Die Heiligen der Merowinger

Part 11

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Cäsarius wurde im Jahre 469/470 im burgundischen Reiche geboren. Seine Eltern waren vom Adel. Auf ihrem Landsitz wuchs er heran und suchte schon im Alter von sieben Jahren die armen Leute auf. Als junger Mensch führte er eine Zeit lang ein standesgemäßes Leben und versagte sich nichts. Dann erfaßte ihn plötzlich Eckel; ohne seinen Eltern etwas zu sagen, begab er sich zu Bischof Sylvester von Chalons und ließ sich von ihm scheeren und zum Diakon weihen. Dort blieb er zwei Jahre bis er zwanzig war, wünschte dann aber sich im geistlichen Leben noch auszubilden. Glücklich erreichte er mit einem treuen Diener das Kloster Lerinum, obschon seine besorgte Mutter durch besondere Sendlinge das möglichste gethan hatte, um seine Flucht zu hintertreiben. Jene kleine und ebene Insel stand damals in der ganzen Welt im Rufe strengen klösterlichen Lebens, und stets gingen künftige Bischöfe aus den Reihen der Mönche hervor. Cäsarius nahm seine Gelübde sehr ernst, so ernst, daß er oft an der Möglichkeit verzweifelte, seine Fehler überhaupt noch abzulegen. Abt Porcarius jedoch wußte ihn zu schätzen, und als er selbst sich zu alt fühlte, ließ er jenen vor den Mönchen predigen; er bestallte ihn überdies zum Speisemeister. In seinem frommen Eifer gab sich Cäsarius zuerst Illusionen über die Vortrefflichkeit seiner Mitbrüder hin, allmählich aber gingen ihm die Augen auf, daß es eben Menschen waren. Putzsucht, Schlemmerei und andere eines Heiligen unwürdige Gelüste kamen ihm täglich vor, da er in seiner Stellung als Verwalter derlei befriedigen sollte. Als er nicht nachgab und allen diesen Zumutungen stand hielt, wurde seine Lage unhaltbar. Man intriguierte gegen ihn; der greise Abt erlag schließlich den Einflüsterungen der Gegner und desavouierte ihn. Mit seiner Entsetzung vom Amte erkrankte Cäsarius auch noch fieberhaft; sein Körper war durch übertriebene Bußübungen zu hart mitgenommen. Der Abt, bange, der Bruder werde es nicht überstehen, wünschte ihn der strengen Klosterzucht enthoben zu sehen und verfügte die Uebersiedelung nach Arles in die Hände berühmter Aerzte. In Arles nahmen sich ein hochgestellter Mann, Firminus, und dessen Gemahlin Gregoria des Kranken an und sorgten auch später für die weitere Ausbildung durch einen Rhetor Pomerius; denn in Dingen der Bildung ließ der Mönch noch zu wünschen übrig. Aber diese Bemühungen verfingen nicht allzu sehr bei Cäsarius: es war ihm an weltlicher Weisheit nicht eben viel gelegen, wie er denn nicht, was man heißt, begabt war. Er verstand sich daher auch nicht auf die blühende Redeweise der gallischen Rhetoren, sondern drückte sich einfach und bescheiden aus. Der Bischof von Arles, bei dem er durch seine Gönner eingeführt, und als aus Chalons gebürtig vorgestellt wurde, freute sich, einen Landsmann zu treffen; er hatte die Eltern wohl gekannt und bei näherer Bekanntschaft stellte sich heraus, daß sie überhaupt noch entfernt verwandt waren. Auf Ansuchen des Abtes von Lerinum nahm er die Priesterweihe an Cäsarius vor. Obwohl dieser damit in den geistlichen Verband der Kirche von Arles überging, befolgte er doch nach wie vor den Psalmenkanon und alle Regeln seines Klosters. Als dann im Jahre 499 auf der Arles unterstellten Insel die Klosterzucht nachließ und der Abt gestorben war, beauftragte der Bischof seinen Verwandten mit der Reform. Cäsarius unterzog