Part 1
Anmerkungen zur Transkription
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Die Heiligen der Merowinger.
Die
Heiligen der Merowinger
von
Carl Albrecht Bernoulli.
~Tübingen~
=Freiburg i. B.= und =Leipzig=
Verlag von J. C. B. ~Mohr~ (Paul Siebeck)
1900.
Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die Verlagsbuchhandlung vor.
Druck von H. ~Laupp~ jr in Tübingen.
Bernhard Duhm.
Vorrede.
Man mag in diesem Buche einen Versuch erblicken, das Tagesproblem der Geschichtswissenschaft für die Kirchengeschichte wenigstens zu formulieren. Wenn wirklich auch hier nicht die großen Männer, sondern Hunger und Durst der Armen, nicht die geläuterte Erkenntnis von Führern, sondern das gährende Bedürfnis der Massen den Verlauf der Ereignisse bestimmt hätte, was immerhin einmal angenommen werden kann, so wäre die dogmengeschichtliche Methode, unter deren Zeichen die kirchenhistorische Forschung noch immer steht, in ihrer wissenschaftlichen Berechtigung grundsätzlich in Frage gestellt. Auf alle Fälle kann also ein Studium des Volksglaubens innerhalb des Kirchenglaubens kein müßiges Unternehmen sein, und wenn der Arbeit die gewünschte prinzipielle Bedeutung nicht abhanden kommen sollte, so galt es, an einem Punkte einzusetzen, wo die Religion der Masse sozusagen als Reinkultur vorlag und von einer eigentlichen Theologie nicht überschattet wird. Damit war aber auch das Arbeitsfeld gegeben, denn die fränkische Kirche im Zeitalter der Merowinger ist der einzige rein undogmatische Bestandteil der gesamten abendländischen Kirche seit ihrer Entstehung bis auf den heutigen Tag. Die Lehrbücher der Dogmengeschichte lassen sie bei Seite, mit Recht, weil von Dogmenbildung in ihr keine Spur vorhanden ist. Und doch mit Unrecht, weil bei dem Anspruch, das gesamte Geistesleben der Kirche in den Bereich dogmengeschichtlicher Betrachtung zu ziehen, doch auch des christlicherseits bereits zubereiteten Bodens gedacht werden sollte, auf dem dann seit dem karolingischen Zeitalter griechische und römische Kirchenphilosophie und im Hochmittelalter sogar arabische Kultureinflüsse ihre Früchte gezeitigt haben.
Von Anbeginn an machten sich im Christentum die Heiligen als abgeschlossener Stand geltend. Es handelt sich darum, der Stellung und dem Einfluß dieses Standes Aufmerksamkeit zu schenken. Und dieses Studium ließe sich an gar keinem Gegenstande günstiger betreiben, als an dem unsern, insofern die gigantische Gestalt eines Nationalheiligen alle Hauptmomente der Entwickelung zu einem monumentalen Typus in sich begreift, zugleich aber die Befangenheit eines solchen einzigen Beispiels durch die Mitwirkung von zahlreichen kleineren Heiligenoriginalen ausgeglichen wird, und dies nun über einem universalgeschichtlichen Hintergrunde, der die verschiedensten völkerpsychologischen Verknüpfungen und Kreuzungen liefert. Der Bildungsprozeß des Heiligenglaubens durchläuft dann folgende Stadien: ein bedeutender Volksheiliger wirkt zunächst auf einen kleinen Kreis von ihm begeisterter Anhänger. Unter diesen findet sich auch ein Schriftsteller, dem es gelingt, ein parteiisches aber lebensvolles Bild des Meisters für die Nachwelt zu entwerfen. Nach Jahr und Tag, aber auch dann nur in einem selten günstigen Falle, können durch nachträgliche Forschung die Einseitigkeiten zum Teil noch gemildert werden. Rasch genug geht das geschichtliche Andenken in Legende über, und diese kann dann sogar sich mit Gebilden des höheren Mythus, des Naturmythus, verbinden. Doch geschieht dies alles nur einigen Auserwählten. Fast allen Heiligen gemeinsam ist jedoch das Andenken, das nicht an ihre Erdentage, sondern an den Kultus auf ihrem Grabe anknüpft. Das über dem Heiligengrab errichtete Gotteshaus führt den Namen des Heiligen, und nicht nur dieses, sondern auch noch manches andere nah und fern, je nach Verbreitung und Nachfrage. Die dem Heiligennamen eigene Kraft beruht jedoch auf dem handgreiflichen Unterpfand, dem Heiligenleib, und ist