Die Heiligen der Merowinger

Part 20

Chapter 203,612 wordsPublic domain

Dem Inhalte nach ist von Jonas Werken das Columbansleben weitaus das wichtigste. Obwohl es auf persönliche Erinnerung zurückgeht, ist es doch nur mittelbare Memorie, insofern Jonas den Columban ja nicht selber gekannt hat, aber eben doch in seinem ganzen Wesen durch ihn bestimmt war. Auch in den andern Schriften des Jonas tritt das Element der Memorie in den Hintergrund. Er ist nämlich nach Gregor einer der wenigen, die sich der Forschung widmen und mehr als eben ihren einen Heiligen beschreiben. Dabei zeigt sich aber deutlich von wie geringer Sorte diese damalige Art Forschung war. Auf der Reise nach Châlons rastete Jonas einige Tage im Kloster des heiligen Johannes von Reomaus[134-1]. Die Mönche baten den berühmten Hagiographen, ihnen niederzuschreiben, was sich über das äußere Leben des heiligen Stifters sowie über seine geistige Entwicklung durch seine Schüler bis auf ihre Tage in der Erinnerung erhalten hatte. Jonas willfahrte dem Gesuch und widmete die Schrift dem Abt Hunna. Zu dem Kloster hatte er keine anderen Beziehungen als die der eben genossenen Gastfreundschaft. Er war somit auch dem lokalen Stoff ein Fremder; überdies waren zweihundert Jahre seit der Geburt des Heiligen verflossen. Die mangelhafte Komposition und der dürftige Inhalt sind daher verständlich. Geboren war Johannes, nach Jonas, frommen Christen namens Hilarius und Quieta. Mit zwanzig Jahren faßte er den Entschluß, seine Heimat zu verlassen, und seinen religiösen Neigungen nachzugehen. Zuvor erbaute er jedoch ein kleines Oratorium in seinem Geburtsorte. Diesen Entschluß, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, setzt Jonas in die Zeit, als der Konsul Johannes unter kaiserlicher Hoheit Gallien regierte. Offenbar hat Jonas gar nicht an einen Jahreskonsul, sondern an einen hohen römischen Verwaltungsbeamten in Gallien, wahrscheinlich an den Consularis der Lugdunensis Prima gedacht. Die Begebenheit muß vor die Zeit fallen, da die Burgunder bis in diese Gegend vorgerückt waren, also vor das Jahr 457; aber mag nun auch uns die genaue Zeitangabe entzogen sein, so hat Jonas in seiner Weise sie doch gemacht und damit durch chronologische Eingliederung des Gegenstandes diese Lebensbeschreibung der Befangenheit der Memorie entzogen. Johannes zog sich damals in die gebirgige Gegend zwischen Armançon und Serain, zwei Nebenflüsse der Yonne zurück. Er gründete hier sieben Milien von der Burg Semur en-Auxois entfernt, das Kloster, das heute nach seinem Stifter Moutiers Saint Jean genannt wird. Von einem Brunnen daselbst ging die Sage, daß vor der Ankunft des Heiligen ein Drache darin hauste, dessen Tod er durch Gebet und energische Durchstöberung des Brunnens bewirkt haben soll. Schon bei dieser Handlung war er von Genossen begleitet. Nachdem er die Leitung des neugegründeten Klosters übernommen hatte, hielt er bei seinen Untergebenen streng auf die Beobachtung der Regel. Der Ruf des frommen Mannes veranlaßte eine Pilgerfahrt um die andere. Und auch in demselben Maße, wie die Schaar seiner Mönche wuchs, nahm sein Selbstvertrauen ab, und es schien ihm jetzt zuträglicher für sein Seelenheil zu sein, andern zu dienen als zu befehlen. Ueberdies war er selber noch nicht ausgebildet in der Strenge klösterlicher Disziplin; was er davon wußte, hatte er sich als Autodiktat aus der Lektüre oder mündlichen Berichten angeeignet. Aus Demut und dieser Studien halber begab sich Johannes in Begleitung von zwei Genossen in die damalige