Die Heiligen der Merowinger

Part 13

Chapter 133,351 wordsPublic domain

Das zarte Königskind Radegunde von Thüringen[080-1] war die edelste Beute der Franken nach der Schlacht an der Unstrut im Jahre 531. Die königlichen Brüder stritten sich um das in seiner Jugend, seiner Trauer, seiner Schüchternheit unbeschreiblich schöne Mädchen, auf dessen Kinderjahren schon die ganze Bitterkeit eines wehrlosen Waisenstandes gelastet hatte. Im Kampfe der Fürsten fiel sie dem rohen Chlotar zu. Er brachte sie auf seinen Meierhof Athies bei St. Quentin, um sie dort zu seiner Gemahlin erziehen zu lassen. Und da schenkte ihr nun also die Gefangenschaft und die Fremde, was ihr mehr werden sollte, als Heimat und Familienglück und irdische Liebe: das Christentum. Ueber die zum Glauben nötige Unterweisung hinaus lernte sie lateinisch und las Kirchenväter und die damals noch jungen lateinischen Hymnen. Neben ihrem frommen Gemüt fiel sie durch ihr kluges Wesen und durch ihre Liebe zu Kindern auf. Nichts wünschte sie mehr, als einst für ihren Glauben das Leben lassen zu dürfen. Sie sammelte die arme Jugend von der Gasse um sich, wusch die Kinder, gab ihnen zu essen; ja ein Geistlicher mußte ein hölzernes Kreuz vorantragen und sie zog hinter ihm mit der Schar der Kleinen Psalmen singend zur Kirche. Dort fegte sie den Boden mit ihrem Kleide und wischte mit ihrem Taschentuch den Altar vom Staube frei. Der drohenden Heirat mit dem König suchte sie sich vergeblich durch heimliche Flucht zu entziehen. Die Verlobung erfolgte auf dem königlichen Sommersitz zu Vitry, die Krönung zur Königin in Soissons, 540. Das unvermeidliche Los suchte sie nach bestem Vermögen auszugleichen. Die Hochzeit mit dem irdischen Fürsten trennte sie nicht von dem himmlischen; an Christus war ihr mehr gelegen als an ihrem Gemahl. Als sie einst zu einer vornehmen Frau ritt und an der Straße einen Götzentempel bemerkte, der den heidnischen Franken sehr hoch stand, hielt sie an und befahl den Dienern Feuer einzulegen. Alsobald großer Tumult, bloße Schwerter, Knüttel und Zetergeschrei: Radegunde saß unbeweglich im Sattel, bis das teuflische Heiligtum in Asche lag; das besänftigte die Menge. Von allen Einkünften, über die sie verfügte, gab sie den Zehnten der Kirche als regelmäßige Steuer; aber auch den Rest brauchte sie meistens im Dienst der Wohlthätigkeit. Reich beschenkte sie die Klöster; sogar die Einsiedler, die sich gänzlich zurückzogen, wußte ihre Gabe zu erreichen. Fürstin von Geblüt und Ehe wurde sie die Magd der Armen. In Athies errichtete sie ein Spital für bedürftige Leute, übernahm selber die Leitung und behielt sich persönlich die Pflege der abschreckendsten Krankheiten vor, die letzten Stadien der Entzündungen und stinkende Geschwüre wie den Krebs. An der Hoftafel lebte sie von Bohnen und Linsen. Sie unterbrach die Mahlzeit und eilte hinaus, entweder um in der Kirche am Horengesang teilzunehmen oder um sich zu erkundigen, ob und was jetzt die Armen zu essen bekämen. Sie konnte auch, einmal in der Kirche, die Essenszeit überhaupt vergessen. Sie griff zu Listen, um sich den Ansprüchen ihres Gemahls zu entziehen und stahl sich eines Nachts, eine Anwandlung leiblicher Notdurft vorschützend, aus dem Schlafzimmer, in Wahrheit zu keinem andern Zweck, als um im leichten Nachtgewande drunten in der kalten Schloßkapelle Bußübungen obzuliegen; dabei erkältete sie sich und vermochte weder am Kamin noch im Bette mehr warm zu werden. Aergerlich meinte der Gemahl, was übrigens längst die Höflinge zischelten, das sei ja gar keine Königin, das sei eine Nonne. So war es. In der Fastenzeit trug sie ein härenes Hemd unter dem Seidenkleid. Jede Abwesenheit des Königs benützte sie, um alles, was sie in ihrer Stellung an