Part 9
Nach längerem Warten bestieg ich den nächsten, einen westlich fahrenden Waggon. Der war jedoch zum Erdrücken vollgepfropft; die Sitzenden erstickten schier, so tief saßen sie drunten; die Stehenden schoben sich hin und her und schwankten wie Betrunkene, je nach dem ungleichmäßigen Rollen des Fuhrwerks. Den außen am Geländer Hängenden, den Allergemartertsten, zu denen ich gehörte, wirbelte Staub ins Gesicht; die Sonne brannte ihnen Blasen auf die Haut; der Hut wollte fortfliegen; und mit des Jammers stummen Blicken schauten die armen Hühneraugen. Aber fort ging's, fort wenigstens, immer an den Häusern vorbei wie geflogen.
Mit einem Mal tauchten Bäume auf, Grasflächen, Blumenbeete, lange Eisengitter längs der Straße. »Ein Kirchhof!« zuckte es mir durchs Gehirn wie Erlösung, und ich weiß nicht, wie noch warum ich absprang von dem raschfahrenden Waggon. Graziös hüpfte ich einer vorbeirasselnden Equipage aus der Fahrlinie, etwas ungeschickter einem wahnsinnigen Radfahrer.
Dann trat ich durchs Gitterportal ins Reich der -- Schlafenden.
Welch labende Kühle fächelte mir der heilige Ort ums Haupt, das ich ehrfurchtsvoll entblößte. Die Luft gewürzt mit tausend Düften; wie Segen, wie ein Zug aus offener Himmelstür wehte es mich an.
»Gott sei mit euch!« grüßte ich die Anwesenden; »Gott sei mit euch! Wie schön haben euch die Lebenden gebettet. Wie schön die Kinder ihre Eltern -- die Eltern ihre Hoffnungen. Liebe und Verehrung haben sich wund und augenmüde gesponnen an der Decke, die euch hüllt, bis Gott sie hebt.« Wie nah sind doch die Lebenden den Toten; ein Pulsschlag ist die Trennung. Wie innig nah verwandt ist Freud und Leid, Glück und Unglück. Schmerz und Lust sind Bettgenossen. Haß und Liebe wohnen eng beisammen in derselben Kammer; wenn eines wacht, legt sich das andere nieder. Und ~eine~ Wiege hat genügt für Myriaden Gegensätze, die sich stoßen, reiben lebenslang, bis sie müde liegen wieder wie im Anfang so am Ende, friedlich, eng beisammen -- ~aber hier~.
Langsam schritt ich die geschlängelten Pfade des Friedhofs entlang, immer tiefer hinein ins Herz, bis wo die Kapelle steht mit geweihtem Altar. Dort betete ich für die Toten -- für alle Toten. Dann schritt ich weiter und weiter, zikzackig, planlos, rechts und links schwenkend, über Hügel, Rasenplätze, Kieswege. Bald zog mich ein gigantisches Monument, bald ein hölzernes Täfelchen, ein Blümchen »Einsam«, oder ganze Garben Hyazinthen, Lilien und Maßliebchen, als liege dort ein Heiliger und hauche sich durch Lehm und Sand hindurch zum Himmel.
Gott! Da, ein Weib! Ein Mädchen! -- Ich bebte vor Angst, mein Atem könnte die Erscheinung verwehen, und hielt inne zu atmen. Keine zehn Schritt von da, wo ich stand, kniete ein Mädchen auf rasenbewachsenem Grab, das Kreuzlein als Stütze gebrauchend für Gesicht und Hände. Gott, ~das~ Bild, das mich bannte, als wär' mein ganzes Erdenwallen hier am Ziel und machte halt: da kniete endlich leibhaftig vor mir die, die ich suchte, träumte, wünschte -- ~so~ wünschte ich mir die Begegnung, den Ort, den Zufall, Umstände, Zeit und alles -- so träumte ich ihre Gestalt, Jugend, Kleider, ihre Verlassenheit, Armut, Hilflosigkeit. Und ~ich~ ihr Retter jetzt! Ich der Auserkorene, Gottgesandte, der diese auf ihrer Mutter Grab verzweifelnde, von aller Welt verlassene Waise aufhebt, heimträgt, glücklich macht ...
