Part 8
Gewöhnlich nach dem dritten Vaterunser, manches Mal beim zweiten, öffnet dann der liebe Gott die Tür und ruft mich ein in seine Werkstatt. Jetzt bin ich schon ein ziemlich alter Gast. Das erste Mal jedoch, als ich die fremde Stube sah, war ich in solcher Furcht, daß schnell der Meister jede Arbeit ruhen ließ und mich beschwichtigte. Dann führt' er mich herum und zeigte mir die Wunder: den Kran, an dem die Schöpfung hängt -- die Räder, die sie treiben -- die Walzen, Formen, Pfannen, Feilen, Zangen -- die Drehbank, auf der Planeten rund geraspelt werden -- die Feueressen, aus denen er die Sonnen schöpft -- das Sternensieb -- Seiher für die Nebelflecken -- und hundert Fragen, wie ein wißbegierig Kind sie fragt, erklärte mir der Gott mit unbeschreiblicher Geduld und Güte. ~Eine~ Frage nur, und sie dünkte mich die wichtigste, die machte ihn verlegen. Er küßte mich auf Stirn und Mund und seufzte schwer: »Kind, Allwissenheit macht halt vor dieser Frage -- ~du~ allein kannst sie beantworten.«
(2 Uhr Nachts.)
Wenn Gott der Herr mir den Erdball mit allem was dran, drin und drauf klebt, als Geschenk präsentierte, und ich den Planeten absuchen sollte nach einem Ort und Wesen, wo mir so wohl wäre wie nirgend sonst -- ich eilte schnurgerade nach Brooklyn in die Schlafkammer meiner Eva. Sitz' ich hier allein und eingesperrt wie ein Unzuverlässiger, und die Nacht ist still und lang wie jetzt, dann überkommt mich so unsägliche Sehnsucht nach meinem Weib, daß ich herumgeh', irgend etwas zu finden, das ich umarmen und ans Herz drücken kann. Ich möchte mich selber küssen -- nur weil ich ihr Beschützer bin, ihr Ernährer. Das klingt schier albern von einem Ehemann, der fünf Jahre verheiratet ist. Aber, Schwester! wenn Du sie sehen könntest -- schlafen -- und ein Mann wärest anstatt ein Weib, Du würdest niederknieen vor ihrem Lager und sie anbeten. -- Ich tu's oft.
In einer jener qualvollen Nächte, als ich, meinen Arm in der Schlinge, vor Schmerzen nicht ruhen konnte und Küche und Kammer abschritt, da saß oder kniete ich oft vor ihrem Bett -- mit einer Andacht wie der Pilger vor dem Bilde der Madonna.
Einmal schien der Vollmond so grell und plötzlich aus Wolken brechend auf die Schlafende, daß ich nie den Moment vergessen werde. Das war nicht Fleisch und Blut, das war atmender Marmor. Es gibt Frauengesichter, die vom Kranksein schöner werden, engelgleicher, idealer, vom Dulden, Entsagen -- sogar Hungerleiden.
Schwester! Wenn ich jetzt auf dem Punkt steh', Dir Geheimnisse zu beichten, ich rechne felsenfest auf Verschwiegenheit (Du bist mir eine schuldig), sonst wird Tom nie wieder vertraut.
Also:
Erstens: Ich werde mich total verändern müssen, eh' ich mit Gleichgültigkeit ein schlafendes Weib betrachten kann.
Zweitens: Daß Mitleid bei solcher Betrachtung jedes andere Gefühl überwiegt, ist mir nicht angeboren, sondern Philosophie.
Drittens: Gott segne euch Frauen.
Viertens: Und beschütze euch große, immerwährende Kinder -- eure wohlgepflegten, wohlverdienten, wohltuenden Reize.
Fünftens: Ich liebe euch ~alle~ -- sehr, oder weniger -- aber alle.
