Die Heiligen der Merowinger

Part 30

Chapter 303,109 wordsPublic domain

Die »Erste Belgische« ist Gregor in hagiographischer Hinsicht ziemlich unbekannt geblieben. In Trier nennt er mit Namen nur die Maximinskirche[217-b] die auch das Nicetiusgrab enthielt; für Köln die Kirche der fünfzig Soldaten der thebäischen Legion; da es hieß, sie hätten an Ort und Stelle gelitten, sonstige Beziehungen der Sage jedoch nicht erwähnt sind, so haben wir es mit einem von Agaunum unabhängigen ungefähr gleichzeitigen Kölner Lokalniederschlag der Thebäerlegende im Abendland zu thun; diese Kirche, später St. Gereon, war als Bauwerk mit Mosaiken so verschwenderisch ausgestattet, daß das Volk nur von den ›Goldheiligen‹ sprach, wenn es die kölnischen Thebäer meinte[217-c]. Für Tongern-Maastricht nennt Gregor das Servatiusgrab, bei der Brücke an der Straße, die nach Gallien führt[217-d]. Etwas besser war es mit Gregors Kenntnissen in der »Zweiten Belgischen« bestellt. Für Reims nennt er außer der Remigiuskirche[217-e] die Basilika der beiden Lokalmärtyrer Timotheus und Apollinaris[217-f] und hebt sie als Stiftung einer devoten Privatperson hervor; für Soissons sodann die Grabeskirche des Bischofs Medardus[217-g]; ob Crispus und Crispinianus, denen die andere große Kirche der Stadt geweiht[217-h] war, Lokalmärtyrer sind, muß dahingestellt bleiben; dagegen war Lupentius oder Saint Louvent[217-i] einer, dem das Hauptheiligtum von Châlons-sur-Marne gehörte während der alte Bischof und spätere Stadtpatron Memmius oder Saint Menge[217-k], ebenfalls außerhalb der Mauern seine Kirche hatte; Gregor hat sie besucht. Saint Louvent, um dies nachzutragen, war übrigens ein Zeitgenosse Gregors: er wirkte als Abt von Saint Privat de Mende, bis ihn im Jahre 584 der Graf Innocenz von Gévaudan wegen Majestätsbeleidigung verklagte und sich Lupentius vor der Königin Brunichilde zu verantworten hatte. Obwohl es ihm nun gelungen war, sich zu rechtfertigen, verfolgte ihn der Graf von neuem und internierte ihn auf seinem Landsitz Ponthion. Der Heilige entkam auch dieses Mal und war eben wieder seßhaft geworden, wenigstens provisorisch in einem Zelte, das er an einem Fluße aufschlug. Da fahndete der Graf zum drittenmal auf ihn und diesmal war es des Heiligen Tod: er kam um seinen Kopf, der in einem mit Steinen beschwerten Sack dem Wasser übergeben wurde, wie auch der Rumpf. Beides gelangte jedoch ans Ufer der Marne und wurde dort im gemeinsamen Grabe bestattet, wo alsdann die Wunderkraft und Heiligenschein nicht lange auf sich warten ließen. Von den vielen Bistümern im Nordwesten der Provinz Arras, Noyon, Cambrai, Tournay, Beauvais, Amiens und den andern, enthält uns Gregor leider Kultusnachrichten jeder Art vor. Immerhin verzeichnet er für Vermandun das Grab des Quintinus, Saint Quentin[218-a].

Reichlicher ist ihm die Kunde für die südliche Reichshälfte zugeflossen. In der Viennischen allerdings erwähnt er nur die Ferreoluskirche bei Vienne, die er selber besucht hat[218-b]; in der »Arelatense« dagegen nicht allein die Genesiuskirche der Hauptstadt auf dem rechten Rhoneufer[218-c], sondern auch den Bischof Marcell von Die, ferner[218-d] Sankt Viktor, den Lokalmärtyrer von Marseille[218-e], einen gleichen von Aix, namens Metrias[218-f] und sodann den Bischof Maximus von Riez[218-g], endlich zwei Heiligtümer in Embrun, das eine über dem Grabe des Bischofs Marcellin[218-h] und das andere über dem der Lokalmärtyrer Nazarius und Celsus[218-i]. In oder bei Nizza wurde der Klausner Hospizius verehrt[218-k].