Musteranstalt für mönchisches Leben, das Kloster Lerinum, dem Honoratus vorstand. Unerkannt weilte er hier in strengem Gehorsam gegen seine Obern anderthalb Jahre. Da führte ein Zufall seine Entdeckung herbei. Ein Fremder, der zu Besuch kam, erkannte ihn unter den arbeitenden Mönchen und erzählte den staunenden Lerinern, wer der schlichte Mönch sei, der die niedrigsten Dienste that. Das Gerücht von dieser Begebenheit kam dem Bischof Gregor von Langres zu Ohren, zu dessen Diöcese das Kloster des Johannes gehörte. Er sandte Mönche aus diesem Kloster mit zwei Briefen nach Lerinum: Honorat und dessen Mönche ersuchte er, der Rückkehr des Johannes nichts in den Weg zu legen und diesen forderte er auf, heimzukommen; der ernsten Mahnung seines Bischofs mußte der Heilige Folge leisten. Indessen kann diese auf den ersten Blick scheinbar glaubwürdige Episode so doch nicht stattgefunden haben, da Abt Honoratus von Lerinum und Bischof Gregor von Langres nicht Zeitgenossen, sondern etwa um ein Jahrhundert auseinander waren; davon abgesehen ist der Zug wahrscheinlich; denn da der größte Teil der Lebenszeit des Heiligen in das fünfte Jahrhundert fällt, so wird er wohl wie so viele andere Männer dieser Zeit ihre Ausbildung dort genossen haben. Nach seiner Rückkehr ließ sich Johannes wiederum die Leitung und Ausbildung seiner Mönche nach der Regel angelegen sein und wurde darin von einem Mönch namens Filomeris unterstützt. Die Regel, die der Heilige vor der Lerinenser Periode befolgte, hatte Jonas nicht näher bezeichnet; jetzt nennt er den Verfasser Macarius. Die erste Sorge der Brüder war, den mit dichtem Gebüsch bewachsenen Boden urbar zu machen, damit er ihrem Unterhalte diene. Mit Aexten bewaffnet begaben sie sich in die Wälder, hieben sie nieder, rodeten das Land aus und erschlossen es der Kultur. Als sie einmal auf den Ruf des Seniors gehorsam ins Kloster zurückkehrten und aus Bequemlichkeit die Beile draußen liegen ließen, stahl diese ein Dieb, so daß sie hernach die unterbrochene Arbeit nicht fortzusetzen vermochten. Johannes, ungehalten über diese Ausrede, fahndete nach dem Dieb und nahm ihm die Beute ab. Die Arbeit trug ihre harten Früchte. Wohlgefüllte Speicher schützten nicht allein die Mönche vor Not, sondern gestatteten auch die Unterstützung der Nachbarn bei Mißernte. Die Besorgung der Feldwirtschaft blieb aber nach wie vor Sache der Mönche. Auch ein Bild aus dieser späteren Zeit führt uns Jonas vor. Es ist Erntezeit; die reife Saat harrt der Schnitter. Die Mönche begeben sich truppenweise auf die Felder, um die Frucht zu schneiden. Erst der Eintritt der Nacht setzt ihren Mühen ein Ziel. Die fleißigen Brüder kehren jetzt in das Kloster zurück; nur einer, Claudius, bleibt auf Befehl der Vorsteher die Nacht über als Wächter bei der Frucht. Auch er versinkt in Schlaf, aber mitten in der Nacht erwacht er und macht sich Sorgen, daß die ermatteten Genossen die Gebetsstunde verschlafen würden. Da sieht er plötzlich eine strahlende Kugel den Himmel erleuchten. Während er noch betäubt ist von dem Wunder, hört er, wie der Hahnenschrei den kommenden Tag verkündet und zugleich Glockenläuten die Brüder zum Gebete ruft. Am Morgen erzählt er dem Abte sein nächtliches Erlebnis. Aber dieser warnt ihn vor Ueberhebung. Kein sündiger Mensch sei wert, die himmlischen Vorgänge zu schauen. Die freie Natur zogen diese Mönche der Klosterzelle vor. Nach Art der alten Streiter pflegte Johannes dem Gebet und Fasten im Walde obzuliegen, wo er dann mit den armen Leuten zusammentraf, die sich