Die Heiligen der Merowinger

Part 14

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Vor allem aber kommt nun endlich zu seinem Rechte, was wir bis jetzt immer wieder vermißten: die chronologische Auffassung der Heiligenfigur. Betrachten wir nun die spärlichen Mitteilungen, die Gregor über Sever hinaus zu Martins Lebensgeschichte beibringt, ganz abgesehen davon, daß Gregor gelegentlich geradezu versucht, Martins Tod zum Ausgangspunkt einer eigenen nationalfränkischen Zeitrechnung zu machen[088-a], wobei er sich allerdings durch den Ansatz 445 um nahezu fünfzig Jahre versieht. Er, der Bischof des fränkischen Centralheiligtums, widmet seinem heiligen Vorgänger auf dem Stuhl von Tours im ersten Buche seiner Geschichte der Franken zunächst folgende vier Daten[088-b]: 1) Geburt Martins im elften Jahre Constantins, 2) Ankunft Martins in Gallien um das zwanzigste Jahr Constantins _II_, 3) Bischof von Tours im achten Jahre des Valens und Valentinian, 4) Martins Tod im zweiten Jahre des Arkadius und Honorius. Nun ist allerdings das zweite Datum von vornherein unbrauchbar, da Konstantin _II_ nur vier Jahre regierte; mit seinem zwanzigsten Regierungsjahre ist jedenfalls das Jahr 355 gemeint. Aber abgesehen von der Unrichtigkeit dieser Daten war es im Prinzip ein Fortschritt, für Martins Leben überhaupt einen chronologischen Ansatz zu versuchen, zumal bereits zweihundert Jahre verstrichen waren und niemals ein solcher Versuch gemacht worden war. Hand in Hand damit geht die bis auf den Tag sich erstreckende genaue Bestimmung der Regierungszeit als Bischof: sechsundzwanzig Jahre vier Monate und siebzehn Tage, gemäß Gregors Berechnungen aus den durch den Kultus bestimmten Martinstagen vom elften November und vierten Juli; überdies beziffert Gregor Martins Lebensalter auf einundachtzig Jahre. Neben diesen chronologischen Anstrengungen verrät sich Gregor von Tours auch durch andere gelegentliche Beiträge zur Martinsgeschichte als geborenen Historiker, so durch seinen Abriß einer Geschichte des Bistums Tours vor und nach Martin, ferner durch seine allgemeinen Mitteilungen über die Christianisierung mit den urkundlichen Belegen bischöflicher Briefe, über Martinsreliquiendienst, worüber uns sonst nichts bekannt wäre, da der von Gregor citierte Brief des Paulinus uns verloren ist und schließlich durch die einigermaßen mildere Darstellung von Martins Nachfolger Briccius, aus dessen wirklichem Verhältnis zu Martin wir jedoch auch jetzt so wenig klug werden, als aus der Ursache seiner Wahl zum Bischof. Er gibt außerdem einen knappen Auszug der Angaben Severs und betrachtet im übrigen ein Martinsleben nach Sever nichts weniger mehr als für ein Bedürfnis. Seine dürftigen Notizen über Martin, gelegentlich eingestreut, verleihen aber auch so dem Bilde Martins nach Sever den zeitgeschichtlichen Rückgrat, den ihm jener sonst vortreffliche Schilderer nicht gab und nicht geben konnte.

