Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 10
Da glitzerte es in der Rinde des Feigenbaumes und rieselte schimmernd herab wie eine Schnur schwarzer Perlen. — Wand sich kokett und hob den Kopf und spielte tanzend im strahlenden Sonnenlicht.
Der Tausendfüßler — der Tausendfüßler.
Der Feigenbaum schlug voll Wonne die Blätter zusammen, und das Kushagras raschelte entzückt — raschelte entzückt.
Der Tausendfüßler lief zum großen Stein, dort lag sein Tanzplatz — ein heller sandiger Fleck — sandiger Fleck. Und huschte umher in Kreisen und Achtern, daß alles geblendet die Augen schloß — die Augen schloß.
Da gab die Kröte ein Zeichen, und hinter dem Stein hervor trat ihr ältester Sohn und überreichte mit tiefer Verbeugung dem Tausendfüßler ein Schreiben seiner Mutter. — Der nahm es mit dem Fuß Nr. 37 und fragte das Kushagras, ob alles auch richtig gestempelt sei.
„Wir sind zwar das älteste Gras der Erde, aber das wissen wir nicht, — die Gesetze sind jedes Jahr anders, — das weiß nur Indra allein — weiß nur Indra allein.“
Da holte man die Brillenschlange, und die las den Brief vor:
„Seiner Hochgeboren, dem Herrn Tausendfuß!
Ich bin nur ein Nasses, Schlüpfriges — ein Verachtetes auf Erden, und mein Laich wird gering geschätzt unter Pflanzen und Tieren. — Und glänze nicht und schillere nicht. — Ich habe nur vier Beine — nur vier Beine — und nicht tausend wie Du — nicht tausend wie Du. — O Verehrungswürdiger! — Dir nemeskar, Dir nemeskar! —“
„Ihm nemeskar, ihm nemeskar“, stimmten begeistert die wilden Rosen aus Schiras mit ein in den persischen Gruß — in den persischen Gruß.
„Doch wohnet Weisheit in meinem Haupte und tiefes Wissen — und tiefes Wissen. Ich kenne die Gräser, die vielen, beim Namen. — Ich weiß die Zahl der Sterne am Nachthimmel und der Blätter des Feigenbaumes, — des angewachsenen. — Und mein Gedächtnis hat seinesgleichen nicht unter den Kröten in ganz Indien.
Siehe und dennoch kann ich die Dinge nur zählen, wenn sie stille stehen, — nicht, wenn sie sich bewegen — nicht, wenn sie sich bewegen.
Sage mir doch — o Verehrungswürdiger, wie es sein kann, daß Du beim Gehen immer weißt, mit welchem Fuße Du anfangen mußt, welcher der zweite sei, — und dann der dritte, — welcher dann kommt als vierter, als fünfter, als sechster, — ob der zehnte folgt oder der hundertste, — was dabei der zweite macht und der siebente, ob er stehen bleibt oder weitergeht, — wenn Du beim 917ten angelangt bist, den 700sten aufheben und den 39sten niedersetzen, den 1000sten biegen oder den vierten strecken sollst — strecken sollst.
O bitte, sage mir armem Nassen, Schlüpfrigen, das nur vier Beine hat — nur vier Beine hat — und nicht tausend wie Du — nicht tausend wie Du —, wie Du das machst, o Verehrungswürdiger!
Hochachtungsvoll die Kröte.“
„Nemeskar“, flüsterte eine kleine Rose, die fast eingeschlafen war. Und die Kushagräser, die Blumen, die Käfer und der Feigenbaum und die Brillenschlange blickten erwartungsvoll auf den Tausendfüßler.
Selbst die Unken schwiegen — Unken schwiegen.
Der Tausendfüßler aber blieb starr an den Boden festgebannt und konnte hinfort kein Glied mehr rühren.
Er hatte vergessen, welches Bein er zuerst heben solle, und je mehr er darüber nachdachte, desto weniger konnte er sich entsinnen — konnte er sich entsinnen.
— — — — — — — — —
Auf der Straße zur blauen Pagode schien heiß die indische Sonne herab — indische Sonne herab.