im Stande, von ihm aus nicht nur das Grab und den Kirchenraum zu wunderthätigen Orten umzuwandeln, sondern sich unvermindert auf jeden profanen Gegenstand zu übertragen und, auf diese Weise sich ausbreitend, das ganze Volkswesen zu durchwalten. Wo sich der Mensch mit seiner Kunst zu Ende sieht, ist der Heilige anwesend und bekämpft nicht nur alle die widrigen kleinen Alltagsteufel des niederen Mythus, des Traummythus, sondern ist auch für die Kranken der beste Arzt. Nur durch ganz lose Zusammenhänge im orthodoxen Kirchenglauben eingenistet, bewährte sich der fränkische Heiligenglaube als Volksreligion hauptsächlich darum, weil er durch den im römischen Geiste weiter lebenden gallischen Klerus in bewundernswürdiger Weise organisiert, den frommen Bedürfnissen der Bürger und Bauern besser Rechnung trug, als das germanische oder keltisch-römische Heidentum. Auf diese Hauptlinien der Entwicklung zurückgeführt, wird die Figur des Heiligen, die für das Verständnis der merowingischen Kultur sehr ins Gewicht fällt, in den Bereich geschichtlicher Messung gezogen. Wenigstens geht das Buch darauf aus, dieser Aufgabe gerecht zu werden, und die äußere Verteilung des Stoffes entspricht ungefähr dem soeben in Kürze entworfenen Geschichtsbilde (vgl. S. _XIII–XVI_).
Nun hat sich aber leider in der realen Zubereitung des Stoffes das Ebenmaß des idealen Planes nur ungenügend verwirklichen lassen. Sofern diese Mängel in der Sache selbst begründet liegen, müssen sie hier näher erörtert werden. Nach der verschiedenen Art der Bearbeitung, die er erforderte, zerfiel der Stoff in drei Massen.
1. Kap. 1–5 (S. 1–121) sind ein monographischer Beitrag zur spätrömischen Litteraturgeschichte; sie schildern die Entstehung eines spezifisch christlichen Produkts des lateinischen Schrifttums und dessen Uebergang in die Anfänge der Memorienlitteratur auf altfranzösischem Boden. Die scharfe Begriffsbildung drohte hier an dem Eigensinn unserer Sprache zu scheitern; denn es wollte sich kein Ausdruck finden, der den litterarischen Niederschlag eines starken persönlichen Andenkens in der Einzahl wiedergab; das Pluraletantum »Memoiren« unterschied nicht zwischen dem einzelnen Heiligenleben und einer Sammlung von solchen, und die deutsche Form von _Le Mémoire_ »das Memoir« heißt eben »Denkschrift«, wäre also ganz abgesehen von dem fremden Klang auch inhaltlich eine nur unzureichende Wiedergabe gewesen. Das führte schließlich auf »Memorie«. Das Wort war wie Historie und ähnliche zu Luthers Zeit deutsches Sprachgut, verschwand dann aber und hat überdies nie den übertragenen Sinn von litterarischem Gedächtnis besessen. Wenn es hier nun in dieser Bedeutung auflebt, so heißt das allerdings aus der Not eine Tugend machen; aber es gilt die Wahl zwischen einer erheblichen Einbuße an klarer Gedankenbildung und einer geringfügigen Verschiebung unseres sprachlichen Empfindens. Diese neue Prägung wird übrigens bei Bedarf auch des näheren zu unterscheiden erlauben zwischen »Memoiren« im üblichen Sinne zwangloser Erinnerungen und »Memorien« als einer Mehrzahl kleiner Lebensbilder von liebender Hand, die gerade durch die ihnen eigene Pietät den rudimentären Charakter von »Noch-nicht-Biographien« aufgedrückt erhalten.
2. Kap. 6–9 (S. 121–209) betreffen Gebiete, wo die kritische Sichtung des Quellenmaterials noch keineswegs abgeschlossen ist. Hier galt es aus der Unmasse des Rohstoffs das typische Wertvolle auszuwählen, und dabei mußte natürlich das eigene Urteil hinter dem Vertrauen zu sachkundigen Führern zurücktreten, sodaß es sich in diesem Abschnitt meistens um eine Zusammenstellung von Auszügen aus alleinstehenden Monographien handelt. Nur um das Detail den allgemeinen Gesichtspunkten einzugliedern, habe ich mich hier selber vernehmen lassen; im übrigen glaubte ich es sogar der Sache schuldig zu sein, da wo die Bearbeitung des Stoffes bereits auf den besten Ausdruck gebracht war, die wörtliche Wiedergabe der Vorarbeit nicht zu scheuen.
