Die Heiligen der Merowinger

Part 9

Chapter 91,713 wordsPublic domain

Martin und Severin sind die beiden größten Liebesthäter gewesen, die die sinkende antike Welt gekannt hat: nichts für sich, alles nur für die andern und für Gott. Gegen Martin von Tours gehalten ist Severin die harmonischere Natur. Seine Existenz wurde nicht wie bei jenem vorwiegend durch einen Gegensatz, sie wurde durch eine Aufgabe bestimmt. Martin war Parteimann und mußte es sein, um eben das, was ihm als Lebenswerk vorschwebte, in Gallien durchzusetzen; das Große an ihm besteht darin, daß er bei aller Strenge des Mönches so gewaltig, so kräftig und so wohlthuend ins weltliche Leben eingriff. Severin dagegen machte für das Mönchtum keine Propaganda; es diente ihm gewissermaßen zur Folie für sein geheimnisvolles unerklärliches Wesen. Martin kennen wir seit seiner Jugend; von Severin wußte Niemand, wer er war und woher er kam, und daß auch da, wo er wirkte, wie er selbst am besten wußte, seines Bleibens nicht war. Auch seine visionäre Begabung äußert sich feiner, still zwingend, nicht grobschrötig tapfer: weniger Teufelsfeindschaft und Dämonenschlachten, als die wunderbare Seherkunst, das Künftige zu spüren. Seit den altisraelitischen Propheten und dem Urchristentum besaß Severin die größte telepathische Begabung, von der wir Kunde haben, und zwar im ganzen Umfang dieses Talentes von der einfachsten Nähewitterung bis zum schwindelerregenden Seherspruch: er weissagte oft und, wie es scheint, untrüglich. Das Aufklappen des Bewußtseins aus der Befangenheit von Raum und Zeit zu einer Art momentaner Allwissenheit funktionierte bei ihm unter den verschiedensten Umständen ohne fehlzugreifen. Das war denn auch allerdings sein besonderes Gut. Heilungen, wie sie bei Martin im Vordergrund standen, kommen bei ihm nur in zweiter Linie in Betracht; vollends eine Totenerweckung, die er unternahm, mißriet direkt: nachher erzählte man mildernd, der zu Erweckende habe sich eben das Lebendigwerden verbeten. Und während Martins Lebenswerk unter den soldatischen Gesichtspunkt der Eroberung fällt, bescheidet Severin sich von vornherein mit der Entsagung des Rückzuges, unter Verzicht auf jeden Sieg. Er hat daher wohl ein unvergleichliches Andenken hinterlassen, aber nicht wie Martin eine unvergleichliche Wirkung ausgeübt. Der pannonische Heilige schimmert von einer Aureola, er erhellt. Der gallische dagegen sprüht Funken, er zündet an. Martin war der stärkere Mensch, Severin der höhere.

