Part 8
Attila war tot[047-a]. Seine Söhne befehdeten sich im Donaugebiet. Da trat der Gottesmann Severinus auf. Er kam aus dem Morgenland und war katholischen Glaubens. Später wenn ihn seine vornehmen Besuche nach seiner Heimat fragten, wich er aus[047-b]. Nur an seiner Aussprache ließ sich der Afrikaner lateinischer Abkunft erraten. Gelegentlich deutete er an, er habe sich in eine Wüste des Morgenlandes zurückgezogen und schon sehr viel durchgemacht. Nun wolle er in den Städten von Ufernorikum an der Grenze von Oberpannonien dem Einbruch der Barbaren entgegenwirken. Er zog von einer Stadt zur andern und weissagte den nahen Untergang, wenn man nicht bete und faste[047-c]. Astura blieb halsstarrig und wurde zerstört. Nur in Commagena hörte man auf ihn. Da vermochten die Barbaren nichts gegen die Römerstadt[047-d]. Es erfolgte ein Erdbeben. Die germanische Garnison und Thorwache floh. In Favianä sollte er der Hungersnot steuern. Er forderte einer reichen geizigen Dame ihr aufgespeichertes Getreide ab[047-e]. Zu gleicher Zeit kamen nun die Kornschiffe aus Rätien wieder die Donau hinunter, nachdem der starke Eisgang des Inn ihre Fahrt aufgehalten hatte[047-f]. Mit Erfolg ermunterte Severin den Tribunen Mamertinus trotz der schwachen Besatzungen gegen gefährliche Räuberzüge auszufallen. Nun richtete sich der Heilige in einer schlichten Zelle zwischen den Rebbergen ein, wechselte gelegentlich seine Siedelei, ging aber auch im Winter barfuß, und das in einem Klima, wo Lastwagen über die gefrorene Donau fahren konnten. Der Rugierkönig Flacciteus beriet sich in seiner Bedrängnis vor den Gothen mit Severinus[047-g]. Dieser bedauerte, daß er mit einem Arianer sich nicht über das künftige Leben unterhalten könne. Was aber das Erdbeben betreffe, so habe der König gegenüber den Gothen das und das zu thun. Seine Weisungen wurden befolgt und erwiesen sich überall glücklich[047-h]. Eine Witwe rugischen Stammes kam mit ihrem Sohn vor das Kloster gefahren: er habe seit zwölf Jahren die Gicht, der Heilige solle ihn gesund machen. Der Kranke genas. Auch aus anderen Volksstämmen erhielt Severin Besuche. Ja einmal erschien der junge Odoaker bei ihm, damals als er noch nichts war[047-i]. Aber mit seinem Haupt hatte der Riese an das Dach der Zelle gestoßen. Beim Abschied sagte der Heilige bedeutungsvoll zu dem künftigen König: »Ja, geh nur nach Italien, geh nur!«[048-a] Später kam auch Flacciteus’ Sohn, König Feleteus oder Feva, öfters. Sein Weib Giso fügte den Katholischen Leid zu, wo sie konnte. Severins Einsprache erhöhte noch ihre Wut. Erst als es ihrem Kind ans Leben ging, erschrack sie und gab nach. Einmal ließ Severinus auf dem Markte nach einem Unbekannten suchen, den er im Geist geschaut hatte; ohne ihn sonst je gesehen zu haben, beschrieb er ihn so genau, daß der Bote den Mann auf den ersten Blick erkannte[048-b]. Dieser trug die Reliquien der heiligen Märtyrer Gervasius und Protasius und suchte schon lange die kostbare Last, die ihm auch auf die Seele drückte, an einem ihrer würdigen Orte zu bergen. Glückselig ließ er sich zu Severinus führen und dieser beauftragte Priester, die Bürde feierlich in der Basilika seines Klosters beizusetzen, wo sie die Gesellschaft anderer Reliquien vorfand. Ein ihm angetragenes Bistum lehnte Severinus ab und verwandte sein ganzes Organisationstalent darauf, das Leben seiner Mönche einzurichten. Der Pförtner des Klosters ging an einem Tage, da ihn der Heilige ausdrücklich vor dem Ausgehen gewarnt hatte, mit einem Bauern zwei Meilen weit Obst zu pflücken und wurde richtig von den Briganten weggefangen. Severin las eben zu Hause; plötzlich schlug er das Buch zu und rief: »Wo ist Maurus?