Part 29
Ganz anders der deutsche Martin, wie er hauptsächlich dem Rhein entlang verehrt wurde und dem englischen Georg an die Seite trat. Da haben sich nicht die geschichtlichen Ansätze episch ausgefasert und verzweigt, vielmehr hat ein dem geschichtlichen vollständig heterogenes Element, ein Mythus, dem historischen Stamm aufgepfropft, an diesem ganz andere Früchte gezeitigt. Im allgemeinen wird man immer noch von dem Wodans-Charakter des deutschen Martin reden dürfen, sobald man im Auge behält, daß der Allerweltsheilige hie und da auch Züge schon des älteren Himmelsgottes an sich haben könnte. Leider ist nun aber Wodan in seiner christlichen Maske im einzelnen durchaus nicht deutlich, sowenig an der Thatsache dieser seltsamen Verkleidung noch zu zweifeln ist. Es mag hier nur ganz im allgemeinen der Berührungen gedacht werden[208-1]. Die Verschmelzung lag um so näher als beide, der Gott und der Heilige, von sich aus mit Mantel, Roß und Schwert gedacht wurden. Das mythische Herbstpferd heißt Martinspferd, auch sein Huf drückt sich im Steine ab, der gewaltige Mantel Martinsmantel, der wilde Jäger Junker Märten, die wilde Jagd Martinsgestämpe. Man trank Martinsminne und brannte Martinsfeuer; man sprach von Martinsgerte und Martinshammer. Mythisch ist auch der Martinsvogel auf dessen Gesang und Flug man achtete, aber ja nicht zu verwechseln mit der Martinsgans. Sie bildet mit dem Martinshorn und dem Martinswein die Martinslust, die deutliche Fortsetzung der alten Opferschmäuse. Eine symbolische oder historische Bedeutung dürfte bei der Wahl der Gans nicht zu suchen sein; die Gans gedeiht um den Martinstag herum am besten, und deutsche Gänse waren schon bei den Römern so berühmt, daß Plinius den deutschen Namen dafür kannte, so gab sie den besten Schmaus ab. Und der gütige Gott Wodan, der zur Zeit der kürzesten Tage die Armen und Kinder besucht und beschenkt, heißt keineswegs nur Klaus oder Ruprecht, sondern in Bayern Pelzmartle, in Schwaben Pelzmärte und in Norddeutschland das Martinsmännchen. Auch wurde die Adventszeit früher allgemein sechs Wochen vor Weihnachten begonnen, sodaß der erste Sonntag im Advent gleich auf den Martinstag fiel; infolgedessen hießen auch die mit dem Advent verbundenen Fasten _Carême de St. Martin_. Noch jetzt schließt das bäuerliche Jahr mit dem Martinstage, bis zu dem alle Pachtungen gehn. Martini war überdies einer der drei Termine für die großen Volksversammlungen, die sogenannten ungebotenen Gerichte. Es sei nochmals hervorgehoben, daß dergleichen mythische Beziehungen zu Martin versteckt oder offen auch auf außerdeutschem Boden anzutreffen sind; dennoch wird man, solange eine genauere Untersuchung noch aussteht, an dem Unterschied festhalten und von einem französischen und von einem deutschen als von einem epischen und einem mythischen Martin reden dürfen. Martin genoß ja während des Mittelalters im westlichen Abendland eine beispiellose Verehrung, mit der nur eben noch Petrus und die Muttergottes es aufnahmen, sodaß auf einer so ausgedehnten Kultusfläche fast notwendig die Eigenart einer ganzen Rasse zu ihrem Rechte gelangen mußte. Am Ende des Mittelalters gilt mehr als je das Wort Gregors, Martin sei der Spezialheilige der ganzen Welt[209-a]. Als aber am elften November 1483 das Tags zuvor geborene Söhnchen des Bergmanns Luther zu Eisleben Martin getauft wurde, war den katholischen Heiligen ihr gefährlichster Feind erstanden. Zwar hat sich der Namenspatron seiner Sympathie erfreut: »Solch Ding sollt man aus den Legenden der Heiligen klauben als in der Historia von Sankt Martino steht«[209-1]. Aber Luthers Werk bedeutete darum für die Kirchenheiligen das Ende der Weltherrschaft, weil sich die Protestanten des polytheistischen Wesens der Heiligenverehrung bewußt wurden: »Den einzelnen Heiligen sind bestimmte Geschäfte übertragen, wie daß Anna Reichtümer spende, Sebastian vor der Pest helfe, Valentin die Fallsucht heile, Georg die Ritter beschütze. Solche Meinungen sind aus heidnischen Vorbildern entstanden. Denn so meinten die Römer, daß Juno reich mache, Febris das Fieber abhalte und Pollux den Ritter verteidige[209-2]«. Hatte das Christentum die Götter entfernt, so zerschlug die Reformation mit den heiligen Bildern deren nachträgliche Verkleidungen. Damit zerbrach sie die hauptsächlichsten Stützen der dynamischen Welterklärung, ohne jedoch die nun langsam erstehende mechanische Auffassung der Dinge sich anzueignen, die den Menschen in Versuchung führt, nicht nur ohne Götter, sondern auch ohne Gott zu leben.