Gregors große und angeborene Liebe zu gelehrten Studien hat ihm möglich gemacht, neben seinen ausgedehnten und gewissenhaft erfüllten Amtspflichten eine ganze Reihe von Schriften abzufassen[089-1]. Seine Thätigkeit als Schriftsteller erstreckt sich über die zwanzig Jahre von 574–593. Das erste war ein Buch über die am Martinsgrabe geschehenen Wunder. Allem Anschein nach hatte dieser Beginn von Gregors litterarischem Schaffen eine amtliche Veranlassung. Im fünften Jahrhundert wurde im bischöflichen Kapitel von Tours ein Register geführt, das die am heiligen Grabe geschehenen Wunder verzeichnete. Wir sahen, daß zur Zeit des Bischofs Perpetuus diese Liste sechszehn Nummern aufwies, die Paulinus von Perigueux zum sechsten Buche seines Martinsgedichtes verarbeitet hat. Es lag somit für Gregor nahe, seinerseits solch einen Wunderkatalog anzulegen. Schwerlich hat er selbst jedoch jenen alten Index vorgefunden, sonst hätte er wohl kaum seine Zusammenstellung Paulins poetischer Paraphrase entnommen, sondern die Quelle selbst zu Worte kommen lassen. Dieses erste Buch der Martinswunder umfaßte vierzig Nummern. Es folgte bald darauf ein zweites mit fünfzig; vor dem dritten, das dann deren sechzig zählte, fügte er jedoch ein Buch über die Julianswunder in Brioude ein, gab um dieselbe Zeit eine Uebersetzung der Siebenschläfer aus dem Syrischen, vor 587, und ebenso in dem Jahre 586/587 die Schrift vom Ruhm der Märtyrer; war er damit bereits halbwegs auf das Gebiet der Biographie übergegangen, so begann er nun mit einzelnen Heiligenleben und schilderte zunächst, seit 587, Emilianus und Bärchen, Senoch, Venantius und Monegunde; dicht daran schließt sich die Schrift vom Ruhm der Bekenner ohne den Prolog, noch im Jahr 587. Im Jahre 591 läßt die Abfassung des Nicetiuslebens und im Jahre 592 die Abfassung des Leobarduslebens ungefähr erkennen, worauf er dann die unterdessen im Martinsgrabe geschehenen Wunder in einem vierten und letzten Buche der Martinsthaten zusammenfaßt, 591/593. Nun legt er auch die letzte Hand an die Väterleben und schließt sie zu der so betitelten Sammlung zusammen, 593. Dann schrieb er noch die Andreaswunder und, falls sie von ihm sind, die Thomaswunder. Nicht ansetzen lassen sich der uns verlorene Psalmenkommentar und die merkwürdige Abhandlung über den Lauf der Sterne. Die letzten Erzeugnisse seiner Feder sind der Prolog zu den »Bekennern« und das zehnte Buch seiner Geschichte der Franken, die, das läßt sich schließen, ihn neben seinen Heiligenschriften her unablässig beschäftigt hat. Er konnte die letzte Feile nicht ansetzen, und so liegt das Buch uns gewissermaßen unfertig vor, obschon es zu einem dem Abschluß sehr nahen Grade der Ausführung gediehen ist. Das große Geschichtswerk steht jedoch in keinem Gegensatz zu den Heiligenbüchern. Es ist durchaus von demselben Geiste durchzogen; das gibt ihm erst seinen Stil, daß es auf Schritt und Tritt seine Gläubigkeit nicht verhehlt. Nur moderne Engherzigkeit kann darin einen Fehler sehen; eher wäre zu bedauern, daß der Verfasser sich nicht noch enger an die Legende angeschlossen hat. Es ist ansprechend, aber nicht durchaus geboten, die Entstehung des Werkes auf drei Hauptwürfe zu verteilen, und so die erste Hauptmasse bis in die Mitte des fünften Buches um 577, die zweite bis gegen das Ende des achten um 584/585 und den Rest um 590/591 geschrieben sein zu lassen. Unter der Obhut der beiden hohen Vorgänger auf dem Gebiet christlicher Chronologie Hieronymus und Eusebius beginnt Gregor erst schematisch dürr und nähert sich dann mit immer reicherer Mitteilung seiner eigenen Zeit, wo die Fülle der Nachrichten schließlich eine bis zum Stillstand des zeitlichen Fortschritts sich ausdehnende Breite annimmt. Die vier ersten Bücher bilden einen Hintergrund; es besteht eine Entfernung zwischen ihnen und dem Autor, die er durch mehrfache Rekapitulationen und nachträgliche Berechnungen auszugleichen strebt. Vom fünften Buche an redet er als Augenzeuge und, mehr als das, als thätiger Teilnehmer, der bei der Entwicklung der Dinge sein Wort mitgesprochen und die Geschichte, die er nun beschrieb, in aller Schüchternheit ein bischen mit hatte machen helfen. Und nun fesselt er seine Leser in hohem Grade und hält sie in beständiger Spannung. Dasselbe gilt von den Heiligenschriften, sobald es der Leser fertig bringt, die dumpfe Atmosphäre, die Gregor hier mit seiner Zeit teilt, mitzuatmen. Oft unterbrochen und eine Arbeit an die andere tauschend, hat Gregor seinem ganzen Schriftstellerwerke, der Geschichte der Franken und den »Acht Büchern Wunder«, wie er seine Heiligentraktate in ihrer Gesamtheit überschrieb, einen einheitlichen Geist und Stempel ausgeprägt. Im ganzen ist es eben dieser Geist, um dessentwillen wir uns mit Gregor als unserem wertvollsten Gewährsmanne beschäftigen.