3. Kap. 10–18 (S. 210–336) sind der Hauptsache nach eine systematische Analyse des religionsgeschichtlichen Materials, das in den kleinen Schriften des fränkischen Geschichtsschreibers Gregor von Tours angesammelt liegt. Eine gute Fügung hat diesen Ersten in der langen Reihe der französischen Memoirenschriftsteller zum Hüter des merowingischen Reichsheiligtums und teilnehmenden Augenzeugen der fränkischen Religionsübung eingesetzt. Ohne die enge Verbindung mit dem frischen Treiben eines jungen Volkes wäre eine eingehende Behandlung so spröder und uns heute so fern liegender und gleichgültiger, ja geradezu anstößiger Vorstellungen schlechthin ungenießbar. Indem ich zur Schilderung eine Anekdote an die andere reihte, war ich daher vor allem darauf bedacht, dem naiven Detail von Gregors Berichten sowenig als möglich Eintrag zu thun.
Diesen Schwierigkeiten, die der Stoff selber mit sich brachte und die daher entschuldbar sind, könnte ich nun besser, als jeder Kritiker, eine ganze Liste von Fehlern und Mängeln beifügen, die ausschließlich nur dem Verfasser zur Last fallen. Ich mußte den mir noch vor zwei Jahren völlig fremden Stoff, an den ich eben aus den zu Anfang dargelegten prinzipiellen Beweggründen herantrat, Umstände halber in möglichst kurzer Frist zur Darstellung bringen, und auch sonst fehlte es nicht an allerlei Zwischenfällen, unter denen der Verlust eines Notizbuches besonders empfindlich war. Ich selber kann in dem Buche nur einen Entwurf sehen. Sollte jedoch der Arbeit trotzdem ein namhaftes Interesse entgegengebracht werden, das veranlassen könnte, diese Studien weiter zu führen, so wäre ich durchaus gesonnen, das mir lieb gewordene Feld ein zweites Mal durchzuackern und den Ertrag dann nach empfangener Belehrung gesichtet und geebnet, sowie mit Verweisen und Registern versehen vorzulegen.
Ein rundes Kirchenbild von der merowingischen Epoche wird niemand in diesen Blättern finden wollen, der ~Albert Hauck~’s Schilderung der fränkischen Landeskirche kennt. Dennoch wird das Recht eines religionspsychologischen Nachtrags dazu im Prinzip kaum anzufechten sein. Dann handelt es sich allerdings um nichts geringeres, als die in England erwachte und seitdem auf das semitische wie auf das griechische Altertum in bahnbrechender Weise angewandte Forschungsmethode der allgemeinen Religionsgeschichte nun auch auf das beginnende Mittelalter und damit auf die Kirchengeschichte zu übertragen. In der Hauptsache ist das gleichbedeutend mit einer Analyse des volkstümlichen Wunderglaubens vom historischen Standpunkte aus.
Nicht gewillt den Kosmos des Mirakels mit dem Tatzenschlag einer modernen Anschauung kurzer Hand zu zertrümmern, wird der Geschichtsfreund sich gerne ein wenig bücken und winden und gelegentlich den Kopf anschlagen, wie über dem Besuch einer unterirdischen Höhle bei Fackelschein, wenn er dann nur der fabelhaften Gebilde ansichtig wird und die mythischen Wasser in den kristallenen Grotten rauschen hört. Allerdings ist durch neueste Forschungen auf dem Gebiete des Seelenlebens nun auch schon wieder manches meßbar geworden, mit dem die Wissenschaft früher nichts anzufangen wußte. (Vergl. S. 3–6.) Aber die behäbige Wundererklärung von annodazumal unter dem allerhöchsten Protektorat des gesunden Menschenverstandes, wird sich hoffentlich im Bereiche geschichtlicher Forschung immer weniger zu Hause fühlen. Mag sich dagegen aus dem Bewußtsein unserer stets wachsenden Aufklärung das Vorrecht mehr und mehr herausheben, selbst nutzlos gewordenes Geistesgut unserer Altvordern doch noch zu verstehen und in Ehren zu halten, auch ein Zeichen dafür, daß wir nun eben um hundert Jahre weiter sind.
Inhaltsverzeichnis.
Seite Heiligenleben und Heiligengrab 1
Erstes Buch: Das Heiligenleben.
