Die Heiligen der Merowinger

Part 15

Chapter 153,549 wordsPublic domain

Ein Zeitgenosse Martins von Tours kam, immerhin nach dessen Tode, in das Kloster, das nahe der Martinskirche bestand. Er war seiner Braut davongelaufen und hieß Venantius[096-b]. In der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts sodann wurden die Brüder Lupicinus und Romanus[096-c] Väter eines burgundischen Asketenvereins, der an den Westabhängen des Jura es mit der Zeit auf drei Niederlassungen brachte. Lupicinus war verheiratet gewesen, Romanus nicht. Nach dem Tode der Eltern richteten sie sich im Jouxthale, auf der Grenze von Burgund und Alemannien im Bezirk der Stadt Aventicum als Einsiedler ein. Auf dem Boden ausgestreckt beten, Psalmen singen und sich von Kräuterwurzeln nähren, war ihr Tagewerk. Die Steinschläge, die in der Bergwildnis natürlich waren, faßten sie als Angriffe der Dämonen auf und zogen sich auf ernstliche Verwundungen hin sogar in die bebaute Gegend zurück, bis eine arme Frau, die sie beherbergte, ihnen ihren Mangel an Mut vorstellte und sie so zur dauernden Ansiedelung in den Wäldern bewog. Durch Zuzug von Brüdern entstand zunächst das Kloster Condatiscone; man schlug eine Lichtung im Walde und baute den Boden an. Dann erfolgte die Gründung einer Filiale noch auf altburgundischem Gebiete und schließlich einer dritten Niederlassung im Waadtland. Die Oberleitung lag in der Hand des Lupizinus. Er übte gegen sich selber die strengste Enthaltsamkeit; oft aß er überhaupt nur alle drei Tage ein einziges Mal. Den Durst bekämpfte er, indem er ein Gefäß mit eiskaltem Wasser in seine Hände nahm und so die quälende Empfindung milderte, ohne ihr durch Trinken nachzugeben. So konnte er gegen die ihm untergebenen Mönche ebenfalls streng auftreten und strafte nicht nur böse Handlungen, sondern sogar schon böse Worte; auch längere Gespräche und Begegnung mit Frauen sollten vermieden werden. Immerhin konnte sich die zahlreiche Genossenschaft durch den Ertrag ihrer Feldarbeit nicht erhalten; Lupizin bestritt das Notwendige aus einem geheimen Schatz, der sich ihm irgendwo geöffnet hatte und jahrelang vorhielt. Doch blieb der Uebelstand nicht aus. Bei seiner Visitation des Nordklosters, das später nach dem Bruder Romainmotier hieß, traf Lupizin um Mittag ein, als die Mönche noch auf dem Felde waren und zu Hause eben gekocht wurde. Zu seinem schmerzlichen Erstaunen gewahrte er da Vorbereitungen für eine Mahlzeit von mehreren Gängen, wobei allerlei Fischarten nicht fehlten. Rasch entschlossen befahl er einen kupfernen Kessel mit siedendem Wasser über das Feuer zu setzen, ließ Fisch und Kraut und Rüben hineinwerfen und den Absutt vorsetzen: »An dieser Suppe satt essen sollen sich die Brüder«, sagte er, »das ist Mönchsspeise und zieht nicht von der Beschäftigung mit Gott ab«. Auf diese Gewaltsverfügung hin traten zwölf Mönche aus, besannen sich aber nach einiger Zeit eines bessern und kamen wieder. Während Lupizinus sich der Verwaltung der drei Klöster annahm, zeichnete sich Romanus durch stillen Wandel und gute Werke aus: er besuchte Kranke und betete sie gesund. Einst auf der Wanderschaft wurde er von der Dunkelheit überrascht und gezwungen, in einem Siechenhaus zu übernachten. Die neun Aussätzigen, die es bewohnten, gewährten ihm um so lieber