Part 5
Für seinen eigentlichen Beruf hielt Martin indessen nach wie vor die Bekehrung des Landvolkes vom Heidentum[024-a]. Obschon Severus gerade in diesem Stück schon in der ersten Schrift sehr ausführlich gewesen war, erzählt er nun noch die Zerstörung des Heidentempels in Amboise, zu der Martin durch sein unablässiges Zureden endlich den handfesten Pfarrer von Ambiakum bewegen konnte, nachdem dessen Meinung erst dahin gelautet hatte, kaum mit einem Zug Soldaten und auf dem Wege einer massenhaften Anstrengung könnte ein solches Nest ausgehoben werden, geschweige denn durch Dummköpfe von Klerikern oder Schwächlinge von Mönchen. Daran schließt sich der Bericht an eine andere ähnliche That, aber ohne lokale Präzisierung und auch als Vorgang ganz ins Fabelhafte aufgelöst[024-b]. Auf dem Wege nach Chartres bekehrte Martin sodann ein ganzes heidnisches Dorf, das noch keinen einzigen christlichen Bewohner zählte, auf einen Schlag und machte alle Anwesenden auf offenem Felde durch Handauflegung zu Katechumenen[024-c]. Das Wunder, wodurch er dies zu stande brachte, war eine Totenerweckung, eine dritte zu den beiden früher berichteten: Beweis, daß er auch als Bischof noch zu den höchsten mirakulösen Kraftleistungen fähig gewesen sei. Es war ein Knabe, dem er nun vom Tode half; doch ist die Behandlung des leblosen Körpers diesmal nicht näher beschrieben. Von Krankenheilungen[024-d] stehen die Genesung des Evanthius, Severs Onkel, und die Errettung eines vom Schlangenbiß gefährdeten Knaben im Vordergrunde. In Chartres heilte er ein zwölfjähriges Mädchen[024-e], das nicht sprechen konnte, in Gegenwart zweier Bischöfe und des Vaters, durch geweihtes Oel, indem er den Anfang des Exorcismus darüber sprach und darauf die Zunge mit dem Erfolg bestrich, daß das Mädchen auf die Frage, wie es heiße, nun seinen Namen sagen konnte. Von Martin geweihtes Oel besitzt dann aber auch fern von ihm wunderbare Eigenschaften, deren volkstümlichste darin besteht, daß es selber unerschöpflich und das enthaltende Gefäß unzerbrechlich ist[024-f]. Die frommen Schwestern von Clion zwischen Tours und Bourges plündern den Strohsack in der Sakristei, als der Heilige auf der Durchreise eine Nacht daselbst zugebracht hatte, und benützen die Halme als Amulete, um sie namentlich Besessenen auf den Nacken zu binden[024-g]. Die Berührung seines Gewandes heilte — »nach dem Beispiel jenes Weibes im Evangelium« — eine Frau vom Blutfluß[024-h]. Im Namen Martins thaten Andere Wunder[024-i]. Auch einige Andeutungen über Martins persönliche Verfassung beim Wunderthun werden uns nicht vorenthalten: es gab Fälle, wo der Heilige spürte, er sei den an ihn gestellten Anforderungen nicht gewachsen[025-a]. Nach seinem nachgiebigen Verhalten in Trier ließ er es sich nicht nehmen, obschon der Erfolg ihm später unrecht gab, seine Wunderkraft habe sich stark verringert. Als er auf jener Rückreise in Sandweiler Station machte, drückte ihn dieses Gefühl der Ohnmacht im Wunderthun stark nieder. Und als die ganze Familie des Lycontius an den Blattern krank lag, brauchte er sieben Tage und sieben Nächte, bis er sie freigebetet hatte[025-b].
