Part 31
Nur beiläufig mag hier erwähnt werden, daß Sankt Martin von Tours mehr als bloß Kirche ein eigentliches Stift war. Die ursprüngliche Einrichtung des Kapitels war durchaus klösterlich. Die Mönche wohnten in einem weiten Kreuzgang, der südlich an die Basilika anstieß und bei den Umbauten nicht verlegt wurde. Die Regel von Marmoutiers wurde im siebenten Jahrhundert durch die Benedikts ersetzt. Unter den Privilegien, deren sich die Abtei früh erfreute, steht obenan das Münzrecht. Es soll sogar auf eine Verfügung Chlodowechs zurückgehen. Die Martinsmünzen der Merowingerzeit tragen ein bediademtes Mannshaupt. Ob das Monopol auf den Fährendienst über die Loire bei Hochwasser ebenfalls so alt ist, wissen wir nicht. Ueber die mancherlei Anstalten, sei es zur Armenverpflegung, sei es zum Schutze Geächteter, sei es zur Aufnahme hoher Gäste unter den Pilgern, des längern zu handeln, ist nicht hier der Ort. Genug, Sankt Martin von Tours war die Zentralstätte für alles, was unter der Herrschaft der Merowinger im alten Frankreich an gutem und hohem Streben vorhanden war. Was Wunder, daß das Heiligtum von den fränkischen Königen an entscheidenden Wendepunkten aufgesucht wurde. Als Chlodowech von Kaiser Anastasius die Insignien eines römischen Konsuls verliehen bekam, legte er sich Tunica, Chlamis und Diadem in der Martinsbasilika um; dann stieg er zu Pferde und ritt in feierlichem Zuge in die Stadt ein, wobei er Münzen unter das Volk streute[225-b]. Chrotechilde zog sich für die dreißig Jahre, da sie den Gatten überlebte, nach Tours als Pensionärin, des Martinsgrabes zurück und wirkte dort mit ihrer Fürbitte für den Frieden unter ihren Söhnen[225-c]. Diesen Respekt haben alle ihre Nachkommen fast ohne Ausnahme empfunden. Die Königin Ultrogotha, die Gattin Childeberts _I._, brachte ergriffen eine Nacht am Grabe zu bis zur Frühmesse, und Ingoberga, die Witwe Chariberts, bedachte die Kirche in ihrem Testamente[225-d]. Und als eine königliche Gesandtschaft aus Spanien gebührend geehrt werden sollte, wurden ihre katholischen Mitglieder Gäste zu Sankt Martin[225-e]. Auch war es Sitte, sich nach Sankt Martin gleichsam für eine Art Kurgebrauch zu begeben. Mehrfach bemerken wir solche Gäste aus den oberen Ständen, die zum Teil von fernher kommen, um in Tours Heilung zu suchen: so Charegisel, erst Referendar, später Domesticus König Chlothars[226-a], und Mummola, die Gattin des Tribunen Animius[226-b]; besonders aber waren es geistliche Herren; Germanus von Paris brachte seinen Diakon und späteren Nachfolger Ragnimod, der dort von seiner Ruhr geheilt wurde[226-c]. Ein anderer Bischof gab sogar einen seiner Hörigen in Pflege[226-d]. Aber auch Auswärtige bürgerlichen Standes ermöglichten sich einen längeren Aufenthalt in Tours: Gondetrude von Vermandois und ein Ehepaar aus dem Dorfe Trezel in der Auvergne[226-e]. Der eigentliche Zudrang erfolgte jedoch an den großen Martinsfesten; da kam der gemeine grobe Mann zu Fuß, zu Pferde, oder falls er gelähmt war, auf dem Ochsenkarren[226-f]. Und als Leudulf ein junger Höriger mit seinem lahmen Fuße, den er heilen lassen wollte, vor Tours gehinkt kam und beim zehnten Meilenstein nicht mehr weiter konnte, jammerte er den an ihm vorbeitreibenden Festbesuchern solange zu, bis ihn einer unter ihnen auf seinen Wagen nahm[226-g].
