Die Heiligen der Merowinger

Part 2

Chapter 21,785 wordsPublic domain

Weitaus die ernsteste Ursache der verworrenen Ueberlieferung liegt jedoch in den Heiligen selbst. Sie waren nicht wie andere Leute, vielmehr waren es wunderliche, sonderbare, anormale Menschen. Da reichte schließlich auch die eingehendste Kenntnis ihrer Lebensumstände bis in alle Einzelheiten zu ihrem Verständnis nicht aus: mochte man noch so viel von ihnen wissen, sie zu kennen war man auch dann immer noch weit entfernt. Sie unterschieden sich von den Durchschnittlichen durch ihr seltsames Seelenleben und durch die Kraft, Wunder zu thun. Wenigstens zweifelte damals an der Möglichkeit übernatürlichen Geschehens kein Mensch. Gleichgiltig im Sinne des modernen Unglaubens verhielt sich Niemand, weil man sich die Welt nicht durch die ihr innewohnende Mechanik, sondern durch außermenschliche Geister bewegt dachte. Galten somit die Heiligen Jedermann als die Medien eines Himmels guter Geister, so konnte man sie wohl hassen und fürchten, aber über sie blasiert sein kaum. Anders heute, wo der Stand der Erkenntnis uns nötigt, den Sitz der magischen Kräfte im Menschen selbst zu suchen[003-1]. Möchten wir nun von den alten Heiligen möglichst genaue Aufschlüsse haben, Nachrichten, die unser Wissen mit Sicherheit bereichern, so steht diesem Begehren schon ganz allgemein die Thatsache entgegen, daß jene überhaupt fast ausschließlich auf das Gemüt der Zeitgenossen wirkten und die Wißbegier sich höchstens hinterdrein verstohlen melden durfte. Davon abgesehen sind die Schwierigkeiten der Beobachtung mystischer Personen und Ereignisse doch ja nicht zu unterschätzen: sobald es sich nicht um Begebenheiten des täglichen Lebens handelt, sondern um seltene Phänomene, über die man nicht Herr ist, um unberechenbare Erscheinungen, die plötzlich, unerwartet und meistens im Dunkeln auftreten, wird der Forscher im Laboratorium unsicher, geschweige denn ein unvorbereiteter und gänzlich ahnungsloser Augenzeuge, dessen Wege zufällig das Wunder kreuzt; unter dem Einfluß irgend einer Gemütsbewegung ist kein Verlaß mehr auf unser Wahrnehmungsvermögen. Zu den Beobachtungsfehlern, die dann entstehen, gesellen sich alsbald die Gedächtnisfehler; vergeht vor der Niederschrift des Beobachteten gar Jahr und Tag, so schleichen sich wieder neue Ungenauigkeiten ein: nebensächliches wird behalten, wichtiges vergessen, der Verlauf der Begebenheit umgestellt. Planmäßige, methodisch durchgeführte Beobachtung kann nun allerdings diese Fehler auf ein Minimum einschränken; unterbleibt sie jedoch, so nehmen sie unablässig überhand. Hiezu kommt, daß ›eine Beobachtung machen‹ keineswegs auf einem einzelnen, sondern einem aus verschiedenen seelischen Tätigkeiten zusammengesetzten Vermögen beruht: verschiedene Reize dringen zu gleicher Zeit auf uns ein, wir richten unsere Aufmerksamkeit auf einen darunter; er weckt eine Empfindung; diese ruft ältere Empfindungen ins Bewußtsein zurück; sie verbinden sich und so entsteht, endlich, die Vorstellung von einem bestimmten Ding in der Außenwelt. Und doch handelt es sich bei alledem nur erst um die normalen Erschwerungen unserer Beobachtung. Wie aber, wenn sich unser Bewußtseinsleben in ganz anderen Formen fortsetzt. Noch die gewöhnlichste ist während des Schlafens der Traum. Im Schlaf sind sowohl das Wahrnehmungsvermögen als die Aufmerksamkeit und dadurch die Kontrolle des Geschauten mit der Umgebung aufgehoben; infolge dessen erscheinen die Traumbilder, die nach eigenen Gesetzen kommen und gehen, dem Träumenden als Wirklichkeit, stehen ihm als wahre Erlebnisse vor Augen, unter Umständen auch nach dem Erwachen mehr oder weniger lang. Einen Schritt weiter, und wir sind bei dem merkwürdigen Zwischenzustande zwischen Schlafen und Wachen angelangt, dessen mannigfache Erscheinungsformen man unter dem Namen der Hypnose zusammenfaßt. Dieser Zustand wird auf die verschiedenste Weise herbeigeführt, entweder durch einen eigenen Willensakt: Autohypnose, oder durch den Genuß gewisser Gifte: Narkose, und endlich durch mehr oder weniger krankhafte Eigentümlichkeiten wie Nachtwandeln und kleine Hysterie. Bei all diesen Phänomenen ist jedoch noch das Bewußtsein obenauf; wirkt das Unbewußte ins Bewußtsein hinüber, so entsteht eine Reihe neuer Seelenvermögen, deren gemeinsame Eigenschaft darin besteht, daß sie in der Regel von selbst an den Menschen herantreten, ohne dessen Zuthun. Doch können Gesichts- und Gehörbilder bei einzelnen Menschen auch auf künstlichem Wege hervorgerufen werden, entweder durch langes Anstarren blanker Gegenstände: Kristallvision, oder durch Horchen auf das ›Kochen‹ im Innern der Muschel: Konchylienaudition. Die harmloseste Aeußerung des Unbewußten ist die Ahnung: eine Vorstellung, die ohne nachweisbaren Anlaß den Zusammenhang der übrigen Vorstellungen durchbrechend in uns auftaucht; sie erhält ihre eigentliche Bedeutung, sobald sie weissagenden Inhalts ist und später durch ein wirklich eintreffendes Ereignis bestätigt wird. Bei manchen Menschen, namentlich Frauen, sind