Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 11
Die ungeheure Stirne hinter einem Netz mit funkelnden Edelsteinen, schreitet der Elefant gelassen durch den Festraum.
In Zügen umdrängen ihn die Masken und jauchzen der bunten Schar vornehmer Darsteller zu, die in einem Palankin auf seinem Rücken sitzen: Prinz Darasche-Koh mit Turban und Reiheragraffe. — Graf de Faast als Pierrot daneben. — Marionetten und Musikanten lehnen starr und steif wie Holzpuppen.
Der Elefant ist bei der Bühne angelangt und hebt mit dem Rüssel Mann um Mann aus dem Palankin; — Händeklatschen und lauter Jubel, als er den Pierrot nimmt und in den Hals der Flasche hinabgleiten läßt, dann den Metalldeckel schließt und den Prinzen obendrauf setzt.
Die Musikanten haben sich im Halbkreis niedergelassen und ziehen seltsame, dünne, gespenstisch aussehende Instrumente hervor.
Ernsthaft sieht der Elefant ihnen zu, dann kehrt er langsam um und schreitet zum Eingang zurück. Toll und ausgelassen wie Kinder hängen sich ihm scharenweise die Masken an Rüssel, Ohren und Stoßzähne und wollen ihn jauchzend zurückhalten; — — er spürt ihr Zerren kaum.
Die Vorstellung beginnt. Irgendwoher, wie aus dem Boden herauf, tönt leise Musik. —
Puppenorchester und Marionetten bleiben leblos wie aus Wachs.
Der Flötenbläser stiert mit gläsernem, blödsinnigem Ausdruck zur Decke — die Züge der Rokokodirigentin in Perücke und Federhut, den Taktstock wie lauschend erhoben und den spitzen Finger geheimnisvoll an die Lippen gelegt, sind in grauenhaft lüsternem Lächeln verzerrt.
Im Vordergrund der Bühne die Marionetten — ein buckliger Zwerg mit kalkweißem Gesicht, ein grauer grinsender Teufel und eine fahle geschminkte Sängerin mit roten lechzenden Lippen — scheinen in satanischer Bosheit um ein schreckliches Geheimnis zu wissen, das sie in brünstigem Krampfe erstarren ließ. — — —
Das haarsträubende Entsetzen des Scheintodes brütet über der regungslosen Gruppe.
— — Nur der Pierrot in der Flasche ist in ruheloser Bewegung, — schwenkt seinen spitzen Filzhut, verbeugt sich, und mitunter grüßt er hinauf zu dem persischen Prinzen, der mit gekreuzten Beinen unbeweglich auf dem Deckel der Flasche sitzt, — dann wieder schneidet er tolle Grimassen.
Seine Luftsprünge bringen die Zuschauer zum Lachen, — — — — wie grotesk er aussieht!
Die dicken Glaswände verzerren seinen Anblick so seltsam; — manchmal hat er Glotzaugen, die hervorquellen und so wunderlich funkeln, dann wieder gar keine Augen, nur Stirne und Kinn, — oder ein dreifaches Gesicht; — zuweilen ist er dick und gedunsen, dann wieder skelettartig dürr und langbeinig wie eine Spinne. — Oder sein Bauch schwillt zur Kugel an.
Jeder sieht ihn anders, je nachdem der Blick auf die Flasche fällt.
In gewissen kurzen Zeiträumen ohne jeden erkennbaren, logischen Zusammenhang kommt ruckweise ein spukhaftes, sekundenlanges Leben in die Gestalten, das gleich darauf wieder in die alte, grauenvolle Leichenstarre versinkt, daß es scheint, als hüpfe das Bild über tote Zwischenräume hinweg von einem Eindruck zum andern, — wie der Zeiger einer Turmuhr traumhaft von Minute zu Minute zuckt.
