Die Heiligen der Merowinger

Part 19

Chapter 192,664 wordsPublic domain

Als das verhängnisvolle Nein die Lippen des Heiligen verlassen hatte, durchflammte ein wütender Haß, wie sie dessen nur je fähig gewesen war, die Königin mit dem weißen Haare. Sie schickte die Kleinen hinaus. Die Auseinandersetzung unter vier Augen mag von beiden Seiten in der Erklärung unversöhnlicher Feindschaft bestanden haben. Die Schwelle krachte, so hieß es später, als der Gottesmann die königliche Halle verließ. Sofort traf die zürnende Königin Anstalten, die schottischen Klosterleute zu isolieren und ihnen jeden Einfluß abzuschneiden; sie verbot irgend einem von ihnen außerhalb der Grenzen die Durchreise zu gestatten, noch ihnen Unterkunft oder Almosen zu gewähren. Indessen suchte Columban sich des Königs zu versichern; schon meldeten sich bei dem jungen Monarchen Spuren der Entfremdung von dem bisher rückhaltlos verehrten Gottesmann, Spuren seiner Abhängigkeit von der Großmutter. Columban begab sich auf dessen Sommersitz Epoisse. Als er bei Sonnenuntergang dort eintraf, meldete man Theuderich, der Mann Gottes sei da, wolle aber die Häuser des Königs nicht betreten. Theuderich meinte, besser sei es den Mann Gottes durch angemessene Spenden zu ehren, als den Herrn durch Kränkung seiner Diener zum Zorne zu reizen. Er befiehlt daher, mit königlichem Luxus das Geeignete zu bereiten und dem Manne Gottes zu schicken. Man kommt also und bietet ihm die Bewirtung; da er aber in den Schüsseln und Bechern königliche Pracht sich entfalten sieht, fragt er wozu. Als jene sagten, es komme vom König, wies er es zurück und sprach: »Es steht geschrieben, die Geschenke der Gottlosen verwirft der Herr. Nicht ziemt es, den Mund der Diener Gottes zu besudeln durch die Speisen dessen, der diesem Diener den Zugang auch zu anderer Leute Wohnungen versperrt.« Bei diesen Worten brachen alle Gefäße in Stücke, Wein und Most flossen auf den Boden, das andere ward einzeln zerstreut. Diese unerhörte Starrheit veranlaßt den König, noch einmal nachzugeben. Er eilt mit der Großmutter in der Morgendämmerung zu ihm, bittet um Verzeihung und verspricht Abhilfe. Columban wird dadurch wenigstens zur Rückkehr in sein Kloster bewogen. Allein nicht lange werden die eidlichen Zusagen gehalten; nur allzubald bricht man sie. Die Bedrängnis der Klöster nimmt zu; der König kann den anstößigen Wandel nicht lassen. In einem bitterbösen Briefe stellt Kolumban gleichsam ein Ultimatum: entweder sofort endgiltige Besserung oder Exkommunikation. Nun bietet Brunichilde alles auf, um den Störefried kurzer Hand zu vernichten. Sie mahnt alle Großen, alle Höflinge, alle Vornehmen, des Königs Sinn gegen den Gottesmann zu verwirren, hetzt die Bischöfe auf, seine Religion herabzusetzen und die Ordensregel, die er für seine Mönche aufgestellt hatte, zu verdächtigen. Die Höflinge lassen sich überreden und empören den König wider Columban, der sich nun vor die Wahl gestellt sah, entweder auszuwandern oder sich einem Schiedsgericht zu unterziehen. Um das Maß voll zu machen, zwang Brunichilde den Enkel, Columban in Luxeuil selbst zur Rede zu stellen, warum er von der Gewohnheit der Landesbischöfe abfalle und warum er die Innenräume seiner Klöster für die Laien absperre. Auf diese Drohungen des Königs erwiderte Columban, kühn und starken Mutes wie er war, er habe nicht die Gewohnheit, Laien und Nichtreligiöse in die Wohnung der Diener Gottes treten zu lassen, hingegen habe er geeignete Gasträume. Hierauf erklärte der König bündig: »Willst du unsere Freigebigkeit und unsern Schutz länger genießen, so gewähre für Alle allgemeinen Zutritt.