Part 3
Martin wurde zu Sabaria in Ungarn geboren, verlebte indessen seine Jugend in Pavia[007-a]. Sein Vater war Offizier, die Familie heidnisch. Aber schon der Knabe trug Gott im Herzen. Mit zehn Jahren wollte er gegen den Willen seiner Eltern Katechumene werden, mit zwölfen machte er aus seinen mönchischen Gelübden und Neigungen ernst, wurde aber mit fünfzehn gewaltsam dem Heere einverleibt, dem er als Offizierssohn von Gesetzes wegen beitreten mußte. Er begnügte sich jedoch mit nur einem Burschen, bediente ihn, obwohl sein Herr, zog ihm die Stiefel aus, um sie zu putzen, und teilte sein Mahl fast eher in der Stellung eines Aufwärters. Ohne noch getauft zu sein, hielt er sich während seiner drei Dienstjahre von den üblichen Lastern des Standes fern und trieb überhaupt gegenüber den Kameraden die Gutmütigkeit auf die Spitze. Er lebte auch unter der Waffe in opferfreudiger Nächstenliebe[008-a]: in einem ungewöhnlich strengen Winter hatte er bis auf Waffen und Uniform bereits alles verschenkt, da schnitt er für einen Bettler am Stadtthor von Amiens noch die Hälfte des eigenen Mantels vom Leibe und ließ sich unbeirrt auslachen, als er darauf in verstümmelter Uniform weiterritt. Bald daraus erfolgte seine Taufe. Doch blieb er noch zwei Jahre beim Heere, in der Hoffnung, dann auch zugleich seinen Tribunen zum Abschied zu bewegen, da dieser ebenfalls Neigung bekundet hatte, der Welt abzusagen. Jedenfalls hielt er es mit seinem Christenstande nicht mehr vereinbar zu töten, und so war sein Austritt aus dem Heere unvermeidlich, sobald das Regiment bei dem er stand, im Ernstfall ausrücken mußte[008-b]. Am Vorabend einer Begegnung mit den Germanen vor Worms teilte Kronprinz Julian ein Donativ aus. Die Einzelnen wurden aufgerufen und mußten vortreten. Als die Reihe an Martin war, hielt er den Augenblick für gegeben, um seinen Abschied einzukommen: ein Streiter Christi dürfe nicht kämpfen. Der Kriegsherr schob die sonderbare Ausrede auf Angst; aber Martin verwahrte sich, er sei kein Feigling, er wolle sich ohne Waffen durch den Feind helfen, nur allein mit dem Zeichen des Kreuzes. Man wollte ihm seinen wunderlichen Willen lassen und ihn dadurch am sichersten strafen; aber aus der Schlacht wurde nichts, da sich die Feinde am andern Morgen ohne Schwertstreich unterwarfen. War da nicht Gottes Hand im Spiel?[008-c] Hierauf begab sich Martin zu Bischof Hilarius von Poitiers. Dieser wollte ihn für seinen Klerus gewinnen, doch lehnte Martin die Weihe zum Diakonen ab und fand sich nur eben zum niederen Dienste eines Geisterbeschwörers tauglich. Es trieb ihn dann nach der Heimat, für die Bekehrung seiner Familie zu wirken. Nur unter dem Versprechen wiederzukehren ließ man ihn in Gallien ziehn. Auf dem Uebergang über die Alpen fiel er unter die Räuber, entwaffnete aber den, dessen Obhut er anvertraut wurde durch seine Sanftmut[008-d]. In der Nähe von Mailand suchte ihn ein Reisegefährte in seinem Vorhaben irre zu machen, überzeugte jedoch Martin nur, daß dieser Versucher der leibhaftige Teufel in Menschengestalt sei. Zu Hause brachte der Sohn die Mutter auf seine Seite. Der Vater blieb Heide. Dagegen folgten andere Martins Beispiel, dem überdies das arianische Christentum Gelegenheit gab, für den rechten Glauben zu leiden: er ließ sich für die Gottheit Christi öffentlich mit Ruten streichen. Seinen Meister an der Loire hatte indessen das Schicksal der Verbannung ereilt, und Martin, der seinerseits sich in Mailand klösterlich niederließ, wurde von Bischof Auxentius, einem Oberhaupt der Arianer im Westen, Landes verwiesen. In Begleitung eines gesinnungstüchtigen Priesters suchte er die sogenannte Hühnerinsel an der toskanischen Küste zu besiedeln. Dort betete er sich vom Genuß einer giftigen Nießwurz gesund. Als dann auf die kaiserliche Verfügung hin Hilarius aus dem Orient heimkehren durfte, wollte