geistlichen Uebungen sich versagen mußte, nachzuholen. Jeder Priester, der bei Hofe erschien, erfuhr ihre Huld: er mochte bei Schnee, Kot oder Staub gekommen sein, ~sie~ wollte seine Füße waschen und trocknen, ~sie~ ihm den Becher kredenzen. So lange der geistliche Gast blieb, überließ sie die Hofgeschäfte ihren Vertrauten und widmete sich ausschließlich ihm. Erfreute sie gar der Bischof mit seinem Besuch, so war sie in einem Entzücken und immer traurig, wenn er dankerfüllt Abschied nahm. Zierte ein kostbares Linnen mit Schmuck von Gold und Edelsteinen ihr Schultern oder Haupt und ihre Dienerinnen priesen den Anzug, schickte sie sofort das Tuch als Altardecke in die nächste Kirche. Nie bemühte sie sich eifriger ihren Einfluß auf den König geltend zu machen, als wenn ein Verbrecher zum Tode verurteilt war; da bot sie ihren ganzen Liebreiz und alle Freunde auf, um die Begnadigung durchzusetzen. Dieses Leben hätte sie wohl in Demut weiter geführt, wäre nicht das Schreckliche geschehen, das alle Bande ehelichen Gehorsams in ihr zerriß. Neben ihr war ihr Bruder aufgewachsen; nun aber groß geworden, wollte er seinen Vetter Amalfried in Byzanz aufsuchen, und im Osten ebenfalls sein Glück machen. Radegunde bewog mit den zärtlichsten Bitten diesen letzten und liebsten Menschen aus der Heimat, sie doch nicht zu verlassen. Der Prinz blieb. Offenbar schien er nicht ungefährlich; er wurde ermordet. Nicht einmal in seinen letzten Zügen konnte die Schwester ihn sehen, nicht einmal dem Begräbnis konnte sie beiwohnen. Nun hielt sie aber auch nichts mehr von dem Schritt zurück, zu dem ihr ganzes Wesen sie antrieb. Unter einem Vorwande begab sie sich, 557, nach Noyon, dem Sitz des Bischofs Medard. Sie traf ihn in der Kathedrale, wo er eben Messe las; inständig bat sie ihn sogleich um die Weihe, da sie der Welt entsagen wolle. Medard, selbst ein Heiliger, hatte nicht den Mut, der Gattin des Königs den Schleier zu reichen; er setzte ihr in Erinnerung an die Vorschrift des Apostels auseinander, sie sei gebunden und dürfe die Ehe nicht lösen wollen. Er versuchte alles, ihre Einkleidung zu verhindern. Er war durch die Drohungen der Edelleute in Radegundens Gefolge eingeschüchtert. Die Hofleute waren von der Erklärung der Herrin aufs äußerste überrascht: der Bischof habe keinerlei Recht, die Königin geistlich zu machen, denn sie sei nicht eine beliebige Person, sondern gewissermaßen ein staatliches Versatzstück. Sie vermochten nicht an sich zu halten: vom Altar weg rissen sie den Bischof und zerrten ihn durch die Kirche. Unterdessen schlüpfte Radegunde in die Sakristei und daselbst in ein bereitgehaltenes Nonnenkleid, kehrte in die Kirche zurück, trat aufs neue vor den Bischof und machte ihm so deutliche Vorstellungen über seine Amtspflichten, redete ihm so scharf ins Gewissen, beschwor ihn so eindringlich bei dem höchsten Hirten, sie nicht durch seine Menschenfurcht zum verlorenen Schaf zu machen, daß er erschrocken nachgab. Er legte die Hand ihr auf das Haupt und weihte sie. Da nahm die fürstliche Nonne den goldenen Gürtel, der noch eben ihren Leib umfaßt hatte, brach ihn entzwei, warf die Stücke unter die Armen, nahm ihr Königsgewand, breitete es auf den Altar und legte ihre Juwelen darauf. Dann wallfahrtete sie nach Tours und Candes, an die Erinnerungsstätten des heiligen Martin und beschenkte mit ihrem Vermögen größtenteils Klöster und Bistümer. Vorerst ließ sie sich nun auf ihrer Besitzung Saix, zwischen Tours und Poitiers, nieder. Damals träumte ihr, sie sehe ein riesiges Roß, das die Gestalt eines Menschen habe, und auf allen Gliedern und Körperteilen säßen Leute, sie selber aber auf den Knieen des Uebermenschen und eine Stimme sprach zu ihr: Jetzt sitzest du noch auf dem