Die Heiligen der Merowinger

Part 16

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Entfallen Gregors Lieblingsheilige schon der Mehrzahl nach auf das Mönchtum, so bilden die von ihm geschilderten Bischöfe keineswegs einen Gegensatz dazu; vielmehr sind sie in Gregors Augen überhaupt darum heilig, weil sie, wiewohl Kirchenfürsten, an der mönchischen Armut teilnahmen und damit das unheilige Element, das in dem Begriff des Weltklerus steckt, nach bestem Thun und Gewissen auszugleichen suchten. Zunächst schildert er den heiligen Illidius oder Saint Allyre[105-a], den Stadtheiligen seiner Heimat. Er weiß von dem Vorleben und der Erhebung des Illidius auf den Stuhl von Clermont weiter nichts zu sagen, als daß diese durch Volkswahl erfolgt sei. Aus dem Lebensgang fing er nur die Heilung der Kaiserstochter in Trier auf und schweigt sogar darüber, ob Illidius mit Martin von Tours in Beziehungen gestanden habe. Es hatte sich eben mit dem besten Willen nichts mehr ermitteln lassen: alle Thaten, die Illidius vor jenem Höhepunkt seines Lebens verrichtet habe, seien der Vergessenheit anheimgefallen. Um daher den berühmten Mann vor dem Vorwurf, daß ihm nur ein einziges Wunder gelungen sei, sicherzustellen, und andrerseits zu gewissenhaft, um nicht genügend begründete Behauptungen vorzutragen, unternimmt Gregor eine Art Sekundärbeweis, indem er von den Grabes- und Reliquienwundern des Illidius mehrere auf eigener Beobachtung fußende Angaben macht. Glücklicher ist er gegenüber den andern von ihm geschilderten Bischöfen; da konnte seine Forschung überall an lebendiges Andenken anknüpfen. Es handelt sich um fünf merovingische Prälaten aus der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts und der östlichen Reichshälfte, übrigens Männer, auf die Gregor in seiner Frankengeschichte wieder zurückkommt. Im Jahre 515 war der bischöfliche Stuhl von Clermont Ferrand durch den Tod des Eufrasius vakant geworden. Nun hielt sich damals in Arvern Quintianus[105-b] auf, ein gebürtiger Afrikaner, der zur Zeit des Gotenkrieges das Bistum Rhodez innegehabt, dann aber als angeblicher fränkischer Spion hatte flüchten müssen. Eufrasius nahm ihn in Arvern nicht nur gastfreundlich auf, sondern behandelte ihn ebenbürtig und schenkte ihm Häuser, Aecker und Weinberge. »Das Vermögen unserer Kirche«, sprach er, »ist groß genug, uns beide zu erhalten.« Auch der Bischof von Lyon gab ihm etliches von der Besitzung, die seine Kirche zu Arvern hatte. Ihn wählte nun auch die Gemeinde nach dem Ableben ihres Oberhirten zum Bischof; doch mußte er es sich gefallen lassen, daß der Kandidat der römischen Aristokratie Apollinaris den Stuhl bestieg und ein Vierteljahr lang inne hatte. Dann schaffte König Theodorich energisch Ordnung und sorgte dafür, daß Quintian alles Kirchengut erhielt: »denn aus Liebe zu uns«, sagte er, »ist er aus seiner Stadt verbannt«. Aber aufs neue wurde Quintian in Not und Bedrängnis versetzt. Die alten römischen Familien, an der Spitze die Apollinaris, hatten gegen die Franken zu den Goten gehalten und nun gegen Theodorich zu Childebert. Auch richtige Anhänger der Regierung, wie Bischof Quintian, hatten aufs schwerste zu leiden, namentlich unter den Ränken und Unterschlagungen des Procul, eines Fiskalbeamten, der