Ueber Martins Beziehungen zu den hohen weltlichen Würdenträgern sind die Dialogen ausführlicher als ihr Vorläufer, und wissen von allerlei Verkehr. Der Gouverneur Vincentius wollte auf der Durchreise durch Tours von Martin im Kloster empfangen sein und wiederholte dieses Gesuch mehrere Male, zumal ja auch Ambrosius von Mailand hohe Beamte gelegentlich bei sich zu Gast lud. Martin fühlte sich dazu nicht verpflichtet[025-c]. Dagegen hatte er es darauf abgesehen, den berüchtigten Raubgrafen Avitanus zu zähmen[025-d]: es stellte sich ein förmlicher Wettkampf zwischen den beiden Gewaltmenschen, dem heiligen und dem sündhaften ein, der auch in Offizierskreisen mit hohem Interesse verfolgt wurde. Martin suchte den wilden Gesellen, sobald er sich vor Tours blicken ließ, mehrmals, sogar mitten in der Nacht in seinem Lager auf und hatte denn auch bald heraus, daß das wüste Wesen von einem häßlichen schwarzen Teufel herrührte, der dem Avitanus im Nacken saß und ihn auftrieb. Martin beschwor ihn: von Stund an war Avitanus etwas milder gestimmt. Ueberhaupt betrug er sich in Martins Nähe stets manierlicher; während er sonst das reine Tier war und ganz entsetzlich zu hausen pflegte, hatte Tours nicht von ihm zu leiden. Allerdings stand seine Gattin mit Martin im Einvernehmen. Anderer Art war Martins Beziehung zu Ausspizius, dem Präfekten der Gegend von Sens[025-e]. Diese wurde Jahr für Jahr von Hagelschlag heimgesucht, der die ganze Ernte zu nichte machte; nicht nur die Bauern, auch Ausspizius selbst, der Ländereien besaß und daher die Einbuße schwer empfand, sandten an Martin. Wie sehr der durch ihn veranstaltete Bittgang wirkte, zeigt die Thatsache, daß während der zwanzig Jahre, die Martin noch lebte, kein Hagelwetter mehr niederging, sobald er jedoch nicht mehr da war, das Jahr nach seinem Tode, die Landplage wieder begann. Während ferner im Martinsleben nur vom Verhältnis zu Kaiser Maximus die Rede ist, berichten die Dialogen auch von einem solchen zu Kaiser Valentinian[025-f], insofern lange Zeit einem vergeblichen, als Martin in Trier erst gar nicht die nachgesuchte Audienz erlangen konnte; das Geschichtchen, daß er schließlich unter fabelhaften Umständen doch sich Einlaß verschafft habe, klingt allerdings unglaublich; möglich ist seine Zulassung immerhin, und daß sich Valentinian dann über Erwarten freundlich gezeigt hat. Der jedenfalls nicht geringe Widerstand lag in dem arianischen Bekenntnis des Kaisers und der hierin noch entschlosseneren Kaiserin. Genau der umgekehrte Fall lag aber vor gegenüber Maximus, der sich in die Freundschaft zu dem Heiligen mit seiner Frau zu teilen hatte[026-a]. Diese wurde den heiligen und rechtgläubigen Mann nicht müde und überbot sich in seiner Verehrung. Sie wollte Tag und Nacht um ihn sein; ohne alle Rücksicht auf ihren kaiserlichen Stand war sie nicht vom Boden wegzubringen; immer aufs neue umschlang sie Martins Füße. Aber die Rolle der Maria genügte ihr nicht; sie wollte auch Martha sein und ließ dem Bischof keine Ruhe, ehe er ihr erlaubte, ihn zu bewirten. Eigenhändig bereitete sie das Mahl, richtete das Ruhebett, deckte den Tisch, brachte das Waschbecken, bediente ihn mit Speisen, die sie selber gekocht hatte und so lang er am Tisch saß, hielt sie sich bescheiden hinten im Zimmer, genau wie eine Magd. Sie schenkte ein und kredenzte den Trank. Nach beendeter Mahlzeit fand sie ihren Lohn in den Brosamen, die sie den Leckerbissen der kaiserlichen Tafel vorzog. Das alles ließ Martin, der nie ein Weib in seiner Nähe duldete, nur ungern mit sich geschehen; er ist wahrscheinlich von seiner Strenge nur darum abgewichen, weil er dadurch weitgehende Begnadigungen für Verurteilte erwirken konnte.