Sechstens: Zartes, hilfloses Wesen, Weib! (Schwester, das rede ich jetzt ganz persönlich, individuell zu meiner Eva und geht Dich nichts an. Willst Du Dich aber zu ihr legen ins Bett und gar etliche Freundinnen mitbringen -- ihr seid alle willkommen. Dann spreche ich zu allen:) Schlafet, träumet, schöne Frauen! Die einzigen Stunden sind es, wo ihr frei seid. Arme, arme Träumer! Schwärmer! Schwaches Geschlecht! Was habt ihr erdulden müssen im langen Lauf der Weltgeschichte? Was werdet ihr noch leiden müssen, bis das Ziel erklommen ist, bis zu eurer Krönung? Denn ~ihr~ seid die Krone der Schöpfung -- nicht der Mann. Ihr habt die Freundschaft mit dem Weltgeist warm gehalten mit Sehnsucht, Schwärmerei und Idealen. Ihr habt das Menschengeschlecht vom Aussterben gerettet, das der Mann mit Feuer und Schwert dezimierte wie ein rasender Verrückter. Ihr habt die zarten Blümchen (Kinder) geboren, getränkt, gepflegt und großgezogen, derweil der Mann das Messer schliff und Ketten schmiedete. -- Er wird seine Handlungen Vaterlandsverteidigung nennen, Religionseifer, Freiheitssturm. Sagt ihm: daß Frauenschändung nicht im Programm steht; Kinderschlachten auch nicht; Haus- und Herdverwüsten auch nicht; Sklaven treiben auch nicht; Despotismus auch nicht; Kapitalismus auch nicht. Sagt ihm, er sei ein Feigling, der sich fürchtet, sogar vor dem geknebelten Weib. Der sich fürchtet, das schwache Geschlecht frei zu machen aus dem Joch der Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Dienstbarkeit -- aus Angst vor ihrer Konkurrenz. Er kann nicht Schritt halten mit dem Weib der Gegenwart; sie tritt ihm auf die Fersen. Das Weib der Zukunft läßt ihn stehen wie ein Wirbelsturm den Bauern am Weg, ihm Hut und Schirm entführend nach den Wolken -- hahaha!
Ist das zu viel gesagt? -- Ich nehme kein Wort zurück. Schaut ihn an, den Jammermann, wie er schwächer wird, kleiner, leichter, nervöser von Generation zu Generation. Wie er abwärts wächst -- aber das sind nur physische Kleinigkeiten. Schaut seinen moralischen Vorsprung, den er gemacht hat in sechstausendjährigem Wettlauf mit einem geknebelten Weib. Schaut die Wirtschaft an, die er führt, mit seinem Bürgerrecht und freien Wahlzettel -- hahaha!
Die Erde ein fruchttragendes Paradies, strotzend von allem, was Menschen befriedigen kann -- Wohlstand förmlich gebärend -- und Tausende leiden Mangel, frieren, sterben Hungers, verderben, verzweifeln. Nicht wilde Bestien, Ratten und Heuschrecken sind es, nein, seine eigenen Kinder, seine Brüder, Schwestern, sein Weib, er selber.
(3 Uhr Nachts.)
Was ist doch das für ein Ding, das wir Menschen Seele nennen?
Gehöre ich ihr, oder sie mir? Ist sie meine Herrin, oder ich der ihre? War sie eher als ich, oder gleichzeitig mit mir? Wer von uns wird das andere überdauern? ~Eins~ sind wir nicht, sie und ich, das steht sonnenklar. Was zusammengeschmolzen und eins ist, führt nicht ewigen Krieg. Ach, es sieht aus wie eine miserable Verkuppelung, eine verfehlte Ehe, eine Zwangsheirat ohne Liebe noch Interessengemeinschaft. Das eine stammt von hier, das andere von dort. Eins wurzelt im Erdboden, das andere fiel vom Himmel. Eins möchte leben und hausen, natürlich, frei, gesetzlos -- das andere nötigt dem ersten widernatürliche Pflichten auf, importiert von irgendwoher, vom Traumland, Feenland, Wolkenkuckucksheim. Da ist keine Aussicht, daß es Frieden wird zwischen diesen Eheleutchen, in diesem Haushalt, eh' nicht eins von beiden weggetragen wird als Leiche.