sich zum Priester hatte weihen lassen. Dieser Procul, einer der gefährlichsten Frankenfeinde, entzog Quintian die ganze Verwaltung des Kirchenvermögens und ließ ihm kaum den nötigen Lebensbedarf. Der Bischof aber pflegte, in Anspielung an das Pauluswort von Alexander dem Schmied, zu bemerken: »Procul der Zöllner hat mir viel Böses gethan, der Herr vergelte es ihm nach seinen Werken«. Was der Herr später dann auch gethan hat: Procul wurde bei Eroberung der Festung Vallore durch die Franken am Altar der Kirche auf jämmerliche Weise ermordet. Infolge einer Verschwörung des städtischen Adels mußte König Theuderich Arvern belagern. Da zog Bischof Quintian in der Stadt nachts unter Psalmengesang mit allem Volk der Mauer entlang und betete so laut, daß man es draußen hören konnte. Der König wollte eben stürmen lassen und hätte den Bischof in die Verbannung geschickt. Doch wurde er milder gesinnt und auch die Fürsprache des Herzogs Hilping bewog ihn, den Stadtbann bis zum achten Meilenstein als Freizone zu erklären, innerhalb der niemand ein Leides geschehen dürfe. In der Stadt galt der Bischof nach wie vor als das Haupt der Königspartei und war daher beständigen Angriffen von seiten der alten Römergeschlechter ausgesetzt. Hortensius, einer der Grafen, hatte Honoratus, einen Verwandten des Bischofs, ins Gefängnis geworfen. Als der Bischof daselbst nicht einmal vorgelassen wurde, ließ er sich, zum Gehen schon zu alt, vor den Palast des Grafen tragen und schüttelte den Staub von seinen Füßen mit den Worten: »Verflucht sei dieses Haus, auf immerdar verflucht seine Bewohner«. Alles Volk sagte: »Amen«. Da rief der Bischof aufs neue: »Ich verlange, Herr Gott, daß keiner dieses Geschlechtes jemals zur bischöflichen Würde gelange, weil es seinem Bischof nicht gehorcht hat.« Dieser feierliche Fluch verhallte nicht kraftlos. Nach drei Tagen kam der Graf und bat um einen Ausgleich, zu dem Quintian gerne bereit war. Daneben war dieser Kirchenfürst als Schriftgelehrter, Armenfreund und Wunderthäter gleich ausgezeichnet. Obwohl er noch die ruhigere Zeit für seine Stadt anbrechen sah, überlebte er doch die peinlichen Zwischenfälle, zu denen auch ein in der Frankengeschichte[106-b] erzählter demütigender Fußfall vor dem Beamten Litigius zu rechnen ist, nicht lange. Auch jetzt ging die Neigung der Bürgerschaft auf einen in der Stadt sich vorübergehend aufhaltenden Fremden, den Neffen des Priesters Impetratus, in dessen Hause er abzusteigen pflegte. Er hieß Gallus[106-a] und lebte früher bei Clermont im Kloster Cournon als Mönch. Von Hause aus gehörte er dem höchsten gallischen Adel an, Sohn des Senators Georgius von Lyon und durch die Mutter Leucadia sogar Sprößling eines der Lyoner Märtyrer aus Mark Aurels Tagen. Als ihn aber der Vater mit einer Senatorstochter verheiraten wollte, floh er in Begleitung eines Dieners eben nach Cournon und bat den Abt um die Tonsur. Er fiel allgemein durch seine schöne Stimme auf und um ihretwillen nahm ihn Quintian mit nach Clermont, wo er bald nicht nur bei allem Volk, sondern auch bei König und Königin in Gunst kam. Theuderich wählte ihn in jenen Ausschuß von jungen Arverner Geistlichen, die zur Assistenz für den Kirchendienst nach Trier abgeordnet wurden, behielt ihn dann