Ahnungen durchaus nichts seltenes; auch nehmen sie eigentümliche Formen an, so zum Beispiel das ›Gefühl der Nähe‹, das sich besonders zwischen Verliebten äußert. An sich ist Ahnung nur Vorstellung oder Gefühl: doch kann eine Steigerung zur sinnlichen Wahrnehmung unschwer stattfinden, einstweilen jedoch nur so, daß das Beobachtete nicht die volle Intensität der Wirklichkeit hat und auch nicht als etwas Reales im Raume aufgefaßt wird, sondern nur als ein außerordentlich deutliches Erinnerungsbild. Wird dagegen diese Grenze überschritten und das Geschaute oder Gehörte im Augenblicke selbst als volle Wirklichkeit empfunden, so ist das Reich der Ahnungen abgelöst durch das der Trugwahrnehmungen oder Hallucinationen. Sie können durchaus normal und spontan auftreten, am besten im Dunkeln; plötzlich nimmt dann das Auge oder das Ohr ein Bild oder einen Schall wahr, der sowohl von dem augenblicklichen Bewußtseinsinhalt unabhängig, als auch nicht unmittelbar durch einen Sinnenreiz hervorgerufen ist. Wäre nicht ein unbewußter seelischer Vorgang im Spiel, so unterschiede sich die trügerische Wahrnehmung nicht von einer einfachen Täuschung: Illusion; vielmehr sind Hallucinationen plötzliche Träume, die sich in das vollständig wache Bewußtsein einschieben, wie anderseits außer des Bewußtseins automatische Bewegungen eine Art Nachtwandel im wachen Zustande hervorbringen können. Damit ist nun zwar eine beträchtliche Zahl scheinbar wunderbarer seelischer Vorfälle dem Bezirk des Unbewußten überwiesen und somit natürlich erklärt; immerhin bleibt ein kleiner zur Zeit noch unerklärbarer Rest übrig, wo vielleicht wenn auch nicht geradezu unnatürliche, so doch jedenfalls einstweilen noch vollkommen unbekannte Kräfte im Spiele sind, eine Reihe von Fällen, da es selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung nicht möglich war festzustellen, wie der Hellseher zu seinem durch die späteren Ereignisse bestätigten Wissen gekommen ist, während die Ueberwindung der räumlichen und zeitlichen Schranke durch telepathische Mitteilung, namentlich beim Sterbefall eines entfernten Freundes, keineswegs vereinzelt feststeht, die statistische Richtigkeit dieser weissagenden Hallucinationen immerhin vorausgesetzt. Selbst mit diesen merkwürdigsten Erscheinungen ist nun aber das reiche Gebiet des Seelenlebens noch nicht erschöpft; eine Fülle neuer Verbindungen erscheint, sobald der äußere Sinnenreiz nicht unwillkürlicher Natur ist, sondern von einem anderen bewußten Wesen mit Willen auf uns ausgeübt wird: dann entsteht Eingebung oder Suggestion. An sich ist die Suggestibilität, das heißt die Fähigkeit, sich von äußeren Reizen fesseln zu lassen, ein durchaus normaler Zustand; jeder Mensch ist mehr oder weniger suggestibel, im höchsten Grade allerdings das Kind und der Wilde, am wenigsten dagegen ein zur selbständigen Persönlichkeit ausgebildeter Mann. Suggestive Wirkung der Naturphänomene ist keineswegs ausgeschlossen: wir gewahren am heißen Sommertag eine klare Quelle und bekommen Durst; wir blicken vom hohen Gerüst ohne Geländer in die Tiefe und werden vom Schwindel befallen; der Anblick imposanter Wasserfälle oder das romantische Rauschen eines Bergstroms macht immer wieder einzelne gemütvolle Menschen schwermütig bis zum Selbstmord. Im allgemeinen geht aber der angreifende Reiz gewöhnlich von Menschen aus. Entweder steckt das Beispiel an oder die Sprache erweckt Suggestionen. Am meisten wirken die Leute suggestiv, die unsere Gefühle erregen. Liebe, Zutrauen, Respekt und Furcht steigern die Empfänglichkeit; Abneigung, Mißtrauen, Haß, Gleichgiltigkeit setzen sie herab. Ebenso wirkt der Glaube an die Richtigkeit einer bestimmten Anschauung, einerlei ob religiösen, philosophischen, politischen oder sonst welchen Inhaltes, an und für sich gebieterisch. Nur in den höchst gearteten und geistig entwickeltsten Persönlichkeiten ist die Ueberzeugung das Ergebnis ruhiger Einsicht und klarer Erkenntnis; je tiefer der Mensch steht, desto weniger kümmern ihn Beweise, desto mehr beruht seine innere Verfassung auf Gefühlen der Lust und der Unlust. Die Suggestion kann vom Menschen auf sich selbst ausgeübt werden, falls er, am ehesten durch irgend einen Glauben, seine Empfänglichkeit zu steigern versteht: Autosuggestion; meistens aber wird sie von andern hervorgerufen: Fremdsuggestion. Zweierlei ist dazu angethan, die Suggestibilität ins Außerordentliche zu steigern: das Vertrauen, das man in einen Menschen setzt, und das Zusammensein mit andern Menschen. Die Massen sind immer mehr suggestibel als der einzelne Mensch für sich allein. Da nun ein überlegener Geist seinem ihm unterworfenen Medium mühelos nicht nur Anschauungen und Erinnerungen, Bewegungen und Handlungen, sondern auch Hallucinationen, ja sogar die Empfindung organischer Veränderungen am eigenen Leibe aus suggestivem Wege beibringen kann und Anblick oder Erzählung des Vorfalls die Wirkung stromartig weiterleiten, so kann man den abnormen Einfluß eines bedeutenden Menschen, der in naiven Zeiten populär war, kaum überschätzen.

