Die Heiligen der Merowinger

Part 21

Chapter 213,334 wordsPublic domain

Die bewegte Zeit nach ihrem Abschiede von der Welt wäre für uns unaufgehellt ohne die Lebensbeschreibungen des Leodegar von Autun. Von diesem ist nun freilich weder die eine von einem Insassen des Klosters St. Symphorian zu Autun, noch die andere von dem Abt Ursinus von Ligugé verfaßt; beide stammen vielmehr aus dem neunten Jahrhundert, gehen aber die eine als einfältige Kompilation, die andere als raffinierte Fälschung auf eine alte zeitgenössische Quelle zurück, von der kürzlich ein Bruchstück gefunden wurde[143-1]. Dieser ungenannte Augenzeuge schilderte eine Menge wichtiger Staatsbegebenheiten und lokalgeschichtlicher Details aus den sechziger und siebziger Jahren sehr ausführlich und packend; er verrät genaue Personen- und Ortskenntnis. Das Staats-, Kirchen- und Gerichtswesen ist ihm vertraut. Er tritt mit Pathos für seinen Helden ein und schreibt offenbar in höherem Auftrag. Seine Darstellung ist eigenartig und enthebt sich der strengen chronologischen Reihenfolge, indem er die Thatsachen pragmatisch gruppiert und nachträgliche Ereignisse gelegentlich einfach vorwegnimmt, sobald sie ihm den faktischen Beweis für etwas eben erzähltes zu enthalten scheinen[143-2]. Leodegar oder Saint Leger[143-3], vornehmer Leute Kind, war in der königlichen Palastschule erzogen worden, war dann behufs weiterer Ausbildung zu seinem Onkel, dem Bischof Dedo von Poitiers gekommen und wurde mit zwanzig Jahren Diakon. In der Stellung eines Archidiakons zeichnete er sich nicht nur durch Rednergabe, sondern auch durch Kenntnis des weltlichen Rechts aus und hielt als Richter wie als Lehrer die ganze Diözese Poitiers in Frieden. Danach oder daneben bekleidete er im Maxentiuskloster bei Compiegne die Abtswürde. Als guter Kopf blieb er bei Hofe nicht unbeachtet, und gar sein persöhnliches Auftreten imponierte den großen Herren geistlichen und weltlichen Standes vollends. So brachte er es im Jahre 659 zum Bischof der königlichen Residenz Autun und that sich nun als energischer und scharfblickender Politiker auf. Aus Anlaß der Königswahl gerieten er und der allgewaltige Hausmeier Ebroin an einander. Ebroin war nicht gewöhnt, daß man ihm die Stirne bot. Ueberdies hatte Leodegar Burgund hinter sich, und der Majordomus stammte aus Neustrien. Er ließ daher die königliche Pfalz für Burgund sperren; da der Zutritt zum Hofe jedoch von höchster politischer Bedeutung und den Großen für den Betrieb ihrer Interessen schlechterdings unumgänglich war, lag, wie in Geßlers aufgestecktem Hute, vielleicht in dem Verbot die Falle versteckt, gegen die Vornehmen, die das Verbot verletzen mußten oder aus Stolz verachteten, einen Vorwand zu gewinnen. Leodegar kehrte sich daran nicht: kaum war König Chlothar gestorben, so eilte er mit seinen Anhängern in den Palast. Gegen Ebroins Kandidaten Theuderich, Chlothars dritten Bruder, erhob er Childerich auf den Thron. Durch die rücksichtslose Bestrafung der unbotmäßigen Junker hatte sich Ebroin viele Feinde geschaffen und war sogar einer Verschwörung gegen sein Leben auf die Spur gekommen. Jetzt entschied das Glück gegen ihn: die Mehrzahl der Edeln ließen den rechtmäßigen Thronfolger Theuderich fallen, konstituierten sich und erhoben Childerich von Austrasien zum König. Ebroins Anhang wurde zersprengt; er selbst stellte sich Childerich, verzichtete auf seine Habe und bat nur, sein Dasein im Kloster fristen zu dürfen. Sein Vermögen wurde infolge dessen geplündert und sein Leben, vor allem auf die Fürbitte Leodegars hin, ihm geschenkt. Er wurde nach Luxeuil geschickt. Auch Theuderich wurde geschoren und der Obhut des Abtes zu Saint Denis übergeben. In Burgund übernahm nun, ohne thatsächlich Majordomus zu sein, Leodegar als Leiter des Palastes die Regierung. Seine Politik bedeutete