Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten
Part 12
Seine drei Gefährten lagen schon lange still; — sie hatten nichts Neues zu hoffen, daß sie wach geblieben wären, und die langen Freiheitsstrafen kürzt nur der Schlaf. — Er aber konnte nicht schlafen, seine trübe Zukunft und trübe Bilder der Erinnerung zogen an ihm vorbei: anfangs, als er noch ein paar Kreuzer besaß, hatte er sein Los verbessern, sich hie und da eine Wurst und etwas Milch, manchmal einen Kerzenstummel kaufen können, solange er mit Untersuchungsgefangenen beisammen bleiben durfte. — Später hatte man ihn zu den Sträflingen gesteckt, aus Bequemlichkeitsgründen — und in diesen Zellen wird es bald Nacht — auch in der Seele. —
Den ganzen langen Tag sitzt man und brütet vor sich hin, die Ellbogen auf die Knie gestützt, — nur ab und zu eine Unterbrechung, wenn der Schließer die Tür öffnet und ein Sträfling schweigend den Wasserkrug trägt oder die Blechtöpfe mit den gekochten Erbsen. —
Da hatte er stundenlang gegrübelt, wer den Mord wohl mochte begangen haben, und immer klarer war es ihm geworden, daß nur sein Bruder der Täter sein könne. — Der Bursche war nicht umsonst so schnell verschwunden. —
Dann dachte er wieder an die morgige Gerichtsverhandlung und den Advokaten, der ihn verteidigen sollte.
Er hielt nicht viel von ihm. Der Mann war immer so zerstreut gewesen und hatte nur mit halbem Ohr zugehört und so devot wie möglich gekatzenbuckelt, wenn der Untersuchungsrichter hinzugetreten war. — Aber offenbar gehörte das schon so mit dazu. — —
Jürgen hörte noch von weitem das Rasseln der Droschke, die immer um dieselbe Stunde am Gerichtsgebäude vorbeifuhr. — Wer wohl darin sitzen mochte? — Ein Arzt — ein Beamter vielleicht. — Wie scharf die Hufeisen auf dem Pflaster klangen. — — —
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Die Geschworenen hatten Jürgen freigesprochen, — — aus Mangel an Beweisen — und jetzt ging er zum letzten Male hinunter in die Zelle.
Die drei Sträflinge sahen stumpf zu, wie er mit zitternden Händen einen alten Kragen am Hemde befestigte und seinen dünnen schäbigen Sommeranzug anlegte, den ihm der Aufseher hereingebracht hatte. — Die Zuchthauskleider, in denen er acht Monate gelitten, warf er mit einem Fluche unter die Bank. — Dann mußte er in die Kanzlei beim Eingangstor, — der Kerkermeister schrieb etwas in ein Buch und ließ ihn frei. —
Es kam ihm alles so fremd vor auf der Straße: die eiligen Menschen, die gehen durften, wohin sie wollten und das so selbstverständlich fanden, — und der eisige Wind, der einen fast umwarf. —
Vor Schwäche mußte er sich an einem Alleebaum halten, und sein Blick fiel auf die steinerne Aufschrift über dem Torbogen:
„~Nemesis bonorum custos.~“ — Was das wohl heißen mag? —
Die Kälte machte ihn müde; zitternd schleppte er sich zu einer Bank in den Parkgebüschen und schlief ermattet, fast ohnmächtig ein.
Als er erwachte, lag er im Krankenhause, — man hatte ihm den linken Fuß amputiert, der ihm erfroren war. — — — — — — — — — — — — —
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Aus Rußland waren zweihundert Gulden für ihn gekommen, — wohl von seinem Bruder, den das Gewissen gemahnt haben mochte, und Jürgen mietete ein billiges Gewölbe, um Singvögel zu verkaufen. —
Er lebte kümmerlich und einsam und schlief hinter einem Bretterverschlag in seinem armseligen Laden.
Wenn des Morgens die Bauernkinder in die Stadt kamen, kaufte er ihnen die kleinen Vögel um einige Kreuzer ab, die sie in Schlingen und Fallen gefangen hatten, und steckte sie zu den übrigen in die schmutzigen Käfige. — — — —
Von dem eisernen Haken in der Mitte des Gewölbes hing an vier Stricken befestigt ein altes Brett herab, auf dem ein räudiger Affe kauerte, den Jürgen von seinem Nachbarn — dem Trödler — gegen einen Nußhäher eingetauscht hatte.
