Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 2
Mitten in der wabernden Luftsäule stand entblößten Oberleibes, die Reste einer roten Krawatte um den nackten Hals geschlungen, der champignonkundige Bonifazius.
„Sie — Sie — Sie entarteter Troglodyt, Sie!“ schrie ich ihn an. „Das ist ja viel zu heiß! Da muß doch jede Schwammbrut verbrennen!“
„Dös is gar nöt heiß“, erwiderte er gelassen; „dös is nur a so a g’spannte Luft! — — Murgen, werden S’ segen, gnä Herr, da wurrln s’ scho!“
Zwar hatte ich noch am selben Tage den pflichtvergessenen Schlot seines Amtes enthoben und ihn nach Begleichung seines vertragsmäßig ausbedungenen Halbjahrsgehaltes im Schwunge aus dem Hause entfernt; aber nachts ließ es mir keine Ruhe: Was, wenn sie morgen doch wurrln sollten?!
Ich fuhr nochmals hin; vielleicht hatte der liebe Gott in letzter Stunde ein Wunder getan!
Nein! Er hatte keins getan.
Sie wurrlten nicht.
Alles, was ich im Keller vorfand, war:
Stück 1 — geplatztes Thermometer;
Stück 1137 — morsche Sargbretter;
Stück ca. 1016 — Kubikmeter einer tiefschwarzen mir fremden Substanz;
Stück 188 — leere Schnapsflaschen;
Stück 1 — Frauenmieder (Herkunft und Zweck für den Keller nicht zu erklären);
Stück 1 — infolge übermäßiger Inanspruchnahme zusammengeschmolzener Koksofen.
Von Champignons war nichts zu sehen.
Nur alle fünf Schritt weit ragten aus dem Humus ein oder zwei stricknadeldünne, mir gänzlich unbekannte pilzartige Gewächse mit durchsichtigen winzigen Hütchen auf den unendlich langen Stengeln.
Sie bildeten später den Gegenstand eifrigsten Studiums seitens der botanischen Stadtkoryphäen. Das Gutachten lautete, es seien zwar Pilze, aber diese Art käme nur in den heißesten Distrikten der Äquatorialgegend vor.
Von ihrem Genusse müsse aufs dringendste abgeraten werden.
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Der Winter nahte, trostlos angefüllt mit Eis, Schnee, nicht endenwollenden Rechnungen, einer Mordsunterbilanz der „Ersten christlichen Champignonexportfirma“ und schließlich einer Gerichtsklage des Vorstadthausbesitzers: ich hätte unverzüglich den Roßmist aus dem Keller zu entfernen, sonst ... Überhaupt sei der ganzen Sauwirtschaft unverzüglich ein Ende zu bereiten ...
Beim Ausräumen des nebenbei bemerkt unheilbar erkrankten Gebäudes stellte sich wunderbarerweise heraus, daß, seit die fachmännische Beaufsichtigung aufgehört hatte, heimlich doch noch sieben Stück Champignons gewachsen waren. Offenbar hatten sie keine Ausrede mehr gewußt, ihr mangelndes Gedeihen zu entschuldigen.
Ich habe sie aus Rache ganz allein aufgegessen.
Das Stück hat, wie ich aus meinen Büchern genau nachweisen kann, fl. öw. 6347 und 41 Kreuzer gekostet.
„Bald wird der Mai kommen,“ tröstete ich mich nach der Mahlzeit, „dann will ich nur noch der Liebe leben, und alles wird rasch vergessen sein.“
Freilich, der Mai kam — was hätte er auch sonst tun sollen —, aber er kam nicht allein; ein Brief des Kriegsministeriums aus Wien kam mit, und drin stand, daß nunmehr meinem Begehren stattgegeben worden und ich als alleiniger Mieter der Wyschehrader Schanzengänge für 30 Jahre anzusehen sei!
Kunz Peter Taubinger blickte mir über die Schulter, als ich es ächzend las, und triumphierte:
„Nu, was hab’ ich gesagt! Das Geld liegt auf der Straße, aber die Brieftasch’ fallt einem ’eraus, wenn mer sich danach bückt.“
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Nachträglicher Stoßseufzer des Autors:
Hoffentlich nimmt mich die neuentstandene tschechoslowakische Republik nicht beim Wort!
