Part 5
Im vordersten Stuhl ließ ich mich fallen. Mein Kreuz ließ ich nicht fallen. So ruht man schlecht. Beten konnt' ich auch nicht. Zum Danken war keine Ursache, und bitten, einen Herrgott anbetteln, der seine Hypothekenschulden nicht bezahlen kann, solche Schnorrerei muß ich erst lernen. Aber sympathisieren konnte ich mit dem Allmächtigen -- und das tat ich. »Wohnst auch nicht am feinsten,« seufzte ich; »das hier ist ein armselig Kirchlein für dich, o Weltenschöpfer, der gewohnt ist zu schreiten von Fixstern zu Fixstern, auf sonnengepflasterter Milchstraße. Bretter, Blech, kein Turm noch Glocken -- es könnt' ebensowohl ein Stall sein wie eine Kirche, ein Holzschuppen, eine Scheune. Hängt Rechen an die Wände und Mistgabeln anstatt der Heiligenbilder, und einen Heuwagen statt der Altärchen, und die Verwandlung ist fertig!«
Ich opferte einen Cent in die Opferbüchse (mich macht der Cent nicht ärmer, und dir hilft's!) und stolperte von dannen.
Wohin jetzt -- zuerst? -- Die paar Kirchenstufen herab auf die Straße brachten mich auch nicht näher gen Himmel. -- Wohin jetzt? -- Langsam schritt ich die Richtung entlang nach der Westseite. Planlos -- zwecklos.
An der Ecke begegnete mir ein schäbig gekleideter Mann; der trug eine Blechtafel am Leib mit der Aufschrift: »Hilfe! Blind!« Dann begegnete mir ein Schuljunge, der trug eine Büchertasche. Dann begegnete mir ein Arbeiter, der trug einen Korb mit Kohlen. Dann begegnete mir eine Mutter, die trug ihr Kind. Dann begegnete mir ein Hökerweib, die trug einen Lumpensack, so groß wie -- -- pah! warum meinen Humor vergraben, eh er stinkt -- raus!! -- -- die trug einen Lumpensack so groß wie der Planet Pallas. Dann begegnete mir eine Straßennymphe, die trug falsche Haare, Zähne und Diamanten. Dann begegnete mir ein Betrunkener, der trug einen falschen -- nein! einen aufrichtigen -- nein! einen beneidenswerten -- ja! Rausch.
Hier bekam ich urplötzlich die Vision wieder und sah Gottes geheime Werkstatt offen. »Ha!« rief ich, und so begeistert, daß Passanten auf dem Bürgersteig sich umdrehten nach mir. »So ist es! ~Tragen~ ist die Bestimmung des Menschen, der Welt. Tragen, tragen -- jeder, jede, jedes. Alles muß irgend etwas tragen, und das, zusammengerechnet, trägt den Bau der Schöpfung. Die Hochbahnpfeiler tragen die Hochbahn; das Haus den Giebel. Der Büttel dort muß seinen Knüppel tragen; der Soldat muß sein Gewehr tragen; der General seine Orden; der König muß die Krone tragen; und ich -- die Verzweiflung.
An der nächsten Ecke stand ein Gebäude, das trug ein Riesenschild, und das Schild die Aufschrift: Eiskaltes Lagerhaus zur Aufbewahrung von Fleisch, Fisch, Käs, Butter, Speck (Ratten, Kellerschaben und rotzigen Schnecken). Wieder eine Kopierung aus der Werkstatt: so macht's der Allweise schon lang. Eiskaltes Lagerhaus: daß dem Menschen die Seele nicht verfault, steckt ihm die Vorsehung einen Eisklumpen in den Brustkorb -- das Herz. Das hält dich kühl, das hält dich kalt -- gelt, Bruder Mensch, das hält dich kalt.
An der nächsten Ecke zählte ich vier Schnapskneipen, eine neben der andern, und alle waren sie sperrangelweit offen. Schräg über sah ich eine Kirche. »Kommt herein, die ihr beladen seid,« stand über dem festverriegelten Kirchentor. Aber dort wurden die Beladenen aus der Schnapshöhle geworfen -- und hier nicht hereingelassen.