jedoch immer bei sich, so daß Gallus im Gefolge des Königs bis nach Köln kam. Beim Ableben Quintians befand er sich wieder in Arvern. Um dieselbe Zeit starb auch Aprunculus von Trier; seine Gemeinde hatte ebenfalls ein Auge auf Gallus. Der Stichentscheid lag beim Könige. Als nun die Arverner Abordnung kam, um die üblichen Simoniegebühren zu entrichten, fanden sie den Sinn des Königs schon von sich aus ihnen geneigt, so daß schließlich das Zusammentreffen über die für König und Stadt gemeinsame Freude an der Wahl zu einem Festgelage auf Staatskosten führte. Gallus selbst pflegte auf gelegentliche Anspielungen zu erwidern, er habe sich sein Bistum nicht mehr kosten lassen als eben das Trinkgeld für den Koch beim Festessen. Der König ließ ihn durch zwei Bischöfe in Arvern einführen. Indessen hatte die Kirche von Trier nach dem abschlägigen Bescheid für Gallus einen ebenbürtigen Ersatz in Nicetius[107-a] gefunden, offenbar auf den Vorschlag des Königs, der den freimütigen und unerschrockenen Charakter dieses Geistlichen, auch wenn er sich gegen die Willkür des Fürsten oder seiner Hofleute richtete, aufrichtig schätzte. Das Volk bestätigte den königlichen Vorschlag. Eines Tages, als Nicetius auf dem bischöflichen Stuhle saß und der Schriftverlesung zuhörte, spürte er einen starken Druck in seinem Nacken, er drehte den Kopf nach rechts und links und als es um ihn her süß roch, er aber niemanden sah, da wurde er inne, daß es die bischöfliche Amtslast war, die ihn gedrückt hatte! Nach Theuderichs Tode bekam auch der junge Theudebert den unabhängigen Sinn des Bischofs zu fühlen. Eines Sonntags besuchte der König den Gottesdienst, ohne darauf zu achten, daß in seinem Gefolge Exkommunizierte waren. Als die Bibellektion nach dem alten Kanon vorgenommen und auch die Oblation der Hostie vollzogen war, sagte der Bischof vom Altar aus: »Die Kommunion kann nicht erfolgen, ehe die Gebannten die Kirche verlassen haben.« Als sich der König dem widersetzte, bekam in der Volksmenge ein junger Höriger einen Anfall und fing nun vor allen Leuten an, Sünden des Königs, von denen im Lande herum verlautete, öffentlich zu rügen. Der König verlangte die Entfernung des Verrückten, der Bischof bestand jedoch darauf, erst müßten die andern hinaus. Da gab der König nach und die Messe konnte ohne weitere Störung ihren Fortgang nehmen. Diese ungewöhnliche Festigkeit hat Nicetius nie verlassen: »Es kostete mich nichts, für die Gerechtigkeit zu sterben«, pflegte er zu sagen. Er belegte mehr als einmal den König Chlothar mit dem Bann. Als er dafür ins Exil wandern sollte, alle Bischöfe sich dem Könige beugten und die Seinen ihn im Stich ließen, sagte er zu dem einzigen Getreuen, er werde morgen wieder im Besitze seiner Macht sein; in der That kam tags darauf ein Bote Sigiberts mit der Todesnachricht Chlothars und dem Ansuchen um die Freundschaft des Bischofs. Nicetius predigte alle Tage, fastete viel und besuchte aus großem Andachtsbedürfnis tagsüber die verschiedenen Kirchen Triers, die Kapuze übers Haupt gezogen, um nicht gekannt zu sein, und nur von einem Diakon begleitet. Nicht zu verwechseln mit diesem Nicetius, der 566 starb, ist indessen sein gleichzeitiger Namensvetter von Lyon. Als Bischof Sacerdos von Lyon in Paris krank