Tag für Tag blieben die Schuljungen stundenlang vor dem blinden Fenster stehen und starrten den Affen an, der unruhig hin und her rückte und mürrisch die Zähne fletschte, wenn ein Käufer die Tür öffnete.
Nach ein Uhr kam gewöhnlich niemand mehr, und dann saß der Alte auf seinem Schemel, blickte trübselig auf sein hölzernes Bein und brütete vor sich hin, was wohl jetzt die Sträflinge machen mochten und der Herr Untersuchungsrichter, und ob der Advokat noch immer auf dem Bauch vor ihm läge. —
Wenn dann ab und zu der Polizeibeamte, der in der Nähe wohnte, vorüberging, wäre er am liebsten aufgesprungen, um ihm ein paar mit der Eisenstange da über seine bunten Schandlappen zu hauen. —
O Gott, daß doch das Volk einmal aufstünde und die Schurken erschlüge, die arme Teufel einfangen und für Taten bestrafen, die sie selbst insgeheim und mit Lust begehen. — — —
An den Wänden übereinandergeschichtet, standen die Käfige bis fast zur Decke, und die kleinen Vögel flatterten, wenn man ihnen zu nahe kam. — Viele saßen ganz traurig und still und lagen frühmorgens mit eingesunkenen Augen tot auf dem Rücken. —
Jürgen warf sie dann achtlos in den Schmutzkübel, — sie kosteten ja nicht viel, — und da es Singvögel waren, hatten sie auch kein schönes Gefieder, das man noch hätte verwenden können. —
Ruhig war es eigentlich im Laden nie, — ein ewiges Scharren und Kratzen und leises Piepsen, — doch das hörte der Alte nicht, — er war zu sehr daran gewöhnt. — Auch der unangenehme faule Geruch störte ihn nicht weiter. —
— — — — — — — — —
Einmal hatte ein Student eine Elster verlangt, und als er fort war, bemerkte Jürgen, dem an diesem Tage ganz eigentümlich zumute war, daß der Käufer ein Buch hatte liegen lassen. —
Obwohl es deutsch war, wenn auch aus dem Indischen übersetzt, wie es auf dem Titelblatte hieß, verstand er doch so wenig davon, daß er den Kopf schütteln mußte. — Nur eine Strophe las er immer wieder flüsternd durch, weil sie ihn so schwermütig stimmte:
Das ganze Sein ist flammend Leid. Wer dies mit weisem Sinne sieht, Wird bald dies Leidensleben satt. Das ist der Weg zur Läuterung!
Als dann sein Blick auf die vielen kleinen Gefangenen fiel, die elend in den engen Käfigen saßen, zog es ihm das Herz zusammen, und er fühlte mit ihnen, als ob auch er ein Vogel sei, der um seine verlorenen Fluren trauert.
Ein tiefer Schmerz zog in seine Seele, daß ihm die Tränen in die Augen traten. — Er gab den Tieren frisches Wasser und schüttete ihnen neues Futter zu, was er sonst nur frühmorgens tat.
Dabei mußte er der grünen, rauschenden Wälder im goldenen Sonnenglanz gedenken, die er schon lange vergessen hatte wie alte Märchen aus früher Jugend. — —
Eine Dame in Begleitung eines Dieners, der ein paar Nachtigallen trug, störte ihn in seinen Erinnerungen. —
„Ich habe diese Vögel bei Ihnen gekauft,“ sagte sie, „da sie aber zu selten singen, müssen Sie mir sie blenden.“ —
„Was? Blenden?“ stotterte der Alte.