Dann schlenderte ich in das Mammonsviertel von Groß-Neuyork, wo in jedem Häusergeviert vier Millionäre thronen und vier Straßenfeger fronen.
Dann kehrte ich dem Norden den Rücken und steuerte zum hochfeinen Hoffmanhouse, wo eingewanderte Nachkömmlinge der ehemaligen Republik Rom den Geldkönigen Amerikas die Schuh' putzen -- anstatt Hände und Gewissen.
Nebenan steht der Dewey-Triumphbogen. Da sieht's faul aus mit dem Patriotismus in Gips. Armer Dewey, vor einem Jahr noch warst du größer als Jesus Christus, und heute -- bist du ein Heros außer Arbeit. ~Ich~ bin ein ~Feigling~ außer Arbeit; aber ich werde begraben und dann vergessen, und du wirst vergessen und dann begraben.
Dann schwenkte ich östlich, durch den Park. Da sitzen täglich tausend arme, arbeitsslose Menschen und -- warten auf den Messias. Wären ~mehr~ Parkbänke da, dann säßen ~Zehn~tausende fest und warteten auf den Messias. Millionen meinetwegen, und warteten auf den Messias.
Dann ging's heimwärts. Halb träumend vor Mattigkeit schwankte ich dem Flusse zu. Viel und vielerlei sah ich noch, das den Himmel über sich hat und die Hölle unter sich. Vielerlei, das den Himmel unter sich hat und die Hölle in sich. Manches, das einen Hypochonder zum Lachen und einen Luftibus zum Weinen treiben kann. Manches, das sich schämen sollt' vor ausgelöschtem Licht, und spazieren geht im Mittagsonnenschein auf breiter Straße. Manches, für das ein Gott geblutet hat und das jetzt im Rinnstein liegt. Verwahrloste Kinder sah ich, auf dem Weg zum Laster. Feingeschultes Schoßhündchen sah ich spazierenfahren in silberbeschlagener Karosse mit Madame, Kutscher und Lakaien. Zerlumpte, barfüßige Menschen sah ich -- und ganze Warenhäuser voll Schuh und Kleider verderben vom langen Liegen. Hungrige Menschen sah ich, und ganze Warenhäuser voll Delikatessen verfaulen vom langen Liegen. Todmüde Menschen sah ich, vom Suchen nach Arbeit schier umsinkend. Todmüde Menschen sah ich, vom Überarbeiten schier umsinkend. Menschen, die auf dem Kopf stehen, sah ich nicht, aber eine ganze Menschheit, die auf dem Kopf steht, das sah ich. Ein Monster-Riesennarrenhaus, das sah ich.
Ein tintenschwarzes Meer. Sternenlose Nacht. Blinde regieren das Steuer, die Segel. Narren stehen am Kompaß. Wie ~das~ Schiff den Hafen finden kann -- das seh' ich nicht.
Urwaldgrüne Finsternis. Greller Sonnenschein auf heißem Wüstensand. Des Mondes Schatten auf gefrorenem Schnee. Veilchenduft am Wiesenbach. Im hohen Norden Mitternacht. Harmonie der Schöpfung -- das seh' ich.
Ein rauchendes Schlachtfeld voll zuckender, stöhnender Leiber. Wetterleuchtend grollt's herab vom Himmel. »Mord!« brüllt's hinauf zum Himmel. Millionen wetzen die Messer. Harmonie der Menschen -- das seh' ich nicht.
Ein wimmernd Kind auf kranker Mutter Schoß. Hohl sind ihre Augen, ihre Wangen. Kalt ihre Lippen. Kalt die Kammer. Leer der Tisch. Leer dass Herz. Der letzte gute Engel fürchtet sich, zu bleiben. Armut, Menschenelendsgrenzen -- das seh' ich.