In der »Ersten Aquitanischen« besaß die Metropole Bourges ihren Apostel in Ursinus; doch hat er nach Gregor ein ursprüngliches Heiligtum nicht besessen, sondern wurde nach Jahr und Tag von dem Kirchhof, wo sich von den andern Gräbern das seinige nicht unterschied, in die außerhalb der Stadt liegende Symphorianskirche überführt, der er mit der Zeit seinen Namen aufzwang[218-l]. Auch das Grab des 580 verstorbenen Bischofs Felix von Bourges wurde zur Kultstätte [218-m]; der Senatorssohn Lusor oder Saint Ludre wurde verehrt, weil er in den Taufkleidern gestorben war; sein von Gregor bewundertes Grabmal angeblich aus parischem Marmor[218-n] findet sich noch heute in der Krypta der Dorfkirche von Deols. Auf ein Gelübde König Childeberts ging die Basilika des heiligen Eusicius zurück; dieser Einsiedler war auf dem spanischen Zuge des Königs im Jahre 531 von diesem über den Ausgang befragt worden und hatte Glück verheißen. Als ihm der Erfolg Recht gab, wurde seine bescheidene Zelle in der That vom König in eine Basilika verwandelt, mit der Bestimmung, einst auch den Heiligenleib zu beherbergen; die Cleriker von Sankt Eusicius trieben Bienenzucht[218-o]. Von einem andern Eremiten der Diöcese Bourges, Marianus[218-p], erzählt Gregor, er habe nur von wilden Früchten gelebt, es sei denn, daß ihm gutherzige Leute Honig brachten oder er selbst welchen in den Wäldern fand. Eines Tages wurde er vermißt; man fand ihn tot unter einem Apfelbaum, brachte ihn in das Dorf Evaux und bestattete ihn dort in der Kirche, wo auch jährlich sein Fest begangen wird.