wurde, war König Childebert voller Rücksicht gegen ihn, kam zu ihm ans Bett und gewährte dem Sterbenden die letzte Bitte: die Wahl seines Neffen zum Nachfolger. Der Priester Basilius mußte unverzüglich nach Lyon reisen und bei dem königlichen Grafen Armentarius die nötigen Schritte thun. So wurde Nicetius[108-a], der Sohn des Florentius und der Artemia, Bischof seiner Vaterstadt. Er war in seiner Jugend kränklich gewesen und erst mit dreißig Jahren Priester geworden. Auch dann arbeitete er nach wie vor als Handwerker. Seine Regierung als Bischof dauerte zweiundzwanzig Jahre. War Gregor diesem Heiligen verwandt und von jung auf um ihn gewesen und hatte namentlich die aufgeregten Tage der Bischofswahl des Nicetius als dessen Diakon und Tischnachbar zur Linken miterlebt und sich damals die Serviette des Heiligen als Amulet zu Handen genommen, war überdies schon Gallus von Clermont sein Onkel, so konnte er auch seinen eigenen Urgroßvater mit nicht weniger Recht unter den Heiligen nennen. Bischof Gregor von Langres[108-b] hat sich weiter nicht hervorgethan, war aber sein Lebenlang ein so tadelloser Ehrenmann gewesen, daß noch sein Andenken genügte, um Chlothar sofort zu Gunsten eines Mitglieds dieser Familie umzustimmen[108-c]. Vierzig Jahre, 466–506, in der Stellung eines Grafen von Autun, hatte er unbeugsam das Recht verwaltet und mit seiner Frau Armenatria eine musterhafte Ehe geführt. Ihr Tod veranlaßte ihn zum Uebertritt in den geistlichen Stand: er ließ sich zum Bischof von Langres wählen. Doch war Langres nur die Titelresidenz, Bischofsstadt war tatsächlich Dijon. Dort verbrachte Gregor die Nächte heimlich mit Psalmensingen in der an seine Wohnung angrenzenden Taufkapelle. Sein inbrünstiges Gebet hat seine Großtochter, eben Gregors Mutter, da sie, noch Mädchen, von den Aerzten aufgegeben war, vom Tode errettet. Da er auf dem Wege nach Langres unterwegs starb, aber in Dijon begraben zu sein wünschte, wurde der Leichnam dahin übergeführt.

»Die Väterleben« Gregors oder wie er die Schrift zu heißen vorzog, »das Leben der Väter«[109-a] ist unsere wesentliche Quelle für die Kenntnis des merowingischen Mönchtums und auch seiner Einflüsse auf den Klerus vor der irischen Reform. Sie reicht zu seiner Geschichte nicht aus, ist aber die lebendige Illustration zu Hilfsmitteln theoretischer Natur, also den in Gallien befolgten Regeln vor Columban und Benedikt, etwa der des Makarius.

3.

Da Gregor ein einheitlicher sich gleichbleibender Schriftsteller ist und als Geschichtsschreiber den ursprünglichen Mirakelverfasser nicht verleugnet, so erübrigt noch, um ein rundes Bild zu erhalten, uns den Einfluß seiner hagiographischen Weltbetrachtung auf seine Auffassung der zeitgenössischen Geschichte zu vergegenwärtigen, nicht ohne gelegentliche Andeutung der Einseitigkeiten und Verzeichnungen in seiner Darstellung der leitenden Personen dieser Geschichte.

