Die Heiligen der Merowinger

Part 4

Chapter 43,290 wordsPublic domain

So wurde das Martinsleben veröffentlicht. Sein berufenster zeitgenössischer Beurteiler, Paulin von Nola, eben Severs Mitschüler bei Martin, hatte nichts auszusetzen. Er schreibt dem Verfasser[016-a]: »Es wäre dir nicht geschenkt gewesen, Martins Leben aufzuzeichnen, wenn nicht eine reine Empfindung deine Arbeit beseelte. Wie glücklich bist du nun, die Geschichte des Gottesmannes und Bekenners würdig und mit gerechtfertigter Begeisterung verfaßt zu haben. Aber auch der Heilige selbst ist selig zu preisen, daß er neben seinem Ruhm vor Gott nun auch durch Deine Kunst bei der Nachwelt berühmt geworden ist«. In der That fand der Traktat sofort ungewöhnliche Verbreitung. Es war ein litterarischer Erfolg ersten Ranges. In Rom riß man sich darum. Die Buchhändler rieben sich die Hände. Das Büchlein war ihr begehrtester Artikel geworden und fand den sichersten Absatz. Ein Bekannter, der auf einer Orientreise den wachsenden Leserkreis verfolgen konnte, berichtet Severus[016-b]: »Wo dein Buch überall hingedrungen ist? Kaum ein Fleck Erde, wo es sich noch nicht vorfände. In Rom hatte dein Freund Paulinus für seinen Vertrieb gesorgt. Die Buchhändler sah ich in einem Glück, weil trotz den hohen Angeboten die Nachfrage so groß sei. Zu Schiff war mir dein Buch bereits vorausgeeilt. Als ich nach Afrika kam, verschlang es bereits ganz Carthago. Nur ein Priester in der Cyrenaica hatte es noch nicht; ich verhalf ihm dazu. Und erst in Alexandrien! Dort kennen sie das Buch besser, als du selbst es kennen kannst. Aegypten, die nitrische Wüste, die Gegenden von Theben und Memphis hat es durchwandert, und sogar in der Wüste traf ich einen alten Mann, der es las«. Auch in Illyrien war das Buch verbreitet[016-c].

Aber Severus bekam denn doch nicht nur Angenehmes zu hören. Mit dem Gedächtnis lebte auch der Haß wieder auf. Die gebildete geistliche und weltliche Gesellschaft Galliens hatte sich im Ganzen nie in Martins eigentümliches Wesen finden können. Die Ueberläufer vom Schlage Paulins und Severs blieben weit in der Minderzahl. In jenen Kreisen erregte das Buch peinliches Aufsehen. Die allzu offene Absicht, den kaum erst Toten zu verherrlichen, verletzte. Auch der Gläubigkeit der Gegner war viel zugemutet. Während Volk und Mönche das Büchlein in alle Himmel erhoben, lehnte es die Geistlichkeit ebenso leidenschaftlich ab, und Severus mußte sich erzählen lassen[016-d]: »Nur die Kleriker, nur die Priester unseres eigenen Landes sind neidisch genug und wollen nichts von deinem Martin wissen. Begreiflicherweise; denn seine Tugenden spiegeln ihre Fehler. Ich darf kaum sagen was mir jüngst zu Ohren kam: du habest in deinem Buche allerlei frischweg erfunden. Und doch hat Christus selbst gesagt, solche wunderbare Thaten, wie sie Martin gethan, könne jeder thun, der Glauben habe. Wer also nicht glaubt, daß Martin solches that, bezweifelt im Grunde die Verheißung Christi. Diese Unglückseligen, Entarteten und Schlaftrunkenen erröten eben vor Thaten, deren sie selbst nicht fähig sind und wollen lieber Martins Wunderkraft leugnen als ihr Unvermögen eingestehen.«