Wie sich der Schrift abfühlen läßt, verdanken wir die Kunde von Severin einem schlichten und bescheidenen Manne. Eugipius stammt aus einer römischen Familie, wahrscheinlich einer von denen, die jene von Severin geleitete Verpflanzung ins Rugenland mitgemacht haben. Er spricht von Ufernorikum mit einer bis auf den einzelnen Meilenstein sich erstreckenden Lokalkenntnis, sodaß es wohl seine Heimat war. Favianä und die Innmündung sind ihm besonders gegenwärtig[056-a]. Ueber Guintana in Rhätien sowie über die östlichen Städtchen Astura und Comagena äußert er sich unbestimmter. Da er sich von Haus aus arm nennt, begann er seine Laufbahn wohl als einfacher Mönch in Severins Hauptkloster, heute bei Mauer unweit Oeling[056-b]. Daß er Severins Schüler war, bezeugt Paschasius; aber wahrscheinlich gehörte er einer der kleineren Missionsstationen an, die der Meister zu Cellula in Batava und in Boiodurum hielt[056-c]. Denn er scheint keineswegs immer um ihn gewesen zu sein[056-d] und beruft sich öfter auf Gewährsmänner, als daß er selber dabei gewesen zu sein angiebt[056-d]. Er mag als junger Mann in Severins letzter Zeit mit den übrigen in Lorch gesammelten Römern der oberen Donaustädte bleibend in des Abtes Umgebung gekommen sein. Seine Geburt wird demnach etwa hinter das Jahr 455 fallen[057-1]. Aus seiner mangelhaften Ausbildung macht er keinen Hehl; die grammatische Schulung gehe ihm ab, seine Einsicht und seine Kenntnis seien gering, auch könne er eines Stoffes nicht Herr werden[057-a]. Cassiodor bestätigt[057-b], es fehle Eugipius an der humanistischen Bildung; seine Belesenheit sei einseitig theologisch. Severin hatte die Genossenschaft seiner Mönche nicht unter schriftliche Ordensstatuten gestellt; sein letzter Wunsch hatte dahin gezielt, seine Freunde möchten, um seinen Leichnam geschart, immer zusammenhalten. Die Leitung erfolgte unter den beiden ersten Aebten Lucillus und Marcianus noch ausschließlich unter der pietätvollen Beobachtung von Severins Gedächtnis. Die Ansiedlung der Bruderschaft in Lucullanum erfolgte unter dem Pontifikat Gelasius _I._ zwischen 492 und 496. Lucullanum war nicht nur ein Kastell im militärischen Sinn, es war eine eigentliche Stadt. Dort stiftete nun also eine adelige Dame namens Barbaria dem Heiligen, den sie schon bei Lebzeiten aus der Ferne verehrt hatte, ein Mausoleum und seiner Kongregation ein Asyl. Hierauf hat dann aber Eugipius eine Zeitlang einem andern Kloster angehört, da er sich als Untergebenen eines Abtes Marinus bekennt. Vielleicht hat er sich dieser Versetzung unterzogen, um sein schriftstellerisches Hauptwerk anfertigen zu können. Bezeichnenderweise ist es nicht eine originale Schöpfung, sondern ein Auszug aus den Schriften Augustins. Ein ganzes Exemplar von Augustins Werken war damals offenbar fast nicht aufzutreiben, selbst wo Geld und Lust, eines zu kaufen, vorhanden gewesen wären. Sogar einer nur halbwegs vollständigen Sammlung hat man also nachzureisen Grund gehabt. Eugipius mag sich somit in oder bei Rom angesiedelt haben, um die Bibliothek einer hochgestellten Frau vom Range jener neapolitanischen Gönnerin Severins benützen zu können. Sie hieß Proba und gehörte dem geistlichen Stande an. Cassiodor war ihr Verwandter; vielleicht lernte er den Eugipius bei ihr kennen. Auch Bischof Fulgentius von Ruspe war dort Hausfreund. Ihrer Schwester Galla schildert er[057-c] Proba als in königlichen Verhältnissen aufgewachsen und betont die vornehme Abkunft der Geschwister, die in der That dem Ancischen Geschlechte, vermutlich dem des Patronius Probus entstammen. Fulgentius stand auch mit Eugipius in Briefwechsel. Wie wir daraus ersehen, verfügte nun Eugipius selbst über eine ansehnliche Bibliothek und Schreibsklaven[058-a]. Immerhin zeigt des Fulgentius vollständige Unbekanntschaft mit Eugipius mühsamen Excerptunternehmen, daß dessen Arbeit die verdiente und vom Autor erwartete Anerkennung nur langsam gefunden hat. Die Abfassung des Auszuges fällt zwischen die Jahre 492 und 511. In dem durch Proba ihm eröffneten altrömischen Adelskreise machte nun Eugipius aber auch die Bekanntschaft des Paschasius; dieser war der erbittertste Gegner des von 498 bis 514 regierenden Papstes Symmachus. Eine aristokratische Minorität unter Führung des Patricius Festus hatte bekanntlich Laurentius gewählt, namentlich zu dem Zweck, eine Versöhnung der römischen Kirche mit dem griechischen Kaiser Anastasios herbeizuführen. Der Streit dauerte bis ins Jahr 505, und es gelang Laurentius einmal, das Osterfest im Lateran zuzubringen sowie sein Bild in einem Medaillon anfertigen zu lassen. Dank dem weisen Verhalten König Theodorichs mußte sich Laurentius auf ein Landgut seines Gönners Festus begeben, wo er noch vor Symmachus starb. Noch vor ihm, also etwa 512 oder 513, erfolgte auch der Tod des von ihm eingesetzten ›Diakons der römischen Kirche‹, des Paschasius. Diesem hohen, durch Stand, Stellung und Lebenswandel hervorragenden Geistlichen schreibt nun Eugipius[058-b]: »So lange Du am Leben bist, darf kein Nichtpriester das Leben des Severinus schreiben.« Er übersendet ihm daher seine Aufzeichnungen nur als Notizen und hofft, Paschasius werde ein Severins würdiges Werk daraus schaffen. Diese als bloße Vorarbeit bestimmte Skizze seiner Hand ist nun eben das uns erhaltene Severinsleben. Wie es zustande kam, erzählt Eugipius im Vorwort[058-c]: es seien zwei Jahre her, daß ihm der an einen Priester adressierte Brief eines edeln Laien zu Gesichte kam, das Leben des Basilicus, eines Mönches am Berge Tita bei Rimini. Als Eugipius überdies vernahm, dieser Brief sei vervielfältigt worden, da erwachte in ihm der Wunsch, die vom heiligen Severin gewirkten großen Wunder nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Jener Verfasser der Basilicusvita, der diese Schriftstellerei vielleicht als Geschäft betrieb, bat nun Eugipius, dessen Wunsch ihm zu Ohren kam, ihm gütigst Mitteilungen über Severinus zu überlassen, damit er sie ebenfalls bearbeiten könne. Und da nun wollte sich Eugipius nicht dazu verstehen, seinen Schatz in andere Hände zu legen, so lange in denen des Paschasius noch Leben sei. Sein Handlanger gewesen zu sein war alles, was er sich wünschte. Aber der feine römische Priester hatte einen zu guten Geschmack. Er schreibt dem Verfasser[058-d]: »Indem Du unsereinen nach dem Maße Deiner Erfahrung, Beredsamkeit und glücklichen Muße beurteilst, bedenkst Du die vielfachen Geschäfte, Verdrießlichkeiten und Anfeindungen nicht, denen ich auf meinem Posten ausgesetzt bin. Du willst Dich aus Liebe zu mir um die eigenen wohlverdienten Lorbeeren bringen. Deine Zusendung ist ja eine Sammlung von Thatsachen; in seiner gedrungenen Darstellung eignet sich Dein Werk recht wohl zur Vorlesung im Kultus. Die Thaten der Heiligen vergehen nicht und nun gar wenn ihre Gestalt so deutlich dem Leser vor die Augen tritt, wie Dein Severin. Man meint in seiner Gesellschaft zu sein. Deine klare und einfache Darstellung da noch auszuarbeiten, wäre doch überflüssige Mühe. Auch wäre es nicht mehr dasselbe, wenn ich Gehörtes, von Andern Erlebtes aus zweiter Hand berichten wollte.« So ging also das Severinsleben des Eugipius unversehrt in die Welt. Er selbst, nun Vorsteher des Severinklosters, erfreute sich der aufrichtigen Achtung bedeutender Kirchenmänner; der Abt Dionysius der Kleine widmete ihm die Uebersetzung einer Schrift des Gregor von Nyssa. Ferrandus von Karthago unterhielt mit ihm einen Briefwechsel und übersandte ihm eine Glocke. Kurz vor dem Jahre 543 oder 544 ist Eugipius gestorben. Als Vermächtnis für sein Kloster hinterließ er ein schriftliches Ordensstatut und verdichtete so die bis jetzt nur mündliche Tradition von Severins mönchischen Anschauungen zu einer eigentlichen Mönchsregel[059-1].