« Er ließ sich selber über die Donau setzen und befreite den Vermißten durch sein persönliches Eintreten aus den Händen der Skamaren[048-d]. Nachgerade wetteiferten die oberen Städte von Ufernoricum, welche von ihnen den Heiligen beherbergen dürfe, weil sie sich dann gefeit glaubten. So sicher hatte er bis jetzt immer geweissagt[048-e]. In Kuchel benutzte Severin diese Popularität, um dem Heidentum den Garaus zu machen. Er predigte mehrmals eindringlich dem Volk ins Gewissen, ließ es durch die Priester zu einem dreitägigen Fasten auffordern, hieß dann aus jedem Hause Wachskerzen mitbringen, die jeder eigenhändig an der Kirchenmauer aufzustecken hatte. Auf dem Höhepunkt des Gottesdienstes entzündeten sich auf sein Gebet hin von selbst fast alle Lichter. Nur die der anwesenden Heiden hatten nicht Feuer gefangen: O du mächtige Güte des Schöpfers, der Kerzen und Herzen in Flammen setzt! Eine Heuschreckenplage wurde durch Severin abgewendet; nur ein einziger Mann verlor seine Ernte, weil er statt in der Kirche mit den Andern zu bitten, aufs Feld gegangen war und den ganzen Tag sich bemüht, das Ungeziefer zu verjagen[048-f]. In Salzburg wollte im Sommer bei einem Abendgottesdienst der Feuerstein nicht Funken schlagen. Severin betete so inbrünstig, daß sich alsobald die Kerze, die er in der Hand hielt, von selbst entzündete(048–g). Ein sterbendes Weib konnte auf die Fürbitte des Heiligen schon drei Tage später wieder Feldarbeit verrichten[049-a]. Häufige Ueberschwemmungen gefährdeten die Kirche von Guintana im zweiten Rhätien. Es war keine steinerne Basilika, sondern ein Rohbau aus Holz; er lag außerhalb der Stadt. Da der Bretterboden immer aufs neue weggespült wurde, unterließ man schließlich ihn zu ersetzen. Der heilige Severin sorgte indes dafür, daß das Zimmerwerk nun dauerte. Er nahm ein Beil, stieg in das Schiff hinunter, betete, schlug an die Pfosten und aichte unter Segenssprüchen den Boden mit dem Zeichen des Kreuzes. Nie hat der Fluß den Boden wieder weggeschwemmt[049-b]. Ein alter Priester namens Silvinus war gestorben[049-c]. Severin wollte die Totenwache in der Kirche übernehmen und schickte die anwesenden Kleriker schlafen. Der Pförtner Maternus meldete, die Kirche sei leer. Severin witterte noch immer einen Menschen. Richtig hatte sich eine neugierige Nonne in einem Kirchenstuhl verkrochen. Sie wollte der Totenerweckung beiwohnen. Sie mußte gehen. Severin umgab sich indessen mit einem Priester, einem Diakon und zwei Pförtnern, und als sie den Leichnam so weit hatten, daß das Leben in ihn zurückkehrte und der Tote die Augen aufschlug, fragte ihn Severin vorsichtshalber, ob er denn überhaupt wieder lebendig zu werden wünsche. Der Tote sagte: mit nichten; nun wolle er seine Ruhe haben, warum man ihn denn störe. Mit diesen Worten entschlief er endgiltig. Severin ließ die Augenzeugen eidlich Schweigen geloben. Erst nach des Heiligen Tode haben der Subdiakon Marcus und der Pförtner Maternus den Vorfall dem Eugipius unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut. Als Freund der Armen erwirkte Severin, obwohl er selbst wochenlang fasten konnte, den Zehnten, weil er nicht vermochte die Elenden hungern zu sehen. Es war dies keine kirchliche Steuer, sondern private Liebesthätigkeit. Auch Kleidungsstücke wurden ihm zur Verteilung übersandt. »Sind die milden Gaben von Tigurnia dabei?