Part 6
Oooo! Wie viele tausend halbgefütterte Mädchen und Mütter, Söhne und Väter der Armen müssen sich todmüde rackern, diesen Prassern ihren Tisch zu decken, ihre Häuser zu bauen, ihre Zimmer zu dekorieren, ihre Kleider zu weben, Unterhaltung zu schaffen, allen Launen einer verwöhnten, überfaulen, egoistischen Gesellschaft Leckerbissen zu streuen -- bis Erbrechen folgt?
Bei solchen Studien kann es vorkommen, daß der Arbeitslose wahnsinnig wird, heimrennt und Bomben gießt. Der Unglückliche bildet sich dann ein, die runden Dinger seien Brotlaibe. Und wenn er sie abbrennt und knallen hört, denkt er, das sei der vierte Juli, der Tag der Unabhängigkeitserklärung. -- Aber die Gesellschaft kann sich schützen gegen solche Narren. Der Anarchist wird per Strick am Hals zum Teufel geführt -- der gibt ihm doch wenigstens gebratenes Fleisch zu riechen.
Ja, ja, es ist eine majestätische Weltordnung! Man möchte »Viktoria« schreien -- oder besser noch hinaufsteigen irgendwo, auf den Chimborasso, und herunterpfeifen auf das ganze Eldorado.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 25. November 1900.
Schwester!
Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Wir hatten uns viel zu erzählen. Ich erzählte ihm vom Leben und Leiden in der Werkstatt; wie es staubt und stinkt in der Fabrik; wie man hustet, keucht, schwitzt, schwindsüchtig wird, und wenig verdient, und Weib und Kind schier nicht mitschleppen kann auf steiler Bahn.
Er erzählte mir vom Geisterreich, vom Schöpfungsplan, von Welten, die er machen wird und machte, von den Lichtern, die wir sehen jede Nacht, bis ganz hinten, tief, wo Sonnen frieren und die Allmacht Grenzen wünscht und keine findet.
Ich klagte über meine Not.
Über die Menschen ~er~.
Ich betete ihn an.
Er hauchte mich an.
Wir gelobten uns ewige Treue.
So still das Wiesental, der Fluß. So halbdunkel, gespenstisch die Hügelwand mit Waldesschatten. So klar die Sternenwelt dort oben -- wie nur das müde, schlafende Pilot Knob in warmer Sommernacht es geben kann.
Was der Nachtwind den lauschenden Fichten klagt; die Riesen nicken: »ja« -- die Riesen schütteln: »nein«.
Was der Nachtwind abgehorcht dem Grollen der Donner, dem Rauschen der See, dem Krachen der Gletscher, dem Dünensand, dem Wüstensand, dem Hüttenraum der Armen, dem Prunkgemach der Reichen. Was der Nachtwind den Bergen erzählt: die Felsen überziehen sich mit Immergrün und Blütenstaub; die Felsen überziehen sich mit Eis -- und weinen Wasserfälle.
Was der Wiesenbach den Blumen erzählt, was er sah und fühlte auf der Reise von der Quelle abwärts durch das Tal zum Meer -- und auf Wolken wieder aufwärts bis zur Quelle -- hin und her. Die Blumen hauchen ihre Seelen aus vor Lust und Sehnen -- die Blumen weinen Tau -- die Blumen sinken sterbend auf das Wasser, treiben mit der Flut zum Meer -- und nimmer wieder.
Zwischen Nichts und erstem Werden. Durch jene Ewigkeit der Nacht, als Gottes Seele schlief und träumte noch, von Zukunft, Welt und mir -- -- mit einer Sehnsucht, Funken zu schlagen aus dem Nichts -- mit einer Liebe, die Welt zu schwellen mit Wollust -- mit Sonnen -- Sonnen -- -- Sonnen -- -- --
Plumps! Ausgerutscht! Da liegt der Tom.
Nein, Schwesterchen! mit diesem Absprung komm' ich nicht an die Himmelstür, viel weniger hinein, zum Herrn der Heerscharen. Es geht nicht und geht nicht mehr. Ich hab's versucht. Oben kannst Du's, schwarz auf weiß, bemitleiden, wie ich mich anstrengte, mich ins Geschirr legte, einen Schwung machte ums Zentrum herum, daß die Zentrifugalkraft die Anziehungskraft förmlich sitzen ließ wie ein tanzwütiger Schwerenöter die alte Jungfer.