Beides, Erfolg und Mißerfolg, mußte Severus ein Sporn sein, den Rest seiner Kenntnisse über Martin nicht zu verschweigen. Da handelte es sich vor allem darum, in welcher Form er diese Ergänzungen geben wollte. Er bewies eine geschickte Hand und wählte den Brief und den Dialog. Durch Hieronymus war der Kunstbrief, bei dem der Adressat nur der Empfänger der Widmung ist, als Leser jedoch wie beim Buche ein Publikum vorausgesetzt ist, für geistliche Stoffe im lateinischen Westen eben klassisch geworden, und mit dem Dialog griff Severus vollends auf eine ciceronianische Ausdrucksweise zurück, die früh in die christliche Litteratur eindrang und sich dauernd in ihr erhalten hat. Inhaltlich bedeuten die drei Briefe diejenige Ergänzung zum Martinsleben, die nötig war, um das noch bei Lebzeiten des Heiligen verfaßte Bild mit einer Schilderung seines Todes abzurunden. Im ersten Briefe[017-a] jedoch kommt er zunächst noch auf einen Vorfall zurück, über den pietätlose Bemerkungen ihm zu Ohren gedrungen waren: es sollte für Martin ein Vorwurf sein, daß er, der so viele Heilungen vollbrachte, selbst einmal die schwersten Brandwunden davongetragen habe; sollte nun Martin deswegen weder gewaltig noch heilig sein? Die Sache war einfach die: Martin hatte aus einer Visitationsreise mitten im Winter die für ihn bereit gehaltene Lagerstätte viel zu weichlich gefunden und den Strohsack weggeschoben, aus Versehen aber zu nah an den Ofen, sodaß Feuer ausbrach. Er selbst war in seiner Müdigkeit auf dem bloßen Boden sofort eingeschlafen und erwachte nun mitten in den Flammen; er wäre, da er den Holznagel an der Thüre nicht losmachen konnte, umgekommen, hätten nicht von außen her die Mönche den Riegel erbrochen. Während dann der zweite Brief sich nur in allgemeinen Betrachtungen über den schweren Verlust ergeht, enthält der dritte an Severs Mutter Bassula gerichtete in ähnlichen Klagen und nach einer Anekdote über Martin als Tierfreund Mitteilungen über Martins letzte Stunden[017-b]. Martin hatte den Zerfall seiner Kräfte vorausgespürt. Dennoch begab er sich in den äußersten Teil seiner Provinz, um einen dort ausgebrochenen Kirchenstreit zu schlichten: die schönste Gelegenheit, meinte er, den letzten Rest seines Lebens aufzuzehren. In der That brach er dort zusammen. Er sagte zu den Seinen, es sei das Ende. Sie mußten weinen, und auch er hielt die Thränen nicht zurück: wie gerne wollte er weiter wirken, wenn es Gottes Wille wäre. Es that ihm beides weh, zu scheiden und von Christus länger getrennt zu sein. Er betete: »Das Leben ist ein harter Krieg und ich habe lange genug gekämpft. Aber soll ich mich noch ferner in die Schanze schlagen, für dich, Herr Gott, will ich’s thun«. Er lag einige Tage im Fieber da, auf Streu und Asche und wollte sich nicht auf die Seite legen, damit sein Auge gen Himmel gerichtet bleibe. Im Todeskampf bewies er große Festigkeit. Natürlich stellte sich der Teufel ein. »Was willst du, blutiges Untier«, rief er ihn an, »weg mit dir! Ich bin in Abrahams Schooß«. So starb er. Seine Züge wurden friedevoll und nahmen einen glänzenden Ausdruck an. Seine Bestattung war ein Triumphzug. Zweitausend Leute wohnten ihr bei. Ganz Tours kam ihm entgegegen. Von den Dörfern und Höfen der Umgegend, ja aus entfernten Städten strömten Teilnehmer herzu.