Wenn ich über dieses verworrenste aller Rätsel nachdenke, dann ist es mir jedesmal, als schreite ich verirrt, führerlos, mit ausgeblasener Kerze durch ein grenzenloses Labyrinth -- durch die Mammuthöhle. Der einzige Laut, der von Leben zeugt, ist mein ~eigener~ Atem; der Widerhall meiner nimmer ruhenden Schritte auf krummer, holperiger Bahn ist der einzige Ton, der noch ein wenig auszittert -- wie Echo -- das Lied der Hoffnung: »Licht! Gefunden!« -- Manchem Geist und Gespenst begegne ich, im angstvollen Herumtasten. Manchem Lebenden begegne ich, der so wie ich, so ratlos, hoffnungslos, verirrt herumsucht nach -- nach -- was? Dem Eingang, dem Ausgang.
Schöner, blauer Himmel dort draußen! Schöne, warme Sommerluft dort draußen. Wiesen, blumenbesät -- Wälder, duftend von Harz und Blättern -- spielende, lachende, singende Welt. Ach, könnt' ich ihn finden, den Ausgang -- oder hätt' ich nie gesucht, gefunden -- den Eingang. -- --
»So ihr nicht werdet wie eines dieser Kinder, könnt ihr in das Himmelreich nicht eingehen.«
»Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!«
Diese herrlichen Worte eines Gottmenschen, und eines göttlichen Menschen fallen mir ins Gedächtnis, weil ich soeben an Bertie denke. Schier ärgert es mich jedoch, die obige Schmiere geschrieben zu haben, wenn ich Berties praktischen Pfeilschuß aufsteigen sehe neben meiner lahmen Theorie.
Bertie ist ein philosophisher Haudegen; ein kleiner Alexander, der jeglichen Knoten löst. Bertie verbindet Philosophie mit Diplomatie und Unverschämtheit zu einer Dreieinigkeit, vor der, wohl oder übel, der Allmächtige sich verneigen muß.
Eigentlich sollte ich es Dir nicht schreiben, was Bertie verübt hat; Du bist seine Tante und hast ein Recht, den Bengel auszuschelten -- was ich bis jetzt unterlassen habe (aus Feigheit oder Sympathie, bleibe auch anheimgestellt).
Am Dekorationstag waren wir zwei auf dem Kirchhof und schmückten Klein-Elsies Grab. Als das geschehen war, setzte ich mich, Bertie aufs Knie hebend, dem Hügel gegenüber und begann mit jeder Faser meines Geistes Garantien zu sammeln: ob je wieder eine Zeit kommen werde, wo das liebe Kind, das hier vor mir vergraben liegt, ebenso mich umhalsen wird und ich es küssen auf die purpurroten Lippchen, auf die goldlockige Stirne, wie wir's taten so oft und oft.
Hier begann Bertie, etwas unsicher wie mich dünkt, zu fragen: »Papa!«
»Was ist es, mein Kind?«
»Darf ich dich fragen, Papa?«
»Ja, mein Kind.«
»Was tätst du sagen jetzt, wenn der liebe Gott dich sterben läßt und der Mann dich begraben tut da hinab und dann -- --« Er hielt inne.
»Und? -- Weiter.«
»Und der liebe Gott dich vergessen tut und drunten läßt, Papa. Was tätst du sagen?«
»Du meinst, wenn der liebe Gott mich nicht von den Toten auferstehen läßt?«
»Ja, Papa. Wenn er dich drunten läßt für immer und immer und immer, und nie wieder 'raufkommen läßt -- was tätst du sagen?«
»Hm -- ich glaub', ich hielt 's Maul und sagte nichts.«
»~Ich~ tät's aber sagen, Papa.«
»Und was?«
»Ich mag's nicht sagen, es ist wüst.«
»Wüst? -- Mir kannst du's schon sagen, was ist es?«
»Ich würd' halt sagen zum lieben Gott: So -- -- du lügst ~auch~!«
Schwester, das ist stark; ist es nicht? -- Aber Bertie sagt's, Du kannst Dich drauf verlassen, er sagt es dem lieben Herrgott ins Gesicht, gerade so wie er's ~mir~ sagte.
(4 Uhr Nachts.)
Das ist die stillste, ruhigste Stunde in der Großstadt. Kein Geräusch von nah noch ferne stört den Frieden. Keine Wagen rasseln über das Straßenpflaster noch. Keine Dampfpfeifen heulen durch die Nacht. Uhus, Hähne, Frösche und Moskitos gibt es nicht auf Manhattan.