Ob ich einen Schrei ausstieß? -- Das Mädchen richtete sich erschrocken auf, sah mich an und -- -- der Traum war aus. Das Bild verwischt. Das arme, hilfesuchende Waisenkind mit den flehenden Augen -- das schutzlose Wesen, dem ich Retter wollte sein -- ach! das herrliche Idyll von naiver Jugendschwärmerei, das ich mir malte mit so stillem Blau, als nur die Sehnsucht noch vom kälteren Blau des Himmels unterscheiden kann, fort war es -- fort.
Und vor mir stand an seiner Statt ein Cherub, der mich anblickte, so majestätisch, daß ich zum Bettler schmolz -- so überirdisch, daß ich nackt in aller meiner Sinnlichkeit mich fühlte. Ein Cherub, der die Schlüssel trug zu meinem Himmelreich -- den Zutritt zur Glückseligkeit mir gestatten konnte oder verwehren, je nach seiner Willkür. Jetzt war ~ich~ der Arme, Hilflose, Bettler und Verzweifelte. Hier blieb nichts mehr zu retten für mich, nichts als mit letztem Atem aus gepreßter Brust zu wimmern: »Gnade!«
Ich tat's -- und sank zu Füßen meiner -- ~Eva~.
* * * * *
Goldorangengelb am wolkenlosen Horizont stieg die Abendsonne in die Nacht hinab. Das himmlische Licht, das mit blendender Majestät den Tag beherrscht, daß aller Augen Blicke sich verhüllen müssen --- es ist doch nur der Venus Vorgespann.
So viel sie auch singen und dichten mögen, predigen und beweisen vom Höchsten, das eine Sonne über allen Sonnen ist -- laß sie nur predigen und blinzeln, weil es Tag ist: des Abends magnetische Schatten führen, ohne auf Widerstand zu treffen, auch sie zu dem Hochaltar, auf dem die Schöpfung opfert -- zum ~Weib~. -- --
Ich konnte keine Stunde lang leben, das fühlte ich. Meine Kammer war eng, jetzt war sie tatsächlich ein Sarg, der sich zu schließen drohte. Ich kniete nieder und versuchte zu beten; aber die Verbindung war gerissen zwischen Gott und mir -- irgend jemand stand zwischen mir und Gott. Ich ging ein wenig hin und her -- aber das brachte mich nicht näher. Ich setzte mich ans Fenster -- aber das machte mich unruhiger. Ich stand wieder auf -- kniete nochmals. Die letzten Küsse eines Mädchens, das ich vom Kirchhof nach ihrem Kosthaus geleitet hatte, brannten meine Lippen, meine Wangen, meine Stirne wie glühende Kohlen.
»Ich ersticke!« schrie ich, und Hut und Rock ergreifend eilte ich hinaus ins nächtliche Gewühl der Stadt, von dem wahnsinnigen Gedanken gerissen, eine unbescholtene Jungfrau mitten in der Nacht aus ihrem Bett zu rufen.
Ein vorübersausender Straßenbahnwagen schnappte mich jedoch weg vom Erdboden, und fort ging's auf rollendem Gefährt -- entgegengesetzt aber von »~Ihr~«.
Eine Stunde später, im Norden, wo die Großstadt sich malerisch auflöst in Landschaft, wankte ein Mensch, offenbar ziellos, durch Farmland. Auf Augenblicke blieb er stehen und reckte die Arme aus, als wollte er die Welt mit allem, was sie birgt, umfangen. Dann setzte er seine Wanderung wieder fort. Wer ihn nicht kannte, würd' ihn für einen Verirrten halten, oder gar für einen jener Unglücklichen, die dem Dasein entfliehen möchten. Plötzlich machte er halt -- warf sich platt ins Gras, mit dem Gesicht nach unten -- und so blieb er liegen.
Dicht an ihm vorüber rauschte ein mächtiger Strom, unerschöpfliche Wassermassen wälzend. Ringsum wogten, wie die Wasser dort, die Felder und Wälder hier. In eifersüchtigem Wettstreit, sich gegenseitig überragen zu können, reckten sich die Bäume über Sträucher, diese über Blumen und Gräser. Lauwarm wehte die Nachtluft um das Ganze, des Stromes züngelnde Wellen, des Waldes wogende Wipfel, das Weben und Leben der Welt hier unten, hinauftragend in die lichtgefüllten Höhen als Schlummerlied der Sommernacht.
