Part 12
Wie alle geschichtlichen Anfänge, ist auch der Anfang des spezifisch merowingischen Heiligenlebens unserer Kenntnis entzogen. Trotz vereinzelter Spuren, daß es vor Fortunat und Gregor merowingische Heiligenschreiber gegeben hat, ist sicheres darüber nicht auszumachen. Immerhin mögen einige dieser Schriften nicht streng memorienhaften Charakter getragen haben, sondern eher aus einer Art Annalistik hervorgegangen sein oder sich direkt an die Form der alten römischen Protokolle eines Märtyrerprozesses angelehnt haben. So überrascht in einem durch Gregor uns aufbehaltenen Fragment einer Saturninspassion[075-a] das präzise Datum: »Unter dem Konsulat des Decius und Gratus« — nie hat sich etwas dergleichen in einer Memorie blicken lassen. Mit dieser Schrift fällt auch die alte Julianspassion unter eine litterarische Rubrik, die sich, der ›Vita‹ entrückt, unzweideutig als Abkömmling der römischen Märtyrerakte zu erkennen gibt[075-b]. Allem nach war auch jene Schrift über den Todeskampf des arvernischen Märtyrers Liminius eine Passion[075-c], wie auch für Vincenz von Agen und Genesius von Bigorre solche verzeichnet werden[075-d]. Die Passion des Felix von Nola hatte Gregor nicht zur Hand, als er aus ihr schöpfen wollte[075-e]. Ein altes Symphoriansleiden dagegen, auf das er sich beruft, ist auch uns noch erhalten, ebenso vielleicht seine Ferreolus- und Ferruciuspassion[075-f]. Von diesen ›Leiden‹ unterscheidet Gregor zehn Heiligenleben: die darin beschriebenen Männer sind Remigius, Patroklus, Hilarius, Maximus, Symeon, Romanus, Bibianus, Marcellus, Medardus, Albinus[075-g]. Das Albinsleben bezeichnet er als von Fortunat und das Maximusleben als in Versen verfaßt. Da jedoch aus solchen zerstreuten Andeutungen nicht klug zu werden ist, greifen wir eine andere Folge von Spuren auf, die uns unmittelbar zu Venantius Fortunatus und damit zum festen Ausgangspunkt unserer Erörterungen hinführen.
Viertes Kapitel.
Die panegyrische Heiligenforschung des Venantius Fortunatus.
Das über die persönliche Erinnerung hinaus verlängerte Andenken an Heilige im alten Frankreich nimmt seinen Ausgang bei Martin von Tours. Wie er den ihn schildernden Schüler überwältigte, so geht von ihm auch die Kraft aus, die in jener Zeit gelehrte Bemühungen um die Heiligen ins Leben zu rufen vermochte. Seine Heldengestalt mußte indes weit mehr zu dichterischem Lobpreis, als zu kritischer Betrachtung auffordern. Und so wurde nun, um von den zahlreichen alten Martinshymnen hier zu schweigen, auch die erste biographische Darstellung von Martins Leben, an die man sich nach Sever wagte, in Versen unternommen. Von ihrem Verfasser, Paulinus von Perigueux, wissen wir nur das Todesjahr 475. Zu seinem Heldengedicht bediente er sich der Quellen, die er vorfand, nämlich der Martinsschriften des Severus[075-h]. Er gesteht selber, weiter nichts zu thun, als die ihm vorliegende Prosa rythmisch zu erweichen; zu den Quellen könne nicht jeder dringen, und so müsse man denn bei ihm mit abgeleitetem Wasser vorlieb nehmen, dem es an Frische fehle. Auch entbehrt es des Interesses nicht, daß Paulinus aus Severs Vorlage nicht ein einheitliches Lebensbild zusammenschweißt, sondern die doppelspurige Behandlung des Severus beibehielt. In drei ersten Gesängen schöpft er die Vita aus, in einem vierten den zweiten Teil des ersten Dialogs, in einem fünften den zweiten Dialog. Das meiste, was Sever bietet, benützt er und überspringt nur wenig. Das sechste und letzte Buch zieht dann eine neue Quelle hervor, nämlich die dem Verfasser durch Bischof Perpetuus von Tours zur Verfügung gestellte Liste von sechzehn Wundern, die am Grabe des Heiligen nach seinem Tode geschehen waren.