ihn Martin in Rom treffen. Sie verfehlten sich, Hilarius war schon weiter[009-a]. Martin reiste nach und gründete nun in der Nähe von Poitiers das von ihm geplante Kloster. Seine hingebende Wirksamkeit brachte ihn beim Volke in den Ruf eines heiligen und wunderthätigen Mannes. Sie gipfelte in der Erweckung zweier Toter. Ein Katechumene unterlag der strengen Disziplin des Klosterlebens, plötzlich, ohne noch getauft zu sein; von einer dreitägigen Reise heimkehrend fand ihn Martin tot. Er hieß alle Anwesenden die Zelle verlassen, schloß die Thüren ab und suchte den leblos Daliegenden zu sich zu bringen, indem er sich über ihn ausstreckte, dazu laut betete, dann aufstand und das entseelte Gesicht fixierte. Nach zweistündiger Behandlung begann der Totgeglaubte sich wieder zu rühren und, da das Augenlicht noch versagte, tastete er sich zurecht und schrie vor Freude. Er versicherte in der Zwischenzeit vor dem Thron des Weltenrichters gestanden zu sein: erst habe er sich an finsterem Orte in gemeiner Gesellschaft befunden, bis ihn zwei Engel vor den höchsten Richter geschleppt und als den vorgestellt hätten, für den der heilige Martin bete. Kurz darauf trug sich ein zweites Wunder derselben Art zu[009-b]. Aus dem Rittergute des Lupizinus war eben großer Jammer, als Martin vorüberging: ein Knecht hatte sich erhängt. Wieder befolgte der Heilige dieselben Manipulationen wie das erste Mal, ohne jeden Beistand, und wieder mit Erfolg. Auf die Augenzeugen des erst hingestreckten und dann wieder ermunterten Körpers wirkte der außerordentliche Vorfall beide Mal als volles Wunder; schon die erste Erweckung reichte hin, um Martin den Ruf einer geradezu apostolischen Heilkraft einzutragen. Um diese Zeit wurde der Stuhl des Bistums Tours ledig. Die Bürgerschaft wollte Martin[009-c]. Er fühlte sich jedoch nicht zum Kirchenmann, sondern zum Mönch bestimmt und lehnte ab. Nur mit förmlicher List setzte sich der öffentliche Wille durch. Rusticius, ein Bürger von Tours schützte Krankheit seiner Frau vor. Als Martin auf die kniefälligen Bitten des Mannes hin zum Besuche sich entschloß, fand er auf dem Wege erst vereinzelte Volksgruppen, dann gegen die Stadt hin immer dichtere Menschenmassen vor. Nicht nur aus Tours, auch aus den umliegenden Städten waren sie zur Abstimmung zusammengeströmt. Angesichts dieser mächtigen Kundgebung sagte Martin zu; die Laien wollten einen von ihnen, einen Volksmann, in dem hierarchischen Klerus haben. Die Bischöfe hatten Martins Erhebung mit allen Mitteln zu hintertreiben gesucht. Sie stießen sich an dem gemeinen ungepflegten Aeußern des Einsiedlers: zum Bischof bedürfe es eines vornehmen Auftretens, eines ordentlichen Anzuges, einer anständigen Frisur, während Martin mit Willen äußerlich nachlässig, schmutzig und ungekämmt einherging. Schließlich brach den Widerstand ein Zufall. Die erregte Menge versperrte dem zum Lektor der Synode bestimmten Geistlichen den Eintritt. Sein in der Verwirrung rasch erkorener Stellvertreter schlug die Bibel auf Geratewohl auf, und geriet dabei an die Stelle im achten Psalm: »Auf daß du Feind und Verfechter vernichtest: _defensorem_.« Da nun das Haupt der Kleriker, der Bischof von Angers, Defensor hieß, lautete das Wort heiliger Schrift anzüglich genug, um durch den Jubel der anwesenden Laien, die damals noch lateinisch und deshalb die Anspielung verstanden, die Prälaten zu entwaffnen. Obwohl nun Bischof änderte sich Martin doch in keiner Weise: dieselbe Demut, dasselbe unscheinbare Auftreten[010-a]! Eine an das Münster angebaute Zelle diente ihm zur Wohnung, da er sich dort zahlreichen Besuchen nicht entziehen konnte, errichtete er sich zwei Meilen von Tours ein Kloster. Versteckt und abgelegen, ersetzte der Ort die unwirtliche Einöde: Felswände und Loire schlossen ihn ab, ein schmaler Saumpfad war einziger Zugang. Martin und einzelne