Schließlich bringen die Dialogen auch neue Belege zu Martins Verkehr mit der Geisterwelt. Es war dies sein persönlichster Besitz, sein innerstes Geheimnis. Er gestand diese Dinge seinem Lieblingsschüler auf Befragen, denn es gab nichts, was Severus ihm nicht entlocken konnte[026-b]. Als dieser darüber zu berichten beginnt, meint er, allerdings müsse er nun der Gläubigkeit viel zumuten. Aber, bei Christo, er lüge nicht, und wer denn so frivol sei, Martin Lügen zu zeihen. Als einmal in der Zelle des Heiligen ein Getöse losging und Severus sich nach der Ursache erkundigte, erzählte Martin, soeben seien die heilige Agnes, die heilige Thekla und die Mutter Gottes bei ihm zu Besuch gewesen. Er konnte jede beschreiben wie sie aussah, wie sie angezogen war. Er erklärte, solche Gäste öfters zu haben, auch Sankt Peter und Sankt Paul kämen wohl zu ihm. Die Engel waren seine Freunde. Als er zu seinem Bedauern einer Synode von Nimes nicht beiwohnen konnte, hat ihn ein Engel über die Verhandlungen unterrichtet, sodaß er alles schon wußte, als es ihm seine heimkehrenden Freunde erzählen wollten. Unter den bösen Geistern kannte er sich ebenfalls aus. Er unterschied sie einzeln. Für den verderblichsten hielt er den Merkur, Juppiter hieß er dumm und stumpfen Sinnes. Der alte, harte, trockene Kriegsmann war also ein fertiger Visionär und in seiner ekstatischen Welt so zu Hause, wie auf der harten Erde. So konnte er sich auch mit einer altväterischen Theologie begnügen[027-a]. Als gelegentlich die Rede auf die letzten Dinge kam, frischte er den verjährten Gedanken wieder auf, erst müßten Nero und der Antichrist erscheinen, Nero werde im Westen zehn Königreiche erobern, während der Antichrist vom Morgenland Besitz ergreife mit Residenz in Jerusalem, wo er Stadt und Tempel herstellen werde. Von ihm gehe dann die Verfolgung aus nebst dem Zwang, die Gottheit Christi zu leugnen, vielmehr ihn den Antichristen als Christus anzuerkennen und sich insgemein beschneiden zu lassen. Zuletzt werde Nero vom Antichristen vertilgt werden und unter seiner Herrschaft die ganze Welt noch einmal vereinigt sein, bis durch die Wiederkunft Christi alsdann der Gottlose überwältigt werde. Auch stehe es außer Zweifel, daß der Antichrist vom bösen Geist empfangen und geboren sei und sich bereits in den Knabenjahren befinde, um dann bei eingetretenem Mannesalter die Herrschaft anzutreten. Das war Martins Ansicht kurz vor seinem Ende. Mochte sie auch aus der Mode sein, sie war ihm doch eine Unterlage zu klarem, kraftvollem Handeln in diesen Dingen. Schon als jungem Christen hatte ihm vor allen priesterlichen Funktionen das Exorcieren am meisten zugesagt, und noch als Greis verstand er sich am besten auf die Befreiung der Besessenen von den Dämonen. Von seinem Umgang mit den Verrückten erhalten wir aus den Dialogen einen ergreifenden, großartigen Eindruck[027-b]. Er trainierte sich auf den Feind. Niemand durfte ihn dann anrühren, Niemand ihn dann sprechen. Wie ein Tierbändiger den Käfig seiner Bestien betritt, um sie zu zähmen, betrat er, in ein Fell gekleidet, Asche auf dem Haupt, die Kirche, in der die Irren zusammengesperrt tobten und brüllten. Er streckte sich mitten unter ihnen zum Gebet auf den Boden aus. Die einen suchten ihn durch unzüchtige Haltung von sich abzuschrecken, die andern stürzten um so unterwürfiger auf ihn zu und stellten sich ihm ungefragt als Juppiter oder Merkur vor. Und mitten in diesem entsetzlichen Jammer bethätigte er seine Heilkunst Leibes und der Seele. Severus durfte sagen, Martin habe jenes Wort des Neuen Testamentes wahrgemacht, das den Heiligen Herrschaft über die Geister verheiße[027-c].