Zweites Buch.
Das Heiligengrab.
Die Heiligenleben sind nun aber nur die eine Seite der auf uns gelangten Ueberlieferung. Die andere, wie sie denn überhaupt niemals gelehrter Natur war, tritt dem Besucher von Frankreich auf Schritt und Tritt im öffentlichen Leben entgegen und ist so trivialer Art, daß heute kaum Jemand mehr an ihre ursprüngliche Bedeutung zu denken sich bemüßigt fühlt: Place Saint Martin, Boulevard Saint Germain, Porte Saint Denis, Bibliotheque Sainte Genevieve. Es handelt sich dabei um die säkularisierten Reste eines sepulkralen Andenkens, das dem schriftstellerischen Andenken zur Seite ging, wenn nicht gar vielfach, als die primäre Instanz, ihm zur Grundlage diente. Von einander unabhängig sind die beiden Formen der Tradition jedenfalls nicht gewesen. Da aber hier und dort die Heiligen zu einem guten Teil ganz andere sind, geht schon daraus hervor, daß die kultische Ueberlieferung sich nicht vollkommen deckt mit der litterarischen, sondern bei einem halben Zusammenhang mit ihr zur andern Hälfte eigene Wege geht.
Als Organisation ist das kultische Andenken allerdings ein Werk des Priesterstandes; aber der Substanz nach haben wir es hier durchaus mit einer naiven Schöpfung der Volksseele zu thun. An sich ist das Material ausgedehnter und schwerer zu überschauen, als der in zahlreichen, aber immerhin zählbaren zeitgenössischen Viten vorliegende litterarische Traditionsstoff; und doch wird die Darstellung der wesentlichen Erscheinungsformen des Heiligenkultus sich ungefähr auf die Hälfte des Umfanges zusammendrängen lassen, den die Schilderung der merowingischen Heiligenschreibung für sich in Anspruch nahm. Hiefür ist der hauptsächliche Grund folgender: dort galt es immer aufs neue Rücksicht zu nehmen auf originale persönliche Art mit all der Verästung und komplizierten Linienführung eigenen Lebens, die in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod immer wieder neu und immer wieder anders war; und damit nicht genug, galt es dann noch dem Auswachsen persönlichen Andenkens ins Riesenhafte und Mythische nachzugehen, der Teilnahme armseliger Einzelleben an den kolossalen Naturgestaltungen ganzer Völker. Auf dem Gebiete, das wir nun betreten, wird uns ja teilweise ähnliches begegnen; aber das wird dann nur ein Hinübergreifen, ein partielles Sichdecken sein. Der Unterschied ist weit beträchtlicher als die Uebereinstimmung, und in dieser Differenz liegt das entscheidende Wesen. Nicht auf frommen Vorstellungen ruht hier das Schwergewicht, sondern auf frommen Handlungen. Und während die Ansätze zu Kristallisationen der Vorstellungen zwar dort nicht fehlen, aber stets auseinandergespült werden durch das beständig zuströmende originale Leben, das, wenn auch noch so bescheiden, aus jeder wirklichen Heiligenexistenz quoll, so stehen hier breit und beherrschend nicht individuelle Mächte im Vordergrunde, sondern Gattungen, Typen. Gewiß fehlte das Persönliche nicht, aber es fehlte als primäre, aus eigener Wurzel bezogene Triebkraft und spielt sich statt dessen nur parasitenhaft auf der Rinde der Gattung ab. Nicht das Moment der Entwicklung, sondern das Moment der Stetigkeit überwiegt nun.
