Part 7
War nicht unser Vater (Gott hab ihn selig), wenn auch nur ein hartarbeitender Erzgräber, der klügste Mann im Minendistrikt, Ingenieur und Verwalter mitinbegriffen. Und »Mütterchen unser« so seelenvoll. Bruder! Mut! Der Genius steckt uns im Blut. Was andere mühsam aus der Tinte saugen müssen, haben wir schlafend in der Muttermilch getrunken. O, hätt' ich Zeit und nur Zeit, ich wollte schier selber eins dichten, das zum -- Weinen wär' -- hahaha! -- --
Nochmals, Bruder! Versuche es mit Geist und Gemüt; wähle ein Thema, ein Problem aus dem Leben, aus der Geschichte, aus der natürlichen, übernatürlichen, aus der Hexenwelt -- irgend eins. Schreib einen Aufsatz: wie man ledig bleibt, wenn man sich verheiratet wünscht. Wie man verheiratet bleibt, wenn man sich ledig wünscht. Wie man runzlig wird vom Ausschweifen und rund vom Keuschsein, oder umgekehrt. Wie man reich wird durch Ehrlichkeit und arm durch Betrug und Schwindel, oder umgekehrt. Wie man zum Himmel kommt durch Frommsein und zur Hölle durch Fluchen, oder ~nicht~ umgekehrt.
Du liebe Zeit! so plaudere ich und drei Kübel voll schmutziger Wäsche stehen wie das Schwarze Meer unterm Nußbaum. Ich bin freilich ein Waschweib. Fort, Feder -- Seife her.
Bruder, das für heute. Ein meilenlanger Brief zum nächsten Mal.
Jennie.
* * * * *
Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.
Teure Schwägerin!
Mit Zittern und Zagen schreibe ich diesen Brief an Dich. Tom darf ihn nie zu Gesicht bekommen, hörst Du -- nie! Dieser Brief ist nur an Dich und für Dich. Wenn Tom ihn in die Hand kriegt, ist alles verloren.
Ach, es ist vermessen, zwischen Dich und Deinen Mann, zwischen Euer grenzenloses Vertrauen diese Wand zu schieben; -- aber Notwendigkeit, Liebe und alle guten Geister gebieten mir, so zu handeln. Eva -- mir graut vor der Zukunft Deines Gatten -- meines Bruders. Nicht, weil er seine Hand verloren hat, seine Arbeitsgelegenheit und Euer schönes Heim zerstört werden kann -- mir graut vor Toms Seele. Ich fürchte und sehe, wie meines unglücklichen Bruders Geist sich umnachtet -- sein schöner, großer Geist. Eva, Du kennst Deinen Gatten, aber ich kenne meinen Bruder. Er ist heroischer als andere Männer, aber auch kleinmütiger. Er ist gleichgültiger, phlegmatischer, stoischer als andere Männer, aber auch empfindlicher, weicher, gewissenhafter. Er ist geistreicher als andere Männer -- aber kurzsichtiger, beschränkter auch. Er ist, leider Gottes, viel zu viel in ~einer~ Seele.
Es ist nicht wahr, daß große Seelen am meisten ertragen können -- gemeine Seelen können alles tragen. Eva! Schwester! wir müssen Tom betrügen -- um ihn zu retten.
Immer wilder, unbändiger, irrsinniger werden seine Anklagen gegen Gott und Menschen. Wo kann er Halt machen, wenn er Ruhe sucht und keine findet? Das treibt so hin, und abwärts. Hoffnung! Hoffnung! Ein Licht in der Nacht, einen Stern im Raum muß der Unglückliche haben, und das zuerst, einzig und allein -- vorläufig.
Schwester! ich habe Deinem Gatten ein Schreiben geschickt, gleichzeitig mit diesem an Dich, und ihm ein Heilmittel angepriesen gegen Verzweiflung. Er wird's Dir vorlesen, dann weißt Du's. Das ist neu für Tom. Das lenkt seine Grübeleien auf neue Bahnen. Das gibt ihm Hoffnung, etwas zu werden. Und wenn es gar keinen Zweck hätte, als sein überfülltes Gehirn entladen zu helfen -- was er denkt und leidet, auszutoben mit der Feder aufs Papier -- schon das ist viel gewonnen.