Knie, bald wirst du an meiner Brust Platz finden. Aber noch war sie nicht in Sicherheit; es verlautete, Chlothar sei über ihre Flucht vom heftigsten Schmerz erfüllt und habe erklärt, er wolle nicht mehr leben, wenn er sie nicht wieder zum Weibe haben könne. In ihrer Herzensangst legte Radegunde sich noch härtere Bußübungen auf, als die, denen sie sich bisher schon unterzogen, und flehte Tag und Nacht zum Himmel um Schutz vor dem Gatten: lieber sterben, als wieder sein werden! Das letzte Stück ihres Schatzes einen reich verzierten goldenen Becher schickte sie in dieser Seelennot durch einen ihrer Vertrauten an einen frommen Einsiedler und bat ihn um seine Fürbitte, um Rat und um ein gröberes Bußgewand. Der Einsiedler ließ ihr zum Troste sagen, allerdings sei es des Königs Wille, sie wieder zum Weibe zu nehmen, aber Gott werde es nicht zulassen. Später als Radegunde nach Poitiers übergesiedelt war, kam Chlothar von seinem Sohn Sigibert begleitet, nach Tours, angeblich um dort sein Gebet zu verrichten, in Wahrheit, um Radegunde zu entführen. Diese hörte von der Gefahr und schrieb sofort an Bischof Germanus von Paris, der sich im Gefolge des Königs befand. Der wußte sich nicht anders zu helfen, als er fiel vor Chlothar nieder und bat ihn, Poitiers nicht zu betreten. Da endlich ging auch diesem schlechten und ausgeschämten Menschen eine Ahnung heiligen Lebens auf, gegen das er machtlos sei. Er warf sich seinerseits dem Bischof zu Füßen, sandte ihn nach Poitiers, um von ihr Verzeihung für alles zu erflehen, was er durch schlechte Ratgeber verleitet, gegen sie gesündigt habe. Er erhielt Verzeihung. Aber gesehen hat er die Heilige nie mehr. Unterdessen schritt der Bau ihres Frauenklosters rüstig vorwärts. Unter den Thoren von Poitiers führte sie, vom Bischof und vom Herzog der Stadt unterstützt, im Laufe mehrerer Jahre ein mächtiges Gebäude auf, das gleich einer Festung, von Mauern und Thürmen umgeben, im Notfall auch einer Belagerung trotzen konnte. Alle die reichen Besitzungen, die sie zum Brautschatze und zur Morgengabe von ihrem Gemahl empfangen hatte, übertrug sie mit dessen Zustimmung ihrer neuen Stiftung, nur das ausgenommen, was sie bereits einem Mönchskloster in Tours vermacht hatte. Endlich konnte das Nonnenstift eingeweiht werden. Feierlich zog Radegunde mit den Jungfrauen ein. Kopf an Kopf stand die Menge auf den Straßen von Poitiers, alle Dächer waren von Neugierigen oder Andächtigen besetzt. Radegunde hat das Kloster zeit ihres Lebens nie mehr verlassen. Sie blieb die Seele der Gemeinschaft, aber wollte nicht deren Haupt sein, sondern ernannte zur Aebtissin ein junges Mädchen namens Agnes, das sie von Kindesbeinen an ganz in ihrer Denkweise erzogen hatte. Jeder Ehrenstellung im Kloster wußte sich die Stifterin zu entziehen. Nach Agnes wurde Dedimia Aebtissin, der Küche stand Felicitas vor und Partnerin war Erdegunde. Aller fremden Verpflichtungen frei konnte Radegunde nun endlich ein christliches Leben, wie sie es verstand, führen, still, dienstfertig, gottgeweiht, deutsche Frau im wälschen Lande. Sie vergaß, daß sie Gattin, daß sie Königin gewesen war; sie versammelte die Schwestern um sich und sprach zu ihnen: »Euch habe ich zu meinen Töchtern auserlesen, ihr seid meine Lichtsterne, ihr mein Leben, ihr meine Ruhe und mein ganzes Glück, ihr meine neue Pflanzung. Laßt uns nun das Leben im Diesseits so gestalten, daß wir uns einst im Jenseits seiner aufs neue freuen dürfen. Laßt uns mit ganzer Zuversicht und mit der vollen Hingabe unserer Herzen dem Herrn dienen. Laßt uns ihn suchen in Ehrfurcht und Einfalt, damit wir vertrauensvoll ihm sagen können: Schenk uns, o Herr, nach deiner Verheißung, denn wir thaten nach deinem Befehl.