« Aber ebenso bündig versetzte der Abt: »Willst du irgend an der bisherigen Regel rütteln, so werde ich eben weder deine Freigebigkeit noch deinen Schutz mehr annehmen.« Da besann sich der König nicht länger und betrat rücksichtslos das Refektorium. Aber der Heilige begleitete diesen Gewaltakt mit so furchtbaren Protesten, daß der König den verbotenen Raum gleich wieder verließ. Die harten Worte machten Theuderich glauben, der Heilige habe ihn zum Blutvergießen reizen wollen: »Du hoffst«, rief er aus, »ich werde dir zum Martyrium verhelfen, so dumm bin ich nicht. Aber da du doch immer etwas ganz besonderes haben mußt, wirst du besser thun, wieder hinzugehen, wo du hergekommen bist.« Sofort brach das Gefolge des Königs einstimmig in den Ruf aus, sie wollten in diesen Landen Niemanden haben, der sich über andere erhaben dünke und sich hochmütig von ihnen abschließe. Columban erklärte, das Kloster nicht zu verlassen; man müsse ihn mit Gewalt hinauswerfen. Damit beauftragte der König einen Vornehmen names Baudulf, der dann also, nach des Fürsten Weggang, die Austreibung des Heiligen vornahm, zwanzig Jahre nach dessen Ankunft, und ihn bei Besançon internierte. Dort nahm sich der Heilige heraus, an des Königs Statt Verbrecher im Kerker gleich selbst zu begnadigen. Als Columban ferner sah, er werde in seiner Verbannung nicht bewacht und von Niemanden belästigt, stieg er auf den die Stadt und das Thal des Doubs überschauenden Berg, prüfte, ob man ihm den Weg zu sperren trachte und da dies nicht der Fall war, ging er mitten durch die Stadt mit den Seinigen wieder in sein Kloster zurück. So hatte er eigenwillig den königlichen Bann gebrochen und den Zorn der alten Brunichilde und des Königs aufs neue und heftigste wider sich herauf beschworen. Der frühere Exekutor Baudulf und außerdem Graf Berthari in Begleitung der nötigen militärischen Mannschaft vollstrecken den königlichen Befehl, der glimpflich auch dieses Mal nur auf Ausweisung lautete. Columban weigert sich erst, das Land zu räumen, dann aber fordert er alle seine Mönche auf, mit ihm das Kloster und Theuderichs Reich zu verlassen. Ragamund, der Führer der Bewachung, hatte ihn bis Nantes zu begleiten. Aber die Eskorte, die sie an die Grenze bringt, soll nur die Britten mitziehen lassen, die fränkischen Mönche dagegen im Lande festhalten. Mit Gewalt wurde Eustasius, sein Schüler, der spätere Abt des Klosters, von seiner Seite gerissen. Die Reise ging in sonderbarem Zickzack; über Besançon und Autun nach der Burg Cavalo, wo ein königlicher Roßwart auf Columban ein Attentat versucht; von da durch das Thal der Cure nach Auxerre; dort wendet sich der Heilige plötzlich, in einer prophetischen Anwandlung an den Führer der Kolonne mit den Worten: »Chlothar, den ihr jetzt verachtet, werdet ihr in drei Jahren zum Herrn haben«. Erstaunt fragte Ragamund: »Herr, weshalb sprichst du solches zu mir«, und erhielt zur Antwort: »Du wirst es schon erleben, wenn du bis dann noch am Leben bist«. Obschon nun Auxerre, die nördliche Höhe von Orleans erreicht war, stieg man wieder tief südlich bis Nevers herab, um hier die Loire auf Kähnen zu überschreiten. Dann geht es nach Orleans; da der König ihnen verboten hat, die Stadt und wäre es auch nur, um deren Kirchen zu betreten, lagern sie sehr traurig unter Zelten am Ufer der Loire. Zwei Mönche werden in die Stadt geschickt, um an