« fragte er. »Nein«, hieß es, »es wird noch kommen.« Severinus aber bezweifelte das, vielmehr werde der verzögerte Beitrag nun den Goten in die Hände fallen. Und so geschah es wirklich[049-d]. Auch Lorch entrichtete seine Zehnten nachlässig. Da wurde das reifende Getreide vom Mehlthau angefressen. Ein von Severin erbetener lauer Regen dagegen wendete die Gefahr ab[049-e]. In Batava zwischen Inn und Donau hatte Severin ein Klösterchen gegründet, an der Grenzmark der Alamannen, deren König Gibold ihm Verehrung bezeugt hatte. Der Fürst bat um eine Zusammenkunft. Der Heilige ging ihm entgegen und redete ihm so eindringlich zu, von den Einfällen ins römische Gebiet nun abzulassen, daß der Kriegsgewaltige wie ein kleines Kind zu zittern begann und die Gefangenen ohne Lösegeld freizugeben versprach. Indes wurde Severins Sendbote, der Diakon Amantius dann doch nicht vorgelassen. Er kehrte nach dreißig Tagen mißmutig um, faßte sich aber wieder, drang vor die Thür des Königs, gab seine Briefe ab, erhielt Gegenbriefe und konnte mit siebzig Gefangenen heimkehren. Später holte der Priester Lucillus den Rest der Gefangenen ab[050-a]. Als die Besoldung der römischen Grenzgarnisonen nicht mehr richtig einlief, geriet die Landesverteidigung in Verfall. Schließlich blieben nur noch einzelne schwache Mannschaften übrig. Einige Züge gingen nach Italien, um den Sold heraus zu verlangen, wurden aber von den übermächtigen Barbarenheeren in aller Stille aufgerieben. Sie verschollen. Da wurde Severinus einmal, wieder über dem Lesen eines Buches durch die Divination unterbrochen, in dieser Stunde sei Menschenblut vergossen worden. In der That schwemmte[050-b] der Fluß Soldatenleichname ans Ufer. Eine Vorahnung ließ ihn seinem bei ihm anwesenden Freunde, dem Priester Paulinus dessen bevorstehende Wahl zum Bischof von Tiburnia ankündigen[050-c]. Für eine andere seiner Stiftungen, das Klösterchen zu Boitro suchten die Mönche Reliquien[050-d]. Severin aber meinte, die Zerstörung des Ortes stehe nahe bevor, sie sollten sich die Mühe doch sparen, der Johannissegen, nämlich die Fürbitte des Heiligen, werde ihnen deshalb nicht verloren gehen. Auch den Bürgern von Boitro, die sich seiner bedienen wollten, um bei dem Rugierkönig Febanus Handelsfreiheit zu erwirken, gab er denselben Bescheid, die Tage der Stadt seien gezählt; bald werde kein Kaufmann mehr nach Boitro kommen. Da sagte ihm in der Taufkirche ein leichtfertiger Priester ins Gesicht: »So reise doch wenigstens Du ab, Heiliger Gottes, daß wir uns von Deiner strengen Diät etwas erholen können.