thatsächlich eine Kräftigung des Adels gegenüber der Krone, deren beste Stütze ein energischer Majordomus damals noch war. Die von Ebroin behauptete Machtstellung sollte unmöglich werden. Das Programm, das er Childerich unterbreitete, betraf lauter Punkte, die auf eine Beschränkung der Hausmeierschaft hinauslief: Ausschluß der Erblichkeit, Wechsel unter den Großen, ohne feste Amtsdauer, abhängig von der Adelsmehrheit; jeder Vornehme sollte womöglich einmal ans Ruder kommen. Dieser Bund mit dem Weltadel war nicht nur vom Standpunkt der Königstreue aus bedenklich, er führte ihn, den Bischof, auch zu einem Gegensatz gegen die Kirche. Bischof Prajektus von Arvern, Saint Prix, hatte Streit mit dem Patricius Hektor von Marseille, weil dieser die Tochter einer frommen Arverner Dame Claudia geraubt hatte und nun nach dem Tode der Schwiegermutter deren Vergabungen an die Armen beim Könige anfocht. Leodegar nahm sich des Grafen an und setzte die förmliche Vorladung des Bischofs vor Königsgericht durch. Anfangs weigerte sich Saint Prix am Samstag vor Ostern in Rechtssachen Rede zu stehen, es sei auch gegen das Gesetz. Dann, als man ihn zwang, appellierte er aber sehr geschickt an die Königin Imnichild, deren hohem Schutz er hiemit die Interessen der Kirche anvertraue. Und als er nun gar erzählte, wie man ihn unter Bürgenzwang zu der auch sonst mühseligen Reise nach Autun genötigt habe und es sich herausstellte, daß dies hinter dem Rücken des Königs geschehen war, da hatte er gewonnen Spiel: König und Königin entschuldigen sich bei ihm, alle Bischöfe und Großen ersuchen ihn, die Ostervigilien zu halten und Messe zu lesen für das Heil des Königs und den Frieden der Kirche. Für Leodegar war das der Sturz. Er entflieht mit Hektor. Diesen läßt der König verfolgen, fangen und hinrichten. Auch Leodegar wird auf der Flucht ergriffen. In dem Gericht, das die Ersten des Palatiums über ihn hielten, wurde ihm geradezu, wenn auch wahrscheinlich mit Unrecht, ein Komplott gegen den König zur Last gelegt. Das Urteil lautete einstimmig auf lebenslängliche Klosterhaft. So kam er nun seinerseits nach Luxeuil zu Ebroin. Die alten Feinde mögen sich dort gefunden und vertragen haben. Nun hatte der austrasische Hausmeier Wulfoald, der durch Leodegars Maßnahmen gegen den Majordomat direkt betroffen gewesen war, in allen drei Reichen die Zügel in den Händen. Mit der Palastrevolution, die zu Childerichs Sturze führte, war dann aber auch die Macht dieses neuen Hausmeiers zu Ende. Leodegar und Ebroin langten vielleicht gemeinsam in Autun an. Ebroin mußte bereits in der folgenden Nacht wieder fliehen, indessen Leodegar für einige Zeit die herrschende Stellung in Burgund aufs neue besaß. Er entschloß sich nun mit Leudesius, dem andern Führer der Adelspartei, für Theuderich _II._, den er früher entthront hatte. Die Wirren im Lande waren unbeschreiblich. Und Ebroin gelang es, sich in Austrasien zu kräftigen; sein Einfall in Burgund war siegreich. Er ehrte seinen früheren Schützling, den jetzigen König, der vor ihm flüchtete, als seinen Herrn, tötete Leudesius und übernahm wieder seine Machtstellung von ehemals. Die Reihe kam nun an Leodegar, den alten Feind, den alten Unglücksgenossen. Ebroin ließ Autun durch zwei seiner Heerführer belagern. Der Bischof sah, daß er sich nicht halten konnte. Er verschrieb den aufgesammelten beträchtlichen Parteifonds für Kirchen und Armenzwecke, versöhnte sich mit seinen Feinden und kapitulierte, aber erst nach versuchtem Kampfe. An der Spitze der gesamten Geistlichkeit schritt er hinaus, unter Psallieren, mit den Kreuzen und allen Reliquien. Er wurde als Hochverräter geblendet, unter Klosterbann gestellt und später hingerichtet. Schlau, ehrgeizig, sonst aber kein schlechter Mensch ist er jedenfalls, sobald und solang er Politik trieb, ein kurioser Heiliger gewesen.