« Für die Erfüllung ihrer Forderungen ging sie dann selber mit einem Beispiel voran, in dem ihr Niemand folgen konnte: nicht nur, daß sie im Beten, im Psalmensingen, im Lesen und Auslegen der heiligen Schrift die erste und die letzte war, sie war von einer unerhörten Strenge und Unbarmherzigkeit gegen ihre Person. Seit der Einsegnung lebte sie nur noch vegetabilisch, aß aber auch Aepfel nicht und trank keine geistigen Getränke. Sie verschärfte dann im Kloster ihre Entsagung zu der strengen Lebensweise einer Klausnerin, aß nur Sonntags Brot, sonst ausschließlich Kräuterwurzeln und wilden Kohl, in rohem Zustande ohne Oel und Salz, und erlaubte sich nur zwei Gläser Wasser täglich. Ihr Lager bestand aus einer Streu von Asche, über die eine grobe härene Decke gebreitet war. Sie mutete sich alle Arbeit der Dienstboten zu. Wo sie etwas schmutzig sah, putzte sie und scheuerte sie. Gerade weil sie von hoher Geburt war, adelte sie in ihren Augen niedrige Dienstleistung desto mehr. Sie trug Holz herbei auf ihren Armen, schürte die Glut im Herde mit Balg und Feuerzange, zog das Wasser aus dem Sodbrunnen selber heraus und verteilte es in die Gefäße. Dann schabte sie Rüben und wusch das Gemüse, überwachte die brodelnden Speisen in den Pfannen, hob die Kessel ab und zu, reinigte das Geschirr, sobald die Tafel aufgehoben war, und fegte dann die Küche rein, bis alles glänzte. Schliefen die Schwestern, dann wichste sie ihnen die Stiefel und stellte sie jeder einzelnen wieder vor das Bett, ja die abstoßendsten Geschäfte einer Haushaltung nahm sie für sich in Anspruch. Dabei erschöpfte sie sich gelegentlich bis zur Ohnmacht; doch auch, wenn sie auf den Boden hinfiel, nahm sie nie Schaden. Das war allerdings in ihrer Dienstwoche. Außerhalb dieser beschäftigte sie sich mit Krankenpflege und kannte darin ebenfalls keine Grenzen. Jeden Dienstag und Samstag empfing sie Arme und Kranke in dem Badehause des Klosters und badete, reinigte und kleidete sie eigenhändig; als sich einmal eine Wärterin die Bemerkung erlaubte, wenn Radegunde immerfort aussätzige Weiber umarme, werde sie bald niemand mehr küssen wollen, gab sie zur Antwort: »Das ist ja allerdings sehr schade, wenn du mich nicht mehr küssen wirst«. Sie war unermüdlich die Kranken zu besuchen oder die heilsamen Säfte abzukochen und kehrte stets nüchtern in ihre Zelle zurück. Trotz all dieser harten Arbeit ergab sie sich noch den schonungslosesten Kasteiungen. In der Fastenzeit spannte sie ihren Hals und ihre Arme in drei breite Eisenringe und schnürte den bloßen Leib in ebensoviel Ketten ein, bis er blutete und sie fast zusammenbrach. Ja sie zwickte sich mit glühenden Eisen, um den brünstigen Geist zu Paaren zu treiben. Einer so heiligen und bescheidenen Frau konnte die Wundergabe nicht versagt sein. Bella, die Gattin eines hochgestellten Mannes namens Gislaad und eine Nonne suchten und fanden Heilung von ihrem Augenübel bei Radegunde. Ein Mädchen Namens Fraifledis in Saix, eine Leubilia und zwei Ungenannte, wovon die eine eines Sattlers Frau, wurden durch ihre Hilfe teuflische Besessenheit los. Dabei ging der böse Geist einmal durch den Unterleib und das andre Mal durch das Ohr ab. An innern Krankheiten heilte sie einen Fall von Quartanfieber; ferner wurde ein kränkliches Mädchen, namens Goda, das überdies durch das viele Doktern medizinsiech geworden war, in Radegundens Behandlung gesund, ehe noch die Votivkerze von der Länge seines Körpers heruntergebrannt war; desgleichen heilte sie die Nonne Animia von der Wassersucht und den Steuerverwalter Domolenus von seinem Rachenleiden. Ein ihr ergebener Schiffer, in Lebensgefahr, stillte den Seesturm, indem er ihren Namen ausrief. Absinthusblätter, die sie auf der Brust getragen hatte, wurden ein wirksames