Die Heiligen der Merowinger

Part 32

Chapter 323,120 wordsPublic domain

In den kultischen Tauschverkehr einheimischer Namen mischte sich indessen die Reliquieneinfuhr aus dem Orient, aus Italien und aus Spanien. Wo es sich nicht um Namen handelt, die im Neuen Testament stehen, sind durchweg Märtyrer gemeint. Aus dem orientalischen Heiligenkonvent der diokletianischen Verfolgung haben sich vier in der fränkischen Kirche schon im sechsten Jahrhundert angesiedelt, Georg mit einigen Gotteshäusern in der Auvergne, bei Limoges und bei Le Mans[233-a], Moritz außer in Agaunum mit der Stadtkirche in Tours[233-b], wo er, immerhin durch Agaunensische Reliquien, geradezu Titelpatron war, dann noch Cyricus, Saint Cirgue, mit einer Kirche in Arvern und Sergius mit einer nicht näher bezeichneten Kirche[233-c]. Die Cyricusreliquien hatte entweder der Abt Abraham aus dem Morgenlande gebracht oder, falls das Kloster schon vorher bestand und bereits in diesem Besitze war, haben offenbar die entsprechenden Verbindungen Abraham gerade nach Clermont geführt[234-a]. Italien lieferte zunächst seinen erlauchtesten Märtyrer, den heiligen Laurentius. Die ihm gewidmete Kirche in Paris wurde schon zur Zeit Childeberts von Mönchen unter dem Vorsteher Domnolus bedient und lag an einem Arm der Seine[234-b]; die Lorenzkirche zu Clermont beherbergte den Leib des Bischofs Gallus; sie lag südlich der Stadt[234-c]. Die übrigen italienischen Märtyrer, die so früh in Frankreich Verehrung fanden, stammen aus Oberitalien, dessen Metropole Mailand auch sein Heiligenpaar Gervasius und Protasius zur Verfügung stellte und im alten Tours an ausgezeichneter Stelle innerhalb des Mauerrings verehrt sehen durfte; Martin selbst hatte diese Reliquien seiner Zeit mitgebracht[234-d]. Der andere Mailänder Nero-Märtyrer, der Knabe Nazarius, besaß bei Nantes an der Loire Kirche und Kloster[234-e], während die Nazariusreliquien zu Embrun von den Einwohnern als autochton in Anspruch genommen wurden. Aus Spanien kam der Diokletiansmärtyrer Felix von Girone und wurde zu Narbonne schon im fünften[234-f] Jahrhundert verehrt; doch tritt er hinter seinem Landsmann, dem berühmteren Diokletiansmärtyrer Vincenz von Saragossa zurück[234-g]. Dieser war der Primarpatron von Saint Germain des Prés in Paris, wo der Stifter, König Childebert _I_, Bischof Germanus von Paris und ein Prinz begraben liegen[234-h]. Er besaß überdies zu Tours eine in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts ihm erbaute Kirche[234-i] und eine bei Agen, wo man bereits sich fragte, ob er am Ende nicht hier, auf gallischem Boden, das Martyrium erlitten habe[234-k]. Auch sonst fehlen Anzeichen nicht, daß sich Vincenz vollständig im Frankenreich eingebürgert und auch die letzte Spur des Ausländers verloren habe: nimmt er doch, gleich einem Grundheiligen, an der Germanenmission im Osten teil, wie seine Kirchen in Schwenningen, Fronhofen und Grunbach beweisen.

5.

Unter den im Frankenreich importierten Heiligennamen sind die Urheiligen nicht nur zahlreich vertreten, sie sind auch wichtig wegen mancher Eigentümlichkeit, die es noch kurz zu erwähnen gilt. Johannes der Täufer ist schon im sechsten Jahrhundert in der fränkischen Kirche populär. Er nahm insofern eine eigenartige Stellung ein, als seine Heiligtümer, vielleicht um den Vorläufer auch symbolisch anzudeuten, fast ausnahmslos nicht selbständige Bauten, sondern kleinere Dependenzgebäude der Kathedralen oder anderer Hauptkirchen sind, von denen sie allerdings manchmal eine gewisse Entfernung trennte. Baptisterium, ihre geläufige Bezeichnung, heißt gewiß nicht nur Taufkapelle, sondern gewiß ebenso wohl Täuferkapelle und wenn dort auch in der That vorzugsweise die Taufen stattfanden, so steht das mit dem Schutzpatron wohl am ehesten in dem Zusammenhang, daß man unter der Obhut dessen, der den Heiland getauft habe, auch die weiteren Taufen vornehmen wollte.