Zwei Weltheilige im besten Sinne sind dagegen Saint Eloi und Saint Ouen, die im Verhältnis von Meister und Schüler stehend, mit ihrer Lebenszeit ziemlich ein ganzes Jahrhundert umspannen. Eligius[146-1], keltischer Abkunft, ist in Chatelat bei Limoges im Jahre 588 geboren. Sein Vater hieß Eucherius, die Mutter Terrosia. Um seiner künstlerischen Anlagen willen gab man ihn noch bei sehr jungen Jahren in Limoges dem Goldschmied Bobbon in die Lehre; dieser Bobbon war königlich fränkischer Münzmeister. So erlernte Eligius sowohl die Juwelier- als die Prägekunst. Er that sich dann in Limoges selbständig auf, erwarb sich in der Stadt selbst und in der Umgegend ein Ansehen, das über jeden Zweifel erhaben war. Von Limoges siedelte er nach Paris über und trat dort in Beziehungen mit einem Schatzmeister Chlothars _II._, einem redlichen Manne. Bobbon benutzte die erste Gelegenheit, die sich bot, seinen Schützling dem Könige vorzustellen. Der Fürst war eben im Begriff, einen Thron mit Gold und Edelsteinen anfertigen zu lassen, wußte aber nicht, wen er mit dem Auftrag betrauen sollte. Auf Bobbons Empfehlung, daß einzig Eligius hiezu fähig sei, ließ Chlothar das Gold und die Steine diesem einhändigen. Eligius führte das Werk mit der größten Gewissenhaftigkeit aus. Der König wußte sich vor Erstaunen nicht zu fassen; wie man denn nur mit so wenig Material so prächtiges habe liefern können. Das kam daher, Eligius war ehrlich gewesen, während die andern Handwerker jener Zeit es nicht anders wußten, als zu unterschlagen, und nachher vorgaben, diese Einbuße sei beim Feilen und Einschmelzen nicht zu vermeiden. Einen solchen Mann wußte Chlothar zu schätzen. Er machte ihn zu seinem Minister und während dreier Regierungen vermochte sich Eligius dieses Vertrauen seiner Landesherren zu bewahren. Eligius war ein Mann von hohem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe. Und nicht nur sah er gut aus, er benahm sich auch fein. Er trug einen schönen Bart und langes, wallendes Haar, er pflegte seine Hände, an denen namentlich die feine Bildung der Finger auffiel; seine Gesichtszüge hatten etwas weiches, evangelisches; sein Auge blickte klug und treu. Seit er am Hofe verkehrte, richtete er auch sein äußeres Auftreten danach ein: er trug prächtige Kleider, mit Gold und kostbaren Steinen, wie die großen Persönlichkeiten des Zeitalters. Später wurde er einfacher und ersetzte die kostbaren Stücke seiner Garderobe durch bescheidenere, um die dadurch erzielte Ersparnis Armen und Kranken zuzuhalten. Eligius war im damaligen Frankenreich ein hervorragender Mann geworden, als Künstler wie als Staatsmann. 635 entsandte ihn Dagobert _I._, um bei Judicaël, dem König der Bretonen einen heikeln Auftrag zu erfüllen, dessen er sich mit allem Geschick entledigte. Fünf Jahre später wurde er zum Priester geweiht und zum Bischof von Noyon erhoben. Von da an überwog bei ihm die geistliche Wirksamkeit. Namentlich machte er sich die Bekehrung der Friesen zur Aufgabe. Er starb zu Noyon im Geruch der Heiligkeit, in der Andreasnacht 659, einundsiebzig Jahre alt, unter der allgemeinen Teilnahme des ganzen Reiches und besonders auch der Königin Balthilde. Gleichzeitig mit Eloi’s Erhebung zum Bischof von Noyon war dem Kanzler Dagoberts das Bistum Rouen zugefallen: es war Audoen, der Schüler des Eligius, der auch dessen Leben beschrieb. Dieser fand dann selber wieder einen Schilderer seines Leben. Von drei Edelleuten aus Soissons den Gebrüdern Ado, Dado und Rado war Ado Mönch, Rado ein hoher Finanzbeamter, Dado dagegen, eben unser Audoen, erst ebenfalls Höfling unter Chlothar _II._ und Dagobert, wobei er in den zwanziger Jahren Eligius kennen lernte. Auch ihn führte Neigung, Lebenswandel, königliche Gunst und der Einfluß des Meisters in die bischöfliche Laufbahn. Ums Jahr 640 war es, daß er in dieser Eigenschaft nach Rouen kam. Er unternahm große Reisen. Als er Spanien betrat, fiel zum ersten Mal seit sieben Jahren ein lauer Regen. Er wallfahrtete nach Rom. In Köln wirkte er auf den Frieden zwischen Neustrien und Austrasien hin. Auf der Heimreise stirbt er bei Paris 683 und wird feierlich nach Rouen überführt. Reliquien von ihm kommen nach England. Sein Lob singt überdies ein künstliches Akrostich in Kreuzform, wahrscheinlich das Werk seines Amtsnachfolgers Ansbert[147-1].