Daß Tom mir viel und oft schreibt seit dem Unglücksfall, ist gut -- aber gar nicht gut, daß er einseitig immer das nämliche wiederkäut. So einseitig, zweck- und maßlos die Menschen kritisieren, das leitet zum Menschenhaß, zum Pessimismus, zur Versteinerung, zum Wahnsinn. Fernblick muß der Menschengeist haben, mit einem Auge muß er Gott sehen, mit dem andern Auge den Wurm, wie er sich tummelt im Staub. Fernblick verleiht dem Menschen Ausdehnung, Freiheitsdrang, Willen. Hat er das nicht mehr, ach! dann ist er nur Sklave der Umgebung. Die Seele wird zum tickenden Gewerke -- die Erscheinungen der Welt ziehen durch die Seele wie magnetischer Strom, unverstanden von ihr.
Eva, laß diese Worte nie Deines Mannes Ohr erreichen. Sag ihm nie, was ich hier schreibe. Nichts ist gefährlicher für einen Mutlosen als die Warnung vor Wahnsinn. Ermutige Tom zum neuen Streben und Leben. Mach ihn glauben, seine Schriftstellerei bringe Glück, Ehre, Wohlstand. Laß Dir vorlesen von ihm. Kritisiere, lobe, tadle, lache, weine. Derweil er dichtet und hofft, wird sich doch irgend eine Anstellung finden, mit der er das Hauswesen retten kann; -- denn aufrichtig gesprochen: ich zweifle, daß Tom mit Schriftstellern sein Brot verdienen können wird. Die Gelehrten haben ~auch~ ihre Angst und Not mit Konkurrenz. Es ist eine fürchterliche Welt, in der wir hausen. Alles lebt im Krieg. Einer reißt den andern weg vom Platz. Wann, o wann wird es besser kommen? -- Unsere armen Kinder! -- Die Nächte sind lang, auch hier im Süden. Es will nicht Morgen werden, wenn man Sorgen hat. Die Stunden vor zwölf -- die Stunden nach zwölf -- das Ticken der Uhr -- wie Wassertropfen Eimer füllen, so monoton, langsam verdrängt's die Schatten. Man hört das Atmen der Schlafenden um sich -- draußen vielleicht das Bellen eines Hundes, dass Rütteln des Windes am Fensterladen, das Regnen auf dem Hüttendach -- keine Mutter könnt's ertragen und am Morgen noch ein Lächeln übrig haben für die erwachenden Kleinen -- ohne Glauben an guter Geister Gegenwart.
~Ich~ habe ~ein~ Kreuz zu tragen -- das für Jennie. Sechs mehr von meinen Kindern -- das für die Mutter. Peter legt auch noch Holz auf meine Schultern -- das für die Gattin. Das schwerste aber, das mich schier erdrückt, ist das Kreuz, das mein armer Bruder der Schwester aufbürdet.
Ach, Eva! ich weiß, Du leidest wie ich -- ebenso geduldig, stumm, gottergeben -- und darum wollen wir uns umarmen als Leidensgefährten, als Märtyrer für eine Religion der Aufopferung, Aufopferung, Aufopferung.
Dann muß ich Dich noch etwas fragen, Schwester. Glaubst Du, es wäre Euch möglich, den Haushalt abzubrechen, zu verkaufen, was Ihr habt, und hierher zu reisen, wieder in Toms Heimat? Sechzig Dollar sind notwendig. Ein paar Dollar kann ich auch erübrigen und zulegen. Gott! So wäret Ihr doch wenigstens bei mir -- und tothungern lassen wir Euch nicht. Sag das Tom.
Blut möchte ich weinen vor Weh, Euch nicht helfen zu können und so weit weg zu sein, so weit weg.
Dann muß ich Dich ~noch~ etwas fragen, das ich immer vergeß beim Schreiben. Wie geht es Deinem Leiden? Ich erfahre rein gar nichts mehr von meiner kranken Schwägerin, seit ihr Mann alles Interesse absorbiert. Hast Du noch immer Atemnot, Blutspucken? Arme Dulderin!
Küß mir Bertie und sei tausendmal gesegnet von Deiner Dich ewig liebenden Schwägerin, Schwester
Jennie Daly.