Vorräten das Notwendige zu erlangen. Aus Furcht vor dem König wagte man nicht, ihnen etwas zu schenken oder zu verkaufen. Auf dem Rückweg treffen sie auf der Straße die syrische Frau eines blinden syrischen Kaufmanns. Die Fremde ergreift Mitleid mit den hier fremden Britten: »Kommt«, spricht sie, »in das Haus eurer Magd und nehmt, was ihr braucht. Bin doch auch ich eine Fremde aus des fernen Ostens Sonne entstammt«. Auch das Stadtvolk beschenkt nun heimlich die Mönche; offen wagten sie vor den begleitenden Wächtern nicht ihre Sympathie zu bezeugen. Von Orleans fahren sie zu Schiff die Loire hinunter bis Tours. Wider Willen muß die Besatzung Columbans Wunsch, das Martinsgrab zu besuchen, berücksichtigen und in Tours anlaufen. Nicht nur darf Columban in St. Martin einen Tempelschlaf thun, er wird sogar von Bischof Leopar zu Tisch geladen. Beim Essen fragt ihn der Bischof, warum er in die Heimat zurückkehre. Der Heilige antwortet: »Der Hund Theuderich hat mich von meinen Brüdern vertrieben«. Dieser in jedem Fall ungebührliche Ausdruck veranlaßte einen fränkischen Edelmann, Unterthan des beschimpften Königs, obwohl mit Theudebert verwandt zu dem demütig vorgebrachten Einwand, ob Milch trinken denn nicht besser sei als Wermut trinken. »Ich merke schon«, gab der Heilige gereizt zurück: »Du willst wohl die Pflichten deines Treuverbandes König Theuderich gegenüber erfüllen«. Jener erklärte, »ja: er habe den Unterthaneneid geleistet und werde ihn halten, so lang er lebe«. Da fuhr der Heilige fort: »Nun, wenn du doch König Theuderich in Treupflicht verbunden bist, so wirst du ja froh sein, von mir als Gesandter zu deinem Freund und König geschickt zu werden. Bring ihm denn zu Ohren, er und seine Kinder werden in drei Jahren der Vernichtung verfallen sein; der Herr wird sein Geschlecht mit der Wurzel ausreißen«. »Warum, o Mann Gottes redest du solches zu mir?« »Weil ich nicht verschweigen kann, was mir der Herr zu sagen auferlegt.« Als dann Columban zu seinem Fahrzeug zurückkehrte, fand er die Genossen sehr betrübt: in der Nacht waren alle Vorräte und alles Geld aus dem Schiff gestohlen worden. Sofort kehrte Columban in die Martinsbasilika zurück und machte dem Heiligen Vorwürfe, als handelte es sich um einen pflichtvergessenen Nachtwächter: »Nicht deshalb wahrlich habe ich zu deinen Ehren hier gewacht, damit du einstweilen mich und die meinen zu Schaden kommen lässest«. Das gestohlene Gut findet sich wieder. Von Tours gelangen sie nach Nantes. Dem König gehorsam, will hier Bischof Sofronius zu gunsten der Reisenden weder schenken noch tauschen. Aber zwei fromme Frauen beschaffen hundert Maß Wein, hundert Maß Korn, hundert Maß Malz, zweihundert Maß Getreide und hundert Maß anderweitige Naturalien. Nun soll also der Heilige mit seinen Genossen nach Irland eskamotiert werden, der damit betraute Bischof und Graf Theudoald von Nantes lassen die Gesellschaft auf ein schottisches Handelsschiff bringen. Doch läuft es schon bei der Ausfahrt auf, und wird erst wieder flott, nachdem Columban mit den Gefährten und aller Habe wieder ans Land geschafft ist. Also, es war klar, Gott wollte nicht, daß Columban Frankenland verließ. Man wagte keine weiteren Verfügungen. Der Heilige war frei. Nach seinen eigenen Worten zu schließen, wäre Columbans Freiheit aber eben doch auch auf Flucht zurückzuführen[131-a]. Er wandte sich zu dem Feind seines Verfolgers, zu König Chlothar. Dieser hatte schon gehört, mit wie vielen und wie schweren Unbilden Brunichilde und