Ich bin nicht mehr Tom, der Dichter im Schurzfell. Tom, der mit den Seraphs Harfen spielte -- mit den Cherubs Abendspaziergänge machte über blutgesäumte Wolken. Tom, der, wenn er nur wollte, dem lieben Gott auf die Schulter klopfen durfte und plaudern mit ihm wie ein Kind.
Ach! Ach! Dahin! Dahin! -- --
Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Der Tag vorher war bis zum Abend -- ein Waschtag. Eva legte sich, müde von der Arbeit, früh zu Bett. Bertie auch. Ich setzte mich ans offene Fenster in der Küche und betrachtete die Nacht. Sie war schwer und herbstlich; ich war still und traurig.
Seltsam -- ich starrte eine Weile auf die Sternengruppe der Andromeda und -- erschrak über die merkwürdige Veränderung der Lichter. Die wohlbekannte Milchstraße schien mir plötzlich eine weiße, endlose Wand, Mauer -- eine Gartenmauer. Sie kam mir näher, oder ich ihr. Mit einem Mal dachte ich's und da war es so: die endlose weiße Wand war die Mauer um das Paradies. Ich hörte Singen, Lachen, Harfenspielen über der Mauer drüben. Ich sah fruchtbeladene Palmen, gewiegt von blumenduftenden Winden. Ich roch Weihrauchwolken, die aufstiegen wie Feuerwerke. Ich war tatsächlich dem Himmel so nah, daß mir nur das Loch in der Mauer fehlte zum Seligwerden. Ich trottete auf gut Glück entlang und sucht's.
Die Umgebung des Paradieses ist auch ein Paradies (mit ~eines~ Wunsches Unterschied); Blumen und Fruchtbäume und wundervoll grünes Gras bedecken den von magischem Licht verklärten Boden; aber alles Bewegliche neigt sich verlangend nach der Mauer hin -- ein Zug, der auch mich erfaßte. Ich wußte keine Ruhe hier außen, auch in diesem idealen Zauberpark nicht, den ich doch, wie ich merkte, ungeteilt bewohnen durfte. Qual und Sehnsucht verzehrten mich.
Da -- gewahrte ich eine Öffnung an der hellen, glatten Wand, und o Himmel! es war das Pförtchen -- der tausendfach gelobte, geschilderte, besungene Eingang in das Paradies.
Als ich, durch Blumen watend, näherkam, bemerkte ich einen weißgekleideten, weißhaarigen Greis. Er saß auf einer rohgezimmerten Holzbank neben dem Pförtchen und schien zu schlafen. Das war unzweifelhaft der heilige Petrus. Er trug ein ziemlich reines, grobgewirktes, ungeheuer weites, weißes Nachthemd mit Matrosenkragen. Der Heiligenschein schwebte in Gestalt eines rotglühenden Kübelreifs über seinem Haupt. Die Himmelsschlüssel lagen nebenan auf der Holzbank, und ebenso ein Körbchen mit einer im Winde flatternden, blutroten Atlasschleife am Korbhenkel. Säuberlich hineingebettet ruhten im Körbchen zwei riesige Pflaumen, zwei Butterstullen, ein gesalzener Rettich und ein verblüffend demokratisches Bierkrügerl. Im Gras, nicht weit von der Bank, bemerkte ich ein goldenes, niedlich kleines Pantöffelchen, die Sohle nach oben. Das ließ erraten, daß die Engelein dem alten Mann sein Vesperbrot heraustrugen und sich dann im Gras herumjagten, wie's ja die Kinder lieben überall.
Um des Heiligen Aufmerksamkeit zu wecken, begann ich halblaut zu husten. Die Wirkung war -- entsetzlich. Der heilige Mann schnellte wie von Skorpionen gebissen senkrecht in die Luft und starrte mich an mit verglasten Augen. Ebenso schnell jedoch kam er wieder ins Gleichgewicht und setzte sich. Er zuckte zwei-, dreimal mit der Schulter, schüttelte den Kopf, und legte dann sein linkes Bein, vom Knie an abwärts, wagerecht übers rechte. Und -- jetzt erst ging mir ein Licht auf über das, was ich vorher an der zusammengekauerten Gestalt für ein Nachmittagschläfchen hielt: der Heilige beschnitt sich die Zehennägel mit einem Federmesser.