Brüder bauten sich Holzhütten, andere hausten an der schützenden Berglehne in Höhlen. Die Schüler, die zum Unterricht kamen inbegriffen, belief sich die Zahl auf etwa achtzig. Das gemeinsame Leben beruhte auf den strengsten Grundsätzen: es gab kein Eigentum, aller Besitz war Gemeingut. Niemand durfte kaufen oder verkaufen. Außer Schreiben wurde keine Kunst betrieben, und auch diese blieb den Jüngeren überlassen; die Aelteren lagen nur noch dem Gebet ob. Nur mit dem gemeinsamen Gottesdienst wurde die Einsamkeit der Zelle vertauscht und höchstens die Mahlzeit gemeinsam eingenommen, wenn das Morgenfasten vorbei war. Niemand bekam Wein, außer der Kranke. Die Kleidung der Meisten bestand in Fellen; ein weniger hartes Gewand galt für unerlaubt. Auch die vielen jungen Adeligen der Gesellschaft, der eine und der andere ein künftiger Bischof, teilten dieses Leben. Seine kirchliche Macht benützte Martin zur Aufklärung des Landvolks vom Aberglauben[010-b]. In der Nähe von Tours wurde ein Altar unterhalten, ohne daß man wußte, wessen Grab es eigentlich sei. Unsicher, ob er in diesem Fall zu bekämpfen oder zu unterstützen habe, beschwor Martin den hier verehrten Toten: richtig erhob sich zur Linken finster und trotzig ein Schatten und teilte auf Befragen mit, er sei ein gehenkter Straßenräuber und nur aus Versehen zum Märtyrer geworden. Während der Verhandlung hörten Martins Begleiter allerdings reden, aber der Aufschluß selbst ging auf eine Vision des Bischofs zurück. War das Grab eines Schelmen Grab, so konnte es mit gutem Gewissen zerstört werden. Die heidnische Bevölkerung fürchtete den strengen Mann, und es ist nicht zu verwundern, daß ein heidnischer Leichenzug, als Martin des Weges kam, jählings halt machte[011-a]. Martin unterschied nicht gleich, was ihm entgegenkomme, noch betrug die Entfernung eine halbe Meile; doch war ihm, es seien Bauern, und als nun das weiße Laken etwas aufflog, das den Leichnam zudeckte, schloß er auf einen heidnischen Kultusakt, da er um die ländliche Sitte wußte, weiß-verschleierte Götzenbilder durch die Saatfelder zutragen. Er schlug das Zeichen des Kreuzes und donnerte sie schon von weitem an, die Bahre abzustellen. Die armen Leute suchten zu entkommen, drehten sich aber in der Bestürzung im Kreise herum und ließen schließlich Martin heran, ihres Schicksals gewärtig. Nun jedoch überzeugte sich der Heilige, es handle sich ja gar nicht um Götzendienst, sondern nur um ein harmloses Begräbnis. Er winkte ihnen sofort beschwichtigend zu, sie möchten ruhig ihres Weges ziehen[011-b]. Aber als Martin sich anschickte, in einem Marktflecken an einer uralten Fichte bei einem heidnischen Heiligtum Hand anzulegen, wurde der Widerstand ernsthaft. Der Oberpriester legte sich ins Mittel; seine Leute standen zu ihm. Konnten sie den Tempel nicht halten, unter keinen Umständen gaben sie die Fichte preis. Martin legte ihnen dar, in einem Baumwipfel niste höchstens ein Teufel, aber doch niemals Gott. Schlau meinte nun ein Heide, wenn Martin an seinem Gott wirklich etwas habe, so solle er sich doch gegenüber aufstellen, sie wollten die Tanne dann schon fällen; der Sturz des Heiligtums, der nicht aufzuhalten war, hätte dann doch zugleich den Feind der Götter vernichtet. Ohne Zögern ging Martin darauf ein und ließ sich an der gefährlichsten Stelle festbinden. Mit dem Rächerdrang der Verzweiflung hieben die Heiden auf die heilige Fichte, Martins Freunde wußten nicht was thun. Er selber blieb zuversichtlich und bekreuzte sich, als der Stamm zu wanken begann. Wider Erwarten stürzte der Baum rückwärts und hätte beinahe seine Verehrer erschlagen. Alsobald errichtete Martin eine Kapelle, wie gewöhnlich auf zerstörten heidnischen Opferstätten. Mit einem Aufwand von Eifer, der ihn bis zur Erschöpfung in Anspruch nahm und in kritischen Augenblicken in krampfhafte Ekstasen versetzte, legte