Ich denke an Dich -- und mein liebes, teures Pilot Knob. Träume, ruhe, gute Jennie!
(5 Uhr Morgens.)
Morgenstund' hat Gold im Mund. Schwester, wenn ich je so glücklich sein werde, ohne Existenzsorgen meine ganze Energie und Seele konzentrieren zu können auf den einzigen Punkt -- ich werde ein Gedicht schreiben, einen Pegasus reiten, ein so wildes, rasendes, unbändiges Prärieroß über den Büchermarkt klappern lassen, daß sich Händler, Agenten und Rezensenten die herumfliegenden Papierschnitzel und den Manuskriptenstaub nicht aus den Augen reiben werden, bis der Greif im blauen Äther kreist -- unerreichbar für Speer und Bogen.
Schlag den Athleten mit Nervenfieber. Schlag den Poeten mit Nahrungssorgen. Schlag dem Kondor die Flügel ab. Oooo! Es ist ein Gefühl, das mich überkommt, wenn Dichtergedanken abprallen von Sorgengedanken -- wie der Schreck eines Lebendigbegrabenen, dessen Finger abprallen vom Deckel seines zugenagelten Sarges.
Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie der Ewige über den Sternen sitzt, neben mir, und mir Gedanken einhaucht, die ich schreiben soll.
Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie die Fürchterlichen der Finsternis mir ein Loch bohren durch die Gehirnrinde -- und all mein Denken zischt ins Leere.
(6 Uhr Morgens.)
Bald ist es Tag. Ich habe mich eine Nacht lang mit Dir unterhalten. Was würde werden aus mir ohne diese Unterhaltung? Gesegnet sei Feder, Tinte und Papier!
(7 Uhr Morgens.)
Von jetzt an bis acht Uhr muß ich verschiedenes in Ordnung stellen, und das Schreiben hört auf. Das Geschäft wird um acht präzis in Betrieb gesetzt; eine halbe Stunde früher jedoch öffnet der Aufseher die Türen von außen. Tom Pratt, der vierzehn Stunden lang sämtliche Spitzbuben Neuyorks (und das sind viele, die in Wallstreet gar nicht gezählt) am Einbrechen hinderte, wird herausgelassen.
Warum sie mich einschließen? Die Menschen sind heutigentags so mißtrauisch, daß sie den Nachtwächter, der das Haus bewacht, durch einen abermals bewachten Wächter wieder bewachen.
Tom.
* * * * *
Neuyork, Neujahrsnacht 1900-1901.
Teure, teure Schwester!
Da sitz' ich nun die halbe Nacht schon, eingeriegelt in der unheimlichen Warenburg, und schüttle den Kopf in peinlicher Untätigkeit. Ich kann absolut keinen zu meiner Dichtung brauchbaren Gedanken fassen. Die Inspirationen, die mein Gehirn belagern, sind wahnsinnig. Was soll ich tun? Singen, beten, Geister beschwören? Schlafen darf ich nicht, und kann und möchte ich nicht. Und noch ist es so lang', bis sie mich herauslassen hier -- und heim.
Die Uhr schlägt eins.
Wir feiern Neujahr. Soeben hat der Lärm nachgelassen, mit dem unsere Durchschnittsbürger den Wechsel begrüßen. Sie haben wieder, wie in jeder Silvesternacht, gewaltig getutet, geknallt, gebrüllt, getrunken. Jetzt sind sie müd und legen sich aufs Ohr und saugen Sauerstoff ein zum frischen Lachen und Lustigsein, morgen.
Ach, Schwester! Ich habe meinen melancholischen Anfall -- und bin allein. Wär' ich unter Menschen, ich möchte meine Schwermut abladen können durch überirdische Gutherzigkeit, aber hier bin ich aller Linderung bar.
~Die Toten~ lassen mich nicht ruhen, bis ich ihnen meine Schuld bezahlt!
Hier sitze ich. Die Pendeluhr tickt. Die Feder kratzt auf dem Papier. Ein armes Mäuslein nagt an Brettern unterm Fußboden -- und die öde, graue Nacht ist Silvesternacht. Und zwölf Monate zurück? Was kann ein einzig Jahr verwüsten? Saß ich nicht ebenso still wie jetzt, aber am Bettchen meiner noch ~lebenden~ Elsie, meiner noch ~gesunden~ Eva, und mit ~zwei~ kräftigen Armen, und zählte, bis ich müde war vom Zählen -- mein Glück.