4.
Dies sind die Mitteilungen des Sulpizius Severus über Martin von Tours. Als maßgebend für die Beurteilung seiner Leistung liegt die Erkenntnis vor uns da: Severus hat nicht ~ein~ Lebensbild von Martin hinterlassen, sondern zwei, jedes in seiner Art selbständig abgerundet, obgleich das zweite ein erstes voraussetzt. Schriftstellerisch gemessen ist das eine Unvollkommenheit, kein Vorzug. Gerade weil Severus maßhalten wollte und damit bewies, daß ihm an Oekonomie liege, war es ihm unmöglich, des Stoffes in einem einzigen Wurfe Herr zu werden. Er sammelte die Brosamen, die von der allzu reichbesetzten Tafel fielen, und siehe, sie reichten aus zu einer zweiten Mahlzeit. Wer weiß, wie viel schwerer es ist, einen Gegenstand, an dem das Herz hängt, nachbildend zu gestalten, als einen persönlich fremden und gleichgiltigen, wird die litterarhistorische Merkwürdigkeit des Doppelportraits hinreichend erklärt finden aus dem überwältigenden Eindruck, den Martin seinen Anhängern hinterlassen hatte. Damit hängt zusammen, was über die Geschichtlichkeit von Severus’ Angaben zu sagen ist. Von der Glaubwürdigkeit der erzählten Wunder ist abzusehen. Das nackte Ja oder Nein der Möglichkeit oder Unmöglichkeit verkürzt das Verständnis der großen Wichtigkeit, die das vom Heiligen berichtete Wunder, ob geschehen, ob nicht geschehen, ob anders geschehen in jedem Fall für die Heiligenforschung hat. Lassen wir auch diese Frage hier auf sich beruhen, die Geschichtlichkeit der Berichte Severs über Martin hat immer noch ihre Schranke. Einmal kommt Severs Parteilichkeit gegenüber der damals in Gallien vorhandenen starken Spannung zwischen Klerus und Mönchtum, besonders in den Dialogen, zu unverhohlenem Ausdruck. Heilige Tendenz ist die Seele seines ganzen Unternehmens: Galliens größter Gottesmann soll auch litterarisch in den Himmel erhoben werden. Oefters wird Martin neben Christus gehalten, und nicht weniger oft der gallische Weltklerus mit den Pharisäern auf gleiche Linie gestellt[028-a]. Die Schriften Severs über Martin waren Streitschriften; sie sollten mit für das Mönchtum in Gallien Bahn brechen. Gewissermaßen eine Folge davon ist auch die einseitige Darstellung des Priscillianistenstreites bei Sever, obwohl er sich hier nicht zu maßlosen Ausfällen hinreißen läßt. Diese Befangenheit zu Gunsten der Mönche und Sektierer ist indes begreiflicher, als ein anderer empfindlicher Mangel in Severs Martinsschriften, zumal er nun nicht dem Menschen, sondern ausschließlich dem Schriftsteller aufs Konto zu setzen ist: die chronologische Nachlässigkeit, die er sich in der Vita zu schulden kommen ließ und in den Dialogen nicht gut gemacht hat. Man muß sich füglich wundern, daß der Verfasser einer Weltchronik über dem charakteristischen Detail es so völlig vergaß, die Gestalt seines Helden in den zeitgeschichtlichen Rahmen hineinzustellen. Kein einziges Datum als solches findet sich vor. Bekannte zeitgenössische Namen und Ereignisse, an denen man sich zur Not orientieren kann, sind so sorglos gelegentlich mit einbezogen, daß sie teilweise nur noch Verwirrung stiften, statt unsere Unsicherheit zu