Kein fränkisches Heiligtum hat Sankt Martin von Tours den Rang abgelaufen, wenigstens im sechsten und siebenten Jahrhundert nicht. Aber Sankt Julian von Brioude durfte sich immerhin sehen lassen. Das ursprüngliche Juliansmausoleum daselbst war von einer fremden, vielleicht spanischen Dame, deren Gemahl in Ketten lag, auf ihrer Durchreise nach Trier gelobt und auf die Freilassung des Gatten hin, die genau in der Stunde des Gelübdes erfolgt war, stilvoll gestiftet worden[226-h]. Der große Zuspruch der Gläubigen machte jedoch später die Erweiterung des kleinen Bethauses zu einer regelrechten Basilika notwendig[226-i]. Die Gründungssage erzählt, Julian, aus Vienne gebürtig und Jünger des heiligen Ferreolus, habe sich ins Arvernische begeben, um von seiner Familie nicht am Martyrium gehindert zu werden, das er dann auch in dem Götzenhaine zu Brioude erlitt; er wurde enthauptet, der Rumpf blieb zu Brioude, der Kopf kam nach Vienne und die selige Seele in den Himmel[226-k]. Obwohl es sich um einen alten Kultus handelte, war man über den Todestag des Heiligen noch im fünften Jahrhundert im Ungewissen, bis Bischof Germanus von Auxerre eigens zu diesem Zwecke nach Brioude kam und durch eine gottesdienstliche Veranstaltung die feierliche Eingebung des 28. August herbeiführte[226-l]. Der Augenblick, da am Festtage bei der Verlesung des ›Leidens‹ der Name des Heiligen dem Lektor über die Lippen kam, galt für ein wunderbares Geschehnis besonders geeignet[226-m].
Erst im eigentlichen Mittelalter verlor Sankt Martin von Tours seinen Charakter als Reichsheiligtum einigermaßen an die Abtei Saint Denis, deren Gründung hier zu erzählen ist[227-1]. Längst war im Dorfe Catulliacus an der alten Römerstraße ein kegel- oder pyramidenförmiges Denkmal verehrt worden, das Grab des Dionys, des ersten Bischofs von Paris. Später erhob sich eine Basilika darüber, deren Altar eben in dem Grabmal bestand. In dieser Dionysiuskirche war Prinz Dagobert, der Sohn König Chilperichs, bestattet. Spätestens in den ersten Monaten des Jahres 625, als Chlothar _II._ noch regierte, gründete sein Sohn, Dagobert, König von Austrasien, zu Ehren des heiligen Dionysius östlich von dessen Grabeskirche die Abtei Saint-Denis-de-l’Etree und ließ am Dienstag, den 22. April 626 die Gebeine von ihrer ersten Ruhestätte in die neue Stiftung überführen. Die Abtei nahm einen raschen Aufschwung. Schon zahlreiche merowingische Urkunden beschäftigen sich mit ihr, und in der Folge ist sie die Gruft fast aller französischen Könige geworden.
Zwölftes Kapitel.
Missionen und Translationen.
Den Grundheiligen trat eine Anzahl importierter Heiliger an die Seite, von denen die einen überhaupt aus dem Ausland stammten, die anderen von ihrer ursprünglichen Kultstätte aus in die Nachbarschaft oder in die weitere Heimat gelangten. Zwei Arten der Ausbreitung sind hiebei festzustellen, der Weg der Missionspredigt und der solidere der Reliquienübertragung. In noch heidnischen Gebieten gingen sie Hand in Hand, indem die Mission das Terrain für den Heiligen gewann und die Reliquie es ein für alle mal mit Beschlag belegte. In kirchlichen Gegenden dagegen, zumal in Bischofsstädten, wo es sich also um Eroberung neuen Gebietes nicht handeln konnte, ersetzte das Streben nach Kraftzuwachs den nun hinfällig gewordenen Drang nach Ausdehnung. Je mehr Heilige eine Stadt besaß, desto stärker war sie. Im übrigen trugen frommer Sammeleifer von privater Seite und ein mehr oder weniger naiver Handel mit heiligen Versatzstücken zur Abrundung des merowingischen »Allerheiligen« bei.
1.