Der Opal
Der Opal, den Miß Hunt am Finger trug, fand allgemeine Bewunderung.
„Ich habe ihn von meinem Vater geerbt, der lange in Bengalen diente, und er stammt aus dem Besitze eines Brahmanen“, sagte sie und strich mit den Fingerspitzen über den großen schimmernden Stein. „Solches Feuer sieht man nur an indischen Juwelen. — Liegt es am Schliff oder an der Beleuchtung, ich weiß es nicht, aber manchmal kommt es mir vor, als ob der Glanz etwas Bewegliches, Ruheloses an sich hätte, wie ein lebendiges Auge.“
„Wie ein lebendiges Auge“, wiederholte nachdenklich Mr. Hargrave Jennings.
„Finden Sie etwas daran, Mr. Jennings?“
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Man sprach von Konzerten, von Bällen und Theater — von allem möglichen, aber immer wieder kam die Rede auf indische Opale.
„Ich könnte Ihnen etwas über diese Steine, über diese sogenannten Steine mitteilen,“ sagte schließlich Mr. Jennings, „aber ich fürchte, Miß Hunt dürfte dadurch der Besitz ihres Ringes für immer verleidet sein. Wenn Sie übrigens einen Augenblick warten, will ich das Manuskript in meinen Schriften suchen.“
Die Gesellschaft war sehr gespannt.
„Also hören Sie, bitte. (Was ich Ihnen hier vorlese, ist ein Stück aus den Reisenotizen meines Bruders — wir haben damals beschlossen, nicht zu veröffentlichen, was wir gemeinsam erlebten.)
Also: Bei Mahawalipur stößt das Dschungel in einem schmalen Streifen bis hart ans Meer. Kanalartige Wasserstraßen, von der Regierung angelegt, durchziehen das Land von Madras fast bis Tritschinopolis, dennoch ist das Innere unerforscht und einer Wildnis gleich, undurchdringlich, ein Fieberherd.
Unsere Expedition war eben eingetroffen, und die dunkelhäutigen tamulischen Diener luden die zahlreichen Zelte, Kisten und Koffer aus den Booten, um sie von Eingeborenen durch die dichten Reisfelder, aus denen nur hie und da Gruppen von Palmyrapalmen wie Inseln in einem wogenden hellgrünen See emporragen, in die Felsenstadt Mahawalipur schaffen zu lassen.
Oberst Sturt, mein Bruder Hargrave und ich nahmen sofort Besitz von einem der kleinen Tempel, die, aus einem einzigen Felsen herausgehauen, eigentlich herausgeschnitzt, wahre Wunderwerke altdrawidischer Baukunst darstellen. Die Früchte beispielloser Arbeit indischer Frommer, mögen sie jahrhundertelang den Hymnen der begeisterten Jünger des großen Erlösers gelauscht haben, — jetzt dienen sie brahminischem Shivakult, wie auch die sieben aus dem Felsrücken gemeißelten heiligen Pagoden mit den hohen Säulenhallen.
Aus der Ebene stiegen trübe Nebel, schwebten über den Reisfeldern und Wiesen und lösten die Konturen heimziehender Buckelochsen vor den rohgezimmerten indischen Karren in regenbogenartigen Dunst auf. Ein Gemisch von Licht und geheimnisvoller Dämmerung, das sich schwer um die Sinne legt und wie Zauberduft von Jasmin und Holunderdolden die Seele in Träume wiegt.
In der Schlucht vor dem Aufgang zu den Felsen lagerten unsere Mahratten-Sepoys in ihren wilden malerischen Kostümen und den rot und blauen Turbans, und wie ein brausender Lobgesang des Meeres an Shiva den Allzerstörer dröhnten und hallten die Wogenschläge aus den offenen Höhlengängen der Pagoden, die sich vereinzelt längs des Gestades hinziehen.
Lauter und grollender schwollen die Töne der Wellen zu uns empor, wie der Tag hinter den Hügeln versank und Nachtwind sich in den alten Hallen fing.