Am lehrreichsten stellen sich die den Täufer betreffenden Heiligtümer im alten Tours dar[235-a]. Dort stand vor alters in der Stadtkirche das Baptisterium. Obschon es nun durch den Brand 561 nicht zerstört wurde, erbaute man daneben ein neues mit Johannes- und Sergiusreliquien. Dann aber besaß auch die vor den Mauern gelegene Martinskirche eine Johanneskapelle vor ihrem Eingang, wie jene ja auch sonst, ohne Kathedrale zu sein, den Rang eines Münsters einnahm. In Dijon stieß die Täuferkapelle an die bischöfliche Wohnung an und hieß bald so, bald Johanneskirche[235-b]. Doch konnten unabhängig vom Taufgebrauche Johanneskirchen, dann also nicht Baptisterien, auf dem üblichen Wege, nämlich durch die betreffenden Reliquien entstehen, so die zu Bazas[235-c], während umgekehrt diese Reliquien nicht zwingend den Namen im Gefolge hatten; in Maurienne ließ König Gunthram für Johannesreliquien ein Gotteshaus bauen mit dem Zwecke, sie dort zu bergen, zugleich aber verfügte er, diese Kirche nicht nach Johannes, sondern nach dem heiligen Ysychius zu heißen[235-d].

In Tours stand überdies eine vierte Kirche in Beziehung auf den Täufer, indem sie gemeinsam ihm und der Maria gewidmet war, ebenfalls vor den Thoren, in unmittelbarer Nähe von Sankt Martin[235-e]. Daneben besaß Tours innerhalb der Mauern eine nur der Maria gewidmete Kirche[235-f], die ihrerseits wieder von der Stadtkirche zu unterscheiden ist, so daß in dieser ältesten Zeit in Frankreich Notre Dame und Kathedrale noch nicht ohne weiteres zusammenfallen. Drei alte Marienkirchen finden wir in Lyon, Poitiers und Toulouse[235-g]. Von der ersten ist jede Spur verschwunden; die zweite, Pfarr- und Begräbniskirche des Frauenklosters vom heiligen Kreuz, hieß später nach ihrer Erbauerin Radegunde, und die dritte, an der alten Stadtgrenze unweit der Garonne, jetzt Notre Dame de la Dourade, hieß so nach einem vergoldeten Muttergottesmosaik, das dort verehrt wurde. Keine echte Urkunde eines merowingischen Königs nennt eine Nur-Marienkirche. Erst um die Mitte des achten Jahrhunderts werden sie häufiger, indessen Maria bei mehrnamigen Kirchen schon früh an erster Stelle figuriert.

Noch seltener finden sich Heiligtümer, die ausdrücklich Christus geweiht sind. Erst am Ende der Merowinger Zeit tauchen die ersten Erlöserkirchen auf: Sankt Salvator in der Provence, in der Diöcese Bourges und in Tegernsee[236-a]. Früher, aber nur vereinzelt, finden sich Kirchen, die nach dem vornehmsten Christusattribut, dem heiligen Kreuz heißen, die erste und berühmteste bleibt die von Poitiers. Die Radegunde des siebenten Jahrhunderts, Königin Balthilde, baute in Chelles eine gleiche, und überdies enthielt die dortige Georgsbasilika in der Seitennische rechter Hand einen Heiligen-Kreuz-Altar[236-b]. Auch in Metz stand um 600 eine Kirche dieses Namens[236-c], und selbst die von Säckingen könnte schon aus dieser früheren Zeit stammen[236-d].