»Bist du sehr in Eile?« frug er mich, halb mürrisch, halb gleichgültig, und seine Beschäftigung wieder aufnehmend.
»Nicht sehr, heiliger Petrus,« gab ich zur Antwort.
»Dann laß mich diese drei Nägel noch abschneiden.«
»Hundert, wenn's Euch beliebt!« -- Ich war so verwirrt, daß ich ganz vergaß, daß der Menschenkörper nur zwanzig solcher Dinger besitzt.
»Wo kommst du her?« frug mich der Apostel wieder nach einer Pause, aber bedeutend leutseliger dieses Mal.
»Von der Erde unten,« erwiderte ich.
»Das kann ich riechen, haha! -- Von welchem Land oder Königreich, will ich wissen.«
»Von keinem Königreich, von einer Republik komme ich.«
»Von Transvaal?«
»Von Amerika.«
»Von Amerika?!« -- Der Alte schüttelte den Kopf und seufzte. »Und woher in Amerika, wenn ich fragen darf?«
»Von Neuyork.«
»Neuyork? Neuyork? Hm -- wo liegt das Ding?«
»Bei Long Island,« gab ich zurück, immer noch gepreßt.
»Long Island! Ah, jetzt erinnere ich mich. Neuyork -- Long Island -- das ist eine schlimme Weltgegend. In zehn Jahren bist du erst der zweite, der hier vorspricht.«
»Und wer ist der andere?« frug ich naseweis.
»Ingersoll.«
Ich schrie förmlich auf: »Ingersoll! Robert Ingersoll, der Ketzer?!«
»Und?« -- Sankt Peter schaute von feiner Arbeit auf und mir ins Gesicht. »Und?«
»Ingersoll, der Atheist!«
»Und?«
»Der Gottesleugner!«
»Und?«
»Der Religionsspötter, Seelenvergifter, Teufelsagent, der ein Menschenleben lang die Bibel zerfetzte wie alte Zeitungen!«
»Und?«
»Und?! -- ~Den~ habt ihr in den Himmel 'reingelassen?«
»Wenn ich so genau wollt' richten,« erwiderte der Heilige trocken, »dann könnt' ich überhaupt die Bude schließen und die Schlüssel wegwerfen. Im Buch steht nichts, daß er Menschen geschunden hat und meinen Herrn und Meister verkauft; und ich halte mich ans Buch -- nur ans Buch.«
Ich mußte lachen. »Wieso kann er den Herrgott verkaufen, wenn er gar nicht an den Herrgott glaubt?«
»Ach was, glaubt, glaubt, glauben. Was gibt der Ewige für euern Glauben -- er pfeift euch auf euern Glauben. Gute Werke will er sehen; Brüderlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit.«
Hier interessierte sich der Apostel mit einem Mal so für seine unterbrochene Beschäftigung, daß ihm das welterschütternde Thema Null war gegenüber dem Nagel am Zehen. Es war der große Zehennagel. Der Nagel war, wie man zu sagen pflegt, ein eingewachsener Nagel. Ein solcher Nagel verlangt ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit, Geduld und Kunst. Man muß mit Leib und Seele bei der Sache sein. Man darf da weder Übereilung noch Ängstlichkeit zeigen, noch an etwas anderes denken darf man.
Jetzt war es sterbensstill ringsum. Fernweg hörte man das Harfenspielen der Engel, aber kaum so laut wie das Summen der Glocken, wenn der Küster längst den Strang verlassen.
Und da saß er nun vor mir -- und wie?