* * * * *
Als ich mich von langem, erlösendem Weinen endlich wieder aufrichtete und umsah, war es mir, als wäre ~ich~ das Leben und alles andere tot. Mir war, als sei die Welt ein Nebelbild, Schein, und ich der Zweck, der Mittelpunkt, der rote Faden, der die beiden Enden knüpft; als sei ~ich~ das Bild und dieser unermeßlich weite Raum nur der Rahmen zum Bild. Vor mir lag in weitem Becken ein Wasser; ich bemerkte nicht, daß es der große Mississippi war, der gurgelnd und plätschernd am Ufer vorbeimarschiert durchs Tal, zum Meer, und unablässig Wasser auf Wasser drängend ewig sich verändert. Ringsherum standen Gebüsche, Fruchtbäume, Schilf und wilde Blumen, wie leblose tote Dinge; ich bemerkte nicht, daß sie alle grünen, wachsen, blühen, ewig sich recken und dehnen, sich verändern. Hoch über meinem Scheitel pendelten die Sterne als eine Welt über der Welt. Mir schien sie regungslos, immer gleich, auf dunkelblauem Samt die edelsteingestickte Bettgardine einer eingeschlafenen Natur. Ich bemerkte nicht, daß alles dort oben wie hier unten sich dreht und treibt und stößt und zieht -- Leben saugt und gibt -- mit gleichem Recht und Grund wie ich Unendlichkeit und Ewigkeit benützt als Tummelplatz für der Liebe Maientanz, für der Sehnsucht Herbstgefühl, für sommerschwüle Lust -- und Wanderung durch winterkalte Nacht.
Dort stehen sieben Sterne und spiegeln sich auf dem Wasser. Das ist der Orion. So strahlte er in stiller Majestät über dem Griechischen Meer, während Homers Lieder die gottgeschwängerten Lüfte tränkten. So strahlte er in stiller Majestät über der Urwelt dampfendem Morast, während giftig hauchendes Gestöhn der Drachen durch das Schweigen banger Nächte ging.
Es gab eine Zeit, wo jenes Licht dort oben nicht am Firmamente glänzte, wo andere Lichter oder keine jene Kohlensäcke füllten, und keine Erde hier am Boden lag, kein Meer noch Land.
Senkrecht über meinem Scheitel hängt ein grüner, magisch reiner Stern und schaut herab aus seiner Welt in meine. Welch ein Weg von dort zu mir? von jener Sonne, von jener Welt in Brand und Glut, die feuerlodernd ihre Fackeln wirft, als gält' es Untergang der Finsternis und Kälte. Welch einen Raum zum Denken, Staunen -- Beten hat der Schöpfer aussgespannt zwischen hier und dort?
Aus all den kreisenden Systemen und den ungezählten Wesen, die sich decken und verstecken hinter Kohlenstaub und Eis, die heute sind und morgen nicht; aus allem, was da oben und hier unten den Raum erfüllt -- nur ~einer~ hat den Platz behauptet -- nur ~einer~ hat sich durchgerungen, durchgelebt. Aus diesem Chaos von Atomen ~einer~. Von allem, was sich regt im Kampf ums Dasein -- ~einer~ war der Stärkste, Zäheste -- der Glückliche, der Sieger aus der Schlacht einer halben Ewigkeit, mit Feinden wie der Sand am Meer so viele -- ~einer~, ~einer~ nur. Und dieser eine, der bin ~ich~! -- Ich bin der Unbezwingliche, der einzig Lebensfähige, das Meisterwerk, der Schöpfung Krone, dem Schöpfer nah -- und drücken sie das Universum durch ein Sieb, sie treffen nichts, das ebenbürtig zwischen uns sich stellen kann und darf.
Ist das hochmütig geredet? Ist das Gotteslästerung?