Chlodowech, mit fünfzehn Jahren König, war erst nur der kleine fränkische Gaukönig von Tournai an der Schelde. Aber 486 ergriff er Besitz vom letzten gallischen Römerland, erweiterte sein Gebiet bis an die Loire und verlegte seine Residenz westwärts, erst nach Soissons, später nach Paris. 491 besiegte er die Thoringer, 496 ein erstesmal die Alamannen, 507 die Westgoten und brachte im übrigen durch die schändlichsten Mittel die vielen kleinen Gaufürstentümer ebenfalls an sich, so daß er mit Ausnahme der von Burgund und den Westgoten noch besetzten Südostecke Gallien sein nannte. Nun zweifelte weder Gregor noch irgend sonst wer, diese Macht sei Chlodowech zugefallen, weil er sich auf den Namen des dreieinigen Gottes der katholischen Christenheit habe taufen lassen; schon Erzbischof Avitus von Vienne hatte dem Frankenkönig damals geschrieben[109-b]: »Bis jetzt war es das Glück, künftig aber wird es der aus der Taufwelle dir angespülte Wunderzauber sein, was dich zum Siege führt«. Dieser Gesichtspunkt einer sozusagen magischen Begnadung von Gott gab für Chlodowechs Beurteilung den Ausschlag und lähmte die sittliche Entrüstung, der seine vielen Scheußlichkeiten bei einem braven Mann wie Gregor sonst doch vielleicht begegnet wären. Da dieser aber nie zum bewußten Schmeichler wird, sondern ehrlich die Wahrheit sagt, wo er sie weiß, entsteht ein merkwürdiges Nebeneinander von Eingeständnis und Verblendung. Unter dem grellen Licht, mit dem der Scheinwerfer des Panegyrikers die Gestalt Chlodowechs unnatürlich übergießt, ist doch das natürliche Licht der Begebenheit nicht ganz ausgetilgt. Zu Chlodowechs Verwandtenmorden sagt Gregor allerdings unglaublich erbaulich[109-c]: »Täglich streckte Gott seine Feinde unter seiner Hand zu Boden und mehrte ihm das Reich, weil er rechten Herzens vor Ihm wandelte und that was seinen Augen wohlgefiel«. Als dagegen Chlodowech, der Mörder aller seiner Vettern, auf dem Todbette cynisch genug war zu klagen, ach daß er nun wie ein Fremdling unter Fremden stehe und ihm keiner der Seinigen mehr Hilfe gewähren könne, da beugt Gregors Ehrlichkeit jeder Beschönigung vor mit der Bemerkung[110-a]: »Das sagte er aber ja nicht in einem Anflug von Reue, sondern aus Hinterlist, ob sich vielleicht noch einer fände, den er töten könne«. In der Beurteilung von Chlodowechs Gattin hatte Gregor gewiß nicht Unrecht, wenn er die weltgeschichtliche Bekehrung des Königs in erster Linie durch sie vorbereitet werden läßt. An Chrotechildens aufrichtigem und frommem Wesen ist nicht zu zweifeln. Aber er läßt sich dann zu dem Märlein des Volksglaubens hinreißen, wonach König Gundobad ein wutschnaubender Tyrann gewesen wäre und seine Schwägerin hätte ertränken lassen[110-b], so daß dann später Chrotechilde ihre Söhne zum zweiten Zug der Franken nach Burgund aufstiftete, um ihre Mutter zu rächen[110-c]. Vielmehr ist König Chilperichs Witwe Caretene im Jahre 506 in einem Kloster bei Lyon wenig über fünfzig Jahre alt eines natürlichen Todes verstorben[110-1]. Ihr verdankte Chrotechilde ihre katholische Erziehung und die Energie, am heidnischen Hofe ihren Kindern ein Gleiches zu sichern. Für Mutter und Tochter ist Chlodowechs Taufe jedenfalls die Erhörung jahrelanger heißer Gebete gewesen. Durch seinen gläubigen Anschluß an die Volkssage hat sich Gregor um ein Moment in der Bekehrungsgeschichte Chlodowechs gebracht, um den katholischen Rückhalt in der Familie der Frau. Davon abgesehen hat er den Einfluß der Königin wohl richtig dargestellt: sie ließ Remigius kommen und gewiß hat auch sie allen andern katholischen Einwirkungen den Zugang erleichtert[110-2].