Die Diener hatten Fackeln in unseren Tempel gebracht und sich in das Dorf zu ihren Landsleuten begeben. Wir leuchteten in alle Nischen und Winkel. Viele dunkle Gänge zogen durch die Felswände, und phantastische Götterstatuen in tanzender Stellung, die Handflächen vorgestreckt mit geheimnisvoller Fingerhaltung, deckten mit ihren Schatten die Eingänge wie Hüter der Schwelle.
Wie wenige wissen, daß alle diese bizarren Figuren, ihre Anordnung und Stellung zueinander, die Zahl und Höhe der Säulen und Lingams Mysterien von unerhörter Tiefe andeuten, von denen wir Abendländer kaum eine Vorstellung haben.
Hargrave zeigte uns ein Ornament an einem Sockel, einen Stab mit vierundzwanzig Knoten, an dem links und rechts Schnüre herabhingen, die sich unten teilten: Ein Symbol, das Rückenmark des Menschen darstellend, und in Bildern daneben Erklärungen der Ekstasen und übersinnlichen Zustände, deren der Yogi auf dem Wege zu den Wunderkräften teilhaftig wird, wenn er Gedanken und Gefühl auf die betreffenden Rückenmarksabschnitte konzentriert. —
„Dies da Pingala, großer Sonnenstrom“, radebrechte bestätigend Akhil Rao, unser Dolmetsch.
Da faßte Oberst Sturt meinen Arm: „Ruhig — — — hören Sie nichts?“
Wir horchten gespannt in der Richtung des Ganges, der, von der kolossalen Statue der Göttin Kala Bhairab verborgen, sich in die Finsternis zog.
Die Fackeln knisterten — sonst Totenstille.
Eine lauernde Stille, die das Haar sträubt, wo die Seele bebt und fühlt, daß etwas geheimnisvoll Grauenhaftes blitzartig ins Leben bricht, wie eine Explosion, und nun unabwendbar eine Folge todbringender Dinge aus dem Dunkel des Unbekannten, aus Ecken und Nischen emporschnellen muß.
In solchen Sekunden ringt sich stöhnende Angst aus dem rhythmischen Hämmern des Herzens — wortähnlich, wie das gurgelnde, schauerliche Lallen der Taubstummen: +Ugg+ — +ger+, — +Ugg+ — +ger+, — +Ugg+ — +ger+. —
Wir horchten vergebens — kein Geräusch mehr.
„Es klang wie ein Schrei tief in der Erde“, flüsterte der Oberst.
Mir schien es, als ob das Steinbild der Kala Bhairab, des Choleradämons, sich bewegte: unter dem zuckenden Lichte der Fackeln schwankten die sechs Arme des Ungeheuers, und die schwarz und weiß bemalten Augen flackerten wie der Blick eines Irrsinnigen.
„Gehen wir ins Freie, zum Tempeleingang,“ schlug Hargrave vor, „es ist ein scheußlicher Ort hier.“
Die Felsenstadt lag im grünen Lichte wie eine steingewordene Beschwörungsformel.
In breiten Streifen durchglitzerte der Mondschein das Meer, einem riesigen, weißglühenden Schwerte gleich, dessen Spitze sich in der Ferne verlor.
Wir legten uns auf die Plattform zur Ruhe — es war windstill und in den Nischen weicher Sand.
Doch es kam kein rechter Schlaf.
Der Mond stieg höher, und die Schatten der Pagoden und steinernen Elefanten schrumpften auf dem weißen Felsboden zu krötenähnlichen phantastischen Flächen zusammen.
„Vor den Raubzügen der Moguln sollen alle diese Götterstatuen von Juwelen gestrotzt haben — Halsketten aus Smaragden, die Augen aus Onyx und Opal“, sagte plötzlich Oberst Sturt halblaut zu mir, ungewiß, ob ich schliefe. — Ich gab keine Antwort.
Kein Laut als die tiefen Atemzüge Akhil Raos.
Plötzlich fuhren wir alle entsetzt empor. Ein gräßlicher Schrei drang aus dem Tempel — ein kurzes, dreifaches Aufbrüllen oder Auflachen mit einem Echo wie von zerschellendem Glas und Metall.