O, tiefste Demut ringt in mir mit höchstem Dank um die Oberhand! -- Mein Gott! um welchen Preis bin ich das Ebenbild von dir? Um welche ~Opfer~?! -- Da liegt meine Mutter als das erste hinter mir; ihr Weh und Winseln, das mich in die Welt gestellt, bis müd und abgespannt von tausend Mühen ~meinetwegen~ ihr Leib zu Grabe sinkt -- das erste Opfer. Arme, arme Mutter du! -- Und hinter dir, zum gleichen Zweck verwendet, ~deine~ Mutter. Und hinter ~ihr~ ~ihre~ Mutter. Und ~ihre~ Mutter. Und ihre, ihre. Unerschöpflich wie im Strom die Wassertropfen, Kopf an Kopf, Gesichter an Gesichter, marschiert das Totenreich, mobil in allen seinen Regimentern, aus der Vergangenheit heraus -- vorbei an mir.
Mein Gott! Um welchen Preis bin ich hierhergestellt? Um welche Opfer? Über so viel Leichen wie auf Treppenstufen mußt' ich steigen? Gibt's keine andere Leiter, die vom Boden unten hinaufreicht zu dir? -- Ach, es gibt nur diese eine, sonst stellte Weisheit und Barmherzigkeit die andere hin.
Und diese Blicke all auf mich geheftet -- dieser Augen Trillionenzahlen starr und fragend, als wäre ich das Rätsel aller Rätsel, der Mittelpunkt in Raum und Zeit. Und dieses fremde, wüste Treiben. Je weiter rückwärts mein entsetztes Schauen greift, dieses Würgen, Morden, Schlachten. Verwilderung hält Schritt mit Rückgang -- und so mein Ekel. Behaarte Menschen seh' ich splitternackt, auf allen vieren aus der Höhle kriechen und kannibalisch rohes Fleisch zerreißen. Und hinter ihnen dampft der faule, mitternächtige Morast mit riesenwürmergleichen Schachtelhalmen, schlüpferigen Kröten, Molchen, stacheligen Saurusdrachen, die von sich spritzen, was sie trinken, mit der Eingeweide Gift gemischt.
Durch diese Höllengasse mußt' ich wandern? Und du mit mir? Gott, du mit mir? Gibt's keine andere Leiter?
Und all die Greuel dieser langen Reise, all die Barbareien, die viehischen Verbrechen, all die Sünden, die zum Himmel schreien, mußtest du, Allheiliger, vorüberziehen lassen. Billionen kalte Morde, Billionen Tyranneien, Flüche, Meutereien, falsche Eide, Ungeheuerlichkeiten, die um Rache schreien -- Bastardmischung zwischen Tier und Menschen unterm Hurrabrüllen und Gewieher schadenfroher Teufel -- mußtest du vorüberziehen lassen. Mit keinem andern Trost als: »Später, später« überladene Herzen brechen lassen; Gottvertrauen untergehen lassen; Unschuld untergehen lassen. All die Blicke, die zum Himmel flehen; all die Klagen, Seufzer -- der Schlachten Brüllen -- der Folterkammern schrilles Schreien -- der Kerker hohles Heulen -- der Krankenstuben Stöhnen -- den Jammer einer ganzen Welt von End' zu End', mit keinem andern Trost ertragen als: »Später, später!« bis der schneckenträgen Weltgeschichte Räderwerk (mit klebrigem Blut geölt) der Hölle tierisch Teil an mir zu Kot zermahlt.
Hat je mit so viel Gram und Wehen eine Mutter ihre Frucht geboren, wie du, o Ewiger, dein Ebenbild?