Die Unmöglichkeit einer Biographie. Die Schwierigkeiten psychologischer Beobachtung 2–6
Erster Abschnitt: Die Memorie.
Erstes Kapitel: Die Martinsschriften des Sulpizius Severus.
1. Das Martinsleben des Sulpizius Severus. 2. Der Erfolg des Martinslebens. Die drei Briefe. Allgemeiner Charakter der Dialogen. 3. Inhalt der Dialogen. 4. Die Martinsschriften des Sulpizius Severus in ihren Schwächen. 5. Zur Charakteristik des heiligen Martin. Sankt Martin der Standardheilige der Merowinger 6–35
Zweites Kapitel: Die Panegyriker.
1. Gallische Ehrenpredigten. 2. Ennodius von Pavia. Das Epiphaniusleben des Ennodius 35–46
Drittes Kapitel: Severinus von Noricum. Fulgentius von Ruspe. Cäsarius von Arles.
1. Das Severinsleben des Eugipius. Zur Charakteristik Severins. Eugipius als Schriftsteller. Das litterarische Milieu des Eugipius in Rom. 2. Das Leben des Fulgentius von Ruspe. 3. Das Leben des Cäsarius von Arles. — Die römische Hagiographie. Rufin. Gregor der Große 46–73
Zweiter Abschnitt: Die Forschung.
Alte merowingische Viten und Passionen 73–75
Viertes Kapitel: Die panegyrische Heiligenforschung des Venantius Fortunatus.
1. Martinsepen des Paulin von Périgueux und des Fortunat. Die sechs Heiligenleben des Fortunat. 2. Das Radegundenleben des Fortunat. Die heilige Radegunde. Das Radegundenleben der Baudonivia 75–87
Fünftes Kapitel: Die Heiligengelehrsamkeit des Gregor von Tours.
1. Martins-Chronologie Gregors. Gregors Schriften und ihr Heiligencharakter. Das sepulkrale und das memoriale Interesse. 2. Gregors Heiligenleben. Venantius. Lupizinus und Romanus. Abraham. Lupizin II. Portian. Martius. Patroklus. Urs und Leubas. Monegunde. Caluppan. Emilian und Bärchen. Senoch. Leobard. Illidius. Quintian. Gallus. Nicetius von Trier. Nicetius von Lyon. Gregor von Langres. 3. Gregors Charakteristik der älteren Herrscher. Childebert und Chlothar. Chlothars Söhne. Chilperich. Sankt Gunthram 88–121
Sechstes Kapitel: Heiligenleben des siebenten Jahrhunderts.
Die Hagiographie nach Gregor.
1. Der Desiderius des Königs Sisebut. Gaugerich von Cambrai. 2. Columban. 3. Jonas von Susa. Das Johannesleben des Jonas. Johannes von Reomaus. Das Leben des Vedastes von Arras. Die Hagiographenschule von Luxeuil. 4. Die Heiligenschreiber im Zeitalter der Königin Balthilde. Leodegar von Autun. Eligius von Noyon. Audoen von Rouen. Amand. Der harmlose Charakter der merowingischen Heiligenlitteratur 121–149
Dritter Abschnitt: Die Legende.
Siebentes Kapitel: Wanderheilige.
Das Wanderelement im Mythus und in der Heiligenwelt.
1. Sankt Christoph. Sankt Georg. Georg und Mithra. Georgs Stellung in der Religion des Orients. Georg im alten Frankenreiche. 2. Die Sieben Schläfer. Die Sage vom langen Schlaf. Die Siebenzahl und die Kabiren. Die Siebenschläfer von Marmoutiers. 3. Sankt Kümmernis und ihre Bilder. Die heidnische Grundlage des Kümmernisdienstes 151–174
Achtes Kapitel: Ortsheilige.
1. Die Gründungssagen fränkischer Bistümer. Dionysius von Paris. Fränkische Apostelbischöfe. 2. Die beiden Moritze. Die Walliser Sage und Theodor von Sitten. Der fränkische Moritz. 3. Zuwachs der thebäischen Legion, Verena. Verena als Gauheilige. Die Alamannengöttin Verena 175–190
Neuntes Kapitel: Geschichtsheilige.
1. Das Leben der Genovefa. Genovefa von Paris Fluß- und Kornheilige. Genovefa von Brabant. Die heilige Gertrud. Die Walküre Keretrud als deutsche Isis. 2. Sankt Oswald. Oswald englischer König und tiroler Wetterherr. Sankt Oswald ein christlicher Wodan. 3. Die Stellung der Franken zum Mythus. Der epische Martin der Franzosen. Der mythische Martin der Deutschen 191–209
Zweites Buch: Das Heiligengrab.