Unterkunft, als er sofort warmes Wasser verlangte und ihnen mit eigener Hand die Füße wusch. Dann ließ er ein großes Bett herrichten, um mit ihnen allen gemeinsam zu schlafen. Während die Siechen schlummerten, wachte Romanus und touchierte unter Psalmensingen die offenen Eiterbeulen an der Seite eines von ihnen. Dieser erwachte, that seinem Nachbar desgleichen und schließlich alle unter einander, bis sie sich geheilt fühlten. Als Romanus sah, daß sie alle eine neue, frische Haut bekommen hatten, dankte er Gott und umarmte sie noch alle einmal zum Abschied. Lupizinus seinerseits unterließ nicht, seiner Stiftung die Gunst des Staatsoberhauptes zu gewinnen und begab sich in seinen alten Tagen nach Genf, wo der Königsbruder Chilperich Regent war. Der Prinz empfing den Abt an der Abendtafel. Lupizinus trat vor ihn, wie weiland Jakob vor Pharao getreten war. Der Fürst wollte dem Kloster Ackerland und Weinberge anweisen; aber Lupizin verschmähte Grundbesitz und erhielt nun das verbriefte Recht, jährlich dreihundert Maß Korn, ebensoviel Wein und hundert Goldstücke zu beziehen. Wenigstens entsprachen diese Einkünfte dem jährlichen Guthaben des Juraklosters an den königlichen Fiskus zu Gregors Zeit. Lupizin wollte mit seinem Bruder eine beiden gemeinsame Grabstätte zum voraus vereinbaren. Romanus aber machte dagegen geltend, er könne nicht in einem Kloster begraben werden, da dann die Frauen keinen Zugang zu seinem Grabe hätten und doch zu erwarten sei, daß zu der Ruhestätte eines bei Lebzeiten so erfolgreichen Wunderthäters sich eine lebhafte Wallfahrt entwickeln werde. Als er am 28. Februar 460 starb, wurde er in der That zehn Meilen abseits auf einem kleinen Berge bestattet, und bald erhob sich daselbst eine ansehnliche Kirche, der es an Pilgerbesuch nicht fehlte. Lupizin dagegen starb erst am 21. März 480 und wurde in der Klosterkirche beigesetzt.

Gleichzeitig mit diesen Juramönchen lebte in der Auvergne der heilige Abt Abraham[098-a]. Er stammte aus Mesopotamien. Im Begriff, die Mönchskolonien der ägyptischen Wüste aufzusuchen, fiel er unterwegs in die Hände von Heiden, wurde seines Glaubens wegen geschlagen und fünf Jahre lang in eisernen Ketten gefangen gehalten. Dann zog es ihn nach dem Abendlande und er ließ sich vor Clermont neben der Kirche von Saint Cirgues klösterlich nieder. Er war Meister in den für einen Heiligen üblichen Wundern, als da sind Dämonenaustreibung, Heilung von Blinden und andern Kranken und besonders Weinvermehrung. Abraham, der zwischen 470 und 480 hochbetagt starb und an der Stätte seiner Wirksamkeit sein Grab fand, stand auch bei dem Herzog Victorius von Avern, dem Vasallen des westgotischen Königs Enrich, in Gunsten, und der damalige Bischof der Stadt, Sidonius Apollinaris, geruhte dem frommen Mann die Grabschrift zu dichten. Nicht viel jünger als die Juramönche und Abraham war ein anderer Lupizin[098-b], vielleicht zu Lubié im Bourbonischen. Er lebte in einer Ruine von Wasser und Brot und gab Bescheid durch ein Fensterchen, dem ein linnenes Vorhängchen zur Scheibe diente. Das Brot brachte man ihm alle drei Tage, das Wasser ließ man ihm durch einen kleinen Kanal zufließen. Seine täglichen Psalmen sang er stets mit einem zentnerschweren Felsblock aus dem Rücken und stützte sein Kinn auf das Ende des Stockes, wo