Wieder kann die Verbreitung des Heiligennamens am besten bei Martin beobachtet werden. Tours und Umgebung besaßen zunächst vier namhafte Martinsheiligtümer; im Gegensatz zu der großen Grabeskirche, der Sepulkralstätte, drei Memorialorte, wo der Heilige sich bei Lebzeiten aufgehalten und dadurch den Platz für den späteren Kultus präpariert hatte, die Martinszelle bei der Stadtkirche innerhalb des Mauerrings von Tours[228-a] von der Sulpizius Severus in der That gesprochen hat, sodann sein Kloster Marmoutiers[228-b] und endlich die Zelle in Candes, wo er starb und mit der Zeit eine Martinsbasilika erstand. Wenn man auch, an diesem dritten Orte, den Leichnam nicht hatte behalten dürfen, so besaß man dort doch außer einer Kristallschale sein Sterbebett, das, einmal von dem Leichnam imprägniert, dann dieselben Qualitäten aufwies, wie das Grab[228-c]. Von kleineren Memorialorten nennt Gregor als Dörfer, wo Martin Kirchen gegründet habe, Langeais, Sonnais, Amboise, Chisseau, Saint Martin de Tournon und Candes[228-d]; ferner wurde das Gatiansgrab durch die Erinnerung, daß Martin einst dort gebetet hatte, größerer Verehrung teilhaftig, ebenso das Grab der Klausnerin Vitalina[228-e]. Die folgende Uebersicht[228-1] über die alten Martinskirchen geht, sofern sie sich nicht gelegentlich auf Gregor oder eine Inschrift stützen kann, auf späte sagenhafte Berichte zurück und sei darum hier ausdrücklich dafür ausgegeben, jedoch auch nicht gänzlich unterlassen, weil sie vielleicht im Detail, aber kaum in der Hauptsache irreleiten wird. In Glanfeuil wurde im Jahre 543 durch Sankt Maurus die erste Martinskirche der Diöcese Angers errichtet, desgleichen Ende des sechsten Jahrhunderts durch Bischof Badegisel zu Pontlieue[228-f] die hervorragendste der Diöcese Le Mans; im Jahre 616 vermacht Bischof Bertrand von Le Mans in seinem Testament diesem Martinsheiligtum wie auch der Viktorius- oder Peterskirche je fünf Goldstücke[228-2]. Die von Vendôme ersetzte ein älteres aus dem vierten Jahrhundert stammendes Gotteshaus. Die von Chartres hieß auch nach Briccius. Die von Orléans galt als Stiftung König Chlodewechs an Euspizius und Maximin. In Autun hatte Königin Brunichilde ihrem Patron im Jahre 599 eine mit Marmorsäulen, Edelholz und Mosaiken ausgestattete Kirche gestiftet, für die sie die Glückwünsche und Privilegien Papst Gregors des Großen empfing. In der Franche Comté war die Martinsmission namentlich von Columban betrieben worden. Nicht nur seine eigenen Klöster Luxeuil und Annagray, sondern auch Schülerkolonien wie das Deicolusklösterchen Lure in Burgund unterstanden Martin; älter war die Martinskirche zu Cavaillon, die aus dem sechsten Jahrhundert stammt[228-g]. Ebenso gehörten Martin die drei Hauptabteien der Diöcese Lyon Ainay, L’Isle de Barbe, Savigny und ihre Ableger. Im Wallis, bei Saint Maurice, auf der Stelle des alten Oktodurum, hat Theuderich _II._ das von ihm gestiftete Nonnenkloster nach Martin geheißen und dadurch den späteren Ortsnamen Martigny veranlaßt. Zu Limoges hatte der Martinsschwärmer Aridius eine eigentliche Martinskirche nicht eingerichtet[229-a]; das Kloster dieses Namens will vielmehr erst von Alicius, dem Bruder des Eligius an Stelle des elterlichen Hauses gegründet worden sein[229-1]. Poitou konnte sich rühmen, in Ligugé das erste von Martin in Gallien errichtete Kloster zu besitzen. Zu Saintes gründete im Jahre 589 Bischof Palladius eine Martinsbasilika[229-b]. Bourges besaß zu Gregors Zeit ein oder zwei Martinsbethäuser[229-c]. Die Gironde wurde früh mit Martinskirchen bereichert, jedoch geschah das nicht ohne in Marsas und anderen Ortschaften eine ältere Petersmission zu kreuzen[229-d]. In Bordeaux stiftete Bischof Leontius, der Gegner König Chariberts, das Martinsheiligtum und zwar im Judenviertel; auch Gregor erzählt[229-e], ein Priester sei von einem Juden auf der Schwelle dieser Kirche noch vom Besuch des Heiligen abspenstig gemacht worden. In Aquitanien führt sich die Martinskirche von Auch auf eine Stiftung Chlodowechs im Gothenkriege zurück. In Arles gehörte Martin das eine Seitenschiff der von Cäsarius gegründeten Kirche, aber außerdem noch eine Zelle und ein Kloster.