In Clermont-Ferrand, dem alten Arvernum war Gregor besonders gut über Kirchen und Kapellen von Stadt und Umgegend unterrichtet, weil er dort aufgewachsen war; in der Stadt sind es ein Dutzend Gotteshäuser und in der Landschaft gegen zwanzig Kirchspiele; von diesen gehen folgende auf genuinen Lokaldienst zurück: ein Alexandergrab[219-a], das sich indessen nicht auf die Dauer als Kultstätte halten konnte, das Grab eines Priesters Amabilis[219-b] von Riom, eine von Mutter und Schwester des Sidonius Apollinaris gestiftete mehr prunkvolle als solide Kirche des Antolianus[219-c], eines Lokalmärtyrers der ältesten Zeit; auch dessen Kollegen Cassius und Viktorinus kamen nicht zu kurz[219-c]; ihre Kirche verwahrt überdies den Leib der heiligen Georgia, einer Bürgerin von Arvern[219-d]. Der Stadtpatron Illidius oder Saint-Allyre hatte seine Crypta nahe vor der Stadt, mußte aber sein Grab mit seinem Archidiakonen Justus teilen[219-e], weshalb denn auch bei dieser Doppelladung besonders viele Wunder geschahen. Der heilige Gallus indessen, Gregors Onkel, hatte zwar ein wunderthätiges Grab, aber die Kirche, wo er bestattet war, hieß nach wie vor nach dem heiligen Lorenz[219-f]. Die an Saint Allyre anstoßende Veneranduskirche barg nicht nur den Leichnam des 380 verstorbenen Stadtbischofs, nach dem sie hieß, sie war überhaupt das Kollektivmausoleum von Arvern und enthielt zahllose Grabmäler, von denen Gregor indessen nur das der Gulla des Liminius und des Nepotian mit Namen nennt[219-g]. Endlich wurde ein altes Volksheiligtum, das »Grab der beiden Liebenden«, kirchlicherseits mit der Legende legitimiert, sie hätten sich obwohl verheiratet nie berührt, deshalb hätten sich nach dem Tode die beiden Gräber wunderbar vereinigt[219-h]. In der Provinz ist Sankt Julian von Brioude nicht nur der berühmteste Wallfahrtsort der Landschaft, sondern es erhebt sich neben Sankt Martin von Tours überhaupt zur Bedeutung eines, wenn auch kleineren Landesheiligtums[219-i]. Eine Viertelstunde davon lag Saint Ferreol de Brioude; das Heiligtum des Arverner Ferreolus[219-k]. Eine halbe Stunde südöstlich von Arvern lag das Grab des Abtes Martius[219-l]; im nördlichsten Teile der Provinz hieß mit der Zeit das Kloster Mirandense nach seinem früheren Abt dem heiligen Portianus, Saint Pourcain, er hatte dem Stifte zur Zeit des »Sacco« der Auvergne durch König Theuderich vorgestanden und damals diesen Fürsten in seinem Feldlager aufgesucht; sein Grab war von den Gläubigen begangen worden[219-m]. Nahe dabei in Trezelle lag das Grab des Lupizin; zu Gregors Zeit stand es noch in Verehrung[219-n], ist aber seitdem verschollen. In Thiers wurde das Grab eines einheimischen Märtyrers namens Genesius aufgestöbert und von Bischof Avitus mit einer Basilika ausgestattet[219-o]. Von den übrigen Diöcesen des Erzbistums Bourges erfreute sich namentlich Le Gevaudan eines originalen Wallfahrtsortes in der auf Bergeshöhe gelegenen Eremitage Saint Privat: dort war dieser einheimische Bischof als er sich einsamen Bußübungen hingab, von den Alamannen erschlagen worden[220-a]. Im Gebiet von Albi lag die Gruft des Märtyrers Amarandus, in dessen Nähe überdies dann ein von fern herbeigereister Verehrer des Heiligen, der afrikanische Bischof Eugen, eines der Opfer in der Verfolgung des Hunerich ebenfalls bestattet wurde und ein Stück Verehrung mit abbekam[220-b]. In Limoges barg die Hauptkirche nicht nur die Ueberreste des Diöcesanapostels Martial, sondern auch seiner beiden Begleiter, der Priester Alpinian und Stratoclian[220-c]. Zu Limoges war ferner der Eremit Junian auch in seinem Grabe noch sehr populär[220-d]. Im benachbarten Dorfe Brives-la-Gaillarde wurde ein heiliger Martin, ein Schüler des von Tours, verehrt[220-e]. Ebenso hieß das von Aredius gestiftete und geleitete Kloster in der Folge Saint Yrieix, was ebenfalls kultische Beziehungen zum Gründer voraussetzt[220-f]: in diesem Kloster befolgte man nicht nur die Cassians-, sondern auch die Basiliusregel, und Pelagia, die Mutter des Abtes, machte den Mönchen die Haushaltung, dafür wurde sie dann auch als Heilige verehrt[220-g]. In Toulouse war der Diözesanapostel Saturnin, Saint Sernin, Märtyrer und erster Bischof der Stadt, Schutzpatron der Hauptkirche[220-h].

Die »Zweite Aquitanische« ist von allen Provinzen vielleicht die mit Lokalheiligen am meisten bevölkerte. Zu Bordeaux hatte der ehemalige Bischof Severin[220-i] seine Grabstätte vor der Stadt. In Blaye, am Ufer der Garonne, lag das Grab des Bekenners Romanus[220-k]. Das Dorf Bouillac enthielt ein rechtes Volksheiligtum, das Grab zweier Priester von denen man nicht einmal den Namen wußte[220-l]. In Agens hatte der Lokalmärtyrer Caprasius seine Basilika[220-m]. In Angoulême lag das Kloster Saint Cybar, die Stätte der Wirksamkeit und später auch die letzte Ruhestätte des Einsiedlers Eparchius[220-n]. Saintes beherbergte nicht weniger als vier einheimische Heilige: den Lokalmärtyrer Eutropius[220-o], die Stadtbischöfe Trojanus[220-p] und Bibianus[220-q] und das Grabmal eines frommen Ehepaares, das in den weißen Taufkleidern gestorben war[220-r]. In Sainter Gebiet befand sich das Grab des Abtes Martin von Saintes ebenfalls eines Schülers des von Tours[220-s]. Poitiers war berühmt durch das Grab seines Bischofs Hilarius; das unvergängliche Andenken des großen gallischen Kirchenvaters und Lehrers des heiligen Martin sicherte dem Heiligtum seine Reputation, vermochte es aber nicht als Wallfahrtsort auf die Höhe von Tours und Brioude zu erheben. Vor der Hilariusbasilika befand sich das Grab des Bischofs Theomastus der seinen Amtssitz Mouzon mit dem Asyl in Poitiers vertauscht hatte[221-a]. In Rézé, einem Dorf der Poitou gegen Nantes hin hatte ein Täufling des Hilarius, namens Lupianus seinen Kultus: auch er war im Taufkleid gestorben [221-b]. Eine Tagreise südlich von Vouillé lag das Kloster Saint Maixent[221-c] so geheißen nach dem Einsiedler Maxentius, der im Gothenkriege Chlodowechs eine Rolle spielte. In Périgueux wurde der Abt Cyprian[221-d] der allgemeinen Verehrung teilhaftig. In Couserans war der erste Bischof Valerius[221-e] seit alters verehrt und seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts im Besitz einer Basilika. Tarbes besaß drei berühmte Lokalgräber Severus von Bigorre[221-f], Justin von Sexuanus und Similin von Tarbes[221-g].

