Part 18
Schon unter den Frankenkönigen hatten sich einige, so Charibert, besonders aber Chilperich, als lateinische Schriftsteller versucht. Und nun ist es ein germanischer König, der zuerst nach Gregor als Verfasser eines Heiligenlebens auftritt. Sisebutus saß während der Jahre 612 bis 620 auf dem westgothischen Thron. Er war der Mäcen des berühmten Encyklopädisten Isidor von Sevilla und liebte es, aus seinem Palast oder aus dem Kriegslager diesem gelehrten Freunde gelegentlich lateinische Verse zu senden. Er war zudem ein eifriger Katholik, der die Arianer und Juden nicht nur haßte, sondern auch verfolgte. Wenn nun er den Namen des unglücklichen Bischofs Desiderius von Vienne litterarisch verewigte, so thut man wohl, von einem solchen Urheber alles, nur keine unparteiische Schilderung zu erwarten: in der That schreibt Sisebut, »um die Mitwelt anzuspornen und die Nachwelt zu erbauen«. Alles Licht teilt er seinem Helden zu und dessen Feinden allen Schatten. Daß die Königin Brunichilde der gehässigsten Verleumdung anheimgefallen ist, darf man dem Verfasser um so weniger verzeihen, als die Königin eine westgothische Prinzessin und zur Zeit, da der ihr verwandte Fürst schrieb, bereits ihrer tragischen Hinrichtung verfallen war. Mit mehr Recht mag ihr Urenkel Theuderich _II_ als dumm und falsch hingestellt sein. Im übrigen ist das Desideriusleben, zumal wenn man die ungewöhnlichen Personalien des Schriftstellers gebührend in Anschlag bringt, eine höchst respektable und wertvolle Leistung; auch muß bedacht werden, daß Sisebut in seinen Erkundigungen auf Gerüchte und Aeußerungen der öffentlichen Meinung angewiesen war. Das Leben nun, das er uns schildert, hat folgenden Verlauf genommen[122-2]: Desiderius entstammte einem altgallischen Adelsgeschlecht. Er war dem geistlichen Stande bestimmt und wissenschaftlich gebildet, hatte auch Unterricht erteilt und mehr als einen Ruf auf einen Bischofssitz ausgeschlagen, als er höherem Drängen nachgebend den Stuhl von Vienne bestieg. Er wurde schöngeistiger Neigungen verdächtigt, schlimmer aber war die im Jahre 602 auf der Synode von Chalons gegen ihn erhobene Anklage, mit einer Edelfrau namens Justa sich vergangen zu haben. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Hofintrige. Desiderius wurde nach der Insel Livisio verbannt. Bei seiner Absetzung war Brunichilde noch nicht beteiligt. Dagegen unterstützte sie auf das Betreiben des Aredius von Lyon die Wahl des Domnolus nach Vienne. Bald darauf wurde Brunichildens rechter Arm, der Majordomus Protadius zu Kiersy an der Oise, in einer Lagerrevolte des fränkischen Dienstadels ermordet. Um dieselbe Zeit starb Justa. Der junge König und seine Urgroßmutter erschracken und lenkten ein. Desiderius war mutig und unvorsichtig genug, die für ihn günstige Wendung zur Rückkehr zu benutzen. Doch überwarf er sich bald mit den königlichen Machthabern. Wahrscheinlich hat auch diesmal wieder Aredius von Lyon gehetzt. Das Urteil lautet auf Uebertretung des königlichen Bannes, auf Bruch der Vasallentreue, also auf Hochverrat. Dafür war bei den Germanen Steinigung die übliche Strafe. Die Henker rissen ihn aus der Kirche. Es gelang ihm den Steinen auszuweichen, dann wurde er mit einer Keule erschlagen, vielleicht am 23. Mai 607. An seinem Grabe stellten sich die üblichen Wunder ein.