Das also ist der heilige Petrus, der Schiffer und Fischer, der die Segel reffte auf dem Galiläischen Meer vor neunzehnhundert Jahren. Das ist der biedere, grade, natürliche Arbeiter, den der Heiland auf den ersten Blick so lieb und sympathisch fand, daß er ihn zu seinem Stellvertreter erwählte. Das ist der Charakterkopf, der die Wucht und Größe einer welterlösenden Religion erfaßte. Das sind die schwieligen Hände, die Netz und Ruder zogen -- und dann durchnagelt wurden am Kreuz. Das sind die Füße, die Palästina durchwanderten vom himmelblauen See Genezareth bis zum Toten Meer, vom Berg Tabor bis zum Ölberg, von der heiligen Stadt Jerusalem bis zur ewigen Stadt Rom -- und dort durchnagelt wurden am Kreuz.
Unsägliches Mitleid mit dem Märtyrer ergriff meine Seele. Unwiderstehlich zog es mich drei Schritte näher. Aus Mitleid, und mehr noch um den Mann wieder reden zu hören, frug ich: »Wie geht's Geschäft, heiliger Petrus?«
Er wies mit der messerhaltenden Rechten nach der Himmelspforte, gleichsam den Staub und die Spinnenweben dort auffordernd, mir die Antwort zu geben.
»Da sieht nicht aus wie überlaufen,« erwiderte ich.
»Das sieht aus, als ginge die ganze Welt zum Teufel!« schrie Sankt Peter plötzlich, und so rasch sein Temperament verschiebend, daß er mit dem letzten Wort im Satz zu spät kam und es wegließ bis aufs »T«. Kirschrot vor Aufregung wurde er im Gesicht, seine Augen schossen Blitze; seine Skalpierkunst am Zehen wurde abgebrochen; das Federmesser schnappte zu und verschwand im Faltenhemd. »Wär' ich der Allmächtige, ich pumpte alles Wasser des Universums auf die Menschenbrut hinunter, daß sie schwimmen müßten bis an den Mond, um Land zu finden. Sind dass Menschen? Ebenbilder Gottes? Christen, erkauft mit dem Blut? -- Und wenn der Teufel tausend Jahre lang an einem einzigen Halunken seine ganze Wissenschaft verschwendet, er kriegt keinen Schuft zu stande, wie ihn die Gesellschaft produziert im Handumdrehen, ohne Müh' und Kraftverlust! -- -- Ach was --«
Hier kühlte sich des Heiligen Zorn und wie resignierend setzte er hinzu: »Es ist eben ein Fehlschlag. Die ganze Schöpfung ist ein Fehlschlag. Es ist wahr, jeder kann hin und wieder mal sein Pech haben mit der Arbeit, aber ~so~ den Stoff verpfuschen, das ist zum Weinen. Man hätt' was Herrliches draus machen können mit Überlegung und Zeit; aber so in der Eile sein und in sechs Tagen die Welt machen wollen, wozu man von Rechts wegen die Ewigkeit nehmen sollt'. Jetzt ist's geschehen -- und alles Dranrumflicken und Pflastern macht's nicht vollkommen.«
Er reckte sich gähnend, nahm den Rettich aus dem Körbchen, betrachtete ihn eine Weile und legte ihn wieder zurück. Dann machte er ein paar Schritte von der Bank weg, wo das goldene Pantöffelchen im Grase lag, und warf es im Bogen über die Mauer. »Die Rangen, ihre Flügel werden sie sich noch abreißen nächstens.«
»Das ist allerdings traurig, lieber, heiliger Mann,»stöhnte ich, wie betäubt von dem Gehörten und Gesehenen.