In der »Narbonensis« endlich ist nur Sankt Baudilus[221-h] von Nîmes zu verzeichnen.

Ein resumierender Rückblick auf unsere Wanderung unter Gregors Führung läßt uns unterscheiden zwischen eminent kirchlichen Lokalheiligen, wie es namentlich Bischöfe und Cleriker, aber auch einzelne Aebte waren, und zwischen Volksheiligen, zu denen die Märtyrer, Mönche und die nachträglich recipierten heidnischen Heiligtümer zu rechnen sind. Unter den Märtyrern stehen die drei Opfer aus dem Alamannenzug des Herzogs Chrok vom Jahr 265 in der vordersten Reihe. Allerdings sind Gregors Kenntnisse ungleichmäßig und oft nur ganz ungefähr; eine systematische Aufnahme würde seine Ergebnisse vielfach ergänzt und wohl auch gelegentlich berichtigt haben. In alledem macht sich eben die Einseitigkeit und Befangenheit der Memorienschreibung gewissermaßen im Grundsatz geltend. Dies zugegeben staunt man aber immer wieder über Gregors Genauigkeit im Bereiche dessen, was ihm wirklich zugänglich war, so vermerkt er ausdrücklich den Mangel einer kultischen Verehrung bei Stremonius und bei Liminius von Arvern, obwohl doch bei jenem das Grab nicht nur bekannt, sondern sogar mit Wundererscheinungen gewürdigt und von diesem eine Lebensbeschreibung im Gebrauch der Gemeinde war[221-i]. Um über die Unzulänglichkeit unserer kultischen Rundschau nicht zu täuschen, sei erinnert, daß ja Gregor überhaupt nur die erste Hälfte der Merowingerzeit erlebte; für die andere vermissen wir Angaben vom Werte der seinigen. Wohl kann ja der Bestand von Heiligtümern wie die Zelle Galls beim Bodensee oder der des Ursiz, Saint Ursanne, im Jura für das siebente Jahrhundert mit Bestimmtheit angenommen werden; aber die ausdrücklichen Nachrichten hierüber sind eben sehr viel jünger. Von Grundheiligen endlich durfte anläßlich der lokalen Kultstätten darum gesprochen werden, weil auch im alten Frankreich wie anderswo stets, der Stamm der öffentlichen Religion im Oertlichen wurzelt.

Elftes Kapitel.

Das Reichsheiligtum.

An all den Kirchen und Kapellen, über die wir soeben einen Blick geworfen haben, spielte sich die Verehrung des Heiligen ungefähr in denselben Formen ab. Im allgemeinen hat sich nur hie und da über charakteristische Einzelheiten ein Wort mit eingeschlichen. Uns ein Gesamtbild von dem kultischen Leben an einer merowingischen Heiligenstätte zu verschaffen, ist nur an den zwei großen Wallfahrtsorten möglich, Sankt Martin von Tours und Sankt Julian von Brioude. Und auch hier entfällt das Uebergewicht durchaus auf das Reichsheiligtum in Tours.