sich der Aufgabe und wurde den kühnsten Erwartungen gerecht. Zu jener Zeit nun begann Bischof Aeonius alt zu werden und hatte nur noch einen Gedanken, nämlich bei Klerus, Bürgerschaft und beim Könige die Wahl seines Vetters sicher zu stellen. So kam es, daß Cäsarius, der erst dreißig Jahre alt, schon Abt geworden war, nun gar noch, kaum dreiunddreißig, Primas von Gallien wurde. Diese außerordentliche Ehre war durchaus nicht nach seinem Sinne; er suchte sich ihr gewaltsam zu entziehen, indem er sich auf dem Kirchhof hinter den Grabsteinen verbarg. Alarich, der König der Westgothen, dem Arles damals botmäßig war, hatte diese Wahl bestätigt, obwohl der Gewählte ein Ausländer sei. Immerhin wußte ihn einer der bischöflichen Kanzlisten namens Licinianus durch Zwischenträger beim Könige zu verleumden; die Folge war Cäsarius’ Verbannung nach Bordeaux im Jahre 505. Dort verbrachte er einen Winter mit Ruricius, seinem bischöflichen Kollegen von Limoges, und errang sich durch seine furchtlose Hilfeleistung bei einer Feuersbrunst die rückhaltlose Verehrung der dortigen Bevölkerung. Unterdessen war zu Hause seine Unschuld an den Tag gekommen; er durfte frei in seine Stadt zurückkehren, und nur seiner Fürbitte hatte es der Verleumder zu danken, daß er nicht um seinen Kopf kam. Am 11. Sept. 506 trat in Agde das Konzil der katholischen Bischöfe des westgothischen Reiches zusammen, 507 ein gleiches in Toulouse. Da Cäsarius als Metropolit die Beschickung des Landeskonzils für jeden Bischof verbindlich erklärte, ansonst die brüderliche Gemeinschaft suspendiert werden müßte, überwarf er sich mit Rusticius von Limoges, der ihm grob erklärte, es sei ihm doch noch lieber, wenn die Stadt des Bischofs wegen, und nicht der Bischof der Stadt wegen bekannt sei. Kurz darauf mußte dann aber der innerkirchliche Zwist vor den weltgeschichtlichen Ereignissen verstummen, die nun eintrafen. Alarich war bei Veuillé von Chlodowech geschlagen worden und gefallen. Die siegreichen Franken drangen bis in die Provence vor und belagerten mit den verbündeten Burgundern Arles. Wohl versammelte der ostgothische König Theodorich auf den 24. Juni desselben Jahres 508 das Heer, das dann in der That die schwerbedrohte Stadt entsetzen sollte. In der Zwischenzeit aber litt sie und nichts kann uns mit größerer Verehrung vor ihrem jungen Erzbischof erfüllen, als die Unerschrockenheit und die selbstlose Hingabe, mit denen er in diesen Tagen höchster Not und Gefahr seine Pflicht that. Er hatte eben im Südosten der Stadt ein Nonnenkloster bauen und es sich nicht nehmen lassen, selbst mit Hand anzulegen. Nun mußte er es von der Stadt aus mit eigenen Augen ansehen, wie die Franken und Burgunder, übrigens entgegen dem Tagesbefehle Chlodowechs und trotz starker Sympathien im burgundischen Heere, den Bau größtenteils wieder niederrissen und Steine und Holz für ihre Sturmwälle benutzten. In Arles selbst wurde er schwer verleumdet. Vor wenigen Jahren hatte er seiner burgundischen Freundschaft wegen in die Verbannung gehen müssen, und nun waren in mehr als einer Stadt die katholischen Bischöfe offen zu Verrätern des westgothischen Vaterlandes geworden. Zum Unglück war auch ein Chorherr des bischöflichen Kapitels, zudem ein Verwandter des Cäsarius, aus Furcht vor der drohenden und in jenen Zeiten kaum erträglichen Gefangenschaft nachts an einer Strickleiter über die Mauer hinunter zu den Feinden übergelaufen. Es schien, als sei