir, Abwechslung macht das Leben schön; die fängt einmal von hinten an.
„Heute schläft sie schon drüben im Hotel Bavaria, die — die — — na — die — die Ungarin. — Ich selbst wohne hier im Hause, im ‚Schwarzen Roß‘, oben im ersten Stock. — Von sieben Uhr abends darf ich weder ausgehen, noch auch Besuche auf meinem Zimmer empfangen. Der Graf ist ein elender Tyrann“, fährt sie fort.
„Und dann ist es obendrein Polizeivorschrift“, werfe ich träumerisch ein.
„Auch das,“ gibt sie verlegen zu, „aber von 9 Uhr früh an kann man mich besuchen, — bis 12 Uhr liege ich im Bett!“
Pause.
Mein Fuß streift den ihren.
Sie lehnt sich zurück, sieht mich durch halbgeschlossene Lider an, knirscht mit den Zähnen und beginnt hastig zu atmen. —
Ich reiße sofort den Federnmantel von der Wand und lege ihn um ihre Schultern: „Sie müssen sich schlafen legen, liebes Kind, Sie fiebern ja förmlich?“
— — — — — — — — —
Wir gehen über den Hof zurück zum Stiegenhaus.
Beim Portier bleibt Izzi zum Abschied stehen: „Gehen Sie schon nach Hause oder noch ins Café, Baron?“
„Ich muß morgen zeitig aufstehen und gleich um neun Uhr einen Besuch machen,“ antworte ich, und schaue ihr tief in die Augen; „ich habe heute abend mein Herz verloren, — aber werden Sie auch nichts verraten?“
Die Kleine schüttelt unsicher den blauen Samtmühlstein.
„Dann will ich es Ihnen anvertrauen: Ich bin ganz weg in die süße Etelka, Ihre reizende Kollegin.“
Izzi fegt die Treppe hinauf, ich aber stehe seelenvergnügt und pfeife mir eins:
„Denn die Rose — Und das Mädchen — Will betro—gen — Sein.“
~Bal macabre~
Lord Hopeleß hatte mich aufgefordert, doch an seinem Tisch zu sitzen, und stellte mich den Herren vor.
Es war spät nach Mitternacht, und ich habe mir die meisten Namen nicht gemerkt.
Den Doktor Zitterbein kannte ich schon früher.
„Sie sitzen ja immer allein, es ist schade,“ hatte er gesagt und mir die Hand geschüttelt, — „warum sitzen Sie immer allein?“
Ich weiß, daß wir nicht viel getrunken hatten und dennoch unter jenem feinen, unmerklichen Rausche standen, der uns manche Worte nur wie von weitem hören läßt, und wie ihn die Nachtstunden bringen, wenn Zigarettenrauch und Weiberlachen und seichte Musik uns umhüllt.
Daß aus einer Cancanstimmung wie dieser — aus einer Atmosphäre von Zigeunermusik, Cake-Walk und Champagner ein Gespräch über phantastische Dinge auftauchen konnte?! Lord Hopeleß erzählte etwas.
Von einer Brüderschaft, die allen Ernstes existiere, von Menschen — besser gesagt, von Toten oder Scheintoten, — Leuten aus besten Kreisen, die im Munde der Lebenden schon seit langem gestorben seien, sogar auf dem Friedhof Leichensteine und Grüfte mit Namenszug und Todesdatum besäßen, in Wirklichkeit aber in jahrelangem, ununterbrochenem Starrkrampfe irgendwo in der Stadt, im Innern eines altmodischen Hauses, bewacht von einem buckligen Diener mit Schnallenschuhen und gepuderter Perücke, den man den gefleckten Aron nenne, empfindungslos, geschützt vor Verwesung, in Schubladen lägen. — In gewissen Nächten trete ihnen ein mattes, phosphoreszierendes Leuchten auf die Lippen, und damit sei dem Krüppel das Zeichen gegeben, eine geheimnisvolle Prozedur an den Halswirbeln dieser Scheinleichen vorzunehmen. Sagte er.
Frei könnten ihre Seelen dann umherschweifen — auf kurze Zeit von ihren Leibern gelöst — und sich den Lastern der Großstadt hingeben. Mit einer Intensität und einer Gier, die selbst nicht für den Raffiniertesten ausdenkbar sei.
Unter anderem fände da ein vampirartiges, zeckenhaftes Sichansaugen an die von Laster zu Laster taumelnden Lebenden statt, — ein Stehlen, ein Sichbereichern am Nervenkitzel der Massen. Sogar Satzungen habe dieser Klub, der übrigens den kuriosen Namen Amanita führen solle, und Statuten und strenge Bestimmungen, die Aufnahme neuer Mitglieder betreffend. Doch darüber läge ein undurchdringlicher Schleier des Geheimnisses.