Beginnen wir mit dem Kraftzentrum, um das herum sich im Lauf der Jahre sowohl die Martinsgebäude als die Martinsgebräuche angesetzt haben. Die Ueberreste des Bischofs waren nur mit List und unter dem Schutze der Nacht von Candes, dem Todesorte, nach Tours gebracht und so den keineswegs unberechtigten Ansprüchen derer von Poitiers entwendet worden. Die Wandlung, die sich für Martins Anhänger mit seinem Hinschiede vollzog, findet ihren treffenden Ausdruck in dem Wort des Sulpizius Severus[222-a]: »Ich habe den Trost meines Lebens verloren, aber dafür einen Schutzpatron gefunden; denn nun ist er den Aposteln und Propheten beigesellt und hat, um es mit Verlaub aller Heiligen zu sagen, in der Schaar der Gerechten seinesgleichen nicht. Wenn er auch eines natürlichen Todes verstarb, so ist er doch in allen Einzelheiten seines Lebens ein Märtyrer gewesen. Laßt uns also, wo die eigene Kraft versagt, unsern Lohn in der Fürbitte Martins finden. War das Begräbnis wirklich ein Leichenbegängnis? War es nicht vielmehr ein Triumphzug? Mögen jene mit den gefesselten Gefangenen vor dem Wagen immerhin die Welt besiegt haben, der Leib Martins wurde von solchen geleitet, die unter seiner Führung die Welt überwanden. Jenen klatschte der Unverstand der Völker und eine bethörte Menge Beifall; Martin aber wird mit Gottespsalmen gefeiert, und Himmelslieder werden ihm gesungen.« Der heilige Leib wurde nicht in der Stadtkirche beigesetzt, wo doch Martin selber die Ueberreste seiner Vorgänger Gatian und Litorius einst untergebracht hatte; es kann recht wohl eine Verfügung des Toten im Spiele gewesen sein, als man ihn mitten unter den anderen Leuten auf dem Friedhof vor der Stadt begrub. Die Kapelle, die sein Nachfolger Briccius über dem Grabe erbaute, versah ihren Dienst etwa ein halbes Jahrhundert hindurch. Dann wurde sie von Bischof Perpetuus abgebrochen und durch eine regelrechte große Basilika ersetzt. Einmal der Erde übergeben, sind Martins Gebeine in ihrer Ruhe die ganze Merowinger Zeit hindurch nicht gestört worden. Eine Translation in eine andere Kirche hat damals nicht stattgefunden. Die Gebäude wechselten über derselben Stelle. Nur während der Restaurationsarbeiten ließ Perpetuus den Sarg in der Gevierung der neuen Kirche unterbringen[223-a]. Perpetuus darf überhaupt als der Begründer des Martinskultus in Tours gelten, insofern er die bisherige Lokalverehrung durch organisatorisches Geschick zu einem einzigartigen und ausnehmend reichen heiligen Betrieb hinaufsteigerte. Als am 4. Juli 473 die einbalsamierte Martinsmumie in dem neuen Grabmonument untergebracht war, das der Bischof gemäß seinen Intentionen hatte errichten lassen, wurde das Denkmal mit einer prächtigen Marmorplatte zugedeckt, die Bischof Euphronius von Autun zu diesem Zwecke brechen ließ und Perpetuus übersandte. Diesen kostbaren Deckel schützte zu Gregors Zeit ein nicht weniger wertvoller gestickter Teppich mit Fransen[223-b]. Im siebenten Jahrhundert versah dann der heilige Eligius, damals noch berühmter Goldschmid, im Auftrage König Dagoberts die Platte mit Goldverzierungen und edelm Steinbesatz. Das Grab war von einem Baldachin überragt, der mit Vorhängen versehen war[223-c]. Die Füße des heiligen Martin waren gen Osten und zugleich gegen die Halle gekehrt; »zu des Heiligen Füßen« bezeichnet somit das Atrium, das die Absis abschloß. Man gelangte in diesen reservierten Raum hinten, am Ende der großen Säulenhalle. Er war durch eine Anzahl Lampen erhellt, und um das Grabmal herum brannten eine Menge Kerzen, deren Bedienung einem besonderen Tempelhüter oblag. Als Nebenreliquie stand hier überdies der alte gleichfalls steinerne Martinssarg ausgestellt, der durch das Perpetuusmonument