Auch ein bischöflicher Kollege des Desiderius im Norden des Reichs hat einen zeitgenössischen wenn auch anonymen Beschreiber seines Lebens gefunden. Bischof Gaugerich von Cambrai[123-1] ist Zeit seines Lebens nach keiner Seite hin irgendwie hervorgetreten. Er wurde um die Mitte des sechsten Jahrhunderts geboren, den Romanen Gaudentius und Austadiola, in dem alten Kastell Yvois oder Ipsch, das an der Straße von Reims nach Trier liegt. Dort gab es zu jener Zeit noch Heiden. Der Ort hatte jedoch seine Kirche und seinen Priester, der zugleich einer Schule vorstand. Die kanonischen Satzungen fordern, daß der Bischof zeitweise seine Diözese bereise, um die für den geistlichen Beruf tauglichen Knaben auszuwählen und zu ordinieren. Auf einer solchen Reise kam Bischof Magnerich von Trier auch nach Eposium. Unter den Schülern wurde ihm Gaugerich als der für ein Kirchenamt geeignetste vorgestellt. Nicht bloß seine Kenntnisse und seine anhaltende Beschäftigung mit der heiligen Schrift, auch seine Führung empfahlen ihn hiefür: auf das Glockenzeichen eilte er zuerst zur Kirche und wenn seine Mitschüler speisten, fastete er oft, um seine Speise den Armen geben zu können. Hiezu kamen seine vorteilhaften äußeren Eigenschaften, insbesondere sein stets heiterer Gesichtsausdruck. Ganz von ihm eingenommen, weihte ihn der Bischof durch Auflegen der Hände für den geistlichen Stand. Der Bischof versprach ihm die Diakonatsweihe, wenn er bei seiner Wiederkehr den ganzen Psalter auswendig gelernt hätte. Durch anhaltendes Studium bei Tag und Nacht erreichte Gaugerich sein Ziel und wurde so Diakon. Unter der Regierung des austrasischen Königs Childebert, dem Sohne Chilperichs und der Fredegunde, trat eine Vakanz auf dem Bischofsstuhle in Cambrai ein. Von Klerus und Volk zum Bischof ausersehen, wurde Gaugerich dem König zur Bestätigung vorgeschlagen. Auf eine königliche Ordre hin erfolgte dann die feierliche Ordination durch den Metropoliten Aegidius von Reims. Das Wunderbare tritt in diesem schlichten Heiligenleben fast ganz zurück. Es handelt sich hauptsächlich um die Befreiung von Gefangenen und Sklaven, denen auf das Gebot des Bischofs hin die Ketten vom Leibe fallen. Seitdem das fünfte Konzil von Orléans im Jahre 549 die Fürsorge für die Gefangenen den Geistlichen zur besonderen Pflicht gemacht hatte, sollten die Archidiakonen Sonntags die Kerker aufsuchen und die Bischöfe den Gefangenen aus ihrer Kirche den Unterhalt gewähren. Die Bischöfe begnügten sich aber bald nicht mehr mit einer Milderung des Loses dieser Unglücklichen, sondern setzten ihren Ehrgeiz darein, sie ganz aus Ketten und Banden zu befreien. Von einer Prüfung, ob diese Gefangenen die Freiheit auch wirklich verdienen, ist nirgends die Rede. Man kann es daher Beamten, wie Graf Waddo von Cambrai und dem Gefängnisaufseher Walchar nicht verdenken, wenn sie sich sträubten, den Bitten des Bischofs Gehör zu schenken. Einst, wahrscheinlich nach dem Jahre 613, als Chlothar _II_ zum zweitenmale Herr von Paris geworden war, begab sich Gaugerich an dessen Hof nach Chelles, wo er mit dem Majordomus Landerich zusammentraf. Auch dieser hatte zwei Gefangene, die mit dem Tode bestraft werden sollten; durch das Gebet Gaugerichs erhielten sie aber die Freiheit zurück; ebenso wurde durch Gaugerichs Dazwischenkunft ein Trupp an den Händen gefesselter Sklaven freigelassen, die ein Kaufmann zum Verkauf herumführte, zu Famars, südlich von Valenciennes. Auffallender sind zwei andere Wunder, die dem Heiligen zudem nicht in seiner Heimat gelungen sind. Als Gaugerich von König Chlothar an das Grab des heiligen Martin zur Verteilung von Spenden an die Armen nach Tours gesandt wurde, heilte er einen Blinden, der bereits dreißig Jahre des Augenlichts beraubt war; das