Unter Chlodowechs Nachfolgern ist sein Enkel Theudebert, der Sohn des unehelichen, aber deshalb in den Erstgeburtsrechten in nichts geschmälerten Theuderich, der bedeutendste Fürst der ganzen merowingischen Dynastie[110-3]. Der Vater Theuderich charakterisiert sich in seiner Stellung zur Kirche genügend mit jener einen Handlung, daß er zwar die unbefugten Einbrecher ins Kloster von Saint-Ivoine bei Clermont zum Tode verurteilte, aber bei dieser Gelegenheit das Kloster gewissermaßen säkularisierte[110-d]. Sein Sohn dagegen stand der Kirche vornehm und groß gegenüber. Ein Politiker im universalen Stile, deutete er mit seinen Bestrebungen bereits die Stellung Deutschlands im Mittelalter an, der erste deutsche Machthaber, der nicht bloß darauf ausging, ein Reich zu gründen oder ein schon gegründetes zu erweitern, sondern der geradezu die Weltmacht von römischen in germanische Hände zu übertragen, sich selbst an Stelle des Kaisers zu setzen gedachte. Und da der Grundgedanke seiner Politik darin bestand, sich daheim auf die Kirche zu stützen, so tritt uns bereits bei diesem Theudebert die Idee eines aus dem Bund mit der Kirche beruhenden Reiches deutscher Nation entgegen. Von solchen gewaltigen hochfliegenden Plänen dieses Königs hat nun der gute Gregor begreiflicher Weise nichts gespürt; daß der König der Kirche besondere, liebevolle Aufmerksamkeit widmete, bemerkte er wohl mit Freuden, aber warum das geschah, davon ahnte er nichts, so daß sein Urteil in eigentümlicher Weise zwar des Verständnisses ermangelt, aber dabei doch ziemlich richtig ist: »Theudebert«, sagt er[111-a], »zeigte sich als großen und durch alle Tugenden ausgezeichneten Fürsten«. Hiebei ist wiederum, wie bei Chlodowech, der Privatcharakter des Königs panegyrisch entstellt; denn auch Theudebert war sinnlich, machtgierig und treulos. Aber er strebte hohen Zielen zu, und nach Edelmut sucht man bei ihm nicht vergebens. Noch bei Lebzeiten seines Vaters Theuderich erhielt er von diesem Befehl, den Sohn des eben ermordeten Sigivald umzubringen. Aber Theudebert wollte den Givalt nicht töten, da er ihn aus der Taufe gehoben hatte. Er zeigte ihm also den Brief mit dem Todesbefehl und forderte den Geächteten auf, außer Landes zu gehen, bis er selbst die Regierung angetreten und er sorglos zurückkehren könne. Theudeberts Stellung zur Kirche resumiert Gregor also: »Er regierte sein Reich mit Gerechtigkeit, ehrte die Priester, beschenkte die Kirchen, unterstützte die Armen und erwies vielen Leuten viele Wohlthaten voll frommer und milder Gesinnung. Alle Abgaben, die die Kirchen der Auvergne seinem Staatsschatz zu leisten hatten, erließ er ihnen in Gnaden.« Des Näheren erzählt Gregor[111-b], Bischof Desideratus von Verdun habe sich an den jungen König gewandt mit der Bitte um Unterstützung der wirtschaftlich vollständig hilflosen Bürger seiner Stadt; aus eigener Kasse konnte Desideratus nicht helfen, da ihm Theodorich sein Privatvermögen geraubt hatte. Es handelte sich um ein Anleihen mit gesetzlichen Zinsen. Die siebentausend Goldgulden, die der König gewährte und der Bischof unter die Bürger verteilte, verhalfen Verdun zu einem derartigen Aufschwung seines Geschäftslebens, daß der Wohlstand dieser Stadt fünfzig Jahre später sprichwörtlich war. Als aber der Bischof das Darlehen zurückerstatten wollte, verzichtete Theudebert auf sein Guthaben zu Gunsten der Armen.