War mit Paulinus von Perigueux Martin einem Poeten in die Hände gefallen, der nach eigenem Geständnis keiner war, so hatte er mit seinem nächsten Biographen scheinbar mehr Glück, insofern Venantius Fortunatus für den letzten römischen Dichter gilt[076-1]. Aber auch dieser befolgt das Rezept des Paulinus, und gibt im ersten und zweiten Gesang die verblümte Vita, im dritten und vierten eine Paraphrase der Dialogen[076-2]. Er behandelt den Gegenstand fabrikmäßig, von seiner poetischen Begabung ist nicht viel zu spüren, finden sich doch unter den zweitausend zweihundert und dreiundvierzig Versen kaum fünfzig gute[076-3]. Wie Paulinus hat er sich zum Martinsgedicht des einfachen Hexameters bedient, während er sonst über gewähltere Maße verfügte. Er deutet auch an, daß er in Paulins Spuren wandelt.
Reich an Talent, an Ahnen, an Glauben und Herz hat Paulinus Martins Satzung in Versen erzählt, des heiligen Lehrers. Aber nun ich, bin ich würdig genug das selige Leben Auch zu berühren mit zitternder Hand und mit stammelnder Zunge?
Sowohl das Martinswerk des Paulinus als das des Venantius Fortunatus kommen daher als poetische Leistung kaum, als ernst zu nehmende Lebensschilderungen gar nicht in Betracht. Die gelehrten Verdienste Fortunats um die Heiligen liegen anderswo.
1.
Fortunat verfaßte sechs Heiligenleben in Prosa. Da sie für das Volk berechnet waren, sah er von dem höfischen Stil ab, mit dem für uns erfreulichen Resultat, daß diese Traktate in einer einfachen, natürlichen Sprache gehalten sind, während sonst gerade seine Prosa nicht auszustehen ist. Zuerst beschäftigt uns sein Leben des Hilarius von Poitiers. Es ist wichtig als der erste bedeutendere Vertreter einer Prosavita, die nicht auf persönliche Erinnerung zurückgeht, also nicht Memorie ist. Sprang schon bei seinem Martinsgedicht der enge Anschluß an Sever in die Augen, so ist er bei näherem Zusehen hier in nicht geringerem Maße vorhanden. Nun hat Sever allerdings keine Hilariusgeschichte hinterlassen, aber in seiner Chronik doch mehrere biographische Daten untergebracht und im Martinsleben dessen Beziehungen zu Martin kurz erwähnt; alle diese Stellen finden sich in Fortunats Hilariusleben gewissenhaft übernommen und der Anklang sogar bis auf einzelne Ausdrücke nicht vermieden. Die Angaben des Hieronymus über Hilarius hat Fortunat nicht benützt, obwohl er in der Vorrede Hilarius und Hieronymus nebeneinanderstellt; und auch anderswoher seine Kenntnisse über Hilarius Lebensgang nicht bereichert: er steht also mit diesem Werk so sehr im Bann des Sulpitius Severus, als das bei dessen spärlichen Angaben über Hilarius möglich war. Aber auch aus einem andern Grunde war sein Hilariusleben das Seitenstück zu Severs Martinsleben: Hilarius von Poitiers nahm zu dem größeren Nachbarheiligen von Tours für die Empfindung der Nachwelt gewissermassen eine sekundierende Stellung ein: war Martin Reichsheiliger, so war Hilarius dasselbe im zweiten Gliede; der Martinsmission unter den Alamannen trat eine Hilariusmission an die Seite; den Martinskirchen folgten Hilariuskirchen. Für die Abfassung der Hilariusvita steht das Jahrzehnt 565 bis 575 zur Verfügung; in der Vorrede zum Albinsleben sagt Fortunat allerdings, er habe in dieser Litteraturgattung, eben der Heiligenschriften, noch keine Uebung; das schließt die Priorität der Hilariusvita nicht unbedingt aus, denn da der Adressat der Albinsvita Bischof Domitian von Angers 569 starb, bleiben vier Jahre, in denen die beiden Schriften jede der andern den Vortritt hatte lassen können. Daß dagegen das Hilariusleben es mit einem längst Verstorbenen zu thun hat, dessen Grab bereits wieder auf eine Geschichte zurückblicken kann, giebt sich auch schon in seinem Anhang kund, in den Virtutes, die in der Hilariusbasilika von Poitiers sich ereignet haben: ein so loser Anhang immerhin, daß es sich um ein eigenes Büchlein handelt, mit eigener Widmung und dem sechsten nicht mehr dem vierten Jahrhundert zum Gegenstande. Das älteste der erzählten Wunder greift in die Zeit Chlodowechs zurück: der König hatte vor der Schlacht bei Poitiers die Nacht im Hilariusmünster bis zum Tagesanbruch zugebracht, bis er das feste Bewußtsein besaß, der Heilige werde sein mächtiger Mitkämpfer sein. Diese »Hilariuswunderthaten« sind vielleicht das früheste selbständige Beispiel dieser zweiten Art hagiographischer Schriftstellerei, die sich nicht mit dem lebenden, sondern mit dem toten Heiligen beschäftigt. Gewidmet sind beide Schriften dem Pascentius, Bischof von Poitiers, der im Hilariuskult von Kindesbeinen an erzogen war, dann Priester der Hilariuskirche von Paris und schließlich auf König Chariberts Befehl nach dem Tode des Pientius Bischof der Hilariusstadt wurde. Auf desselben Königs Geheiß und Drängen verfaßte Fortunat dann auch die beiden Schriften.