Weit entfernt also, an der Wunderbarkeit der Heiligen von vornherein zu zweifeln, da sich ihre eigentliche Wirksamkeit ja doch meistens in diesen noch wenig aufgehellten Sphären bewegt, wird indessen die Forschung sich nicht einbilden, anders als nur sehr ungefähr dahinter zu kommen. Einigermaßen zuverlässige Quellen sind selten; und da diese von gläubigen Händen angefertigt sind, beruhen gerade sie meistens auf ungenauer Beobachtung. Uns kann das nicht anfechten; wir wissen uns zu bescheiden und versuchen, von unseren Heiligen so viel zu begreifen, als eben heute noch zu begreifen ist.

Erster Abschnitt.

Die Memorie.

Erstes Kapitel.

Die Martinsschriften des Sulpizius Severus.

Ums Jahr 400 schrieb Sulpizius Severus das Leben des Martin von Tours. Ein bedeutender Schriftsteller und ein bedeutender Gegenstand! Aquitanien war damals die letzte Zufluchtsstätte der Bildung. Dort allein kam noch über dem Studium der Grammatik die litterarische Produktion nicht zu kurz, und gerne ließ man im lateinischen Abendland gallische Rhetoren die Kosten der Beredsamkeit bestreiten. Diese Heimat in dieser Zeit, die eigenen Ausweise litterarischer Tüchtigkeit, seine Stellung in der Gesellschaft, der Ernst seiner Gesinnung, der sich im Umtausch eines glänzenden Berufslebens an mönchische Armut und Einsamkeit ausspricht, das ist es, was den Severus aus seiner Umgebung heraushebt. Im Gegensatz zu seiner Chronik, an der man die guten Quellen, den geschichtlichen Sinn und die klassische Darstellung lobend bedenkt, gilt nun aber das Martinsleben als frommer Roman und ein Seitenstück zu den Erzählungen von den ägyptischen Mönchen. Mit so allgemeinen Urteilen wird man Severus nicht gerecht. Der in der Chronik sich beweisende wirklich historische Blick, damals eine rühmliche Ausnahme, ferner daß der Charakter nicht zu den Bedenken Anlaß gibt, die etwa Hieronymus gegenüber geboten sind, endlich die mehrfache Beteuerung, über Martin nur die Wahrheit zu sagen, weil es schon damals an Zweiflern nicht fehlte, verlangen eine eingehendere Würdigung des Schriftstellers in dieser ihm eigentümlichen kleinen Schrift. Ihrer Anlage liegt entschieden Kunst zu Grunde. Der überreiche Stoff ist so disponiert, daß die gewaltige Persönlichkeit, die geschildert werden soll, gleichmäßig in allen ihren Eigenschaften beleuchtet wird:

Einleitung: _c._ 2–4 Martin als römischer Soldat.

Thema: Martin als christlicher Heiliger. 1) _c._ 5–8 Martin als Mönch. 2) _c._ 9–11 Martin als Bischof. 3) _c._ 12–15 Martin als Missionar. 4) _c._ 16–19 Martin als Wunderthäter. 5) _c._ 20 Martin vor dem Kaiser. 6) _c._ 21–24 Martin gegen den Teufel und die bösen Geister.

Schluß: _c._ 25–27 Martin nach dem persönlichen Eindruck auf den Verfasser.

Und so möge zunächst das Thatsächliche dieses Lebensbildes in der Sprache unserer Zeit nacherzählt und so das echte und warme Leben entbunden werden, das Severus eben doch einzufangen wußte.

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