Gregor war, wiewohl Hirt, nicht aufgeklärter als die Herde: er glaubte mit dem Volk und wünschte nicht mehr, als in allen Punkten dessen Inbrunst im Glauben und in der Verehrung zu teilen. Er betrieb das Studium der meist rohen, bäurischen Volksmenge, die das von ihm gehütete Heiligtum umdrängte, somit ja nicht etwa als kritischer Beobachter, sondern als deren gläubiges Organ. Vielleicht hat er sich auch von einem praktischen Interesse leiten lassen und schuf, um zur Erbauung und Bildung der zahlreichen Pilger beizutragen, eine Art Wallfahrtslitteratur. Jedenfalls schrieb er ausschließlich für erbauliche Zwecke: es schien ihm als Diener der katholischen Kirche geradezu geboten, »die geschichtliche Begebenheit, die zur kirchlichen Erbauung das ihre beitragen könne, kurz und einfach aufzusetzen, damit die Wunderkraft des Heiligen bekannter und so dessen Verehrung gefördert werde«[091-a]. Daß er ein barbarisches Latein schrieb, das auch das klare Bewußtsein von der eigenen Verwilderung nicht mehr zu säubern im Stande war, hat er selber offen eingestanden[091-b]; die Sprache, die bei einem Schriftsteller von Bedeutung immer dessen Wesen spiegelt, setzt sich bei ihm in der That aus Einflüssen der Itala und des gallischen Schönschreibers Apollinaris Sidonius zusammen [091-1]; aber so sehr er schriftstellerisch hoffnungsloser Epigone war, empfand er eben gerade im Hinblick auf das klassische Altertum seinen Beruf eines christlichen Schriftstellers als dem Gehalt nach wertvoller und fruchtbringender: »Unsere Pflicht ist es«, schreibt er[092-a], »das zu schildern und zu sagen, was zur Erbauung der Kirche des Herrn beiträgt und durch heilige Belehrung die ohnmächtigen Geister zur Kenntnis des vollkommenen Glaubens befähigt. Hier handelt es sich nicht darum, trügerische Fabeln zu erzählen oder die gottfeindliche Weisheit der Philosophen zu befolgen, womit man leicht des Herrn Urteil herausfordern und dem ewigen Tode verfallen könnte. Wenn ich von den Wundern der Heiligen zu berichten willens bin, so wünsche ich wirklich nicht in diesem Netz und Garn mich zu verfangen. Nicht Saturns Flucht, nicht Junos Zorn, nicht Jupiters Ehebruch, nicht Neptuns Meineid, nicht des Aeolus Herrschaft, nicht der Aeneiden Kriege sollen hier zur Sprache kommen, das alles ist ein Bau auf Sand gebaut und dem Einsturz nahe, wofür wir nur Verachtung haben.« Immerhin steht Gregor dann doch nicht an, den durch Taubenflug geleiteten Helden Hillidius mit dem römischen Konsul Marcus Valerius zu rechtfertigen, der sich des Beistandes eines Raben erfreute[092-b].