Nie ist in der abendländischen Geschichte eine ganze Volksmasse religiös so imprägniert gewesen, wie die Franken unter den Merowingern, sobald wohlverstanden von dem normalen Volksleben im Staate die Rede ist, nicht von momentanen Impulsen wie den Kreuzzügen oder der Reformation, und sobald ferner ›religiös‹ unter Verzicht auf den sittlichen Gehalt lediglich die Furcht vor Gott bedeutet. Um dem Wesen eines solchen enormen und formlosen Klumpens von Religiosität mit unserer Erkenntnis beizukommen, haben wir den Stoff unter drei Stichbegriffe verteilt: Name, Kraft und Wunder. Volkstümlich ausgedrückt, handelt es sich bei dieser Einteilung um die Schale, um den Kern und um die Wirkung des Kernes auf den, der ihn verschluckt hat.
Unsere Quelle ist nun fast ausschließlich Gregor von Tours in seinen acht Büchern der Mirakel. An Vollständigkeit darf uns hier nicht so viel gelegen sein, als an einer möglichst typischen Einsicht in den Sachverhalt; und da wird man sich zweimal besinnen, ehe man irgend eines der andern keineswegs seltenen Zeugnisse in die Nähe einer Aussage Gregors erhebt. Er bedient uns hier mit der andern Seite seiner hagiographischen Qualitäten, ein Unterschied, dessen er sich wohlverstanden selber bewußt ist; spricht er doch gelegentlich ausdrücklich von einer Differenz zwischen dem Andenken an die historische Person und dem Kultus an ihrem Grabe[211-a].
Vierter Abschnitt.
Der Name.
Aus dem Frankenreich der Merowinger sind uns etwa zweihundert Gotteshäuser bekannt, die den Namen eines christlichen Heiligen tragen. Die durch diese Kirchennamen repräsentierte Heiligenversammlung stellt sich äußerst bunt dar; von den christlichen Urheiligen bis zum kleinen Lokalmärtyrer sind zugewanderte und einheimische Selige in gemeinsamer Verehrung vertreten. Und nicht etwa so, daß in abgeteilten Bezirken hier Fremde und dort Landesbürger hausten, sondern gemischt und gekreuzt zwischen Morgenländern ein Kelte und zwischen Germanen ein Kind des Südens. Der nationale Charakter der alten fränkischen Landeskirche verrät sich indessen auch hier. Das Gros ihrer Heiligen ist eben doch autochthon, was in diesem Fall freilich weniger besagen will, sie seien eingeboren, als sie seien in der heimischen Erde bestattet. Diese Heiligengräber gruppieren sich um eine Metropole, die deren mehrere enthält und diese wieder werden überragt von dem Reichsheiligtum in Tours. Nicht nur unter sich, sondern auch mit dem Auslande unterhielten diese Kultusstätten einen lebhaften Verkehr, der sich teils als Reliquientausch, teils als Missionspropaganda äußerte.
Zehntes Kapitel.
Die Grundheiligen.
Frankreich hatte im sechsten Jahrhundert noch elf kirchliche Provinzen[212-1].
Die Hauptstadt der »Ersten Lyoner« beherbergte in ihrem römischen Mauerring nur eine Johannisbasilika, in deren Krypta Irenäus mit den Märtyrern Epipodius und Alexander beigesetzt war. Westlich oder südlich der Römerstadt lag das Mausoleum einer heiligen Frau. Außen am Stadtbann erhob sich die Nicetiusbasilika zwischen Saône und Rhone, die erst den Aposteln geweiht gewesen war. Die Lage der Helius- und Marienkirche ist nicht mehr zu bestimmen. Auf einer heute mit dem Lande verbundenen, damals von beiden Strömen bei ihrem Zusammenfluß gebildeten Insel im Osten des römischen Lyon stand die mächtige Märtyrerkirche von Ainay. Eine Stunde oberhalb lag ein Kloster auf der Insel Barbara in der Saône. Auf der Südgrenze gegen Vienne zu befand sich das Symphorianskloster von Ozon, und ihm diametral entgegengesetzt in der Nordostecke am Jura das uns bereits bekannte Kloster des Romanus, das damals noch nach Eugendus und später nach Bischof Claudius hieß. Lyons kultischer Sagenkreis enthielt folgende Anekdoten[212-a]. In der Irenäuskrypta strahlt bisweilen ein heller