Auch die Dialoge wollen ein Nachtrag sein[018-a]. Aber nicht ein bloßer Anhang wie die Briefe; sie bilden eine selbständige Ergänzung. Statt einer planmäßigen Gliederung des Stoffes, wie sie im Martinsleben vorliegt, wird der Leser ohne logische Vermittlung von Situation zu Situation, von Gedanken zu Gedanken geführt, ohne daß freilich die zwischen Epos und Drama rudimentär stecken gebliebene Form des Kunstdialogs eine Nachbildung des wirklichen Lebens bis zur Illusion zu Stande brächte. Severus war darum zu thun, durch Abwechslung auch in der Form anzuziehen, er verwahrt sich aber, unter der kurzweiligen Darstellung die Treue seiner Nachrichten etwa haben leiden zu lassen[018-b]. Die an sich primitiven Mittel hat er nun geschickt zur Zeichnung und Färbung seines Gegenstandes verwendet; er bringt in seiner Charakteristik des heiligen Martin beinahe künstlerische Nuancen zu stande. Drei Personen spielen die Hauptrolle. Zunächst Severus selbst. Er tritt ansprechend auf und maßt sich als Martins Vertrauter keine Allüren an. Er erzählt einfach von einem Gespräche, das er mit einem keltischen Mönche, einem langjährigen Anhänger Martins gehabt habe, als plötzlich ein alter Bekannter, Postumianus, zu ihnen gestoßen sei. Eben war dieser von einem dreijährigen Aufenthalt aus dem Orient zurückgekehrt. Sie hätten sich umarmt, geküßt, hätten Freudenthränen vergossen und sich schließlich in der Zelle auf ein Ziegenfell gesetzt, sich auszutauschen. Severus nimmt am Gespräche mehr als Empfangender teil; er greift meistens nur ein, um es aufs neue anzuregen. In Postumianus lernen wir einen jener gebildeten abendländischen Geistlichen in der Art des Hieronymus und Rufinus kennen, die aus Wissenstrieb und Sehnsucht nach dem heiligen Lande sich mehrere Jahre im Orient aufgehalten und dasselbst namentlich das Mönchtum der ägyptischen und der syrischen Wüste studiert haben. Die Gestalt ist dem Leben entnommen. Die Reiseerlebnisse selbst dürfen uns hier nicht beschäftigen, aber ebensowenig darf übersehen werden, wie glücklich das Motiv für den Zweck verwendet ist, den Severus im Auge hatte. Es erscheint als Abschweifung, nur ganz am Schluß der Episode spielt Martin hinein. Aber gerade dadurch wird Martin charakteristisch ins Licht gesetzt: von den Mönchen des Morgenlandes mit ihrer beschaulichen Versenkung in Gott oder ihrem polternden Vortritt bei Volksagitationen hebt er sich ab als der Beter und Arbeiter, als der stillthätige Menschen- und Gottesfreund[019-a]. Ihren eigentlichen Erdgeruch erhält aber Martins Persönlichkeit durch die Einführung von Severs anderem Genossen, einem Kelten[019-b], dem Bauern gegenüber den Stadtleuten, der sich geniert, unter Aquitaniern lateinisch zu reden; er sei ein Sancerrer Kind und fürchte mit seiner bäurischen Aussprache verwöhnte Ohren zu beleidigen. »Sprich wie es dir ums Herz ist«, versetzt Postumianus, »sprich keltisch, sprich gallisch; nur sprich von Martin.« In dieser Figur scheint Severus den Bauernstand in seinem Verhältnis zum Heiligen haben schildern zu wollen. Er nennt den Mönch auch mit dem Sammelnamen Gallus. Das schließt nicht aus, daß ein ausgeprägter Vertreter des Typus wirklich Modell gestanden habe. Jedenfalls war es, schriftstellerisch gewertet, ein feines Mittel, allerlei Geschichten, die über den Heiligen im Lande herumgingen und für ihn charakteristisch waren, die aber ein gebildeter Mensch schon damals nicht leicht für bare Münze hinnehmen durfte, dem Publikum nicht vorzuenthalten, ohne damit selbst irgendwelche Verantwortung zu übernehmen. Auch darin verrät sich ein künstlerischer Zug und der Widerschein klug beobachteten Lebens, daß die schlichte Situation in der Klosterzelle ab und zu durch ein humoristisches Intermezzo unterbrochen wird. Als Postumianus von einem wohlgemeinten Frühstück berichtete[019-c], das ein Greis aus Freude, daß sie Christen seien, ihnen vorsetzte, an dem jedoch ein halbes Gerstenbrot und Gummiblätter das beste waren, deutete Severus im Spaß zu Gallus hinüber: »Ach, jammerschade, mein lieber Gallus, daß du da nicht dabei warst. Was meinst du, ein paar Blätter und ein halbes Brot zum Frühstück für fünf Leute?« Gallus wurde rot und sagte: »Aber, Sulpizius, du lässest auch wirklich keine Gelegenheit vorbeigehen, ohne mich an meinen guten Appetit zu erinnern. Sei doch kein Unmensch! Sollen wirklich wir Gallier in unserem rauhen Klima wie morgenländische Eremiten oder gar wie Engel leben. Und ein halbes Gerstenbrot auf fünf Mann ist schon mehr ein Frühstück für Engel.« Ja bei der nächsten Gelegenheit stellte der gute Gallus geradezu den Grundsatz auf: »In Griechenland mag Gefräßigkeit Schlemmerei sein, bei uns in Gallien ist sie Natur[020-a]«.