Theuderich den Mann Gottes heimgesucht hatten. Als er ihn erschaute, nahm er ihn auf wie ein Geschenk Gottes, bat ihn, sich in seinem Reiche niederzulassen, er werde ihm ganz zu Diensten sein. Columban lehnte ab: sei es, weil er die Pilgerschaft nun für die ihm zukommende Lebensform erkannte, sei es, weil er den Grund zu Streit zwischen Chlothar und Theuderich beseitigen wollte. Chlothar hielt ihn fest, so viele Tage er konnte, ließ sich von ihm wegen gewisser Mißbräuche schelten, die kaum an einem Königshofe fehlen, und gelobte alles nach seinem Befehle zu bessern. Während Columbans Anwesenheit bei Hofe brach zwischen Theuderich und Theudebert ein Grenzbereinigungsstreit aus, und beide baten durch Gesandte Chlothar um Hilfe. Dieser war geneigt sich einzumischen, bewahrte aber die Neutralität, als Columban riet, keinem beizustehen; in drei Jahren werde er beider Reich in Gewalt bekommen. Darauf zwang er den König, ihm behilflich zu sein, durch das Reich Theudeberts über die Alpen nach Italien zu gelangen. Chlothar ließ ihn zu Theudebert geleiten, über Paris und über Meaux. Hier nahm ihn ein Edler, Hagnerich, Theudeberts Gefolgsmann auf. Dieser übernahm es, den Heiligen bei Hofe gut einzuführen, der von König Chlothar mitgegebenen Flügeladjutanten bedürfe es nicht. Columban segnete sein ganzes Haus und weihte insbesondere das Töchterlein Burgundofara dem geistlichen Stande. Zu Eussy an der Marne wurde der Heilige von einem andern fränkischen Großen und dessen Gattin Aiga bewirtet, die ihm ihre Knaben Ado und Dado darbrachten. An Theudeberts Hofe wurde er mit Jubel und Ehrfurcht aufgenommen. Der König schlug ihm die Missionierung der heidnischen Alamannen vor. Columban wollte es auf den Versuch ankommen lassen und wählte die Gegend am Bodensee, da die Zeit der Bekehrung der Wenden und Slaven noch nicht gekommen sei. Dort hätte dann allerdings auch der Rückhalt am Frankentum, den der kühne Missionar noch in der Bodenseegegend gewiß beruhigend verspürte, aufgehört. Zu Bregenz störte er ein heiliges Biergelage, an dem Schwaben aus einer mächtigen Kufe Wodansminne tranken; in abergläubischer Scheu und aus Furcht vor dem Könige ließen die erschreckten Heiden diese Schändung ihres Opfers ungerächt: der fremde Zauberer habe einen starken Atemschnauf, meinten sie, kaum habe er von weitem gehaucht, so sei das Faß zersprungen und sei doch mit Reifen gebunden gewesen; offenbar war ein so gewaltiger Bläser eben doch stärker als ihr bisheriger Gott Wodan. Ganz unvorbereitet waren sie überdies nicht, denn unter diesen Götzenzechern saßen einige, die bereits getauft, aber wieder rückfällig geworden waren. Auch in diesem hintersten Winkel des großen fränkischen Reiches behielt Columban ein wachsames Auge auf die politischen Wirren jener Jahre. In einem Traumgesicht schaut er den ganzen Erdkreis so klein, wie die Schreiber ein Rund mit der Feder zu zeichnen pflegen. Auf die Nachricht von dem Siege Theuderichs über Theudebert verließ er Deutschland und das Frankenreich; er wandte sich nach Italien. Der Langobardenkönig Agilulf sagte ihm sofort alle Gnaden zu. Erst trat Columban in Mailand gegen die Arianer auf und erhielt dann die verfallene Peterskirche zu Bobbio im Apennin zur Gründung eines Klosters angewiesen. Er versah die Ruine mit einem neuen Dach und neuen Mauern. Einem durch Eustasius von Luxeuil bestellten Ruf Chlothars _II._ schlug er aus. Er sei nun zu alt. In der That starb er nach dem ersten Jahr zu Bobbio, im November 615[133-a].

3.