„Ja, — blenden. — Die Augen ausstechen oder brennen, oder wie man das macht. — Sie als Vogelhändler müssen das doch besser verstehen. — Sollten auch vielleicht ein paar eingehen, schadet das nichts, so ersetzen Sie mir die fehlenden Stücke einfach durch andere. — Und schicken Sie sie mir bald zu. — Meine Adresse wissen Sie doch? — Adieu.“ —
Jürgen dachte noch lange nach und ging nicht schlafen. —
Die ganze Nacht saß er auf seinem Schemel, — stand auch nicht auf, als der Nachbar, der Trödler, den es befremdete, daß der Laden so lange offen blieb, an die Fensterscheibe klopfte. —
Er hörte es in der Dunkelheit in den Käfigen flattern und hatte die Empfindung, als ob kleine weiche Fittiche an sein Herz schlügen und um Einlaß bäten. —
Als der Morgen graute, öffnete er die Tür, ging ohne Hut bis auf den öden Marktplatz und sah lange in den erwachenden Himmel. —
Dann kehrte er still zurück in seinen Laden, machte langsam die Käfige auf — einen nach dem andern — und wenn ein Vogel nicht sogleich herausflog, holte er ihn mit der Hand aus dem Bauer. — — —
Da flatterten sie in dem alten Gewölbe umher, alle die kleinen Nachtigallen, Zeisige und Rotkehlchen, bis Jürgen lächelnd die Tür öffnete und sie ins Freie, in die luftige, göttliche Freiheit ließ — — —
Er sah ihnen nach, bis er sie aus den Augen verlor, und dachte an die grünen, rauschenden Wälder im goldenen Sonnenglanz. — — —
Den Affen band er los, nahm das Brett von der Decke, daß der große eiserne Haken frei wurde.
Den Strick, den er daran hängte, wand er zu einer Schlinge und legte sie sich um den Hals. — Nochmals zog der Satz aus dem Buche des Studenten durch seinen Sinn, dann stieß er mit dem Stelzfuß den Schemel unter sich fort, auf dem er stand.
Tut sich — macht sich — Prinzeß
„Guten Morgen“, sagte das Gigerl und schob seinen gelbledernen Handkoffer auf das Tragnetz des Waggons.
„Ich hab’ die Ehre“ und „mein Kompliment wünsch’ ich“, grüßten die beiden behäbigen alten Herren, und zwar auffallend verbindlich, denn das Gigerl war sehr reich, wie jeder anständige Prager wissen mußte, und hatte außerdem etwas Undefinierbares an sich — so eine Art schreckeinflößender Sicherheit.
Nachdem natürlich kein Mensch von dem beharrlich ausgerufenen „frischen Wasser“ getrunken hatte, und jene übliche Viertelstunde verflossen war, die nötig ist, um den Laien glauben zu machen, das Eisenbahnwesen sei eine Wissenschaft, setzte sich der Zug langsam in Bewegung.
Die beiden würdigen alten Herren betrachteten mißgünstig die scharfe Bügelfalte an den Hosenbeinen des neuen Passagiers. —
Sie billigten solchen Tand natürlich nicht. — Ein charaktervoller Mann hat an den Knien knollenartige Ausbuchtungen der Hosen — er trägt breitkrempige Hüte, wenn schmalkrempige modern sind, und umgekehrt. — (Die meisten Hutläden nähren sich von solchen ehrenfesten Leuten.) —
Und wie affektiert, den kleinen Finger mit einem Ring zu schmücken. — Wozu — um Gotteswillen — hat man denn einen Zeigefinger! — An +diesen+ gehört doch der Siegelring — mit den Initialen des Großvaters. —
Und gar die dumme Mode mit den schmalen Uhrketten! —
Da sieht meine schon ein bißl würdiger aus, dachte sich der Herr Baurat und sah stolz auf seinen geschmückten Bauch herab, auf dessen Mitte die anerkannt schöne und übliche Amethystberlocke baumelte.
„Können Sie mir vielleicht einen Gulden umwechseln?“ fragte das Gigerl den zweiten alten Herrn. „Ich muß nämlich dem Kofferträger noch schnell ein Trinkgeld hinauswerfen.“
Der Herr Oberinspektor fischte zögernd sein großes Portemonnaie mit dem schweigsamen Messingmaul hervor und machte ein Gesicht, wie wenn ihn jemand um tausend Gulden angepumpt hätte. —
Beim Öffnen fielen viele Münzen heraus, unter ihnen — o weh — auch der Milchzahn der kleinen Mizzi; — die des kleinen Franzl und des Max waren — Gott sei Dank — im inneren Fach. —
Es ging aber nichts verloren, denn der junge Herr hatte Glück im Suchen und gute Augen. —
Eine ältliche Dame blieb im Wagenkorridor stehen. — Der Herr Baurat grüßte verbindlich durch die offene Tür.