Waldfrüchte für ihren Unterhalt suchten. Als seine Mutter zum Kloster kam, um ihn nach langer Trennung wieder zu sehen, schlug er ihr diesen Wunsch ab; um sie nicht allzusehr zu betrüben, zeigte er sich ihr wenigstens von der Ferne; er ließ ihr aber ankündigen, sie würde ihn in diesem Leben nicht mehr sehen. Wie ganz anders wurde Sequanus empfangen, ein benachbarter Heiliger, der Gründer von Segestrum, heute Saint Seine. Dem Sonderling hatte es beliebt, in stockfinsterer Nacht seinen Besuch abzustatten. Heimlich betrat er die Kirche, um zu beten. Aber Johannes erhielt durch göttliche Offenbarung Kenntnis von dessen Ankunft. Er weckte einen Diener und ließ nun die Mönche durch Glockenschlag zusammenrufen, daß die dem Ankömmling die Pflichten der Gastfreundschaft erwiesen. Zur Messe war das Kloster des Johannes mit Andächtigen überfüllt, da alle seine Predigt zu hören wünschten. Der Heilige pflegt aber für die Laien besonders Messe zu lesen; denn er wünschte nicht, daß seine Mönche durch den Lärm der Menge gestört würden. Die Laien hatten also zunächst abzutreten und vor der Kirche zu warten. Das Kloster war ein Asyl für Bedrückte und die letzte Hoffnung für Schwerkranke. Ein Sklave, der einen Fehltritt begangen hatte, nahm die Vermittlung des Johannes in Anspruch, um von seinem Herrn Verzeihung zu erlangen. Der Heilige setzte auch einen Brief an diesen auf, aber seine Fürbitte wurde nur verächtlich aufgenommen. Sonst waren es vornehmlich Kranke, die dem Kloster zusprachen. Hatten sie dann durch den Heiligen ihre Gesundheit wieder erlangt, so blieben sie wohl auch aus Dankbarkeit gegen ihren Retter im Kloster. Auf der Rückkehr von dem Zuge nach Italien, den der hochstrebende König Theudebert über die Alpen unternommen hatte, befand sich unter den burgundischen Truppen ein Mann, der von heftigem Fieber geplagt wurde. Sein Bruder eilte zu Johannes und erbat sich von ihm geweihte Eßwaren, ersuchte auch den Heiligen, jenen in sein Gebet einzuschließen. Er erhielt ein Brot und fünf Obstfrüchte; man gab sie dem ungeduldig harrenden Kranken in drei Teilen mit Wein befeuchtet ein, und er genas zur Stunde. Das letzte Wunder des Johannes fällt in die Zeit, da eine schwere Seuche ganz Gallien verheerte. Ein Mann wird auf der Heimreise von Paris von der Krankheit befallen, indem sich ein böses Geschwür bildet. Sobald er nach Hause zurückgekehrt ist, läßt er sich Wasser aus dem Brunnen holen, den der Heilige geweiht hatte. Ein Diener bringt ihm das gewünschte mit dem Segen des Heiligen. Als er nun gläubig davon getrunken hatte, barst das Geschwür und er erlangte seine Gesundheit wieder. Gemeint ist die Seuche vom Jahre 543, die in Aegypten ihren Anfang nahm und sich über den ganzen Erdkreis verbreitete. Johannes stand in großer Verehrung bei den fränkischen Königen und beim Adel. In weltliche Geschäfte mischte er sich aber nicht. Er starb im Alter von sage hundert und zwanzig Jahren am 28. Januar sei es 544, sei es eines der folgenden Jahre. Ueber den Schluß der Vita, die sich noch mit den Nachfolgern und der Translation der Gebeine des heiligen Johannes beschäftigt, darf hier hinweg gegangen werden, und ebenso genügt für die übrigen Heiligenleben des Jonas eben die Erwähnung. Es sind sozusagen drei Nachträge zum Columbansleben; denn es handelt sich um Eustasius von Luxeuil, Columbans Vertrauensmann seiner Stiftungen in den Vogesen, um Attala und Bertulf, Columbans Nachfolger in der Abtswürde zu Bobbio und um Burgundofara, das junge Mädchen, das durch ihn zur Nonne geweiht worden war.