Augenpflaster, und ein sterbendes Waisenkind kam auf ihrem Schoße, durch die Berührung mit ihrer Kutte, zu sich. Im Kreise der Schwestern war sie gewissermaßen Virtuosin im Wundertun: die Aebtissin benutzte die ihr untergebene Fürstin förmlich zu Vorstellungen, indem sie einmal, scherzweise, bei Strafe der Exkommunikation den Termin von dreien Tagen zur Heilung einer Verrückten stellte, das andere Mal die Wiederbelebung eines beim Versetzen verdörrten Lorbeerbaumes unter Androhung des Entzugs der Speise gebieterisch forderte. Alle diese wunderbaren Kräfte bezog Radegunde aus einer anderen Welt, wie sie ja bereits mit ihrem ganzen Wesen vorzeitig im Himmel lebte. Als einmal eine der Nonnen, die Dichterin war, zu Radegunde kam und ihr erfreut mitteilte, zwei oder drei ihrer Lieder seien Volkslieder geworden und würden vor der Klostermauer vom tanzenden Volk zum Saitenspiel gesungen, erkannte Radegunde die Begabung an, die ihr gänzlich abgehe, den Sinn für weltliches Leben mit der Hingabe an Gott zu vereinigen, jedoch nicht ohne beizufügen: »Ich habe weiß Gott kein Ohr mehr für weltliche Gesänge«.

Kaum drang noch hie und da ein Notschrei von den Bürgerkriegen in ihre heilige Stille hinein. Dann schickte sie vielleicht ein mahnendes Wort zum Frieden an die hadernden Könige und Großen, deren Gattin und Mutter sie einst gewesen war. Tag für Tag aber betete sie mit den Nonnen für das Leben ihres früheren Gemahls und ihrer Stiefsöhne. Die Insassen des Klosters, deren Zahl schließlich bis auf zweihundert stieg, waren meistens vornehmer Abkunft. Nicht alle nahmen es ernst mit ihrem Stande. Uebrigens war die Klosterzucht für sie nicht übertrieben streng und nach der Regel des Nonnenklosters von Arles eingerichtet, die indes nur die Morgenstunden von sechs bis acht Uhr dem Studium der heiligen Schrift vorbehielt und Brettspiel und geistlichen Herrenbesuch erlaubte. Radegunde selbst liebte es, bedeutende Männer an der Tafel zu bewirten. Der liebste war ihr Venantius Fortunatus. Ein Priester aus der Gegend von Treviso, machte er im Jahre 565 eines Gelübdes halber eine Wallfahrt nach Tours. Er suchte Verkehr in jedem vornehmen gallischen Hause, mochte es Bischofssitz oder Schloß sein, und vergalt die Gastfreundschaft, die er überall genoß, durch seine tadellosen Gelegenheitsgedichte. Zwischen der Fürstin deutschen Blutes und ihm, dem graziösen Südländer, schlang sich ein Band reiner und herzlicher Gefühle. Radegunde verwöhnte ihn mit allerlei angenehmen kleinen Dingen, für die sie an ihm eine Schwäche entdeckt hatte, setzte ihm heute Creme vor und briet ihm morgen einen fetten Hahn, oder der Tisch war mit besonders schönen Blumen besetzt, wenn Fortunat der Gast war. Umgekehrt verfaßte er für Radegunde Briefe und Gedichte, und es ist ihm gelungen, das Vertrauen, das sie ihm schenkte, künstlerisch zu bewältigen. Sein schönstes Gedicht, betitelt »Thüringens Untergang« hat ihm die erlauchte Freundin so sehr inspirirt, daß sie redend darin auftritt. Sie hat als Kind ihren Vetter Amalfried geliebt, den Stammhalter des Geschlechtes, den einzigen Sohn des letzten thüringischen Königs. Er war von seiner Mutter, einer ostgothischen Prinzessin, nach Italien gerettet worden und dann in den Hofdienst von Byzanz eingetreten. Man spürt es wohl, daß dieser verbannte Germanenfürst fern im Osten im Herzen der fränkischen Königin heimlich weiterlebte. An ihn muß Fortunat in ihrem Namen sein Gedicht richten, die schöne und tieftraurige Erinnerung an die gemeinsame Jugend, mit der brennenden Burg der Ahnen im Hintergrund. Ein späteres Gedicht an den selben galt dem Toten. In dieser dichterischen Vermittlung Fortunats fließt uns Frauenliebe in einer unübertroffenen Tiefe und Innigkeit zu.