anderemal, als es einen Hof zu inspizieren galt, den die Kirche von Cambrai im Perigord besaß, blieb der Stock des Heiligen in der Kirche von Perigueux von selbst aufrecht stehen, als wäre er mit Blei gefüllt. Da der Biograph keine fortlaufende Darstellung der bischöflichen Thätigkeit Gaugerichs gibt, sondern nur seine vermeintlichen Wunderthaten schildert, konnte auch die Teilnahme des Bischofs an der Synode zu Paris vom Jahre 614 oder 615 um so eher unerwähnt bleiben. Gaugerichs Todestag ist der elfte August eines der Jahre von 623 bis 629. Neununddreißig Jahre lang hatte er das Bistum verwaltet. Er wurde in der Kirche des heiligen Medardus auf dem der Stadt benachbarten Berge bestattet. In seinem Schlafgemache ließ sein Nachfolger Bertoald, ein Franke von Geburt, sein eigenes Bett aufschlagen und dafür Gaugerichs Sterbebett in die Medarduskirche abführen. Als ihm aber nächtlicher Weile der Heilige erschien und ihn verwarnte, stellte er schleunigst die alte Ordnung wieder her. In dem Schlafgemach aber baute er einen Altar und dort mußten fortwährend Kleriker dem Gottesdienste obliegen.
Obwohl diese alte Vita einen bestimmten Hinweis auf den Ort ihrer Entstehung nicht enthält, so ist unzweifelhaft, daß sie einem Kleriker von Cambrai verdankt wird, denn der Verfasser kennt die Oertlichkeiten daselbst offenbar aus eigener Anschauung. Und wie er bei seinen Schilderungen stets die alten merowingischen Einrichtungen, keine neueren Institutionen vor Augen hat, so zeigt auch die Sprache der Vita, daß sie sicher noch im siebenten Jahrhundert geschrieben ist; durch die Feile der karolingischen Schule ging die Schrift nicht. In ihrer rohen Form und ihrer gedrängten Kürze ist sie noch der Vertreter eines Heiligenlebens alter gallischer Manier. Von England waren unterdessen neue Heilige gekommen und alsdann aus Italien eine künstlichere Art, sie zu beschreiben.
2.
Ende der achtziger Jahre erschienen am Hofe König Gunthrams britische Mönche unter Führung des Columban[125-1]. Der König hoffte von ihnen Heilung der tief gesunkenen Kirchenzucht und stellte ihnen alle Gnaden in Aussicht, wenn sie nur blieben. Irgendwelche Landschenkung wollten sie nicht annehmen, doch stimmten sie zu, sich in der Bergeinsamkeit einzuhausen. In den Vogesen waren ihnen die Ruinen des Kastells Anagray wild und abgelegen genug. Als aber die Teilnehmerzahl überhandnahm, wurde in Luxeuil, acht Meilen entfernt, ein zweites Kloster gegründet mit der besonderen Bestimmung, Novizen aus der fränkischen Aristokratie aufzunehmen. Der Uebervölkerung des Mutterklosters sollte ein drittes steuern, das nach den dort entspringenden Quellen Fontaines hieß. Mit der Leitung der Filialen betraute Columban Brüder von zuverlässiger Gesinnung und stellte die gemeinsame Regel auf. Die Gründung fiel etwa ins Jahr 590.
Columban stammte aus Leinster in Irland. Ueber gelehrten Studien, die er betrieb, war der Drang zum Missionar in ihm erwacht. Seine Mutter wollte ihn nicht ziehen lassen und legte sich quer vor die Thürschwelle; da sprang er über sie hinweg und rief, sie werde ihn nie wieder sehen. Er begab sich zunächst behufs weiterer Ausbildung zu dem bibelkundigen Einsiedler Senilis und dann ins Kloster Banchor zu dem heiligen Comgall. Immer mehr erfüllte ihn dort das Christuswort: »Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden und wie wollt ich, es brennte schon«. Der geplanten überseeischen Expedition standen mannigfache Hindernisse im Wege. Endlich, im Alter von dreißig Jahren, brach er mit zwölf Gefährten auf. Das Schiff lief glücklich in der Bretagne an. Sie erholten sich erst an der Küste, dann drangen sie ins Innere Galliens ein und konnten sich da nun allerdings überzeugen, wie sehr der Kirche Zucht und Besserung notthat[125-a].