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Brooklyn, den 4. Dezember 1900.
Liebe Schwägerin!
Gott ist mit uns. Tom hat den Brief nicht bekommen. Er schläft bei Tag weil er den Platz hat bei Nacht. Er kommt am Morgen von Neuyork. Dann ißt er Frühstück und geht zu Bett. Nach Mittag steht er auf. Der Briefträger kommt immer am Morgen. So hat er den Brief nicht bekommen. Nur seinen eigenen Brief. Das ist gut.
O Schwägerin Schwester laß mich auch Schwester sagen. Es lautet so viel schöner. Du hast recht geraten mit Tom. Er macht mir viel viel Angst. Er nimmt sich das Unglück so zu Herzen daß er abzehrt. Daß er krank wird. Er kann nicht essen nicht schlafen nicht lachen nicht sprechen. Oft wache ich auf mitten in der Nacht dann sitzt er am Fenster allein und will nicht ins Bett so viel ich bitte und weine. Das macht ihn krank. Gott sei Lob und Dank jetzt hat er einen Platz in Neuyork als Nachtwächter. Das ist ein guter Platz für einen Krüppel. Er bekommt zwölf Dollar. Das ist sehr gut. Aber den Platz hat er nur wenn der andere stirbt. Das ist traurig. Er sagt so jeden Tag. Ich bete und bete daß er den Platz soll behalten daß wir leben können. Das Waschen ist hart für mich. Wenn ich hart arbeite tut mir schon die Brust weh. Dass sind große Schmerzen.
Liebe Schwester. Bitte rede kein Wort vom Wegreisen von Brooklyn zu Tom. O sag es ja nicht mehr. Bitte bitte. Du siehst ja ich kann nicht wegreisen weil Elsies Grab hier bleibt. Wer soll Elsies Grab besuchen wenn ich wegreise? Tom sagte auch einmal wir müssen nach Pilot Knob. Dann hab' ich so geweint. Die ganze Woche. O lasset mich leben hier die paar Tage noch. Ich will ja nicht viel. Nur meiner Elsie Grab sehen wenn ich Zeit hab'. Wenn ich das nicht kann bin ich so elend daß ich sterbe. Wenn Tom seinen Platz behält wird ja noch alles recht. Wir wollen hoffen zu Gott.
Liebe Schwester. Tom hat recht. Er lehrte mich schreiben und lesen nach der Hochzeit. Jeden Abend. Wenn er kam von der Arbeit. Ich konnte nicht schreiben und lesen. Nur schwedisch ein wenig. Tom hat's mich gelehrt. Das ist schön wenn man sich Briefe schreiben kann. Ich werde Tom loben mit seinem Verstand. Du hast recht er schreibt gern. Das tut ihm gut. Wenn er aber den Platz behält braucht er keine Bücher schreiben. Er ist doch nicht gelehrt genug. Und fein wie die Herren. Denkst Du nicht auch so? Jetzt muß ich aufhören weil er schlaft und ich hab' Angst er schlaft nicht. Das Schreiben dauert bei mir viel länger. Gott segne meinen lieben lieben Mann. Und Dich und Deine Kinder und Deinen Mann. Deine Dich liebende Schwester Schwägerin.
Eva Pratt.
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Brooklyn, den 4. Dezember 1900.
Teure, liebe Schwester!
Unsere Briefe haben sich dieses Mal gekreuzt auf dem Weg zur Bestimmung -- irgendwo in Indiana oder Ohio. Sie tragen beide das gleiche Datum. Du hast demnach mein letztes Schreiben noch nicht beantwortet, wahrscheinlich aber gelesen jetzt.
Mit Deinem schwesterlichen Rat, ich soll's versuchen, mit der Feder Brot zu verdienen, kommst Du spät. Ich laufe, seit ich wieder gehen kann, schier die Beine weg, eine Anstellung als Schreiber zu erlangen. Wertloses Bemühen. Es ist das reinste Lottospiel. Einer aus zwölf, aus hundert oft, gewinnt die aussgeschriebene Schreiberstelle. Die anderen ziehen ab -- und lauter Zweihändige, verstanden, bis auf den armen Tom.