er Dornenspitzen angebracht hatte. Da er lungenleidend und schon bei Jahren war, hustete er beständig Blutklumpen an die Mauer aus, deren Reste später als Amulette dienten. Ein Menschenalter später erregte ein eingeborener Mönch namens Portian[099-a] in einem Kloster bei Clermont Aufsehen. Hörigen Standes war es ihm erst nach mehreren vergeblichen Versuchen gelungen, in den Verband der Mönche aufgenommen zu werden. Doch gelangte er unter diesen zu solchem Ansehen, daß er später Abt wurde. Es gerieten ihm einige Thaten, worunter namentlich eine vor Sigiwalt, dem Minister König Theodorichs, geglückte Wundervorstellung die Freigebung von Gefangenen zur Folge hatte. Auch stand Portian mit Protasius, einem Mönch im Kloster Combroude in telepathischem Rapport. Im Sommer, wenn sein Gaumen vor Hitze vollständig ausgedörrt war, hatte er überdies die komische Gewohnheit, Salz zu kauen, um damit sein Zahnfleisch anzufeuchten, während er ja dadurch seinen Durst ins Unerträgliche steigerte. Zur selben Zeit und ebenfalls in Clermont lebte der daselbst ebenfalls eingeborene Abt Martius[099-b]. Er legte Zellen in Berghöhlen an und schnitt die Bank und das Bett im Steine aus, über die dann nur die Kutte gelegt wurde. Er war so gutmütig, daß er einst einem Dieb, der im Klostergärtchen Obst und Gemüse stahl, sich aber nicht mehr zurechtfand, durch den Schaffner den Ausweg zeigen und das weggeworfene unrechte Gut freundlich nachtragen ließ.

Im Bezirk von Bourges machte der Klausner Patroklus von sich reden. Er entstammte einer nicht adeligen, aber doch freien Familie. Mit zehn Jahren mußte er die Schafe hüten, während sein Bruder Anton studieren durfte, und als sie nun eines Tages am väterlichen Tische zusammensaßen, sagte Anton verächtlich: »Setze dich nicht so nah zu mir, du Bauer. Du bist ein Schafhirt, ich dagegen ein Gelehrter und somit ein Herr.« Das schnitt dem guten Patroklus so tief ins Herz, daß er dem Hirtenstand Valet sagte und noch in die ABCschule ging, der er seinem Alter nach doch bereits entwachsen war. Dank seines Fleißes und bei seinem guten Gedächtnis hatte er seinen hochmütigen Bruder bald überholt und erhielt seine weitere Ausbildung bei Nunnio, einem Vertrauensmann König Childeberts von Paris. In die Heimat zurückgekehrt sollte er dem Willen seiner unterdessen verwitweten Mutter zufolge durchaus heiraten. Er entzog sich dieser Gefahr jedoch durch die Priesterweihe, die er sich von Arcadius Bischof von Bourges erteilen ließ. In seiner Stellung als Diakon verlor er sich so sehr in seinen privaten Bußübungen, daß er darüber die Hausordnung des Kapitels vernachlässigte und sich deswegen eine scharfe Rüge des Archidiakonen zuzog. Dadurch in seinem Hang zur Einsamkeit bestärkt, verließ er Bourges, errichtete im Dorf Neris eine Kapelle, für die er sich Martinsreliquien verschaffte, und eröffnete eine Kleinkinderschule. Daneben genügte er den Pflichten seines Heiligenstandes durch die übliche Behandlung der Siechen und Besessenen. Doch betrachtete er das nur als provisorische Station. Den Entschluß eines endgiltigen Aufenthaltes stellte er einem Orakel von beschriebenen Zetteln anheim, die er auf dem Altar niederlegte und nach drei durchgebeteten Nächten auf Geratewohl aufgriff. Seine Einrichtungen in Neris übergab er dann einer