Ein Hundebazar. Pferdeschau. Die Riesenhalle schwillt von Reichtum, Pracht, Verschwendung, Lichtern, Farben, Musikrauschen, Modekram, Perlen und Juwelen. Spitze, Pudel, Bullenbeißer, Dachse, Läufer, Affenpinscher, vollgefreßne Möpse, vom großen Bernhardiner bis herab zum geilen Rattenfänger -- und Pferde, mehr im Wert als tausend Arbeitswochen eines armen Tom -- sie alle führen hier ein Schwelgerleben wie im Paradies. Und Herren von der reichsten Sorte und Ladys von der feinsten herzen und liebkosen hier das wohlgepflegte Vieh. Aber ~eine~ Träne nur aus so vielen, vielen Augen, einen Tränentropfen aus der ganzen Menschenwolke, dem grausenvollen Jammer armer Leute geweint -- das seh' ich nicht.
* * * * *
Schwester!
Ich kann den Brief nicht so wegschicken. Beim Durchlesen des Geschriebenen schauderte mir über die Wildheit, in der ich phantasiere, wenn ich allein gelassen bin. Jetzt steht ein Schutzengel neben mir, mein teures Weib, und diktiert die Zeilen.
»Man muß hoffen,« sagt der Engel, »man muß Gott vertrauen! Der liebe Gott prüft die Menschen im Unglück, und das ist der Weg zum Himmel. Der liebe Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder. Alles hat Gott so eingerichtet, wie es ist, und wenn es die Menschen nicht sehen, Gottes Weisheit sieht es. Wenn es Reiche gibt und Arme, Satte und Hungrige, Traurige und Freudige, Gott weiß, warum es so ist und so sein muß. Einmal hat das Leid ein Ende und nachher kommt die Glückseligkeit. Vater unser, der du bist im Himmel.«
O süßer Glaube! der Lasten trägt auf steilster Bahn der Leiden.
~So~ darf ich schließen, Schwester. Leb wohl!
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 22. Oktober 1900.
Meine Schwester!
Du hast mir nicht geantwortet auf mein letztes Schreiben -- und das ist vollkommen recht von Dir. Solche Ungeheuer von Briefen können nur mit stillschweigender Verachtung erwidert werden. Das setzt der Wut den Dämpfer auf.
Ja, ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, daß ich mich ändern muß -- total ändern. Nicht reformieren, sondern revolutionieren muß ich mich. Daß ich das begreife, ist ein Fundament wenigstens, auf das sich bauen läßt.
Dann, liebe Jennie, wird es nicht verlangt, daß Du mir ebensooft schreiben sollst wie ich Dir. Du hast Arbeit über Arbeit und wenig Zeit; ich hab' so viel Zeit, daß ich sie totschlagen muß, um einen Ausblick zu bekommen. Zudem kosten Dich Deine Briefe Porto und mich die meinen nichts.?. Das ist auch eine von den Miniaturausgaben göttlicher Vorsehung, die wir kurzsichtigen Weltbürger nicht begreifen, wenn es geschieht. Zu Ostern bekam ich neunzig Cent in Briefmarken von einem früheren Arbeitskollegen in St. Louis. Ich wetterte damals über die Gemeinheit, eine Schuld mit Postmarken abzugleichen, und über den Geiz, den Dollar nicht voll zu machen. Jetzt sind mir die Dinger der reinste Segen. So geht's.
Von meinem Prinzipal ist immer noch keine Nachricht eingetroffen. Er kann eben auch nichts finden. Beschäftigung finden für einen gesunden Menschen, ist heutigentags schier die Unmöglichkeit; für einen Krüppel aber -- der Himmel helf!
Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, zahm zu werden. Das Unglück soll sich austoben an mir, das Elend sich glatt reiben an mir, das Verderben alles Pulver verschießen. Ich lebe in der Hoffnung und werde soviel Geduld gebären -- eine kleine Armee. Dann werde ich die Armee bewaffnen mit Mut und Standhaftigkeit und -- selber angreifen. Jeden Tag schon mache ich Felddienstübungen nach Neuyork hinüber. Kommt das Unglück nicht auf den Gedanken, mich auszuhungern, dann schlag' ich jeden seiner Stürme ab. Vorige Woche gelang mir ein Ausfall und glaubte ich schon die Zernierungslinie gebrochen zu haben. Ich bekam eine Anstellung als Bücheragent. Was das ist: Bücheragent, weiß das lilienunschuldige Pilot Knob schwerlich.