heben[029-1]. Die wenigen eigentlichen Zeitbestimmungen sind entweder persönlicher oder innerbiographischer Natur[029-a]: es sei ein Jahr her, daß Martin ihnen das erzählt habe; oder noch sechszehn Jahre nach der Anwesenheit in Trier und dem Zwischenfall mit Maximus habe Martin gelebt; eine wenn auch nur indirekte annalistische Festsetzung des Datums findet sich nirgends. Auf diesen bei einem so trefflichen Chronisten wie Severus doppelt befremdlichen Umstand wirft nun aber die Thatsache ein unmißverständliches Licht, daß Martin in Severus Chronik nirgends vorkommt. Am Schluß des zweiten Buches wäre doch Gelegenheit genug gewesen, Martin in die zeitgenössischen Ereignisse hineinzustellen, sogut als Hilarius von Poitiers, der auf diese Weise seine chronologische Unterlage erhielt[029-b]. Aber das war es ja eben: Martin stand nun einmal für Severus außerhalb der Zeit in einer höheren Welt einsam da. Der Meister wirkte zu gewaltig, als daß er geschichtlich assimilierbar gewesen wäre. Eine organische Verbindung wollte sich nicht einstellen. Der bewundernde Zeitgenosse stand zu dicht vor der Riesengestalt und sah, sobald er nur den Blick auf Martin richtete, eben dann auch weiter nichts mehr als Martin. Seine Befangenheit erklärt sich aus seinem Enthusiasmus[029-c]: »Ich hörte seiner Zeit vom Glauben, vom Leben, von den Tugenden Martins; ich hörte alles, da brannte mein Herz; es trieb mich hin zu ihm. So unternahm ich die Reise, ich kann sagen die Lustreise, bis ich ihn sah. Und weil ich mich schon damals getrieben fühlte, sein Leben zu schreiben, forschte ich bei ihm selbst, soweit mir da eine Frage freistand. Er erschöpfte sich in freundlichen und freudigen Ausdrücken und in Versicherungen, wie er Gott danke, daß man so große Stücke von ihm halte und um seinetwillen so weit hergereist komme. Hat er nicht, kaum wag ichs zu gestehen, mich, lieber Gott mich, an seine heilige Tafel gezogen, ja mir selber abends die Füße gewaschen. Ich brachte es nicht übers Herz, mich zu sträuben oder auch nur im geringsten zu widerstreben. Seine Erscheinung hatte etwas so überwältigendes für mich; ein Verbrechen wäre es gewesen, nicht still zu halten«. Diese große Persönlichkeit schriftstellerisch festzuhalten, daran lag Severus alles. Aber ebenso sicher wollte er lieber schweigen, als auch nur eine einzige Unwahrheit sagen, eigene Anschauung und sichere Information seien die Grundlage für ihn gewesen[029-d]: »Ich habe natürlich nicht alles in Erfahrung bringen können. Ueberall da, wo nur er der Wissende war, giebt es keine Mitwissenden. Da es ihm nie um das Lob der Menschen zu thun war, liebte er es, von seinen Thaten möglichst wenig zu verlauten«. »Ich kann bei meinem gewissen versichern, nur die volle reine Wahrheit gesprochen zu haben. Den von Gott bestimmten und erhofften Preis wird empfangen nicht wer da liest, sondern wer da glaubt«. Innerhalb seiner begreiflichen Befangenheit war Severus somit gewissenhaft und, alles in allem erwogen, vielleicht der beste Schilderer Martins, der damals möglich war. Jedenfalls ist es ihm gelungen, Martins Andenken wirksam aus die Nachwelt weiterzuleiten.
5.