»Zum Verzweifeln ist es!« erwiderte der Apostel und setzte sich abermals. »Mein Herr und Meister sagt es selber, daß es zum Verzweifeln ist. Erst vorige Woche war er hier außen bei mir auf ein Stündchen; dort saß er, wo das Krügerl steht, und hier saß ich. ›Peter,‹ sagte der Herr zu mir, und er war sehr traurig. Er ist immer traurig, aber ~den~ Abend war er auffallend traurig. ›Peter, jetzt feiern sie da unten das neue Jahrhundert; hörst du den Spektakel? Ein solcher Lärm war nicht, seit der Michel den Himmel säuberte von den Aristokraten. Auf drei Plätzen haben sie Krieg, auf zehn haben sie Massakres, auf hundert Schlachthäuser im Betrieb für ihre Brüder. Mord, Meineid, Lüge, Raub, Betrug, Trunksucht, Faulheit, Neid, Geiz, Hochmut, Heuchelei, Schändung -- das Menschengeschlecht badet sich in Todsünden wie ein krätzig Tier im Morast. Den Reichen verfault ihr göttlich Teil im Prassen und Schwelgen, den Armen versiecht die Seele in Jammer und Verzweiflung; und keine Sonne am Himmel und kein Gott im Himmel ist den Menschen so warm und heilig wie Geld und Geld. Der alte Mann im Vatikan, mit seiner dreimaligen Krone, hat nicht die blasse Idee von dem Kommunismus, für den wir uns kreuzigen ließen. Mit seiner Politik, Peter, wär' ich Hohepriester geworden, du und Paulus römische Senatoren; und Judas -- ah, der Schelm hat mich doch wenigstens nicht blamiert und hat seinen Preis verlangt; die Kuttenmänner aber verkaufen mich für zehn Cent, und nicht ~einer~ hängt sich auf vor Scham und Reue -- nicht ~einer~. Peter, ich zähle auf dein Prinzip, laß mir ja keinen durchschlüpfen, der nach Geld und Banknoten riecht!‹«
Der Alte erhob sich. »So, jetzt wollen wir zur Examination schreiten. Hoffentlich bestehst du sie. Es ist viel Platz im Himmel und (hier schnalzte der Heilige mit der Zunge und blinzelte schelmisch) verd...t gemütlich, seit das Radfahren aus dem Sündenregister gestrichen wurde.«
Ein Fieberfrost überlief mich bei dem Wort »Examen«, und kaum weiß ich, in welcher Tonart ich stotterte: »Lieber, heiliger Herr! Wollt Ihr das Essen kalt werden lassen meinetwegen und das Bier sauer? Ich bin rein gar nicht in der Eile, lieber, heiliger Herr.«
»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Dass Bier kann 's Stehen vertragen, 's ist Anhäusers.«
Sankt Peter lachte und das ermutigte mich einigermaßen. Dann schloß er das Pförtchen auf und schritt hindurch. Ich blieb außen. Bald darauf öffnete er ein Schiebefenster neben dem Pförtchen. Ich verfolgte jede seiner Bewegungen. Er hob ein schweres, ledergebundenes, vergriffenes Buch aufs Gesimse. Ich verwandte kein Auge von ihm. Er setzte eine Brille mit Hornbeschlag auf die Nase, und das gab ihm ein zwischen Komik und Ehrwürdigkeit balancierendes Aussehen. Die Brille war alt und trug die Geschäftsmarke: »Levi u. Söhne, Esaustraße, Kapharnaum.« -- Jetzt frug er mich nach Tauf- und Zunamen.
Ich antwortete: »Tom Pratt.«
Er blätterte im Register. »Tom Platt.«
»Um Himmels willen!« schrie ich, »Tom Pratt! -- nicht Platt.«
»Tom Pratt -- Pratt -- Tom Pratt --«
Mit Todesangst hafteten meine Augen an des Alten Gesicht. Das geringste Stirnrunzeln bedeutet ewige Verdammnis. Das geringste Lächeln auf seinen Lippen heißt ewige Seligkeit.
Plötzlich verzerrten sich seine Züge wie die fluchende Fratze eines Ketzerrichters. Hochrot, blau, violett wurde die Hautfarbe seines Gesichts; Beulen, Klumpen schwollen heraus, förmliche Würste; Krampfknoten wie Trauben und kalifornische Zwetschgen. »Schwindler!« schrie er, »eine solche Unverschämtheit ist mir noch nicht begegnet seit der Himmelfahrt! Du lebst ja, du bist ja noch gar nicht tot! Den Himmel willst du haben bei Lebzeiten?« -- Er griff nach dem dreipfündigen Schlüssel und -- mir flog etwas an den Schädel, daß mir Sterne, Planeten und Saturnusringe vor den Augen flammten.
-- -- Ich wachte auf. Neben dem Küchenfenster sitzend war ich eingeschlafen, und im Schlaf fiel mir der Kopf aufs Fensterbrett -- schwer wie Blei.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 1. Dezember 1900.