Schwester, von Morgens bis Abends, vier Tage lang von Haus zu Haus, von Straße zu Straße, von Billy zu Jack quälte sich Dein Bruder ab, den Irving, Elliot, Holms, den Longfellow anzupreisen wie ein Krämer Käs und Kartoffeln. Ach, mit Schuhwichse hausieren am Kongo ist einträglicher als -- -- ich glaub', ich wär' verhungert, hätt' ich den Bücherhandel nicht aufgegeben am fünften Tag.
Dann hatt' ich für zehn Stunden eine Anstellung, wo das Verhungern ausgeschlossen blieb. Eine kuriose Anstellung, eine Erfindung der Großstadt und total unbekannt bei Euch im Hinterwald. Diese Anstellung besteht im Abtreten. Man tritt sie ab, sowie man sie antritt. Das Abtreten beginnt beim Eintreten. Das Austreten beim Abtritt. Es ist also halbwegs eine Abtrittanstellung. Pardon, Schwester! ich kann das Roß nicht zähmen und wenn ich's sieben Wochen lang mit Verzweiflung füttere -- es schleift mich fort am Halfter.
In großen Städten wie Neuyork, St. Louis ist es gebräuchlich, lebende Anzeigen laufen zu lassen. Irgendwelchem Schlucker, der nichts zu schlucken hat, aber möchte, dem wird eine Tafel mit Anzeigen auf die Brust gebunden und eine ditto auf den Rücken. Der also Beladene muß das Straßenpflaster abtreten. Die Passanten können die Anzeigen auf seiner Oberfläche studieren, der Anzeigenträger kann oberflächlich die Passanten studieren. Beim Eintritt zum Antreten kriegt der Schlucker das Versprechen zu einer saftigen Belohnung, beim Abtritt erhält er sie, aber so dürr bemessen, daß man keinen Hund zweimal aus dem Stall lockt damit.
Ich spazierte auch einen Tag so auf und ab in der Bowery, vor einem billigen Speiselokal. Auf die Brust (eigentlich auf die Tafel vor der Brust) hatten sie mir ein schäumendes Bierglas gemalt. Ich konnt's beinah, mit ausgereckter Zunge sogar bequem betupfen. Unterm Bierglas stand, gerade außerhalb meines Magens, ein Teller mit Suppe, etlichen Kartoffeln und Brötchen. Hinten hatte ich Schinken, Würst' und Schweinefüß'.
Das war ein demütigender Tag für mich. Jeden Augenblick fürchtete ich erkannt zu werden von Vorübergehenden, und zog, um das zu verhindern, die greulichsten Grimassen. Gefressen werden mit samt der Speisekarte am oberen Nil und Aruwimi ist nicht halb so abschreckend wie dieses Spießrutenlaufen meines Ehrgefühls, für armselige Küchenabfälle als Bezahlung.
Eva war ernstlich böse, daß ich eine solche (beschämende, sagte sie) Stellung überhaupt nur denken konnte, und so verlor ich auch diesen Platz durch Hausarrest am folgenden Tag.
Daß ich nächtelang von dem Abenteuer träumte, wirst Du begreiflich finden; Du kennst meine Empfindlichkeit. Jede Nacht (im Traum) trage ich die vermaledeiten Speisezettelbretter die Straßen entlang. Manchmal verwandeln sich die Bretter in alle nur denkbaren andern Dinge. Einmal waren es zwei riesige Heringe, dann zwei gerupfte Hühner, dann zwei lebende, jämmerlich schreiende Ferkel; sogar Türen, Fensterläden, Grabsteine. Letzte Nacht hatte ich die Pflicht, dem Moses seine Gesetzestafeln spazieren zu tragen; eine hing mir vorn, die andere hinten.
Es war höchste Zeit, daß Eva mich aus dem Platz vertrieb. Allerdings bekommt sie und Bertie keine Stullen und Würste, wenn ich Abends heimkehre; dafür aber werd' ich etliche Wochen ~später~ wahnsinnig -- und das ist auch was wert.