es um Cäsarius geschehen. Das Volk wollte ihn in die Rhone werfen. Er wurde aufs strengste im Palatium bewacht, sein Haus von Arianern bezogen. Am meisten hatten die Juden gegen ihn gehetzt, weil er auf dem Konzil von Agde im Jahre 506 ein altes Verbot mit den Juden zu speisen von den Klerikern auf alle Katholiken hatte ausdehnen lassen. Da wurde aber bei einem Ausfall der Belagerten ein an einem Stein befestigter Brief gefunden, den ein Areletenser Jude, als er den Wachtdienst versah, zu den Feinden hinübergeschleudert hatte: er verriet die Mittel zur Einnahme der Stadt mit der Erwartung, daß dann Freiheit und Besitz aller Juden in Arles unangetastet bleibe. Die gothischen Machthaber ließen nun Cäsarius frei und verhafteten die Juden. Auch rückte jetzt das ostgothische Ersatzheer heran, und es siegte. Arles wurde dadurch mit Gefangenen angefüllt, und Cäsarius übernahm die Fürsorge für diese Unglücklichen. Dabei nahm er auf die heidnischen Franken und die arianischen Burgunder genau die gleiche Rücksicht wie auf die gefangenen Katholiken. Aus dem reichen Kirchenschatz schaffte er Nahrung und Kleider. Als dieses Hilfsmittel erschöpft war, ließ er mit Axthieben die reichen silbernen Verzierungen im Innern der Hauptkirche von den Säulenuntersätzen und den Schranken abtrennen; ja schließlich schmolz er die heiligen Gefäße ein, man denke sich unter welchem Widerspruch der Kleriker. Er hatte darauf die schöne Antwort: »Möchten doch gewisse Herren Bischöfe und sonstige Geistliche mir Rede stehen, die aus ich weiß nicht was für einer Liebe zu überflüssigen Dingen nicht wollen, daß man fühlloses Silber und Gold aus den Schatzkammern Christi für Knechte Christi verwende, wenn sie selbst zufällig von einem solchen Unglück betroffen wären, ob sie es dann auch für Tempelschändung erklären würden, wenn ihnen jemand mit den gottgeweihten Gaben zu Hilfe käme? Ich glaube nicht, daß es Gott mißfällt, Dinge, die zu seinem Dienst bestimmt sind, zum Lösegeld zu verwenden, da er sich selbst für die Menschen zum Lösegeld dahingab.« Im festen Gottvertrauen setzte der Bischof sich und seine nächsten Angehörigen dem Mangel aus, um den Gefangenen zu helfen. Sein Verwalter erklärte, wenn die Gefangenen auch nur einen Tag weiter unterstützt würden wie bisher, könne er morgen kein Brot beschaffen für den Tisch des Bischofs; warum man denn nicht die Gefangenen einfach in den Gassen betteln lasse. Der Bischof zog sich in seine Zelle zurück und kehrte dann mit wunderbarer Zuversicht wieder. Er lachte den Verwalter wegen seines Unglaubens aus und sagte zu seinem Sekretär Messianus: »Wir wollen heute alles verbacken und morgen wenn es sein muß fasten. Das steht uns immer noch besser an, als Leute aus guter Familie zum Betteln zu zwingen.« Einem Anwesenden aber flüsterte er ins Ohr: »Morgen wird Gott geben, wer den Armen giebt, leidet nicht Mangel.« Der nächste Tag graute: da kamen drei große Getreideschiffe die Rhone herunter; König und Kronprinz von Burgund sandten sie, um Cäsarius in seiner Liebesthätigkeit zu unterstützen, um so mehr als sie wußten, wie viel davon ihren gefangenen Unterthanen zu Gute kam. Auch als Prediger stellte Cäsarius in diesen Schreckenstagen seinen ganzen Mann: »Ja, einen bitteren Rauschtrank kredenzt die Welt ihren Liebhabern. Zu euch spricht jetzt die rauhe Wirklichkeit, ihr Liebhaber der Welt: ›Wo ist das was ihr so hoch hieltet und nicht fahren lassen wolltet?‹«[069-1].