Da lagen herumgestreut, weiß wie Flocken, die Seelen, die Gott der Allgütige mir schenkte zu meiner eigenen -- und saugten sich fester und fester mit jedem Atemzug, Lächeln, Seufzen, Erwachen.
Draußen jagte der Wind in wildem Zug durch Finsternis und Häusermeer. Kälte drückte an Türen und Fenster und wimmerte um Einlaß; und ich saß und träumte, schwärmte, schwelgte, betrachtete wieder und wieder meine Schützlinge: mein schönes, treues Weib, wie es hingebettet auf das eigene Lockenpolster ausruhte von des Tages Last; meine Kinder, Bertie schlafend sein Schwesterchen umarmend, als fürcht' er Raub, Elsie mit dem wehen Zug um ihre Lippen, die im Traume mehr als sonst den Stempel Gottes »Engel werden« trugen.
(3 Uhr Nachts.)
Dreimal drei ist neun -- das kann bewiesen werden. Dreimal drei ist vier -- das kann ~auch~ bewiesen werden vor einer Versammlung von Schafsköpfen. Beweis ist also nicht so unfehlbar, als er sich ausgibt. Daß Advokaten das Gegenteil, sogar von bewiesenen Beweisen, beweisen, beweist die Unzuverlässigkeit der ganzen Beweiserei. Es kommt also weit mehr darauf an, wie der Kopf oder der Mensch beschaffen ist, der den Beweis glaubt, als über was und wie da bewiesen und vereinbart wurde.
Sagt mir also einer: »Bruderherz! du hast eine unsterbliche Seele in deinem Korpus,« und beweist mir, daß ich ein solches Ding herumtrage, dann steigt (in meinem Schädel wenigstens) das Mißtrauen auf, ich gehöre möglicherweise zu der Schafskopfkategorie, die sich vorrechnen läßt: dreimal drei ist vier -- und unwillkürlich beginne ich Selbstkritik zu üben an meiner geistigen Befähigung. Ich gelange zu dem Schluß: daß ~ich~, ich selber die Unsterblichkeit meiner Seele fühlen, spüren, wissen, beweisen muß -- nicht der andere. Er kann wohl unterrichtet sein über ~seine~, aber über ~meine~? -- Sapperment! Wenn er nicht einmal weiß, ob ich Leibschmerzen habe, wenn ich Gesichter schneiden muß, um ihn auf den Gedanken zu führen -- ---
Halt!!
Es gibt Philosophen, die beweisen, daß die Existenz Gottes und der Seele nicht kann bewiesen werden mit den gegebenen Anhaltspunkten. Es fehle, was die Mathematiker heißen, die bekannte Größe, auf der sich aufbauen läßt. Diese Herren sind die ~Vogelstrauße~ im großen Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie rennen (vom Problem verfolgt) unablässig im Kreis herum, am gleichen Punkt immer wieder anlangend, wo sie absprangen, und glauben, weil sie (mit dem Kopf im Sand) nichts sehen, können andere auch nichts sehen. Sie legen manches Mal ziemlich große, vielversprechende Eier. Die Hauptsache aber, das Ausbrüten, überlassen sie dem heiligen Licht und Feuer dort oben; und bis das es fertig kriegt mit seinem natürlichen, langsamen Prozeß, da haben Ratten und Käfer den Dotter gefressen. Daß Spatzen und Bachstelzen sich hin und wieder erdreisten, die Eier ausbrüten zu können, ist die ~komische~ Seite. Daß die Strauße nicht ~gerader~ laufen und so aus der Wüste heraus ins üppige Grenzland gelangen, ist die ~betrübende~ Seite.