Mein Bruder riß ein brennendes Scheit von der Wand, und wir drängten uns den Gang hinab in das Dunkel.
Wir waren vier, was war da zu fürchten.
Bald warf Hargrave die Fackel fort, denn der Gang mündete in eine künstliche Schlucht ohne Deckenwölbung, die, von grellem Mondlicht beschienen, in eine Grotte führte.
Feuerschein drang hinter den Säulen hervor, und von den Schatten gedeckt schlichen wir näher.
Flammen loderten von einem niedrigen Opferstein, und in ihrem Lichtkreis bewegte sich taumelnd ein Fakir, behängt mit den grellbunten Fetzen und Knochenketten der bengalischen Dhurgaanbeter.
Er war in einer Beschwörung begriffen und warf unter schluchzendem Winseln den Kopf nach Art der tanzenden Derwische mit rasender Schnelle nach rechts und links, dann wieder in den Nacken, daß seine weißen Zähne im Lichte blitzten.
Zwei menschliche Körper mit abgeschnittenen Köpfen lagen zu seinen Füßen, und wir erkannten sehr bald an den Kleidungsstücken die Leichen zweier unserer Sepoys. Es mußte ihr Todesschrei gewesen sein, der so gräßlich zu uns emporgeklungen.
Oberst Sturt und der Dolmetsch warfen sich auf den Fakir, wurden aber von ihm im selben Augenblick an die Wand geschleudert.
Die Kraft, die in dieser abgemergelten Asketengestalt wohnte, schien unbegreiflich, und ehe wir noch zuspringen konnten, hatte der Fliehende bereits den Eingang der Grotte gewonnen.
Hinter dem Opferstein fanden wir die abgeschnittenen Köpfe der beiden Mahratten.“
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Mr. Hargrave Jennings faltete das Manuskript zusammen: „Es fehlt ein Blatt hier, ich werde Ihnen die Geschichte selber zu Ende erzählen:
„Der Ausdruck in den Gesichtern der Toten war unbeschreiblich. Mir stockt heute noch der Herzschlag, wenn ich mir das Grauen zurückrufe, das uns damals alle befiel. Furcht kann man es nicht gut nennen, was sich da in den Zügen der Ermordeten ausdrückte, — ein verzerrtes, irrsinniges Lachen schien es. — Die Lippen, die Nasenflügel emporgezogen, — der Mund weit offen und die Augen, — die Augen, — es war fürchterlich; stellen Sie sich vor, die Augen — hervorgequollen — zeigten weder Iris noch Pupille und leuchteten und funkelten in einem Glanze wie der Stein hier an Miß Hunts Ring.
Und wie wir sie dann untersuchten, zeigte es sich, daß sie wirkliche Opale geworden waren.
Auch die spätere chemische Analyse ergab nichts anderes. Auf welche Weise die Augäpfel hatten zu Opalen werden können, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Ein hoher Brahmane, den ich einmal fragte, behauptete, es geschähe durch sogenannte Tantriks (Wortzauber), — und der Prozeß gehe blitzschnell, und zwar vom Gehirn aus vor sich; doch wer vermag das zu glauben! Er setzte damals noch hinzu, daß alle indischen Opale gleichen Ursprungs seien, und daß sie jedem, der sie trüge, Unglück brächten, da sie einzig und allein Opfergaben für die Göttin Dhurga, die Vernichterin alles organischen Lebens, bleiben müßten.“
Die Zuhörer standen ganz unter dem Eindruck der Erzählung und sprachen kein Wort.
Miß Hunt spielte mit ihrem Ring. — — — —
„Glauben Sie, daß Opale wirklich deswegen Unglück bringen, Mr. Jennings?“ sagte sie endlich. „Wenn Sie es glauben, bitte, vernichten Sie den Stein!“ — — —
Mr. Jennings nahm ein spitzes Eisenstück, das als Briefbeschwerer auf dem Tische lag, und hämmerte leise auf den Opal, bis er in muschelige, schimmernde Splitter zerfiel.
Das Wildschwein Veronika
Ein dreifach geflochtener Kranz, niedergelegt auf dem Altare schlichter Heimatkunst
1
Gärungen — Klärungen
Vom Alpensee wehte kühl der Odem des keimenden Morgens, und voll Unruhe irrten die Nebel umher auf den nassen, schlummernden Wiesen.