Freilich giebt auch der Heilige selbst, so imposant er ist, Anlaß zu Vorbehalten. Es war ein großer, aber ein durchaus einseitiger Mensch. Neben seiner Milde und seinem weichen Herzen blieb für Enge und Starrheit immer noch Raum. Gewiß, es bedurfte ihrer, um in Gallien das durchzusetzen, was er im Auge hatte. Aber neben seinen Freunden Ambrosius und Hilarius, denen es doch an Festigkeit des Charakters auch nicht gebrach, fällt er durch seine ausschließlich praktische Bethätigung der Religion doch auf. Schriftliches hat er nicht hinterlassen; der von ihm erwähnte Brief[030-a] mag eine Rarität gewesen sein. Auch als Bischof fühlte er sich nicht berufen, an der theologischen Gedankenarbeit seiner Zeit teilzunehmen. Es war ihm durchaus wohl bei den dunkelmännischen Ansichten über das Weltende, die in den Zeiten der Märtyrerkirche lebendig gewesen waren, die dann zu Anfang des vierten Jahrhunderts Viktorinus von Pettau zum letzten Mal vertrat, die aber zu Martins Zeiten nach dem einstimmigen Urteil von Autoritäten wie Hieronymus und Augustin als falsch kurzer Hand beseitigt wurden[030-1]. Auch sein Hirtenamt hat er vorwiegend mönchischen Idealen unterstellt und ist damit zweifelsohne manchem Bedürfnis seiner Gemeinde nicht gerecht geworden. Die Hoheit seiner Demut steigerte sich bis an die Grenze des Gegenteils: er war ein Aristokrat der Bettler und Asketen. Und gar, daß in der Nähe des Weibes auch der Teufel nie weit sei, war für ihn ein Grundsatz, von dem er nicht abging. Für die rührende Gattenliebe, die es jenem alten Soldaten unmöglich machte, ohne seine Frau Gott zu dienen, hatte er vielleicht Verständnis, aber keine Duldung. Wer dagegen unbedenklich Familie und Welt dahinten ließ, war unter allen Umständen sein Mann. Wahrscheinlich bildeten seine Anhänger unter den Christen Galliens die Minderheit. Vielen blieb er sonderbar und unverständlich; andern war er eine komische Figur. Zwar sagt Severus[030-b]: »Seiner Widersacher waren glücklicherweise nur wenige; aber leider durchgehend Bischöfe, sonst Niemand. Es braucht kein Name genannt zu werden. Was hilfts aber, da Andere um uns her es ausschreien, daß die Ohren gällen«. Aber die Wahl seines Nachfolgers enthält doch einen bedeutsamen Fingerzeig; die Gemeinde von Tours berief seinen erklärten Feind Briccius zu ihrem Bischof. Man wollte bei aller Verehrung für Martin nicht schon wieder einen ›Heiligen‹ an der Spitze der kirchlichen Angelegenheiten.