In der nördlichen Reichshälfte ist Martins Verehrung nicht geringer. Zu Paris war zwar die alte Martinskapelle, errichtet an dem Orte, wo er den Aussätzigen geheilt hatte, früh in Verfall geraten, weil sie zu primitiv fast nur aus Flechtwerk bestand und wohl einmal auf wunderbare Weise einem Stadtbrand, aber nicht der langsamen Unbill der Zeit stand zu halten vermochte. Von Dauer blieb dagegen die spätere Basilika Saint Martin des Champs[229-f]. Alt und durch Beziehungen des Turoner Bischofs zu seinem Kollegen Viktrizius vielleicht historisch erklärt ist der Kult Martins in der Diöcese Rouen. Seine dortige Kirche war aus Holz und lag außerhalb der Stadtmauer; in der Landschaft sind noch die Ortschaften Martin-Eglise, Saint Martin-Le-Gaillard, Saint Martin de Foucarmont und Martigny Zeugen für die frühe Verehrung. Saint Martin de Seez will im Jahre 560 gegründet sein. Zu Amiens war die Kapelle zu Erinnerung an die Episode von dem halbierten Mantel im sechsten Jahrhundert von Nonnen bedient[229-g]. In Laon und Reims lagen die Martinskapellen vor der Stadt. Eine Memorialkapelle besaß Tonnere bei Langres. Martin soll dort einem alten Priester den lahmen Fuß geheilt haben, ohne erkannt zu sein[230-a]. Zu Verdun war die Andreaskirche mit Martin kombiniert worden, weil Bischof Agirich in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts seinen Leuten die Wallfahrt nach Tours abnehmen wollte. In den Ardennen stammt Saint Martin d’Ivoy, von den Reliquien, die der Einsiedler Wulfilach aus Tours brachte[230-b]. Im Elsaß besitzt Colmar die bedeutendste alte Martinskultstätte.
2.
Das alles betrifft den Vertrieb des Andenkens an den Nationalheiligen im Reiche selbst. Aber die Rolle, die er bei der Ausbreitung seines Namens über die Grenzen hinaus übernahm, ist fast noch mehr dazu angethan, ihn als fränkischen Reichsapostel ins Licht zu setzen. Von ausländischen Martinskirchen im Süden nennt Gregor eine nicht näher bezeichnete italienische und eine zweite in Ravenna[230-c], auf der iberischen Halbinsel das Martinskloster zwischen Saguntum und Carthagena in Spanien[230-d] und die Martinskirche in Portugal[230-e]. In Belgien sind Liege und Tournai die Centren des ausgedehnten Martinskultus; doch ist hier zu erinnern, daß ein gleichnamiger Lokalkultus, der sich auf den älteren und ganz sagenhaften Bischof Martin von Tongern bezog, in den universalen des Reichsmartin aufgegangen und also in ihm enthalten sein mag. Die ebenfalls nicht geringe Verbreitung des Namens in Holland ist auf die angelsächsische Mission zurückzuführen, die ihn entweder vom Reiche entlehnte oder, was nicht ausgeschlossen ist, von den Inseln herüberbrachte; wahrscheinlich war Martin eben schon im siebenten Jahrhundert drüben verehrt; seine ansehnlichste Kirche, Saint-Martin-Le-Grand in London, wird auf König Witfred von Kent ums Jahr 700 zurückgeführt. Ist dies und diese ganze Martinsausbreitung auf der nördlichen Reichsgrenze nun aber nur spärlich aufgehellt und muß auch von vornherein zugegeben werden, daß wir im einzelnen für die östlichen Gebiete nicht besser unterrichtet