Am 13. August 587 ist Radegunde gestorben. Ihr Andenken schien denen, die sie gekannt hatten, mit dem Lebensbilde Fortunats, so lobenswert es sei, doch nicht genügend gesichert zu sein. Deshalb gelangten die Aebtissin und alle Schwestern an eine Schriftstellerin in ihrer Mitte, namens Baudonivia, sie möchte doch das Leben Radegundens, das sie aus persönlichem Umgang genau kannte, nochmals beschreiben. Sie entsprach der Bitte in den ersten Jahren des siebenten Jahrhunderts, also etwa ein halbes Menschenalter, nachdem die Heilige die Augen geschlossen hatte. Die Schreiberin spricht die Absicht aus, Fortunats Mitteilungen zu ergänzen, da er selber gestehe, nicht vollständig zu sein. Sie giebt daher ihre Arbeit auch äußerlich in diesem Zusammenhang, als ein zweites Buch des Radegundenlebens; es verhält sich zu Fortunats Werk, wie Severs Dialoge zum Martinsleben oder das zweite Buch des Cäsariuslebens zum ersten. Inhaltlich ist diese neue Vita durch manche anschauliche intime und bezeichnende Züge der fortunatischen ebenbürtig; der schriftliche Niederschlag eines starken persönlichen Eindrucks, die litterarische Befreiung von einem übermächtigen Bann. »Wiewohl ihre Predigten noch vorgelesen werden«, sagt die Schreiberin, »so fehlt doch der süße Laut ihrer Stimme; denn welch ein Gesicht, welche Gestalt sie hatte, wer vermöchte es auszudrücken: Qual ist es, daran zu denken. Ihr Wandel war heilig, und süß und rein war ihr Anblick.« Schriftstellerisch jedoch bleibt die Darstellung nicht auf der Höhe. Die Klosterfrau schreibt ein sehr schlechtes Latein voller Anakoluthe und barbarischer Ausdrücke und verproviantiert sich stilistisch überdies wacker aus den Viten ihres Partners. So sehen wir denn zum Lobe der heiligen Radegunde den zierlichen Pegasus des letzten römischen Dichters einträchtig ins Joch gespannt mit dem schwerfälligen Ackergaul der fränkischen Mönchssprache.

Fünftes Kapitel.

Die Heiligengelehrsamkeit des Gregor von Tours.

Fortunat hat sich in seinen Heiligenleben nicht viel von der Memorie entfernt und sich dabei meist auf Gebieten bewegt, wo man ohne ein großes Wissen bei einigem Darstellungsgeschick wohl auskommen konnte. Er schrieb überhaupt auch diese Stücke, wie seine Gedichte, gelegentlich, aus Liebenswürdigkeit, der richtige Italiener. Die Gründlichkeit, deren es bedarf, um eine neue Gattung ins Leben zu rufen, mangelte ihm. Aber die ersten Ansätze zur außermartinischen, auf Forschung, nicht auf bloßer Erinnerung beruhenden Prosavita finden sich eben doch bei ihm. Er ist damit der Vorläufer eines Größeren geworden, der sich in seiner Bescheidenheit selber nur wie ein Nachtreter Fortunats vorkam.

An Gregor von Tours überrascht uns nun mit einem Schlage die ganz andere Art des Interesses an den Heiligen. Es ist, um es gleich bei dem wesentlichsten Merkmal zu fassen, das Interesse des geborenen Gelehrten. Der Stoff schwillt ins Unbegrenzte: statt eines halben Dutzend, das persönliche Bekanntschaft oder andere private Beziehungen vermittelten, drängen sich nun aus den gesammelten Pergamenten und eingezogenen Erkundigungen hunderte von neuen Personen und Thatsachen ans Licht. Das individualisierende Element tritt vor dem statistischen in den Hintergrund. Wißbegier und Sammeleifer decimieren die keineswegs fehlende Anekdotenpsychologie.

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