Von den zwölf Aposteln steht natürlich auch hier obenan Petrus. In Paris gründeten Chlodowech und seine Gemahlin die Peterskirche, in der sie dann auch nebst ihrer Tochter Chlotilde und den beiden ermordeten Enkeln begraben lagen. Diese Kirche hieß genauer »Heiligenapostelkirche«, war also Peter und Paul gewidmet[236-e]. Sie enthielt das Stadtheiligtum, das Genovefagrab. Auch die Peterskirchen von Rouen und Tours nahmen später die einstige Protektion der Königin Chrotechilde in Anspruch[236-f]. Doch war die Peter- und Paulskirche oder auch nur Peterskirche in Tours älter, da sie der Martinsrestaurator Perpetuus errichtet hat[236-g]. Die Johanneskirche in Lyon, die eine Krypta mit mehreren Gräbern besaß, also kaum eine Taufkapelle gewesen sein wird, könnte dem Evangelisten gewidmet sein[236-h], angesichts der Beziehungen der Stadt zum Johannesschüler Polykarp, dessen Tag übrigens in der fränkischen Kirche gefeiert wurde[236-i], keine unwahrscheinliche Annahme; nachweisbar sind Kirchen für Johannes den Evangelisten sonst frühstens vom siebenten Jahrhundert an. Arvern besaß eine Andreaskirche; sie wurde im Pestjahre 563 gestiftet[236-k]. Die größte Verehrung von allen Urheiligen genoß aber damals keiner von den genannten, sondern dem Interesse am Martyrium entsprechend der Erzmärtyrer Stephan. Die älteste Stephanskirche war wohl die von Tours, die schon Ende des sechsten Jahrhunderts als von den Altvordern errichtet galt[236-l]; sie lag nur wenige Schritte vor der Stadtmauer. Die andere große Stephanskirche, die in Arvern, war ums Jahr 460, von der Witwe eines Bischofs errichtet worden und beherbergte später den Quintiansleib[236-m].

Gleich den Grundheiligen haben auch die Urheiligen ihren Anteil an der staatlichen Mission im heidnischen Osten. In ihrem Gefolge erscheinen hier überdies der Erzengel Michael[237-a] und der Apostelschüler Clemens[237-b]. Beide werden zwar schon bei Gregor als Heilige angerufen und Michael mit Martin in Verbindung gebracht; von ihren Kirchen dagegen verlautet bei ihm noch nichts. Die Michaelskirchen sind meistens Adjudanten der Martinskirchen: offenbar handelte es sich darum, nicht nur den Donar, sondern auch Tiuz durch einen Gottesritter zu ersetzen, und so rief man den Michael herbei, da ja Georg im Frankenreich bleibend nicht Fuß gefaßt hat. Mit den Martins- und Michaelskirchen erscheinen die Stephanskirchen fast in regelmäßiger Verbindung, wobei dann auch noch mit den Baptisterien der Täufer zu seinem Rechte gelangte. Begleitet war Stephan des öfteren eben von Clemens, der jedoch nicht direkt aus Rom, sondern aus Nordfrankreich zugewandert kam.

Damit sei die dürftige Skizze über die merowingischen Kirchen im Grundriß ihrer Ausbreitung abgeschlossen. Zur vollständigen Lösung der Aufgabe müßten nicht nur alle Quellen, Urkunden und Briefe inbegriffen, sondern vor allem auch archäologische Hilfsmittel in ausgedehnterem Maße zugezogen werden.

Fünfter Abschnitt.

Die Kraft.

Nur meine man nicht, diese fränkischen Heiligengräber als Sammelpunkte besserer und höherer Triebe im Volk seien eine vereinzelte Erscheinung; ist doch das Zentrum der griechisch-römischen Kultur, die antike Stadt, aus dem Gräberkultus überhaupt hervorgegangen[237-1]. Dabei ist klar, daß einer Verehrung, die Ursache solcher Wirkungen wurde, nicht der bloße leere Name zu Grunde lag. Bemühen wir uns nun um die Erkenntnis jener Kraft, die nach heutiger Schätzung zwar imaginär, aber für die Empfindung der damaligen Welt mit aller nur denkbaren Realität wirkte, so bekommen wir unseren Gegenstand bei seinem eigentlichen Wesen zu fassen. Gerade was uns am meisten fremd bleibt an der Kirche des alten Frankenreiches, macht ihre Seele aus, die Abwesenheit von jeder, aber auch von jeder philosophischen Anschauung der Dinge, dafür überall das Dasein eines naiven, begrifflich unverarbeiteten, rohstofflichen Wunderglaubens. Diesen, der uns bereits auf Schritt und Tritt begegnete, gilt es nun systematisch ins Auge zu fassen und darzustellen. Zunächst allerdings handelt es sich erst um seine Voraussetzung und Veranlassung, nämlich um jene Stücke Stein, Holz oder menschlicher Gebeine, die man inbrünstig küßte und nur in den Schauern innerster Erhebung zu berühren wagte, um jene Plätze, wo man Gott in seinen Heiligen fürchtete, wohlverstanden fürchtete in des Wortes eigenster Bedeutung von Angst und Schrecken, und um jene armseligen Andenken, die der Einzelne dem Heiligen wegstahl, um seinen Segen auch fern vom Tempel nahe zu haben, eine Scholle vom Hügel, einen Spahn vom Schreine, eine Prise vom Pulver des Denksteins.