Die hagiographische Forschung Gregors verteilt sich auf ein doppeltes Interesse: einmal gewissermaßen auf eine Besuchsstatistik begangener Wallfahrtsorte, namentlich der beiden berühmtesten des Frankenlandes, des Martinsgrabes in Tours, seinem Bischofssitze, und des Juliansgrabes bei Clermont, seiner Vaterstadt; sodann auf die Lebensgeschichte der Heiligen, aber in der summarischen Verkürzung des Einzelnen, wie es eine kompendiarische Sammlung mit sich bringt. Diese beiden Interessen erscheinen in Gregors Schriften mit Uebergewicht bald des einen bald des andern gemischt. Jedenfalls aber stellt sein Material eine Summe von Gelehrsamkeit dar, die eine Vergleichung mit Kenntnissen, wie sie etwa Fortunats Viten voraussetzen, nicht zuläßt. Diese Gelehrsamkeit hat sich Gregor auf die gewissenhafteste Weise erworben. Betrifft sie Länder, die er nicht selbst besucht hatte, vor allem den Orient, so hat er sich fleißig nach Lektüre umgethan. Für die Geographie des Orients, namentlich die Topographie des Jordans und des toten Meeres, ist seine Hauptquelle die Schrift des Theodosius »Das heilige Land«. Ueber die in den Jahren 536–552 unternommene katholische Mission unter den in Palästina noch ansäßigen Juden berichtet er nach Evagrius Scholastikus, während er sich für die christliche Urzeit an Pseudomelito, Rufin, Johannes von Antiochien, Prudentius, Abdias, Modestus oder die apokryphen Akten hält. Daneben verwendet er, was er von lebenden Zeugnissen nur habhaft werden kann, nimmt die von Pilgern heimgebrachten Merkwürdigkeiten in Augenschein und verhört einen auf dem Taufplatz Christi getauften und geheilten Aussätzigen aus Gallien sowie andere Aussätzige, die im Jordan oder in den Wassern von Livia gesund geworden waren[093-a]. Das kostbare Vorlesepult in der Cypriansbasilika von Karthago beschreibt er als eine Sehenswürdigkeit auf Grund genauer Nachrichten ausführlich[093-b]. Stand dagegen ein Gebiet in Frage, das ihm selber zugänglich war, so unterließ er nicht, an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen: wenn er vor dem heiligen Grabhügel sein Gebet verrichtet hat, sieht er sich die Inschriften an und fragt den Wächter aus[093-c]. Offenbar hatte Gregors ganze Umgebung und nicht zum mindesten seine Verwandtschaft die Augen auf ihn gerichtet, voller Hoffnung, er werde der Geschichtsschreiber des nationalen und kirchlichen Lebens im jungen fränkischen Reiche werden. »Ich habe«, sagt er[093-d], »keine litterarischen Studien getrieben und mich keineswegs an gelehrter Lektüre der Weltlitteratur ausgebildet; aber ich gehorche dem beständigen Zuspruch des Vaters Avitus, Bischofs von Auvergne, der mich ermahnte, kirchliche Werke zu schreiben. Wenn auch die Dinge, die ich in seinen Predigten hörte oder die er mich zu lesen veranlaßte, mein Urteil nicht zu bilden vermochten, da ich ja nun einmal nicht zu beobachten verstehe, so ist er es doch gewesen, der mich erst in Davids Psalmen, dann in die Worte des Evangeliums, sowie in die Apostelgeschichte und in die Briefe einführte, und er brachte mir die Erkenntnis Jesu Christi bei.« Einst nahm ihn sein Onkel Bischof Nicetius von Lyon in die dortige Heliuskrypta mit, und Gregor erzählt[093-e]: »Als ich mein Gebet gesprochen hatte, sah ich mir voll Bewunderung das Grabmal an, überdachte, was ich von den Verdiensten des Heiligen wußte, da fiel mir an der Wand eine Inschrift auf, und nun zog ich mündlich über die dort enthaltene Meldung noch nähere Erkundigungen ein.« Ueber die Art, wie er zaghaft unter der Menge stehend und ihre Befangenheit teilend, sich fast wider seinen Willen entschließt, unter den Augenzeugen eines Wunders nun als deren Schriftsteller aufzutreten, belehrt uns vielleicht das erste Blatt, das er überhaupt beschrieben hat, auf das rührendste. Er sagt[093-f]: »Ich rufe den allmächtigen Gott zum Zeugen an, daß ich jüngst im Traume mitten in der Basilika des Herrn Martinus viele Sieche und mit den verschiedensten Krankheiten Behaftete gesund werden sah. Neben mir stand meine Mutter und sagte zu mir: ›Was zauderst du, das aufzuschreiben, was du hier siehst?