Der fränkische Gräberkultus 210–211
Vierter Abschnitt: Der Name.
Zehntes Kapitel: Die Grundheiligen.
Stammgräber elf kirchlicher Provinzen: Der Ersten bis Vierten Lyoner, der Ersten und Zweiten Belgischen, der Viennischen, Arelatischen, Ersten und Zweiten Aquitanischen und der Narbonensis 212–222
Elftes Kapitel: Das Reichsheiligtum.
Das Martinsgrab. Die Martinskirche von Tours. Sankt Julian von Brioude. Saint Denis 222–227
Zwölftes Kapitel: Missionen und Translationen.
1. Die gallischen Martinskirchen. 2. Die fränkische Martinsmission unter den heidnischen Germanen. 3. Tauschverkehr einheimischer Heiliger. 4. Einfuhr fremder Heiliger. 5. Die fränkische Verehrung der Urheiligen 227–237
Fünfter Abschnitt: Die Kraft.
Dreizehntes Kapitel: Die Reliquie.
1. Ausländische Reliquien, Memorialreliquien. 2. Die Reliquie als Kraftbehälter. Die Empfindlichkeit der Reliquie. 3. Die Reliquie als Persönlichkeit 237–248
Vierzehntes Kapitel: Der heilige Ort.
Heiligkeit ein kultischer Begriff.
1. Sankt Julian und die Kirchendiebe. Bestrafte Kirchendiebstähle. 2. Armenpflege und Gefangenenpatronage. Sankt Martin Patron der Gefangenen. 3. Der kirchliche Schutz des Geächteten. Das Asylrecht zu Sankt Martin in Tours 249–261
Fünfzehntes Kapitel: Amulet und Fluidum.
1. Die Reliquie in Laienbesitz. Kraftträger zweiter Ordnung. 2. Versinnlichung und Verstofflichung der Geisteswelt. Profanation der Reliquienverehrung. Moralischer Defekt und harmlose Naivität im Reliquienglauben 261–272
Sechster Abschnitt: Das Wunder.
Sechzehntes Kapitel: Die Erscheinung.
Der niedere Mythus Hauptschauplatz der Heiligenerscheinung.
1. Julian und Martin zweierlei Wetterheilige. Der Kampf gegen Wind- und Wasserwichte. Heilige Quellen. 2. Das Floramirakel der Baum- und Feldheiligen. Heilige Pflanzen. 3. Heilige Thiere. Die Stadien der persönlichen Erscheinung des Heiligen. 4. Anwendung physischer Reizung im Kultus: Krystallvision. Offizielle und private Glasschauung 272–287
Siebenzehntes Kapitel: Die Heilung.
1. Diagnostische und abergläubische Beobachtung. 2. Gliederkranke. Blinde. Das mantische Wesen der Geisteskranken. 3. Das Heilverfahren. Tempelschlaf. Die therapeutische Vision. 4. Der Glaube als wesentlichste Vorbedingung tatsächlicher Heilung. Der kirchliche Nutzen der Kurerfolge 287–304
Achtzehntes Kapitel: Der Glaube.
1. Die sieben Weltwunder und die sieben Himmelswunder. Die Wundermacht des orthodoxen Bekenntnisses. Die Wundermacht des Christentums gegenüber dem Judentum. Christus als Oberwunderthäter. 2. Beziehungen zum Orient. Abhängigkeit vom römischen Christentum. Der römische Geist der Heiligenorganisation. Die Deutung des Zufalls und die Traumphantasie. Die Macht und Umsicht in der Verwaltung des Wunderglaubens. 3. Heiligenglaube und Heidentum. Der Germanenbekehrer Martin von Bracara. Das Weiterleben der gestürzten Götter als Dämonen. Die Einbürgerung des Wunders im täglichen Leben. Das typische Wunder als kirchliches Zucht- und Beweismittel. Begründete Begeisterung der Franken für das Christentum 304–334
Geschichtliche Würdigung des merowingischen Christentums. Das Kulturfundament des Mittelalters 334–336
Die zwei Jahrhunderte merowingischer Geschichte, das sechste und das siebente, sind, vor andern, dunkel, wild und grausam gewesen. Und doch hat eben diese Zeit, mehr als sonst eine von diesem Umfange, den Kalender um Hunderte von Heiligen bereichert. Wohl mochte die Hegemonie des Lasters eine Steigerung der noch vorhandenen Tugend hervorrufen, aber eher auf dem finsteren Untergrunde jeder als Heiliger sich abheben, der nur einigermaßen einen rechten Wandel führte. Obwohl für damalige Begriffe zum Heiligen mehr gehörte und in den höheren Rang erst der hinaufrückte, der als Geistlicher zur Welt in Gegensatz trat, stellen für jene Zeit die Heiligen doch etwa das dar, was man heutzutage gute Gesellschaft heißt. Viele unter ihnen waren adelig, einzelne sogar Prinzen. Auch die Merowingischen Könige, so unheilig sie selbst waren, mit den Heiligen stellten sie sich, wo es nur immer anging, gut; in ihren Augen waren es Gewaltsmenschen, die nützen und schaden konnten. Auf alle Fälle waren im jungen Frankenreiche die Heiligen eine Macht.