-- -- -- Ha, ist es das?! Allmächtiger, ist es das?! (Mir ist, als seh' ich ein reibend Schwefelholz an meiner Kerkerwand und find' die Tür -- -- Haltet mich, o haltet mich!) Auch du, Gott?! Auch du? Ist es möglich, auch du? O mein Erzeuger, der du bist, ist es möglich, ~auch du kämpfst wie ich den Kampf ums Dasein~? -- Die gleiche Scheu vor Stillstand wie die meinige ist dein. Das gleiche Fühlen, Denken, Sehnen ist uns eigen -- nur in allergrößtem Maße dir. Die gleiche Sucht nach Einigkeit, Fortschritt, Freiheit, nach einem Gegenstand der Liebe (außerhalb), nach ewiger Glückseligkeit macht uns kämpfen -- mich im engen Zirkel meines Selbst -- dich im unermessenen Raum, mit einem Feind, dir ebenbürtig an Mitteln, Macht und Zähigkeit. Du mit Licht -- er mit Nacht. Du mit Wärme -- er mit Kälte. Du mit Leben -- er mit Tod. Du mit Geist und Willen -- er mit Körperträgheit. Du mit Liebe, Wahrheit, Schönheit -- er mit allen Gegenteilen. -- -- Und dieses Riesenkampfes Gleichgewicht verschieben können nach rechts oder links, Ewiger! ~das kann ich~?? -- Ich kann dir trotzen und deine Allmacht entthronen? Deine Majestät entkleiden? Dir Glückseligkeit verbittern? Den ganzen, weiten Plan der Schöpfung stempeln mit Fehlschlag? Dich ausliefern dem Hohngelächter deines Feindes?
O, daß du mir diese Waffe zeigst -- scharfgeschliffen wie sie ist, sie mir anvertrauest -- welch ein Vertrauen! -- Nach langer, langer Nacht gedankenlosen Schlafens wach' ich auf, und wie ein Kind zuerst aus der Mutter Augen Liebe trinkt und ~dann~ die Milch der Brust -- ~ich liebe dich, Gott~! Zum ersten Mal in meinem Dasein ruf' ich ehrlich aus: »Ich liebe dich, Gott!« Bis heute betete ich dich an -- mit Staunen und Grauen maß ich deine Majestät -- aber lieben? -- Leere Worte waren meine Schwüre. In Maß und Form warst du ein überirdisch Ding für mich, so unverwandt und fremd wie ein Gespenst.
Ist Mitleid inniger als Staunen, und Liebe wärmer als Angst -- ist ~Vater~ schöner, inniger als Gott -- »Vater, ich liebe dich! ~Vereint~ sind wir allmächtig. ~Vereint~ sind wir die ewige Glückseligkeit -- ~getrennt verloren~.«
Und jeden Morgen, wenn ich neugestärkt zur Wirklichkeit erstehe und flüssig Blut, geerbt von dir, durch meine Adern pulsen spüre -- lebendig Hirn, geerbt von dir, an meine Schläfe pocht -- »Vater, ich liebe dich!«
Kürzen kann ich dieses pulsende, warme Leben; enden plötzlich, wenn ich will; die ganze Arbeit einer halben Ewigkeit von dir vernichten, wenn ich will; dem Feinde »Tod« mich ins Lager liefern als ein Meuterer von dir -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!«
Wenn Waldesschatten mich in ihrer seelenvollen Sprache bitten: »Bleib -- hier ist Moos zum Ruhen, dort der Quell; Beeren, Blumen überall, wohin du greifst; die Bäume schützen dich vor grellem Licht und rauhem Wetter; die Felsen ~mich~ vor allzuviel Besuch. Ist Gott nicht gut, daß er sich meiner Einsamkeit erinnert, und jedes Jahr mir viermal passend neue Kleider schenkt« -- -- »Vater, ich liebe dich!«
Wenn Sommermittagssonnenschein das vollste Treiben weckt, Gärten, Fluren, Felder schwelgen im Leben, die Schöpfung dröhnt von tausend Stimmen, alle durcheinander jauchzend, lachend, singend; oder wenn Nachts die Allmacht auf die Bühne tritt in voller Majestät der Kraft, und vor aufgezogenem Vorhang zeigt, was sie dem Tod und Stillstand abgerungen in der Zeiten Lauf -- und jeder Blick in jene sternenvollen Tiefen mit Demut beladen zurücksinkt -- -- »Vater, ich liebe dich!«