„Bitt’ Sie, wer ist das?“ fragte der Oberinspektor neugierig.
„Die — die kennen Sie nicht? Das ist doch die Frau Syrovatka, die, was die Witwe ist nach dem gottseligen Oberlandesgerichtsrat. — Sie wohnt jetzt nach seinem Tode wieder bei ihrer Familie — Sie wissen doch: Die Müllerischen von der obern Neustadt. — Ihren Papagei hat sie, hör’ ich, aber weggeben müssen, damit er nicht zu viel ausplaudert vor den jungen Mädchen und so. — Na, sie wird ihn ja nicht zu sehr vermissen — sie und ihre Schwestern haben doch alles. — Bitt’ Sie was, denn die, die haben’s gut — das sind — das sind ...“
„Verdammte Spießbürger“, ergänzte doppelsinnig das Gigerl, schob das Kinn vor und zerrte mit dem Zeigefinger ungeduldig an dem Rande seines Stehkragens. —
Eine peinliche Stille entstand — der Baurat schwieg, der Oberinspektor spuckte verlegen zwischen seine Stiefel, und der vorlaute junge Mann sah etwas gedrückt zum Fenster hinaus, an dem die vorüberfliegenden Telegraphendrähte sich hoben und senkten.
Selbst der Zug schien den allgemeinen Druck mitzuspüren und schlug, wie um der bedenklichen Stimmung ein Ende zu bereiten, ein geradezu rasendes Tempo ein. —
Verfluchtes Gerumpel! — Die Waggons schleuderten und rasselten, die Fensterscheiben klirrten. —
Bald befanden sich die beiden Alten wieder auf den breiten Bahnen der üblichen Bürgergespräche. —
Verstehen konnte man freilich nichts, denn das Rasseln war schauderhaft.
Nur hie und da tauchten ein paar abgerissene Sätze an die Oberfläche: „Ich wäre natürlich gar nicht gefahren, wenn ich gewußt hätt’, daß das Barometer gefallen ist, — der Maxl, — Quarta — Kunstgeschichte — Griechisch, — unglaublich, mit was sich der Bub alles den Kopf einnimmt.“ —
„Na, meine Tochter erst — nächsten Monat wird sie zwanzig — prachtvolles rotes Haar — hundsmager und hat immer so alberne Redensarten: den ganzen Tag hört man: ‚Tut sich, macht sich, Prinzeß‘ —, ganz sinnlos — das kommt von den dummen modernen Romanen — Maeterlinck — Gehirnerweichung — polizeilich verbieten.“ — — —
Den jungen Mann mußte offenbar eine tiefe Sorge plötzlich überfallen haben, denn er hatte an den Gesprächen nicht den geringsten Anteil mehr genommen, vielmehr aufmerksam das grüne baumelnde Fensterband angestarrt und schließlich ein Notizbuch herausgezogen, in dem er angestrengt rechnete.
„Der Herr von Vacca wird’s gewiß wissen“, störte ihn der Herr Baurat, als das Schleudern ein wenig nachließ: „Sagen Sie, bitte, wie heißt der Roman von Prévost, den sie jetzt im Sommertheater sogar aufführen?“
„~Demi-vierges~“, antwortete das Gigerl.
„~Demi-vierges~, ja richtig. — Sie, Herr Oberinspektor, ich sag’ Ihnen — sowas! Und das soll realistisch sein. So was gibt’s ja gar nicht. Erstens kommt das in einem guten Haus nicht vor und zweitens bei uns in Prag schon gar nicht.“
Das Gigerl grinste.
„Und den Helden in dem Roman versteht man überhaupt nicht. Was man der ... der ..., wie heißt er denn g’schwind?“
„Julien de Suberceaux“, half der junge Mann.