Dann war noch eine Anstellung, die ich verlor, eh' ich sie hatte. Mein Weib erbettelte sie mir bei ihrem Seelsorger. Eine Hilfsmesnerstelle ist es, mit wenig Arbeit und noch weniger Bezahlung. Als der Pfaffe jedoch auskundschaftete, ich gehöre weder seiner noch sonst einer Kirche an, wurd's »bumm!« Ein Schafskopf bekam die Anstellung, und -- 'raus mit dem Bock! --
So geht's halt und wird's gehen, weil's immer so gegangen ist. Amen!
Mittlerweile wiederkäue ich die Hoffnung, von der ich einen Vorrat besitze, daß er mir schier verfault. Gott, ist das ein Fressen für die unruhige Seele, so ohne Salz und Schmalz -- -- aber ich will nicht murren. Geduld, Tom, Geduld! Schwester, es kostet mich übermenschliche Zurückhaltung, nicht auf die Straße zu laufen und zu brüllen wie ein toller Stier -- aber Tom ist nicht verrückt.
Eva hat neben der Wäsche künstliche Blumen übernommen. Ich bin ihr Laufbursche. Wir vertragen uns gut. Bertie ist im Hof und macht Kuchen von Dreck -- wir werden nicht verhungern.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 3. November 1900.
Teure Schwester!
Weißt Du auch schon, daß Arbeitslosigkeit der kürzeste Weg ist zur Hölle? Hat der Arbeitslose Charakter, Ehrgefühl, ein Herz für seine Familie, dann -- brät er schon hier auf dieser Erde in der Pfanne. Hat er kein Herz und kein Ehrgefühl, dann wird er des Teufels so gewiß, als er hungrig wird beim Fasten.
Ich bin erst zwei Monate beschäftigungslos und wate schon bis über den Hutrand in Todsünden. Ich bin neidisch auf jeden, der arbeiten kann, und neidisch auf jeden, der zwei Hände hat und faulenzen kann. Es gab eine Zeit, wo ich niemanden beneidete, nicht einmal einen Beneidenswerten, und heute bin ich's gegen jeden Lump und Schuft. Der Lump hat keine Pflichten, keine Sorgen, kein Weib zu kleiden gegen Winterskälte, kein Kind zu füttern, ausreißen darf er vor dem Unglück bis nach Kalifornien und Kairo, ohne Heimweh fürchten zu brauchen oder nagendes Gewissen.
Dann könnte ich jetzt schon manches Mal, ohne mich sonderlich aufzuregen, einen Menschen totschlagen, nur weil er lacht und lustig ist oder kein Krüppel.
Heute saß ich auf der Vortreppe eines leeren Hauses und betrachtete meine übriggebliebene Hand. »Was kann ich mit dir jetzt anfangen?« frug ich das faule fünffingerige Glied. »Arbeit vertrauen sie dir keine an. Brot verdienen kannst du nicht. Weib und Kind vom Verderben retten kannst du auch nicht -- -- aber stehlen kannst du -- stehlen -- sogar schwören, einen falschen Eid schwören -- einem reichen Protzen die Kehle abschneiden, wenn er schnarcht, und seine Taschen leeren -- die ganze Stadt in Brand und Feuer setzen und zuschauen, wie andere ~auch~ verzweifeln.«
Siehst Du, Schwester, wie mich der Erzfeind gepackt hat. Das kommt vom Müßiggang. Der Teufel hol die Arbeitslosigkeit.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 12. November 1900.
Teure Schwester!
Es ist doch ein gnädigeres Geschick, nur ~eine~ Hand zu haben, als nur ~einen~ Fuß. Wenn mich die Leute fragen: »Wie ~geht's~, Mister Pratt?« so kann ich aufrichtig antworten: »Gut.«
Das wäre gelogen, hätt' ich nur einen Fuß. Dann müßten sie mich schon fragen: »Wie ~steht's~, Mister Pratt?«
Aber vorsichtig sind die Menschen, wenn sie einem Unglücklichen begegnen; dass hab' ich längst gemerkt. Sie hüten ihre Interessen mit einer Sicherheit, einer Schlauheit, mit einer so raffinierten Berechnung, die dem Kronenträger der Schöpfung Ehre machen könnte -- wär's nicht purer Instinkt. Sie fragen nie: »Was machen Sie, Mister Pratt?« Sie wissen wohl, daß ich nichts mache, nichts machen kann mit einer abgesägten Hand; und ein Krüppel, der nichts macht, verdient nichts; und verdient er nichts, dann -- nun ja, dann hört alles auf!