Aber -- hm -- Schriftsteller werden? Bücher schreiben -- Romane -- Gedichte -- Dramen? -- Schwester! das ist ein Wort, mit dem Du mich tatsächlich erschrecken -- nein, ruinieren kannst, weil es eine Brust voll gefesselte Geister loskettet zur Rebellion wider meine Ruhe. Ja, ja, sag' ich es freimütig, Du hast den gleichen Gedanken, wie er oft mich selber quält. Oft hab' ich zu mir selber gesagt: Tom, wie geht's? Wie steht's? Die Hand ist fort -- und bis die wieder anwächst, wächst Gras über Dir und den Deinen. Du mußt ein neues Gewerbe ergreifen, anderes Handwerksszeug als Hobel, Hammer und Säge. Wie wär's zum Beispiel -- --? Und mit der Nase stießen sie mich drauf, die friedenstörenden Kobolde.
Soll ich's probieren? -- Ich werd' müssen. Ach, es ist so ungewohnt, so plötzlich, fremd. Seiltanzen dünkt mich passender. Ich, der Holzdreher, soll Schriftsteller werden. Soll ich zuerst lachen, oder weinen? Oder werden es andere tun für mich?
Schwester! Schwester! wenn ich es jetzt versuche, mit Löwenmut in die Wolken fliege, oder von dort herunterfalle -- es ist Dein Werk. Auf denn, ich tu's! Weltgeist! steh mir bei. Ein Bettler kniee ich hier vor dir, ein armer, verkrüppelter Bettler. Nichts bin ich ohne dich. Weltgeist! laß mich nicht untergehen, ich fleh' dich an um -- Inspiration!
Arme Jennie! Jetzt folgen etliche Zeilen, die uns beiden sehr ungewohnt sind. Ich muß Dich sehr hart tadeln und zurechtweisen. Nie wieder, hörst Du! nie wieder, unter gar keinen Umständen erlaube Dir eine Ausschreitung wie diese. Ich kann Dir meine brüderliche Verzeihung nicht garantieren, sollte es zweimal vorkommen. Dein Brief enthält, eingeschlossen, eine Fünfdollarnote. Das soll für mich und meine Familie sein, damit wir nicht Not zu leiden brauchen. Du schreibst es nicht, aber übersetzt vom Geist der Liebe liest es sich so. Nie wieder, hörst Du, um aller Vernunft willen -- Jennie! Du mit sechs Kindern, die alle essen wollen wie die Hamster, und Schuh und Kleider brauchen für die kommende Kälte. Und Dein Gatte ein Bergmann, mit anderthalb Dollar Tagelohn. Nie wieder schick mir ein solches Blutgeld ins Haus. Mit diesem Brief kommt's zu Euch zurück -- jeder Cent gesegnet von mir, meinem Weib und Kind.
Ich muß schließen. Um sechs Uhr beginnt meine Dienstzeit. Ich kann es kaum Arbeit nennen, denn ich habe nichts zu tun, als im Lagerhaus übernachten ein wenig herumspazieren, horchen, husten, riechen, herumleuchten, mißtrauen, und ja nichts hereinlassen noch hinauslassen als -- meinen Gruß an Dich, und, den Deinen an mich. Jennie, Glück auf!
Tom.
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Pilot Knob, den 9. Dezember 1900.
Bruder Tom!
Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Vater der Armen läßt seine flehenden Kinder nicht verderben.
Also eine Nachtwächteranstellung hast Du jetzt für Deine alten Tage? Das möchte ein Witzbold die dunkelste Zukunft nennen. ~Ich~ nenne sie so lichtvoll, daß mich schon ihre Ankündigung blendet wie Sonnenschein und mir das Wasser in die Augen treibt -- oder ist es nur die Freude? Ich werde schier kindisch über diesem Glück. Ich werde Unwillen gebärenden Unsinn schreiben in diesem Brief. Ich werde Dich quälen damit, wie Du mich quälst mit Deinen Ausbrüchen -- nur umgekehrt. Ich werde witzeln, spotten, hänseln wie zur Zeit, als Jennie ihren Bruder aus dem Bett rollte und schneeballte auf dem Schulweg. -- Gott! mein langvernachlässigter Leichtsinn, den ich bereits verhungert und verdurstet wähnte und begraben und vermodert, drückt mich so ausgelassen, unbändig in die Arme, wie ein alter, privilegierter Jugendfreund, zurückgekehrt nach langen Jahren aus der Fremde.