Teure Schwester!
Es gibt Augenblicke im Menschenleben, die nur verglichen werden können mit dem Reißen einer Wolke nach langer, trüber Regenzeit, wenn plötzlich augenblendend die Sonne leuchtet in die Finsternis. So, gleichsam durch Tränen lachend, war die gottgeschickte Stunde, die ich und meine Eva gestern morgen erleben durften.
Es war ein Regentag. Ich stand wie gewöhnlich auf, und weil es regnete und stark regnete, blieb ich im Haus.
Um acht Uhr pfiff der Briefträger nach »Tom Pratt«.
»Eva, ein Brief von Pilot Knob!« rief ich und rannte hinunter, ihn abzuholen. Es war kein Brief von »Jennie Dear« -- sondern ein Schreiben war's von meinem ehemaligen Prinzipal in Neuyork. Keine Sekunde vermochte ich zu warten auf den Inhalt und riß den Umschlag in Fetzen -- überflog die Zeilen. »Arbeit!« schrie ich, »Arbeit! ich habe Arbeit!« Und so laut schrie ich und so hastig lief ich die Treppen hinauf, daß ich in der Küche war, eh' mein Weib, durch mein Lärmen erschreckt, die Tür erreichte.
»Eva! Arbeit! Platz! Ich hab' eine Anstellung! Tom hat eine Anstellung -- zwölf Dollar die Woche -- -- lies doch -- hier sieht's schwarz auf weiß:
»Werter Herr Pratt!
Ich habe Ihnen nach langem Bemühen eine passende Stelle gefunden, die Sie jedoch sofort antreten müssen. Gehen Sie nach 700 Mercer Street. Mister Rouß ist unterrichtet von mir und wird Sie anstellen als Nachtwächter in seinem Lagerhaus. Gehalt zwölf Dollar. Zu arbeiten brauchen Sie nicht, aber ehrlich, nüchtern, wachsam, zuverlässig in jeder Art müssen Sie sein -- und das sind Sie --«
Weiter kam ich nicht im Lesen. Mein Weib fiel mir laut weinend um den Hals; ich fiel ihr um den Hals; und dann fielen wir beide zusammen auf das Sofa. Dann erschien Bertie, aufgeweckt von dem Spektakel, im Nachthemdchen, und das Freudenschreien mißverstehend heulte er ebenfalls, und am allerlautesten, und vermehrte den Menschenhaufen mit seiner Persönlichkeit.
Es war jetzt ein so wirrer Knäuel auf dem Sofa, ein Schluchzen, Küssen, Lachen, Sprechenwollen, daß Minuten vergingen, eh' wir Alten vernünftig wurden und das Kind beschwichtigten. Das war höchste Zeit, wollten wir nicht die Nachbarschaft alarmieren oder gar die Feuerwehr.
Dann zog Papa seine Sonntagskleider an, Schuhe, weißes Hemd -- derweil Mama das Kind küßte unter immerwährendem Schluchzen und Lachen, daß Bertie erstickt wär', hätt' ich Eva nicht weggerufen, mir die Halsbinde zu knüpfen.
Unter strömendem Regen trat ich meinen Weg an nach Neuyork. Eine Stunde später trat ich ins Kanzleizimmer des Mister Rouß.
Es war Tatsache: ich soll den Platz sofort antreten -- das heißt, sofort nach sechs Uhr Abends. Das ist die Zeit, wo das Geschäft geschlossen und der Nachtwächter (das heißt: ich) eingeschlossen wird. Buchstäblich eingesperrt. Stündlich hat er das Gebäude abzupatrouillieren. Diebe, Feuer und Ratten sind die Hauptfeinde, auf die er seine Findigkeit konzentrieren soll.
Also den Nachtwächterposten hab' ich; »aber« -- --
Noch nie in meinem Leben wurde ich von vier Buchstaben so überrumpelt wie von diesem »Aber«.