Eine Suggestion
23. September
So. — Jetzt bin ich fertig mit meinem System und sicher, daß kein Furchtgefühl in mir entstehen kann.
Die Geheimschrift kann niemand entziffern. Es ist doch gut, wenn man alles vorher genau überlegt und in möglichst vielen Gebieten auf der Höhe des Wissens steht. Dies soll ein Tagebuch für mich sein; kein anderer als ich ist es zu lesen imstande, und ich kann jetzt gefahrlos niederschreiben, was ich zu meiner Selbstbeobachtung für nötig halte. — Verstecken allein genügt nicht, der Zufall bringt es an den Tag. —
Gerade die heimlichsten Verstecke sind die unsichersten. — Wie verkehrt alles ist, was man in der Kindheit lernt! — Ich aber habe mit den Jahren zu lernen verstanden, wie man den Dingen ins Innere sieht, und ich weiß ganz genau, was ich zu tun habe, damit auch nicht eine Spur von Furcht in mir erwachen kann.
Die einen sagen, es gibt ein Gewissen, die anderen leugnen es; das ist dann beiden ein Problem und ein Anlaß zum Streit. Und wie einfach doch die Wahrheit ist: Es gibt ein Gewissen, und es gibt keines, je nachdem man daran glaubt. —
Wenn ich an ein Gewissen in mir glaube, suggeriere ich es mir. Ganz natürlich.
Seltsam ist dabei nur, daß, wenn ich an ein Gewissen glaube, es dadurch nicht nur +entsteht+, sondern auch sich ganz selbständig meinem Wunsche und Willen +entgegenzustellen+ vermag. — — —
„Entgegen“stellen! — Sonderbar! — Es stellt sich also das Ich, das ich mir einbilde, dem Ich gegenüber, mit dem ich es mir selbst geschaffen habe, und spielt dann eine recht unabhängige Rolle. — — —
Eigentlich scheint es aber auch in andern Dingen so zu sein. Z. B. schlägt manchmal mein Herz schneller, wenn man von dem Morde spricht, und ich stehe dabei und bin doch sicher, daß sie mir nie auf die Spur kommen können. Ich erschrecke nicht im geringsten in solchen Fällen, — ich weiß es ganz genau, denn ich beobachte mich zu scharf, als daß es mir entgehen könnte; und doch fühle ich mein Herz schneller schlagen.
Die Idee mit dem Gewissen ist wirklich das Teuflischste, was je ein Priester erdacht hat. —
Wer wohl der erste war, der diesen Gedanken in die Welt brachte! — Ein Schuldiger? Kaum! Und ein Schuldloser? Ein sogenannter Gerechter? Wie hätte der sich so in die Folgen einer solchen Idee hineindenken können?! —
Es kann nur so sein, daß irgendein Alter es Kindern als Schreckgespenst dargestellt hat. Mit dem Instinkt der drohenden Wehrlosigkeit des Alters gegenüber der keimenden brutalen Kraft der Jugend. —
Ich kann mich ganz gut erinnern, wie ich noch als großer Junge für möglich gehalten hätte, daß sich die Schemen der Erschlagenen an die Fersen des Mörders heften und ihm in Visionen erscheinen. —
Mörder! — Wie listig schon wieder das Wort gewählt und gebaut ist. — Mörder! Es liegt ordentlich etwas Röchelndes drin. —
Ich denke, der Buchstabe „Ö“ ist die Wurzel, aus der das Entsetzliche ausklingt. — —
Wie einen die Menschen mit Suggestionen schlau umstellt haben!