Schein. Die Krypta des Helius barg ein schönes Grabmal dieses Lyoner Bischofs aus der decianischen Verfolgung. Im Raume war inschriftlich über der Eingangsthüre das die Nacht nach der Beisetzung von einem Heiden begangene Sacrilegium erwähnt. Gregors Verwandter, Bischof Nicetius oder Nizier, zollte diesem seinem Vorgänger besondere Verehrung. Er selber erwies sich dann, noch nicht einmal im Grabe, schon bei seinem Leichenzug wunderkräftig; ein blinder Knabe ließ sich, einer inneren Stimme folgend, durch die Schaar weiß gekleideter Kleriker hindurch unter den wandelnden Sarg stoßen; dort rief er den Heiligen an und erlangte das Augenlicht. In der Stadtkirche zeigte man einen Evangelienschrein, eine Schale und einen Kelch, die einst Kaiser Leo als Dank für die durch einen Lyoner Obersthelfer bewirkte Heilung seiner besessenen Tochter gestiftet hatte; die Gegenstände waren aus reinstem Golde gewesen und mit echten Juwelen besetzt; aber leider hatte der Ueberbringer in der Alpengegend bei einem Goldschmid übernachtet, der ihm bei Gewinnteilung Ersetzung echter Bestandteile durch Imitationen vorschlug; nur den Kelch ließ er unberührt, weil dort die Edelsteine stärker als blos mit Golddrähten befestigt waren. Die Strafe war, daß beide, bei der Rückkehr des Boten, nachts im einstürzenden Zimmer erschlagen wurden. Von jener unbekannten Frau, die vor der Stadtmauer begraben lag, hieß es, sie habe den Schuh des Märtyrers Epipodius aufgefangen, als er ihm auf dem Gange zum Richtplatz vom Fuße fiel. In der Marienkirche hatte von einem kinderlosen adeligen Ehepaar, das die Kirche zum Erben seiner Güter einsetzte, der verstorbene Gatte sein Grab, an dem die noch lebende Gemahlin täglich ihre Andacht verrichtete. Nördlich von Lyon lagerte sich das Gebiet der ihm unterstellten Bistümer. In Autun war der Kirchhof ein Sammelpunkt von Heiligtümern[213-a], nicht nur enthielt er ein Massengrab von Heiligen, sondern auch die Mausoleen dreier Stadtbischöfe, nämlich des Reticius, des Cassianus und sogar des Simplizius, trotzdem diesem, allerdings mit Unrecht, Ehebruch nachgeredet wurde. Zum Grab des Reticius, das abseits lag, ging die Geschichte um, seine Gattin, die schon vor seiner Bischofswahl starb, habe ihn beschworen, einst an ihrer Seite zu ruhen, und als nun viele Jahre später der Bischof die seiner Stellung entsprechende Ruhestätte finden sollte, verrichtete die Totenbahre das in solchen Fällen übliche Beharrungswunder, bis man begriff. Der Hauptheilige von Autun war allerdings der Lokalmärtyrer Symphorian aus der Zeit der Lyoner Verfolgung; seine Basilika war am Ende des fünften Jahrhunderts von dem Priester und späteren Bischof Eufronius errichtet worden und lag eine kleine halbe Stunde nördlich der Stadt[213-b]. Dijon, die thatsächliche Residenz des Namensbistums Langres, besaß das Benignusgrab, über dem seine Hauptkirche errichtet war; sie enthielt überdies die Gräber des Senators Hilarius, seiner Frau Quieta und einer ebenfalls frommen Dame namens Florida, wozu dann noch als weitere dort ruhende Notabilität Tranquillus hinzukommt[213-c]. Durch einen Höhenzug getrennt, bereits im Seinegebiet, lagen die beiden Klöster Reomatis und Saint Seine; der Stifter des einen, der heilige Abt Johannes von Tonnerre, war in einer benachbarten Pfarrkirche begraben, während das Grab des heiligen Sequanus sich in dessen Abtei befindet[214-a]. Einen Tagemarsch nordnordwestlich von Reomatis erreichte man die Festung Tonnerre, wo ein durch Martin von Tours geheilter Priester seiner Zeit eine Kapelle errichtet hatte. Topographisch die Abrundung des Erzbistums Lyon bildet die Diöcese Châlons. Das Hauptheiligtum Sankt Marcellus zu Ehren eines der Sage nach aus Lyon stammenden Märtyrers, zu dessen Verherrlichung namentlich König