Einmal hatten die Figuren aus schnellenden Kniekehlen heraus drei gespenstische Tanzschritte seitwärts der Flasche zu gemacht; — und im Hintergrund verrenkte sich ein verwachsenes Kind wie in lasterhafter Qual. —
Von den Musikanten einer — ein Baschkir mit irrem, wimpernlosem Blick und birnenförmigem Schädel — nickte dazu und spreizte mit einem Ausdruck schreckhafter Verworfenheit seine dürren, gräßlichen Finger, die trommelschlegelartig in kugelförmige Enden ausliefen, wie wächserne Symbole einer geheimnisvollen Entartung.
Dann wieder war an die Sängerin ein phantastisches weibliches Zwitterwesen herangesprungen — mit langen, schlotternden Spitzenhöschen — und in tänzelnder Stellung erstarrt.
Wie erfrischendes Aufatmen wirkte es förmlich, als mitten in eine solche Pause der Regungslosigkeit durch die rosaseidenen Vorhänge aus dem Hintergrunde eine verschlossene Sänfte aus Sandelholz von zwei Mohren auf die Szene getragen und in der Nähe der Flasche niedergestellt wurde, auf die jetzt von oben plötzlich ein fahles, mondscheinartiges Licht fiel.
Die Zuschauer waren sozusagen in zwei Lager geteilt, die einen — unfähig sich zu rühren und sprachlos — ganz im Banne dieser traumhaft vampyrartigen, rätselhaften Marionettentänze, von denen ein dämonisches Fluidum vergifteter, unerklärlicher Wollust ausströmte, — während die andere Gruppe, zu plump für derlei seelische Schrecken, nicht aus dem Lachen über das spaßige Gebaren des Mannes in der Flasche herauskam.
Dieser hatte zwar die lustigen Tänze aufgegeben, aber sein jetziges Benehmen kam ihnen nicht minder komisch vor.
Durch alle möglichen Mittel trachtete er offenbar, irgend etwas ihm äußerst dringend Scheinendes dem auf dem Flaschendeckel sitzenden Prinzen verständlich zu machen.
Ja, er schlug und sprang zuletzt gegen die Wandungen, als wolle er sie zerbrechen oder gar die Flasche umwerfen.
Dabei hatte es den Anschein, als schreie er laut, obwohl natürlich nicht das leiseste Geräusch durch das fußdicke Glas drang.
Die pantomimischen Gebärden und Verrenkungen des Pierrots beantwortete der Perser von Zeit zu Zeit mit einem Lächeln, — oder er wies mit dem Finger auf die Sänfte.
Die Neugier des Publikums erreichte den Höhepunkt, als man bei einer solchen Gelegenheit deutlich bemerkte, daß der Pierrot sein Gesicht längere Zeit fest an das Glas drückte, wie um etwas drüben am Sänftenfenster zu erkennen, dann aber plötzlich wie ein Wahnsinniger die Hände vor den Kopf schlug, als hätte er etwas Gräßliches erblickt, auf die Knie fiel und sich die Haare raufte. — Dann sprang er auf und raste mit solcher Schnelle in der Flasche herum, daß man bei den spiegelnden Verzerrungen manchmal nur noch ein helles, umherflatterndes Tuch zu sehen vermeinte.
Groß war auch das Kopfzerbrechen im Publikum, was es denn eigentlich mit der „Dame in der Sänfte“ für eine Bewandtnis habe; man konnte wohl wahrnehmen, daß ein weißes Gesicht an das Sänftenfenster gepreßt war und unbeweglich zur Flasche hinübersah, — alles andere aber verdeckte der Schatten, und man war auf bloßes Raten angewiesen.
„Was nur der Sinn dieses unheimlichen Puppenspieles sein mag?“ flüsterte der blaue Domino und schmiegte sich ängstlich an den „Junker Hans“.
Erregt und mit gedämpfter Stimme tauschte man seine Meinungen aus.