‹ Da sag ich: ›Du weißt ja, wie ohnmächtig ich in den Wissenschaften bin; viel zu dumm und beschränkt, als daß ich es wagte, Thaten, die höchste Bewunderung verdienen, der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wäre doch Severus da oder Paulinus noch am Leben oder käme Fortunat und schrieb es auf! Denn ich müßte nur unthätig mit dem Kiel in der Hand dasitzen, wenn ich dies aufzuzeichnen unternähme.‹ ›Weißt du denn nicht‹, versetzte die Mutter, ›daß du weit und breit im Rufe eines Schriftgelehrten stehst. Versäume nicht, Hand anzulegen. Ein Verbrechen wäre es, schwiegest du.‹ So hab ich mich denn mit gemischten Gefühlen der Sache unterzogen. Schrecken und Furcht halten mich nieder. Aber in der Hoffnung auf Gottes Güte trete ich an die Aufgabe heran, zu der ich ermuntert werde. Warum sollte er es schließlich nicht auch durch meine Sprache geschehen lassen können, wie er ja einst auch in der Wüste aus dem harten Steine Wasser springen ließ und so den brennenden Durst des Volkes stillte. Oder er wird ein zweites Bileamswunder geschehen lassen und aufs neue einem Esel den Mund aufthun, wenn er mir die Lippen öffnet und durch mich ungelehrten Menschen dieses verkündigen will.«

Ein kritischer Beobachter war also Gregor nicht. Er hat sich niemals bestrebt, die geschehene Begebenheit von den vielen andern Daten und Ereignissen u sichten, die sich der geschichtlichen Gestalt im Laufe der Zeit vorgelagert haben. Aber nie hat seine Eigenschaft als Gewährsmann unter seiner Einfalt und Treuherzigkeit zu leiden; denn sobald Sinn für sein naives Detail vorhanden ist, erscheint er in jeder Zeile interessant. Als echte Gelehrtennatur kommt er auch nicht dazu, alles was er weiß aus sich herauszusetzen: »Es würde mich zu weit führen, das viele, was ich von diesen Heiligen weiß, hier mitzuteilen. Das Gesagte wird, denk ich, genügen«[094-a]. Und bei Gelegenheit einer Reliquienüberführung vergißt er nicht anzubringen, daß der Genfersee vierundsiebzig Kilometer lang und siebenundzwanzig Kilometer breit sei[094-b]. Unvergleichlich wird Gregor jedoch durch das römisch-germanische Zwielicht, in dem er steht. Diese Dämmerung, die ihn umflort, hat einen doppelten Ursprung: von der untergehenden Antike und vom aufgehenden Mittelalter.

2.

In diesem Zusammenhang liegt uns nun aber ob, der Behandlung, die das Heiligenleben durch Gregor gefunden hat, nähere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der Trieb, persönlichem Leben nachzuspüren, äußert sich in Gregors gesamtem Werke gleichmäßig. Auch in seiner Frankengeschichte findet sich eine ganze Reihe von Lebensabrissen bemerkenswerter Männer eingeflochten. Als Beispiel mag hier die Stelle über Agricola von Châlons angeführt werden[094-c]: »Um jene Zeit starb Agricola Bischof von Châlons, ein sehr gewandter und kluger Mann, senatorischer Abkunft. Er hat in jener Stadt viel gebaut, Häuser und auch eine Kirche, die er mit Säulen versah, mit Marmor ausstattete und einem Mosaik schmückte. Er lebte äußerst enthaltsam. Nie nahm er Frühstück zu sich und begnügte sich mit der einen Hauptmahlzeit im Tage, zu der er sich so zeitig hinsetzte, daß er sich noch vor Sonnenuntergang davon erhob. Er war sehr leutselig und ein guter Redner. Er starb im achtundvierzigsten Jahre seiner Regierung als Bischof, dreiundachtzig Jahre alt. Ihm folgte Flavius, der Referendar König Gunthrams.