er auch die übrigen Schlupfwinkel des Sprengels in Asche, verlor aber mitten in der Erregung niemals seinen Gerechtigkeitssinn und die Herrschaft über sich selbst[011-c]. Als ein brennender Heidentempel ein angebautes Privathaus anzustecken drohte, setzte Martin mit den Löschanstalten sein Leben aufs Spiel, nur um die unverdient gefährdete Liegenschaft zu retten. Einen Hauptherd, den reichen Tempel von Levroux, konnte er nur mit der größten Anstrengung erobern. Erst als er in Sack und Asche Buße that und so inbrünstig betete, bis er zwei geharnischte Engel ihm zu Hilfe eilen sah, gelang der zuvor mißglückte Ansturm auf die von den Bauern verteidigten Altäre. Desgleichen in Autun[012-a]. Dort drang der wildeste der Gegner mit gezücktem Schwert auf ihn ein. Martin knöpfte sein Gewand auf und hielt den Hals dar. Der Heide verlor die Fassung. Ein anderer ließ in derselben Lage das Messer fallen. Und so oft ein Bollwerk genommen war, beschwichtigte und gewann Martins mächtige Predigt die Herzen der Heiden. Hand in Hand mit diesen Erfolgen als Missionar gingen seine Erfolge als Arzt[012-b]. Zu Trier lag ein Mädchen in den letzten Zügen, als Martin in die Gegend kam. Der Vater hielt den Heiligen mitten auf der Straße an. Diesem war es offenbar unangenehm, zumal bei Anwesenheit vielen Volkes und mehrerer Bischöfe in eine den Evangelien parallele Lage geraten zu sein. Er lehnte bestürzt ab: das übersteige seine Kraft, der Mann überschätze ihn, so etwas habe der Heiland gekonnt, wie sollte er ihm es gleich thun. Als aber alles in ihn drang, entschloß er sich zu dem Besuche und erzielte durch Anwendung geweihten Oeles einen vollen Erfolg. Einen tobsüchtigen Sklaven des Prokonsularen Tätradius beruhigte er und übte auch über andere Verrückte Gewalt aus[012-c]. Am Stadtthor von Paris umarmte und küßte er einen aussätzigen Bettler[012-d]. Stücke seiner Kleidung, deren man habhaft werden konnte, wurden vom Volk als Amulete benützt. Von seiner Kutte wurden Fransen abgezupft und den Kranken an den Finger oder an den Hals gebunden. Arborius, ein Beamter, der Christ war, schnitt das Viertagsfieber seiner Tochter dadurch ab, daß er dem Kind bei jedem Anfall einen Brief Martins, den er zufällig besaß, wie ein Pflaster auf die Brust legte[012-e]. Hauptsächlich aber scheinen Martin Augenkuren geglückt zu sein. Paulinus, der dann um Martins willen aus einem Millionär ein Mönch wurde, heilte er von einer beginnenden schmerzhaften Erblindung durch Pinselungen; bereits zog sich die benebelnde Haut über die Pupille, als Martin die Operation vornahm. Dem heiligen Arzte selbst brachte ein Fehltritt beim Treppensteigen beinahe den Tod; aber eine Salbe und eine Engelsvision erwirkten seine Herstellung schon auf den folgenden Tag. Was für ein unbeugsamer Charakter er war, zeigte Martin gegenüber dem Hofe. Kaiser Maximus, der in Trier residierte, empfing die gallischen Bischöfe, die von ihm für die schwer heimgesuchten Provinzen Unterstützung, Milderung und Amnestie zu erbitten kamen[013-a]. Aber während die Andern sich vergaben und zu unterwürfigen Höflingen herabwürdigten, bewahrte Martin die Ehre und das Ansehen der geistlichen Gewalt vor der weltlichen. Er trug sein Gesuch um Begnadigung einiger Personen auf eine so vornehme Weise vor, daß es auf den Kaiser nicht wie eine Bitte, sondern wie ein Befehl wirkte. Der Kaiser wollte ihn an seine Tafel ziehen. Aber Martin erklärte offenheraus, mit einem Menschen, der den einen Kaiser verjagt und einen zweiten ermordet habe, sitze er nicht an den gleichen Tisch. Maximus suchte jedoch den Aufstand zu rechtfertigen, die Schuld an Gratians Tod von sich abzuwälzen, und so nahm Martin schließlich an. Entzückt über die Zusage verlieh Maximus dem Fest außerordentlichen Glanz, indem er den Statthalter Evodius sowie zwei Mitglieder des kaiserlichen Hauses, seinen