Einen so recht eigentlichen +Sinn+ habe das Stück nicht, — — nur Dinge, die +nichts Gehirnliches+ bedeuten, könnten den verborgenen Zutritt zur Seele finden, — meinte ein Feuersalamander, und so, wie es Menschen gebe, die beim Anblick der wässerigen Absonderungen blutleerer Leichen, von erotischem Taumel geschüttelt, kraftlose Schreie der Verzückung ausstoßen, so gebe es gewiß auch — — — — — —
„Kurz und gut: Wollust und Entsetzen wachsen auf einem Holz,“ unterbrach die Fledermaus, „aber glaubt mir, ich zittere am ganzen Körper vor Aufregung, es liegt etwas unsagbar Grauenhaftes in der Luft, das ich nicht abschütteln kann; immer wieder legt es sich um mich wie dicke Tücher. — Geht das von dem Puppenspiel aus? — Ich sage: nein; auf mich strömt es vom Prinzen Darasche-Koh über. Warum sitzt er so scheinbar teilnahmlos da oben auf der Flasche? Und doch läuft manchmal ein Zucken über sein Gesicht!! — — — Irgend etwas Unheimliches geht hier vor, ich lasse mir’s nicht nehmen.“
„Eine gewisse symbolische Bedeutung glaube ich doch herausgefunden zu haben, und dazu paßt ganz gut, was du eben sagtest“, mischte sich Melanchthon in das Gespräch. „Ist denn nicht der ‚Mann in der Flasche‘ der Ausdruck der im Menschen eingeschlossenen Seele, die ohnmächtig zusehen muß, wie die Sinne — die Marionetten — sich frech ergötzen, und wie alles der unaufhaltsamen Verwesung im Laster entgegengeht?“
Lautes Gelächter und Händeklatschen schnitt ihm die Rede ab.
Der Pierrot hatte sich auf dem Boden der Flasche zusammengekrümmt und umkrallte mit den Fingern seinen Hals. — Dann wieder riß er den Mund weit auf, deutete in wilder Verzweiflung auf seine Brust und nach oben — und faltete schließlich flehend die Hände, als wolle er etwas vom Publikum erbitten.
„Er will zu trinken haben, — na ja, so eine große Flasche und kein Sekt drin — gebt ihm doch zu trinken, ihr Marionetten“, rief ein Zuschauer.
Alles lachte und klatschte Beifall.
Da sprang der Pierrot wieder auf, riß sich die weißen Kleider von der Brust, machte eine taumelnde Bewegung und fiel der Länge nach zu Boden.
„Bravo, bravo, Pierrot — großartig gespielt. ~Da capo, da capo!~“ jubelte die Menge.
Als jedoch der Mann sich nicht mehr rührte und keine Miene machte, die Szene zu wiederholen, legte sich langsam der Applaus, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich den Marionetten zu.
Diese standen noch immer in derselben geisterhaften Stellung, die sie zuletzt eingenommen hatten, doch lag jetzt eine Art Spannung in ihren Mienen, die früher nicht wahrzunehmen gewesen. Es schien, als ob sie auf irgendein Stichwort warteten.
Der bucklige Zwerg mit dem kalkweißen Gesicht drehte schließlich vorsichtig seine Augen nach dem Prinzen Darasche-Koh. —
Der Perser rührte sich nicht.
Seine Züge sahen verfallen aus.
Endlich trat von den Figuren im Hintergrund einer der Mohren zögernd an die Sänfte heran und öffnete den Schlag.
Und da geschah etwas höchst Seltsames.
Steif fiel ein nackter weiblicher Körper heraus und schlug mit dumpfem Klatschen lang hin.
Einen Augenblick Totenstille, dann schrien tausend Stimmen durcheinander — — — es brauste der Saal.
„Was ist’s — was ist geschehen?!“
Marionetten, Affen, Musikanten — alles sprang zu; Masken schwangen sich auf die Bühne:
Die Fürstin, die Gemahlin Darasche-Kohs lag da, ganz nackt; auf ein stählernes Stangengerüst geschnürt. Die Stellen, wo die Stricke in das Fleisch einschnitten, waren blau unterlaufen.
Im Munde stak ihr ein seidener Knebel. —
Unbeschreibliches Entsetzen lähmte alle Arme.
— „Der Pierrot!“ gellte plötzlich eine Stimme, — „der Pierrot!“ — Eine wahnsinnige, unbestimmte Angst fuhr wie ein Dolchstoß in alle Herzen.