Dreizehntes Kapitel.

Die Reliquie.

Der Kraftherd des fränkischen Wunderglaubens ist irgend ein handgreifliches Ueberbleibsel des verehrten Heiligen, meistens der ganze Leichnam; von Stammheiligen wurden einzelne Gliedmaßen oder Theile der Kleidung offenbar nicht abgegeben. Die Gewinnung und Ueberführung heiliger Inventarstücke bilden Höhepunkte im religiösen Leben des Volkes, und allerlei merkwürdige Eigenschaften wurden den Reliquien zugedacht.

1.

Ausländische Reliquien nehmen eine besondere Stellung ein. Sie galten mehr, weil sie von draußen und von fernher kamen. Wohl waren sie, da es sich meistens um Andenken an Urheilige handelt, auch aus dogmatischen Erwägungen besonders gut angeschrieben; aber eher noch wertete sie dasselbe instinktive Gefühl höher, das heutzutage etwa fremdländische Erzeugnisse von vornherein besser veranschlägt, als einheimische. In der südgallischen Stadt Bazas erzählte man, in den Tagen Johannes des Täufers sei eine französische Dame in Jerusalem gewesen und habe dessen Hinrichtung beigewohnt und vom Täuferblute ein Fläschchen voll aufgeschöpft, dasselbe Fläschchen, das nun auf dem Altar der Johanneskirche stehe[238-a]. Eine andere Täuferreliquie in der Provence war der Johannesdaumen zu Maurienne. Eine Frau, deren Namen Gregor nicht nennt, die aber der Ortssage zufolge Tigris hieß, hatte sich dieses Unterpfand am Johannesgrab in Sebaste durch ihren unbeugsamen Eigenwillen zu verschaffen gewußt und in einer goldenen Kapsel nach Hause gebracht. Die Bischöfe von Turin, Ax und Bellay vollzogen in drei Vigilien an Ort und Stelle die dreimalige feierliche Abspaltung eines Partikelchens von diesem Daumen[238-b]. Marienreliquien, die jedoch nicht näher bezeichnet werden, besaß die Kirche von Marsas[239-a]. Von kleinen Christusreliquien, der Lanze, dem Essigschwamm, der Dornenkrone, der Martersäule, sowie vom ungenähten Rock, wußte man, jene befanden sich zu Jerusalem, dieser in der Erzengelkirche von Galatz bei Konstantinopel. Das Kreuz Christi hatte die Kaiserin Helene in Jerusalem aufgespürt; zu gleicher Zeit wurden die vier Nägel, mit denen der Erlöser angeheftet gewesen war, gefunden. Sie waren aus besonders edelm Metall. Zwei davon kamen als Lenkstangen in den Galazaum des kaiserlichen Gespanns, gemäß dem Worte heiliger Schrift: »Das Heiligtum des Herrn wird dem Pferde ins Maul gelegt[239-b].« Der dritte Nagel fiel ins Meer und der vierte fand im Kopfschmuck der Kolossalstatue Constantins Verwendung[239-c]. Ins Abendland gelangte indessen nichts von alledem, bis Radegunde ums Jahr 560 auf dem Wege diplomatischer Unterhandlung mit dem Hofe von Byzanz einen Splitter vom heiligen Kreuz erwarb. Ebenso kamen einige Apostelreliquien nach Poitiers, dann sandte Radegunde zum Zweck weiterer Funde eine zweite Gesandtschaft unter Leitung des Priesters Reovalis nach Jerusalem ab. Diese Erwerbungen wurden in einem silbernen Schrein gemeinsam verwahrt[239-d]; ein Stückchen vom heiligen Kreuz besaß übrigens auch Sankt Martin von Tours zugleich mit Täuferreliquien[239-e]. Von Apostelreliquien hegte die Kirche von Agde eine des heiligen Andreas[239-f], während bei einem kombinierten Reliquienimport aus Rom auch Erinnerungsstücke an Zwölfapostel und an Paulus mit nach Gallien kamen[239-g]. Im Ganzen gehörte ein Unterpfand von einem Urheiligen in den fränkischen Kirchen zu den großen Seltenheiten. Fremde Reliquien waren gemeinhin im Vertrieb, italienische und spanische, unter Namen, nach denen wir meistens schon die jene beherbergenden Kirchen geheißen fanden. Bekannte römische waren die von Lorenz, Pankraz, Chrysanthus und Daria und der Eunuchen der Kaiserin Constantia Johannes und Paulus[239-g]; daran schließen sich die Bologneser Agricola und Vitalis[239-h]; Reliquien des Spaniers Vincenz sind ausdrücklich vermerkt für die Dorfkirchen Ceré und Orbigny bei Tours und Bessay in der Poitou[239-i]. Bei fremden Reliquien ist im allgemeinen zu merken, daß der Heiligenname lediglich Aufschrift und gewöhnlich von keiner Legende begleitet ist. Ansätze zu einer solchen sind meistens verdrängt durch die Erfolge, die der Ueberbringer der Reliquie zu berichten wußte. Denn damals galt ja eben solch ein armseliges Stück nicht für etwas Totes, es konnte oft sehr lebendig werden, und wer damit reiste, mochte unter Umständen wohl etwas erleben.