Die Vogesenklöster wirkten sofort auf die Umgebung. Abt Caramfok aus Salicis sandte den Mönch Markulf nach Anagray, um freundschaftliche Beziehungen herzustellen. Auch zur irischen Heimatsinsel sollten die Bande nicht abgerissen sein: doch war der dorthin gesandte Besuch Bruder Autiern’s Gegenstand einer ernsten, tagelangen Erwägung von seiten Columbans. Von den andern Brüdern werden noch Somari, Gall, Cominin, Ennoch, Equanach und Gurgan genannt. Ein Laufbursche des Klosters hieß Domoalis. Es währte nicht lange, so traten auch der in Besançon residierende Herzog Waldalen und seine Frau Flavia mit Columban in Verkehr. Sie bestimmten den vom Heiligen ihnen erbeteten Sohn dem geistlichen Stande: es war der spätere Bischof Donatus von Besançon; ein zweiter Sohn Ramelan erbte die väterliche Herrschaft. Bei der Geburt dieser beiden Kinder stifteten die Eltern zwei Klöster, eins in der Stadt, das andere in Besançon, und unterstellten sie Columbans Regel; nach dem Tode des Gemahls gründete Flavia überdies ein Nonnenstift. Columban lebte viel in der Einsamkeit, oft verließ er das Kloster, nahm einen Band der Bibel auf seine Schulter und verbarg sich auf unbestimmte Zeit in einer Höhle. Wenn es harte Arbeit zu verrichten galt, zog er Handschuhe an. Als er sie einmal auf einem Stein vor dem Eßsaale liegen ließ, kam ein Rabe und trug sie ihm weg. Von Weltpriestern schloß sich ihm namentlich ein Dorfpfarrer namens Winnoch an, der Vater des späteren Abtes Bobolen von Bobbio. Andere, wie Chamnoald, der königliche Kaplan von Laon, belauschten den fremden Mönchsvater ehrfürchtig, ohne sich ihm zu nähern, wenn dieser in der Wildnis sich erging, mit den Tieren spielte und die Vögel und Eichhörnchen vom Aste auf seine Hand nahm, ja sie zärtlich in den Busenfalten seiner Kutte hegte[126-a].
Aber dieses Idyll hielt nicht vor. Der Heilige selbst mag es nur in dem Bewußtsein genossen haben, daß es eines Tages vorbei sein werde und ein harter Kampf ihn auf den Plan rufe. »Laßt mich doch in meinen Wäldern schweigen«, schrieb er 601 den Bischöfen nach Sens. In der Einsamkeit ist ihm die Kraft erwachsen, später, als es dann einmal zu reden galt, das harte, ungeschwächte, unversöhnliche Wort nicht zu scheuen. Längst hatte man in der Königsfamilie sich für den fremden Gottesmann interessiert. Er hatte Zeit gehabt, sich sein Verhalten zu überlegen; er konnte kommen sehen, was dann wirklich kam. Er scheint aber keineswegs von anfang an einem friedlichen Verhältnis abgeneigt gewesen zu sein. Wozu hätte er sonst den jungen König immer wieder empfangen und den Einladungen an den Hof Folge geleistet? Da, eines Tages im Jahre 607, machte er der Königin Brunichilde seinen Besuch auf ihrem Landsitz Boucheresse bei Autun. Als er an die Halle des Herrenhofes getreten war, führte ihm die greise Fürstin ihre Urenkel zu. Wie er diese sieht, zuckt er zusammen und fragt, was er damit solle. »Es sind die Söhne des Königs«, versetzte Brunichilde, »Kräftige sie durch den Zauber deines Segens.« Da warf ihr Columban zu: »Wisse niemals werden die Kinder da ein Königsszepter erben, denn es sind Hurenkinder.