— „Wo ist der Prinz?!“
Der Perser war während des Tumultes spurlos verschwunden.
— — — — — — — — —
Schon stand Melanchthon auf den Schultern des Junker Hans; vergebens, — — er konnte den Deckel der Flasche nicht heben, und das kleine Luftventil war — — — — +zugeschraubt+! —
„So schlagt doch die Wandungen ein, schnell, schnell!“
Der holländische Ratsherr entriß dem roten Henker das Beil, mit einem Satz sprang er auf die Bühne.
Es klang wie eine geborstene Glocke, als die Schläge schmetternd niederfielen; — ein schauerlicher Ton.
Tiefe Sprünge zuckten durch das Glas wie weiße Blitze; die Schneide der Axt bog sich.
Endlich — endlich — — — die Flasche brach in Trümmer.
Darinnen lag, erstickt, die Leiche des Grafen de Faast, die Finger in die Brust gekrallt.
Durch die Festeshalle mit lautlosem Flügelschlag unsichtbar zogen die schwarzen Riesenvögel des Entsetzens.
Das Präparat
Die beiden Freunde saßen an einem Eckfenster des Café Radetzky und steckten die Köpfe zusammen.
„Er ist fort, — heute nachmittag mit seinem Diener nach Berlin gefahren. — Das Haus ist vollkommen leer; — ich komme soeben von dort und habe mich genau überzeugt; — die beiden Perser waren die +einzigen+ Bewohner.“
„Also ist er doch auf das Telegramm hereingefallen?!“
„Darüber war ich keinen Moment im Zweifel; wenn er den Namen Fabio Marini hört, ist er nicht zu halten.“
„Wundert mich eigentlich, denn er hat doch Jahre mit ihm zusammengelebt, — bis zu seinem Tode, — was könnte er da noch Neues über ihn in Berlin erfahren?“
„Oho! Professor Marini soll ihm noch vieles geheim gehalten haben; — er hat es selbst einmal so gesprächsweise fallen lassen, — ungefähr vor einem halben Jahr, als unser guter Axel noch unter uns war.“
„Ist denn tatsächlich etwas Wahres an dieser geheimnisvollen Präparationsmethode Fabio Marinis? — Glaubst du wirklich so fest daran, Sinclair? —“
„Von ‚glauben‘ kann hier gar keine Rede sein. Mit +diesen+ Augen habe ich in Florenz eine von Marini präparierte Kindesleiche gesehen. Ich sage dir, jeder hätte geschworen, daß das Kind bloß schlafe, — keine Spur von Starre, keine Runzeln, keine Falten — sogar die rosa Hautfarbe eines Lebendigen war vorhanden.“
„Hm. — Du denkst, der Perser könnte wirklich Axel ermordet und — — —“
„Das weiß ich nicht, Ottokar, aber es ist denn doch unser beider Gewissenspflicht, uns Gewißheit über Axels Schicksal zu verschaffen. — Was, wenn er damals durch irgendein Gift bloß in eine Art Totenstarre versetzt worden wäre! — Gott, wie habe ich auf dem anatomischen Institut den Ärzten zugeredet, — sie angefleht, noch Wiederbelebungsversuche zu machen. — — — Was wollen Sie denn eigentlich, hieß es, — der Mann ist tot, das ist klar, und ein Eingriff an der Leiche ohne Erlaubnis des Doktor Darasche-Koh ist unzulässig. Und sie wiesen mir den Kontrakt vor, in dem ausdrücklich stand, daß Axel dem jeweiligen Inhaber dieses Scheines seinen Körper nach dem Tode verkaufe und dafür bereits am so und sovielten 500 fl. in Empfang genommen und quittiert habe.“
„Nein, — es ist gräßlich, — und so etwas hat in unserem Jahrhundert noch Gesetzeskraft. — So oft ich daran denke, faßt mich eine namenlose Wut. — Der arme Axel! — Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, daß dieser Perser, sein wütendster Feind, der Besitzer des Kontraktes sein könnte! — Er war immer der Ansicht, das anatomische Institut selbst — —“
„Und konnte denn der Advokat gar nichts ausrichten? —“