Endlich noch ein Missionarsleben. Der Mönch Baudemund aus dem Kloster Elnon bei Tournai schildert die Wirksamkeit seines Meisters Amandus[147-2] folgendermaßen: er wurde zu Ende des sechsten Jahrhunderts in Aquitanien nahe der Meeresküste geboren und war vornehmer Abkunft. Als junger Mann trat er in das Kloster auf der Insel Oia, verzichtete in der Folge auf sein väterliches Erbe und ließ sich am Martinsgrabe von Tours zum Priester weihen. Dann übergiebt er sich Austregisöl und dessen Obersthelfer Sulpizius Pius; und verbringt dort in einer Zelle nicht weniger als fünfzehn Jahre. Vierunddreißig Jahre alt, reiste er nach Rom, später ein zweites Mal; dann widmet er sich endgiltig der Bekehrung der Heiden zunächst in belgischen Landen. Er verläßt sich bei dieser Bekehrung nicht auf seine Wunderkraft, sondern ruft den austrasischen König an, die Taufe zwangsweise mittelst Königsbann durchzuführen. Nicht um selbst geschützt zu sein, drang er auf staatliche Mission der Heiden, sondern weil er Mitleid hatte mit ihrem Irrsal und wohl erkannte, wie wenig sein Märtyrertod auszurichten vermöge, wie viel dagegen die Staatsgewalt. Er erwirkte durch Bischof Aichar von Noyon Briefe und Bannbefehle von König Dagobert. Doch trotz des Königszwanges stieß er auf den härtesten Widerstand; er wurde immer wieder zurückgestoßen, ja sogar in die Schelde geworfen. Amand sucht bei dem fränkischen Grafen Dotto in Tournai, vor dessen Instanz Rechtshändel zu erledigen waren, einen notorischen Dieb vom Galgen freizubitten; aber da der Graf als pflichttreuer Beamter seine Schuldigkeit that und ungeachtet der humanen Einmischungen eines Unberufenen eben hängen ließ, wie das Gesetz es vorschrieb, sagt Baudemund von ihm, er sei grausamer gewesen als irgend ein reißendes wildes Tier. Dann sucht sich der todesmutige Amand, in der ausgesprochenen Absicht, zum Märtyrer zu werden, ein neues Missionsfeld bei den Slaven. Er drang über die Donau nach Baiern vor, kehrt dann aber zurück, nachdem er nur wenige getauft hatte und keinen weiteren Erfolg absah. Ohne die königliche Macht als Rückhalt war eben mit der Mission nichts. »Einstweilen«, heißt es weiter, »hatte sich König Dagobert mehr als recht war, der Frauenliebe ergeben. Vom Schmutz der Lüste einer Entzündung verfallen, bekam er keine Nachkommenschaft und betete zu Gott, er möge ihm einen Sohn geben, der ihm im Reiche folgen könne«. Nun hatte der Heilige früher den König wegen seiner Todsünden zur Rede gestellt und war deshalb verbannt worden. Als jedoch der ersehnte Thronfolger geboren wurde, veranlaßte der König eine Versöhnung in Clichy und nahm der Heilige nach einigen Einwänden die ihm zugemutete Pathenschaft an. Später wurde er, von diesem seinem Täufling König Sigibert _III._ und den Bischöfen gezwungen, den erledigten Stuhl von Mastricht wider Willen anzunehmen. Dort predigt er drei Jahre in einem Wanderleben, fordert aber auch diesmal durch seine schroffe unnachsichtliche Art vielfach den Widerspruch der andern Geistlichen heraus und warf ihnen schließlich das Bistum wieder vor die Füße. Er zog sich auf die Insel Calloo in der Scheldemündung zurück. Vergeblich hatte ihn sein Freund Papst Martin von diesem extremen Schritt abgemahnt und aufgefordert, den Widerstand durch Strafen zu brechen. Zugleich bittet der Papst den Heiligen, bei Sigibert Unterstützung des heiligen Stuhles gegen Byzanz zu erwirken, der erste Versuch eines Papstes mit Hilfe des Frankenstaats den Byzantinern als Haupt der ganzen abendländischen Christenheit entgegenzutreten. In diesen Jahren versuchte der Heilige ebenfalls vergeblich die Wasconen zu bekehren, also nun diesmal ganz anderswo, an der Südgrenze des Reiches, gegen die Pyrenäen hin. Erst wirkt er außerhalb des fränkischen Teiles von Wasconien, muß sich aber auch dann wieder aus Mangel an Erfolg ins Gebiet der Franken zurückziehen. Unermüdlich ist er im Gründen von Klöstern und kann es bis an sein Lebensende nicht überwinden, daß man Vogelschau trieb oder einen Baum als Idol anbetete. Ungebeugt starb er im Jahre 684.