Dagegen verlangt hier eine Schrift nähere Beachtung, die nicht durch die Ueberlieferung, wohl aber durch ihre Sprache in die Nähe des Jonas gerückt wird: das Leben des Vedastes von Arras. Sie tritt anonym auf und ist nicht in der alten merovingischen Schriftsprache, sondern in jenem gekünstelten Latein geschrieben, das durch Jonas von Susa in Gallien eingeführt worden ist. Sämtliche Lieblingsausdrücke aus Jonas Schriften finden sich in dieser Vita wieder vor, der Sprachschatz ist der gleiche und fällt um so leichter ins Auge, als Jonas sich in seiner aus den verschiedensten Autoren zusammengestoppelten Sprache nicht frei bewegen konnte. Wie sollte nun aber der Italiener dazu kommen, das Leben eines Bischofs von Arras zu beschreiben? Es läßt sich indessen nachweisen, daß sich Jonas in der That in jener Gegend aufgehalten hat. Von Bobbio kommend schloß er sich dem heiligen Amandus an, der in der sumpfigen Niederung des Elno, im äußersten Norden des Landes sich angesiedelt hatte. Drei Jahre brachte Jonas daselbst zu, und da nach der Art jener Missionare auch er für größere Exkursionen den Wasserweg auf der Scarpe und Schelde zu benutzen pflegte und Arras an der Scarpe liegt, so kann Jonas wohl gelegentlich mit seinem Kahne in diese Stadt gelangt sein. Da mag er dann gebeten worden sein, das Leben des Lokalheiligen aufzuzeichnen und wird seine Aufgabe als federfertiger Mann in kürzester Frist erledigt haben, wie er ja auch für das etwas längere Johannesleben nur wenige Tage gebraucht hat. Auch diese Schrift ist flüchtig hingeworfen und dürftig im Inhalt. Den kümmerlichen Stoff hat Jonas sich dadurch etwas erweitert, daß er Chlodowechs Alamannenkrieg in das Leben verflocht und daran einige Kombinationen wagte. Ueber den vierzigjährigen Episkopat weiß er nur eine einzige Anekdote zu berichten. Wer indes auch sonst immer außer Jonas etwa der Verfasser gewesen sein könnte, Berichte von Augenzeugen hat er sicher nicht benutzt und außer Gregor auch keine schriftliche Quelle. Die Schrift spiegelt die Lokaltradition von Arras und fixiert somit, was man sich zur Zeit des Verfassers über den Heiligen daselbst erzählte. König Chlodowech, so hieß es, hatte in Rheims dem Bischof Remigius den frommen Vedastes von Toul überlassen; dessen Zelle wurde nun in Rheims mit Vorliebe von den Vornehmen besucht; man liebte seinen sanften Mut und seine liebliche Rede. Remigius bestimmte ihn einem größeren Berufe und schickte ihn in den unwirtlichen Westen; als Bischof von Arras sollte Vedast die Bekehrung des fränkischen Volkes fördern. Die Stadt, vor fünfzig Jahren durch Attilas Hunnen zerstört, lag noch in Trümmern. Der neue Bischof nahm von einer Wüste Besitz. Als er zum Stadtthor kam und eintreten wollte, wurde er angebettelt; er sagte, mit irdischen Gütern sei er nicht gesegnet, aber er habe besseres zu geben. Die zwei Bittsteller wollten jedoch mit Gewalt das Geld, das er auf sich trug, abnötigen, sagten aber, als er wiederum seinen Ersatz für Gold und