Also Nachtwächter bist Du. Abschied nahmst Du vom Licht und -- gegrüßt seiest du, rabenschwarze Finsternis, du Jagdrevier der Hexen, Geister, Teufel, Fledermäuse und -- Nachtwächter. Sagen die Leute: Gute Nacht! Schlafen Sie wohl! dann setzt sich Tom zum Frühstück. Sagen sie: Guten Morgen! dann geht Tom zu Bett. Mensch! das hat noch gefehlt, Dich total anders zu machen als andere. Jetzt ist auch gar nichts mehr an meinem Bruder »Sonderling«, das ausgebügelt, geglättet werden kann, modern, fashionabel, gesellschaftsmäßig. Tom Pratt, Du bist die Revolution!
Heute ist es Sonntag. Meine Kinder sind ausgegangen für den Nachmittag, zum Wald. Peter schläft. Jetzt habe ich am Ende die beste Zeit, Dir eine Neuigkeit mitzuteilen. Das rettet mich zugleich vom Delirium und Überschnappen. Die Neuigkeit hätte ich Dir schon längst können mitteilen, aber -- nun ja, Dein Unglück, und dieses auch dazu.
Wir hatten einen Grubenstreik hier. Sechs Wochen hat er gedauert. Das war ein Leben in den Bergen, das tote Indianer erwecken könnte zum Tanzen ums Feuer.
Jetzt ist der Streik beendet und -- verloren. Ich habe nie etwas Kopfloseres gesehen als diesen Ausstand. Eigentlich hatte er zu viel Köpfe. Lauter Köpfe. Aber keiner der Köpfe, oder alle zusammen hatten nicht soviel Gehirn wie ein pensionierter Abschreiber. Mäuler, Mäuler -- ja. Ein Gelärm war es, ein Geheul, Getue, ein Versammeln, Auflösen, Marschieren und Redenhalten vom Morgen bis in die Nacht hinein.
Mein Peter hat am lautesten, dafür auch am gründlichsten sich ausgeschrieen. Jetzt liegt das Streikkomitee dort auf der Bank und schnarcht, daß ich kaum schreiben kann. Alles vergessen schon -- oder nichts vergessen und nichts gelernt. »Peter! he, Peter! Protokoll verlesen! Antrag stellen! Schluß der Debatte! Zur Tagesordnung, meine Herren!« -- Ja, ja, ja.
Und so ist der Rest. Bruder, die Arbeiter sind die klobigsten Schüler in der Lebensschule, das steht bewiesen. Nichts haben sie gelernt bei diesem sechswöchentlichen Ausstand als das Hungern. Wann, o wann wird der heilige Geist herabkommen auf diese Heerscharen der Unwissenheit?
Du kannst Dir vorstellen, Bruder, wie der Streik uns schwer wurde -- besonders uns Frauen. Das Borgen und Schuldenmachen wurde epidemisch; denn Bankbücher besitzen nur die wenigen. Ich gehöre zu den vielen. Und die Herren Männer? Diese bullenwütigen Oratoren, die 's Maul aufrissen wie feuerspeiende Krater -- ein förmlicher Streikkatzenjammer ist in sie hineingefahren. Sie haben so alle Lust am Streiken verloren, daß sie eher umsonst graben als nochmals ausstehen. Das Herz ist ihnen fast wörtlich in die Hosen gefallen. Sie schleichen, kriechen, katzenbuckeln so über alle Maßen hündisch ängstlich vor dem Grubenverwalter, daß, wenn das so fortgeht, sie rettungslos zu Hufeisen verwachsen. Und wir armen Mütter -- Gott steh uns bei mit solchen Männern -- wir sollen eine Generation aufrichtiger Bürger gebären.