Es gibt aber auch Philosophen, die so geradeaus laufen, daß sie mit dem Schädel ein Loch durch jegliche Mauer rennen, die ihnen im Wege steht. Durch dieses Loch schauen die Herren die allerübernatürlichsten Dinge, und je nach dem Grad der gehabten Gehirnerschütterung beim Mauerbrechen sehen sie den Himmel offen, die Zionsstadt mit Perlentor und goldenem Straßenpflaster. Den Herrgott sehen sie im Wolkenpolster ruhen leibhaftig, oder im Rollstuhl unter Blitz und Donner im Paradies herumkutschieren wie ein preiswütiges Automobil. Die Engel sehen sie tanzen, geigen und geschäftig die einlaufenden Seelen abwiegen, wie der Krämer Butter und Kartoffeln. Kurzum, sie sehen das ewige Leben mit Haut und Haaren als vollständig bewiesene Tatsache, und so weiter, Amen.
Diese Sorte Philosophen sind die ~Büffel~ im Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie sind hartköpfig, eisenstirnig. Mit gewalttätigen Hörnern zerquetschen, was nicht zu ihrem Vaterunser schwört, das nennen sie Kopfarbeit. Rote Farben, rote Lappen und Fahnen reizen sie zum Schäumen; dafür stehen sie aber, ungleich den Straußen, bis an den Bauch im Futter. Daß ihnen das üppigste Gras (während die Herdenglöcklein läuten) zum Hals hineinwächst und gleichzeitig Stroh zu den Ohren heraus, ist die ~komische~ Seite. Daß sie lebenslang Gottesgelehrsamkeit studieren und gerade in diesem Fach Hornviecher bleiben, ist die ~betrübende~ Seite.
Dann gibt es Philosophen, sogenannte Pessimisten, Weltschmerzapostel, die vom Resignieren buchstäblich austrocknen, verdorren. Sie verlieren Fleisch, Fett, Appetit, warmes, eisenhaltiges Blut, tätige Leber, Galle, Magensäure, Zähne, Haare, Glauben, Hoffnung, Liebe, Freude am Dasein. Arm in Arm mit dem Weltschmerz schreiten sie durchs Leben, sorgfältig Dornen und Distelköpfe sammelnd -- Blumen zertretend -- Harmonien und Schönheiten ignorierend -- glücklichen, lachenden Menschen ausweichend wie der Pest -- auf Kirchhhöfen herumgeisternd -- mit Gerippen und Totenschädeln spielend. Dem Tantalus flogen die gebratenen Tauben vom Munde weg, so oft er die Zunge reckte danach; der Pessimist macht sich die Höllenqualen ~umgekehrt~, er beißt die Zähne zusammen, wenn das Füllhorn sich ausleeren möchte in ihn. Das ist jedoch nicht die betrübende Seite, sondern er sagt es selber, was: »mein Geborenwordensein halte ich für das allergrößte Unglück«. Daß ihm hierin jedermann beistimmt, sogar sein leiblicher Vater, ist die ~komische~ Seite. Verglichen mit Tieren können diese Sorte Denker nicht werden: es gibt kein Tierchen, das sich nicht mehr oder weniger wärmt und sonnt in Gottes herrlicher Natur.
Dann gibt es ~lachende~ Philosophen. Die Hälfte von ihnen ist jedoch kindisch. Die anderen stehlen Witze und hängen ihre Marke dran.
Dann gibt es philosophische Piraten (Atheisten), die jeder vorüberziehenden Seele Steuer, Anker, Segel, Kompaß, kurzum alles rauben bis auf die leere Schale.
Dann gibt es egoistische, geizige Philosophen. Sie behalten alles, sammeln mit eifrigem Betrachten Wissen, Weisheit, Urteilskraft -- geben nie etwas von sich -- Schweigen ist ihr Grundsatz. Sie sterben wie alle Geizhälse, reich an geistigen Schätzen, ohne übrigens jemand beschenkt und glücklich gemacht zu haben.
Dann gibt es verschwenderische Philosophen, die mit Schwatzhaftigkeit sich so entleeren, daß sie geistig schier zu den Bankerotten zählen. Sie machen allerdings manchen um sich herum klug, vorsichtig, sterben aber wie jeder Verschwender, ausgepumpt.