Gesellschaft gottesfürchtiger Jungfrauen zum Anwurf für ein Nonnenkloster, wanderte nur mit Karst und Hacke bepackt, ins Waldgebirge und baute sich eine Zelle in Moichant. Dort that er unter dem Landvolk Gutes, besonders an einer Frau Leubella während der Ruhr. Darnach errichtete er fünf Meilen von seiner Zelle entfernt ein Mannskloster und unterstellte es einem Abte, um selber nach wie vor sein beschauliches Leben führen zu können; nachdem er ihm achtzehn Jahre obgelegen hatte, starb er im Alter von achtzig Jahren. Der Oberpfarrer von Neris wollte den Leichnam mit Gewalt für den ehemaligen Wohnsitz des Heiligen in Anspruch nehmen, mußte ihn aber dessen Stiftung, dem Kloster Colombiers lassen, wo von den am Grabe Geheilten eine Namensliste geführt wurde. Der Abt Urs[100-a] von Cahors gründete mehrere Klöster, zunächst drei in der Berri, nämlich zu Toiselay, Heugne und Pontigni, und überließ sie tüchtigen Vorgesetzten. Er errichtete ferner zu Sennevières in der Touraine eine Kapelle und ein Bethaus, die er indes wieder einem Unterabt, dem Leubas übergab, um selber die Leitung des Klosters Loches am Indre zu übernehmen. Einer seiner Grundsätze war, daß der Mönch nicht nur beten, sondern auch im Schweiße seines Angesichts sein eigenes Brot essen solle. Als praktische Natur ersetzte er die mühsamen Handmühlen durch eine Wassermühle, die er am Indre einrichtete; ein kleiner Mühlenbach mit steinernen Schleusen versehen, brachte das Wasser auf das große Mühlenrad und versetzte es in geschwinden Umlauf. Ein Gote namens Sichlar, Günstling König Alarichs _II_ wollte über diese Erfindung die Hand schlagen; aber da die ganze wirtschaftliche Zukunft seines Klösterverbandes auf diesem Vorrecht stand, wehrte sich Urs verzweifelt und schließlich mit Erfolg gegen diesen Eingriff in seine Rechte.

Ein sanfter Heiliger ist Friard von Nantes[100-b]. Er war ein frommer Bauer gewesen. Das Leben war ihm ein idyllischer Dienst Gottes in der Natur; wenn er in ein Wespennest griff oder hoch von einem Baume herunterfiel, sagte er rasch: »Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat«; so kam er jedesmal mit heiler Haut davon. Er siedelte sich dann auf der Insel Besné an, erst begleitet von einem Abt Sabaudus, einem ehemaligen Minister König Chlothars; dieser kehrte bald in sein Kloster zurück und wurde später aus unbekannten Gründen ermordet. Doch behielt Friard einen getreuen Zellennachbar in dem Diakon Sekundellus, hatte aber auch mit diesem Freunde seine liebe Not; denn aus Ehrgeiz, seinerseits ein Heiliger zu werden, unternahm Sekundellus, ohne Friard etwas zu sagen, eine Wundertour auf dem Festlande und hatte in der That mit seinen Krankenheilungen allen nur gewünschten Erfolg; aber da er selbst fühlte, daß es nicht im rechten Geiste geschehen war, vertraute er sich Friard an, der ihm dann als guter Seelsorger über schwere teuflische Anfechtungen hinweghalf. Friards eigene Wunderkraft bewies sich mit Vorliebe in der Behandlung dürrer Bäume, die unter seiner Gärtnerkunst wieder ausschlugen. Auf dem Todbette schickte er zu Bischof Felix von Nantes und sagte ihm genau seine Sterbestunde an, damit sich dieser spute und ihn vorher noch einmal besuche; der aber ließ ihm sagen, es sei ihm eines Prozesses wegen unmöglich, schon so rasch hinüber zu kommen; ob