Eugipius kennt die Martinsschriften des Sulpizius Severus[059-a]. Er spricht von ihnen, aber nicht als seinem litterarischen Vorbild. Er fühlt sich überhaupt nicht als Schriftsteller, sondern nur als Handlanger für einen eigentlichen Biographen des Severin. In der That mangelt auch ihm der chronologische Ansatz; auch er giebt keine Jahreszahl; und wenn seine Angaben datierbarer sind als die des Sever, so ist das hauptsächlich eine Tugend seines Helden, der ungeachtet seiner mönchischen Grundsätze so ganz in der Politik seiner Zeit drin stand und mehr als Martin in den äußeren Ereignissen aufging. Eugipius konnte unbeschadet der Kunst entbehren, über die ein Severus verfügte; sobald sein Gegenstand so unerschöpflich reich war an persönlichem Leben und sobald er, der ihn beschrieb, so herzlich in ihm lebte, machte dieser Mangel an Technik seine Darstellung nicht armselig, sondern einfach und schlicht. Trotzdem wir bei ihm nach einer planmäßigen Stoffverteilung vergeblich suchen, haben wir an seinem Severinsleben doch fast noch mehr als an den in ihrer Art kunstreichen Martinsschriften des Severus. Eugipius nennt übrigens selbst sein Werk mit dem rechten Namen ein Commemoratorium[059-b], das heißt ein Erinnerungsblatt oder wie wir heute sagen Memoiren. Das in dieser litterarischen Gattung enthaltene Element des selbsterlebten persönlichen Andenkens bildet denn auch das Herzstück der Heiligenbeschreibung, und insofern hat der bescheidene Eugipius dank seiner schlichten Art und seiner warmen Empfindung fast das Höchste erreicht, was man in jener Zeit von einem derartigen litterarischen Unterfangen erwarten darf.

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