Dem Kriege folgte eine so große Sterblichkeit, daß die noch Lebendigen kaum ausreichten, die Toten zu begraben. Die Umgegend war verwüstet, ganze Provinzen deportiert, besonders schrecklich war das Los der Frauen: vornehme Damen waren zu Mägden geworden. Um so mehr mußte für Cäsarius darin eine Aufforderung liegen, seine Gründung eines Nonnenklosters wieder aufzunehmen. Seine Schwester Cäsaria hatte er nach Marseille in das Frauenstift des Cassianus gesandt, damit sie dort das Leben nach der Regel erlerne. Darauf war sie einem neuen Hause neben der Kirche von Sankt Stephan vorgesetzt gewesen, während zwei oder drei Gefährtinnen bereits Einzelzellen bezogen hatten, bis endlich am 26. August 512 das Kloster eingeweiht wurde. Die Zahl der Nonnen stieg im Lauf der Jahre auf zweihundert. Im folgenden Jahre wurde Cäsarius vor den Ostgothenkönig Theodorich geladen und unter militärischer Eskorte nach Ravenna abgeführt. Die Gründe der Anklage sind unbekannt und mögen mit dem Klosterbau zusammenhangen. Jedenfalls wußte Cäsarius auch diese Verdächtigung durch die bloße Darlegung des Sachverhalts zu entkräften, und Theodorich sah sich bewogen, den Bischof noch ausdrücklich durch ein kostbares Ehrengeschenk auszuzeichnen. Cäsarius verkaufte die silberne Platte und löste mit dem Gelde Gefangene aus; er veranlaßte durch dieses sein Beispiel überdies reichliche Liebesgaben großer Herren, durch die der Loskauf fast aller in Italien noch gefangenen Burgunder möglich wurde. Uebrigens scheint Cäsarius von Theodorich nicht nur als Kirchenmann, sondern auch als politischer Vertreter der Stadt Arles zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Von Ravenna reiste er nach Rom und wurde von Papst Symmachus sowie dem römischen Adel sehr ehrenvoll aufgenommen. Es galt am apostolischen Stuhl einige fragwürdige Angelegenheiten zu erledigen. Zunächst hatte Cäsarius, um das Geld zum Klosterbau aufzutreiben, arelatensischen Kirchenbesitz veräußert und damit ein schlechtes Beispiel gegeben, das nicht ermangelte, befolgt zu werden. Im Kloster selbst trat bald der Uebelstand zu Tage, daß die Nonnen, ob sie wollten oder nicht, von Freiern zur Heirat entführt wurden. Cäsarius bestand überdies auf dem noch von seinem Vorgänger gehandhabten Recht, eine durch Klerus und Bürgerschaft zu Stande gekommene Bischofswahl als Metropolit zu bestätigen und wollte weltliche Würdenträger zum geistlichen und gar zum bischöflichen Stande nicht zulassen, ohne über Jahre zurück ihren Leumund in Erwägung zu ziehen. Außerdem war dieses ein Jahrhundert alte Privilegium des Stuhles von Arles auf den Primat von ganz Gallien nun durch die diplomatischen Künste des Avitus von Vienne sehr ins Schwanken geraten. Trotz dieser mannigfaltigen und vielfach zweifelhaften Umstände erzielte Cäsarius mit seiner Anwesenheit am päpstlichen Hofe einen vollen Erfolg, und schon ein Jahr darauf sah der Erzbischof von Arles seine Rechte eines apostolischen Vikars nicht nur über Gallien, sondern auch über Spanien ausgedehnt. In Rom hatte Cäsarius auch starke liturgische Eindrücke in sich aufgenommen und traf sofort Anstalten, den römischen Ritus in Gallien einzubürgern. Namentlich aber brachte er ein Vermögen von achttausend Goldstücken als Fonds für den Rückkauf der Gefangenen mit nach Hause; er organisierte eine ganze Beamtenschaft aus Aebten und