Kein Auge hatte Veronika, die Gezähmte, geschlossen die ganze Nacht und sich schlaflos hin und her gewälzt auf dem häuslichen Misthaufen. „Der Holzlapp’ von Miesbach“ von Xaver Hinterstoißer hatten sie drin im Saale gespielt gestern abend, und kein Auge war trocken geblieben, als so der „Pfarrer“ dreiviertelstundenlang laut mit sich selber gekämpft.
„Das nenn’ ich mir halt wahre Heimatskunst“, hatte der fremde Städter mit der krummen Hahnenfeder auf dem Hute, als er — aus dem Gasthause getreten — sich für einen Augenblick an den Misthaufen stellte, laut zu seinem Nebenmann gesagt und dabei voll Inbrunst zum Monde aufgeblickt. „Alles so grundwahr aus dem Volke herausgewachsen. Oh, Erdgeruch, du mein Erdgeruch. Und haben Sie auch beobachtet, Herr Meier, was für ergreifende Töne dem Oberniedertupferseppl als ‚Großknecht‘ zur Verfügung standen! Es ist doch kaum zu glauben! Dieser schlichte biedere Bauernsohn!“
„Ja, und gar der prächtige Schnackl-Franz. Dieses urwüchsige Dudludludl, so naiv und doch so innig — gar nicht mehr los werde ich die Weise“, hatte der andere freudig zugestimmt. Und dann waren beide wieder hineingegangen.
Dem Schwein Veronika auf seinem erhöhten Lager aber war kein Wort entgangen.
Stunde um Stunde verrann, und kein Schlaf kam mehr in seine Augen.
Der Mond war quer über den Himmel geschlichen; vorsichtig hatte der Misthaufen zuerst auf der linken Seite einen blauschwarzen Schatten herausgebleckt, ihn allmählich wieder eingezogen, dann rechts herausgebleckt — weiter, immer weiter, bis er endlich ganz und gar die Herrschaft über ihn verloren. Und nichts von alldem hatte das Schwein beachtet, wie doch sonst in hellen Nächten. So sehr jagten sich seine Gedanken!
Schon quoll der erregende Hauch des Morgengrauens aus der Erde, brutwarm stank es aus den Bauernhäusern, und immer noch grübelte Veronika. Grübelte und grübelte. Und Erinnerungen aus der Jugendzeit, an Alma, die liebliche Stiefschwester, und die andern — — alle — — alle, wurden wieder neu. Gott, wie war es doch damals nur gewesen?! Richtig, richtig, ja — — — der schöne Mann mit der Ballonmütze aus schwarzer Seide und dem blanken Messer als Hüftzier war eines Tages gekommen und hatte Alma genommen. Und der Papa hatte gesagt: „Es ist ein Theaterdirektor, er hat Alma entdeckt.“
Und die Mama hatte gesagt: „Wegen ihrer rosa Hautfarbe kam er, — sie ist nicht wie ihr; — ach, und so verführerisch konnte halt das Mädchen mit dem Busen wogen. Sie wird bestimmt Koloratursängerin.“
Eine ganze Woche hatten sie dann allesamt auf dem Misthaufen gelegen und rastlos geübt, verführerisch mit dem Busen zu wogen.
Wohl war von Zeit zu Zeit, wenn die Kirchweih nahte, der Theaterdirektor mit der Mütze immer wieder gekommen und hatte zur Feier des frommen Festes ein Familienmitglied an den Ohren weggeführt, aber von Alma sprach er nie.
„Soll ich denn auch auf ihn warten?“ überlegte Veronika. „Soll ich nicht?“
Unentschlossen zählte sie an ihren zwölf Knöpfen ab: soll ich, soll ich nicht — —
Soll ich nicht! — kam heraus. Da erhob sich Veronika, schüttelte den Tau von den Borsten und blickte in den Himmel. Es gähnte der Morgen, rosenrot barst der junge Tag. Rosenrot. — — Wie Schminke.
Da frohlockte das Schwein ob des günstigen Zeichens. Und suchend blickte es umher.