es denn mit dem Sterben so pressiere. Aus Rücksicht auf den Freund schob daher Friard seinen Heimgang noch auf, und als Felix ziemlich viel später endlich erschien, rief ihm Friard in seinen Fiebern entgegen: »Du hast mich aber lange warten lassen, heiliger Bischof«. In Chartres lebte eine heilige Frau Monegunde[101-a], die nach dem Tode ihrer beiden Töchter ihrem Mann aufsagte und Nonne wurde, erst im eigenen Hause, bis ihr das Dienstmädchen der nun eingeführten mageren Kost wegen davonlief und die Nachbarinnen sich über sie Bemerkungen erlaubten; dann ging sie nach Tours ans Martinsgrab. Schon unterwegs heilte sie in Soissons am Medardusfest ein junges Mädchen und desgleichen wirkte sie in Tours, wo sie sich in einem Kämmerchen eingemietet hatte. Da sie von sich reden machte, kam ihr Mann herbeigereist und holte sie heim. Aber ihr Tagewerk blieb beten und fasten. Sie kehrte bald nach Tours zurück, bezog ihre frühere Wohnung und sammelte mit der Zeit einige Nonnen, nicht unter allzustrenger Regel, da unter anderm erlaubt war, an Sonntagen Wein ins Wasser zu mischen. Sie blieb bescheiden. Ein Gesuch um Heilung beschied sie dahin: »Warum denn ich? Warum nicht Sankt Martin, wenn man an Ort und Stelle ist?«

Von heiligen Zeitgenossen schildert Gregor ebenfalls einige des näheren. Im Kloster Meallet in der Auvergne übertrieb Caluppan[101-b] die Askese so sehr, daß er zur Tagesarbeit zu geschwächt war und infolge dessen die Unzufriedenheit seines Vorgesetzten erregte, der ihm vorhielt: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«. Als sich Caluppan so schlecht verstanden sah, siedelte er sich als Eremit an einem fünfhundert Fuß hohen, einzelstehenden Felsen ein, in einer Höhlung, die nur durch eine Leiter zugänglich war. In dem Bethäuschen, das er dort errichtete, ringelten sich ihm oft Schlangen um den Hals, und wenn er später nur unter Thränen dieser Anfechtungen gedachte, so geschah es nicht aus Eckel vor dem Reptil, sondern weil ja seit Paradieseszeiten Schlangengestalt die irdische Erscheinungsform des Teufels war. Caluppan las und betete den ganzen Tag, selbst während seiner bescheidenen Mahlzeit. Ab und an einmal, aber eben doch nur höchst selten, angelte er im Bergbache und dann immer mit Glück. Seinen Brotbedarf lieferte ihm das Kloster; private Wein- und Brotspenden stellte er der Armenpflege anheim. Auch war ihm ein Bursche zu seiner Verfügung beigegeben, und als er eines Tages noch eine längst erbetete Quelle aufstach, fehlte ihm nichts mehr, zumal er nebenan sich ein Sammelbassin in den Fels höhlte, das zwei Maß Wasser aufnahm und ihn daher nie mehr in Verlegenheit geraten ließ. Bischof Avitus ging in Begleitung Gregors zu ihm hinauf und verlieh ihm die Diakonen- und Priesterweihe. Sonst ließ sich Caluppan vor Besuchen nicht sehen, sondern verkehrte mit ihnen nur durch ein Seitenfensterchen seiner Zelle, durch das hinaus er segnete und bekreuzte. Er starb fünfzig Jahre alt. Ein anderer Waldbruder der Auvergne, Emilian, hatte Eltern und Eigentum dahinten gelassen, zu Pionsat eine Lichtung geschlagen und darin ein Aeckerchen und einen Blumengarten angebaut. Er aß die Gemüse in unangemachtem Zustand. Außer den Tieren und Vögeln war er in der Wildnis das einzige lebende Wesen, bis ihm die Fügung einen Genossen