sind, so tritt doch bei der Martinsmission am Oberrhein und unter den Alemannen, Schwaben und Thüringen ein neues merkwürdiges Moment in den Kreis unserer Kenntnis ein. Sie war nämlich Reichsmission[230-1]. Der im Jahre 580 verstorbene, aus Ungarn stammende Erzbischof Martin von Bracara in Portugal rühmt dem Heiligen von Tours in einem Gedichte nach: »Mancherlei wilde Völker gewinnst du unter Christi milden Bund. Alamannen, Sachsen, Thüringer, Ungarn, Rugier, Slaven, Naren, Sarmaten, Daten, Ostgoten, Franken, Burgunder, Dacier und Alanen freuen sich unter deiner Führung Gott erkannt zu haben. Deine Wunderzeichen bewundernd, hat der Sueve gelernt, auf welchem Wege er wandeln soll«. Mag nun bei den meisten der aufgezählten Völkerschaften die Martinsmission nur in der Einbildung des begeisterten Jüngers stattgefunden haben, kann auch ferner nicht ohne einiges Recht vermutet werden, das katholische Christentum habe in Thüringen bereits viel früher Fuß gefaßt[231-1], so trifft obige Mitteilung auf die Alamannen um so mehr zu, als auch aus einer byzantinischen Quelle ähnliches verlautet. Als sich unter der Regierung König Theudeberts das Bistum Augsburg von dem Metropolitanverband mit Aquileja loslöste und an die fränkische Kirche anschloß, muß die Kirche in Alamannien wenigstens in den Grundlagen von Regierungs wegen organisiert gewesen sein; damit hängen auch die wahrscheinlich ebenfalls im sechsten Jahrhundert erfolgten Bistumsverschiebungen von Windisch nach Konstanz und von Augst nach Basel zusammen. In Windisch nun weihte noch Bischof Ursinus die von ihm erbaute Kirche dem heiligen Martin; die betreffende Inschrift ist erhalten. Weitere Spuren leiten aber auf die Annahme, diese Martinsmission sei nicht bischöflichen, sondern direkt königlichen Ursprungs gewesen. Kolumbans Missionsreise zeigt im allgemeinen, daß die Missionierung Alamanniens von einem fränkischen König angeregt wurde, und spätere Erinnerung nennt König Dagobert als den eifrigsten und erfolgreichsten Förderer dieser Bekehrung auf amtlichem Wege, als der er für die Friesen durch zeitgenössische Berichte beglaubigt ist. Sachliche Schlüsse gestatten noch tiefere Folgerungen. Das den Alamannen abgenommene, von Franken besiedelte Land wurde als Krongut betrachtet. Die Ansiedler hatten dem Könige die Osterstufe zu entrichten. In Ostfranken hießen die amtlichen Sammelstellen Königshöfe, ein noch heute häufiger Ortsname. Aber diese Plätze wurden nicht nur befestigt, sie erhielten auch Kirchen. Diese waren nun, wie sich noch für eine große Anzahl Dörfer nachweisen läßt, Martinskirchen. In Alamannien geschah dasselbe. Der Dienst des heiligen Martin kam mächtig empor, zumal allem nach die Kirche nicht nur im Krongut, sondern auch auf den alten römischen Niederlassungen, ja überhaupt so ziemlich jede Unterpfarrei nach Martin zu heißen kam. Vielleicht sind überhaupt die Martinskirchen der meisten Rheinstädte von Chur bis gegen Aachen, und nicht die betreffenden Kathedralen daselbst, die Centren des ältesten Stadtbildes gewesen, wie das zum Beispiel für Basel außer Zweifel steht[232-1].
3.