außer Dienst gesetzt war und von Saint Eloi dann ebenfalls passend verziert wurde. Dieser ganze von Perpetuus einmal so eingerichtete Raum erlitt keinerlei Veränderungen, bis in die Mitte des neunten Jahrhunderts, wo der Martinsleichnam vor den einbrechenden Normannen geflüchtet werden mußte. Heute sind von diesem alten Martinsgrabe nur noch formlose Mauerreste übrig. Mannigfaltiger waren die Wechselfälle der Martinsbasilika als ganzem Gebäude. Die erste Kapelle über dem Grab war von Briccius nur eben errichtet worden, um das Heiligtum unter Dach zu bringen. Immerhin hatte das Tabernakel sechs oder sieben Jahrzehnte vorgehalten, und seine hübsche, hölzerne Schutzdecke wurde beim Bau der Peter- und Paulskirche wieder verwendet[224-a]. Vor allem waren es praktische Rücksichten, die Bischof Perpetuus zu dem Neubau bewogen. Die kleine »Zelle« war, zumal an großen Festtagen, dem Zudrang der Pilger längst nicht mehr gewachsen. Aber es gereicht dem Prälaten zum Ruhme, daß er sich diese Amtspflicht zu einer persönlichen Ehrensache werden ließ und selber im Besitz eines ausgedehnten Vermögens an Grund und Boden, einen beträchtlichen Teil seines Reichtums mit den Baukosten aufzehrte. Die Bevölkerung von Tours that das ihre, indem sie, zur Beförderung der schweren Marmorsäulen an Ort und Stelle, freiwillige Arbeitskräfte zur Verfügung stellte [224-b]. Ueber den Grund- und Aufriß sind uns folgende Angaben erhalten: Länge hundertsechzig Fuß, Breite sechzig Fuß und Höhe fünfundvierzig Fuß. Die Decke wurde von hundertundzwanzig Säulen getragen. Der Altarraum hatte drei Thüren und zweiunddreißig Fenster, das Schiff fünf Thüren und zwanzig Fenster. Die Wände waren mit Marmor vertäfelt und mit Edelsteinen und Mosaiken besetzt, sodaß der Arverner Dichter Bischof Sidonius Apollinaris[224-c] von einem zweiten Tempel Salomos singen zu dürfen meinte. Die Arbeiten dauerten sieben Jahre. Am 4. Juli 472, also noch ein Menschenalter vor der fränkischen Eroberung, wurde das neue Heiligtum in Gegenwart einer glänzenden Festversammlung eingeweiht. Diese Angaben Gregors sind, soweit sie den Bau betreffen, durch die archäologischen Nachgrabungen in der Weise erläutert worden, daß die Kirche in zwei Teile zerfiel, das hundert Fuß lange Schiff und den sechzig Fuß langen Altar oder Grabesraum mit der Absis. Ueber diesem erhob sich das laternenförmige Gehäuse, das in einen Glockenturm auslief. Die vielen Säulen des Schiffes verteilen sich wahrscheinlicher, wenn man Doppelreihen annimmt[224-1]. Die Kirche hielt indessen nicht ewig, wie der Panegyriker von Arvern es haben wollte, sondern wurde von mehreren Feuersbrünsten heimgesucht, trotzdem ihre steinerne Konstruktion diesem Schicksal eher zu trotzen schien, als die hölzernen Pfarrkirchen, von denen in jenen barbarischen Zeitläuften fast alle einmal und manche öfters einem Brande zum Opfer fielen. Herzog Williachar, der Gegenschwächer König Chlothars, vor dem er das Asylrecht zu Sankt Martin in Anspruch nahm, legte Feuer an das Heiligtum. Diese Brunst vom Jahre 558 zerstörte die oberen Partien; das Jahr darauf ordnete Chlothar gemeinsam mit Bischof Eufronius die Restauration an; die Basilika erhielt nun ein Zinndach[224-d]. Ein zweiter Brand fiel kurz vor Gregors Amtsführung, der dann die beschädigten Dekorationen ausbessern und an den Wänden von einheimischen Künstlern Szenen aus Martins Leben malen ließ[225-a]. Ueber eine neue Ausstattung durch König Dagobert ist näheres nicht bekannt. Jedenfalls aber lockte nicht zum wenigsten dieses Martinsheiligtum mit seinem funkelnden Metalldach, seiner vergoldeten Turmspitze und seinen legendarischen Schätzen später dann die Sarracenen ins Innere Frankreichs.