Nichts desto weniger stand alt Frankreichs Kirche in Martins mächtigem Bann und Schatten jahrhundertelang. Nur eine schon bei Lebzeiten riesenstarke Natur konnte mit einem solchen Einfluß durchhalten. Das Geheimnis dieser persönlichen Kraft beruht in der eigentümlichen Wechselwirkung zweier sich entgegenstehender Pole, sozusagen einem Tagpol und einem Nachtpol. Der eine Herd seiner Erfolge war sein kräftiger, volkstümlich gesunder Erdinstinkt, ein frischer, energischer Trieb, Hand anzulegen und Greifbares zu schaffen. Was er als Mönchsvater, als Heidenmissionar und als Arzt ausgerichtet hat, quillt alles aus diesem freudigen Verlangen nach Arbeit und Wirksamkeit. Die Einrichtung und Leitung von Marmoutiers bei einer Zahl von gegen hundert Mitgliedern läßt auf ein hervorragendes organisatorisches Talent schließen, zumal es in so früher Zeit in Gallien erst nur sehr wenige Klöster gab, die man zum Muster nehmen konnte und wohl kaum eines, das solche Dimensionen aufwies. Ueber gehandhabte Zucht und erforderlichen Wandel verlautet allerlei, das die lockere Anlage eines Asketenvereins überbietend schon auf die ganze Strenge einer späteren Klosterregel hindeutet. Gründung und Einrichtung des einen Klosters war ja aber das geringste. Vor Martin, schreibt Severus[031-a], hatte nur eine kleine Anzahl oder im Grunde fast Niemand hier den Namen Christi angenommen. Einzig seiner Wirksamkeit, seinem Beispiel ist es zu danken, daß bald kein Ort mehr war, wo sich nicht in Hülle und Fülle Kirchen und Klöster erhoben. Deutlich zeigt sich Martins gewaltiger Wille in seiner Bekämpfung heidnischen Götzendienstes. Da setzte er immer aufs neue sein Leben ein. Er trat als Aufklärer auf, der Licht brachte und der überall durch die Ueberlegenheit seines Auftretens durchschlug. Staunenswert war aber seine Suggestionskraft gar gegenüber Kranken, die bei ihm Heilung suchten: zwei der frappantesten Fälle mögen hier mit Severus eigenen Worten unverändert folgen; zunächst das stumme und gelähmte Mädchen in Trier[031-b]: »Martin sah die Kranke und griff alsbald zu den ihm vertrauten Waffen gegen das Uebel; er warf sich zur Erde auf sein Angesicht und betete. Dann betrachtete er die Kranke und verlangte Oel. Nun segnete er das ihm dargereichte Oel und träufelte von der geheiligten Flüssigkeit in den Mund des Mädchens. Augenblicklich kehrte der Gebrauch der Zunge, die Sprache wieder. Und so belebte er durch seine Berührung der Reihe nach die einzelnen Glieder, bis die Genesene festen Fußes sich erhob und vor den Augen der staunenden Volksmenge erschien«. Einen Besessenen, der alle ihm Begegnenden anfiel und biß, heilte er in folgender Weise[032-a]: »er trat vor den Wütenden und befahl ihm ruhig zu sein. Der Besessene fletschte die Zähne, und sein geöffneter Mund schien beißen zu wollen. Als aber Martin ihm seine Finger in den Mund steckte und dazu sprach: Wenn du Macht hast, so verschlinge sie — da floh der Besessene davor zurück wie vor einem glühenden Eisen, um nicht in Berührung mit ihnen zu kommen. So wurde der böse Geist ohne Aufschub gezwungen, den Körper, dessen er sich bemächtigt hatte, zu verlassen, da ihm seine Qualen zu bleiben nicht gestatteten. Es floh der Satan zwar nicht durch den Mund, in dem ja die Finger des Heiligen staken, sondern durch einen andern, des unreinen Geistes vollkommen würdigen Ausgang aus dem Leibe des Besessenen, nicht ohne ekelhafte Spuren seines Entweichens zurückzulassen«. Aber Suggestion war nicht die einzige Form, in der Martin in seiner Wirksamkeit als Volksarzt den Krankheiten zu steuern suchte; vielmehr griff er gelegentlich auch chirurgisch ein[032-b]: »Paulinus wurde von einer Augenkrankheit befallen. In einem Auge hatte schon eine dichte Wolke die Pupille bedeckt; da kam er zu Martin. Dieser berührte ihm den Augapfel mit dem Wattebausch: der Schmerz ließ nach; die Sehkraft kehrte wieder«. Es kann somit kein Zweifel bestehen, das Geheimnis von Martins Erfolgen beruht auf seiner eminent praktischen Natur, auf seinem rastlosen und unermüdlichen Zugreifen, auf seiner Hilfsbereitschaft gegenüber den hundert Anliegen und Bedürfnissen der Stunde. Innerhalb seiner durch sein Mönchtum ihm gesteckten, allerdings nicht unbeträchtlichen Schranken war er grenzenlos vielseitig und versagte vor sogut wie keiner Anforderung.