„Ja, richtig, Suberceaux, — was treibt denn eigentlich der mit dem Frauenzimmer, ich versteh’ das Ganze nicht.“ —
Das Gigerl warf einen boshaften Blick auf den Sprecher.
Der eintretende Schaffner verlangte die Karten und ersparte ihm die Antwort.
— — — — — — — — —
„Wohin fahren eigentlich Herr von Vacca?“ fragte leutselig wiederum der Herr Baurat.
„Ich? — Ich fahre nur bis Trautenau, eine ekstatische Frau ansehen. — Beglaubigter Fall.“ —
„No natürlich, haben Sie schon wieder so was Verrücktes! Ekstase! Ich bitt’ Sie, Ekstase! — Sowas! Ein gutes G’selchtes mit Kraut und Knödeln und ein paar Glas Pilsner ist die beste Ekstase.“
Pause. —
„Pilsner! Das ist halt ein Bierl“, meditierte der Alte.
Das Gigerl wollte eine heftige Antwort geben, spülte sie aber im letzten Augenblick mit einem Mundvoll Zigarettenrauch hinunter. Der Herr Baurat ging ohnehin rasch auf ein anderes Thema über: „Sie sollten doch einen Leinwandüberzug über Ihren schönen Lederkoffer geben, Herr von Vacca, damit er nicht ruiniert wird.“ —
„Da schaffe ich mir doch lieber gleich einen Leinwandkoffer an“, entgegnete der junge Mann mißlaunig, holte aber nach einer kleinen Weile ein Paket Photographien hervor, das er versöhnlich dem Alten reichte: „Interessiert Sie vielleicht sowas?“
Der Baurat rückte seine Brille zurecht und sah mit feistem Schmunzeln die Bilder durch, die er dann einzeln seinem Nachbar reichte:
„Die da, die Blonde, das ist ein strammes Mensch, — sowas zum Anhalten, ha, ha, ha.“ — (Der Herr Oberinspektor stimmte vergnügt in das fettige Lachen ein.) — „Aber was ist denn mit der da, die hat ja gar keinen Kopf? — Das magerne Ding!“ fuhr er fragend fort, schwieg aber plötzlich, — warum lächelte denn der junge Laffe gar so süffisant?
„Das!? — Das ist eine junge Dame,“ war die Antwort, „nach dem Körper allein — ohne den Kopf kann sie eben ein Unberufener nicht erkennen!“
Wieder entstand eine lange Pause.
Eine Wolke war vor die Sonne getreten. Graues Licht lag über den fächerförmigen Äckern; — die scharfen Schatten waren verflattert. —
Erwartungsvoll hielt die Natur den Atem an.
„Meine Älteste, die Erna, wird jetzt auch bald heiraten“, platzte der Herr Baurat unvermittelt heraus.
Wieder allgemeine Stille.
„Sagen Sie, halten Sie von Telepathie — +Gedankenübertragung+ — auch nichts?“ hob das Gigerl an.
„Sie meinen die neueste drahtlose Telegraphie?“ fragte der Oberinspektor.
„Nein, nein, — die spontane direkte Übertragung der +Gedanken+ von Hirn zu Hirn: — ‚Gedankenlesen‘ meinetwegen.“
„Aber hören Sie mir mit solchen Ibsensachen auf, — so ein Unsinn,“ spottete der Herr Baurat, „man weiß ja in der ganzen Stadt, Sie befassen sich gerne mit derlei Kram, aber mich kriegen Sie mit sowas nicht dran. Gedankenübertragung! — Ha, ha, ha. — Wenn ich nicht die Bilder vorhin von Ihnen gesehen hätt’, möcht’ ich wahrhaftig glauben, Sie sind wirklich so ein Phantast!“
Der junge Mann knipste mit seiner Zigarettendose.
„No, und die ohne Kopf haben Sie selbst photographiert?“ fragte der Oberinspektor, „no, und ist die was Feines?“
Das Gigerl schwang seine Handschuhe in der Luft und gähnte: „Tut sich — macht sich — Prinzeß.“
Dem Herrn Baurat fiel die Zigarre aus der Hand: „Wa wa ... tut sich, Prinzeß, wa ... was?“ —
„Na ja“, sagte das Gigerl. „Das ist so eine gedankenlose Redensart von ihr.“ —
Ein Ruck!