Gunthram beitrug, lag eine halbe Stunde vor der Stadt jenseits der Saône. Ein Heiligengrab war ferner das des Bischofs Silvester. Sieben Wegstunden südwestlich lag das Kloster Gourdon mit dem einst nach Châlons verlangten, aber zunächst nicht herausgegebenen Leichnam des Klausners Desideratus, der bei Lebzeiten besonders Zahnweh geheilt hatte. Und eine kleine Tagereise von Châlons südlich gen Macon hin fand sich an der Saône die Festung Tournus mit der Grabeskirche des Märtyrers Valerianus[214-b]. Von Macon erwähnt Gregor kein Heiligtum, dagegen von Besançon, das kirchlich den höchst unwirtlichen alamannischen Osten berührte. Die den Märtyrern aus Caracallas Zeit gewidmete Basilika Sankt Ferreolus und Ferrucio liegt eine schwache halbe Stunde westlich von der Stadt, heute das Dorf Saint Fergeux[214-c]. Im südlichsten Winkel des ansehnlichen Diöcesangebietes finden sich die beiden Juraklöster, die einst von Saint Oyand de Joux aus gegründet worden waren, Sankt Lupicin, der indessen nicht dort bestattet ist, und das zehn Meilen von Saint Claude gelegene nach dem daselbst ruhenden Romanus genannte St. Romain-de-Roche. Im kirchlichen Zusammenhang mit Lyon, eher als mit Vienne, ist hier auch das einzige damals ansehnliche Heiligtum auf Schweizerboden zu nennen, Saint Maurice mit seinen Heiligen von Agaunum, deren Namen und Andenken auch der daselbst nachträglich noch bestattete königliche Heilige, Sigismund von Burgund, nicht zu entthronen vermochte[214-d].
Aus der »Zweiten Lyoner« Provinz, der Normandie, mit der kirchlichen Hauptstadt Rouen sind uns keine Heiligengräber näher bekannt, um so mehr dagegen aus der »Dritten«, deren Metropole Tours war. Von den fünfzehn Kirchen des Stadtbannes, die Gregor erwähnt, entfallen indessen nur drei auf Lokalheilige, wenn man von Sankt Martin absieht und wenn man ferner die von Gregor nach Julian von Brioude geheißenen Turoner Kirche[214-e] nicht rechnet. Martins Vorläufer im Amte, Litorius, der zweite Bischof von Tours, der auch die Kathedrale in der Stadt erbaute, besaß, wahrscheinlich eine Viertelstunde westlich von der Stadtmauer entfernt, sein eigenes Heiligtum[214-f], ebenso zwei Lokalheilige, die Gregor in seinen Väterleben näher beschrieb: Venantius[215-a], der sich kurz nach Martins Tode, in Tours in einem nahe bei der Martinskirche schon vorhandenen Kloster niederließ und Monegunde[215-b], bei der es sich wahrscheinlich um das von ihr gestiftete Nonnenkloster handelt. Diesen drei Bethäusern, die zwar alle außerhalb des damaligen, aber noch innerhalb des heutigen Stadtringes lagen, reihen sich eine Anzahl anderer in der zu Tours gehörigen Landschaft gelegener Lokalheiligtümer an[215-c]. Unter dem Namen der heiligen Papola[215-d] tritt in der fränkischen Heiligensage die als Mönch verkleidet im Mannskloster lebende Nonne auf, die im Orient Marina heißt. Die Papolakapelle lag irgendwo im Diöcesangebiet von Tours. Das lang unbekannte Grab irgend eines verschollenen auswärtigen Bischofs Benignus[215-e] wurde dadurch entdeckt, daß ein Landmann den im Gestrüpp liegenden Sarkophagdeckel ahnungslos zum Grabstein für seinen verstorbenen Sohn verwendete und sich dadurch nächtlicherweile die energischen Reklamationen des fremden Heiligen zuzog. Hat man es schon hier mit einer nachträglichen kirchlichen Reception eines alten der Volksverehrung sich erfreuenden Grabes zu thun, so noch mehr bei dem ebenfalls im Dorngeheg versteckten Grabe der »Beiden Jungfern«[215-f], die sich nachts mit Erscheinungen an verschiedene Leute wandten, um sich eine anständige Bergung ihrer Ueberreste zu verschaffen, und so auch an den Bauer, auf dessen Land sie lagen: »Länger halten wir es ohne Dach einfach nicht mehr aus; übrigens wäre es zum Besten des Grundbesitzers, wenn er die Dornenhecke artig zurichten und der Regengüsse wegen für ein Dach sorgen wollte.