Aber ich weiß schon, wie ich solche Gefahren entwerte. Tausendmal habe ich mir dieses Wort an einem Abend vorgesagt, bis es die Schrecklichkeit für mich verloren hat. — Jetzt ist es mir ein Wort wie jedes andere. — —
— — Ich kann mir ganz gut vorstellen, daß einen ungebildeten Mörder die Wahnideen, von den Toten verfolgt zu werden, in den Irrsinn hetzen, aber nur den, der nicht überlegt, nicht wägt, nicht vorausdenkt. — Wer ist denn heutzutage gewöhnt, in brechende Augen voll Todesangst kaltblütig hineinzuschauen, ohne ein inneres Leck davonzutragen, oder in gurgelnde Kehlen den Fluch zurückzudrosseln, vor dem man sich heimlich doch fürchtet. — Kein Wunder, daß so ein Bild +lebendig+ werden kann und dann eine Art Gewissen erzeugt, dem man schließlich erliegt. —
Wenn ich über mich nachdenke, muß ich bekennen, daß ich eigentlich geradezu genial vorgegangen bin:
Zwei Menschen kurz hintereinander zu vergiften und dabei alle Spuren des Verdachtes zu verwischen, ist wohl schon Dümmeren, als ich bin, geglückt; aber die Schuld, das eigene Schuldgefühl zu ersticken, noch ehe es geboren, das — — — Ich glaube wirklich, ich bin der einzige — — —
Ja, wenn einer das Unglück hätte, allwissend zu sein, für den gäbe es schwerlich einen inneren Schutz: — so aber habe ich wohlweislich meine eigene Unwissenheit benützt und klug ein Gift gewählt, das eine Todesart erzeugt, deren Verlauf mir gänzlich +unbekannt+ ist und auch bleiben soll:
Morphium, Strychnin, Zyankali; — alle ihre Wirkungen kenne ich oder könnte ich mir vorstellen: Verrenkungen, Krämpfe, blitzartiges Niederstürzen, Schaum vor dem Mund. — Aber Curarin! — Ich habe keine Ahnung, wie bei diesem Gift der Todeskampf aussehen mag, und wie sollte sich da eine Vorstellung in mir bilden können?! Darüber nachzulesen werde ich mich natürlich hüten, und zufällig oder unfreiwillig etwas darüber mit anhören zu müssen, ist ausgeschlossen. — Wer kennt denn heute überhaupt den Namen Curarin?!
Also! — Wenn ich mir nicht einmal ein Bild von den letzten Minuten meiner beiden Opfer (welch albernes Wort) machen kann, wie könnte mich ein solches je verfolgen? — Und sollte ich dennoch davon träumen, so kann ich mir beim Erwachen die Unhaltbarkeit einer solchen Suggestion direkt +beweisen+. Und welche Suggestion wäre stärker als ein solcher +Beweis+!
26. September
Merkwürdig, gerade heute nacht träumte ich, daß die beiden Toten links und rechts hinter mir hergingen. — Vielleicht, weil ich gestern die Idee vom Träumen niedergeschrieben habe!? —
Da gibt es jetzt nur zwei Wege, um solchen Traumbildern den Eintritt zu verrammeln:
Entweder fortwährend sie sich innerlich vorzuhalten, um sich daran zu gewöhnen, wie ich es mit dem dummen Wort „Mörder“ mache, oder zweitens diese Erinnerung ganz auszureißen aus dem Gedächtnis. —
Das erstere? — Hm. — — Das Traumbild war zu scheußlich! — — Ich wähle den zweiten Weg. —
Also: „Ich will nicht mehr daran denken! Ich will nicht! Ich will +nicht, nicht, nicht+ mehr daran denken! — Hörst du! — Du sollst gar nicht mehr daran denken! —“
Eigentlich ist diese Form: „Du sollst nicht usw.“ recht unüberlegt, wie ich jetzt bemerke, man soll sich nicht mit „Du“ anreden, — dadurch zerlegt man sozusagen sein Ich in zwei Teile: in ein Ich und ein Du, und das könnte mit der Zeit verhängnisvolle Wirkungen haben! —
5. Oktober
Wenn ich das Wesen der Suggestion nicht so genau studiert hätte, könnte ich wirklich recht nervös werden: Heute war es die achte Nacht, daß ich jedesmal von demselben Bilde geträumt habe. — Immer die zwei hinter mir her, auf Schritt und Tritt. — — Ich werde heute abend unter die Leute gehen und etwas mehr als sonst trinken. —
Am liebsten ginge ich ins Theater, — aber natürlich: gerade heute ist „Macbeth“. — — — — — — —
7. Oktober
Man lernt doch nie aus. — Jetzt weiß ich, warum ich so hartnäckig davon träumen +mußte+. — Paracelsus sagt ausdrücklich, daß man, um beständig lebhaft zu träumen, nichts anderes zu tun brauche, als ein- oder zweimal seine Träume niederzuschreiben. Das werde ich nächstens gründlich bleiben lassen.