„Alles umsonst. — Nicht einmal das Zeugnis des alten Milchweibes, daß Darasche-Koh einmal in seinem Garten bei Sonnenaufgang den Namen Axels so lange verflucht habe, bis ihm im Paroxysmus der Schaum vor den Mund getreten sei, wurde beachtet. — — Ja, wenn Darasche-Koh nicht europäischer ~medicinae doctor~ wäre! — Wozu aber noch reden, — willst du mitgehen oder nicht, Ottokar? Entschließe dich.“
„Gewiß will ich — aber bedenke, wenn man uns erwischt — als Einbrecher! — Der Perser hat einen tadellosen Ruf als Gelehrter! Der bloße Hinweis auf unseren Verdacht ist doch, — weiß Gott, — kein plausibler Grund. — Nimm es mir nicht übel, aber ist es wirklich ganz ausgeschlossen, daß du dich geirrt hast, als du Axels Stimme vernahmst? — — Fahre nicht auf, Sinclair, bitte, — sage mir noch einmal genau, wie das damals geschah. — Warst du nicht vielleicht schon vorher irgendwie aufgeregt?“
„Aber gar keine Spur! — Eine halbe Stunde früher war ich auf dem Hradschin und sah mir wieder einmal die Wenzelskapelle und den Veitsdom an, diese alten fremdartigen Bauten mit ihren Skulpturen wie aus geronnenem Blut, die immer von neuem einen so tiefen, unerhörten Eindruck auf unsere Seele machen, — und den Hungerturm und die Alchimistengasse. — Dann ging ich die Schloßstiege hinab und bleibe unwillkürlich stehen, da die kleine Tür, die durch die Mauer zum Hause Darasche-Kohs führt, offen ist. — Im selben Augenblick höre ich deutlich, — es mußte aus dem Fenster herübertönen — eine Stimme (und ich schwöre einen heiligen Eid darauf: es war Axels Stimme) — rufen:
Eins — — zwei — — drei — — vier. —
Ach Gott, wäre ich doch damals sofort in die Wohnung eingedrungen; — aber ehe ich mich recht besinnen konnte, hatte der türkische Diener Darasche-Kohs die Mauerpforte zugeschlagen. — Ich sage dir, wir müssen in das Haus! — Wir müssen! — Was, wenn Axel wirklich noch lebte! — Schau, — man kann uns ja gar nicht erwischen. — Wer geht denn nachts über die alte Schloßstiege, ich bitte dich, — und ich kann jetzt mit Sperrhaken umgehen, daß du staunen wirst.“
*
Die beiden Freunde hatten sich bis zur Dunkelheit in den Straßen umhergetrieben, ehe sie ihren Plan ausführten. Dann waren sie über die Mauer geklettert und standen endlich vor dem altertümlichen Hause, das dem Perser gehörte.
Das Gebäude — einsam auf der Anhöhe des Fürstenbergschen Parkes — lehnt wie ein toter Wächter an der Seitenmauer der grasbewachsenen Schloßstiege.
„Dieser Garten, diese alten Ulmen da unten haben etwas namenlos Grauenhaftes,“ flüsterte Ottokar Dohnal, „sieh nur, wie drohend sich der Hradschin vom Himmel abhebt. — Und diese erleuchteten Nischenfenster dort in der Burg! — Wahrhaftig, es weht eine seltsame Luft hier auf der Kleinseite. — Als ob sich alles Leben tief in die Erde zurückgezogen hätte — aus Angst vor dem lauernden Tode. Hast du nicht auch das Gefühl, daß eines Tages dieses schattenhafte Bild plötzlich versinken könnte — wie eine Vision, — eine ~Fata morgana~, — daß dieses schlafende zusammengekauerte Leben wie ein gespenstisches Tier zu etwas Neuem, Schreckhaftem erwachen müßte? — Und sieh nur, da unten die weißen Kieswege — wie Adern.“ —
„Komm doch schon,“ drängte Sinclair, „mir schlottern die Knie vor Aufregung, — hier, — halte mir unterdessen den Situationsplan.“ — — — — —
Die Tür war bald geöffnet, und die beiden tappten eine alte Treppe empor, auf die der dunkle Sternenhimmel durch die runden Fenster kaum einen Schein warf.