Der erste Dialog zerfällt in zwei Hälften, die später selbständig als getrennte Bücher eingeteilt wurden: in der ersten erzählt Postumianus seine Reise, in der zweiten Gallus von Martin. Einige Zeit nach dem ersten entstand ein zweiter Dialog. Er setzt das Gespräch des ersten am folgenden Tage fort vor erweiterter Zuhörerschaft, nämlich einigen Geistlichen, aber nur zwei hochstehenden Beamten, da die übrigen Laien, die sich hinzudrängten, abgewiesen wurden. Gallus kommt zwischen den Statthalter und den Konsularen zu sitzen. Es geht lange, bis er die Fassung erlangt, in solcher Gesellschaft ohne Scheu zu reden. Die Anwesenden unterstützen ihn durch eingestreute eigene Beiträge über Martin. Die so erhaltenen neuen Nachrichten verteilen sich gleichmäßig auf die sechs Gesichtspunkte, unter denen Severs Martinsleben steht. Greifen wir diese auf und illustrieren sie durch die in den Dialogen gelieferten Beispiele. Der eigentliche Schwerpunkt von Martins Persönlichkeit liegt in seinem Mönchsstande, insofern seine Eigenschaften eines Volksheiligen dort wurzeln.

3.

Martin hatte in der Stadt eine Zelle für sich, die er nur verließ, wenn er ausging[020-b]. In der Kirche hielt er sich für gottesdienstliche Verrichtungen auf, sonst nicht und lehnte es ab, sich daselbst zu setzen. Auch in seiner Zelle saß er nicht in einen seiner Würde entsprechenden Lehnsessel, sondern auf ein dreibeiniges Stühlchen, wie sich dessen sonst das Gesinde bedient. Auf dem Gang zur Kirche traf er einst im Winter einen halbnackten Bettler, der Armenpfleger des städtischen Klerus zog die Sache hin, sodaß Martin dem Armen, der sich persönlich bei ihm beklagte, in aller Stille sein eigenes Hemd vom Leibe gab und ihn wegschickte. Der Obersthelfer, eben jener Armenpfleger, kam, Martin zum Kirchgang aufzufordern: das Volk warte. Der Bischof antwortete, er könne nicht kommen, bevor der Arme sein Hemd habe, meinte nun aber damit sich, da er unter der Kutte nichts weiter mehr anhatte. Aber es sei ja gar kein Armer mehr da, versetzte jener gereizt, mußte jedoch seinem Vorgesetzten gehorchen. Er erstand für fünf Groschen ein grobes Hemd geringster Güte. »Und der Arme?« fügte er bei. Martin bat ihn, draußen zu warten, zog rasch das Hemd an und begab sich, ohne mehr ein Wort zu sagen, auf seinen Posten in die Kirche. Als er dann die Messe celebrierte, umstrahlte ihn ein Heiligenschein. Das Volk sah es. Dagegen wollten nur eine Nonne, ein Presbyter und drei Mönche das Wunder bemerkt haben. Warum wohl vom geistlichen Stande nur so wenige[021-a]? Arborius, ein Angestellter der Präfektur versicherte steif, so oft Martin die Hostie segne, strahle seine Hand Licht aus und sei mit Perlen bedeckt[021-b]. Auf einer Visitationsreise scheuchte Martins schwarze Kutte die Zugtiere einer militärischen Ambulanz. Die Soldaten kannten ihn nicht und maltraitierten ihn und die Tiere[021-c]. Er hatte die Gewohnheit, seinem Gefolge ein gutes Stück vorauszugehen. Seine Mönche fanden ihn daher halbtot mit von Geißelhieben zerrissenem Rücken am Wege liegen. Sie konnten ihn noch eben auf seinen Esel setzen, den sie