Erzählungen dieser Art gewinnen aber an Umfang und Bedeutung, wenn es sich um einheimische Größen handelt. Von Germanus von Auxerre allerdings, der am 31. Juli 448 in Ravenna starb, berichtet Gregor nur die Thatsache der Ueberführung, sein Leib sei nach sechzig Jahren gehoben, nach der Stadt Auxerre gebracht und dort begraben worden[240-a]. Dagegen haben die Julians- und Martinsreliquien auch ihre kleinen Geschichten an sich. In der Ferreoluskrypta zu Vienne war folgende Inschrift angebracht:

Doppeltes Pfand: Das Haupt Julians und Ferreolus Leichnam, Christushelden selb zweit, Birgt diese Halle getreu.

Seiner Gewohnheit gemäß zog Gregor, als er das las, nähere Erkundigungen ein; da erzählte der Wächter: Die Ferreoluskirche lag früher am Rhoneufer, aber da die Säulenhalle des Eingangs der Willkür des Flusses zu sehr ausgesetzt war, kam Bischof Mamertus auf den weisen Gedanken, mehr landeinwärts, wo es sicherer sei, eine neue ebenso große und schönere Kirche zu bauen. Zur feierlichen Translation der Reliquien war eine stattliche Zahl Geistlicher und Mönche zusammengekommen; während ihrer Gebete wurde die Ausgrabung vorgenommen. In einer gewissen Tiefe angelangt, stieß man auf drei Gräber; welches gehörte nun dem Heiligen? Jemand in der Versammlung erinnerte, seit alters gehe die Sage im Volk, im Ferreolusgrabe befinde sich auch das Haupt des Märtyrers Julian. Da ließ der Bischof die Anwesenden zum Gebet auf die Knie fallen, indes er selbst sich anschickte, die Gräber eins ums andere zu öffnen. In den beiden ersten lag nur ein Mensch allein, im dritten dagegen fehlte dem noch nicht verwesten Leichnam der Kopf, indes unter dem Arm ein Männerhaupt lag. Da rief der Bischof voller Freude: »Das ist ja der Leib des Ferreolus, und seht da, das Haupt Julians!«, worauf sich unter Psalmengesang und dem Beifall des Volkes die Ueberführung vollzog[240-b].