„Nicht anzünden, man könnte von unten — vom Gartenhaus — das Licht bemerken, hörst du, Ottokar! Geh dicht hinter mir. — — — —
Achtung, hier ist eine Stufe ausgebrochen. — — — — — Die Gangtür ist offen — — — — hier, hier — links.“
Sie standen plötzlich in einem Zimmer.
„So mach’ doch keinen solchen Lärm!“
„Ich kann nicht dafür: die Tür ist von selbst wieder zugefallen.“
— — — — — — — — —
„Wir werden Licht machen müssen. Ich fürchte jeden Augenblick etwas umzuwerfen, es stehen soviel Stühle im Weg.“
In diesem Moment blitzte ein blauer Funken an der Wand auf, und ein Geräusch wurde hörbar — wie ein seufzendes Einatmen.
Leises Knirschen schien aus dem Boden, aus allen Fugen zu dringen.
Eine Sekunde wieder Totenstille. — Dann zählte laut und langsam eine röchelnde Stimme:
+Eins+ — — — +zwei+ — — — +drei+ — — —
Ottokar Dohnal schrie auf, kratzte wie wahnsinnig an seiner Streichholzschachtel, — seine Hände flogen vor grauenhaftem Entsetzen. — Endlich Licht — Licht! Die beiden Freunde blickten sich in die kalkweißen Gesichter: „Axel!“ —
— +vier+ — +fünf+ — +sssechss+ — +siiieben+
Dort aus der Nische kommt das Zählen.
„Die Kerze anzünden! Rasch, rasch!“
— +acht+ — +neun+ — +zeeeehn+ — +elf+ —
— — — — — — — — —
Von der Decke der Wandvertiefung an einem Kupferstab hing ein menschlicher Kopf mit blondem Haar. — Der Stab drang mitten in die Scheitelwölbung. — Der Hals war unter dem Kinn mit einer seidenen Schärpe umwickelt — — und darunter mit Luftröhren und Bronchien die zwei rötlichen Lungenflügel. — Dazwischen bewegte sich rhythmisch das Herz, — mit goldenen Drähten umwunden, die auf den Boden zu einem kleinen elektrischen Apparate führten. — Die Adern, straff gefüllt, leiteten Blut aus zwei dünnhalsigen Flaschen empor.
Ottokar Dohnal hatte die Kerze auf einen kleinen Leuchter gestellt und klammerte sich an seines Freundes Arm, um nicht umzufallen.
Das war Axels Kopf, die Lippen rot, mit blühender Gesichtsfarbe, wie lebend. — Die Augen, weit aufgerissen, starrten mit einem gräßlichen Ausdruck auf einen Brennspiegel an der gegenüberliegenden Wand, die mit turkmenischen und kirgisischen Waffen und Tüchern bedeckt schien. — Überall die bizarren Muster orientalischer Gewebe. —
Das Zimmer war voll präparierter Tiere — Schlangen und Affen in seltsamen Verrenkungen lagen unter umhergestreuten Büchern. —
In einer gläsernen Wanne auf einem Seitentische schwamm ein menschlicher Bauch in einer bläulichen Flüssigkeit.
Die Gipsbüste Fabio Marinis blickte von einem Postamente ernst auf das Zimmer herab. —
Die Freunde konnten kein Wort hervorbringen; hypnotisiert starrten sie auf das Herz dieser furchtbaren menschlichen Uhr, das wie lebendig zitterte und schlug.
„Um Gottes willen — fort von hier — ich werde ohnmächtig. — Verflucht sei dieses persische Ungeheuer.“
Sie wollten zur Tür. —
Da! — Wieder dieses unheimliche Knirschen, das aus dem Munde des Präparates zu kommen schien. —
Zwei blaue Funken zuckten auf und wurden von dem Brennspiegel gerade auf die Pupillen des Toten reflektiert.