Bruder und seinen Onkel, heranzog. Martin saß zur Rechten des Kaisers, der Priester, der ihn begleitete, zwischen den Prinzen. Als der Mundschenk dem Kaiser den Trunk kredenzen wollte, ließ der Fürst den Becher dem Bischof reichen: aus seiner heiligen Hand, nach der Berührung so heiliger Lippen wollte er den Pokal empfangen. Der Heilige trank aus dem Kelch, reichte ihn dann aber nicht dem Fürsten, der darauf wartete, sondern seinem Priester, weil der geistliche Stand auch einem niederen Inhaber den Vortritt vor den höchsten weltlichen Würdenträgern verleihe. Dieser Verstoß fand jedoch nur gesteigerte Bewunderung. Die kundgegebene Verachtung wirkte als Hoheit. Es ging von Mund zu Munde, Martin habe an der kaiserlichen Frühstückstafel sich herausgenommen, was sonst kein Bischof gegenüber einem einfachen Staatsbeamten hätte wagen dürfen. Sein Scharfblick ließ ihn auch voraussagen, Maximus werde in Italien auf Valentinian stoßen und ihn zwar besiegen, aber bald darauf selber untergehen. Was denn auch, bei Aquileja, in der That in Erfüllung ging. In seinen letzten Lebensjahren hatte Martin viel mit dem Teufel zu schaffen[013-b]: Er hatte den Bösen so sichtbar und gegenständlich vor Augen, daß er ihn bald in seiner leibhaftigen Gestalt, bald in mannigfachen figürlichen Verkleidungen zu Gesicht bekam. So drang der Teufel einmal polternd in Martins Zelle, ein blutiges Horn in der Hand. Dieser ließ nachsehen; es stellte sich heraus, daß zwar keiner der Mönche, wohl aber ein Taglöhner aus dem Gesinde vermißt werde. Man fand ihn halbtot im Walde liegen. Er konnte eben noch berichten, als er den Jochriemen straffer habe anziehen wollen, habe der eine Stier gestoßen und ihm das Horn in den Leib gerannt[013-c]. Ja zu förmlichen Auseinandersetzungen mit dem Teufel kam es bei Martin. Bald erschien dieser ihm als Juppiter, bald als Merkur, bald auch als Venus und als Minerva. Martin war unablässig bemüht, den Herrn der Finsternis zu bekehren, er versprach ihm bei Gott Barmherzigkeit zu erwirken, wenn er endlich einmal Buße thun und aufhören wolle, die Menschen zu verführen. Bis in sein hohes Alter bewahrte Martin den guten Blick für das Echte und entlarvte die schwindelhaften Absichten eines angeblichen Mönches namens Anatolius aus dem Kloster seines jungen und hochgeborenen Freundes Clarus[014-a]. Auch andere geistliche Abenteurer nah und fern, die sich, sei es für Elias oder Johannes den Täufer oder Christus selbst ausgaben, hat er durchschaut[014-b]. An zwei Schülern jedoch erlebte er aufrichtige Freude, weil sie seinetwegen eine glänzende weltliche Laufbahn verlassen und ihm in aufrichtiger Treue anhingen: Paulinus von Nola und Sulpizius Severus[014-c]. Er freute sich, daß sie in der Lage des reichen Jünglings entschlossener gehandelt hatten als jener im Evangelium, und nahm sie beschämend freundlich auf, ja bestand sogar darauf, ihnen eigenhändig die Fußwaschung zu verabreichen. Und als Severus aus seinen schriftstellerischen Absichten keinen Hehl machte, zog ihn der Heilige in sein Vertrauen und ließ ihn Blicke in sein inneres Leben thun. Wenn Martin nicht arbeitete, so betete er, nach der Sitte der Schmiede, die, wenn sie das Eisen hämmern, stets einige Zwischenschläge auf den Ambos thun[014-d]. Kein Falsch war in dem heiligen Manne. Nie daß er über jemand richtete oder lieblos urteilte oder Böses mit Bösem vergalt. Von einer unerschütterlichen Langmut ließ er, der Bischof, gelegentlich sogar untergebene Kleriker ihm ungehörig begegnen. In seinem Wesen immer gleichmäßig nahm er an allen Empfindungen des Menschenherzens teil, ohne an eine sich hinzugeben: die höhere Natur schien überall den Grund seines Benehmens zu bilden[014-e]. Er wurde nie zornig und nie bestürzt. Er klagte nie und lachte nie. Ein himmlischer Glanz lag, war es wann es war, still und selig über seinem Angesicht.