Der Lederkoffer fiel dem Herrn Baurat auf den Schädel.
Es hält der Zug.
Trrr—autenau, — Trauten — au.
Trrr—autenau. Fünfzehn Minuten.
Das Fieber
Alchimist: Wer bist du, trübes Ding im Glase hier? Sag an!
Der Stoff in der Retorte: ~Ater corvus sum.~
Es war einmal ein Mann, den verdroß die Welt so sehr, daß er beschloß, im Bette liegen zu bleiben. Jedesmal, wenn er aufwachte, wälzte er sich auf die andere Seite, und so gelang es ihm, jedesmal noch ein bißchen weiterzuschlafen.
Aber eines Tages ging es durchaus nicht mehr. Es ging nicht mehr und ging nicht mehr.
Da lag der Mann im Bette und blieb ganz unbeweglich, aus Furcht, es werde ihn frösteln, wenn er seine Lage verändere.
Von seinem Kopfkissen aus war er gezwungen, durch das Fenster ins Freie zu sehen, und eben jetzt, wo er ganz ausgeschlafen war, ging es dem Sonnenuntergang zu.
Eine breite, goldgelbe Wunde klaffte quer über den Himmel unter einem dunklen Wolkenkopf hervor.
Es geht nicht an, gerade um diese unglückselige Stunde herum aufzustehen, sagte der Mann zähneklappernd — und fürchtete sich noch mehr vor dem Frösteln als vorher —, auch für einen, den das Leben nicht so verdrießt, wie mich.
Elend, stierte er wieder in das Abendgelb unter dem glimmenden Nebelsaum.
Eine schwarze Wolke hatte sich losgetrennt, wie ein geschwungener Flügel geformt, mit befiedertem Rand.
Da kroch langsam im Hirn des Mannes — mit den flaumigen Umrissen eines pelzigen Muffs eine Erinnerung an einen Traum aus ihrer Höhle heraus. An einen Traum von einem Raben, der ein Herz ausgebrütet.
Und die ganze Zeit seines Schlafes über hatte er sich mit diesem Traum herumgeschlagen. Dessen war sich der Mann jetzt deutlich bewußt.
Ich muß es herausbekommen, wem dieser Flügel gehört, sagte er, stieg im Hemde aus dem Bett — und die Treppe hinunter auf die Straße. Immer weiter ging er so, immer dem Sonnenuntergang zu.
Die Leute aber, denen er begegnete, raunten: „Pst, pst, leise, leise, er träumt doch das alles bloß!“
Nur der beeidete Hostienbäcker Vrieslander glaubte sich einen Spaß machen zu dürfen. Er stellte sich ihm in den Weg, spitzte den Mund und machte runde Augen wie ein Fisch. Sein dünner Schneiderbart schien noch gespenstischer als sonst. Mit den magern Armen und Fingern machte er eine verrenkte sinnlose Geste und verdrehte die Beine ganz seltsam. „Ssst, ssst, nur gemach, hörst du,“ flüsterte er dem Manne giftig zu, „ich bin das Kichern, weißt du, das Kich...“ und schnellte plötzlich das spitze Knie zur Brust empor, riß den Mund auf und wurde bleifarben im Gesicht, als habe ihn mitten in seiner tänzelnden Stellung der Tod ereilt.
Dem Manne im Hemde sträubte sich das Haar vor Grauen, und er lief aus der Stadt hinaus. — — — Über Wiesen und Stoppelfelder, immer dem Sonnenuntergange zu, und immer mit bloßen Füßen.
Zuweilen trat er auf einen Frosch.
— — — — Erst in der Nacht, als sich längst der glühende Riß am Himmel wieder geschlossen, erreichte er die weiße, langgestreckte Mauer, hinter der der Wolkenstrich verschwunden war.
Er setzte sich auf einen kleinen Hügel. Ich bin hier auf dem Friedhof, je nun, sagte er sich und sah um sich, je nun, das kann ein arger Kitsch werden. Aber ich muß doch erfahren, wem der Flügel eigentlich gehört!
Als die Nacht vorrückte, wurde ihr Schein allmählich heller, und der Mond kroch langsam über die Mauer. Eine gewisse Art dämmernden Erstaunens legte sich an den Himmel.