„Ja, was wär’ denn jetzt gar dös?! Ein grünwollenes Futteral liegt da?!“
Schnell biß es vier Stücke davon ab, zog sie über die Waden und setzte den Lampenschirm aufs Haupt, den grasgrünen, den die Wirtin neulich auf den Misthaufen geworfen hatte.
So, und jetzt noch eine Träne: „Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, — — — ihr Wiesen, die ich wässerte — —,“ und im Trab zum Herrn Uhrmacher ging’s, die zwölf Knöpfe versilbern lassen. Der machte das recht gern, wenn auch nicht billig, und sagte dabei ein- ums anderemal: „A Pferdsketten mit a paar Pfund Eberzähnt, dös fehlet halt no, und auf ’m Huat den Pinsel fein nöt vergessen!“
Denn er durchschaute des Schweines Pläne.
Dann zottelte Veronika von dannen, nach Norden der Hauptstadt zu.
Die Vöglein pfiffen, es glitzerten die Gräser, und hie und da stank ein Bauernlackel vorüber.
Unendlich rollte sich die Landstraße auf. Dichte Wolken wirbelte Veronika aus dem weißen verdursteten Boden, daß die engbrüstigen Pappeln mit ihren staubigen Blättern so husten mußten. Schon war die Sonne rot wie ein Krebs, und immer noch, in weiter, weiter Ferne, lag der Dunst der Stadt.
Doch emsig trottete Veronika dahin; ihre versilberten Knöpfe klirrten.
Eine vornehme Equipage rollte vorbei; es saß ein feiner Herr darin mit seiner Dame, und als er das Schwein erblickte in Landestracht, da ging ihm das Herz auf. „Grüß’ Gott“, rief er leutselig, dann schloß er die Augen und gellte mit viereckigem Mund jjjjiiijach-hu-hu, so laut er konnte, daß die Pferde erschraken und einen kleinen Hopser machten.
Und zu seiner Dame gebeugt, sprach er bewegt von den Fährnissen der Berge, von dem tosenden Wildbach und — piff — paff — der flüchtigen Gemse. „Und riechst du es auch, Cläre? Das ist Scholle. Ackerduft! Und nicht mal gedankt hat das Deandl auf meinen Gruß! Ja, so sind sie alle, diese stolzen unverdorbenen Naturkinder! Treu wie Gold!“ — — — — — —
2
Der Wurf gelingt
Nacht war’s, halb zehn, fahl wie ein Knochen stierte der Mond vom Himmel, da buchstabierte Veronika die Theaterzettel an der Ecke, und mißtrauisch sah ein Schutzmann von weitem zu.
Wilhelm Tell (in volkstümlicher Bearbeitung), D’Schmalzler Vroni (Hinterstoißer Zyklus), Linzerische Bua’m, Hüu-a-oa-hoahüa (Mundart), Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd’, Antonius und Cleopatra auf dem Dorfe
Das Wildschwein nickte befriedigt.
Dann tat es plötzlich einen furchtbaren Satz, warf den Schutzmann um, raste durch die Straßen und zur Seitentür ins Theater hinein, durch lange Gänge kreuz und quer, trampelte den neuen Pappendeckel-Fafner kaputt und fuhr dem Tenoristen Herrn Povidlsohn zwischen den Beinen durch, gerade als er hinter der Szene sang:
„Mit dem Feil, dem Boochen durch Gebürch und Dahl kommt der Schütz gezoochen frühüh, am Mohorgenstrahl.“
Der Vorhang war soeben in die Höhe gerauscht, hinter einem Leinwandfelsen kniete Wilhelm Tell, und das Publikum wartete gespannt auf einige Verse von ihm, ehe er aus dem Hinterhalt auf den ahnungslosen österreichischen Beamten abdrücken werde.
Da sprang das Schwein wie der Blitz auf die Bühne.
Und erst langsam, dann schneller, immer schneller vollführte es ein idiotisches Getrappel auf den Brettern.
Hie und da quiekte es schrill dazwischen.
Wilhelm Tell war geflüchtet und hatte sich laut weinend hinter die Kulissen verkrochen. Den Souffleur hatte der Schlag getroffen. Nur im Publikum rührte sich nichts.