« Der faule Spaß schnitt Severin so ins Herz, daß er vor allen Leuten in Thränen ausbrach. Ueberzeugt, daß demnächst selbst die heiligen Stätten hiezuland in Trümmer lägen, fuhr er auf der Donau nach Favianä hinunter. Und alsobald erreichte die von ihm verlassene Gegend aus der Hand Hunnimunds und seiner Barbaren ihr Schicksal. Die bürgerliche Stadtwache, vierzig Mann stark, wurde niedergemacht und auch jenen Priester, der den Heiligen gelästert hatte, ereilte die Strafe und gar noch in der Taufkirche, in die er zu flüchten versuchte. Severinus indessen hatte über dem Studium des Evangeliums im Kloster zu Favianä wieder ein Hellgesicht, das ihm die Nähe der Johannisreliquien verriet. Der Mann, der sich am andern Donauufer wirklich vorfand, war glücklich, dem Heiligen diese Schätze abliefern zu dürfen[050-e]. Die Zerstörung von Joviacum durch die Heruler sah Severin ebenfalls voraus. Er ließ einen ihm besonders lieben Priester namens Maximinianus noch durch einen Eilboten warnen, alles dahinten zu lassen. Vergebens; der Einfall erfolgte in der gleichen Nacht; der Priester wurde gehenkt[051-a]. Den Bischof Paulinus von Norikum setzte Severin von der nahen Verwüstung seines Sprengels durch die Alamannen brieflich in Kenntnis. Dieser ordnete in allen Kastellen der Diözese ein dreitägiges Fasten an. Das offene Land wurde schlimm mitgenommen; die Kastelle konnten sich halten[051-b]. Bald darauf suchte ein Schwerkranker aus Mailand das Kloster auf. Er hatte Elephantiasis. Severin ließ das ganze Kloster fasten. Der Kranke fühlte sich besser. Er wollte nicht in die Heimat zurück, er wollte bleiben. Nach zwei Monaten erlöste ihn der Tod[051-c]. Nun wanderten auch die Bürger von Gulutiana, durch die unaufhörlichen Einfälle der Alamannen erschöpft, nach Batava aus. Auch hieher folgten die Feinde. Nun aber sprach Severin den Römern zu, und so schlugen diese die Alamannen. Die Sieger bewog er nach Lorch auszuwandern. Einige blieben zurück und fielen kurz darauf den Thüringern in die Hände[051-d]. Die Länder an der obern Donau waren nun verloren. Lorch blieb der äußerste Grenzpunkt der Römer. Die Seele der Besatzung war Severin. Da Oel als Nahrungsmittel immer schwerer zu erlangen war, vermehrte er das heilige Oel in einer Basilika auf wunderbare Weise[051-e]. Da stieß Maximus aus Norikum mit einigen Gefährten zu Severin, um ihm auf ihrem Rücken Kleider für die Armen und Gefangenen zu überbringen. Mit kühnem Mut überschritten sie mitten im Winter die Schneeberge. Im Nachtquartier zuoberst auf dem Alpenpaß überraschte sie ein Schneegestöber. Sie wären verloren gewesen, hätten sie nicht einen Bären getroffen, der gutmütig vor ihnen her ins Thal hinuntertrollte[051-f]. Die Bürgerschaft von Lorch, vermehrt durch die zahlreichen Flüchtlinge aus den oberen Donaufestungen, wollten sich auf den Dienst ihrer ausgesandten Kundschafter verlassen. Ungeachtet der scheinbaren Sicherheit sprach sich Severin für verschärfte Bewachung der Stadtmauern aus und trat auch bei Bischof Constantius dafür ein. Man möge ihn steinigen, wenn er die Unwahrheit gesagt habe. Man gehorchte, die Milizwache trat ins Gewehr, als die Psalmen gesungen waren, bei Anbruch der Nacht. Von ungefähr entzündete sich ein großer Heustock an der Fackel eines Lastträgers. Ohne daß eine Feuersbrunst entstand, erhellte doch ein mächtiger Glutschein das ganze Weichbild der Stadt. Dazu ein weithin vernehmbarer Lärm. Verbündete Alamannen und Thüringer, die in den nahen Wäldern im Hinterhalt lagen, glaubten sich verraten und wagten den nächtlichen Sturm nicht. Am andern Morgen fanden sie keine Lebensmittel vor, da der Heilige die gesamte