Drei Jahre später erfocht der Hausmeier Pippin bei Tertri den entscheidenden Sieg, der in Wahrheit der Herrschaft der Merowinger ein Ende machte, wiewohl sie dem Scheine nach noch bis über die Mitte des folgenden Jahrhunderts im Regiment saßen. In der letzten Phase ihres Zeitalters hatte die Heiligenschreibung angefangen sich zu der litterarischen Industrie zu entwickeln, als die wir sie dann unter den Arnulfingern bald genug entfaltet finden. Die karolingische Schule für Hagiographie hat auf den Errungenschaften der merowingischen aufgebaut und stellt sie scheinbar weit in den Schatten; denn in ihr floriert das Interesse an der Vergangenheit, und so bevölkert sie denn kaltblütig den Merowingerstaat nachträglich mit Heiligen aller Art, die uns auf unserer Wanderung durch die gleichzeitigen Quellen gar nicht oder anders begegnet sind. Da echte Forschung damals nicht möglich ist, handelt es sich um Mißbrauch der Forschung, um Erfindung und Fälschung[149-1]. Die bescheidenen Machwerke der Merowinger Zeit dagegen sind durchweg ehrlich. Selbst beim hieronymischen Märtyrerverzeichnis ist die Unterschiebung des Kirchenvaters harmlos, da sie nur die Vorrede betrifft und den Inhalt in keiner Weise in Mitleidenschaft zieht. Bei aller Unzuverlässigkeit kann man also bei den beschriebenen Schriften von historischer Treue reden und sie deshalb schätzen, wie ja denn überhaupt das Frankenreich der Merowinger zwar höhere Bildung aber auch höhere Heuchelei nicht kennt, noch roh aber auch noch naiv ist.

Dritter Abschnitt.

Die Legende.

Erinnerung und Erkundigung erschöpfen indessen den Inhalt der Heiligenviten nicht. Ein wesentliches Element in ihrem Bestande wird von der Legende bestritten. Legende ist das uferlos flutende Weistum der Volksseele. Es hat doppelten Ursprung: entweder entquillt es der geschichtlichen Erinnerung, dann ist es Sage. Oder es entspringt der Naturanschauung, dann ist es Mythus. In den Vordergrund unserer Erwägungen drängt sich jedoch das Bewußtsein der Schwierigkeiten, dieses legendenhaften Wesens der Heiligenvorstellung für unsere Erkenntnis überhaupt habhaft zu werden. Zumal nun auch die gebundene schriftliche Ueberlieferung der fließenden mündlichen nicht mehr auf dem Fuße folgt und somit, was bisher noch in den festen Formen der Litteraturgeschichte sich abspielte, sich nun für uns auflöst in ein schwer greifbares Nacheinander oft geradezu gestaltloser Gedankengebilde. In den folgenden markanten Beispielen, an denen die mannigfaltigen Erscheinungsarten der Legende herausgeschält werden sollen, ist der Anteil von Mythus und Sage sehr ungleich, und dasselbe Mißverhältnis zeigt sich in geographischer Hinsicht, insofern das gallische Stammland von Mythenbildung und Teilnahme der Heiligenlegende an ihr fast ganz frei blieb, während der verhältnismäßig schmale Streifen der Alpen- und Rheingegenden davon wuchert. Bei den Franken selbst äußert sich der Trieb zur freien Gestaltung und zur Emanzipation der Phantasie von geschichtlichem Geschehen fast nur in der mehr oder weniger passiven Aufnahme des kirchlichen Sagenstromes, der sich von Rom aus über das fränkische Reich ergießt. Selbst bei zwei Hauptheiligen des Frankenvolkes, wie Martin und Genovefa von Paris ist ein mythischer Beisatz zwar da, aber durch die viel kräftigeren epischen Triebe fast gänzlich absorbiert. Und die heilige Radegunde hat das Volk von Poitiers nur ganz verstohlen mit einem alten Druidenstein in Verbindung bringen können.