Minutenlang kam kein Laut aus dem schwarzen gähnenden Rachen des Zuschauerraums.
Dann aber brach es los wie ein Erdbeben.
„Allppenkunscht, Allppenkunscht, der Dichchter ischt sichcherlichch ous der Schwiez gsi“, röchelte ein Schweizer Kritiker ohne Hemdkragen.
Rechtschaffene Männer mit Hirschhornknöpfen wuchsen aus dem Boden, hinter wallenden Bärten, die blauen treu-dreieckigen Augen mit deutscher Biederkeit gefüllt.
Im Stehparterre war eine Druse pechschwarz gekleideter Oberlehrer aufgeschossen, und aus ihrer Mitte stieg ein hohler Ton ekstatisch zum Himmel an: „Anz Pfaderland, anz dojre, schlüs düch an.“ Es war da des Patriotismus kein Ende mehr! Und der einzige Oskar-Wilde- und Maeterlinck-Verehrer der Stadt, ein degenerierter Zugereister, hielt sich zitternd in der Toilette verborgen.
Veronika war ein gemachtes Schwein von Stund an. Immer wieder mußte es den famosen Schuhplattler wiederholen und Arm in Arm mit dem Herrn Regisseur unzählige Male vor der Rampe erscheinen.
Das Stück konnte gar nicht zu Ende gespielt werden, — Geßler blieb unerschossen zum großen Ärger der anwesenden Schweizer — und in den Korridoren noch wollte sich die Begeisterung nicht legen. Und fast wäre es zu Tätlichkeiten gekommen, als der Herr Charcutier Schoißengeyer aus Linz es wagte, mitten in den allgemeinen Enthusiasmus hinein bedenklich den Kopf zu schütteln und sich zu den Worten: „I woaß nöt, i glaub halt allaweil, ’s is a Sau“, hinreißen zu lassen.
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Veronikas Ruhm wuchs von Tag zu Tag. Ein „Veronikatheater“ wurde gegründet, und Schliersee, Bayerns berühmte Jodlquelle, als mutmaßlicher Geburtsort der Künstlerin, war in aller Munde. Kein Stück dürfe mehr die Zensur passieren, wenn es nicht mindestens 500 Meter über dem Meeresspiegel spielte, gellte der Schrei der Zeit.
An alle Fürstenhöfe drang die frohe Kunde, schon wieder sei die deutsche bodenständige Kunst auferstanden; — und selbst die scheue norddeutsche Herzogin Meta wurde aufmerksam und ließ sich berichten.
„Ach, lieber Graf,“ so sagte eines Tages die hohe Frau, „wie heißt doch nur das neue urwüchsige Bauerndrama, das so allgemein gefällt? Der — — der — — Seppell, — ach, es war ja aber noch ’ne Bezeichnung oder ein Vorname bei, der — — der — —“
„Es läßt sich nur unzulänglich ins Hochdeutsche übersetzen, Hoheit“, hatte da errötend der Zeremonienmeister erwidert. „Der äh, der äh, der — ‚Fäkalien-Joseph‘, das käme dem Sinne noch am nächsten. Ein neu aufgefundenes Fragment,“ fuhr er dann hastig fort, um das Peinliche des Eindrucks zu verwischen, „ein Fragment aus dem Nachlasse des leider allzu früh verewigten Volksdichters Hinterstoißer, voll packenden Realismusses und so ganz mitten aus dem pulsierenden Leben des Volkes geschöpft. Wie denn überhaupt Xaver Hinterstoißer es wie kein zweiter verstand, sich an die Natur anzulehnen. Ja, wahrlich, wahrlich: ~natura artis magistra~.“
Und da hatte die hohe Frau neugierige Augen gemacht und sogleich die Reise nach Süddeutschland angeordnet, um nicht die letzte zu sein.
3
Stilles Glück
Wer kennt nicht Frau Veronika Schoißengeyers niedliches Landhaus draußen ganz am Ende der Vorstadt! Mit spiegelnden, fröhlichen Fensterlein guckt es gar schelmisch über die Flur, wenn Frau Sonne gütig herniederlacht.
+Frau+ Veronika +Schoißengeyers Villa+.