Und wie widerwärtig sie sind -- knurrig -- bissig beinah. Mein Peter ist der reinste Sauerampfer geworden in unserem ehelichen Paradiesgärtchen, seit dem verlorenen Ausstand. Er macht ein Gesicht (jetzt, während er schläft), als fütterte ich ihn sechs Wochen lang mit Essig und Schnupftabak. Und wacht er auf und kann denken gleich (was schwer fällt), dann multipliziert er seine Grimasse mit dreizehn. Er will mit Gesichterschneiden (ich lese Peters Ideengang wie guten Druck) mir solche Angst einflößen, daß ich vor Zittern und Beben nicht zum Lachen komme über seine großmäuligen Streikreden.
Der Rest ist -- Schnarchen!
Aber, Gott hab' ihn im Schirm und Schutz. Er ist doch nicht so schlimm, wie viele andere sind. Wenn meine Ehe auch keine beneidenswerte heißt, mein Peter ist mir doch teuer wie keiner -- der Vater meiner sechs herrlichen Kinder. Er ist ein lieber, herziger, wohldressierter Brummbär. Nicht mit der Peitsche dressiert, aber mit Zucker und Honig, mit ewigem Nachgeben, Schweigen, Gutsein von ~meiner~ Seite. Meine Geduld gibt ihm keine Gelegenheit, seine Grizzlinatur in Übung zu halten, und so hat er sie jetzt verlernt. Wir vertragen uns. Ich bin der Honigstock und Peter der Bär. Daß er mich jedoch bald aufgefressen haben wird, fühl' ich leider; ich wiege keine hundert Pfund mitsamt den Knochen.
Du lieber Gott! Es gibt ja Männer, die sind schlimmer. Es gibt Männer, die sind Tiger. Welche sind Hunde, Affen, Esel, sogar Schweine. Die Löwen sind selten -- und auch bei denen ist das Lamm nicht sicher. Die besten Männer sind die, welche ~Menschen~ sind -- wie Du, mein teurer, teurer Bruder. Oft denke ich: wie lange zwei Menschen, so begabt wie Du -- oder besser: wie lange Millionen Menschen, so gut, ehrlich, gerechtigkeitsliebend wie Du, auf dieser Erde zusammenleben könnten, ohne Krieg zu haben, oder Hungersnot, Selbstmord. Ich wette mein Seelenheil, wenn alle so wären wie mein Tom, der Himmel käm' zwischen Wolken und Erde zu liegen. Ach!! --
Bruder, verzeih der Briefschreiberin den Tintenklecks; mein Peter hat sich eben umgewälzt, mit einem Schnarchen, an dem er selber erwachte. Er hat mich so erschreckt, daß die Feder spritzte. Tom, er könnte alle Bären und Berglöwen von Alaska bis Mexiko in ihre Höhlen jagen mit so einem Schrei wie dieser.
Jetzt schläft er wieder -- und lang. Er träumt vom Streik. Ruhe! Die Debatte wird begonnen. Peter Daly hat das Wort.
Tom! Bruder! Nachtwächter! Ich weiß mich nicht zu halten über Deine Versorgung. Gott wird dem »Pat« sonstwie helfen und Du behältst den Platz. Du wurdest hart mitgenommen, jetzt kommt die Erlösung. Glück und Unglück -- diese Extreme im Menschenleben sind das Läuterungsfeuer für bockbeinige Charaktere. Bei Deiner Aufrichtigkeit wirst Du mir zustimmen, daß Dich das Unglück schon ganz anständig gehobelt hat. In jedem Deiner Briefe lese ich das Wort »Gott« häufiger, das vordem fast nie von Dir geschrieben wurde (aus Respekt oder Geringschätzung, bleibe anheimgestellt).
Und in die Kirche gehst Du auch fleißig.
Und, und, und -- Lebt wohl und lang' und glücklich!
Jennie.
* * * * *
Neuyork, den 20. Dezember 1900.
Liebe Schwester!
(9 Uhr Nachts.)
Wenn das mein neuer Prinzipal wüßte, möcht' es gelbe Papierschnitzel regnen. Ich benütze seine Privatkanzlei die ganze Nacht lang als Studierstube. Das heißt: ich mache zwölf Runden durchs Gebäude (eine per Stunde), wie's die Vorschrift erheischt, halte zudem Ohren und Nase kriegsbereit wie ein belagerter Fuchs. Aber in der Kanzlei auf gepolstertem Drehstuhl sitze ich dreißig Minuten von je sechzig, als wäre ich Mister Rouß der Millionär. Ich bin aber nur Tom Pratt der einarmige Nachtwächter, der ohne Balancierstange über das hohe Seil tanzen möchte zur Unsterblichkeit.