Seine Lippen öffneten sich, — schwerfällig streckte sich die Zunge vor, — bog sich hinter die Vorderzähne, — und die Stimme röchelte:
+Ein Vier — rrr — tel.+
Dann schloß sich der Mund, und das Gesicht stierte wieder geradeaus. —
„Gräßlich!! — Das +Gehirn+ funktioniert — lebt. — — — — — Fort — fort — ins Freie — — hinaus! — Die Kerze, — nimm die Kerze, Sinclair!“
„So öffne doch, um Himmels willen — warum öffnest du nicht?“
„Ich kann nicht, da — da, schau!“
Die innere Türklinke war eine menschliche Hand, mit Ringen geschmückt. — Die Hand des Toten; die weißen Finger krallten ins Leere. —
„Hier, hier, nimm das Tuch! Was fürchtest du dich — — es ist doch unseres Axels Hand!“
— — — — — — — — —
Sie standen wieder auf dem Gang und sahen, wie die Tür langsam ins Schloß fiel.
Eine schwarze gläserne Tafel hing daran:
~Dr.~ Mohammed Darasche-Koh Anatom.
Die Kerze flackerte im Luftzug, der über die ziegelsteinerne Treppe emporwehte.
Da taumelte Ottokar an die Wand und sank stöhnend in die Knie: „Hier! — Das da — —“, er wies auf den Glockenzug.
Sinclair leuchtete näher hin.
Mit einem Schrei sprang er zurück und ließ die Kerze fallen. — —
Der blecherne Leuchter klirrte von Stein zu Stein.
— — — — — — — — —
Wie wahnsinnig, — die Haare gesträubt, — mit pfeifendem Atem rasten sie in der Finsternis die Stufen hinab.
„Persischer Satan! — Persischer Satan!“
Das ganze Sein ist flammend Leid
Um sechs Uhr ist es längst dunkel in den Sträflingszellen des Landgerichts, denn Kerzen sind dort nicht gestattet, und überdies war es Winterabend — neblig und sternenlos. —
Der Aufseher ging mit dem schweren Schlüsselbund von Tür zu Tür, leuchtete noch einmal durch die kleinen vergitterten Ausschnitte, — wie es seine Pflicht ist, — und überzeugte sich, daß die Eisenstangen vorgelegt waren. — Endlich verhallte sein Schritt, und die Ruhe des Jammers lag über all den Unglücklichen, die der Freiheit beraubt — immer vier beisammen — in den trostlosen Zellen auf ihren hölzernen Bänken schliefen.
Der alte Jürgen lag auf dem Rücken und blickte zu dem kleinen Kerkerfenster empor, das wie mattleuchtender Dunst aus der Finsternis schimmerte. — Er zählte die langsamen Schläge der mißtönenden Turmglocke und überlegte, was er morgen vor den Geschworenen sagen wollte, und ob er wohl freigesprochen würde. —
Das Gefühl der Empörung und des wilden Hasses, daß man ihn, wo er doch vollkommen unschuldig war, so lange eingesperrt hielt, hatte ihn in den ersten Wochen bis in den Traum verfolgt, und oft hätte er vor Verzweiflung am liebsten aufgeschrien. —
Aber die dicken Mauern und der enge Raum — kaum fünf Schritte lang — schlagen den Schmerz nach innen und lassen ihn nicht heraus; — dann lehnt man nur die Stirn an die Wand oder steigt auf die Holzbank, um einen Streifen blauen Himmels durch das Kerkergitter zu sehen.
Jetzt waren diese Regungen erloschen, und andere Sorgen, die der freie Mensch nicht kennt, drückten ihn nieder. —
Ob er morgen freigesprochen würde oder verurteilt, regte ihn nicht einmal so sehr auf, wie er sich früher wohl gedacht hatte. — Geächtet war er, was blieb ihm da als Betteln und Stehlen!
Und fiel das Urteil, so würde er sich erhenken — bei der nächsten besten Gelegenheit, — und sein Traum wäre in Erfüllung gegangen, den er in der ersten Nacht in diesen verfluchten Mauern gehabt.