Werfen wir nun noch einen Blick auf andere Missionen, zunächst im Reiche selbst. Von einheimischen Heiligen kommt, um auch hier bei der Autorität Gregors zu bleiben, Julian von Brioude im Hinblick auf kultische Ausbreitung Martin am nächsten. Seine ältesten Filialen finden sich zu Tours[232-a], Saintes[232-b], Limoges[232-c], Reims[232-d] und Paris[232-e]; auch Saint Julien Vibracensis[232-f] und zu Pernay[232-g], sowie Saint Julien in Correze und Saint Julien de l’Escay fußen auf frühen Spuren. Andere bekanntere Ableger von Grundheiligen sind Saturnin in Tours[232-h] und in der Vaucluse, Symphorian in Bourges[232-i] und in Thiers[232-k]. Die nach Germanus geheißenen Kirchen zu Lembron und zu Tours[232-l] gehören, erstere sicher, die zweite wahrscheinlich, dem älteren, dem von Auxerre. Eine kleine Ortschaft wie Thiers besaß, neben der Symphorianskirche, noch eine dem Genesius von Arles gewidmete. Merkwürdiger zu wissen wäre jedoch, was für Grundheilige gleich Martin zu Heidenmissionen verwendet wurden; sein ehemaliger »böser Geist« Briccius tritt später einträchtig mit ihm als Kapellenpatron am Rhein und in Ostfranken auf. Und von Poitiers scheint geradezu unter dem Namen des Hilarius eine natürlich bescheidenere Parallelmission nach Alamannien gewandert zu sein. Diese Annahme entspringt vor allem dem Bestreben, Sankt Fridolin gerecht zu werden. Die historisch unbrauchbare Fridolinsvita des sogenannten Balther ist vielleicht die Zusammenschweißung zweier Heiligensagen[232-2]. Die eine, die Gründungssage des Stiftes Säckingen, das sich auf einen aus dem lothringischen Schottenkloster Helera oder Sankt Avold stammenden Mönch unsicheren Namens, Fridold oder Fridoald, zurückführte; er war erst im Birsthale thätig gewesen, hatte dann aber nach Ankunft des Germanus sich einen Wirkungskreis am Rhein gesucht. Säckingen besaß aber eine Heiligenkreuzkirche. Das deutet nach Poitiers, dem Herd der eigentlichen Fridolinssage. Fridolin hieß ein Hauptförderer des Hilariuskultus daselbst. Doch thut seine Sage vielleicht des guten zu viel, wenn sie ihn zum Zeitgenossen König Chlodowechs stempelt. Aber darin mag sie recht haben, daß dieser Fridolin nicht nur sich um Bau und Umbau der Hilariusstätten zu Poitiers verdient machte, sondern auch eben die Hilariusmission mit seinem Beispiel anregte. Er griff zum Wanderstab, hängte sich die Reliquienkapsel um und wirkte für den Namen seines Patrons von Lothringen bis nach Rätien; wenigstens läßt die Vita eine Hilariuskirche in Lothringen, eine zweite in den Vogesen, eine dritte in Straßburg, und schließlich gar noch eine in Chur von ihm gegründet werden. So wären denn Hilarius und Martin, wie sie in der That die christlichen Grundheiligen des alten Frankreich in des Wortes tiefstem Sinne gewesen sind, auch nach ihrem Erdenleben auf gemeinsamer Wanderschaft zu Missionszwecken ins Gebiet des Elsaßes und der Schweiz gelangt. Dort hat sich ihnen mit der Zeit noch Remigius angeschlossen, gewiß ebenfalls ein hervorragender fränkischer Grundheiliger. Doch handelt es sich für seine Mission um spätere Spuren. Diese organisierten Missionen zur Bekehrung der Germanenstämme im Osten gingen aus dem Herzen des Frankenreichs hervor; Tours, Reims, Soissons, Paris erscheinen als die Herde; denn außer den genannten finden wir auch sonst eine Reihe von Grundheiligen speziell aus Neustrien, zwar nicht mit ganzen Missionen, aber mit einzelnen Kirchen im eroberten Lande vertreten; Antolian von Clermont in Plattenhardt, Medardus von Soissons in Ostdorf, Lupus von Troyes in Wilflingen. Der Eifer zur Ausbreitung des Christentums äußerte sich in Alamannien geradezu fieberhaft, zumal gewiß alsbald private oder lokale Unternehmung mit der staatlichen Initiative wetteiferte. Wenn sich zum Beispiel in der Altstadt Rottweil eine Kirche des Pelagius, des Grundheiligen der Diöcese Windisch-Constanz findet, so deutet das auf eine ähnliche Lokalmission, wie etwa im Reiche selbst, in der Diöcese Châlons, vom Lupentiusgrabe aus der Marne entlang nicht weniger als zwölf Louventkirchen erstanden.
4.