Dann gibt es -- -- Der Globus wimmelt von Philosophen. Die Luft ist dick und schwefelsauer von ihrem Stöhnen, Seufzen, Lamentieren und sogar Fluchen. Und ach, was haben die Herren zusammengedichtet? Das Denkerregiment mit Sokrates am rechten Flügel und Spencerlein am linken, was haben sie bewiesen, entdeckt, festgenagelt im Lauf von vielen hundert Jahren? Andere Wissenschaften haben Wunder gewirkt. Was kann die Philosophie am Tag der Prüfung zeigen? Bücher, tonnenschwer, und leiht wie Spreu ihr Inhalt. Bücher, tausendzählig, und -- drei Originalitäten nur -- kein einziger Beweis darin, der zieht und hält. Es ist der wackeligste Turm von Babel, den sie in den Himmel bauen möchten.
Und ach, was bin ~ich~ herumgeirrt in dieser Steppe der Irrenden, und hab' gesucht nach Quellen und Oasen -- nach dem Körnchen Wahrheit im Berg von Kleie -- in diesem Chaos von Einerseits und Anderseits Beweise gesucht und ~keinen~ gefunden, mit dem der Zweifel nicht Fußball spielen darf nach Lust und Vergnügen. Ach, was hab' ich gelesen, geschluckt, studiert, mit philosophischen Rosinen, Zwiebeln, Gurken und Limburgerkäsen mich so überfüttert, daß ich elendiglich sterben müßt' an Verstopfung -- schluckt' ich nicht hin und wieder eine Kontroverspredigt als Abführmittel.
* * * * *
Die Unterhaltung zwischen Gott und Mensch geschieht ~einzig~ durch Gefühl.
Gefühl ohne Erfahrung bleibt die unterste Stufe des Leben.
Der Unterschied zwischen höchstem Geist und Geschöpf besteht in des letzteren geringerer Erfahrung.
Ich zweifle nicht, daß mit höchster Erfahrung das Problem des ewigen Lebens gelöst ist.
Die Bestimmung des Menschen ist: jenes Problem zu lösen. Daß er das kann, ~wenn er will~, garantiert die ewige Gerechtigkeit.
-- Aber das ist ja wieder greulicher Quatsch -- mir wird ja selber übel.
Sonntag im Sommer. Sehr heiß, staubig. Sehr windstill. Die Straßen von St. Louis glühen gleich einem Backofen. Jung und alt, was nur irgend sich freimachen kann, flüchtet hinaus in die schattigen Vorstädte, die Parks, oder treibt in Booten den großen Mississippi auf und ab.
Schon früh am Morgen warf ich mich in feiertäglichen Staat. Ich hatte die Einladung meines Freundes, mit ihm und seiner Neuvermählten nach deren Eltern Farm einen Ausflug zu machen, angenommen. Mit verzeihlicher Eitelkeit putzte, frisierte und rasierte ich den damals noch ledigen Tom Pratt.
Dann ging's los. Eigentlich ~nicht~: zu meinem Ärger und meines Freundes noch viel größerem Leidwesen lag der Ärmste, als ich in seine Behausung trat, im Bett und stöhnte. Er laborierte an den Nachwehen einer in der Nacht gehabten Cholera.
Er behauptete, das Biertrinken bei der Hitze hab's verschuldet. Sein Weibchen meinte, das ~Apfelmus~, das sie ihm kochte zum Abendbrot, sei die Ursache. Zu dieser rührenden, in der Dissonanz sogar noch wohllautenden Harmonie der Neuvermählten schlug ich Takt mit der Bemerkung: »Bier ~und~ Apfelmus hat's getan -- Punktum!«
Nach dem Mittagessen (so lange nötigte die Gastfreundschhaft mich auszuhalten) durfte ich endlich gehen. Der halbe Sonntag war nun verbraucht, verpfuscht; meine Feiertagslaune ebenfalls. Ärgerlich schritt ich nach der Avenue, um mit dem ersten mir begegnenden Straßenwaggon irgendwohin zu fahren -- nur weg, weg vom bratenden Weichbild der Häusermasse. Halbwegs mußte ich meiner blankgewichsten Schuhe wegen einem Neubau ausweichen, ganz hinüber auf die sonnige Seite der Straße; dann wieder herüber auf die schattige. Das kühlte mich nicht; auch nicht, als mir ein nördlich fahrender Tramwaggon entschlüpfte, den ich hätte erreichen können, wär' die verdammte Kreuzung nicht gewesen.