zuführte. Sigivald, der große Herr von Clermont, schickte einen seiner Knappen, der den deutschen Namen Bärchen trug, mit allen Hunden in den Wald. Bald stob die Meute hinter einem mächtigen Eber her; doch verlief sich das Tier in den eingehegten Pflanzplatz bei Emilians Zelle. Die Hunde wagten nicht nachzudringen, indessen das Wildschwein sich ruhig vor der Schwelle der Hütte an die Sonne legte. Als Bärchen nachkam und erriet, daß etwas wunderbares im Spiel sein müsse, als zugleich Emilian zu ihm trat, ihn umarmte, ihn neben sich auf eine Bank zog und bei aller Achtung vor dem schmucken Knappenrocke ihm von dem größeren Herrn zu reden anfing, dessen Joch sanft und dessen Last leicht sei, als überdies die Bestie, zum Lamme geworden, sich während des Gespräches unbehelligt von dannen machte, da hatte sich im Innern des Jünglings bereits die Wandlung vollzogen. Obwohl er seinen Dienst nicht verlassen konnte, paßte er, so sehr es nur immer anging, sein Laienleben geistlichen Grundsätzen an. Er unterbrach seine Nachtruhe dreimal, kniete vor sein Bett und betete. Singen war alles was er konnte; von den Buchstaben verstand er nichts. Doch legte er sich ein Heft zu, in das er die Inschriften über Heiligenbildern nachmalte, und wenn nun sein Herr geistlichen Besuch hatte, machte sich Bärchen verstohlen an jüngere Priester, ob sie nicht so gut wären, ihn über die Bedeutung der einzelnen Schriftzeichen aufzuklären. So eignete er sich Schrift und Lektüre des Alphabets an, ohne jedoch sich noch auf ganze Wörter und ganze Sätze zu verstehen. Nach Sigivalds Tode hauste er sich bei Emilian ein und lernte in den zwei oder drei Jahren, die er bei diesem zubrachte, den ganzen Psalter auswendig. Von Seiten seiner Familie drohte ihm Lebensgefahr; sein Bruder wollte ihn töten, wenn er nicht heirate. Dafür verbanden sich mit der Zeit immer mehr Mönche dem alten und dem jungen Eremiten. Als Emilian neunzig Jahre alt gestorben war und Bärchen die Leitung übernahm, entfaltete er ein außergewöhnliches Geschick in der Gründung von Klöstern. Von Sigivalds Tochter Ranichilde ließ er sich den Hof von Vensat anweisen, vermachte diesen ausgedehnten Grundbesitz seinen Mönchen, begab sich nach Tours, wo er Kapellen und zwei Klöster gründete, verbrachte dann fünf Jahre in seinem Heimatkloster, kehrte dann wieder nach Tours zurück, um in seinen dortigen Klöstern Aebte anzustellen, und bezog schließlich endgültig wieder die alte Waldhütte des seligen Emilian. Von dort aus reformierte er das Kloster Menat, dessen Regel durch die Nachlässigkeit des Abtes in Verfall geraten war. Als seine Grabstätte bezeichnete er zum voraus einen lauschigen Waldwinkel am Bache, wo er immer eine Kapelle hatte bauen wollen und Kalk sowie Fundament längst bereit lagen. Der Abt sorgte für die Vollendung und ließ Bärchens irdische Reste, die im Gewölbe seiner Zelle vorläufig untergebracht worden waren, zwei Jahre später in allen Ehren nach dieser ihrer bleibenden Ruhestätte überführen. Im Gebiete von Tours lebte damals auch Senoch, gebürtig aus Tiffauges bei Poitiers; in den Mauerstücken einer alten Ruine erstellte er bequem Wohnungen und restaurierte eine alte Kapelle, in der Sankt Martin einst gebetet haben soll. Sie wurde von Eufronius von Tours geweiht, Senoch selbst zum Diakonen an ihr