Klerikern, um die Armen zu befreien, und begab sich selbst in dieser Angelegenheit nach Carcassone. Papst Hormisdas, der 514 Symmachus nachfolgte, sicherte dem Kloster von Arles den Schutz des heiligen Stuhles zu und legitimierte, wenn auch nicht ohne Zögern die im Grund unrechtmäßigen Vergabungen, die vom Kirchengut an das Frauenstift geschlagen worden waren. Im April 515 fand das von Cäsarius einberufene zweite Konzil von Arles statt, an dem siebzehn Bischöfe teilnahmen, dessen Beschlüsse uns jedoch unbekannt geblieben sind. Auch das Weihfest der Marienkirche im Jahre 524 gestaltete sich zu einer Synode, ebenso vier Jahre später die Kircheneinweihung von Orange; dort bekämpfte Cäsarius den Semipelagianismus des Erzbischofs von Vienne. Auf dem Konzil des Jahres 529 brachte er dagegen die liturgische Bewegung in Fluß; es handelte sich darum, die italienische Praxis in folgenden Punkten zu befolgen: ob alle Pfarrer jüngere ledige Lektoren bei sich haben und mit ihnen die Psalmen, Vorlesestücke und heilige Schrift studieren sollten, um sich so ihren Nachfolger heranzuziehen, ob das Kyrie eleison und in allen Messen das dreimalige Sanktus zu sprechen sei und ob nach jedem Schluß hinter dem »Gloria« nicht ein »Wie es war im Anfang« zu folgen habe, um die arianische Irrlehre Lügen zu strafen. Bis jetzt hatten Presbyter und Diakone nur das Evangelium lesen dürfen; nun sollte ihnen auch das Predigen erlaubt werden und zwar nicht nur denen in der Stadt, sondern auch denen auf dem Lande. Für sie hatte nun Cäsarius ein Vademecum verfaßt, ein Handbüchlein, mit Predigten, die an Festen und Feiertagen hergesagt werden konnten. Auch wurde beschlossen, der Name des regierenden Papstes sei in den Dorfkirchen der Provinz von Arles zu nennen. Auf dem Konzil von Marseille vom Jahre 533 mußte der Bischof von Rei wegen Ehebruch und Diebstahl, deren er geständig war, seines Amtes entsetzt werden; auf Cäsarius Veranlassung waren die strengsten Maßregeln ergriffen worden, den Fehlbaren unschädlich und, was er veruntreut hatte, wieder gut zu machen. Papst Johannes billigte sein Vorgehen; leider aber lieh sein Nachfolger Agapet dem Bösewicht Contumeliosus Gehör, und obwohl auch die von ihm eingesetzte Revisionskommission die ersten Verfügungen im Ganzen bestätigte, mußte sich Cäsarius die päpstliche Ungnade in sehr fühlbarer Form gefallen lassen. Als Arles dann in fränkischen Besitz überging, 536, war Cäsarius bereits ein alternder Mann. Noch hatte er bei König Theudebert sich einer Botschaft des Papstes Vigilius zu entledigen, am 6. Mai 538, und wirkte in allgemeinen Kirchenfragen noch mit seinem bewährten Rate mit. Doch hat er an keinem fränkischen Konzil teilgenommen, er war zu leidend und fiel oft in Ohnmacht. Als er seinen Tod herannahen fühlte, ließ er sich in das Nonnenkloster hinübertragen, um sie zu trösten, nahm Abschied von den Schwestern und kehrte nach der Stephanskirche zurück. Vierzig Jahre lang hatte er der Kirche von Arles vorgestanden und dreißig waren vergangen, seit er das Kloster gegründet hatte. Am Morgen nach dessen Weihetag ist er gestorben, den 27. August 542. An der Trauer um ihn ließ sich erkennen, wie er geliebt war. Sogar die Juden, die ihn einst verleumdet hatten, schlossen sich dem Leichenzuge an. Begraben ist er in der Marienkirche neben der Schwester, die ihm im Tode vorangegangen war.