Das Ende dieses Gespräches des Lord Hopeleß konnte ich nicht mehr verstehen, zu laut fielen die Musikanten mit dem neuesten Gassenhauer ein:
„Ja, ja die Kla—re Ist mir die wah—re. Trala, trala, trala, Tra—lalala—la.“
Die grotesken Verrenkungen eines Mulattenpaares, das dazu eine Art Niggercancan tanzte, all dies wirkte wie die wortlose Verstärkung des verstimmenden Einflusses, den die Erzählung auf mich genommen.
In diesem Nachtlokal mitten unter geschminkten Straßendirnen, frisierten Kellnern und brillant-hufeisengeschmückten Zutreibern bekam der ganze Eindruck etwas Lückenhaftes, Verstümmeltes und gerann in meinen Sinnen zu einem grauenvollen, halblebenden Zerrbild.
Wie wenn die Zeit in unbewachten Momenten plötzlich einen geräuschlos hastenden Schritt tue, verbrennen Stunden in unserm Rausche zu Sekunden, wie Funken in der Seele aufglimmend, um ein krankhaftes Geflecht kurioser, waghalsiger Träume, geschlungen aus wirren Begriffen, aus Vergangenheit und Zukunft, zu beleuchten.
So höre ich noch aus dem Dunkel der Erinnerung heraus eine Stimme sagen: „+Wir sollten dem Klub Amanita eine Karte schreiben.+“
Wie ich jetzt schließen kann, muß also das Gespräch immer wieder zum selben Thema zurückgekehrt sein.
Dazwischen dämmern mir Bruchstücke kleiner Wahrnehmungen auf, wie das Zerbrechen eines Likörglases, ein Pfiff, — dann, daß eine Französin auf meinem Knie gesessen, mich geküßt, mir Zigarettenrauch in den Mund geblasen und die Zungenspitze ins Ohr gesteckt habe. Später wieder schob man mir eine verschnörkelte Karte hin, ich solle mitunterschreiben, und mir fiel der Bleistift aus der Hand, — und dann ging es wieder nicht, weil mir die Kokotte ein Glas Champagner über die Manschette goß.
Deutlich weiß ich nur, wie wir alle mit einem Schlage ganz nüchtern wurden und in unseren Taschen, auf und unter dem Tische nach der Karte suchten, die Lord Hopeleß mit aller Gewalt zurückhaben wollte, die aber spurlos verschwunden blieb.
— — — — — — — — —
„Ja, ja die Kla—re Ist mir die wah—re“
kreischten die Geigen den Refrain und versenkten unser Bewußtsein immer wieder in tiefe Nacht.
Wenn man die Augen schloß, glaubte man sich auf einem dicken, schwarzen Samtteppich liegen —, aus dem nur vereinzelte rubinrote Blumen aufleuchteten.
„Ich will etwas zu essen haben,“ hörte ich jemand rufen, — — „was, — was? — — Kaviar — Blödsinn. Bringen Sie mir — bringen Sie mir, na — bringen Sie mir eingemachte Schwämme.“
Und wir aßen alle saure Schwämme, die mit einem würzigen Kraut in einer fadenziehenden, wasserhellen Flüssigkeit schwammen.
„Ja, ja die Kla—re Ist mir die wah—re. Trala, trala, trala, Tra—lalala—la.“
— — — — — — — — —
Da saß plötzlich an unserem Tische ein seltsamer Akrobat in einem schlotterigen Trikot und rechts daneben ein maskierter Buckliger mit einer weißen Flachsperücke.
Neben ihm ein Weib; und alle lachten.
Wie ist er nur hereingekommen, mit — denen? Und ich drehte mich um: außer uns war niemand mehr im Saal.
Ach was, dachte ich mir, — — ach was.
Es war ein sehr langer Tisch, an dem wir saßen, und der größte Teil des Tischtuches schimmerte weiß, — leer von Tellern und Gläsern.
„Monsieur Phalloides, tanzen Sie uns doch etwas vor“, sagte einer der Herren und schlug dem Akrobaten auf die Schulter.
Sie sind vertraut miteinander, träumte ich mir zurecht, wahr — — wahrscheinlich sitzt er schon lange hier, der — der — — — das Trikot.
Und dann sah ich den Buckligen zu seiner Rechten an, und seine Blicke begegneten meinen. Er trug eine weißlackierte Maske und ein verschossenes, hellgrünes Wams, ganz zerlumpt und voll aufgenähter Flecken.
Von der Straße!
Wenn er lachte, war es wie ein schwirrendes Rasseln.
„~Crotalus! — Crotalus horridus~“, fiel mir ein Wort aus der Schulzeit ein; ich wußte seine Bedeutung nicht mehr, aber ich schauderte, wie ich es mir leise vorsagte.
Da fühlte ich die Finger der jungen Dirne unterm Tisch an meinem Knie.
„Ich heiße Albine Veratrine“, flüsterte sie stockend, als wolle sie ein Geheimnis verraten, wie ich ihre Hand faßte.