für ihn nachführten. Seine große Liebe für Tiere trug wesentlich zu seiner Popularität bei. Er besänftigte eine bei einem Brand wütend gewordene Kuh, befreite ein gehetztes Häslein von seinen Jägern und ihren Hunden[021-d]. Eine Giftschlange verschwand auf seine Beschwörung in der Loire und befreite so die am Ufer gelagerte Gesellschaft von ihrer gefährlichen Gegenwart. »Die Schlangen gehorchen mir«, seufzte er, »die Menschen nicht«[021-e]. Es ging so weit, daß ein Mönch im Namen des Meisters einen bissigen Hund zur Ruhe brachte[021-f]. Im Umgang mit dem Volk traf er den rechten Ton[021-g]. Angesichts eines geschorenen Schafes rief er aus: »Recht so. Wer zwei Röcke hat, gebe einen dem, der keinen hat«. Zu einem armen Hirten meinte er: »Auch Adam hat im Fell die Schweine gehütet. Das darf dich aber nicht abhalten, den neuen Adam anzuziehen«. Vor einer Wiese, deren einer Teil vom Rindvieh abgeweidet und deren anderer von Säuen aufgewühlt war, während in der unversehrten Mitte Blumen blühten, predigte er: »Seht, liebe Leute, gerade so ist es mit dem Heiraten. Wer ohne Ehe oder außer der Ehe sich versündigt, da ist nur noch Dreck. Wer eine anständige Ehe führt, da ist saftiges Gras, aber ohne Blumen. Bleibt jungfräulich, dann steht der Garten in Blüte«. Ein alter Soldat wollte ein beschauliches Leben führen, wünschte aber in seine Einsiedelei die Frau mitzunehmen. »Hast du in den Schlachten das Weib auch mitgehabt?« fragte ihn Martin[021-h]. Als umgekehrt eine Klausnerin in übertriebener Männerscheu es sogar ablehnte, den Besuch ihres Bischofs zu empfangen und sich durch eine ihrer Mitschwestern bei ihm entschuldigen ließ, zog Martin höchst erfreut von ihrem Aeckerchen wieder ab, und als nun dieselbe ihm zum Entgelt ein Geschenk nachsandte, schlug er, der sonst nichts annahm, die Gabe nicht aus[021-i]. Bei dieser Leutseligkeit verbreitete sich denn auch sein Ruhm sehr rasch und über die Landesgrenzen hinaus: in einem Seesturm an der italienischen Küste rief ein Handelsmann aus Aegypten, der noch nicht einmal Christ war: »Martins Gott, rett uns«[022-a]. Auch als Vorgesetzter bewies Martin seine Ueberlegenheit[022-b]. Auf seine Weisung fing der Klosterverwalter Cato den zum Ostermahl nötigen Fisch, den weder dieser, doch ein geübter Angler, noch die Fischer von Beruf am Tage vorher hatten fangen können. Der Erzähler erinnert bei diesem Vorfall in demselben Atemzug an den wunderbaren Fischzug im Evangelium und an den profanen Vers: »Brachte den staunenden Argern zurück den gefangenen Saufisch«. Wo die gute Sitte auf dem Spiele stand, kannte Martin keinen Spaß[022-c]. So schlich sich einmal ein Klosterbruder in Martins Abwesenheit in dessen Zelle und machte sichs, als er auf dem Kohlenbecken noch Gluten fand, bequem, indem er die untere Partie seines Gewandes aufknöpfte und sich mit entblößtem Unterleib und gespreizten Beinen ans Feuer setzte. Er wurde ertappt und furchtbar abgekanzelt. Martins Wohnung im Kloster hatte ein Hinterpförtchen, durch das die Besessenen insgeheim zur Heilung eingeführt wurden[022-d]. Sie war von einem Höfchen umgeben[022-e].