Fahrhabe hatte in die Stadt bringen lassen, um den Feinden den Unterhalt zu entziehen. Die Herde eines Mannes, der sich um Severins Rat nicht gekümmert hatte, wurde weggefangen[052-a]. Nun kam der Rugierkönig Feva seinerseits vor Lorch gezogen. Severin wurde abgesandt, um ihn umzustimmen. Er reiste die ganze Nacht. Am Morgen traf er den König beim zwanzigsten Meilensteine. Dieser bekannte seine Absicht, die in Lorch aufgesammelte zugezogene und deshalb überzählige Bevölkerung in die ihm tributären Städte zu deportieren. Severin aber setzte es durch, daß die Verpflanzung nicht gewaltsam, sondern durch ein friedliches Uebereinkommen vor sich gehen möge. Unter seinem Schutz siedelten sich nun also die Römer von Lorch aus in bestem Einvernehmen mit der einheimischen Bevölkerung in den rugischen Städten an. Zu diesen tributpflichtigen Städten gehörte auch Favianä, und Severin lebte von nun an wieder daselbst in seinem Kloster[052-b]. Um diese Zeit erhielt Severin einen Brief von König Odoaker, der es dem Heiligen nicht vergaß, daß er ihm einst in der Niedrigkeit seine künftige Größe verheißen hatte. Er stellte ihm eine Gnade frei, und Severin bat einen Verbannten los namens Ambrosius. Als jedoch einmal in Gesellschaft des Königs Lob gesungen wurde, warf Severin die Frage dazwischen: »Welcher König?« »Nun Odoaker.« »Meinetwegen«, sagte Severin, »aber er wird eben doch nur dreizehn oder vierzehn Jahre regieren«[052-c]. Bei einem Besuch in Comagena war der Knabe eines rugischen Hofbeamten so schwer krank, daß man bereits sein Begräbnis vorbereitete[052-d]. Severin heilte ihn. Auch ein im schlimmsten Grade Aussätziger namens Jelo, der von fernher gekommen war, wurde gesund[052-e]. Bonosus, ein eingeborener Mönch, litt an den Augen. Er empfand es, daß Severin Fremden helfe und dem eigenen Klosterbruder nicht. Da sagte ihm Severin: »Das klarsichtige Auge ersetzt die Klarheit der Seele nicht. Ringe nach dieser.« Auf dieses Wort hin fand sich der Blinde in sein Leiden und trug es mit heiterem Sinn fast vierzig Jahre[052-f]. Drei ungezogenen Mönchen von Boitro brachte Severin schließlich Manieren bei, indem er ihnen vierzig Tage scharfen Arrest gab: nicht das geringste Wunder, das ihm gelungen ist[052-g]. Einst sandte Severin zwei Brüder ins Norische, den Priester Marcianus, später Abt von Lucullanum, und den Mönch Renatus. In der Stunde, da ihnen auf der Reise Gefahr drohte, spürte Severin das und ließ alle Brüder für sie beten. Als sie nach einigen Monaten heim kamen, stimmte es genau[052-h]. Ebenso befahl Severin dem Mitbruder Ursus, er solle durch eine vierzigtägige harte Bußübung einem schweren Uebel zuvorkommen. Als am Ende dieser Zeit das böse Geschwür ausbrach, konnte es entfernt werden. Das ist nur ein Beispiel von vielen für den ungewöhnlichen Scharfblick des Heiligen[053-a]. Seine Hütte stand etwas abseits von den andern. Er sang Matutin und Vesper mit. Sonst lag er in seiner Zelle auf den Knien und hatte seine Gesichte. Er schlief auf einer härenen Decke am Boden und trug Tag und Nacht dasselbe Gewand. Wenn es nicht gerade ein besonderes Fest war, fastete er täglich vom Morgen bis nach Sonnenuntergang. In den großen Fasten aß er nur einmal die Woche. Immer lag dasselbe heitere Glück auf seinen Zügen. Fremde Sünde beweinte er, als hätte er sie selber begangen und suchte ihr zu steuern, so sehr er nur konnte[053-b]. Als er sein Ende herankommen fühlte, lud er den König Feva und die böse Giso zu sich, um sich zu verabschieden. Den König ermahnte er, doch ja nie zu vergessen, daß er einst über den Gebrauch seiner Herrschergewalt Gott werde Rechenschaft ablegen müssen. Dann streckte er die Hand aus, wies auf den König und sprach zu Giso: »Liebst Du diese Seele mehr als Gold und Silber.