Das Hilariusleben blieb jedoch Fortunats einziger Versuch, eine Gestalt der fernen Vergangenheit zu schildern. Die fünf andern Heiligen, die er beschrieb, sind mehr oder weniger seine Zeitgenossen: vier fränkische Bischöfe und die heilige Radegunde. Von dieser muß ausführlich die Rede sein. An den Bischofsleben dagegen mag nur eben das Charakteristische hervorgehoben werden. Mit Germanus von Paris stand Fortunat in persönlichem Umgang; für die Vita, die er ihm widmet, ist davon leider wenig genug abgefallen. Der Eindruck, den ein Mann wie Germanus Auge in Auge doch gewiß ausübte, kommt um alles Recht. Einen treffenden Zug über den Heiligen erfahren wir von Fortunat nicht hier, sondern im Leben der Radegunde, daß nämlich Germanus die in der Fastenzeit an die Armen auszuteilenden Kuchen eigenhändig buk[078-a]. Dafür strotzt das Germanusleben von Wundern, nicht nur von solchen, die der Heilige selbst gewirkt hat, sondern auch von übernatürlichen Vorfällen, mit denen der Volksglaube zu allen Zeiten eine ihm genehme Heiligengestalt umrahmt hat. Die Geburt wird in unerquicklicher Weise wundersam verbrämt[078-b]. Als Muster des damaligen Geschmacks in diesen Dingen ist die Episode hier anzuführen: Germanus hatte rechtschaffene und angesehene Eltern. Seine Mutter schämte sich in weiblicher Scheu, schon wieder ein Kind zu bekommen, da sie eben erst eines gehabt hatte. Sie beschloß die Frucht abzutreiben, so lange es noch Zeit sei und nahm den üblichen Trank, um das Verbrechen wider das keimende Leben einzuleiten. Darauf erhob sich nun ein Streit zwischen der Mutter und dem ungeborenen Kinde; dieses wünschte durchaus das Licht der Welt zu erblicken und überwand die abtötende Wirkung der Medizin. Das war gewissermaßen des Heiligen erstes Wunder, durchaus geeignet, die künftige Kraft des Heiligen anzudeuten. Uebrigens knüpft dieser sprechende Zug vielleicht doch an die Wirklichkeit an, und zeigt dann, was damals eine sonst anständige Frau ohne Anstoß zu erregen sich erlauben durfte.
Die übrigen drei von ihm beschriebenen Heiligen hat Fortunat nicht selber gekannt. Im Kloster Tincallense, wo Bischof Albin erzogen worden war, wurde Fortunat von dessen Nachfolger aufgefordert, die Stadt Angers zu besuchen. Nach Mitteilungen eines Ungenannten fertigte Fortunat sein Büchlein an: »Damit dieses Heiligenleben zur Erbauung des Volkes schwarz auf weiß aufbehalten werden könne«, und widmete es eben jenem Domitian, Bischof von Angers. Auf Geheiß des Germanus von Paris verfaßte Fortunat sodann das Leben von dessen Vorgänger Marcellus. Akten dieses Heiligen waren vorhanden gewesen, aber verloren gegangen; die mündliche Ueberlieferung über ihn war aber noch sehr lebendig. Paternus endlich, der Bischof von Avrenches, der noch auf dem dritten Konzil vom Jahre 556 anwesend war, wurde von Fortunat dem Abt Martianus zuliebe geschildert, dessen Kloster wahrscheinlich eine Stiftung des Heiligen war.