Was an mythischen Bestandteilen im merowingischen Heiligenhimmel sich vorfindet, ist teils aus dem Orient hergezogen, wo die Amalgamierung vom Heidnischen ins Christliche vor angetretener Wanderung ins Abendland sich bereits restlos abgeschlossen hatte, oder sie hat sich, sofern ein solcher Austausch auf germanischem Boden stattfand, auf nicht fränkischem Gebiete, am ehesten bei den Alamannen oder den Friesen und Angelsachsen durchgesetzt. Ueberdies kommt die Schiebung in Betracht, die in den germanischen Göttervorstellungen selber vor sich ging. Einen germanischen Olymp hat es nie gegeben; jeder Stamm hatte seine Gottheiten, jeder seinen Glauben für sich. Nur der mächtige Himmelsgott in seinen beiden Gestalten des Tiuz und des Donaraz sowie seine Gemahlin Frijô haben im Glauben aller deutschen Stämme geherrscht, bis der lokale und untergeordnete Wind- und Totengott der Istväonen, Wodan, im Laufe der Zeit sich universale Rechte usurpierte, den Tiuz aus dem Felde schlug und wenigstens in England und im Norden sich bleibend zum obersten der Götter erhob. Auch in Alamannien griff der Wodankult ein, ohne jedoch noch die Verehrung des älteren Kriegs- und Donnergottes verdrängt zu haben, als an der Spitze der fränkischen Reichsmission bereits eine dritte und in der Folge siegreiche Macht ins Feld rückte, eben die Heiligen der Merowinger.

Siebentes Kapitel.

Wanderheilige.

Fassen wir zunächst Heilige ins Auge, an denen der ursprüngliche Charakter der Legende unverändert zu Tage tritt, Heilige, deren Lebensgeschichte keinerlei Spuren memorienhafter Erinnerung mehr aufweist, sondern in ein oft überreiches Detail voll unverfolgter Anknüpfungen und unerwarteten Beziehungen sich verbreitend, doch niemals die dürftigen und lückenhaften Leitlinien des biographischen Verlaufes verbergen kann. Heilige dieser Art, wenn man überhaupt weiß, woher sie stammen, sind meistens irgendwoher aus dem Süden oder von Osten ins Abendland eingewandert. Auch im günstigsten Falle mangeln ihrer Gestalt scharfe Umrisse, scheinen sie vielmehr unwirklich zerflossen; oft genug ist in ihrer Ueberlieferung die Volkstradition überhaupt an mehr als einem Punkte in ihrem Flusse aufgeschöpft, oft sogar von ein und demselben Heiligen mehrmals, sodaß wir dann für denselben Namen verschiedene Gestalten antreffen, die sich unter einander kaum mehr ähnlich sehen. Die reine, unberührte Form der Heiligenlegende liegt in ihrer Unform, in der eigentümlich hypertrophischen, hundertgliedrigen Mißgestalt. Meistens durch Amputationen auf ein historisch mehr oder weniger mögliches Lebensbild reduziert, aber auch dann nicht ohne hie und da einen unvernähten Riß, hat sich diese Urnatur der Legende in seltenen Fällen unserer Einsicht noch in ihrer kruden Mißförmigkeit erhalten, etwa als doppelgeschlechtiges Mannweib, als Jungfrau mit dem Barte. Selbst jene Beschränkung der stofflichen Ueberfülle zu einer natürlichen und faßbaren Sagenfigur, formal gewiß ein Fortschritt, bedeutet doch immer zugleich eine Verarmung für den Ideengehalt der Legende, die, sobald sie unbefangen bleibt, sich immer gespensterhaft zwischen Himmel und Erde als ihrer Heimat in der Schwebe hält. Dort bedient sie sich dann wohl menschlicher Erscheinungsarten, aber sie fühlt sich an sie nicht mehr gebunden.

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