Der Verfasser dieses Lebens des Columban ist Jonas von Susa, der bedeutendste Heiligenschreiber des siebenten Jahrhunderts. Von Geburt ein Italiäner, war er im Jahre 615 nach Columbans Tode in dessen Kloster zu Bobbio eingetreten und hatte daselbst seine Beziehungen zum Frankenreich geknüpft Im Jahre 628 begleitete er den Abt Bertulf nach Rom, um für das Kloster die Exemption vom Diöcesanbischof zu erwirken; aber noch vor Bertulfs Tode verließ er Bobbio und begab sich nach Gallien. Nur gegen das Versprechen, er werde Columbans Leben schreiben, ließen ihn die Mönche überhaupt ziehen. In Gallien widmete sich Jonas unter Leitung des Amandus der Mission der heidnischen Franken. Da er dabei meistens beschäftigt oder unterwegs war, konnte er erst nach drei Jahren, etwa 640, die versprochene Arbeit den Aebten Waldebert von Luxeuil und Bobolen von Bobbio überreichen. Jonas führte den Titel eines Abtes; wahrscheinlich aber hat er nie ein Kloster regiert, sondern in herrschaftlichen Diensten gestanden, wahrscheinlich als Beichtvater und Geschäftsträger der Königin Balthilde oder ihres jungen Sohnes Chlothar _III._; im Jahre 659 finden wir ihn im Auftrage dieser Fürstin in Chalons.

Der bedenklichste Punkt in der Darstellung von Columbans Zeit und Wirksamkeit durch Jonas ist die unwahre, gehässige Zeichnung der klugen und energischen Königin-Regentin Brunichilde. Er, dem hierin sofort Fredegar und alle andern folgten, hat den Leumund der merkwürdigen Frau so entstellt, daß erst durch ehrliche Bemühungen in unseren Tagen eine gerechte Beurteilung[133-1] möglich wurde. Das übliche Visavis der gemeinen Stallmagd Fredegunde ist von vornherein abzuweisen. Brunichilde war kein Engel, aber noch weniger war sie eine Dirne. In ihrer kurzen Ehe mit Sigibert hat sie dessen Treue nicht getäuscht und auch ihre phantastische Heirat mit Merowech beschattet wohl ihre politische Klugheit in jungen Jahren, aber nicht ihre Frauenehre. Selbst der Haß der mönchischen Gegner wagt erst für ihr Greisenalter die schon darum unglaubliche Verdächtigung ihres Wandels. In der Politik hat sie unerlaubte Mittel nicht gescheut; aber nie ist sie, wie Fredegunde, mit Gift und Dolch umgegangen. Mehrfach übt sie Milde und Großmut, kauft in fränkische Kriegsgefangenschaft geratene Langobarden los, unterstützt wohlthätige Anstalten, ist freigebig gegen die Kirche und die Armen. Als Herrscherin wuchs sie zwar erst nach und nach in ihre Aufgabe hinein; dann aber verfolgte sie immer energischer, immer bewußter ihr Ziel: gegenüber einer zügellosen Interessenpolitik und einem Egoismus, dem nichts mehr heilig war, die Sache des Staates, der Reichseinheit, des Rechts, des Königtums. Da, während sie erst für den Sohn, dann für den Enkel und schließlich für den Urenkel die Herrschaft führte und jahrzehntelang immer aufs neue, zumal ohne eine verfassungsmäßige Sicherheit ihrer Frauenregentschaft, Kampf und Kampf gegen den australischen Adel ausfocht, fuhr ihr nun auch noch der hergelaufene Idealist in die Quere, als der ihr, von ihrem Standpunkt aus mit Recht, Columban vorkam. Gleichgiltigkeit oder gar Feindschaft gegen die Kirche darf man aber einer Brunichilde nicht vorwerfen, die Papst Gregor der Große zu seiner wesentlichsten Mitarbeiterin in den kirchlichen Angelegenheiten ihres Reiches herbeizog. Verblendung und niedere Parteileidenschaften hat die hohe Frau in die Blutmegäre der Sage verwandelt und zwar aus bloßem Haß, daß ihre staatsmännische Hand bei Lebzeiten die Kirche in so festen Zügeln gehalten hatte.