« Als nun der Bauer sein möglichstes that, war ihm doch sonst mit Tod innert Jahresfrist gedroht worden, und er dann zu Eufronius von Tours ging, mit der Bitte, Hochwürden möchten nun so gut sein und das Grab zu weihen kommen, versetzte dieser: »Lieber Sohn, ich bin steinalt und heuer macht’s draußen kälter als ein anderes Frühjahr, es gießt und windet und die Bäche sind angeschwollen; du kannst wirklich nicht verlangen, daß ich mich zu euch hinausbemühe.« Bekümmert ging der Landmann von dannen. Nachts aber erschienen die beiden Jungfrauen dem Bischof und weinten ihm vor, so daß er sich daraufhin schleunig auf den Weg machte. Er hatte sich die Gesichtszüge und den Gang der Beiden genau gemerkt: beide waren weißer als Schnee und die kleinere nur an Gestalt nicht an Verdienst geringer. Auch wie sie hießen, hatten sie ihm gesagt: Maura und Britta. Was diese beiden nachträglich selig gesprochenen Nonnen einst in ihrem Erdenleben trieben, ja ob das Grab überhaupt zwei und zwar zwei weibliche Leichname enthielt, wissen wir ebensowenig, wie ob der ebenfalls eines Tages zu Maillé entdeckte Solemnis[216-a] mit seinen Erdentagen irgendwie seine spätere Sanktifikation rechtfertigt und er der Bischof von Chartres dieses Namens wirklich gewesen ist. Dagegen genießen die übrigen Lokalheiligen der Turoneser Landschaft im Kultus nur den durch ihre frühere Heiligenlaufbahn ehrlich erworbenen Lohn ihrer irdischen Wirksamkeit: der Martinsjünger Maximus[216-b], oder Saint Mesme Johannes aus der Bretagne[216-c] und Senoch[216-d]. Von den Tours unterstellten namentlich die Bretagne erfüllenden Bistümern nennt Gregor nur wenige Kirchen die Lokalheiligen gewidmet sind: in Le Mans Bischof Viktorius[216-e], in Angers Bischof Albin, Saint Aubin[216-f]; in Rennes Bischof Melanius Saint Melaine[216-g] und in Nantes Bischof Similian, wo überdies auch zwei Lokalmärtyrer Donatian und Rogatian schon zu Chlodowechs Zeiten ihre Kirche gehabt haben sollen[216-h].
Die »Vierte Lyoner« stellt sich dar in dem sehr umfangreichen Erzbistum Sens, dessen Metropole Gregor jedoch nirgends erwähnt. Auch von Chartres nennt er weder die Stadt selbst noch das damals doch wohl schon freilich ohne den Heiligenleib bestehende Kloster Avituszelle. Für Auxerre verzeichnet er immerhin das Grab des Germanus[216-i], der am 31. Juli 448 in Ravenna gestorben, aber nach zwei Monaten in die Heimat überführt worden war. Ausführlicher wird Gregor erst für Troyes: in der Stadt lagen die Lupuskirche[216-k] und vielleicht eine Kirche des Nicetius von Lyon[216-l] außerhalb dagegen die große Patroklusbasilika[216-m]; erst war es nur eine kleine Kapelle mit einem einzigen Priester gewesen, als jedoch eine schriftliche Patroklusvita aufkam, hob sich der Kultus so sehr, daß ein geräumiges Gotteshaus an die Stelle treten mußte. In Orleans standen zwei Kirchen, Saint Aignan, wo der Bischof Namatius im Jahre 587 begraben wurde[216-n], und die Grabeskirche des Einsiedlers Avitus von Micy[216-o]. Das mit Kirchen schon in jener Zeit begüterte Paris hat indessen nur eine einzige ausdrücklich Lokalheiligen gewidmete Stätte besessen; denn wenn die spätere Genovefakirche offiziell noch nach Sankt Peter[216-p] und Saint Germain noch nach Sankt Vincenz[216-q] hieß, so blieb nur jenes von der »Stadt« als ein in ihr gelegenes »Dorf« unterschiedene Stück Paris übrig, wo Bischof Marcellus[216-r] und die Nonne Crescentia[216-s] in ihren eigenen Gotteshäusern ruhten. Im heutigen Saint Denis brach sich schon zu Gregors Zeiten der Name des Dionysius[216-t] Bahn als des Lokalmärtyrers und ersten Bischofs von Paris. Saint Cloud mit dem Grabe Chlodovalds kam erst später auf; es hieß damals noch Novigentum[217-a].