Ob das so ein moderner Gelehrter wüßte. Aber auf den Paracelsus schimpfen, das können sie.
13. Oktober
Ich muß mir heute genau aufschreiben, was passiert ist, damit nicht in meiner Erinnerung etwa Dinge dazuwachsen, die gar nicht geschehen sind. — —
Seit einiger Zeit hatte ich das Gefühl — die Träume bin ich Gott sei Dank los —, als ob stets jemand links hinter mir ginge. —
Ich hätte mich natürlich umdrehen können, um mich von der Sinnestäuschung zu überzeugen, das wäre aber ein großer Fehler gewesen, denn schon dadurch hätte ich mir selbst gegenüber heimlich zugegeben, daß die +Möglichkeit+ von etwas Wirklichem überhaupt vorhanden sein könne. — Das hielt so einige Tage an. — Ich blieb gespannt auf meiner Hut. —
Wie ich nun heute früh an meinen Frühstückstisch trete, habe ich wieder dieses lästige Gefühl, und plötzlich höre ich ein knirschendes Geräusch hinter mir. — Ehe ich mich fassen konnte, hatte mich der Schrecken übermannt, und ich war herumgefahren. — Einen Augenblick sah ich ganz deutlich mit wachen Augen den toten Richard Erben, grau in grau, — dann huschte das Phantom blitzschnell wieder hinter mich, — aber doch nicht mehr so weit, daß ich es nur wie vorher bloß ahnen kann. — Wenn ich mich ganz grad richte und die Augen stark nach links wende, kann ich seine Konturen sehen, so wie im Augenschimmer; — drehe ich aber den Kopf, so weicht die Gestalt im selben Maß zurück.
— — — — — — — — —
Es ist mir ganz klar, daß das Geräusch nur von der alten Aufwärterin verursacht sein konnte, die keinen Augenblick still ist und sich immer an den Türen herumdrückt.
Sie darf mir von jetzt ab nurmehr in die Wohnung, wenn ich nicht zu Haus bin. Ich will überhaupt keinen Menschen mehr in die Nähe haben. —
Wie mir das Haar zu Berge stand! — Ich denke mir, daß das davon kommt, daß sich einem die Kopfhaut zusammenzieht. — —
Und das Phantom? Die erste Empfindung war ein Nachwehen aus den früheren Träumen, — ganz einfach; und das Sichtbarwerden entstand ruckweise durch den plötzlichen Schrecken. — Schrecken, — Furcht, Haß, Liebe sind lauter Kräfte, die das Ich zerteilen und daher die eigenen, sonst ganz unbewußten Gedanken sichtbar machen können, daß sie sich im Wahrnehmungsvermögen wie in einem Reflektor spiegeln. —
Ich darf jetzt längere Zeit gar nicht unter Leute gehen und muß mich scharf beobachten, denn das geht so nicht mehr weiter. —
Unangenehm ist, daß all das gerade auf den Dreizehnten des Monats fallen muß. — Ich hätte wirklich gegen das alberne Vorurteil mit dem Dreizehnten, das eben auch in mir zu stecken scheint, von allem Anfange an energisch kämpfen sollen. — Übrigens, was liegt an diesem unwichtigen Umstand. — — —
20. Oktober
Am liebsten hätte ich meine Koffer gepackt und wäre in eine andere Stadt gefahren. —
Schon wieder hat sich die Alte an der Tür zu schaffen gemacht. —
Wieder dieses Geräusch, — diesmal rechts hinter mir. — Derselbe Vorgang wie neulich. — Jetzt sehe ich rechts meinen vergifteten Onkel, und wenn ich das Kinn auf die Brust drücke, so quasi auf meine Schultern schiele, alle beide links und rechts. —
Die Beine kann ich nicht sehen. Es scheint mir übrigens, als ob die Gestalt des Richard Erben jetzt mehr hervorgetreten, näher zu mir gekommen wäre. —
Die Alte muß mir aus dem Hause, — das wird mir immer verdächtiger, — aber ich werde noch einige Wochen ein freundliches Gesicht machen, — damit sie nicht Mißtrauen schöpft. —
Auch das Übersiedeln muß ich noch hinausschieben, es würde den Leuten auffallen, und man kann nicht vorsichtig genug sein. —
Morgen will ich wieder das Wort „Mörder“ ein paar Stunden lang üben — es fängt an, unangenehm auf mich zu wirken —, um mich wieder an den Klang zu gewöhnen. — — —
Eine merkwürdige Entdeckung habe ich heute gemacht: ich habe mich im Spiegel beobachtet und gesehen, daß ich beim Gehen mehr mit dem Ballen auftrete als früher und daher ein leichtes Schwanken spüre. — Die Redensart vom „festen Auftreten“ scheint einen tiefen, inneren Sinn zu haben, wie überhaupt in den Worten ein psychologisches Geheimnis zu stecken scheint. — Ich werde darauf achten, daß ich wieder mehr auf den Fersen gehe. —
Gott, wenn ich nur nicht immer über Nacht die Hälfte von dem vergäße, was ich mir tagsüber vornehme. — Rein, als ob der Schlaf alles verwischte.