Gegen Martin, der das Mönchtum in Gallien so kraftvoll einzurichten und gegen den Willen der Kleriker wirksam durchzusetzen wußte, befolgte die Geistlichkeit die Taktik, ihn so viel immer möglich zu ignorieren. Dennoch gelang es Martin in seiner Stellung als Bischof seinem Kloster die kirchliche Unterstützung zu sichern[022-f]; es sollte nicht von den eigenen Einkünften leben müssen, sondern von der Kirche vollständig unterhalten werden. Von dieser Ansicht ging er nicht ab. Ein Geschenk von hundert Pfund Silber bestimmte er zum Loskauf von Gefangenen, und als ihm die Mönche nahelegten, er möchte doch einen Teil davon dem Kloster zu halten in Rücksicht auf die schmale Kost und die Vielen mangelnde Kleidung, war seine Antwort: »Uns soll die Kirche weiden und kleiden und wäre es auch nur um den Schein zu umgehen, daß wir auf das unsere ausseien«[022-g]. Sein beständiger Kampf mit den Bischöfen erreichte seine Höhe auf der Synode von Trier, durch Martins Verhalten im Priscillianistenstreit. Kaiser Maximus, sonst ein guter Mensch, hatte sich durch die Priester verleiten lassen, nach Priscillians Tode den Bischof Phacius, der das Urteil durchgesetzt hatte, sowie dessen Anhang für unanfechtbar zu erklären[022-h]. Amtsgeschäfte anderer Art riefen Martin um eben diese Zeit an den Hof. Es war nicht zu vermeiden; er mußte zu der heiklen Angelegenheit Stellung nehmen. Die anwesenden Bischöfe, alles Parteigänger des Ithacius, gerieten über Martins unvermutete Ankunft in Bestürzung. Tags vorher hatte der Kaiser den Synodalbeschluß bestätigt, wonach bevollmächtigte Geschäftsträger mit bewaffneter Macht nach Spanien reisen, die Güter der Priscillianisten einziehen und hochnotpeinlich Gericht halten sollten. Da Martins Widerspruch außer Zweifel stand, wollten sie erst den Kaiser bewegen, ihm durch entgegenreitende Boten den Eintritt nach Trier zu verwehren, falls er nicht von vornherein den Beschluß gutheiße. Martin versprach, er werde den Frieden der Versammlung nicht stören. Während der Nacht ging er in die Kirche zum Gebet und begab sich dann zur Audienz in den kaiserlichen Palast. Sein Anliegen war die Vertretung des Grafen Narses und des Gouverneurs Leukadius, die beide als Anhänger Gratians verschiedener Anschläge wegen in kaiserlicher Ungnade waren. Dann aber verwahrte er sich auch dagegen, daß die Gesandten zu einem Gericht über Leben und Tod nach Spanien reisen sollten. Ja er wollte die Ketzer geradezu freigesprochen wissen. Um Martin nicht vor den Kopf zu stoßen, um aber auch nicht sei es die Bischöfe aufzubringen, sei es, was wahrscheinlicher ist, auf die eingezogenen Güter zu verzichten, da er bei dem unabsehbaren Bürgerkriege Geld brauchte und der Staatsschatz erschöpft war, ließ Maximus die Sache zwei Tage in der Schwebe. Während dieser Zeit vermied Martin jede Gemeinschaft mit den Bischöfen. Nur ein einziger von ihnen hatte öffentlich gegen den Beschluß Verwahrung eingelegt, und wenn nun Martins Ansehen Theognit unterstützte, so konnte alles umsonst sein. Sie machten dem Kaiser Vorstellungen, Martin werfe sich geradezu zum Bluträcher Priscillians auf, was nütze dann die Hinrichtung. Sie brachten den Fürsten herum: Ithacius erhielt ein Vertrauensvotum von der Synode, und als Martin das nicht zu kümmern schien, lehnte der Kaiser ab, ihn weiter zu hören. Und da entschloß sich nun Martin, nicht aus Mangel an persönlichem Mut, sondern aus Furcht vor den Folgen zu dem Zugeständnis, er werde die Gemeinschaft mit den Bischöfen aufnehmen, falls die Abordnung nach Spanien zurückgezogen würde. Noch in derselben Nacht erlangte er vom Kaiser diesen Vergleich ohne Aufschub und erschien am andern Morgen bei der Weihe des Felix von Trier in den Reihen der Synodalen. Nur gab er seine Zustimmung auch jetzt nicht schriftlich und reiste am folgenden Tage ab. Das Bewußtsein durch seine Nachgiebigkeit den spanischen Sektierern das Leben gerettet zu haben, vermochte ihn nicht über seine Gewissensbisse hinwegzutrösten, daß er schwach gewesen und seiner Ueberzeugung entgegengehandelt habe. Auch zu Hause verbitterte ihm die klerikale Partei das Leben[023-a]. Sein empfindlichster Gegner war Briccius. Bei Severus erscheint er als ein bis zum Wahnsinn zanksüchtiger und nichts als Ränke spinnender Mensch. Martin habe keinen anderen Trost gehabt als: »Wenn Christus sich Judas gefallen ließ, so kann ich mir auch Briktion gefallen lassen«.