« Die Fürstin warf sich in die Brust, sie liebe den Gatten über alles. »Dann wäre es an der Zeit«, sagte Severin, »die milde Gesinnung des Königs nicht immer wieder durch Bedrückungen lahm zu legen.« Den Klosterbrüdern brachte er seinen bevorstehenden Heimgang schonend bei. Er wußte die Völkerwanderung vor der Thüre und traf daher die Verordnung, seinen Leichnam in Sicherheit zu bringen: »Seid eingedenk der Vorschrift des heiligen Patriarchen Joseph, mit dessen Worten ich unwürdiger und schwacher Mensch euch beschwöre: Gott wird euch heimsuchen und dann nehmt mein Gebein mit euch fort, nicht zu meinem, sondern zu eurem Nutzen, denn diese jetzt noch stark bevölkerten Orte werden zur Einöde werden. Die Gräber wird man aufwühlen, um Gold zu finden.« Seine Ueberreste, so hoffte er, würden wenigstens ein Band der Pietät bilden, die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde der Brüder beisammen zu halten[053-c]. Immerhin blieb er noch zwei Jahre am Leben seit der ersten Weissagung seines Todes. An Epiphanien hatte ihm der Priester Lucillus angezeigt, er werde am nächsten Morgen den Todestag seines Abtes Valentin feiern. Da sagte Severin zu ihm: »Wenn Dich Sankt Valentin mit dieser Feier beauftragt hat, so überlasse auch ich Dir die Sorge, für meine Seele Vigilia zu halten auf denselben Tag.« Lucillus war älter als Severin und meinte erschrocken, es sei doch viel eher an ihm, sich der Fürbitte Severins empfohlen zu halten. Dieser aber bestand darauf[053-d]. Auch dem Bruder des Rugierkönigs Feva, Feoderuch, der Territorialherr von Favianä war, betonte er um jene Zeit seinen Heimgang schärfer und ließ sich von diesem Großen die Rücksicht auf die Armen und Gefangenen versprechen[054-a]. Am fünften Januar begann ein leichter Schmerz an der Seite sich fühlbar zu machen. Da das aber drei Tage andauerte, ließ er nachts die Brüder versammeln und sagte, er fühle sich schwach; zum Abschied wies er sie auf das Beispiel Abrahams, der auszog, ohne zu wissen wohin, aber in ein Land, das sein Eigentum werden sollte: »Ahmet den heiligen Patriarchen nach. Sucht stets das himmlische Vaterland.« Dann küßte er jeden einzeln, empfing das Altarsakrament und bat um Psalmengesang. Als sie vor Schmerz nicht singen konnten, hub er selber an: »Lobet den Herrn in seinen Heiligen; jeder Geist lobe den Herrn.« Und während nun die Mönche darauf respondierten, entschlief er. Es war am 8. Januar. Nach der Leichenfeier meinten die älteren Brüder, man solle das, was er vom großen Wandern vorausgesagt habe, nicht unbeachtet lassen. Sie ließen daher einen Sarg aus Holz anfertigen[054-b]. Jener Gaugraf Feoderuch hatte kaum vom Tode Severins gehört, so kam er in seiner Geldnot herbeigezogen und plünderte das Kloster. Nicht nur stahl er die für die Armen bestimmten Kleider, sondern versündigte sich sogar an dem Kirchenschatz. Ein Soldat namens