Von Chlodowechs drei Söhnen aus seiner Ehe kam Chlodomer schon 524 in der Schlacht bei Vezeronce ums Leben[111-c]. Vor diesem zweiten Zug gen Burgund ließ er den gefangenen Sigismund samt Frau und Kindern zu Coulmiers bei Orléans im Dorfbrunnen ertränken. Gregor bringt diese beiden Ereignisse in die Beziehung von Strafe und Schuld und weiß überdies, der heilige Abt Avitus von Micy habe vor der Unthat Chlodomer, falls er den Wehrlosen schone, den Sieg und, falls er ihn töte, den Untergang prophezeit gehabt, aber dieser habe ihn verlacht und gesagt: »Eine Dummheit wäre es, Feinde daheim zu lassen, wenn ich gegen andere zu Felde ziehe«. Seine drei noch unmündigen Knaben Theovald, Gunthar und Chlodovald kamen zu Großmutter Chrotechilde nach Tours, und als diese sie einst mit nach Paris nahm, bemächtigten sich ihre Onkel ihrer und ermordeten die beiden älteren mit eigener Hand, weil die Mutter mit so großer Zärtlichkeit an den Söhnen ihres Erstgeborenen hing. Des jüngsten konnten sie nicht habhaft werden. Er war durch den Beistand mächtiger Männer ihnen entzogen worden. Später, herangewachsen, schnitt er sich mit eigener Hand die Locken ab und wurde Mönch. Das Kloster, das er zu Nogent bei Paris gegründet haben soll, hieß später nach ihm: Saint Cloud. König Childebert von Paris, der in seiner Eifersucht die Blutthat angezettelt hatte, sie aber im Augenblicke selbst davor zurückschauernd zu hindern suchte, scheint von seinen Brüdern noch am ehesten edler Regungen fähig gewesen zu sein. An ihn hat sich denn auch das kirchliche Andenken am meisten angeschlossen. Namentlich die Bischofssitze der Bretagne und die Klöster in der Gegend von Le Mans haben einige hundert Jahre später ihre Gründung und Förderung auf seine Gunst zurückgeführt. Da soll Vigor von Bajeux den eine Meile vor der Stadt gelegenen Druidenberg Phönus, wo er das Steinbild einer Göttin zertrümmert hatte, zum Bau einer Kirche geschenkt erhalten haben, desgleichen Markulf von Nantes die Insel Agna und Paul von Léon die Insel Bas[112-a], indessen Samson von Dol die Rechte des Territorialherrn gegen die Usurpationsgelüste Childeberts verfochten und mit seinem Schüler Maglorius die Mission auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey ausgedehnt habe. Ja sogar um das noch entferntere Bistum Vaison soll sich Childebert durch die Bestätigung des Quinidius persönlich bekümmert haben[112-b]. Mehr Glauben, weil es sich dabei nicht um Grundbesitz handelt[112-c], verdient wohl die Nachricht von Childeberts Verkehr mit Leobin von Chartres, den er öfters zu sich lud und 547 bei einem Brand in Paris, als das Feuer die über die Seinebrücke hinhängenden Häuser ergriff, mit der Leitung der Löscharbeiten betraute[112-d]. Höchst verdächtig sind jedoch die angeblichen Beziehungen, die Childebert zu den Einsiedlerkolonien in der Maine unterhalten haben soll, ohne daß damit die Geschichtlichkeit der betreffenden Eremiten wie des Deodatus, Eusicius, Baomirus, Rigomer und Saint Calais angezweifelt werden soll[113-a]. Unter diesen Namen findet sich bei Gregor nur von zweien eine Spur. Es wäre nämlich möglich, daß jener achtzigjährige Greis Deodat, der ihm aus persönlicher Erfahrung den Stoff zum Leben des anderen Lupizin lieferte[113-b], der spätere Heilige gewesen wäre. Sicher dagegen weiß Gregor um Eusicius[113-c]. Diesen suchte Childebert vor dem Zuge nach Spanien auf und bot ihm fünfzig Goldstücke. »Wozu?« fragte der Heilige, »ich brauche sie nicht und befasse mich auch nicht mit Armenpflege; mein Geschäft ist, Gott um Vergebung für meine Sünden zu bitten. Aber geh nur, du wirst den Sieg erlangen und alles wird dir zu Willen sein.« Da gab der König das Gold den Armen und gelobte im Falle des Sieges über den Gebeinen des Eusicius einst eine Kirche zu stiften. Diesem Gelübde verdankte der spätere Ort Eusiciuszelle seine Entstehung. Aus dem siegreichen Feldzug gegen die Gothen hatte der König außer andern Kostbarkeiten allein an Kirchengerätschaften mitgebracht sechzig Kelche, fünfzehn Schüsseln und zwanzig Evangelienschreine, alles aus lauterem Gold, mit edeln Steinen besetzt. Er ließ diese Sachen nicht zerschlagen und zu Geld machen, sondern verschenkte alles an die Kirchen und Gotteshäuser der Heiligen[113-d].