Nach der Neun-Uhr-Runde, gewöhnlich, sitzt der Nachtwächter am Pult und erwartet -- seinen Verwandlungsprozeß zum Dichter. Er nimmt Kanzleipapier, Tinte und Feder der Firma (denn so verrückt ehrlich ist er doch nicht, daß er verhungern würde im Bäckerladen, ohne Geld) und versucht den Flug über den Olympus. Was der dann über Nacht zusammenschreibt an konfusem Durcheinander, ist zum Krämpfe kriegen. Ich möchte nicht der Dichter Tom Pratt sein, wenn ich die Wahl haben könnte. Das einzige, was mir an diesem dilettantischen Tintenkleckser imponiert, ist seine wunderbare Kompositionssicherheit, oder richtiger, sein Größenwahn. Nie seh' ich ihn kauen am Federhalter, nie hinterm Ohr kratzen, am Schnurrbart zupfen, nie simulieren, stöhnen, Atem verhalten, nie ein Wort ausstreichen oder ändern; nicht einmal das Geschriebene durchlesen seh' ich ihn. Wie der allweise Erschaffer der Welt macht er seine Arbeit ohne Vorher und Nachher, und gibt den Pfifferling um Rezensenten und lesendes Publikum.
Das wird einmal eine Katastrophe absetzen, wenn das Ungeheuer einen Verleger sucht, der's fressen soll -- das Ungeheuer nämlich.
O, Schwester! es ist nicht zum Spaßen und Lachen: in meinen Verhältnissen die Gedanken konzentrieren müssen auf eine Arbeit, die sogar Genien ermattet -- den Glauben behalten an die Kraft, die Kraft behalten zur Hoffnung -- und die Liebe zum Ideal. Ja, wenn ich jetzt meine Anstellung fest und sicher hätte, dann wären meine Gedanken leicht und könnten fliegen ins Ätherblau. Aber, aber, »Pat« mit seinen elf darbenden Kindern wird jeden Tag rüstiger -- und kommt Pat, dann geht Pratt -- und wohin?
Der Gedanke: »wohin« lastet mit solcher Wucht auf mir, daß sämtliche andre Gedanken -- wie die Liliputaner den Gulliver -- diesen Riesen nicht fortschaffen können. Ich weiß nicht, ob es ein weiser Rat von Dir war, mich zum Schriftstellern aufzumuntern. Zu spät jedoch -- der Kampf ist begonnen -- die Geister stürmen -- ich werde geschleift -- -- Wohin??
(10 Uhr Nachts.)
Ich schreibe, schreibe, schreibe. Ist es das Ungewohnte, Neue, was mich so berauscht, daß ich Visionen habe? Ich sehe meines Geistes Kinder in greifbarer Form herumgehen um mich. Alles lebt, atmet, redet, lacht, weint, -- es ist der leibhaftige Zauberpalast, den ich hier bewohne. Glückselige Schwärmerei! Wenn nie ein Wechsel käme, es wär' mein Himmel.
(11 Uhr Nachts.)
Stundenlang ohne Rast und Ruhe arbeite ich in der neuen Werkstatt. Ich denke viel an Dich -- und schreibe. Ich denke an mein Kind -- und schreibe. Mein krankes Weib macht mir viel Sorge -- aber ich schreibe. Werde ich je das Ziel erreichen, oder soll auch hier wieder die Enttäuschung das zarte, scheue Kind vom Himmel, Hoffnung, mit krallenden Fingern erdrosseln?
Ich bin manches Mal so mutlos, so schwach, daß ich mich fürchte wie der feigste Knabe und erst wieder ruhig werden kann, wenn ich mein Weib und Kind umarme.
(12 Uhr Nachts.)
Das ist die Geisterstunde. Von zwölf Uhr bis ein Uhr ruht die Feder und jede Arbeit. Ich zergliedere in Gedanken die Rätsel des Daseins. Ich bete. Das ist meine Gebetstunde.
(1 Uhr Nachts.)