« Damit hatte er ja nun allerdings nur zu sehr Recht; die Lasterhaftigkeit der alten Merowinger hatte in ihren schwächlichen Nachkommen nun gar noch den widerlichen Zuwachs erhalten, daß sie unnatürlich verfrüht auftrat. Theuderich war ein Knabe von fünfzehn Jahren, als ihm ein Sohn und nicht einmal sein erster geboren wurde. Zu weiterem Anstoße mußte dem Heiligen dienen, daß Bastarde wie echte Söhne für der Erbfolge fähig galten. Brunichilde aber empfand nach dem fränkischen Verfassungs- und überdies dem merowingischen Hausrecht, wonach uneheliche Königssprossen ohne weiteres folgefähig waren, da nur das königliche Geblüt, die Abstammung vom Manne entschied. Der Jüngling Theuderich, der mit seinen fleißigen Buhlschaften einen Hang zu schwärmerischer Frömmigkeit verband und sich dem berühmten fremden Gottesmann in den Vogesen mit aller Demut zu nähern suchte, war von Columban unbarmherzig gescholten worden: er solle nun das Buhlen lassen und nach dem Genuß des Herzenstrostes einer rechtmäßigen Ehefrau trachten, auf daß ihm von einer ehrbaren Königin königliche Nachkommenschaft erwachse. So berechtigt diese Forderung gewiß war, im vorliegenden konkreten Falle verlangte sie fast unmögliches; denn Columban heischte nicht etwa bloß Besserung für die Zukunft; er sprach den bereits Geborenen das Erbrecht ab, und das bedeutete einen geradezu unerhörten Eingriff in die nun seit hundert Jahren niemals angefochtene Familientradition des Königshauses. Hiezu kam, daß der Versuch, Theuderich standesgemäß zu verheiraten, scheiterte. Die Tochter des gotischen Prätendenten Witterich, Herminberga, verlobte sich mit Theuderich und hatte auf ihrer Brautfahrt bereits die Residenz Chalons erreicht als Brunichilde in letzter Stunde die Heirat hintertrieb, sei es aus Eifersucht und um nicht durch eine Junge verdrängt zu werden, sei es in der begreiflichen Aufwallung ihres gothischen Königsblutes gegen die Tochter dessen, der den rechtmäßigen, ihr noch verwandten Herrscher der Goten, Leova, gestürzt und grausam ermordet hatte. Brunichildens ganze Hoffnung ruhte nun also auf den beiden Knäblein, hinter deren Abkunft sie durchaus nichts unerhörtes sah. Aber sicher spürte sie die Bedeutung des Augenblicks, als sie den mächtigen Volksheiligen für ihre Urenkel um den Segen bat. Spendete er ihnen diesen Segen, so war vollends jedes Bedenken verscheucht, das etwa kirchlicherseits noch hätte erhoben werden können: ein Segen aus diesem Mund und von diesen Händen ersetzte die mangelnde ehrliche Geburt. Columban dagegen mag, er auch, nicht weniger die Krisis des Moments gespürt haben. Ließ er sich jetzt bereit finden, so eröffnete er sich eine Machtstellung am Hofe und sicherte damit seinem Werke die Existenz im fränkischen Reiche, das die von ihm geplante Sittenzucht nötig hatte, nötig genug. Aber dann gab er zugleich preis, was eben gerade die Seele ~seines~ Werkes war, wodurch es sich von der doch auch nicht mangelnden einheimischen Bußbestrebungen unterschied: die Strenge der sittlichen Forderung in souveräner Autonomie, ohne Seitenblick auf die Umstände und ohne Zugeständnis an die zufällige Konstellation der Stunde. Er fand den Mut, sich selber treu zu bleiben, den schwindelerregenden Mut, den durchdringenden Blick der Fürstin, der ihn umwarb, ihn anflehte, ihn beschwor, ihn bedrohte, diesen Blick auszuhalten, den Segen zu verweigern. Die Begegnung von Boucheresse bewies es wieder: es giebt freilich Fälle, wo das politisch Beste und ein reines Gewissen unvereinbar sind.