Silber pries, sie wollten dem also verlieb nehmen. Da sprach er: »Wenn euer Glaube meine Worte begleitet, so spendet die Gnade des Allmächtigen jedem von euch die alte Gesundheit«. Nun legte er die Hände über die Augen des einen, berührte die gelähmten Glieder des andern, machte das Zeichen des Kreuzes, blickte aufwärts gen Himmel, sofort gewann der Blinde das Gesicht, der Lahme den Gang wieder und jauchzend gingen sie beide heim. So gelangte er zur Kirche und trat ein. Da sah er sie ungepflegt und durch die Gleichgiltigkeit der heidnischen Bürger vernachlässigt, angefüllt mit Vipern und befleckt durch Kot und Lagerstätten wilder Tiere. Auch viele Häuser der Stadt waren unbewohnt und starrten vor Schmutz. In einem hauste ein Bär. Vedast vertrieb ihn und verbannte ihn ein für allemal über das Flüßchen Crinchon hinüber. Offenbar liegt doch hier die Sage von der Neustiftung des Bistums Arras durch Vedast in populärer Fassung vor. Auch über Vedasts politische Stellung mag mit der Lokalmemorie soweit getreu berichtet sein, daß Vedast zum Hofe Chlodowechs rege und freundschaftliche Beziehungen unterhielt, daß er dagegen mit Chlothar nur einmal gelegentlich in Berührung kam, an drittem Orte beim Gastmahl eines Großen namens Hozinus. Dort behandelt Vedast die Bierfässer nach Columbans Muster. Ueber seine Missionsthätigkeit verlautet, eine Gesamtbekehrung der Franken jener Gegend sei ihm nicht gelungen, dagegen hätte die Zahl der einzelnen Konvertiten steigend zugenommen.

In Luxeuil entwickelte sich unter dem Einfluß des Jonas eine hagiographische Thätigkeit bei den Mönchen, in die wir uns jedoch leider keinen zusammenhängenden Einblick verschaffen können. Vielfach handelte es sich um Ware von leichtfertigster und oberflächlichster Mache; so ist die Vita des Agilus von Resbay[140-1] wertloses Flickwerk. Die biographischen Thatsachen und Namen sind fast alle sei es dem Columbans- sei es dem Eustasiusleben entnommen; wirkliche Liebe zum Gegenstande verleugnet sich ja freilich nicht, aber da es sich um den Genossen eines schon beschriebenen Heiligen handelt, so glaubte sich der Schreiber weiterer Mühe möglichst überheben zu dürfen, und kopierte so viel ihm eben paßte; wenn er nur seinen Helden möglichst hoch hob. Seine Angaben verdienen daher auch da, wo sie selbständig scheinen nur geringen Glauben: wie leicht kann das scheinbar wahre eben nur unbewußte Kombination von Irrtümern des Verfassers sein; so seine Abordnung an den Hof nach Boucheresse als Gesandter des Klosters, seine Missionsreise mit Eustasius zur Bekämpfung einer Häresie des Bonosus, die sie zu den Bojen oder gar den Bayern und dann wieder nach Metz führte. Harmlose Züge aus dem Klosterleben von Resbay mögen echter sein: einmal holte der Abt einen armen Aussätzigen, der in der Winternacht draußen jammerte, auf dem Rücken herein, und bei einer Kirchweih, da es an Wein gebrach, gelang ihm ein zweites Wunder von Cana, sodaß die Mönche mäßig, das Volk aber übers Maß fröhlich wurden.