Den wesentlichen Zügen nach ist das der Inhalt von Severs Martinsleben. Martin steht lebendig vor dem Leser als der prächtige, tapfere Christuskrieger, der an Theologie nicht schwer trug und rascher zum Ziel zu kommen meinte, wenn er persönlich auf den Vater der Sünde losging. Auch wo Severus Bericht unglaublich klingt, hat man den Eindruck, es sei keine Erfindung im Spiel. Vielmehr schimmerte für ihn auf Schritt und Tritt die gewaltige Gestalt, die er zeichnen wollte, in die Sphäre des Uebermenschlichen, Geisterhaften hinüber. Severus deutet mehrfach an, er habe sich alle erdenkliche Mühe gegeben, den Stoff zu bewältigen und deshalb nur das Wesentlichste für die Darstellung aufbehalten, vieles jedoch ausgeschieden[014-f]: »Ich muß schließen, nicht weil ich nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil mich am Ende meines Unternehmens die Wucht meines Gegenstandes niederdrückt. Denn ich fühle mich vollkommen unfähig, selbst für den Fall, daß alles äußere genau berichtet wäre, das innere Leben Martins in seinem täglichen Wandel vor Gott und seinem stets nach dem Himmel gerichteten Gemüte genügend darzustellen. Ja käme selbst, wie man zu sagen pflegt, Homer von der Unterwelt, er würde nichts vermögen. Denn an Martin ist alles zu groß, als daß es in Worte gebracht werden könnte.« Severus hat die richtige Einsicht, für die Lösung seiner Aufgabe sei weniger seine Kunst zu gering, als die Vorlage zu mächtig. Er fühlt lebendig die Notwendigkeit, seinem Helden als Psychologe gegenüber zu treten. Da aber die psychologische Analyse als litterarisches Kunstwerk ein Kind moderner Kritik ist, so konnte er für seine Zwecke nur das naive Mittel benutzen, das ihm dafür zu Gebote stand: die Anekdote.
Als die Schrift fertig vor ihm lag, betrachtete sie der Verfasser mit gemischten Gefühlen. Er hatte sein Bestes aus sich heraus gesetzt und wußte, wenn er es bekannt gab, so brach ein Sturm los für und wider. Lieber hätte er es also für sich behalten. Aber dann drängte doch alles wieder auf eine Veröffentlichung hin: die Spannung des Erstlingswerkes, die Verantwortung des Verschweigens, der brennende Wunsch, vor aller Welt etwas für Martin zu thun. So entließ er die Arbeit und schrieb dazu einem wirklichen oder fingierten Freunde was folgt[015-a]:
»Mein lieber Desiderius! Es war meine entschiedenste Absicht, das von mir verfaßte kleine Buch über Martin aus meinen vier Wänden nicht herauszulassen. Schwung und geschmackvolle Darstellung sind mir von Natur versagt; Grund genug, das öffentliche Urteil nicht herauszufordern. Und nun hab ich mich noch gar an einen Gegenstand gemacht, der Schriftstellern ersten Ranges vorbehalten bleiben sollte. Zeig also mein Machwerk lieber Niemanden; wenn aber doch, so bitte das Publikum, um des Inhalts willen mit der Form Nachsicht zu haben. Ist doch von Fischern und nicht von Rednern der Welt das Heil verkündigt worden, obwohl unser Herrgott, wäre es gut gewesen, es auch umgekehrt hätte fügen können. Was ich mir sagte, war: ein Mann wie Martin darf nicht unbekannt bleiben, mögen dann auch Unbeholfenheiten mit unterlaufen; ein Virtuose war ich nun einmal nie und zudem ist es schon eine Weile her, daß ich derlei als Student getrieben habe. Laß daher das Büchlein, wenn du es zu veröffentlichen denkst, anonym ausgehen. Tilge den Namen auf dem Titelblatt. Die Ueberschrift allein ohne Angabe des Verfassers genügt«.
2.