eingesegnet. Leider bildete sich dieser zweifellos heilige Mann zuviel auf sich selber ein, benahm sich geistlichen Mitbrüdern gegenüber hochfahrend und trat besonders bei einem Besuch in der Heimat vor seinen Eltern anmaßend auf, sodaß sich Gregor von Tours genötigt sah, ihm tüchtig ins Gewissen zu reden. Reuig geworden setzte Senoch insofern aufs neue einen Kopf auf, als er sich nun überhaupt einschließen und zeitlebens kein Menschengesicht mehr sehen wollte. Das wäre sehr zu bedauern gewesen, weil er mit seiner Heilthätigkeit ohne Zweifel viel Gutes that. Gregor brachte ihn dann dazu, daß er sich nur während der Weihnachts- und Osterfasten der Welt verschloß, im übrigen Teil des Jahres jedoch nach wie vor seine Audienzen erteilte. Er starb schon mit vierzig Jahren an einem dreitägigen Fieber. Gregor, der herbeieilte, fand ihn bewußtlos; eine Stunde später war Senoch tot. Auf den Boden von Tours war auch aus der Auvergne ein Heiliger bleibend übergesiedelt, Leobard oder Lighard[104-a]. Sein Vater hatte ihn durch Berufung auf den nach der Bibel den Eltern schuldigen Gehorsam zur Ehe zwingen wollen, und so hatte denn der scheue Jüngling der Braut wider willen den Ring gereicht, den Kuß gegeben, den Schuh angezogen und was dieser Verlobungsbräuche mehr sind. Vater und Mutter starben, und als er eines Tages seinem Bruder Geschenke zu dessen bevorstehender Hochzeit überbringen wollte, fand er ihn vollständig betrunken. Da trieb es ihn von dannen; er übernachtete in einem Heuschober, und dort reifte in ihm der Entschluß, der Welt Valet zu sagen. Er bestellte sein Haus, ritt nach Tours, kräftigte sich daselbst in der Martinsbasilika, fuhr dann über die Loire und ergriff Besitz von einer Einzelzelle bei Marmoutiers, die durch den Wegzug des früheren Inhabers eben frei geworden war. Lighard erweiterte sie, indem er mit dem Pickel die Felswand tiefer aushieb. Dort lebte er nach Eremitenart, verlegte sich aber überdies auf die Herstellung von Pergament und beschrieb es dann. Er rief sich auch die Psalmen wieder ins Gedächtnis zurück, die er, seit er sie in der Kinderschule gelernt, wieder so gut wie vergessen hatte. Eines Tages verfiel er auf den übeln Gedanken, die Zelle zu wechseln; mit schwerem Herzen machte ihm Gregor klar, wie sehr dies mit den Väterleben und den Mönchsregeln in Widerspruch stehe. Im übrigen gefiel sich Lighard nicht, wie sonst manche seines Standes, in unechten Allüren, etwa überlangem Bart und Haar; vielmehr hatte er seine bestimmten Zeitpunkte, wo er sich scheren ließ. Er lebte zweiundzwanzig Jahre so, nicht ohne Wunder zu thun; sein Speichel heilte Eiterbeulen. Mit übermäßigem Fasten und, da er stets seine Zelle größer hauen wollte, mit harter Steinmetzenarbeit, hatte er sich zu viel zugemutet; eines Tages brach er zusammen und ließ rasch den Bischof rufen, der ihn mit dem letzten Segen versah. Aber sterben wollte er ohne Zuschauer; als er zwei Monate später, eines Sonntags im Dezember oder Januar 592, einen neuen Anfall erlitt, sagte er zu seinem Diener: »Geh und bereite mir Essen, ich fühle mich schwach«. »Es steht bereit, Herr!« war die Antwort. »Dann geh und sieh ob der Gottesdienst zu Ende ist und die Leute aus der Messe kommen.« Als jener wieder kam, lag sein Herr steif da und hatte die Augen für immer geschlossen.