Ein Mensch, der Gefahr läuft, von innen heraus aufgefressen zu werden, ist im stande und verwildert zum ~Bettler~. Der Bettler aber ist das Greulichste, was den Leuten den Weg vertreten kann. Mit nichts können diese gottesfürchtigen, frommen Christenkinder so in Verlegenheit gebracht werden als mit Anbetteln. Ich zweifle sehr, ob sie den Straßenräuber mehr verwünschen als den Bettler. Ist der Bettler ein Fremder, dann geht's noch. Der leiseste Ruck am Sehnerv genügt und der volle Hutladen rechts ist merkwürdiger als der leere Hut des Krüppels links. Ist der Bettler sehr herabgekommen, abgestanden, abgenutzt, verwittert, fadenscheinig, vom Schicksal durch die Walze gezogen, vom Unglück durch den Rinnstein -- dann macht die christliche Barmherzigkeit vor solchem Jammer den Purzelbaum und stellt sich auf den Kopf. Aus dieser Lage betrachtet sieht dann selbstverständlich die Geschichte anders aus, als sie in Wirklichkeit ist. Der arme Lazarus sieht aus wie ein Lump. Die Ursache seiner Armut sieht aus wie leichtsinniges Selbstverschulden. Seine vor Erschöpfung unsichere Gangart -- das kommt vom Saufen! -- Ist der Bettler jedoch ein Bekannter, ein Freund, ein Blutsverwandter gar, dann -- ja, hier beginnt der Eiertanz, der zwischen Geiz und Gewissen getanzt wird vom Witz des Menschen. Schau ihn an, den Jammermann, wenn er angebettelt wird, wie er schrumpft, schwitzt, errötet, stöhnt, knurrt, klagt, wimmert -- ~lügt~. Wie er herumschielt nach Erlösung von dem Bettler -- nach einem Wagen, dem er ausweichen muß -- nach einem Regentropfen, dem er entfliehen muß -- nach einem irgend Etwas -- nach einem scheuen Gaul -- tollen Hund. Wie er (um alles zu bekräftigen, was er ~lügt~) mit der Hand die Herzgegend reibt -- als hätt' er eins -- -- --. Mephisto! Wenn bei dieser Heuchelei, Verlogenheit, Unverschämtheit, Grausamkeit der Teufel nicht lachen muß, daß ihm der Ziegenbart wackelt wie ein Staubwedel, dann hat der Alte keinen Sinn mehr fürs Detailgeschäft. Fertig!
Ich kann dieses Kapitel nicht ausschreiben -- mir ekelt.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 15. November 1900.
Liebe, gute Schwester!
Ich habe schwer gesündigt in meinem Urteil über die Menschen im letzten Brief -- und werde abbitten.
Heute saß ich im Navy Park auf einer Bank und betrachtete meine Schuhe. Ein vorübergehendes altes Mütterchen drückte mir zehn Cent in die Hand. Ich kaufte dafür einen Apfel fürs Kind, eine Orange für die Mutter und einen Laib Brot für uns drei.
Danke, danke, edle Geberin! Wer du auch seiest -- Gott wird dich finden und belohnen. Du hast die Hungrigen gespeiset.
Es gibt doch noch gute Menschen.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 20. November 1900.
Liebe Schwester!
Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Schule, in der mehr gelernt und gelehrt wird als sämtliche Professoren der Welt zusammenstudieren.