»Aber,« sagte Mister Rouß, »sollte Pat (Pat ist mein Vorgänger im Amt) -- sollte Pat gesund werden, was wir alle sehnlichst hoffen, muß ich selbstverständlich als Geschäftsmann und Mensch ihm seinen Platz zurückgeben. Er ist Familienvater von elf Kindern und zudem ein alter, treuer Diener der Firma. Stirbt er, dann allerdings haben Sie die Stelle permanent. Kommen Sie heute abend um sechs zum Dienst. Instruktionen erhalten Sie jetzt sofort vom Aufseher.«
Der Herr winkte mir, zu gehen, und Tom zog die Kanzleitür ins Schloß, von außen. Vom Aufseher erfuhr ich ohne Zugpflaster (denn er ist ein solcher Schwätzer, daß er 's Maul nicht hält im ~Barbierstuhl~ und sich durch sein ewiges Schwätzen eine Papageienphysiognomie erworben hat, die nur stellenweise von blauer Brille und Zigarrenstummel verdeckt wird), daß Pat vierzehn Jahre lang Nachtwächterdienste tut fürs Haus, daß er vom Gliederreißen viel geplagt wird, daß seine Frau viel doktert und -- trinkt, daß seine Kinder alle klein sind, daß er seit drei Wochen schwer krank an Erkältung das Bett hütet, daß seither abwechslungsweise Angestellte der Firma Nachtwächterdienste versahen für den kranken Pat. »Wohl denn,« sagte der Schwätzer zum Schluß, »verlieren wir den Pat, bekommen wir also einen Pratt. Hoffentlich ist der Unterschied zwischen Ihnen und ihm so klein wie im Namen, denn Pat ist ein sehr zuverlässiger Mann, ein sehr ehrlicher, zuverlässiger Mann. Adieu!«
Für meine Handlungen nach dieser aufregenden Stunde bin ich nicht verantwortlich. Die helle Freude, dann das trübe »Aber«, dann die vielen Zwerge, die an diesen zwei schwarz-weißen Riesen herumkrabbelten, erfüllten meine ohnehin nervöse Phantasie so mit beängstigenden Bildern, daß ich wie von Gespenstern gehetzt Hilfe suchte, irgendwo. Eine Kirche stand offen. Dort taumelte ich hinein, sank auf die Kniee, und so heiß, wie nur gebetet werden kann, betete ich dem Vater der Armen ein Dankgebet für die Erlösung aus der Hölle der Arbeitslosigkeit.
Daß ich meine Augen schloß; daß ich naß, kalt, müde und hungrig war und mein fieberndes Gehirn Bilder sah; mein Weib und Kind neben mir knieen sah, dann noch mehr arme, zerlumpte Menschen sah, die beteten und die Kirche füllten, daß ich dann plötzlich einen Mann aus der Menge die Hände aufheben sah und laut zu Gott schreien hörte um Brot für seine elf Kinder; daß ich unwillkürlich an Pat dachte, mein Traum aus, mein Gebet aus, meine Ruhe aus, alles, alles aus war -- die ganze Himmelsharmonie von vorhin ausgellte in so schrille, wilde, nervenzerreißende Mißakkorde, wie das Chaos der heutigen Weltordnung -- --
O Jennie! Ich kann nicht beten noch danken, ohne Gott zu lästern. Sünde wird mein Flehen, Fluch mein Danken, Brudermord mein Dasein. Was ich erbettle -- ist meinem Bruder genommen. Was ich genieße, ist meinem Bruder geraubt. Meinen Bruder zerre ich unter Wasser, wenn ich schwimmen will. Meinen Bruder muß ich bestehlen, überlisten, würgen, totwürgen -- so will es die Ordnung hier auf Erden.
Und ich bin für Ordnung.
Tom.
* * * * *
Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.
Mein Bruder!
Der Himmel hat mir den rettenden Gedanken geschickt. Ich habe nächtelang darum gebetet. Hier ist er: Versuche mit Kopfarbeit Dein Brot zu verdienen! Tausende leben, und viele sogar im Wohlstand, die mit der Feder produzieren. Eine Hand genügt dazu, und die hast Du noch; und Gehirn und Herz hast Du erst recht. Allerdings bist Du nur ein rußiger, staubiger Fabrikarbeiter, der keine höheren als Volksschulen genossen hat; aber wenn ich Deine außergewöhnlichen Geistesgaben bedenke und Deine ergreifenden Briefe lese -- -- ~Versuch's!!~