Ein Fackelwurf aus meiner Hand genügt, und jene Waldidylle brennt zu Asche. Ein Losketten meiner Instinkte genügt, und jenes Paradies von Gärten, besäet mit Wohnungen glücklicher Geschöpfe, verwandelt sich zum Pandämonium eines brüllenden, rauchenden Schlachtfeldes, und Leichengeruch statt Blumenduft qualmt dir ins Angesicht. Und was, mit deiner vielgepufften Sternenherrlichkeit? Steck deine Kerzen du auf trillionmeilenhohe Leuchter -- ich kann mir das Denken verhalten -- die Vernunft schänden -- bis blöd und tierisch Gottes Ebenbild dein Schauspiel sieht wie die ausgesperrte Kuh den Mond. Soll ich noch mehr dich höhnen? -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!«
Hat je ein Künstler seine Arbeit gut gemacht -- mit vollster Seele liebsten Stoff geformt, bis alle seine Wünsche sich verwirklichten im Meisterwerk. O, dieser ~Spiegel~ -- und der Rahmen zu dem Spiegel! Vor keinem Spiegel lacht und weint der Mensch so ehrlich und so viel wie hier. In keinem Spiegel sieht der Mensch sich selber so wie hier. Vom hellsten Blau herab zum tiefsten Schwarz, in allen Farben, die ergreifen, strahlt der Spiegel ihm sein Bild zurück. Hier sitzt der Greis und schaut die hundert Schichten seines Lebens, die er im Flügelhemdchen bis herab zur Krücke durchgelebt mit Leib und Seele, und Gefühle, die geschlummert haben jahrelang, sie tauchen aus dem Spiegel auf und grüßen oder zürnen. Hier kniet die Mutter, der in langer Sorgennacht das Herz gebrochen, stundenlang vor diesem Spiegel, bis vom Schauen ihre Tränen trocknen, der bittre Mund sich öffnet zum verklärten Lächeln. Vor diesem Spiegel steht der Ewige mit Stolz und triumphierender Genugtuung -- gemischt mit weher Sorge, der Spiegel möcht' zertrümmert werden von verfluchten Buben -- denn Schöneres kann er nimmer machen, das ist sein Meisterwerk. Das ist das Gegenteil vom Tod -- das ist der Allmacht stärkste Karte, die sie dem Feinde Tod auftrumpfen kann im Spiel um die Oberherrschaft dieser Weltkontraste. ~Der Spiegel ist das Kind!~ Des Kindes Seele, des Kindes Augen -- Leib und Seele widerspiegelnd.
»Vater, ich liebe dich!«
Schaudere -- -- was kann ich hier verwüsten, wenn ich will, an dieser hilflosesten der Kreaturen? Mit Ärgernis, mit Grausamkeit, mit Vernachlässigung, mit Mißleitung, mit Mißbrauch meiner Zeugungstriebe? Hier bin ich selber schier allmächtig, wollt ich zerstören, was du aufgebaut.
»Vater, ich bleib' dir treu!« Dein Wille sei der meine. Dein Geist der meine. Dein Feind der meine. Wahrheit um jeden Preis und jedes Opfer sei von nun an meine Religion! Gerechtigkeit meine Religion, Opferwilligkeit meine Religion; zu großer, friedlicher Familie deine Menschen vereinigen, bis alle dich sehen wie ich, meine Religion. Und fortschreitend wie ein Siegesmarsch, im Schlachtenrauch, zu immer höheren Höhen -- aus bettender Nacht des Stillstands zu immer lichterem Leben, zu reinerer Erkenntnis -- aus des Daseins Sturm und Drang die Treppe bauen, bis die letzte Stufe den Thron streift und Gottes Ebenbild zu deiner Rechten sitzen kann -- ~von dannen es kommen wird am Ende der Schlacht mit aller Kraft und Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und Toten~!
»Vater, ich liebe dich!«
Und nahet mir des Lebens letzte Stunde -- und jenes Ding, das Blut gerinnen macht und Todesschweiß durch alle Poren preßt -- --
Noch einmal seh' ich dann, wie der Wanderer auf höchstem Paß, zurück und schaue mein Erdenwallen einer weißen Straße gleich. Dort im Tal liegt meiner Jugend immergrüner Tummelplatz. Dort seh' ich die ersten Schatten, die mir Wetterwolken auf den Weg geworfen. Dort die erste steile Felsenwand. Dort den jähen Abgrund mit der schwanken Brücke. Dort den Wald mit Angst und Sehnen nach dem Ausgang. Noch einmal empfind' ich Verlangen zum Bleiben in der Welt, so heiß wie nie zuvor -- und Trennungsschmerzen, eh ich fort bin -- und Heimweh, eh ich abgereist -- und Reue, eh ich gerichtet bin. Noch einmal, ach! durchschauert meine Seele jenes himmelahnende Gefühl, das Gesang und rauschende Musik allein im Menschenherzen wecken kann, bis wollustgleich in Tränen Lust und Leid sich entladen.