Bei einheimischen Heiligen, wenigstens bei den großen unter ihnen, deren Andenken stark genug gewesen war, um durchzuhalten, ergab sich aus diesem Umstande von selbst eine neue Art Reliquie. Neben Gegenständen, die ihren Wert aus den Beziehungen zum heiligen Leichnam schöpften, meldeten sich nun andere als ebenbürtig an, weil sich der Heilige einst bei Lebzeiten mit ihnen zu schaffen gemacht habe. Sankt Martin verfügte über eine ganze Anzahl solcher sakraler Andenken: der Stein, wo er einst gesessen, die Kapelle, wo er zu beten pflegte, den Altar, wo er Messe celebrierte, den Baum, den er hatte sich aufrichten heißen, die Rebe, die er eigenhändig gesetzt, der Brunnen, den er selber gegraben hatte[240-c]. Diese Memorialreliquien, obwohl sie ihrem Wesen nach eben nur sehr selten vorkommen konnten, standen an Kraft den Sepulkralreliquien in nichts nach. Als der Priester Leon nichts ahnend jenen Martinsstein versetzte, um sich sein eigenes Grabmal vorzubereiten, befiel ihn ein Schüttelfrost und belehrte ihn eines bessern. Der Martinsbaum in Neuilly hatte längst keine Rinde mehr; fromme Leute hatten ihn kahl geschält, um sich von dem Kork heilkräftigen Thee zu kochen. Von der Kapelle zu Martigny bei Tours ging ja allerdings die Rede, vor hundert und aber hundert Jahren habe Sankt Martin dort gebetet; aber weiter hatte man davon kein Aufheben gemacht. Unzählige Male war Abt Günther unbehindert und ohne sich Gedanken zu machen an dem Heiligtum einfach vorbeigeritten. Da, am Tage seiner Wahl zum Bischof von Tours, brachte er plötzlich sein Pferd nicht mehr vom Fleck; mitten auf dem Wege blieb es steif stehen, den Kopf der Kapelle zugekehrt. Er haut es mit den Absätzen, preßt es zwischen die Schenkel, sticht es mit dem Stachel; als wär es ehern, rührt es sich nicht. Bis dem Bischof aufging, was für eine Bewandtnis es damit am Ende haben könne, und er abstieg und es mit einem Gebete versuchte — alsobald konnte er weiter reiten. Am Altar der Kapelle von Siran, der durch eine ehemalige Berührung von Martins Händen noch insbesondere geheiligt war, wachte einst ein Gelähmter die Nacht durch, in der Hand eine brennende Kerze so hoch wie er selbst; bei Tagesanbruch vermochte er von dannen zu gehen. Aridius von Limoges, ein passionierter Sammler von heiligen Dingen, stellte auch Versuche an mit einer Traube von Martins selbst gepflanzter Rebe. Er genoß einige wenige Beeren und machte den Rest dann in ein Glas Wasser ein. Einige Zeit darauf, als ihn ein Mensch berief, der an Mundfäulnis litt, wusch er mit dem Traubenwasser die Mundhöhle aus und mit Erfolg. Noch nach vier Jahren waren die Beeren dieser Martinstraube vollkommen grün geblieben, ohne daß das Wasser im Glase gewechselt worden wäre. Und gar mit Wasser aus dem von Martin gegrabenen Brunnen, mit dem Aridius Fieberkranke besprengte, erzielte er die überraschendsten Wirkungen[241-a]. Ebenso heilkräftig war das Wasser aus der Saphirschale in Candes, die Kaiser Maximus einst Martin zum Geschenk gemacht hatte[241-b]. Das bedeutendste Martinsandenken dieser Art war jedoch sein Sterbebett in Candes. Auch dort geschahen Heilungen[241-c] und wurden Spähne abgespalten. Die Memorialreliquie hat sich somit als ebenbürtig legitimiert, aber dieser Legitimation insofern doch bedurft, als eben schon der Name »Reliquie« auf ein Ueberbleibsel vom Heiligenleichnam hindeutet. Unter Umständen kann einmal auch eine Spezialität direkt auf die Begriffsgrenze zu liegen kommen: so wurden bei der Hinrichtung des Märtyrers Symphorian von Autun drei Steinchen von seinem Blut bespritzt, die infolge dessen für die Verehrung aufgehoben wurden[242-a]. Da war das Steinchen heilig, weil es von der Berührung des Heiligen imprägniert war. Und doch war der beim Todesstreich verspritzte Blutstropfen auch schon ein Stück Leichnam.

2.