Avicianus sollte den silbernen Kelch vom Altare heben. Er brachte es aber nicht über sich und wurde auf der Stelle Mönch. Feoderuch ließ nun das Kloster bis auf den letzten Nagel ausheben. Nur die Mauern mußte er stehen lassen, die konnte er nicht über die Donau mitnehmen. Ehe ein Monat verfloß, wurde er indes von seinem Neffen Feodoruch, dem Königssohn, erschlagen. König Odoaker zog wider die Rugier ins Feld. Feodoruch mußte flüchten. König Feva und die böse Giso wurden gefangen nach Italien abgeführt. Kaum waren sie weg, so kehrte Feoderuch zurück. Odoaker sandte seinen Bruder Onowulf mit einem großen Heere ihm entgegen. Feodoruch flüchtete abermals und verbündete sich mit Theodorich, der damals sich zu Novä in Mösien aufhielt. Onowulf führte auf Befehl des königlichen Bruders alle in der Donaugegend noch übrigen Römer nach Italien. Der Priester Lucillus ließ nun, da der Comes Pierius zur Eile antrieb, sofort das Severinsgrab öffnen und den noch unversehrten Leichnam in einem anderen Linnen in den bereitgehaltenen Sarg umbetten. Er wurde auf einem Wagen von Pferden fortgeführt und schloß sich dem römischen Abzuge an; die Bewohner der Donaustädte erhielten in verschiedenen Gegenden Italiens neue Wohnsitze angewiesen. Die Severinsleiche dagegen wurde in die Festung Montefeltre gebracht[054-c]. Dort geschahen jetzt viele Wunder. Eine edle Frau, Barbaria, die, wie auch ihr Gatte, den heiligen Severin teils vom Hörensagen, teils aus seinen Briefen kannte, lud den Marcianus ein, mit dem Leichnam und der Genossenschaft in ihr Besitztum, die ehemaligen Lukullusgärten bei Neapel überzusiedeln. Papst Gelasius gab seinen Segen und Bischof Viktor von Neapel weihte den Sarkophag, in dem die Stifterin den Heiligen endgiltig beisetzen ließ. Als bei dieser Totenfeier ein blinder Mann Laudicius den Gesang des Volkes hörte und den Bescheid erhielt, es werde eben der Leib eines Heiligen vorübergetragen, wurde er tief bewegt und bat, man möge ihn ans Fenster führen, von wo aus er besser hören könne. Dort lehnte er in tiefer Andacht und betete inbrünstig, worauf er plötzlich wieder zu sehen anfing. Auch der Vorsänger Marinus hielt vertrauensvoll sein Haupt an den Sarg und wurde so seine Kopfschmerzen los[055-a].
Weil Severins Wirksamkeit so tief im öffentlichen Leben wurzelte, ist die Lebensbeschreibung für die politische Geschichte der Donauländer unmittelbar vor der Völkerwanderung von unschätzbarem Werte. Sie ist unser einziges Licht für jene Gegend in jener Zeit. Wir sehen die ausgedehnten kirchlichen Einrichtungen einer römischen Provinz scharf umrissen vor uns[055-1]. Obwohl Severin ein orientalischer Fremdling war und Niemand wußte, woher er kam, obwohl er dann auch mit den germanischen Fürsten gut stand, ist er im Grunde seiner Seele Romane und sucht vor allem, die schwer bedrängten römischen Provinzialen moralisch zu heben und ökonomisch zu unterstützen. So lange er lebte, vermochte sich das Römertum an der Donau zu halten; dann fiel es. Der Abzug der römischen Bevölkerung traf mit dem Transport seiner Leiche zusammen. Sein Lebenswerk war es gewesen, den geordneten Rückzug der römischen Kultur von Kunzen, Passau und Lorch nach Favianä im Rugenlande herzustellen. Seine heilige Wirksamkeit giebt dem Untergang des Römerwesens in Norikum die Weihe[055-2].