Nicht alle Schülerarbeit von Luxeuil ist so gering ausgefallen. So schrieb der Mönch Bobolen, kaum schon vor Jonas, sondern später als Abt von Bobbio, ein gewissenhaftes Lebensbild des heiligen Germanus, des Stifters von Moutiers-Grandval im Jura[140-2]. Germanus stammte aus einem Trierer Adelsgeschlecht und stand in engen Beziehungen zu Bischof Arnulf von Metz. Nach einem Aufenthalt im Kloster zu Remiremont trat er dann in Luxeuil unter Abt Waldebert ein. Diesem hatte der elsäßische Herzog Gundonius einige entlegene Grundstücke im Jura angewiesen. Waldebert besichtigte sie in eigener Person und schickte zunächst den Fridwald, einen Genossen des Columba, um den Klosterbau ins Werk zu rufen; Abt aber wird Germanus und ihm zugleich das Gotteshaus von Sankt Ursitz unterstellt. Er übernimmt die Obhut über die angrenzenden Thalschaften und ersetzt die alte Römerstraße von Pierre Pertuis, die über die Höhen gegen Glovelier hinführte, durch die an der Felsenwand abgesprengte Straße, die bis auf den heutigen Tag der Birs entlang das Thal durchzieht. Die Unruhen im merovingischen Reich, die in jener Gegend ums Jahr 666 zu einem Herzogswechsel führten, und Einfälle heidnischer Alamannen zerstörten leider die Thätigkeit des edeln Abtes. Er selbst wird, auf der Rückreise vom Besuche bei seinem neuen Landesherrn mit seinem Gefährten Randoald erschlagen. Die beiden Leichen wurden zuerst in die Kirche von St. Ursanne gebracht und dann in der Peterskirche des Klosters Münster beigesetzt.

Anhangsweise muß hier auch einer litterarischen Erscheinung gedacht werden, die ohne Heiligenleben zu sein, verwandten Inhalt hat und ohne sich über ihre Herkunft offen auszuweisen, wahrscheinlich auch in dem irischen Vogesenkloster zu Hause ist: das sogenannte hieronymische Märtyrerverzeichnis[141-1]. Es ist unverkennbar gallische Arbeit und in seiner ältesten Gestalt in den beiden Jahren 627/628 geschrieben worden.

Der Verfasser war weniger ein gelehrter, als ein sehr fleißiger und wißbegieriger Mann. Er benützte ein altes orientalisches, wahrscheinlich von einem Arianer abgefaßtes Martyrologium aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, das seinerseits auf der Martyriensammlung des Eusebius von Cäsarea beruhte. Für Afrika ist ein vorwandalischer Kalender benutzt, für Rom ein römischer, der während der Jahre 312 bis 422 geführt wurde. Im übrigen hat der Verfasser unermüdlich Namen und Festtage gesammelt und in die Kalendertabelle eingetragen, sodaß ein antiquarischer und ein currenter Teil zu unterscheiden ist oder, anders eingeschätzt, ein ausländischer und ein gallischer Teil. Durch die zunehmenden lokalen Einträge erhielt das Werk den überwiegend nationalen Anstrich, den es jetzt hat. Und auch dann noch scheidet es sich in zwei Exemplare, von denen das eine das Festverzeichnis von Luxeuil, das andere bei den Kirchen von Auxerre und Autun verbreitet und vervollständigt wurde; endlich scheint es auch nach Aquitanien gekommen und dort mit Zusätzen versehen worden zu sein. Mit Auxerre hat der Verfasser persönlich nichts zu thun, alles deutet darauf hin, daß er Mönch von Luxeuil war und dort geschrieben hat. Die bayrische Heilige Afra von Augsburg, die in römischer Zeit von ihrem nicht eben anständigen Berufe sich bekehrte und Märtyrerin geworden war, ist nicht weniger als viermal im Verzeichnis erwähnt. Wenn es mit der Missionsthätigkeit des Abtes Eustasius in Bayern seine Richtigkeit hat, so mag er ihren Kultus in Luxeuil eingeführt haben; denn ohne die Lechbrücke bei Augsburg zu überschreiten, konnte der burgundische Wandersmann Bayern nicht betreten. Sonst hat unsere Martyrologe nicht das leiseste Bedürfnis zu Notizen über das Leben seiner Heiligen. Das nackte Schema der Tabelle genügte ihm durchaus. Bei ihm handelt es sich nun also ausschließlich um gelehrte Systematik trockensten Stils, während ja gerade deren Verbindung mit der memorienhaften Anekdote das Werk Gregors so anziehend und so wertvoll macht.