Kühl war der Morgen; heiß der Mittag; müde wankt das Kind am Abend in die Kammer, an sein Bett. Das Erdenleben gleicht dem langen Tag. Viel Blumen sind zertreten worden -- viel ist herumgestritten und gerissen worden -- Gesicht und Händchen sind ihm schmutzig, sein Kleidchen schier in Fetzen -- wild war sein Spiel im langen Tag -- doch, gebe Gott, es war ein Spiel. Noch einmal weint das Kind aus Müdigkeit, aus Leid ums abgerissene Spiel an seiner Mutter Brust: Natur; und dann -- -- ist Schlafenszeit.
»Vater, ich liebe dich!«
Ob ich unsterblich bin? -- Unwiderruflich, ja! ~wenn ich will~.
Ob mein Endziel höchste Glückseligkeit wird sein? -- Unwiderruflich, ja!
O, meine Eva! meine Eva! Auf halbem Weg zu der Vollkommenheit erst, und deiner Küsse Seligkeit!
Dank, Dank, Allgütiger! Ich danke dir, vom ersten Werden bis hierher und ewig. Vater unser, der du bist! Ich verbleibe grenzenlos dankend
Dein liebes
Kind.
* * * * *
Pilot Knob, den 1. Januar 1901.
Lieber Bruder mit Weib und Kind!
Heute ist Neujahr. Mit ungezählten Segenswünschen beginne ich diesen Brief. Möge Gott Euch die Vergangenheit vergessen machen im Rausch einer fröhlichen Zukunft. Möge alles, was er zurückhielt an Freud' und Wohlergehen, hundertprozentig Euch ausbezahlt werden.
Das war ein böses, rauhes Jahr, das vergangene. So ein paar mehr noch könnten selbst dem Leichtsinn graue Haare wachsen machen. Wir armen Menschen -- wir armen Leute!
Also, Neujahr.
Als ordnungsliebende Hausfrau -- (lieber Bruder! Du hast in sämtlichen Briefen seit Deinem Unglückstag so viel Unverdauliches zusammengebraut und gebraten, daß unbedingt hausbackene Kost auf den Tisch muß zur Abwechslung, oder wir werden noch alle krank. Trockenes Brot -- hier ist es:) Als ordnungsliebende Hausfrau nehme ich jetzt, gleich einem guten Geschäftsführer, die Warenaufnahme vor und beginne mit dem Hauptartikel der Haushaltung -- mit Peter.
Mein Peter ist heute vierzig Jahre alt und vier Wochen. Er kam also herausgekrochen zu einer Jahreszeit, wo andere Bären sich verkriechen in ihre Höhlen zum Winterschlaf. Er machte auch hierin die eigensinnige Ausnahme, wie immer und überall. Wenn's schneit und friert, geht er in Hemdärmeln spazieren. Im Sommer ist ihm am wohlsten im schweren Rock, und -- die Pelzmütze ist ihm buchstäblich auf dem Kopf verlaufen wie ein zu stark gebrühter Waschlappen, sonst hätt' er sie nicht abgelegt ums Verzweifeln. Daß Peter schlafen kann sitzend, stehend, mit dem Kopf nach unten, die Füße hoch, das hab' ich Dir schon früher berichtet. Ich zweifle nicht, daß er über die Waschleine gehängt wie ein nasser Strumpf ebensogut träumt und schnarcht wie im Federbett. Er ist das Ausnahmegesetz. Fahren die Bergleute zur Grube, ist Peter immer der letzte, der hinuntergeht, und Abends der erste, der 'raufkommt. Gelt, Bruder, das dünkt Dich ein fauler Arbeiter. Aber Peter ist nichts weniger als faul; er ist der längste Bergmann in der Schicht, und fährt der Fahrstuhl zur Tiefe, so verschwindet sein geliebtes, teures Bild zuletzt; und Abends erscheint sein Grizzlischädel schon, wenn seine Kameraden noch weit unten im finsteren Schacht atmen -- hahaha!