1. November
Letztesmal habe ich doch absichtlich nichts über das zweite Phantom niedergeschrieben, und doch verschwindet es nicht. — Gräßlich, gräßlich. — Gibt es denn keinen Widerstand? —
Ich habe doch einmal ganz klar unterschieden, daß es zwei Wege gibt, um mich aus der Sphäre solcher Bilder zu rücken. — Ich habe doch den zweiten eingeschlagen und bin dabei immerwährend auf dem ersten! —
War ich denn damals sinnesverwirrt? —
Sind die beiden Gestalten Spaltungen meines Ichs oder haben sie ihr eigenes unabhängiges Leben?
— — — Nein, nein! — Dann würde ich sie ja füttern mit meinem eigenen Leben! — — — — — Also sind es doch wirkliche Wesen! — Grauenhaft! — Aber nein, ich +betrachte+ sie doch nur als selbständige Wesen, und was man als Wirklichkeit betrachtet, das ist — das ist — — — Herrgott, barmherziger, ich schreibe ja nicht, wie man sonst schreibt. — Ich schreibe ja, als ob mir jemand diktierte. — — — — Das muß von der Geheimschrift kommen, die ich immer erst übersetzen muß, ehe ich sie fließend lesen kann. —
+Morgen schreibe ich das ganze Buch noch einmal+ kurrent ab. — Herrgott, steh mir bei in dieser langen Nacht. — — — — — — —
10. November
Es sind +wirkliche+ Wesen, sie haben mir im Traum ihren Todeskampf erzählt. — Jesus, schütze mich, — ja — Jesus, Jesus! — Sie wollen mich erdrosseln! — Ich habe nachgelesen; — es war die Wahrheit, — Curarin wirkt so, genau so. — Woher wüßten sie es, wenn sie nur Scheinwesen wären — —
Gott im Himmel, — warum hast du mir nie gesagt, daß man nach dem Tode weiterlebt, — ich hätte ja nicht gemordet.
Warum hast du dich mir nicht als Kind geoffenbart? — — —
— — — Ich schreibe schon wieder so, wie man spricht; und ich will nicht.
12. November
Ich sehe wieder klar, jetzt, wo ich das ganze Buch abgeschrieben habe. — Ich bin krank. Da hilft nur kalter Mut und klares Wissen.
Für morgen früh habe ich mir den Dr. Wetterstrand bestellt, der muß mir genau sagen, wo der Fehler lag. — Ich werde ihm alles haarklein berichten, er wird mir ruhig zuhören und das über Suggestion verraten, was ich noch nicht weiß. —
Er kann im ersten Augenblick unmöglich für wahr halten, daß ich wirklich gemordet habe, — er wird glauben, ich sei bloß wahnsinnig. —
Und daß er es sich zu Hause +nicht+ mehr überlegt, dafür werde ich sorgen: — — Ein Gläschen Wein!!!