So dürftig indessen diese Heiligen-Lebensbilder für ein nur menschliches Interesse ausgefallen sind, mangeln ihnen wertvolle Beiträge zur Zeitgeschichte nicht ganz. Diese zeigen uns den bekanntlich sehr kirchenfreundlichen König Childebert im Verkehr mit hervorragenden Prälaten. Als Albin nach Paris kam, um nach seiner Erwählung zum Bischof von Angers im Jahre 529 die übliche Aufwartung bei Hofe zu machen, Childebert dagegen in der Frühe auf die Jagd geritten war, suchte der König, da dem geistlichen Herrn das Gehen sauer war, diesen persönlich auf[079-a]. Dem Paternus von Avrenches schickte er seine schließbare Reisekutsche zum Besuch bei Hofe und gab ihm für Armensachen einen unbeschränkten Kredit[079-b]. Dem Germanus stellte er nach dessen Wahl nach Paris sechstausend Goldstücke zur Verfügung; Germanus brauchte nur dreitausend: für die ganze Summe gebe es nicht Arme genug[079-c]. Als ihm aber der König ein Leibpferd schenkte mit dem ausdrücklichen Wunsche, der Bischof möge es nun ja zum eigenen Gebrauche verwenden, löste Germanus einen Gefangenen, der ihn um die Freiheit bat, damit aus, weil für den Priester des Armen Stimme mehr gelte als des Königs Stimme.
2.
Von Fortunats fünf zeitgenössischen Lebensbildern ist also das der Königin Radegunde weitaus das bedeutendste. Auch es steht in mehr als einer Hinsicht unter dem Einfluß von Severs Martinsleben. Als Radegunde eine junge Klosterschwester erweckte, die für tot galt, in ihrer eigenen Zelle, ohne Zuschauer, nach siebenstündiger Behandlung, erinnert Fortunat an das erlauchte Vorbild: _more beati Martini tempore praesenti antiqui norma miraculi_[079-d]. Aber das ganze Bild der frommen Frau steht in Martins Bann. Wie einst Martin seinem Burschen Dienste leistete, die dieser ihm erweisen sollte, so reinigte auch die Fürstin das Schuhwerk ihrer Schwestern. Zwei Stunden brachte Martin allein bei einem entseelten Klosterbruder zu und Radegunde zwei Stunden am Bett einer kranken Schwester. Sicher haben wir es hier nicht mit einer schriftstellerischen Abhängigkeit Fortunats von Sever zu thun, wohl aber deuten solche Stellen auf die Abhängigkeit Radegundens von Martin hin, dessen Gestalt in Severs Darstellung der Nachwelt erhalten war. Doch stellt sich selbst eine litterarische Parallele zwischen Sever und Fortunat ein. Auch Fortunat wird dem Stoff in seiner Vita nicht Meister: aus seinen Gedichten ersehen wir, daß er von Radegunde sehr viel mehr und sehr viel Charakteristisches weiß, was er in der Beschreibung nicht unterbringt. »Je mehr wir der Kürze wegen auslassen müssen, eine desto größere Sünde ist es«, sagt auch er. Und in der That, was hätte er noch alles erzählen können! In einem seiner Gedichte wird uns in ergreifender Weise ein Einblick in ihr menschliches Empfinden gewährt! Auch in vielen kleinen Zügen, die in Fortunats Gedichten zerstreut sind, zeigt sich uns das unvergleichliche Frauenwesen von Mutter Radegunde, wie sie sich nennen ließ. Sie besteckt zu Ostern den Altar der Klosterkirche mit Blumen, erfreut ihren Dichterfreund mit allerhand Aufmerksamkeiten, Pflaumen, Eiern, frischer Milch und nimmt von ihm Veilchen, Blumen oder ein Körbchen mit zahmen Kastanien an. Auch im Kloster zeichnet sie sich aus durch ihren Eifer in der Kochkunst und durch ihr Geschick, Rahm zu Sahne zu schlagen. Daneben liest sie fleißig Kirchenväter. Von diesen anmutigen und intimen Einzelheiten enthält die Darstellung nichts. Ebenso verschweigt sie den Namen der Adoptivtochter und Aebtissin Agnes und Radegundens näheren Umgang mit ihr. Die Chronologie ist vernachlässigt. An Fortunats wichtigstem Heiligenleben äußern sich somit in allen wichtigen Punkten bei doch ganz andern Umständen ähnliche Bedingungen der Konzeption und Ausführung, wie wir sie bei Sever an dessen Behandlung Martins beobachtet haben: es ist das Unvermögen der Memorie, bei allzugroßer Liebe zum Stoff diesen schriftstellerisch zu bemeistern. Aber trotz alledem, welch ein Stoff!