4.

In jener Zeit, da die Macht der Dynastie zusehends zerbröckelte, kündet sich dasjenige der Adelsgeschlechter, das die Merowinger schließlich stürzen und ablösen sollte, auch dadurch als das moralisch höhere an, daß sein Stammvater der Gemeinschaft der Heiligen angehört. Arnulf von Metz ist von einem ihm untergebenen Mönche nach eigener Anschauung und Mitteilungen der Dienerschaft geschildert worden. Der Schreiber war freilich der merkwürdigen Doppelgestalt des Staatsmanns und Laien nicht gewachsen; ihn interessiert durchaus einseitig der Asket und der Wunderthäter, als der Arnulf gegen das Ende seiner Tage sowohl seine weltlichen als seine geistlichen Befugnisse vernachlässigte. In seiner Jugend hatte er sich unter den jungen Adeligen am Hofe durch sein intelligentes Wesen ausgezeichnet. Er füllte zunächst eine militärische Stellung aus, trat dann aber in die königliche Verwaltung und hatte schließlich sechs Grafschaften unter sich. Er war bereits Gatte und Vater, als die nähere Bekanntschaft mit dem heiligen Romarich ihn mitten am Hofe für das mönchische Ideal gewann. Im Begriff, in Lerinum einzutreten, nahm er die Wahl als Bischof von Metz an und legte auch seine weltlichen Aemter zunächst noch nicht nieder. Chlothar _II._ betraute ihn mit der Regierung Austrasiens unter der nominellen Herrschaft des noch minderjährigen Prinzen Dagobert. Dann aber hielt ihn kein König mehr. Er zog sich in seine Stiftung, Romarichs Kloster Remiremont oder Habendi, zurück und lebte dort Gott und den armen Leuten.

Das dann folgende Zeitalter der Königin Balthilde, an Heiligen nicht reicher als andere, hat für deren gleichzeitige Beschreibung jedoch mehr einzelne Kräfte aufgebracht, als bisher gewöhnlich gewesen war. Die Fürstin selbst ist zunächst von einer nicht übel berichteten geistlichen Zeitgenossin unter dem unmittelbaren Eindruck ihres Wandels kunstlos und treuherzig geschildert worden. Sie war eine angelsächsische Prinzessin, aber kriegsgefangen nach dem Festland verschlagen worden und unter das Gesinde des fränkischen Majordomus Erchinoald geraten. Dieser wollte sie heiraten; doch wußte sie sich den Bewerbungen des Witwers zu entziehen; ob sie dabei bereits in bewußter Absicht mit der glänzenderen künftigen Stellung rechnete oder ob die Heirat eine mehr oder weniger sachliche Kombination des Leiters der Politik Erchinoald war, Balthilde wurde die Gattin Chlodowechs _II._, dem sie drei Erben Chlothar, Childerich und Theuderich schenkte. Nach dem Tode des Königs im Jahre 657 führte sie für Chlothar die Regentschaft und förderte in dieser hohen Stellung die Kirche, konnte sich aber in den Hofintriguen nicht halten und wurde ins Kloster getrieben. Ihre Liebesthätigkeit galt besonders den christlichen Sklaven; sie kaufte viele los, am liebsten Angelsachsen. Sie lebte in Chelles als die niedrigste der Nonnen und starb an einem Unterleibsleiden im Jahre 680. Das andere von ihr gestiftete Kloster war Corbie. Als der von ihr daselbst eingesetzte Abt noch lebte, wurde ihr Lebensbild wahrscheinlich in Chelles verfaßt nach dem Muster von Fortunats Leben der Radegunde; später glättete ein etwas besserer Skribent das unbeholfene Latein dieser Erinnerungen an die andere merowingische Königin, die sich um ihre Krone noch den Heiligenschimmer hinzu erworben hatte.