« Daran mag sich nun noch, ebenfalls beispielsweise, die Notiz über ein Original von Einsiedler anschließen, dessen Sonderbarkeit darin bestand, daß er sich seine Mahlzeiten in einem hölzernen Kessel kochte. »Ich erinnere mich«, erzählt Gregor[095-a], »vor Jahren gehört zu haben, es lebe irgendwo in einer Einöde Jemand, den ein Waldbruder aus der Nachbarschaft aus Verehrung aufsuchte, nicht ohne sogleich mit aller Liebe empfangen zu werden. Sie treten in die niedere Zelle, verrichten das Gebet und setzen sich. Nachdem sie sich lange vom Worte Gottes unterhalten hatten, erhebt sich der Greis von seinem Stühlchen, geht in sein Gärtchen und schneidet sich den Kohl zum Essen ab. Als das Feuer im Herde brennt, setzt er einen weitgebauchten hölzernen Kessel über die Flamme, füllt ihn mit Wasser, in dem dann der Kohl siedet, und schürt das Feuer so heftig, daß dieser zu glühen anfängt, genau wie wenn er von Eisen wäre. Mit Staunen nimmt der Gast es wahr und erkundigt sich, was es denn damit auf sich habe. Der Greis gab ihm zur Antwort: ›Seit vielen Jahren wohne ich in dieser Einöde, immer aber habe ich auf göttliche Eingebung hin in diesem Kochtopf mir zur Kräftigung meines hinfälligen Leibes meine Speise zubereitet.‹ Wie gesagt, das hörte ich früher einmal. Nun aber sah ich neulich einen Abt, der den Einsiedler Ingenuus hieß und versicherte, er habe sich im Gebiete von Autun aufgehalten und öfters aus jenem Gefässe Kohl oder Kraut, die darin sotten, mit jenem herausgeholt. Ja er beschwor es mir mit einem Eide, er habe den Kochtopf über den Flammen mächtig glühen sehen und doch sei dessen Grund immer feucht gewesen, als werde er von Zeit zu Zeit genetzt.«

An diese gelegentlich mitlaufenden biographischen Einschläge in Gregors Schriften mußte zunächst erinnert werden, um davon dasjenige Buch seines Mirakelwerkes deutlich zu unterscheiden, das sich nicht bloß beiläufig mit Heiligenleben beschäftigt, sondern eine Anzahl solcher zum ausschließlichen Inhalte hat. Gliedert sich damit Gregor nun im engeren Sinne der litterarhistorischen Entwicklung ein, der wir bis dahin nachgegangen sind, so springt auch das neue Moment in die Augen, das seine Sammlung von zwanzig Heiligenleben in dieser Entwicklung darstellt. Es handelt sich um eine Kombination zweier bis jetzt getrennter Strömungen: einmal nahm er die Memorie auf, wie sie durch Severus geschaffen und durch Fortunat bis auf Gregors Zeit fortgeführt wurde; dann aber überwand er die Einseitigkeit einer nur an ein einziges Leben sich verlierenden Betrachtung durch eine ansehnliche Mehrzahl der geschilderten Leute. Damit griff er auf Rufin zurück und nannte das Buch auch nach dessen Beispiel. Ueber die theoretische Abgrenzung dieser Schrift von den übrigen hat er sich selber folgendermaßen verlauten lassen[096-a]: »Eigentlich war meine Absicht, nur aufzuschreiben, was sich am Grabe seliger Märtyrer und Bekenner Wunderbares ereignet hat. Da ich jedoch auch solche kennen lernte, die das Verdienst eines seligen Wandels zum Himmel erhob und deren Lebenslauf, wahrheitsgetreue Darstellung vorausgesetzt, mir im Stande schien, zur Erbauung der Kirche beizutragen, nahm ich keinen Anstoß, gelegentlich auch dergleichen niederzuschreiben, da ein Heiligenleben nicht nur sich selbst darlegt, sondern auch die Zuhörer zur Nachfolge reizt. Habe ich schon in einem früheren den Bekennern gewidmeten Buche bei einigen Heiligen, wenn auch nur kurz, Züge aus ihrem Erdenleben eingeflochten, so will ich jetzt diesem Gesichtspunkte breiteren Raum lassen und das Buch geradezu ›Heiligenleben‹ betiteln.«

An dieser kleinen Sammlung von Lebensbildern entrollt sich uns ein buntes und anschauliches Gemälde von der fränkischen Kirche bei ihrem Beginn und im ersten Jahrhundert ihres Bestehens. Wir sehen einige charaktervolle Vertreter sowohl bischöflichen als mönchischen Standes, meist aus der Gegend des mittleren Gallien vor uns, durch einige treffende Anekdoten in ihrem Wesen gezeichnet und hie und da durch Beziehung auf ein äußeres zeitgenössisches Ereignis auch chronologisch genügend festgehalten. Jede Vita ist mit einer erbaulichen Einleitung versehen und mit Kunstreden durchsetzt. In den Ueberschriften heißen einige heilig, andere nicht; überdies unterscheidet Gregor ebenda sechs Bischöfe von zehn Aebten, fünf Einsiedlern und einer Nonne. Schon numerisch hat also das Mönchtum vor der Weltgeistlichkeit das Uebergewicht.