In dieser kurzen Skizze von Cäsarius Lebensgang sind allerdings die Mitteilungen der Doppelvita aus andern Quellen ersten Ranges ergänzt und gelegentlich sogar berichtigt; aber diese liefert doch den fortlaufenden Zusammenhang, ohne den ein Gesamtbild undenkbar wäre. Immerhin sind die exakten chronologischen Daten, die uns die Vita zu erschließen ermöglicht, von ihr als einer echten Memorie nur vermittelt, nicht aber selbst geliefert. Die zweite Vita, die sich überhaupt mehr der innerlichen Wirksamkeit des Cäsarius zuwendet, gibt dementsprechend keinen einzigen Anhaltspunkt zu chronologischer Fixierung. Dagegen enthält die erste von den drei Bischöfen verfaßte Schrift nicht weniger als zwölf historisch sichere Zeitangaben: doch beweist sie ihren Charakter einer Memorie eben dadurch, daß nicht sie selbst die Jahreszahlen ausdrücklich mitteilt, sondern diese, ohne äußere kalendarische Mittel zu Rate zu ziehen, auf inner biographischem Wege umschreibt.

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Um aus unserer Uebersicht über die spätlateinischen und altgallischen Heiligenmemorien die Summe zu ziehen, muß vor allem erinnert werden, die erste und wichtigste unter ihnen sei zugleich ohne Vorgänger, sondern der unvermittelte Urheber der ganzen Gattung. Das Martinsleben des Sulpicius Severus ist nämlich von den Heiligenschriften des Rufinus unabhängig und wohl überhaupt etwas älter als sie, indem es 400–402, während diese 402–404 verfaßt sind. Höchstens der gemeinsame Einfluß des Hieronymus kann sich spürbar machen. Im Unterschied von Hieronymus gebührt dem weit weniger begabten Rufin das Verdienst, christliche Einsiedler des Morgenlandes auf Grund wirklicher Kenntnisse geschildert zu haben. Er hat es hauptsächlich auf die Darstellung einmal der Seelenkämpfe und dann der Wunderkraft abgesehen. Ein langjähriger Aufenthalt in Aegypten hatte ihn mit der Gedankenwelt und den Lebensgewohnheiten der Mönchskolonien vertraut gemacht und er verdient als Berichterstatter Zutrauen, da er von Natur nicht eben an einem Uebermaß von Erfindungsgabe litt. Zwar kleidet er seine Erzählung in die damals beliebte Form der Reisenovelle, aber schon nach dem ersten Kapitel versagt die Kunst. Er bleibt ein trockener Aufzähler, ohne alle Mannigfaltigkeit des Ausdrucks. Auch wuchert es von Wundergeschichten: Kranke werden geheilt, wilde Tiere in den Dienst der Menschen gezwungen, Räuber entwaffnet, ein heidnisches Idol samt seinen auf einer Prozession begriffenen Begleitern auf die Stelle gebannt und anderer Dinge mehr[073-1]. Obwohl eigene Anschauung den Schilderungen zu Grunde liegt, kann doch von eigentlichen Memorien in dem hier entwickelten Sinne nicht die Rede sein.

Andrerseits ist der Memoriencharakter jener andern ausschließlich römischen Gattung von Heiligenlitteratur nie ganz abhanden gekommen, die im Unterschied von der ausführlichen Einzelvita eine ganze Sammlung kürzerer Lebensskizzen enthält. Mit Rufin anhebend, fand sie ihre Krönung im Dialogenwerk Gregors des Großen. Auch ihm fehlt es nicht an memorienhaften Zügen und darum auch nicht an echtem Leben. Wer verweilte nicht mit stiller Freude vor jenem italienischen Idyll, von dem sich der Papst hatte erzählen lassen, dem demütigen Bischof Bonifacius von Ferent[073-a], der seinen Leuten die verhagelte Weinernte wieder einbringt, der zwölf Goldstücke, den Erlös vom verkauften Pferde seines Neffen, diesem stiehlt und den Armen schenkt, sie aber dann wieder zusammenbetteln muß, um nicht als Dieb dazustehen, den vorüberziehenden Gothen ein Faß Wein auf den Weg mitgibt, in Jesu Namen die Kohlraupen aus seinem Garten scheucht und mit demselben Mittel einem Fuchs das geraubte Huhn abjagt!