13. November
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Der Mann auf der Flasche
Melanchthon tanzte mit der Fledermaus, die den Kopf unten und oben die Füße hatte.
Die Flügel um den Leib geschlagen und in den Krallenzehen einen großen goldenen Reifen steif emporhaltend, wie um anzudeuten, daß sie von irgendwo herabhänge, sah sie ganz absonderlich aus, und es mußte einen merkwürdigen Eindruck auf Melanchthon machen, wenn er beim Tanzen beständig durch diesen Ring zu sehen gezwungen war, der genau in seine Gesichtshöhe reichte.
Sie war eine der originellsten Masken auf dem Feste des persischen Prinzen — auch eine der scheußlichsten allerdings — diese Fledermaus. —
Sogar Seiner Durchlaucht Mohammed Darasche-Koh, dem Gastgeber, war sie aufgefallen.
„+Schöne+ Maske, ich kenne dich“, hatte er ihr zugeflüstert und damit große Heiterkeit bei den Nebenstehenden erregt.
„Es ist bestimmt die kleine Marquise, die intime Freundin der Fürstin“, meinte ein holländischer Ratsherr, gekleidet im Stile Rembrandts —, es könne gar nicht anders sein; jeden Winkel wisse sie im Schlosse — ihren Reden nach —, und vorhin, als mehreren Kavalieren der „frostige“ Einfall gekommen, sich von dem alten Kammerdiener Filzstiefel und Fackeln bringen zu lassen, um draußen im Parke Schneeballen zu werfen, wobei die Fledermaus ausgelassen mitgetollt habe, hätte er wetten mögen, ein ihm wohlbekanntes Hyazintharmband an ihrem Handgelenk aufblitzen gesehen zu haben.
„Ach, wie interessant,“ mischte sich ein blauer Schmetterling ins Gespräch, — „könnte da nicht Melanchthon vorsichtig ein wenig sondieren, ob Graf de Faast, wie es in letzter Zeit den Anschein hat, bei der Fürstin wirklich Hahn im Korbe ist?“
„Ich warne dich, Maske, sprich nicht so laut“, unterbrach ernst der holländische Ratsherr. „Nur gut, daß die Musik den Walzerschluß ~fortissimo~ spielte, — vor wenigen Augenblicken noch stand der Prinz hier ganz in der Nähe!“
„Ja ja, am besten kein Wort über solche Dinge,“ riet flüsternd ein ägyptischer Anubis, „die Eifersucht dieses Asiaten kennt keine Grenzen; und es liegt vielleicht mehr Zündstoff im Schlosse aufgehäuft, als wir alle ahnen. — Graf de Faast spielt schon zu lange mit dem Feuer, und wenn Darasche-Koh wüßte — —“
Eine rauhe, zottige Figur, ein geschlungenes Knäuel aus Seil darstellend, bahnte sich — in wilder Flucht vor einem hellenischen Krieger in schimmerndem Waffenschmuck — eine Gasse durch die Gruppe der Masken, die den beiden verständnislos nachsahen, wie sie auf flinken Gummisohlen über den spiegelglatten Steinboden huschten.
„Hättest +du+ denn keine Angst, +durchgehauen+ zu werden, Mynheer Kannitverstahn, wenn du der gordische Knoten wärest und wüßtest, daß Alexander der Große hinter dir her ist?“ spottete die umgekehrte Fledermaus und tippte mit dem Fächer auf des Holländers ernsthafte Nase.
„Ei, ei, ei, schöne Marquise Fledermaus, der scharfe Geist verrät sich stets“, scherzte ein baumlanger „Junker Hans“ mit Schweif und Pferdefuß. „Wie schade, ach wie schade, daß man dich — Füßchen oben — nur als Fledermaus so auf dem Kopfe stehen sehen darf.“
Jemand stieß ein brüllendes Gelächter aus.
Alle drehten sich um und sahen einen dicken Alten mit breiten Hosen und einem Ochsenkopf.
„Ah, der pensionierte Herr Handelsgerichtsvizepräsident hat gelacht“, sagte trocken der „Junker Hans“.