Ich bin sicher, daß Newton hundert Gesetzfälle entdeckt hätte anstatt des einen Fallgesetzes, würd' er diese Musterschule besucht haben. Darwin hätte nicht den Unsinn geplaudert: der Mensch sei die veredelte Abstammung von der Bestie, sondern umgekehrt, wie's richtig ist. Galilei hätte den Zusatzt beschworen: »Sie bewegt sich doch -- aber rückwärts.« Dem unerschöpflichen Shakespeare wäre der Spiritus vertrocknet, hätt' er, statt seines Shylock, als Arbeitsloser den Mordskerl »Kapital« studiert. Der Dulder von Gethsemane hätt' zu fühlen bekommen, daß Menschenerlösung das allerundankbarste Geschäft unterm Himmel ist. Archimedes könnte rechnen lernen, wie man eine zehnköpfige Familie ernährt mit neun Dollar Wochenlohn -- oder gar keinem Lohn. Diogenes könnte Bekanntschaft machen mit dem Mietzinszahlen für seine Tonne. Mit der Laterne braucht' er den Mietsherrn nicht zu suchen, wenn der Monat fällig ist.
Es bleibt Tatsache: die Welt wird immer besser und schöner! Ein Arbeitsloser, mit der Hungerpeitsche durch die meilenlange Schulbank (Straße) gepeitscht, bis er das »Einmalkeins« und das »Ach--O--Weh« so im Schädel hat, daß er's schreit im Schlaf -- ~der~ weiß, wie schön die Welt ist und wie sie herrlicher und besser wird von Tag zu Tag!
Häuser bauen sie wie Zauberschlösser aus »Tausend und eine Nacht«. Und der Arbeitslose hat das unantastbare Privilegium, daran vorbeizuspazieren, im Regen, Schneegestöber, Sonnenbrand, und Betrachtungen anzustellen über das Wohlbehagen der Insassen. Musentempel bauen sie, Sommergärten, Feengärten, Paläste -- daß sich die Engel schämen beim Abstauben der himmlischen Möbel, über des Herrgotts altmodischen Krempel. Der Arbeitslose hat das unantastbare Recht, daran vorbeizuspazieren im Regen, Schneegestöber und Sonnenbrand ...
Im Park stehen Bänke unter schattigen Bäumen; der Arbeitslose darf sitzen dort, ausruhen, abkühlen, Luft ein- und ausatmen, herumschauen, auf und ab. Ist er durstig -- dort steht ein Wassertrog für ihn, ein Blechkessel hängt am Kettchen; Wasser trinken darf er, bis sein Magen plantscht wie ein halbgefülltes Trinkhorn. Ist er hungrig -- zahllose Schaufenster stehen ihm zur Verfügung mit gekochten und ungekochten Leckerbissen; die darf er angaffen mit allen Gefühlen, vom Ekel an die Leiter hinauf zum Verlangen, Sehnen, Schmachten, Gier, Heißhunger, Wolfshunger, bis ihm das Kinn tröpfelt wie ein kleiner Niagara.
Braucht der Arbeitslose Abwechslung, Unterhaltung, Zerstreuung -- am Rennweg fahren die Protzen, die Reichen spazieren für ihn den ganzen Tag. Der Arbeitslose darf -- stehen darf er nicht dort -- sitzen auch nicht lang' -- aber scheu durch die Hecken blicken und sehen: wie's geht, wenn's fährt. Sehen, was die Herren für reinliche Wäsche tragen mit Manschetten und Stehkragen; Krawatten mit Diamantennadeln; Handschuhe vom rarsten Ziegenleder; Stiefelchen wie geleckt; Höschen, Rock und Weste gebügelt, gemodelt von Schneiders kundiger Hand. Die Damen wie sie blühen, wenn sie glühen; wie sie schmachten, wenn sie trachten; wie sie faul sind vom Nichtstun; wie sie müde werden vom Faulenzen; wie sie verwöhnt werden von höfischer, kriechender, dienerischer Umgebung. Wind und Wetter werden ausgewählt, die Sonnenstrahlen gezählt, Wolken gewogen, eh' Fräuleins Haut oder Madames Hut das Wagnis wagt, spazierenzufahren in Gottes herrlicher Natur. Pfeilschnell fliegen die Renner durch die schattigen Alleen. Kühl fächelt der Wind die wohlgepflegten Gesichter; ist es kalt, die kostbarsten Pelze hüllen die Glieder ein wie warme Betten.
Und um und um drehen sich die Räder.