Wie der Mondglanz grell auf den Flächen schwamm, schlüpften hinter den Grabsteinen, an den Seiten, die dem Lichte abgewandt waren, blauschwarze Vögel aus der Erde und flogen lautlos in Scharen auf die kalkbetünchte Mauer.
Dann lag eine lange Zeit eine leichenhafte Unbeweglichkeit auf allem.
Es ist der dunkle Wald in der Ferne, der aus den Nebeln taucht, natürlich, und in der Mitte der runde Kopf, das ist der Hügel mit seinen Bäumen, träumte der Mann im Hemde, doch als seine Augen schärfer sahen, da war es ein riesiger Rabe, der mit ausgespannten Schwingen auf der anderen Mauer saß.
Ah, der Flügel, — besann sich der Mann und war sehr zufriedengestellt, der Flügel — — — Und der Vogel brüstete sich: „Ich bin der Rabe, der die Herzen ausbrütet. Wenn einem Menschen ein Sprung am Herzen geschieht, so fahren sie ihn schnell heraus zu mir.“ Dann flog er von der Mauer herab auf einen Marmorstein, und der Wind von seinem Flügelschlag roch wie verwelkte Blumen.
Unter dem Marmorstein aber lag einer seit heute morgen bei seiner Familie.
Der Mann im Hemde buchstabierte einen Namen und wurde sehr neugierig, was für ein Vogel aus diesem gesprungenen Herzen kriechen werde, denn der Verstorbene war ein bekannter Menschenfreund gewesen, hatte sein ganzes Leben für Aufklärung gewirkt, nur Gutes getan und gesprochen, die Bibel gereinigt und erhebende Bücher geschrieben. Seine Augen, schlicht und ohne Falsch — wie Spiegeleier, — stets hatten sie Wohlwollen gestrahlt im Leben, und auch jetzt noch im Tode stand:
Üb immer Treu und Redlichkeit Bis an dein kühles Grab Und weiche keinen Finger breit Vom Weg des Rechten ab
in goldenen Lettern auf seiner Gruft.
Der Mann im Hemde war sehr gespannt. Aus dem Grabe drang leises Knistern, wie sich der junge Vogel aus dem Herzen löste, — und da flog’s auch schon — pechschwarz — mit Gekrächz hinauf zu den andern auf die Mauer. —
„Das war aber doch wirklich vorauszusehen; — oder? Haben Euer Liebden vielleicht ein Rebhuhn erwartet?“ spottete der Rabe.
„Etwas Weißes hat er doch“, sagte der Mann verbissen und meinte damit eine leichte helle Feder, die deutlich abstand.
Der Rabe lachte. „Der Gänseflaum? — Der ist doch nur angeklebt. Vom Daunenkissen, worauf der Tote immer schlief!“ und weiter flog er von Grab zu Grab und brütete da und brütete dort, und überall wurde es flügge und kam schwarz aus dem Boden geflattert.
„Alle, alle sind sie schwarz?“ fragte der Mann beklommen nach einer Weile.
„Alle, alle sind sie schwarz!“ brummte der Rabe.
Da bereute der Mann im Hemde, daß er nicht in seinem Bette geblieben war.
Und wie er empor zum Himmel blickte, standen die Sterne voll Tränen und blinzelten. Nur der Mond glotzte vor sich hin und begriff nicht.
Auf einem Kreuz aber saß mit einemmal regungslos ein Rabe, der glänzte schneeweiß. Und es schien, als käme all der Schimmer der Nacht von ihm. Der Mann sah ihn erst, als er zufällig den Kopf nach ihm wandte. Auf dem Kreuz die Inschrift nannte den Namen eines, der war ein Müßiggänger gewesen sein Leben lang.
Der Mann im Hemde kannte ihn gut. Und er sann lange nach.
„Welche Tat hat denn sein Herz so weiß gemacht?“ fragte er endlich.
Der schwarze Rabe aber war mürrisch und mühte sich unablässig, über seinen eigenen Schatten zu springen.
„Welche Tat, welche Tat, welche Tat?“ quälte der Mann ruhelos.