Da ertönt dumpfes Läuten, und ein Henker im roten Talar der westfälischen Feme, eine erzene Glocke schwingend, stellt sich inmitten des ungeheuren Saales auf — über sein blitzendes Beil gelehnt.
Aus den Nischen und Loggien strömen die Masken herbei: Harlekins, „~Ladies with the rose~“, Menschenfresser, Ibisse und gestiefelte Kater, Piquefünfe, Chinesinnen, deutsche Dichter mit der Aufschrift: „Nur ein Viertelstündchen“, Don Quichottes und Wallensteinsche Reiter, Kolombinen, Bajaderen und Dominos in allen Farben.
Der rote Henker verteilt Täfelchen aus Elfenbein mit Goldschrift unter die Menge.
„Ah, Programme für die Vorstellung!!“
„Der Mann in der Flasche“
Marionetten-Komödie im Geiste Aubrey Beardsleys von Prinz Mohammed Darasche-Koh
Personen:
Der Mann in der Flasche Miguel Graf de Faast Der Mann auf der Flasche Prinz Mohammed Darasche-Koh Die Dame in der Sänfte * * *
Vampyre, Marionetten, Buckelige, Affen, Musikanten
Ort der Handlung:
Ein offener Tiger-Rachen
„Was?! Vom Prinzen selbst ist das Puppenspiel?“
„Vermutlich eine Szene aus Tausendundeiner Nacht?“
„Wer wird denn die Dame in der Sänfte geben?“ hört man neugierige Stimmen durcheinander fragen.
„Unerhörte Überraschungen stehen uns heute noch bevor, o ja,“ zwitschert ein niedlicher Incroyable in Hermelin und hängt sich in einen Abbé ein, — „weißt du, der Pierrot vorhin, mit dem ich die Tarantella tanzte, das war der Graf de Faast, der den Mann in der Flasche spielen wird, und er hat mir viel anvertraut: — Die Marionetten werden schrecklich unheimlich sein, aber nur für die, die es verstehen, weißt du — und einen — — — — Elefanten hat der Prinz eigens aus Hamburg telegraphisch bestellt — — aber du hörst mir ja gar nicht zu!“ — Und ärgerlich läßt die Kleine den Arm ihres Begleiters los und läuft davon.
Durch die weiten Flügeltüren fluten immer neue Scharen von Masken aus den Nebengemächern in die Festeshalle, sammeln sich planlos in der Mitte, laufen durcheinander wie das ewig wechselnde Farbenspiel eines Kaleidoskops, oder drücken sich an den Wänden zusammen, die wundervollen Fresken Ghirlandajos zu bestaunen, die, bis zur blauen, sternenbesäten Decke emporsteigend, gleich Märchengeländen den Saal umrahmen.
Wie eine buntschillernde Insel des Lebens liegt die Halle, umspült von den Gefilden farbengebundener Phantasien, die, einst in froh pochenden Künstlerherzen erwacht, eine jetzt kaum mehr verständlich einfache und langsame Sprache den hastenden Seelen des Heute zuraunen.
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Diener reichen Erfrischungen auf Silbertassen in das fröhliche Gewoge — Sorbet und Wein. — — Sessel werden gebracht und in die Fensternischen gestellt.
Mit scharrendem Geräusch schieben sich die Wände der einen Schmalseite zurück, und langsam rollt eine Bühne aus dem Dunkel vor, mit rotbraun und gelb geflammter Umrahmung und weißen Zähnen oben und unten: ein stilisierter, gähnender Tigerrachen.
In der Mitte der Szene steht eine riesige kugelförmige Flasche. Aus fußdickem Glas. Fast zwei Mann hoch und sehr geräumig. Rosa Seidenvorhänge im Hintergrunde des Theaters. —
Die kolossalen Ebenholztüren des Saales fliegen auf, und mit majestätischer Ruhe tritt ein Elefant — gold- und juwelengeschmückt — herein. Auf seinem Nacken der rote Henker lenkt ihn mit dem Stiel seines Beiles.
Von den Spitzen der Stoßzähne schwingen Ketten von Amethysten, nicken Wedel aus Pfauenfedern.
Goldgewirkte Decken hängen dem Tier in rosinfarbenen Quasten über die Flanken bis auf den Boden herab.