An Heilige giebt es jedoch zweierlei Gedächtnis: das Andenken an den lebenden und das Andenken an den toten. Was sich an Erinnerung aufsammelte, was sich an Sage damit verband, wurde zum ›Leben‹, zum ›Leiden‹: _Vita_, _Passio_. War der Heilige gestorben, barg die Gebeine der geweihte Grabhügel, erhob sich über dem Hügel die Votivkirche, stand überdies der Todestag im Kalender und wurde zum Wallfahrtsfeste, so wurden die Gelübde, deren Empfänger, die Wunder, deren Urheber der Heilige dann war, auch litterarisch ›Wunder‹ und ›Kräfte‹: _Miracula_, _Virtutes_. Klause und Sarkophag sind Brennpunkte, um die sich Heiligengeschichte elliptisch abspielt. Einsiedler oder Reliquie, vor beiden sanken Fürst und Volk ins Knie. Der Glaube des Heiligen an Gott und der Glaube des Laien an den Heiligen verschwisterten sich und wirkten verbündet.
Die Ueberlieferung von den Heiligen ist fragwürdig. Desto mächtiger fordert sie untersucht zu werden. Es gilt zunächst die Vorstellungen der Nachwelt vom Heiligenleben zu betrachten und dann die gläubigen Handlungen, die dem Heiligengrabe gewidmet waren.
Erstes Buch.
Das Heiligenleben.
Zu einer Heiligenlitteratur kam es im Christentum, als starke Naturen zur landläufigen Frömmigkeit in einen vorbildlichen Gegensatz traten und ihre Wirkung das Bedürfnis hervorrief, das Beispiel für künftige Geschlechter festzuhalten. Den alten Christengemeinden haben die Märtyrer die meiste Verehrung abgenötigt. Wer nun Christus treu geblieben war bis zum Tod, wurde nicht nur von den Engeln ins Buch des Lebens eingezeichnet, er wurde auch der Unsterblichkeit teilhaftig, die eine schriftliche Fortpflanzung des Andenkens auf Erden verleiht. Die echten unübermalten Märtyrerakten des zweiten und dritten Jahrhunderts, mögen es nun übernommene amtliche Prozeßprotokolle der kaiserlichen Gerichtshöfe oder briefliche Gedenkblätter christlicher Gemeinden sein, fußen so unmittelbar auf erlebter Wirklichkeit, wie nur irgendwelche Berichte des Altertums. Mit den Märtyrerakten bilden die apokryphen Apostelgeschichten zusammen das erste Stadium der Heiligenschreibung. Die Märtyrer oder die seligen Apostel und ihre Gefährten waren die Heiligen des Christentums in der ersten Zeit. Mit dem vierten Jahrhundert verschob sich das. Vom Orient war das Mönchtum eingedrungen und erweckte ein den Märtyrern ebenbürtiges Interesse. Indessen schrieb Hieronymus seine Mönchsleben nicht aus eigener Anschauung; in lebhafter Erfindung verdichtete er, was er aus Aegypten so von ungefähr hatte läuten hören. Aber auch wer damals auf Grund wirklicher Kenntnisse heilige Einsiedler schilderte, darf noch lange nicht ihr Biograph heißen. Die beiden Elemente einer Biographie, psychologische und chronologische Auffassung des Gegenstandes, sind damals selten zusammen und immer nur primitiv vorhanden. Naiv empfand der zeitgenössische Schriftsteller, wenn er sah, und der nachgeborene, wenn er hörte. Sie erzählen in guten Treuen was sie zu wissen glauben. Der günstigen oder übeln Fügung blieb es überlassen, ob ihre Berichte glaubwürdig oder getrübt sind.