Zweiter Abschnitt.

Die Forschung.

Die Heiligenmemorie, noch ein Erzeugnis des römischen Geistes, war als litterarische Gattung erstarkt und ausgebildet, bevor die junge fränkische Kultur diesen geistigen Betriebszweig übernahm und einstweilen als den einzigen ihr litterarisch möglichen weiterpflegte. Blieb nun aber wirklich die Kenntnis von den Heiligen auf die Aufzeichnung unmittelbarer persönlicher Erinnerung beschränkt? Wie, wenn man der Erinnerung mit den Mitteln gelehrter Erkenntnis nachträglich aufhalf und so die Lücken der persönlichen Befangenheit überwand? In der That stellt sich die Fortbildung der Heiligenlitteratur im merowingischen Zeitalter, ideal betrachtet, unter diesem Gesichtspunkt dar. Nicht nur Gregor von Tours, sondern auch einige vor und nach ihm haben sich dem Bann eines einzelnen Heiligen entzogen und ganze Gruppen beschrieben.

Um indessen der Hoffnung auf eine Bereicherung unserer heutigen Erkenntnis vorzubeugen, sei eine Erwägung allgemeiner Natur vorausgeschickt. Erst unsere Zeit hat es zu einer Wissenschaft gebracht, die unter Verzicht auf die eigenen Wünsche nur den Gesichtspunkt sprechen läßt. Alle frühere Wissenschaft ist sozusagen egoistisch. Sie gründete sich auf ein persönliches Interesse, um dessentwillen der Gegenstand studiert wurde. Die Ergebnisse einer solchen Forschung werden nun in dem Maße als Quellen brauchbar sein, als die Gesinnung, in der sie verfaßt wurden, rein und lauter war. Je mehr aber die unmittelbare Liebe zum Gegenstand durch fremde Zwecke abgelenkt wurde, desto verdächtiger wird dann auch das Zeugnis. Wir haben feststellen müssen, daß die Memorie ihrem Wesen nach nicht im Stande ist, eine Figur zeitgeschichtlich aufzufassen, aus dem natürlichen Grunde, weil der Erzähler selbst in dieser Zeit mitten drin steht und daher nicht über sie hinaus zu sehen vermag. Wir durften das feststellen in einer Zeit, da sich Psychologie und Chronologie zum biographischen Kunstwerk verbunden haben. Aber eben das bewahrt uns davor, in der Forschung, wie wir sie damals neben der Memorie und aus ihr heraus erwachsen sahen, einen Fortschritt im Sinne einer Bereicherung unserer Kenntnisse zu erblicken. Vielmehr wird es im folgenden unserer Weisheit letzter Schluß sein, daß damals die Memorie nach wie vor der eigentliche Kern der historischen Treue bleibt und daß jeder Betrieb der Forschung durch Gelehrte die Ueberlieferung öfter getrübt als geklärt hat. Je mehr und je reineres persönliches Andenken vorliegt, mag es an sich noch so befangen sein, desto wertvoller ist und bleibt das Zeugnis. Nachträgliche Forschung dagegen kann uns höchstens als Ersatz für die nicht mehr mögliche Erinnerung willkommen sein, so lange nicht geradezu ein wissenschaftliches Werk im heutigen Sinn erwartet werden darf, das dann allerdings eben die Entfernung vom Gegenstande sich zum Vorteil wendet durch das freie und liebevolle Verständnis des Helden aus Zeit und Umgebung heraus.